Lost in Information

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Informiertheit kann Ignoranz verstärken.
Information, so lautet die klassische Kurzdefinition aus der Kommunikationstheorie, ist Beseitigung von Ungewissheit. Damit ist Folgendes gemeint: Wenn ich zum Beispiel über den aktuellen Wochentag im Ungewissen bin, dann habe ich die Wahl zwischen sieben Möglichkeiten. Informiert bin ich, wenn diese Palette von Alternativen auf eine einzige reduziert ist. Jemand sagt mir zum Beispiel „Mittwoch“. Er hat mich informiert: die sieben Alternativen auf idealerweise eine reduziert. Je mehr Alternativen, desto höher der Informiertheitsgrad. Wenn nur zwei Alternativen existieren, kann diese Reduktion durch eine einzige Frage erfolgen: „Ist heute Mittwoch oder nicht?“, „Ist der Schalter ein oder aus?“, „Zeigt die Münze Kopf oder Zahl?“, „Ist der Virentest positiv oder negativ?“. Eine Antwort genügt und ich bin informiert. Eine solche Antwort ist das „Atom“ der Information: das Bit.
Information braucht ein Modell
Die Definition hat ihre Tücke. Wenn ich informiert bin, dass heute Mittwoch ist, dann bedeutet dies noch nicht, dass tatsächlich Mittwoch ist. Meine Ungewissheit über die sieben möglichen Alternativen ist einfach beseitigt. Aber der Informant könnte sich getäuscht haben oder lügen. Das heisst, die scheinbar einfache Ein-Bit-Antwort ist im Grunde eingebettet in ein Modell, das gewisse Annahmen trifft, zum Beispiel, dass mein Informant wahrheitsgetreu antwortet. Das Atom der Information existiert also nicht „an sich“, sondern immer nur relativ zu einem Modell. Die Frage „Ist der Schalter ein oder aus?“ geht vom Modell einer elektrischen Vorrichtung aus, die genau zwei Zustände kennt. Das ist der Transistor. Leicht denkbar wäre eine Vorrichtung mit kontinuierlichem Übergang von Ein zu Aus. Dann genügte eine Antwort – ein Bit – nicht mehr.
Das Modell ist nicht die Realität
Daraus folgt sogleich eine zweite Tücke. Das Modell ist nicht die Realität, die es modelliert. Wir müssen also Information und Wahrheit auseinanderhalten. Bin ich darüber informiert, dass heute Mittwoch ist, dann weiss ich noch nicht, ob die Information stimmt. Meine anfängliche Ungewissheit ist jetzt einfach beseitigt. Beseitigte Ungewissheit bedeutet nicht Wahrheit. Die Situation könnte komplizierter sein. Zum Beispiel könnte  es nicht genügen, zu fragen „Ist heute Mittwoch?“, sondern vielleicht auch „Kenne ich meinen Informanten?“, „Hält er sich an die Fakten?“ und so weiter … Dieses Spiel des Zweifels liesse sich ins paranoide Extrem treiben. Modellabhängigkeit der Information bedeutet also, dass wir, soll die Information uns etwas über die Wirklichkeit sagen, irgendwann einmal diesen skeptischen Regress abbrechen müssen. Anders gesagt: Der Wirklichkeitsbezug unserer Informationen basiert auf dem Vertrauen in ein Modell, oder wie man heute auch sagt: in einen oft impliziten „Frame“.
Das Ein-Bit-Denken
Eine dritte Tücke ist jene des Ein-Bit-Denkens. Je simpler das Modell, desto geringer der Informationsgehalt, man könnte auch sagen: desto schneller ist man informiert, und trotzdem ignorant. Auch Falschinformation ist Information, und in einem medialen Universum, wie wir es heute kennen, hat Information Priorität, ungeachtet, ob sie wahr oder falsch ist. Das heisst, die Ungewissheit ist beseitigt, man kann sich komfortabel in Gewissheit einmauern und weiss nichts über die Welt.
Das Ein-Bit-Denken zeitigt also das paradoxe Resultat, dass Informiertheit Ignoranz verstärken kann. Und zwar geschieht dies genau dann, wenn wir unserem Denken sozusagen die binäre Kappe überstülpen, unsere Weltsicht in zwei gegensätzliche Raster aufteilen: Einheimische oder Fremde, Freunde oder Feinde, Linke oder Rechte, Gläubige oder Ungläubige. Wer diese binäre Kappe trägt, ist schnell informiert: Ein Bit genügt. Das Merkmal ignoranter Informiertheit.
Newsfeed – überfressen an Information
Verstärkt wird diese Ignoranz überdies durch einseitige Diät. Dafür sorgen primär die Algorithmen der Nachrichtenbeschaffung: der Newsfeed. Sie sind so konzipiert, dass sie mir „persönliche“ Informationen liefern, und das heisst dann häufig: Sie liefern Nachrichten, die in meinen Ein-Bit-Raster passen, die mein Bescheidwissen verstärken. Information aber, wir erinnern uns, setzt Ungewissheit voraus. Wo keine Ungewissheit ist, gibt es keine Information.
Noch ein anderer kontinuierlicher Wandel zeichnet sich hier ab. In den frühen Tagen des Netzes „surfte“ man primär. Man suchte also aktiv nach anderen Websites und entsprechenden Informationen. Der Nutzer bewegte sich auf die Information zu. Heute kommt die Information zum Nutzer. Er wird „gefüttert“. Das verdanken wir grösstenteils der zunehmenden Raffinesse der Algorithmen, die aus dem „lernen“, was der Nutzer mit ihnen tut.
Menschliche Kollektive – kleine oder grosse – können ein „Wissen“ kultivieren, das man sich gegenseitig immer wieder bestätigt; dem man huldigt wie einer Devotionalie. Kein Zweifel steckt einen an. Man weiss im Grunde schon, was man zu hören bekommt. Die News sind nichts Neues. Man braucht gar nicht mehr informiert zu werden, weil man sich schon im Zustand informativ überfressener Gewissheit befindet.
Desinfodemie
Verschwörungstheorien sind ein typisches – ein malignes – Symptom für diesen Zustand. Das zeigt sich gerade in der gegenwärtigen Pandemie. Alle hungern nach Information, und die wenigsten verfügen über die Kompetenz, Information von Desinformation zu trennen. Die Leute befinden sich in einem Schwellenraum: Man weiss nicht, wohin das Ganze führt, zurück in die alte, oder vorwärts in eine neue Normalität. Um Klarheit in das umgepflügte Alltagsleben zu bringen, versucht man, möglichst viele Informationen zu sammeln. Dadurch gerät man möglicherweise in ein zwangshaftes Informationshamstern, bei dem auch immer mehr Desinformation anfällt. Und hyperinformiert versinken wir zusehends tiefer in Unwissenheit, die sich als Wissen tarnt. Es entsteht eine Desinfodemie.
Der Appell an die Autorität
Wissen ist bekanntlich Macht und Informiertheit lässt uns unabhängiger werden. Unsere hyperinformierte, hypervernetzte Gesellschaft deutet freilich das Gegenteil an: Die Überinformiertheit macht uns nicht kognitiv autonomer, sondern vielmehr abhängiger vom Urteil anderer Leute oder auch künstlicher Ratingsysteme. Der alte Appell an die Autorität erstarkt. Aber an welche?
Fragt man jemanden, warum er an den Klimawandel glaube (oder nicht glaube), dann dürfte die häufigste Antwort lauten: Weil ich den einschlägigen Berichten aus den Medien vertraue, Zeitungen, Magazinen, Fernsehkanälen, Websites. In der Regel lesen wir nicht Artikel im „International Journal of Climatology“, sondern lesetaugliche Abstracts von verlässlichen Journalisten. Unser Vertrauen ist also, genau besehen, bereits zweiter Ordnung: Wir vertrauen Journalisten, die Forschern vertrauen. Wir sind als Laien kaum in der Lage, die wissenschaftliche Debatte aus erster Hand zu verfolgen. Deshalb beruft man sich nicht so sehr auf die Information als auf die Reputation der Informanten. Reputation ist das Gütesiegel von Information. Längst haben journalistische Schlauberger und Schlitzohren mitgekriegt, dass man eine Information entwerten kann, indem man den Informanten entwertet.
Kreditwürdigkeit des Wissens
Wir Bürger hochtechnisierter Gesellschaften sind sensibel und vital auf „kreditwürdige“ Informationsquellen angewiesen. Ohne Vertrauensbasis lässt sich das prekäre Kollektivgut Wissen mit blosser Information zerstören. In den Meinungskloaken von Facebook und Twitter ist informierte Ignoranz bereits endemisch.
Wir alle besitzen zwar durchaus individuelles Wissen, Wissen aus Erfahrung, eigener Nachforschung, Lektüre, Reisen, Bekanntschaften, Beziehungen. Aber ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist immer Wissen, das nicht „je meines“ ist. „Zivilisation beruht auf der Tatsache, dass wir alle von einem Wissen profitieren, das wir nicht besitzen“, schrieb Friedrich Hayek in seinem Buch „Gesetz, Recht und Freiheit“. Wissen, das wir nicht besitzen, beruht auf Vertrauen. So gesehen müssen wir erst das ABC des Vertrauens neu lernen.
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Einhorn mit Flügeln entdeckt

 Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Wie bitte? Was soll der Bullshit? Einhörner gibt es nicht. Das sind Kreaturen der Einbildung, nicht der Natur. Einmal mehr Fake News!
Aber halt: Inexistente Dinge sind nicht nichts; eigentlich sind sie viel aufregender als existente. Inexistente Dinge oder Personen beschäftigen uns alle: Yeti, Weihnachtsmann, geflügelte Pferde, Meerjungfrauen, Heinzelmännchen, Zahnfeen, Oger, Werwölfe, Wilhelm Tell, Siegfried oder Jeanne d’Arc; die Fantasy von heute spricht von Aliens, Androiden, Terminatoren, von Gandolf, Harry Potter oder Darth Vader. Irgendwie existieren inexistente Dinge oder Personen eben doch. Selbst wenn wir sie als Ausgeburt der Einbildung, des Wahns, des Glaubens abzuschütteln versuchen, suchen sie uns immer wieder heim, fallen uns in den Rücken.
***
Der grosse Taxonom Carl von Linné reihte im 18. Jahrhundert Einhörner unter „paradoxen Tieren“ ein, neben Hydra, Baumlamm, Drache, Sirene und anderen mytho-zoologischen Hybriden. Linné versuchte für diese Fabelwesen eine naturalistische Erklärung ihrer Anatomie zu finden. Heute, im Zeitalter der gentechnischen Hybridbildung zwischen Arten, sind solche Fabelwesen nicht nur denkbar, sondern machbare Chimären.
Ganz offensichtlich ist die Fiktion von gestern Fakt von heute. Der römische Dichter Juvenal prägte eine Metapher für „nicht existent“: „Ein rarer Vogel, gleich einem schwarzen Schwan.“ Heute wissen wir, dass es schwarze Schwäne – „Trauerschwäne“ – in Australien gibt – in rauhen Mengen. Die grössten Leistungen der forschenden Neugier entstammen einem kontinuierlichen Gespräch über Dinge, die angeblich nicht existieren, auch und gerade in der Wissenschaft. Die Wissenschafsgeschichte der Neuzeit ist eine Geschichte von Diskursen über das, was es nicht gibt: über Lichtkorpuskel bei Newton, den Wärmestoff Phlogiston in der älteren Chemie, den Lichtäther in der Elektrodynamik, den sonnennächsten Planeten Vulkan in der Astronomie, das blütenerzeugende Hormon Florigen oder morphogenetische Felder in der Biologie, Neurotelepathie in der Hirnforschung, neuerdings die dunkle Materie in der Kosmologie oder das Computronium – programmierbare Materie – in der Artificial Intelligence. In einem Artikel über die Quantenphysik Schwarzer Löcher schreiben die Autoren: „Es kann nützlich sein, Dinge zu untersuchen, die es nicht gibt.“
Vieles stellt sich als tatsächlich inexistent heraus. Allerdings gehören heute auch einige Dinge zum technischen Alltagsinventar, deren Existenz man noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezweifelte: Atome und Elektronen. Antimaterie – zum Beispiel das Positron – galt in den 1930er Jahren als inexistent, ja, absurd, heute braucht man sie in bildgebenden Verfahren der Medizin, in der Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Sagen wir nie: Das gibt es nicht! Dank Genmanipulation gibt es vielleicht schon bald Einhörner mit Flügeln.
***
Ob man nun an die Existenz von Einhörnern glaubt oder nicht, es geht primär nicht um die Existenz, sondern um die Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit ist ein erkenntnistheoretisches Konzept, somit kulturbestimmt. Die moderne Kultur des Westens legt grosses Gewicht auf wissenschaftliche Evidenz als Kriterium der Plausibilität. Nach dem Stadium der „kindlichen Gutgläubigkeit“ treten wir ein in das Stadium der „erwachsenen Skepsis“ gegenüber Fabelwesen wie Einhörnern. Das gehört sozusagen zu den erzieherischen Rites de Passage einer „aufgeklärten“ Kultur.
Tatsächlich glauben jedoch viele Erwachsene an Fantastisches oder Übernatürliches. Sieben von zehn Amerikanern sollen an Engel, sechs von zehn an Dämonen glauben. Das ist kein bloss amerikanischer Befund. In der Remise unseres Unbewussten stossen wir ziemlich schnell auf  Kreaturen unserer „kindlichen Gutgläubigkeit“, die wir eigentlich nur abgelegt, aber nicht rational überwunden haben. Um den Buchtitel des Soziologen und Philosophen Bruno Latour leicht abzuwandeln: Wir sind nie aufgeklärt gewesen („Wir sind nie modern gewesen“).
***
Wir sind sozusagen geistige Amphibien, Bewohner zweier Welten, jener der Fakten und jener der Fabeln. Unsere Fantasie ist durchsetzt mit Realitätsstücken, und unsere Realität ist gespickt mit fantastischen Einsprengseln. Unser Wahrnehmungsapparat arbeitet auf solider physiologischer Grundlage. Aber er ist nicht rein physiologisch. Der Imaginationsapparat moduliert sich ihm auf, prägt und steuert die Wahrnehmung der Realität. Realität „wie sie ist“ entpuppt sich bei genauer Reflexion als konstruiert und abstrakt.
Kernbestandteil dieses Imaginationsapparats ist – zumindest bisher – die Sprache. Inexistente Dinge sind quasi kognitive Parasiten. Sie zehren von ihrem Wirt, der Sprache, deren normale semantische Funktion – ihre Referenz, das Feststellen von Sachverhalten – sie ausnutzen, um mit ihr auf inexistente Dinge zu verweisen: Fake-Referenz. Literarische Werke sind in der Regel voll von solcher Fake-Referenz. In diesem Sinn ist Sprache eine kollektive Autorität, kraft derer wir an inexistente Dinge „andocken“ können. Man sollte daher in inexistenten Dingen nicht bloss eine kognitive Pathologie sehen. Besässen wir nicht dieses wundervolle „Andock“-Vermögen, wäre uns das Reich des Geistes, das Universum des Konjunktivs, verschlossen.
Aber diese Autorität kann mächtiger als unser Realitätssinn werden, der auf die Autorität des Faktischen baut. Inexistente Dinge verschwinden deshalb auch nicht einfach wie individuelle Sinnestäuschungen, die sich etwa durch genaueres Hinsehen oder Nachdenken korrigieren lassen. Sie sind Geistestäuschungen, kollektiv gewusste Falschheiten. Sie behaupten hartnäckig und womöglich agressiv ihre Inexistenz. Kollektive neigen zum Status quo. Sie sind kognitiv träge, konformitätssüchtig, kritikresistent. Wenn man seine Welt einmal bequem und häuslich mit Einhörnern eingerichtet hat, dann will man diese Einrichtung nicht gleich umbauen oder gar einreissen, nur weil jemand den Nachweis erbracht hat, dass Einhörner nicht existieren. Na und? Dann leben wir halt mit inexistenten Einhörnern zusammen.
***
In diesem Sinn sind wir heute vielleicht mehr denn je von Einhörnern umgeben. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass wir im Zeitalter des Fakes leben. Treffender erschiene mir die Bezeichnung „Zeitalter der inexistenten Dinge“. In unseren elektronischen Lebenswelten voller Simulationen wird die Frage, ob etwas existiert, zunehmend unwichtiger. Hauptsache, wir „teilen“ gewisse Meinungen, tauschen sie aus, profilieren uns damit, „liken“ oder „retweeten“ sie, schlagen mit ihnen auf andere ein. Es ist, genau betrachtet, eine gespenstische Szenerie. In der Zuckerberg-Galaxis konstituieren sich unzählige Sprachgemeinschaften mit ihren eigenen Fake-Referenten, monadisch abgeschlossene Parallelwelten, die nichts voneinander wissen oder wissen wollen.
Man sollte also nicht erstaunt sein, dass Menschen an alternative Fakten glauben. Wir handeln meistens nicht auf der Grundlage des Wissens, sondern des Glaubens. Deshalb kümmert den Zigarettenraucher die verlässliche Evidenz nicht, dass Tabak kanzerogene Stoffe enthält; deshalb kümmern uns der Kohlendioxidausstoss in die Atmosphäre und der damit zusammenhängende Klimawandel nicht. Für uns zählt in der Regel das Glaubwürdige, nicht das faktisch Begründete. Das heisst, eigentlich leben wir in einer Welt der Fiktion, nicht der Fakten.
***
Die Aussage, Magie und Fantasie hätten der wissenschaftlichen Ratio Platz gemacht, gehört zur Kolportage einer missverstandenen Aufklärung. Man sagt, Einhörner gebe es nicht Aber was heisst das? Ganz einfach: Niemand hat bisher den Nachweis ihrer Existenz geliefert, es sind auch keine Nachweismethoden bekannt oder allgemeinverbindlich definiert. Und von Donald Rumsfeld wissen wir zudem: absence of evidence is not evidence of absence. Hier öffnet sich das logische Schlupfloch des Inexistenten, des Fantastischen und Übernatürlichen. Es begleitet uns ständig durch den Alltag. Deshalb aufgepasst:
Gleich um die nächste Ecke lauert auf Sie ein Einhorn mit Flügeln.

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Hinterm Deich wird alles gut

Profitorientiertes Wirtschaftswachstum zerstört unsere Lebensgrundlagen.

89% der Deutschen wünschen sich ein anderes Wirtschaftssystem.

3 Gemeinden und eine große soziale Einrichtung an der Nordseeküste

stellen auf eine vollständige, alternative Wirtschaftsordnung um:

Die „Gemeinwohl-Ökonomie“.

Dieser Film erzählt von tatkräftigen Menschen und zukunftsweisenden Ideen, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen und unseren Lebensraum zu erhalten.
Ein Film von Gabriele Kob und Hanno Hart
Die Gemeinden Bordelum, Breklum und Klixbüll wirtschaften nach den Grundregeln der „Gemeinwohl-Ökonomie“, haben sich nach diesen Regeln bilanzieren lassen und aus den Resultaten Konsequenzen gezogen. Ein Gemeindezentrum wurde gebaut, die Landwirtschaft möglichst klimaneutral betrieben und kleine Kooperativen für das Carsharing mit Elektroautos gegründet.
Der Film “Hintern Deich wird alles gut” porträtiert und begleitet die drei Bürgermeister und eine große soziale Einrichtung an der Nordseeküste, wie sie auf eine vollständige, alternative Wirtschaftsordnung umstellen. Ihr Ziel ist ein gutes Leben für alle und die Erhaltung unseres Lebensraumes.

Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) kurz erklärt

Die Gemeinwohl-Ökonomie etabliert ein ethisches Wirtschaftsmodell.
Das Wohl von Mensch und Umwelt wird zum obersten Ziel des Wirtschaftens.“

Gemeinwohlökonomie: Wirtschaftsmodell mit Zukunft?

Unser jetziges Wirtschaftssystem steht auf dem Kopf. Das Geld ist zum Selbst-Zweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle.“

sagt Christian Felber, Autor des Buches „Gemeinwohl-Ökonomie“.
Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich als wirtschaftliche Alternative, die nicht nur gedacht und diskutiert wird, sondern bereits gelebt wird. Ihr zentrales Instrument ist die Gemeinwohl-Bilanz, die Unternehmen, Gemeinden und Bildungseinrichtungen freiwillig aufstellen.
Sie misst Erfolg nach neuen Maßstäben:
Nicht der Finanzgewinn ist das Ziel, sondern die Mehrung des Gemeinwohls.
Weltweit sind bereits etwa 400 Unternehmen dem Aufruf gefolgt, indem sie eine freiwillige Gemeinwohl-Bilanz aufstellen.
Christian Felber wird in einem Input die wesentlichen Merkmale der Gemeinwohl-Ökonomie darstellen. Anschließend diskutiert er mit Dieter Janecek und Barbara Unmüßig, welche Schnittmengen sich mit grüner Wirtschaftspolitik ergeben, und wie eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft auch politisch vorangebracht werden kann.
Mitschnitt der Diskussion vom 16. Oktober 2018 in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.
Es diskutieren: Christian Felber, Buchautor, Hochschullehrer, Initiator der „Gemeinwohl-Ökonomie“ und des Projekts „Bank für Gemeinwohl“, Österreich
Dieter Janecek, MdB, Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
Barbara Unmüßig, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung (Moderation)

Weitere Informationen:

What if the common good was the goal of the economy? | Christian Felber | TEDxVienna
Website der Gemeinwohl Ökonomie
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Meine Erdreise

5 Jahrzehnte zur Verteidigung von Biodiversität, Leben und Freiheit
Eine Mitteilung für den Internationalen Tag der Biologischen Vielfalt, am 22. Mai 2020
Von Dr. Vandana Shiva

Navdanya

Wir sind die Erde.
Wir sind die Biodiversität.
Wir sind Jiva (das Leben).
Wir sind Bewusst.
Wir sind Lebendig.
Wir sind Frei.
Wir sind Teil einer vernetzten Erdfamilie, unabhängig, eigenständiger, selbstbestimmter, voneinander abhängiger, intelligenter Wesen.
Wir sind die Biodiversität, vernetzt zu anderen Wesen durch Essen und Wasser, durch Atem und Luft, durch Leben und Intelligenz.
Sowie alle andere Erdbewohner sind wir Menschen unabhängige, lebendige, intelligente, selbstbestimmte und eigenständige Wesen, die voneinander abhängen und sich gegenseitig unterstützen.
Im lebendigen Leben der Biodiversität ist jedes Leben heilig, und Leben strebt die Nahrung und die Unterstützung des Lebens an. Die Existenz ist die Eigenschaft des Lebens.
Die Patentierung und die Piraterie des Lebens, der Biodiversität, von natürlichen Prozessen, von der Natur selbst (Geist und Körper von Menschen eingeschlossen), ist ein Verbrechen gegen das spirituelle Recht, gegen das ökologische Recht, gegen das Biodiversitätsrecht und die Menschenrechtsgesetzgebung. Um ein “Diebstahl” als “Diebstahl” zu sehen muss man nicht “Diebstahl” mit dieser Perspektive betrachten. Die Patentierung von Leben ist der Diebstahl von Leben – das zu beanspruchen, was man nicht beanspruchen kann. Patente auf Leben sind ganz einfach die Versklavung des Lebens selbst, indem sie die Natur des Lebens stehlen (oder fälschen).
Der mechanistische Geist trennt, fördert und entnimmt 
Der mechanistische Geist, der mit der Geldmaschine der Entnahme verbunden ist, hat die Illusion geschaffen, dass Menschen von der Natur, die nur ein toter, inerter Rohstoff zum Ausbeuten wäre, getrennt sind.
Die Annahme des “Todes der Natur” ist im Zentrum der Extraktionslogik und der Metapher der Förderung von Land von indigenen Völkern, von Bodenfruchtbarkeit, von Wasser von Flüssen und unterirdischen Grundwasserspeicher, von Biodiversitätsgenen und von Wissen von indigenen Gemeinschaften. Biopiraterie ist die Förderung von Wissen und von Biodiversität für Patente und Intellektuelles Eigentumsrecht.
Eine neue Biopiraterie ist auf dem Weg, durch Patente auf Daten über unseren Körper und unseren Geist und durch Förderung von Daten wie zum Beispiel “Aktivität des menschlichen Körpers”. Wir werden zu einem neuen Rohstoff verwandelt. Unser Geist und unser Körper sind die letzten Kolonien für Förderung und Entnahme. Sie sagten „Daten sind das neue Öl“, und so wie die Ölindustrie Öl gewonnen hat, um ihren Krieg auf dem Planeten zu führen, werden Daten bereits gegen den Verstand und den Körper der Menschen verwendet.
Dies ist ein höheres Niveau von Biopiraterie, weil es Versuche von Bildung neuer Manipulations- und Kontrollwerkzeuge sind. Es ist ein Versuch, Menschen in einer Welt verschwinden zu lassen, die von kurzsichtigen mechanistischen Geistern regiert wird, die nicht weiter als ihre extraktiven geldproduzierenden Maschinen sehen können. Der mechanistische Geist sieht nur sein Ziel: Profit.
Wir stehen vor dem Aussterben. Werden wir zulassen, dass unsere Menschlichkeit als lebendige, bewusste, intelligente, autonome Wesen von der Giermaschine ausgelöscht wird, die keine Grenzen kennt und nicht in der Lage ist, ihre Kolonisierung und Zerstörung auszubremsen? Oder werden wir die Maschine stoppen und unsere Menschlichkeit, unsere Freiheit und unsere Autonomie verteidigen? So viele Arten wurden zum Aussterben getrieben, nicht mehr in der Lage zu überleben, weil die Bedingungen für deren Fortbestehen nicht mehr vorhanden waren. Wir stehen vor einer Wahl: wollen wir die Bedingungen für unser Überleben beschützen, oder wollen wir jegliche Lebensform für Profit entziehen und einen toten Planeten hinter uns lassen, auf dem Weg zu unserer eigenen Beerdigung.
Fünf Jahrzehnte lang habe ich mich mit der Realität der Untrennbarkeit befassen, einschließlich meiner Doktorarbeit über Nichtlokalität und Untrennbarkeit in der Quantentheorie. Mein leidenschaftliches Engagement, mein Leben dem Verständnis des ökologischen Zusammenhangs der biologischen Vielfalt und dem Schutz der Biodiversität zu widmen, begann mit der Chipko-Bewegung. Für mich bedeutet der Schutz der Biodiversität den Schutz sowohl der Unversehrtheit des Lebens als auch der Rechte und Bedürfnisse der lokalen Gemeinschaften, die Bewahrer und Hüter der biologischen Vielfalt waren.
Ich habe miterlebt, wie der Mechanistische Geist – von mächtigen Männern, die die Geldmaschine steuern – die Wälder, die Wasser-, Nahrungs- und Treibstoffquellen für die lokale Bevölkerung darstellten, zu Holzminen für die Gewinnung reduzierte. Sie reduzierten Flüsse, darunter auch den heiligen Ma Ganga, zu Kubikfüßen Wasser, das für die Privatisierung gewonnen wird, oder zu Kilowatt Energie, die durch Dämme und Wasserkraftwerke gewonnen wird.
Leben ist keine Erfindung. Saatgut ist keine Maschinen. 
1987, als ich an einer Konferenz über die „Gesetze des Lebens“, über die neuen Biotechnologien, teilnahm, hörte ich zum ersten Mal, wie das Giftkartell (die Gruppe der Chemieunternehmen einschließlich der ehemaligen IG Farben) versuchte, lebende Organismen und Saatgut als Maschinen zu definieren, die sie erfunden hätten und patentieren wollten. Mir war bewusst, dass Saatgut keine Maschine ist, die von Chemiekonzernen zusammengebaut wird. Es ist die Verkörperung der biologischen Vielfalt und des Drangs der Natur, sich zu reproduzieren, sich zu erneuern und sich zu vermehren. Genetisch verändertes Saatgut ist Saatgut, das von Bauern geraubt und mit Genen von natürlich vorkommenden Bakterien modifiziert wurde. Die einzige „Erfindung“ ist das Erschießen von Genen in einem Labor mit einer Genpistole oder das Infizieren einer Zelle mit Agrobacterium, einem Pflanzenkrebs. Konzerne kopieren Saatgut illegal und bauen Gene ab, um GVO herzustellen. Die Patentierung von Saatgut war ökologisch, ethisch und ontologisch falsch. Es ist ein Irrtum, der korrigiert werden muss. Vor 33 Jahren begann ich meine Reise, um die biologische Vielfalt, die Unversehrtheit und Vielfalt von Saatgut zu schützen sowie Biopiraterie und Patente auf Saatgut zu verhindern.
Navdanya wuchs aus diesem Engagement für die Biodiversität. Die Bewegung hat Saatgut als Gemeingut zurückerobert und 150 gemeinschaftliche Saatgutbanken gegründet. Auf der ganzen Welt haben wir die „Seed Freedom“-Bewegung inspiriert. Ein neues Bewusstsein über die Saatgutsouveränität ist gewachsen.
Wir haben auch Gesetze und Verträge zum Schutz der biologischen Vielfalt verabschiedet. Auf dem Erdgipfel von Rio 1992 wurde ein neuer Rechtsrahmen für das Übereinkommen über die biologische Vielfalt geschaffen.
Indien verabschiedete 2002 ein nationales Biodiversitätsgesetz:
„Ein Gesetz, das die Erhaltung der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile sowie die faire und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der biologischen Ressourcen, des Wissens und für damit verbundene oder damit zusammenhängende Angelegenheiten ergebenden Vorteile vorsieht“.
Indien hat Gesetze verabschiedet, die anerkennen, dass Saatgut keine Erfindung ist und daher nicht patentierbar ist.
Im Artikel 3 des Patentgesetzes wird klar definiert, was keine Erfindungen sind und daher von der Patentierbarkeit ausgeschlossen ist.
Der Artikel 3j des indischen Patentgesetzes schließt von der Patentierbarkeit aus:
„Pflanzen und Tiere im Ganzen oder in Teilen mit Ausnahme von Mikroorganismen; jedoch einschließlich Saatgut, Sorten und Arten sowie im Wesentlichen biologische Verfahren zur Erzeugung oder Vermehrung von Pflanzen und Tieren“.
Dies war der Artikel, den das indische Patentamt benutzte, um ein Monsanto-Patent auf klimaresistentes Saatgut sowie Monsantos Patentansprüche auf Bt-Baumwollsaatgut aufzulösen.
(Quelle: The Corporate Plunder of Nature and Culture. Natraj, 2018)
Das indische Gesetz mit dem Titel „Plant Variety Protection and Farmers Rights Act 2001“ (“Gesetz für den Schutz von Pflanzenvielfalt und bäuerliche Rechte 2001”) enthält eine Klausel über die Rechte der Landwirte.
„Ein Landwirt gilt als berechtigt, seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einschließlich Saatgut einer nach diesem Gesetz geschützten Sorte, in derselben Weise zu speichern, zu verwenden, auszusäen, wieder auszusäen, zu tauschen, zu teilen oder zu verkaufen, wie er vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes berechtigt war“.
Wir haben nicht nur die Unversehrtheit des Lebens und der biologischen Vielfalt gesetzlich verankert, indem wir klar erkannten, dass Pflanzen, Tiere und Samen keine Erfindung sind, sondern wir haben auch gekämpft und Fälle gewonnen, um Patente anzufechten, die auf Biopiraterie beruhen – wie USDA und WR Grace Neem (Patent Nr. 436257), Ricetecs Basmati (Patent Nr. 56,63,484 ) und Monsantos Weizenpatent (Patent Nr. 962578).
Ich habe in meinem Buch „Biopiracy“ geschrieben, dass Patente auf Leben und Patente auf Saatgut das zweite Auftreten von Kolumbus sind.
Im Jahr 1492 erhielt Kolumbus von König Ferdinand und Königin Isabel von Kastilien in Spanien ein Patent, um „einige Inseln und Kontinente im Ozean zu entdecken und zu unterwerfen“. Der Kontinent, den Kolumbus suchte, war Indien, deshalb werden alle indigenen Völker Nordamerikas als Indianer bezeichnet. Nachdem er von der „Entdeckung Amerikas“ zurückgekehrt war, schrieb er an den König und die Königin über das Gold, seinen Abbau, seine Verarbeitung und seinen Transport nach Kastilien. Kein Wort über das ursprüngliche Volk, kein einziger Gedanke über deren Beraubung.
Diebstahl und Piraterie waren zentral für die Kolonialisierung und sind es immer noch.
1493 gab Papst Alexandar eine päpstliche Bulle „Inter Caetera“ heraus, um die Übernahme von Land, Territorien und Reichtümern der Ureinwohner zu legalisieren und den Kolonialismus als die zivilisatorische Mission der Kirche durch die europäischen Könige und ihre Piraten und Händler-Abenteurer zu definieren.
In unserer Zeit sind Kolumbus, die Monarchen, der Papst und Gott alle zu einer Einheit zusammengebrochen – die Milliardäre, die Gott durch ihre Werkzeuge und Technologien spielen, die die neuen „zivilisatorischen Missionen“ definieren und gestalten, die auf diesen Werkzeugen und Technologien der Gewinnung und Kontrolle basieren. Neue Religionen, die der ganzen Welt gewaltsam aufgezwungen werden müssen.
PATENT Nr. WO 060606 : Unsere Körper und unser Geist sind keine „Minen“ für „Daten“. Wir sind souveräne, autonome Lebewesen
Auf dem Höhepunkt der Coronapandemie und inmitten des Lockdowns, am 26. März, wurde Microsoft von der WIPO – der Weltorganisation für geistiges Eigentum – das Weltpatent Nr. WO 2020/060606 erteilt.
Genauso wie unsere biologische Vielfalt und unser indigenes Wissen für Patentierung und Biopiraterie „abgebaut“ wurden – , und es gab den Versuch, uns zu Verbrauchern von GVO-patentiertem Saatgut zu reduzieren, das manipuliert und manipuliert wurde, indem unser Saatgut ohne unsere Erlaubnis und Zustimmung illegal kopiert wurde – gibt es nun den Versuch, die Daten aus unserem Körper und unserem Geist ohne unsere Erlaubnis und Zustimmung abzubauen und zu kopieren. Unsere Menschlichkeit und unsere Autonomie werden gestohlen. Wir werden zu „Benutzern“ der „Maschinen“ reduziert, die unsere Menschlichkeit und unsere Informationen extrahieren, um die nächste Stufe der mechanistischen Geldmaschine zu bauen.
Das Patent 060606 lautet
„Human Body Activity“ (Aktivität des menschlichen Körpers), die mit einer Aufgabe verbunden ist, die einem Benutzer zur Verfügung gestellt wird, kann in einem Abbauverfahren eines Kryptowährungssystems verwendet werden. Ein Server kann eine Aufgabe für ein Gerät eines Benutzers bereitstellen, das kommunikativ mit dem Server gekoppelt ist. Ein Sensor, der kommunikativ mit dem Gerät des Benutzers gekoppelt oder in diesem enthalten ist, kann die Körperaktivität des Benutzers erfassen. Körperaktivitätsdaten können auf der Grundlage der wahrgenommenen Körperaktivität des Benutzers erzeugt werden. Das mit dem Gerät des Benutzers kommunikativ gekoppelte Kryptowährungssystem kann überprüfen, ob die Körperaktivitätsdaten eine oder mehrere vom Kryptowährungssystem festgelegte Bedingungen erfüllen, und dem Benutzer, dessen Körperaktivität überprüft wird, Kryptowährung zuteilen.”
Das Patent verändert die Bedeutung des Menschseins dramatisch.
Erstens definiert es uns neu als „Minen“ für Daten – es beraubt uns unserer Autonomie, unserer Souveränität und der Kontrolle über unsere Körper und unseren Geist. Das Patent ist ein geistiger Eigentumsanspruch auf unseren Körper und unseren Verstand. Und nur über ihren „Server“ verbunden zu sein, bedeutet Zustimmung.
Genauso wie sich die Kolonisatoren durch den Kolonialismus das Recht zugestanden haben, sich das Land, die Ressourcen und die Erde der indigenen Völker anzueignen, ihre Kulturen und Souveränitäten auszulöschen und sie im Extremfall zu vernichten, so ist das Patent WO 060606 eine einseitige Verkündung von Microsoft über unsere Körper und unseren Geist als ihre neuen Kolonien. Wir werden auf Minen von „Rohmaterial“ – die aus uns extrahierten Daten – reduziert.
Die „Körperaktivität“, die Microsoft ohne unsere Erlaubnis, ohne unsere Zustimmung fördern will, umfasst, ist aber nicht darauf beschränkt:
„Strahlung, die vom menschlichen Körper emittiert wird, Hirnaktivitäten, Fluss der Körperflüssigkeit (z.B. Blutfluss), Organaktivität oder -bewegung, Körperbewegung und alle anderen Aktivitäten, die durch Bilder, Wellen, Signale, Texte, Zahlen, Grade oder jede andere Form von Informationen oder Daten wahrgenommen und dargestellt werden können. Beispiele für Körperstrahlung, die vom menschlichen Körper emittiert wird, können die Strahlungswärme des Körpers, die Pulsfrequenz oder die Hirnstromaktivität sein. Hirnwellen können zum Beispiel, aber nicht beschränkt auf, folgendes sein: i) Gammawellen, die bei Lern- oder Gedächtnisaufgaben beteiligt sind, ii) Betawellen, die beim logischen Denken und/oder bewussten Denken beteiligt sind, iii) Alphawellen, die mit unterbewussten Gedanken in Verbindung stehen können, iv) Thetawellen, die mit Gedanken in Verbindung stehen können, die tiefe und rohe Emotionen beinhalten, v) Deltawellen, die beim Schlaf oder bei tiefer Entspannung beteiligt sein können, oder vi) das Elektroenzephalogramm (EEG), das zur Messung der elektrischen Aktivität im Gehirn, wie z.B. tiefe Konzentration, verwendet werden kann. Beispiele für die Körperbewegung sind Augenbewegungen, Gesichtsbewegungen oder jede andere Muskelbewegung.“
Zweitens löscht es unsere Menschlichkeit aus – als souveräne, lebende, spirituelle, bewusste, intelligente Wesen, die ihre Entscheidungen und Beschlüsse mit Weisheit und ethischen Werten über die Auswirkungen unseres Handelns auf die natürliche und soziale Welt treffen, von der wir ein Teil sind; und mit der wir untrennbar verbunden sind. Wir werden darauf reduziert, „Benutzer“ von Aufgaben zu sein, die uns von der extraktiven digitalen Megamaschine übertragen werden. Ein „Benutzer“ ist ein Konsument ohne Wahl im digitalen Imperium. Menschliche Kreativität und menschliches Bewusstsein verschwinden in der in #patent060606 vorgestellten Welt.
Drittens definiert das Patent die menschlichen Werte und den Wert des Menschseins neu. Zu den menschlichen Werten gehören ethische, ökologische und spirituelle Werte. Für uns ist der richtige Lebensunterhalt Dharma, das Rechte Handeln in dem Netz des Lebens, von dem wir ein Teil sind. Unsere ökologischen Beziehungen als Erdfamilie und unsere sozialen Beziehungen als eine Menschheit in unserer Vielfalt zu erhalten und zu nähren, macht uns zu spirituellen, selbstorganisierten und mitfühlenden Wesen. Der Wert des Menschseins wird durch Liebe und Mitgefühl, durch Teilen und Geben gemessen. Das Maß und die Währung des Lebens sind Leben und Liebe. Das englische Wort für Wert („value“) ergibt sich aus „valere“ – stark sein. Stärke kommt aus unserer selbstorganisierten Autonomie und unseren Beziehungen, aus unserer spirituellen, emotionalen und ökologischen Widerstandsfähigkeit, die tief aus unserem Inneren wächst.
Das Patent 060606 zielt darauf ab, uns unserer tiefen Menschlichkeit zu berauben. Wir werden von selbstorganisierten, bewussten, kreativen, autopoietischen Wesen in externe Eingabe-„Benutzer“ verwandelt, deren Wert in Kryptowährung durch Algorithmen zugewiesen wird, und zwar von genau der Maschine, die uns die Aufgabe überhaupt erst gestellt hat.
Nachdem sie unsere „Körperdaten“, einschließlich unserer Gehirnfunktion, extrahiert haben, werden uns Algorithmen einen „Zielwert der gültigen Körperfunktion“ zuweisen. Eine Maschine wird bestimmen, welcher Typ von Maschine wir sein dürfen.
„Zum Beispiel kann das Benutzergerät Rohdaten der wahrgenommenen Körperaktivität erzeugen und sie an ein Kryptowährungssystem übertragen, und dann kann das Kryptowährungssystem die Rohdaten kodieren… Das Kryptowährungssystem überprüft, ob die Körperaktivitätsdaten des Benutzers eine oder mehrere Bedingungen erfüllen, die von einem Algorithmus des Kryptowährungssystems festgelegt wurden… Die Bedingung kann durch die Simulation der menschlichen Körperaktivität über alle Körperaktivitäten hinweg festgelegt werden… Algorithmen des maschinellen Lernens können verwendet werden, um Körperaktivitäten zu simulieren und die Bedingungen für gültige Körperaktivitäten festzulegen… Wenn die vom Benutzergerät übertragenen Körperaktivitätsdaten eine oder mehrere Bedingungen erfüllen, die vom Kryptowährungssystem festgelegt wurden, vergibt das Kryptowährungssystem Kryptowährung an Benutzer.“
Unser Wert als menschliche Wesen wird von einer Maschine, dem Kryptowährungssystem, zugewiesen werden.
Der Ursprung der Bedeutung von „Währung“ ist die „Bedingung des Fließens“. Leben fließt zwischen lebenden Systemen, zwischen der biologischen Vielfalt, die die Familie Erde ausmacht. Die Währung des Lebens ist das Leben. Die Währung des Lebens ist die Nahrung. Die Währung des Lebens ist das Wasser. Die Währung des Lebens sind Atem und Luft. Die Währung des Lebens ist das lebendige Wissen. Die Währung des Lebens ist die Intelligenz. Die Währung des Lebens ist Freiheit.
Und da das Leben auf Gegenseitigkeit und Geben beruht, ist die Währung des Lebens nicht eine Einweg-Extraktion, sondern ein Zweiweg-Fluss, ein nährender und in Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und Einheit zurückgebender Fluss. Es ist die Währung des Lebens, die die Beziehungen in der Erdfamilie webt und den Fluss des Lebens aufrechterhält.
Die Geldmaschine hat die Bedeutung von „Währung“ darauf reduziert, nur Geld zu sein. Dann hat die Geldmaschine dem Geld den Krieg erklärt und das Bargeld illegal gemacht. Währung wurde zwangsweise auf digitale Währung reduziert, um die Kontrolle der Benutzer zu verringern. Das Patent 060606 ist der nächste Schritt des Reduktionismus und der totalen Kontrolle, indem es uns von pulsierenden Lebewesen auf Minen zur Gewinnung von „Daten“ als dem neuen Öl, dem neuen Rohstoff, reduziert, wobei unser Wert und unsere Wertschätzung durch den Extraktor in „Kryptowährung“ angegeben wird.
Unser Wert in der Microsoft-Welt ist nicht als souveräne Wesen, sondern als Kryptowährung, die von der Maschine zugeordnet wird. Wir werden auf ihre digitale Währung reduziert. Unsere Realität wird zerstört, um uns in virtuelle Punkte der digitalen Maschine zu verwandeln, die sich der Kontrolle von Menschen, Demokratien und sogar nationalen souveränen Regierungen entziehen.
Wie das Patent besagt:
„Eine virtuelle Währung (auch als digitale Währung bekannt) ist ein Tauschmittel, das im Allgemeinen über das Internet implementiert wird, nicht an eine bestimmte „flache“ (gedruckte) Währung der Regierung wie den US-Dollar oder den Euro gebunden ist und typischerweise so konzipiert ist, dass es sofortige Transaktionen und eine grenzenlose Eigentumsübertragung ermöglicht. Ein Beispiel für eine virtuelle Währung ist die Kryptowährung“.
Das Patent ist in der Tat ein Patent, das die Menschheit und die Menschen als Verkörperung von Freiheit und Autonomie auf der Grundlage von Verbundenheit und Einheit mit anderen Wesen beenden wird. Als Minen für „Körperdaten“, als „Benutzer“ von Kontrollstrukturen, denen unser Wert durch Algorithmen in Kryptowährungen zugewiesen wird, werden wir als lebende, atmende, denkende, mitfühlende, souveräne Wesen ausgelöscht. In der digitalen Geldmaschine und der digitalen Diktatur von Microsoft werden wir zu digitalen Rädchen im Getriebe der digitalen Geldmaschine und der digitalen Diktatur von Microsoft reduziert.
Wir sind weder eine genetische Mine, noch eine Mine für „Daten“ unserer „Körperaktivität“, Daten, die ohne unsere Erlaubnis und Zustimmung abgebaut werden. Biopiraterie ist ein Verbrechen, egal welches Instrument der Extraktion und der Piraterie benutzt wird, egal welches biologische Wesen illegal kopiert und patentiert wird.
Es handelt sich um Kolonialismus und Piraterie, die mit den Daten unseres Körpers als neue Kolonie auf die ultimative invasive Ebene gebracht werden. Dies ist der ultimative Separatismus und Reduktionismus des mechanistisch-reduktionistischen Geistes.
Dies ist nicht nur Biopiraterie unseres autonomen lebendigen Körpers, es ist die Technik des Verschwindens von Menschen, menschlichen Werten, menschlicher Bedeutung, menschlichem Sinn. Es ist die Planung des Verschwindens von Lebewesen und ihrer lebenden Intelligenzen. Sie inszeniert das Ende der Demokratie in Ökonomien, die von wirklichen Wesen für die eigentlichen Bedürfnisse der Lebewesen geführt werden. Sie setzt ein Ende der Souveränität auf jeder Ebene und in jeder Form in Gang. In der indischen Philosophie sind alle Lebewesen, auch die Menschen, durch mehrfache Energiehüllen vielschichtig. Alle Wesen stehen durch diese vielfältigen Energien und Flüsse in Beziehung zu anderen Wesen. Die äußerste Hülle ist der Annakosh, die Nahrungsmittelhülle. Die nächste ist Pranakosh, die Energiehülle. Dann kommt Manomayakosh, die Verstandeshülle. Der Vijanamayakosh, die Unterscheidungshülle. Das Innerste ist der Anandamayakosh, die Hülle der Glückseligkeit.
Das Patent 060606 ist eine Verkörperung der Philosophie des Adharma, einer gegen das Leben, gegen die menschliche Vorstellungskraft gerichteten Philosophie. Und wie in allen Zeitaltern muss Dharma erwachen, wenn Adharma versucht zu herrschen und zu dominieren. Unser Vijanana, unser Wissen, unsere Intelligenz, unser Urteilsvermögen, müssen uns so führen, dass wir nicht von den realen, aber unsichtbaren Gefängnissen gefangen werden, die durch „virtuelle“ Konstrukte geschaffen werden.
Die Zukunft des Menschseins kann nicht Microsoft und den Patentämtern überlassen werden, so wie wir die Zukunft der biologischen Vielfalt nicht in die Hände von Monsanto und dem Giftkartell gelegt haben.
Als ich vor 33 Jahren hörte, wie das Giftkartell seine kriminelle Fantasie, Saatgut besitzen zu wollen, enthüllte, verpflichtete ich mich, mein Leben dem Schutz unserer biologischen Vielfalt und der Freiheit des Saatguts zu widmen.
An diesem Tag der biologischen Vielfalt verspreche ich, den Rest meines Lebens dem Schutz allen Lebens, der Freiheit aller Wesen und der Freiheit des Menschen zu widmen.
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«Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt»

Von Christoph Zollinger, „Journal21“
Sollten wir uns in diesen Tagen der Ungewissheit gedanklich der Zukunft zuwenden? Stehen wir am Anfang eines epochalen Neubeginns?
Es stellt sich die Frage, ob der weltweite Lockdown etwas Grundsätzliches signalisiert – etwas, das bereits mit der Klimadiskussion ansatzweise angetippt wurde. War unser westlicher Lebensstil schon vor Ausbruch der Pandemie überhaupt nicht nachhaltig vertretbar – sollte er infolge fehlender Einsicht «mit Gewalt» beendet werden?
Zum Beispiel die Fliegerei
«In einer wirtschaftlich vernetzten Welt ist es völlig undenkbar, nicht zu fliegen», der das sagt: Carsten Spohr, Chef der Lufthansa in der ZEIT. Albert Einsteins Rat vor rund hundert Jahren: «Wir können die Probleme nicht mit demselben Denken lösen, mit dem wir sie geschaffen haben.»
Schon stehen wir mitten in der aktuellen Problematik. Während die Regierungen staatliche Hilfe in Milliardenhöhe zur Rettung prestigeträchtiger Fluggesellschaften – hierzulande die Swiss – sprechen, geraten wir in den mentalen Lockdown. Schliesslich sind zehntausende von Jobs allein bei den Airlines involviert, es sind weitere tausende in den Zulieferbranchen und die Auftragsbücher der grossen Flugzeugbauer sind rammelvoll. Es sind diesen Regierungen keine Vorwürfe zu machen. Doch eines ist klar: Wir denken immer noch in Kategorien der Vergangenheit.
Die rückwärtsgerichtete Äusserung des Lufthansa Chefs, «Die Lufthansa hat die drei besten Jahre ihrer Konzerngeschichte hinter sich. Wenn sie auch künftig erfolgreich sein soll, muss sie auch weiterhin ihr Schicksal unternehmerisch gestalten können» (ZEIT), zeigt glasklar, dass in dieser Branche auch nach Jahren der Diskussion das Thema Klimaerwärmung verdrängt wird (Anteil des Flugverkehrs am menschenverursachten Klimaproblem: 5 Prozent weltweit, 18 Prozent in der Schweiz).
Das Problem: Man kann die Aussagen des CEOs der Lufthansa aus der Sicht seines Auftrags ihm nicht übelnehmen. Was für die Branche gilt, ist im ganzheitlichen Denkansatz aber kontraproduktiv. Dies widerspiegelt die gegenwärtige Situation weltweit und in vielen anderen Branchen. Und dies ist auch der Grund, weshalb die politischen Klimaversprechen in der Praxis reine Makulatur bleiben. Kurzfristig dominiert der Denk-Fokus auf das individuelle Wohlergehen, langfristig müssten die Ziele einer nachhaltigeren Welt ganz anders formuliert werden.
Marschhalt 1: Was wir wissen und wie wir handeln
Irgendwie ahnten wir es seit langem. Unsere Lebensart, die des einen Prozentes der Weltbevölkerung, sie ist langfristig nicht kompatibel mit den Geboten des Klimaschutzes, des qualitativen Wachstums, der Ökologie oder des Artenschutzes. Aber wir verdrängen das. Der Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie an der Universität Bonn, Markus Gabriel, formuliert das so: «Wir wissen eigentlich intuitiv, dass die westliche Lebensform, in der wir uns behaglich eingerichtet haben, fatale Konsequenzen für sehr viele Menschen auf dem Planeten hat.» (NZZ)
Deutsche Autoindustrie in existentieller Krise
Studien prognostizieren, dass bereits 2025 keine Fahrzeuge mit traditionellen Verbrennungsmotoren mehr verkauft werden. Auch das Nutzungsverhalten wird sich grundlegend ändern, weg vom Besitz, hin zur Nutzung von Fahrzeugen. Und entscheidend: das Auto als Prestigeobjekt hat bei jüngeren Leuten völlig an Bedeutung verloren. Doch wie oft bei solch dramatischem Wandel unterschätzen die traditionellen Anbieter die Gefahr. Steht die deutsche Paradebranche vor dem Abgrund? Der Absatz bricht ein, bei Innovationen wie der E-Mobility und digitalem Verkehr geht es nicht voran, ein E-Auto-Bauer ist pleite und die EU beharrt auf ihren CO₂-Vorgaben.
Während noch darüber gestritten wird, in welcher Form der staatlichen Geldspritzen der notleidenden Branche (die eben noch Milliardengewinne auswies) geholfen werden soll, damit der kurzfristige Corona-Einbruch überbrückt werden kann, zeigt sich auch hier: Die Vorstellung, dass «nach Corona» alles wieder so werde wie vorher ist in den Köpfen der betroffenen CEOs tonangebend. Doch ähnlich wie in der Flugzeugindustrie mehren sich die Warnrufe jener, die über den täglichen, einschläfernden Tagesrhythmus hinaussehen: Was, wenn ein verändertes gesellschaftliches Verhalten zur Mobilität dem Individualverkehr zukünftig neue Regeln definiert? Dazu meint der deutsche Verkehrsexperte von Greenpeace, Benjamin Gehrs: «Wenn die Bundesregierung mitten im fundamentalsten Branchenumbruch der Automobilgeschichte alte Antriebe fördert, verwechselt sie Gaspedal mit Bremse.»
Marschhalt 2: Was wir nicht wissen und wie wir handeln
Aymo Brunetti, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern, mahnt zu vorsichtiger Beschlussfassung. «Das Problem besteht darin, dass wir mit einem makroökonomischen Schock konfrontiert sind, den es so noch nie gegeben hat. Wir wissen nicht, in welchem Zustand sich die Wirtschaft in einigen Monaten befinden wird; es besteht die Gefahr, dass überstürzte Massnahem kontraproduktiv wirken können.» (NZZ)
Das Ende der fossilen Weltordnung
Im April 2020 konnten wir in der ZEIT einen Satz lesen, der ausgezeichnet zu den oben beschriebenen Zuständen der Flugzeug- und Autoindustrie passt. Er kann durchaus als Übertitel verstanden werden: «Die Weltordnung, in der das Verbrennen von Erdöl normal war und sich politische Macht auf fossile Rohstoffe gründete, geht zu Ende.»
Einerseits werden wir Zeugen eines noch nie dagewesenen Preiszerfalls für Rohöl. Bereits ist in den USA einer der grössten Fracking-Betriebe (Produzent von Schieferöl durch Aufbrechen von Gestein) pleite gegangen, weitere werden zweifellos folgen. Da geht nicht nur ein weiteres Hobby des US-Präsidenten und Teil seines Machtgehabens bachab. Die einzigartige Baisse signalisiert einen fundamentalen Wandel der 150-jährigen Weltordnung: War es da der Zugang zu Öl, der Regierungen stärkte und Staaten Kriege und Hegemonie gewinnen liess, kämpfen heute viele Ölunternehmen ums Überleben.
Die Gretchen-Frage
Jetzt fragen wir uns: Ist die Gleichzeitigkeit der Klimadiskussion – die bisher von den Ölgiganten diskret hintertrieben wurde – und jene zur Corona-Katastrophe ursächlich gar zusammenhängend? Was läuft ab in den Köpfen der Menschen? Wächst da etwa eine Einsicht für persönliche Verhaltensänderung, die bislang verdrängt wurde? Spriessen auf dem Boden der Gesellschaft die zarten Vorboten klimaresistenter «Pflanzen»? Geht da eine Ära zu Ende, die wie «geschmiert» lief – ohne Rücksicht auf Verluste?
Ist dies die Gretchen-Frage (nomen est omen), personalisiert durch jenes Mädchen, deren Beantwortung sich aufdrängt? Darüber nachzudenken in diesen Tagen ist spannend – eigentlich lohnende Bürgerpflicht. Warum spukt da in unseren Köpfen plötzlich Goethes Erlkönig – «Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt» – herum? Wir wissen es nicht. Stehen wir gar am Anfang eines epochalen Neubeginns?
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Austritt afrikanischer Nationen aus der WHO

Der Präsident von Madagaskar, Andry Rajoelina hat alle afrikanischen Nationen aufgefordert aus der WHO auszutreten und viele folgen seinem Aufruf.
Mit dem Austritt der Afrikaner aus der WHO beginnt ein neuer Zeitabschnitt auf dieser Welt. Wie lange werden die Europäer noch den Anweisungen der WHO und deren Hintermänner und Stiftungen folgen?
Sollte die Mehrheit afrikanischer Nationen aus der WHO austreten, dann ist das Ende von Bill Gates Impfprogramm und der WHO eingeleitet. Gleichzeitig ist damit die Pandemie in Afrika ausgestanden. Denn die Afrikaner haben ein Covid-19-Medikament und benötigen weder die Hilfe der Europäer noch deren umstrittene Impfungen.
Nachfolgend die Übersetzung des Artikels aus Celesylv Updates.
Den Link zum Originalartikel findet ihr am Ende.
Der Präsident von Madagaskar, Andry Rajoelina, hat alle afrikanischen Nationen aufgefordert, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wegen des mangelndem Vertrauens Europas gegenüber Afrika zu verlassen.
Der madagassische Präsident sagt, Europa habe Organisationen gegründet, mit dem Wunsch, dass die Afrikaner von ihnen abhängig bleiben.
Afrika hat ein Medikament gegen das Corona-Virus gefunden, aber Europa glaubt, dass es ein Monopol der Intelligenz als solches hat, und weigert sich, dies zuzugeben.
Vor diesem Hintergrund lade ich alle afrikanischen Nationen ein, aus den internationalen Organisationen auszutreten, damit wir unsere aufbauen können.
Rajoelina hat seinen Ruf und seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt, um die Medizin als Heilmittel zu bewerben. Er sagte: „es heilt COVID-19 in 10 Tagen“. „Niemand wird uns davon abhalten, vorwärts zu kommen – kein Land, keine Organisation“, antwortete Rajoelina auf die Bedenken der WHO.
Er sagte, der Beweis für die Wirksamkeit des Tonikums sei die „Heilung“ von „unseren Patienten“.
Er nannte die Medizin ein „vorbeugendes und heilendes Mittel“.
Rajoelina sagte, Madagaskar hat bis heute 212 Coronavirus-Infektionen und 107 Genesungen gemeldet. Das Land hat einen kritischen Fall, aber keinen Tod.
„Die geheilten Patienten haben kein anderes Produkt als Covid-Organics eingenommen“, sagte der Präsident und fügte hinzu, dass sein Land eine Geschichte der traditionellen Medizin hat.
„Was wäre, wenn dieses Mittel von einem europäischen Land anstelle von Madagaskar entdeckt worden wäre?“, fragte Rajoelina die WHO und andere Skeptiker.
Würden die Leute so sehr daran zweifeln? Das glaube ich nicht “, sagte Rajoelina gegenüber FRANCE 24 und RFI.
Das Getränk stammt aus Artemisia – einer Pflanze mit nachgewiesenen Anti-Malaria-Eigenschaften – und weiteren einheimischen Kräutern.
„Was ist eigentlich das Problem mit Covid-Organics?“, Sagte er.Könnte es sein, weil dieses Produkt aus Afrika stammt?“
„Könnte es sein, dass es unmöglich erscheint, dass ein Land wie Madagaskar, das 63. ärmste Land der Welt (diese Formel) entwickelt, die helfen kann, die Welt zu retten?“ fragte Rajoelina.
Mein Land Madagaskar verlässt heute Abend alle Organisationen und ich fordere andere afrikanische Nationen auf, dasselbe zu tun.“
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Unwahrscheinliches geschieht – immer

Eduard Kaeser, „Journall21“
Die Wahrscheinlichkeit, dass mich am 8. Mai 2020 um 9 Uhr morgens ein betrunkener, Schutzmaske tragender Nationalrat auf dem Berner Bundesplatz mit seinem E-Bike über den Haufen fährt und anschliessend Fahrerflucht begeht, ist sehr klein.
Aber an diesem 8. Mai geschieht genau das. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Coronavirus eine Pandemie auslöst, ist sehr klein. Aber genau das ist geschehen.
Das Unwahrscheinlichkeitsprinzip
Das erste Beispiel ist fiktiv, beim zweiten handelt es sich um die Aussage des amerikanischen Virologen Anthony Fauci am 26. Januar 2020, der damals noch als Berater des Präsidenten fungierte. Beide Beispiele haben eines gemeinsam: Sie rechnen nicht mit dem Unwahrscheinlichen. Aber das Unwahrscheinliche geschieht. Ständig. Wenn es nach unserem Verständnis nicht geschehen kann, dann liegt das an unserem Verständnis, nicht am Lauf der Dinge. Der Zufall hat seine Gründe, sagte der alte Römer Petronius. Wir Menschen kennen sie einfach nicht (alle). Ich kann mir schlicht nicht alle Faktoren vorstellen, die dazu führen, dass mir auf dem Bundesplatz so etwas passiert.
Vom englischen Mathematiker David Hand stammt das sogenannte „Unwahrscheinlichkeitsprinzip“: „Ereignisse, die wir als höchst unwahrscheinlich ansehen, geschehen, weil wir die Sache falsch verstanden haben. Finden wir heraus, wo wir in die Irre gegangen sind, wird das Unwahrscheinliche wahrscheinlich werden.“
Ein notorischer Irrtum
Denken in Wahrscheinlichkeiten führt uns notorisch in die Irre. Und Irrtümer infizieren auch die Information in den Medien. Typisch ist die Betrachtung aus der Einzelperspektive. Kürzlich war in einer Schweizer Tageszeitung zu lesen, dass die Replikationsrate auf 0.9 gesunken sei. Kommentar: „Ein Infizierter steckt weniger als eine Person an.“ – „Weniger als eine Person“? Was hat man sich darunter vorzustellen? Gibt es halbe, dreiviertel, elfzwölftel Personen?
Betrachten wir ein triviales Beispiel. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in der Schweiz durch einen Verkehrsunfall umkomme? Machen wir eine Überschlagsrechnung. Die Statistik sagt uns, dass es im Jahr 2019 187 Verkehrstote gab. Die Schweiz zählt etwa 8.5 Millionen Einwohner. Die Wahrscheinlichkeit beträgt also 0.002 Prozent (187/ 8‘500‘000). Die Zahl ist verschwindend klein, ergibt aber keinen Sinn, wenn ich sie auf mich als Einzelperson beziehe: Bin ich 0.002 Prozent Schweizer? Die Zahl ergibt Sinn, wenn ich ihren Kehrwert betrachte: 2019 kam von 42‘500 (= 8‘500‘000/ 187) Schweizern einer durch einen Verkehrsunfall um. Nimm eine genügend grosse zufällig ausgewählte Teilmenge der Schweizer Bevölkerung, und das Unwahrscheinliche geschieht mit Gewissheit bei jemandem (hoffentlich nicht bei mir).
Size matters
Es geht hier nicht um Zahlen, sondern um die Denkweise. Sie hat uns auch beim Coronavirus in die Irre geführt. Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass das Virus auf zufällige Weise von irgendeiner Fledermaus auf irgendeinen Menschen überspringt. Sagen wir, Schätzungen sprechen von 1 zu einer Million. Aber das ist eine zu isolierte, abstrakte Sicht. Entscheidend ist, auf welche Bezugsmenge man sie anwendet. Betrachtet man 11 Millionen Menschen in Wuhan, beläuft sich die Wahrscheinlichkeit schon auf 1 zu 11. Das Überspringen eines Virus auf einen einzelnen Menschen mag für sich betrachtet ein extrem unwahrscheinliches Einzelereignis sein, aber das bedeutet nicht, dass dieses Ereignis bei einer genügend grossen lokalen Bevölkerungsdichte alarmierend wahrscheinlich wird. Und es braucht zudem ein einziges extrem unwahrscheinliches Virus, um eine Epidemie auszulösen.
Unwahrscheinliches Glück
Wir kennen den Ausdruck „unwahrscheinliches Glück“. Ich begebe mich auf eine abenteuerliche Bergwanderung. Später, unbeschadet zurückgekehrt, trumpfe ich auf: Ich hätte in einem gewaltigen Gewitter vom Blitz getroffen werden, in einen Murgang geraten, ich hätte mich verirren oder in einen Abgrund stürzen, ich hätte verhungern oder erfrieren – kurz: ich hätte nicht zurückkehren können. Dieses Narrativ betrachtet Unwahrscheinlichkeit in der Rückschau, aus der Position der Gewissheit, des Heimgekehrten. Ich liste die möglichen Ereignisse auf, „wie es hätte anders kommen können“, und je grösser deren Zahl, desto „unwahrscheinlicher“, sprich aussergewöhnlicher meine Wanderung. Es handelt sich also um den Trick, einen Normalfall zu einem einzigartigen hochzustilisieren.
Streng genommen ist das keine Wahrscheinlichkeitsüberlegung, denn diese erfolgt stets aus der Position der Ungewissheit. Oft in betrügerischer Absicht, wie etwa bei jenem Schützen, der auf eine Scheunenwand schiesst, um dann die Zielscheibe dort hinzumalen, wo die Kugel eingeschlagen ist. Er erweckt so den Eindruck eines „unwahrscheinlich“ guten Schützen. Man spricht von „Rückschaufehler“. Zufälle in der Rückschau sind keine Zufälle, sondern eben real gewordene Möglichkeiten.
Warum gibt es uns, wenn wir so unwahrscheinlich sind?
Er unterläuft uns häufiger, als uns das vielleicht bewusst ist. Auch in den Naturwissenschaften. Dass es uns Menschen mit Bewusstsein gibt, ist gewiss: Wahrscheinlichkeit = 1 (sehen wir dabei ab von exotischen Anthropologien, die den Menschen als Zombie beschreiben). In der Rückschau auf die Geschichte des Universums kommt uns diese Gewissheit in dem Masse „unwahrscheinlicher“ vor, in dem wir auf immer mehr Zufälligkeiten in der kosmischen Vergangenheit stossen, angefangen beim Big Bang, über die Erzeugung der Elementarteilchen, der Atome, Moleküle, der Galaxien und Galaxienhaufen, der Koinzidenz von „günstigen“ Bedingungen für die Entstehung unseres Sonnensystems, des Lebens auf unserem Planeten, der Evolution des menschlichen Bewusstseins aus rund 10 hoch 27 bewusstlosen Molekülen – eine letztlich unseren Verstand übersteigende Kette unwahrscheinlicher Feinabstimmungen. Viele meinen sie nur so erklären zu können, dass sie das naturalistische Narrativ mit supranaturalistischen Zusatzannahmen anreichern: Gott, Intelligent Design, Panpsychismus, oder ein „anthropisches Prinzip“. Letzteres ist eine Art kosmisches Murphy-Gesetz: Unglaublich viel hätte „schieflaufen“ können. Das heisst, die Wahrscheinlichkeit, dass es uns nicht gibt, ist im naturalistischen Kosmos-Narrativ sehr gross, nahezu 1. Deshalb ist es äusserst unwahrscheinlich, dass es uns gibt. Aber nun gibt es uns, ergo kann es kein Zufall sein, dass es uns gibt. Wir Menschen sind „unwahrscheinlich“ exzeptionell. Erinnert uns das nicht an die Geschichte des Bergwanderers? Wäre er nicht zurückgekehrt, könnte er auch nicht von seiner „unwahrscheinlichen“ Heldentat prahlen. So zimmert man Wunder.
Das Unwahrscheinliche der ersten und der zweiten Art
Es gibt das Unwahrscheinliche der ersten Art: Zufallssituationen, in denen wir alle Möglichkeiten kennen. Bekannte Unbekannte. Meist handelt es sich um relativ künstliche Spiel-Arrangements. Zum Beispiel der Münzwurf: zwei Möglichkeiten, Kopf oder Zahl; der Würfelwurf: sechs Zahlen; das Zahlenlotto: über 31 Millionen Möglichkeiten, aus 42 Zahlen sechs richtige und aus sechs Zusatzzahlen eine richtige auszuwählen. Reale Situationen sind aber – wenn man so will – „offene“ Spiele, sie sind gerade nicht so „konstruiert“, dass ihr Horizont alle möglichen Ereignisse umfasst. Jenseits liegen die unbekannten Unbekannten. Das ist das Unwahrscheinliche der zweiten Art. Mit ihm ist zu rechnen. Ständig. Der Eigensinn der Welt ist zu gross, als dass er sich mit unserem bisherigen Verständnis zähmen liesse. Das gilt nicht zuletzt für die Welt der Viren.
Das Zeitalter der Ungewissheit
Wenn wir in die Zukunft schauen, schauen wir eigentlich stets in die Vergangenheit, das heisst, wir projizieren das Bekannte hinter uns auf das Unbekannte vor uns. Ohne Zweifel lässt sich aus der Vergangenheit vieles lernen – ja, müssen wir vieles lernen –, aber bilden wir uns nur nicht ein, die Gewissheiten der Vergangenheit auf die Zukunft übertragen zu können. Die Retrospektive ist immer perfekt. Die Prospektive deplorabel.
Wir leben im Zeitalter der Ungewissheit. Und dies trotz all der raffinierten Diagnose- und Prognosetechnologien, der simulierten Zukunftsszenarien, der Trendkalkulationen und des Risikomanagements, der ungeheuren Datenmengen und statistischen Hochrüstung – immer lauert das Unwahrscheinliche. Das klingt wie eine Drohung, ist aber im Grunde ein Trost. Oder vielmehr ein Appell zur Bescheidenheit: Habe den Mut, einzugestehen, dass du den Lauf der Dinge zu wenig verstehst.
Ein Witz als Coda
Im Berner Bahnhof steht ein Mann vor dem Stadtplan. Er sieht darauf einen kleinen roten Pfeil und liest „Ihr Standort“. Er fragt sich tief bestürzt: Woher zum Teufel kennt die SBB meinen Standort?
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“Die Coronavirus Pandemie wird die Welt-Ordnung für immer verändern”

von Henry Kissinger

(aus VoltaireNet)
Henry Kissinger – Wikipedia
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Die surreale Atmosphäre der Covid-19 Pandemie ruft in meiner Erinnerung Gefühle wach, die ich als junger Mann der 84.ten Infanterie-Division während des Kampfes in den Ardennen hatte. Genauso wie heute befiel mich im späten 1944 das Gefühl einer undefinierten Gefahr, nicht verbunden mit irgend einer speziellen Person, sondern zufällig, wahllos und verheerend. Aber es ist ein entscheidender Unterschied zwischen den lang zurückliegenden Zeiten und heute. Das damalige amerikanische Durchhaltevermögen wurde befestigt von einem höchsten nationalen Zweck. Jetzt, in einem geteilten Land, bedarf es notwendig einer effizienten und weitblickenden Regierung um die beispiellosen Widrigkeiten in ihrer Größe und globalen Bedeutung zu überwinden. Das öffentliche Vertrauen aufrecht zu erhalten ist entscheidend für die soziale Solidarität, das Verhältnis von sozialen Gemeinschaften untereinander und für internationalen Frieden und Stabilität.
Nationen halten zusammen und blühen auf in dem Vertrauen, dass ihre Institutionen Katastrophen vorhersehen, ihre Wucht aufhalten und Stabilität wieder herstellen können. Wenn die Covid-19 Pandemie vorüber ist, wird das Versagen der Institutionen vieler Länder zu Tage treten. Ob dieses Urteil objektiv fair ist ist irrelevant. Die Realität ist, dass die Welt nach dem Coronavirus nicht mehr dieselbe sein wird. Jetzt zu argumentieren nur auf Erfahrungen der Vergangenheit macht es umso härter das zu tun, was getan werden muss.
Das Coronavirus hat mit beispiellosem Ausmaß und Brutalität zugeschlagen. Sein Wachstum ist exponentiell: Die U.S. Infektionszahlen verdoppeln sich alle fünf Tage. Während ich dies schreibe, ist noch kein Heilmittel bekannt. Die medizinische Unterstützung ist nicht ausreichend um mit den sich ausweitenden Wogen der Infektionen Schritt halten zu können. Intensiv-Pflege Einheiten sind kurz davor und danach überflutet zu werden. Testen allein ist nicht ausreichend gegenüber der Aufgabe das Ausmaß der Infektion einzugrenzen, ganz zu schweigen davon die Verbreitung umzukehren. Ein erfolgreicher Impfstoff könnte noch 12 bis 18 Monate entfernt sein.
Die U.S. Administration hat einen soliden Job gemacht indem sie die unmittelbare Katastrophe verhindert hat. Der ultimative Test wird sein, ob die Ausbreitung des Virus gestoppt und dann umgekehrt werden kann in einem Maße und einer Breite, dass das öffentliche Vertrauen in Amerikas Fähigkeit sich selbst zu regieren aufrecht erhalten werden kann. Die Anstrengung der Krise, wenn auch gewaltig und nötig, darf nicht die dringende Aufgabe verdrängen, parallel dazu eine Unternehmung zu starten für den Übergang in die Post-Coronavirus Ordnung.
Führer behandeln die Krise auf breiter nationaler Ebene, aber die gesellschafts-auflösenden Effekte des Virus kennen keine Grenzen. Während der Angriff auf die menschliche Gesundheit hoffentlich nur temporär bleiben wird, könnte der politische und ökonomische Umbruch, den er ausgelöst hat, über Generationen andauern. Kein Land, selbst nicht die USA, kann mit einer rein nationalen Anstrengung den Virus überwinden. Die Notwendigkeiten des Augenblicks müssen entsprechend ultimativ mit Vision und Programm zu globaler Zusammenarbeit verbunden werden. Wenn wir nicht beides gleichzeitig machen können, werden wir das Schlimmste von beiden zuerst in Angriff nehmen.
Indem wir die Lektionen von der Entwicklung des Marshall-Planes und des Manhatten-Projektes uns zu Nutze machen, sind die USA verpflichtet einen Kraftakt auf drei Gebieten in Angriff zu nehmen.
Erstens, weltweite Verstärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Infektionskrankheiten. Triumphe der Medizin, wie der Polio Impfstoff und die Ausrottung der Pocken oder aus statistischer Technik und zunehmender künstlicher Intelligenz hervorgehende verbesserte Diagnosen haben uns in einer gefährlichen Selbstzufriedenheit eingelullt. Wir müssen neue Techniken und Technologien zur Infektions-Kontrolle und entsprechende Impfstoffe für breite Bevölkerungsschichten entwickeln. Städte, Staaten und Regionen müssen sich übereinstimmend vorbereiten um ihre Bevölkerung vor Pandemien durch Bevorratung, kooperative Planung und Forschung bis an die Grenzen der Wissenschaft, zu schützen.
Zweitens, Anstrengungen die Wunden der Weltwirtschaft zu heilen. Globale Führer haben wichtige Lektionen durch die Finanzkrise 2008 erhalten. Die aktuelle Krise ist wesentlich komplexer: Die vom Coronavirus ausgelöste Rezession ist in Geschwindigkeit und globaler Ausdehnung bedeutender als Alles bisher je Dagewesene. Nötige Maßnahmen für die öffentliche Gesundheit, wie die Einschränkung sozialer Kontakte, Schul- und Unternehmens-Schließungen tragen zur wirtschaftlichen Not bei. Programme sollten also versuchen die Auswirkungen des bevorstehenden Chaos auf die weltweit verletzlichsten Bevölkerungsschichten zu verbessern.
Drittens, Sicherung der Prinzipien der liberalen Welt-Ordnung. Die Gründungslegende moderner Regierungen ist eine von Mauern umgebene Stadt, geschützt von mächtigen Fürsten, manchmal despotisch, zu anderen Zeiten gütig, aber stets stark genug um das Volk von einem externen Feind zu schützen. Die Denker der Aufklärung deuteten dieses Konzept um, argumentierend, dass die Aufgabe eines Rechts-Staates darin besteht dem Volk die fundamentalen Güter zur Verfügung zu stellen: Sicherheit, Ordnung, wirtschaftlichen Wohlstand und Gerechtigkeit. Individuen können diese Dinge nicht durch sich selber sicherstellen. Die Pandemie hat einen Anachronismus wieder aufgerufen, ein Wiederaufleben der mauerumgebenen Stadt zu einer Zeit wo Wohlstand abhängt von weltweitem Handel und Personenverkehr.
Die Demokratien der Welt müssen ihre Werte der Aufklärung verteidigen und unterstützen. Ein weltweiter Rückzug vom Gleichgewicht der Kräfte mit Rechtmäßigkeit wird zur Folge haben, dass der soziale Vertrag beiderseits explodiert, innenpolitisch und international. Aktuell kann diese Jahrtausend-Herausforderung von Rechtmäßigkeit und Macht nicht gleichzeitig entschieden werden mit der Anstrengung, die Covid-19 Plage zu überwinden. Einschränkung ist auf allen beiden Seiten nötig, innenpolitisch und auf Seiten internationaler Diplomatie. Prioritäten müssen festgelegt werden.
Wir kamen vom Kampf in den Ardennen in eine Welt mit wachsendem Wohlstand und erweiterter Menschenwürde. Jetzt leben wir in einer epochalen Periode. Die historische Herausforderung für Führer besteht darin, die Krise zu managen, während die Zukunft aufgebaut wird. Ein Scheitern könnte die Welt in Brand setzen.
Originaltext
Quelle:
Wall Street Journal
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Im Suk der Experten

Von Eduard Kaeser, „journal21“
Den Lockdown lockern ja, aber wie weit und wie schnell? Für jede der widerstreitenden Ansichten gibt es eine Expertenmeinung. Wie orientiert man sich da?
Zurzeit haben bekanntlich Experten das Wort. Wir hören gebannt, was sie zu sagen haben, aber zugleich wächst auch die Skepsis gegenüber ihren Ratschlägen und ihrer Legitimität. Man hört Unkenrufe über eine Expertokratie oder „Medicokratie“, über den „virologischen Imperativ“, gar über einen von Epidemiologen definierten Ausnahmezustand. Immer regt sich dabei eine gewisse Indigniertheit gegenüber einer „staatlichen Bevormundung“ des souveränen Bürgers, der doch selber wisse, was er zu tun habe und wie er sich verhalten solle.
Wir befinden wir uns zweifellos in einem Suk der Experten. Kein Politiker, kein Konzern, keine Organisation, die auf lokaler oder globaler Bühne ihren Part spielen möchte, kann heute noch auf das Expertenurteil verzichten. Das zieht sich mittlerweile bis in unseren Alltag hinein. Die Regale der Buchhandlungen biegen sich unter der Last der Ratgeber. Wie es scheint, gibt es vor, während und selbst nach dem Leben kaum noch etwas, worüber nicht schon Expertenmeinungen abgesondert worden wären.
Schwindendes Vertrauen in Experten
Nun beschleicht einen schnell der paradoxe Eindruck, dass proportional zur Expertenschwemme das Vertrauen in die Leute vom Fach schwindet. Ein zentraler Grund liegt darin, dass sich das Verhältnis des kritischen Bürgers zur Wissenschaft generell gewandelt hat. Lange Zeit war diese Beziehung geprägt von einem Idealbild des Wissenschafters auf erhöhtem Podest, der – eigentlich gar nicht von dieser Welt – uns sagt, wie die Welt wirklich tickt. Noch Einstein konnte seinesgleichen zu „Tempeldienern“ der reinen Erkenntnissuche hochstilisieren.
Uns Heutigen erscheint dieses Bild zunehmend als Augenwischerei, vielleicht aus enttäuschten Erwartungen in ein wissenschaftliches Ethos, das sich regelmässig diskreditiert sieht. Wir sind irritiert, wenn uns die eine Studie Kohlenhydrate empfiehlt, die andere davon abrät. Wir sind indigniert, wenn ein Mediziner wie Andrew Wakenfield 1998 einen Zusammenhang zwischen Autismus und einem Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln konstruiert, nur um diesen Impfstoff im Auftrag einer Interessengruppe in Misskredit zu bringen.
Wie viel Expertentum verträgt eine liberale Demokratie überhaupt? Politiker müssen immer mehr Entscheidungen auf der Grundlage von Kompetenzen treffen, die sie selber nicht haben, sondern an moderne wissenschaftliche „Geheimräte“ delegieren. Sie sind abhängig von Ausschüssen, Stäben, Kommissionen, deren Zusammensetzung sich vielfach einer demokratischen Kontrolle entzieht. Zudem spielt hier so etwas wie eine gegenseitige Verführung hinein: Wenn Politiker ihre Entscheidungen auf wissenschaftliche Basis stellen, dann können sie sich dabei verleitet fühlen, auch einen Teil ihrer Verantwortung an die Wissenschafter zu delegieren; was wiederum diese verleiten kann, unter dem Mantel der neutralen Expertise Verfügungsgewalt auszuüben, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.
Gerade weil Politik und Wissenschaft untrennbar verflochten sind, sollte man die Legitimitäten klar trennen: Politiker sind (auf Zeit) legitimiert, Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen, Wissenschafter nicht. Wissenschafter sind legitimiert, z. B. die Schadstoffkonzentration in der Luft festzustellen. Sie können daraus legitimerweise gewisse Szenarien für die Gesellschaft ableiten und womöglich gewisse Massnahmen empfehlen. Aber sie können nicht legitimerweise selber Schadstoffgrenzen festsetzen. Denn dies ist letztlich ein politisches (demokratisches), kein wissenschaftliches Problem: Welche Luft wollen wir? Suchte Wissenschaft solche Fragen zu entscheiden, so überforderte, ja, missbräuchte sie ihre Legitimität. Ohnehin riskiert Wissenschaft ihre Vertrauenswürdigkeit, wenn sie sich zu sehr in die öffentliche Sache – ein Minenfeld von Normen, Interessen, Vorurteilen – einmischt. Was umso schwerer wiegt, als eine offene Gesellschaft auf das Vertrauen in die Wissenschaft baut.
Der Wissensbürger
Eine demokratische Wissensgesellschaft braucht deshalb einen neuen Typus Bürger: den Wissensbürger, Menschen also, die sich nicht nur durch ein Mindestmass an wissenschaftlicher – und wissenschaftstheoretischer! – Bildung auszeichnen, sondern über wissensbürgerliche Kompetenzen verfügen. Ein entsprechendes Unterscheidungsvermögen scheint mir vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie an Gewicht zu gewinnen: Wie unterscheiden wir den Experten vom Nicht- oder Pseudo-Experten?
Darauf gibt es keine einfache und allgemeine Antwort. Expertise ist ein weites Feld. Und genau aus diesem Grund werden wissensbürgerliche Kompetenzen im Suk der Experten in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Das meiste, was wir wissen, glauben wir zu wissen. Das erscheint heute unumgänglich. Aber wir sollen qualifiziert glauben.
Qualifizierter Glaube beruht auf einer scheinbar paradoxen Mischung aus Skepsis und Vertrauen gegenüber dem täglichen Ausstoss an Wissen. Er bedeutet, dass der Wissensbürger sich nicht für dumm verkaufen lässt von Lobbyisten, die ihm erzählen, gewisse wissenschaftliche Debatten seien noch nicht abgeschlossen. Der Wissensbürger misstraut Erklärungen, die komplexe Phänomene auf simple Kausalmechanismen oder patente Kalkulationen reduzieren. Er vertraut dem Expertenurteil, das ihm Lösungen als Handlungsoptionen verständlich offeriert und nicht als Handlungzwänge („Fakten“) auferlegt. Er schenkt dem Wissenschafter Glauben, der – um hier Bismarks berühmtes Wort aus der Politik zu übernehmen – als „ehrlicher Makler“ des Wissens auftritt.
Eine Wissens- und Vertrauensgemeinschaft
Das Informationszeitalter mutiert insgeheim zu einem Zeitalter der Desinformation. Die Überinformiertheit macht uns nicht kognitiv autonomer, sondern vielmehr abhängiger vom Urteil anderer Leute oder auch künstlicher Ratingsysteme. Der Appell an die Autorität erstarkt. Aber an welche? Als tendenziell fatal stellt sich jetzt heraus, dass die Wissenschaft in der Postmoderne an Autorität eingebüsst hat – aus welchen Gründen auch immer. Sie muss sich mit pseudo- und parawissenschaftlichen „Autoritäten“ messen, mit medialen Schlaubergern und Schlitzohren, mit Ideologen und politischen Fatzkes. Und dies ausgerechnet in einer Situation, in der wir – nicht nur politische Entscheidungsträger, sondern jede Bürgerin und jeder Bürger – vital auf „gesunde“ Informationen angewiesen sind.
Sheila Jasanoff, Professorin für Wissenschaftspolitik an der Harvard University, hat schon in den 1990er-Jahren das Ideal einer Wissens-und Vertrauensgemeinschaft in die Diskussion gebracht. Eine Gemeinschaft, die für sich bestimmte Verbindlichkeiten ausgehandelt hat und diese nun in Wissen umzusetzen sucht. Nur so lasse sich verhindern, dass der unvermeidbare Dissens der Experten in lange und gesellschaftlich unfruchtbare Debatten ausarten würde. Der viel gehörte Ruf „mehr Forschung“ ist zwar wichtig, aber zuviel Forschung kann die politische Entscheidungsfindung hemmen oder auf die lange Bank schieben. Wissenschaft öffnet uns bestenfalls die Augen, aber sie begründet keinen „zwingenden“ politischen Gang. Wer so etwas beansprucht, ist entweder ein Ignorant oder ein Ideologe (oder meist beides).
Das Expertentum eigener Erfahrung
Nicht zuletzt aber löckt der Wissensbürger immer wieder mit der subversiven kleinen Frage gegen den Stachel der Expertise: Sind wir Laien denn wirklich so inkompetent, dass wir stets und überall die Meinung des Experten einholen müssen? Sind wir nicht selber auch Experten im alten Sinn des Wortes „expertus“, was so viel bedeutet wie „erfahren sein“? Genau darum geht es nämlich: die „Expertise“ eigenen Lebens, eigenen Denkens und Handelns einzufordern und zu fördern. Sie ist die schlechteste nicht. Und vor allem ist sie unverzichtbar. Denn gewisse Probleme sind zu ernst, um der Wissenschaft allein überlassen zu werden.
Vor allem aber geht es nicht bloss um die Frage, ob wir mit hinreichender Genauigkeit und Gewissheit die Zukunft voraussehen können, sondern darum, dass wir einen gewissen Common Sense nicht verlieren, der uns lehrt, nicht nur traditionelle und liebgewordene Perspektiven zu hätscheln, sondern sie auch zu verabschieden, wenn es an der Zeit ist. Das Risiko der Wissensgesellschaft lauert nach wie vor in jenem Zustand, aus dem zu befreien sie uns verspricht: in einer neuen selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen.
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Das Coronavirus erweckt den Menschen in uns

von Leonardo Boff 
Die Coronavirus-Pandemie zwingt uns alle zum Nachdenken: Was zählt wirklich: Leben oder materielle Güter? Der Individualismus eines jeden für sich allein, ohne sich um den anderen zu kümmern, oder die Solidarität des einen mit dem anderen? Können wir die natürlichen Güter und Dienstleistungen gedankenlos weiter nutzen, um bequemer zu leben, oder können wir uns um die Natur, die Vitalität von Mutter Erde und um das Gute Leben kümmern, nämlich die Harmonie zwischen und mit allen Wesen der Natur? Hat es sich jemals für die kriegsliebenden Länder gelohnt, immer mehr Massenvernichtungswaffen anzuhäufen, jetzt, da sie vor einem unsichtbaren Virus in die Knie gezwungen werden, das die Ineffizienz all dieses tödlichen Apparats offenbart? Können wir unseren konsumbetonten Lebensstil fortsetzen und grenzenlosen Reichtum in den Händen Weniger auf Kosten von Millionen armer und elender Menschen anhäufen? Ist es immer noch sinnvoll, dass jedes Land seine Souveränität gegenüber anderen Ländern bekräftigt, während wir eine globale Regierung brauchen, um globale Probleme zu lösen? Warum haben wir immer noch nicht das einzigartige Gemeinsame Haus, Mutter Erde, und unsere Pflicht entdeckt, uns um sie zu kümmern, damit wir alle, die Natur eingeschlossen, darin Platz finden?
Das sind Fragen, denen wir nicht ausweichen können. Niemand hat die Antworten. Ein Sprichwort, das Einstein zugeschrieben wird, ist jedoch wahr: “Die Weltsicht, die die Krise verursacht hat, kann nicht die gleiche sein wie die, die uns aus der Krise führt”. Wir müssen uns drastisch ändern. Das Schlimmste wäre, wenn alles würde wie zuvor, mit der gleichen konsumbetonten und spekulativen Logik, möglicherweise mit noch größerer Heftigkeit. Dann, vielleicht, weil wir nichts gelernt haben, würde uns die Erde ein weiteres Virus schicken, das möglicherweise dem katastrophalen menschlichen Projekt ein Ende setzen könnte.
Doch wir können den Krieg, den das Coronavirus weltweit hervorruft, aus einem anderen, positiven Blickwinkel betrachten. Das Virus zwingt uns, unsere tiefste und authentischste menschliche Natur zu entdecken. Unsere Natur ist zweideutig, gut und schlecht. Schauen wir uns die gute Seite an.
In erster Linie sind wir Wesen, die in Beziehungen miteinander stehen. Wir sind, wie ich schon mehrfach erwähnt habe, ein Knoten totaler Beziehungen in alle Richtungen. Folglich ist niemand eine Insel. Wir neigen dazu, Brücken in alle Richtungen zu bauen.
Zweitens, was daraus folgert, sind wir alle aufeinander angewiesen. Der afrikanische Ausdruck “Ubuntu” drückt es gut aus: “Ich bin ich selbst durch dich”. Folglich ist jeder Individualismus, die Seele der kapitalistischen Kultur, falsch und menschenfeindlich. Das Coronavirus ist ein Beweis dafür. Die Gesundheit des einen hängt von der Gesundheit des anderen ab. Diese gegenseitige Abhängigkeit, bewusst übernommen, wird Solidarität genannt. In einer anderen Zeit ermöglichte uns die Solidarität, die anthropoide Welt zu verlassen, und half uns, menschlich zu werden, zusammenzuleben und einander zu helfen. In diesen Wochen haben wir bewegende Gesten wahrer Solidarität gesehen, bei der nicht nur Überflüssiges gespendet wird, sondern das geteilt wird, was man besitzt.
Drittens sind wir im Grunde genommen fürsorgliche Wesen. Ohne Fürsorge, vom Augenblick unserer Zeugung an durch das ganze Leben hindurch, könnte niemand leben. Wir müssen für alles sorgen: für uns selbst, sonst könnten wir krank werden und sterben; wir müssen uns um die anderen kümmern, um die, die mich retten könnten, oder ich könnte sie retten; ich muss mich um die Natur kümmern, sonst wird sie mit einem schrecklichen Virus, verheerenden Dürren und Überschwemmungen, extremen Wetterereignissen über uns kommen; uns um Mutter Erde kümmern, damit sie uns weiterhin alles gibt, was wir zum Leben brauchen, und damit sie uns immer noch auf ihrem Boden haben will, auch wenn wir sie seit Jahrhunderten erbarmungslos verwundet haben. Gerade jetzt, unter dem Angriff des Coronavirus, müssen wir alle für die Schwächsten sorgen, zu Hause bleiben, soziale Distanz wahren und uns um die sanitäre Infrastruktur kümmern, ohne die wir eine humanitäre Katastrophe biblischen Ausmaßes erleben würden.
Viertens stellen wir fest, dass wir alle mitverantwortlich sein müssen, das heißt, uns der positiven oder böswilligen Folgen unserer Handlungen bewusst zu sein. Leben und Tod liegen in unseren Händen, Menschenleben, soziales, ökonomisches und kulturelles Leben. Es reicht nicht, dass der Staat oder ein paar Leute Verantwortung zeigen. Es muss die Verantwortung aller sein, denn wir sind alle betroffen, und jeder von uns kann den anderen schaden. Wir alle müssen die Ausgangssperre akzeptieren.
Letztendlich sind wir spirituelle Wesen. Wir entdecken die Kraft der spirituellen Welt, die uns in der Tiefe ausmacht, wo große Träume geschaffen werden, wo die ultimativen Fragen über den Sinn unseres Lebens entstehen und wo wir das Gefühl haben, dass es eine liebevolle und machtvolle Energie gibt, die alles durchdringt; eine Energie, die den Sternenhimmel und unser eigenes Leben aufrechterhält, worüber wir nicht die volle Kontrolle haben. Wir können uns dieser Energie öffnen, sie wie in einer Wette willkommen heißen, darauf vertrauen, dass diese Energie uns in ihrer Hand Geborgenheit verleiht und trotz aller Widersprüche ein gutes Ende für das ganze Universum garantiert, für unsere Geschichte, die sowohl weise als auch verrückt ist, und für jeden von uns. Wenn wir diese spirituelle Welt kultivieren, fühlen wir uns stärker, fürsorglicher, liebevoller und schließlich auch menschlicher.
Mit diesen Werten besitzen wir die Fähigkeit zu träumen und eine andere Art von Welt zu schaffen: eine Welt, die sich um das Leben dreht, in der die Wirtschaft, geleitet durch eine andere Raison, eine weltweit integrierte Gesellschaft unterstützt, die mehr durch affektive Bündnisse gestärkt wird als durch rechtliche Verträge. Es wird die Gesellschaft der Fürsorge, der Sanftmut und der Lebensfreude sein.
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