Zieglers Aufruf gegen die «kannibalische» Welt

von Robert Ruoff aus „infosperber“
Nicht der Klassenkampf, die Initiativen der Zivilgesellschaft müssen die bessere Welt schaffen, sagt Jean Ziegler.
Jean Ziegler, engagierter Soziologe, Politiker und Autor
Im Vorwort zu seinem neuen Buch, das durchzogen ist von einem leisen Bedauern über das Ungetane, erinnert sich Jean Ziegler an die Begegnung mit einem Jungen im armen Nordosten Brasiliens. Der Junge versuchte wie manch andere, sich und seine Familien mit dem Verkauf von weissen Nüssen an die Gäste in den Tavernen von Recife durchzubringen. Ziegler fragt sich, warum er nach dieser Begegnung die Reise nicht unterbrochen hat, denn er kannte den Gouverneur und den Bürgermeister, und er hatte Freunde in Recife. «Wenn ich nicht weitergefahren wäre, hätte ich eine Arbeitsstelle für den Vater organisieren können, ein Krankenhausbett für die Mutter und ein Schulstipendium für den Jungen.»
Es treibt ihn um, dass wir Menschen im Westen, die viele Freiheiten errungen und den Mangel besiegt haben, dennoch unfähig sind, «in Freiheit und Liebe die unerwartete Begegnung anzunehmen und endlich unserem Leben einen kollektiven Sinn zu geben.» Und er sagt, dass es an unserer sozialen Ordnung liegt, «die nicht auf wechselseitigen Beziehungen gründet, darauf, dass die Menschen sich ergänzen, sondern auf Konkurrenz, Beherrschung und Ausbeutung.»
«Ändere die Welt!» ist Zieglers Schlussfolgerung und der Titel seines neuen Buches.
Die Schwächung des Staates
Ziegler zieht im Buch ein Band durch die Geschichte seines eigenen Denkens, und er versucht noch einmal die Analyse unserer Gesellschaft, ihrer Ökonomie, ihrer Politik und ihrer Ideologie. Er beschäftigt sich mit dem Staat als Machtapparat und als Bollwerk gegen die Schwachen. Er stellt fest, dass die Globalisierung den Schutz des Staates für die Schwachen zerstört und dass «die Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals» weltweit die Macht übernehmen. Mit «Oligarchen» meint er die Kapitäne des «transnationalen Finanzkapitals», die vor allem aus dem Westen stammen und die mit der wirtschaftlichen auch gleich die politische Macht übernehmen.
Das «kannibalische» Finanzkapital, so Ziegler, jagt heimatlos um den Globus und sucht sich den Ort, wo es sich am besten vermehren kann und wo es sich niederlassen will. Der nationalen Politik bleibt am Ende nur die Herstellung der bestmöglichen Bedingungen für dieses Kapital, zum Zwecke der «Standortsicherung».
Die Macht des Finanzkapitals
Wir kennen das. Am ausgewählten Heimatstandort verlangt das globalisierte Kapital Steuerprivilegien und einen gediegenen Lebensstandard, am Ort der Produktion verlangt es Deregulierung und niedrigste Löhne und im internationalen Handel die Durchsetzung der Bedingungen des transnationalen Kapitals.
Ziegler wird an dieser Stelle selbstverständlich aktuell und sein Stichwort heisst TTIP – Transatlantisches Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA. Sollte dieser Vertrag in der gegenwärtigen Form verabschiedet werden, so könnten künftig multinationale Konzerne gegen eine nationale Gesetzgebung klagen, von der sie sich geschädigt fühlen – und zwar nicht vor dem Gericht des betroffenen Staates sondern vor einem eigens dafür geschaffenen Schiedsgericht. Bestimmungen zu Umweltschutz oder Lebensmittelqualität könnten so ausgehebelt werden. Damit, so Ziegler, «realisiert sich endgültig die Weltallmacht der Konzerne.»
Geschichte und Gegenwart
Und dann gibt es das ganz aktuelle Geschehen, das uns gegenwärtig bedrängt, und das in dieser Form in Zieglers Buch selbstverständlich nicht erscheint. Der Flüchtlingsstrom, der heute über das Mittelmeer nach Europa drängt. Es ist der Strom der Menschen aus den ehemaligen Kolonien ins Territorium ihrer Kolonialherren.
Jean Ziegler sagt das nicht so. Aber seine Geschichtsschreibung liefert die schlüssige Erklärung für das Geschehen. Er spricht von der «Zerstückelung eines Kontinents». Er berichtet, wie unter Führung des deutschen Reichskanzlers Bismarck bei der Berliner Konferenz von 1885 der deutsche und der österreichisch-ungarische Kaiser, der türkische Sultan, der russische Zar, die Könige von Spanien und Portugal, Italien, Belgien, Schweden-Norwegen, der Niederlande sowie die Präsidenten der französischen Republik und der USA, Afrika «zerstückelten wie ein Kannibale, der einen lebendigen Körper zerstückelt», wie die Monarchen und Präsidenten Europas sowie Amerikas die Grenzen der afrikanischen Territorien nach ihrem Gutdünken und ihren Interessen festlegten. So zerschlugen sie «die grossen traditionellen Gesellschaften, die Kulturen und Zivilisationen» und schufen damit eine Voraussetzung für Spannungen, Kriege und scheiternde Staaten.
In der Tat sind die heutigen Kriegs- und Konfliktlinien über weite Strecken dieselben wie die Grenzlinien der Kolonialherren. Sie ziehen sich durch den ganzen afrikanischen Kontinent, und sie liegen auch in Asien so: zwischen Indien und Pakistan, zwischen Pakistan und Afghanistan und bis hinein in den Nahen Osten mit seinem palästinensischen Kriegsherd.
Das ist das Eine. Das Andere ist die «misslungene Entkolonisierung», Ziegler erinnert daran. Die afrikanischen Staaten sind Schöpfungen der Kolonialherren, und ihre Regierungen gehen noch immer am Gängelband, sind wirtschaftliche und politische Interessengebiete insbesondere der europäischen Kolonialmächte.
Let’s make money
Manche sind bis heute gescheiterte Staaten. Als Schwellenländer sind sie aber für Investoren von hohem Interesse, weil sie nach Krisen und Konflikten schnelles Wachstum erleben. Der Investment-Manager Markus Möbius sagt dazu (im Film «Let’s make money»): «Es gibt das Sprichwort, dass die beste Zeit (Aktien) zu kaufen ist, wenn auf den Strassen Blut klebt.»
Oder die Staaten geraten in die Krise, weil sie, wie etwa Burkina Faso, der Anweisung der Weltbank folgten, den Anbau von Baumwolle für den Weltmarkt zu betreiben. Und weil sie diese Baumwolle dann nicht loswurden, weil die USA den gleichen Markt mit ihrer subventionierten Baumwolle überschwemmten. Der Leiter der halbstaatlichen Baumwollgesellschaft Sofi tex in Burkina Faso sagt dazu im gleichen Film: «Wenn wir keine Baumwolle mehr machen können, dann wird jeder Afrikaner nach Europa auswandern. Dann können sie ruhig 10 Meter hohe Mauern bauen. Wir werden trotzdem nach Europa kommen.» Das war 2008.
Jetzt kommen sie. In wachsenden Massen. Aus den Zonen des Hungers, der Unterdrückung, der Kriege und der Ausbeutung, zu denen wir beigetragen haben und immer noch beitragen.
Hoffnung auf die Zivilgesellschaft
Ziegler spricht nicht von Revolution. Jean Ziegler hofft auf die Zivilgesellschaft, die sich wehrt gegen die unbeschränkte Herrschaft «der kannibalischen Weltordnung». Eine Zivilgesellschaft, die zum Beispiel mit der Konzernverantwortungsinitiative versucht, die internationalen Konzerne mit Sitz in der Schweiz zur Einhaltung der Menschenrechte zu zwingen. Die in Afrika, Asien, Lateinamerika versucht, den ortsansässigen Bauern ihr Land gegen die Gier der internationalen Konzerne zu sichern oder in der Textilindustrie menschenwürdige Arbeitsbedingungen durchzusetzen, nach dem Grundsatz: «No blood on my Clothes», kein Blut auf meinen Kleidern.
Das ist bescheiden für den politischen Anspruch eines leidenschaftlichen Kritikers der Herrschaft des transnationalen Kapitals. Ziegler wünscht sich nur, so scheint es, endlich, die Verwirklichung der Ziele und Werte der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. – Aber vielleicht wäre das die Vollendung einer Unvollendeten.
Jean Ziegler: Ändere die Welt. Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. Bertelsmann, München 2015
Jean Ziegler ist Berater des UNO-Menschenrechtsrates. Als engagierter Soziologe, SP-Nationalrat und Buchautor hat er immer wieder leidenschaftliche Diskussionen ausgelöst. Seit dem Jahr 2000 ist seine Tätigkeit geprägt durch internationales Engagement, unter anderem als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und als Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. Ziegler erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein politisches und publizistisches Schaffen.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Zieglers Aufruf gegen die «kannibalische» Welt

  1. cashca schreibt:

    An die Redaktion, bitte den vorhergehenden Beitrag löschen, da lief was schief.
    Ich hoffe, der kommt jetzt richtig an.
    Danke.

    Zu Afrika und der Hunger dort.
    Diese Zustände hat der Westen , vorwiegend auch die USA mitzuverantworten.
    Dennoch, jedes Land hat eine Selbstverantwortung. Afrika muß endlich anpacken, das Schicksal in die Hand nehmen und den notwendigen Mindestbedarf vor Ort zu prodzieren und herstellen.
    Dazu muß erst mal der Westen aus dem Land geworfen werden. Solange die dort agieren, kommen die nie auf die Beine.
    Der Westen laugt das Land aus, die Entwicklungshilfe stecken sich die Herrscher in die Taschen, alls rausgschmissenes Geld. Der Westen baut dort nicht auf, er saugt aus, was er nur holen kann. Solange das nicht aufhört, gibt es keine Änderung. Ich höre seit vielen Jahrzehnten Wehklagen, Bedauern, doch geändert hat sich nichts. Hört auf zu spenden, dann wird der Herrscher im jeweiligen Land gezwungen, was zu tun.
    Die Menschen werden ebenfalls gezwungen, anzupacken und sich um ihren Bedarf zum Leben selbst zu kümmern, ihre Rohstoffe in eigener Regie abzubauen und zu verkaufen. Sie können sich die benötigten Fachleute zu ihren Bedingungen ins Land holen und damit wirtschaften.
    Alles andere erhält nur den STATUSQUO, es bleibt wie es ist. Der eine hat den Reichtum und hungert, der andere , USA z.B. , holt sich diesen und kassiert, lebt in Saus und Braus, bestimmt die Regeln für Afrika, nicht mit ihnen , zum beiderseitigen Vorteil.
    Ich spende keinen Euro mehr, weil das nur die Machenschaften des Westens weiter ermöglicht.
    Zum anderen müssen sie eben auch endlich mal über eine verantwortliche Bevölkerungsentwicklung nachdenken. Man kann nicht endlos Kinder bekommen, um sie dann verhungern zu lassen. Geboren um zu sterben? Das muß man auch mal klar aussprechen, statt ständiges Mitleid.
    So, wie es heute zugeht, nimmt das Elend kein Ende, egal wieviel gespendet wird.
    Afrika muß endlich Selbstverantwortung übernehmen, statt sich ständig auf andere zu verlassen..
    Egal, wieviele wir hier aufnehmen, es wird nichts verändern. Der Nachschub ist grenzenlos und wir kommen früher oder später in die gleiche Situation, weil das nicht machbar ist und auch keine Lösung ist.

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