Jenseits des Menschengemachten: Indigene Kosmologien als Roadmap für die Klimakatastrophe

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir vom “menschengemachten” Klimawandel sprechen? Wieviel Mensch steckt tatsächlich in der aktuellen Entwicklung, wenn wir das große Ganze betrachten? Im MORE WORLD-Interview denkt der in Fidschi lebende Dichter und Philosoph Sudesh Mishra über die Rolle des Menschen nach und stellt indigene Kosmologien als Inspirationsquelle für den Umgang mit Umweltzerstörungen zur Diskussion.
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In einem Text, den Sie kürzlich veröffentlicht haben, schreiben Sie: „Wenn die Moderne sich auch dadurch definiert, dass sie ein Prozess ist, der auf der Ebene der Beziehungen diejenigen Dinge in Dunkelzonen verbannt, die in Wirklichkeit für die Moderne grundlegend notwendig sind, dann sollten wir jetzt Licht in diese Dunkelzonen zu bringen, um den ‚Todestrieb‘, der die Überakkumulation antreibt, in etwas anderes zu verwandeln.“ In Bezug auf einen Prozess, der diejenigen Dinge in Dunkelzonen verbannt, die in Wirklichkeit für die neoliberale Moderne konstitutiv notwendig sind, würde ich gerne einen Aspekt ansprechen, auf den Sie in Ihren Texten öfter eingehen, nämlich die Tatsache, dass den Menschen derzeit das Gefühl mangelt, sie seien an etwas beteiligt oder hätten Anteil an etwas. Sie sprechen in diesem Zusammenhang vom „menschlichen Getrenntsein“. Meines Erachtens ist der von Ihnen angesprochene Mangel ein wesentlicher Charakterzug des neoliberalen Subjekts, welches sich als von anderen getrennt, möglicherweise sogar als vom Rest der Welt, wenn nicht gar von der Welt an sich getrennt konstituiert. Was denken Sie über dieses Problem?
An einem bestimmten Punkt in der sehr kurzen Geschichte der Menschheit haben wir aufgehört, uns als teilnehmende Bestandteile einer sich stetig verändernden Assemblage zu begreifen – genauer gesagt einer Assemblage von Wesen aus dem Bereich der „zoe“ (des nackten, bloßen Lebens im Unterschied zum politisch-gesellschaftlichem Leben) –, das auch andere Wesen oder Dinge unseres Planeten umfasst, und zwar sowohl organische als auch anorganische Formen, beispielsweise Frösche, Bäume, Regen, Steine, Fische, Licht, Bakterien, Staub etc. Wir haben uns von den uns auf unserem Planeten „Fremden“ (welche uns eigentlich gar nicht fremd sind) dadurch abzusondern begonnen, dass wir eine Grenze zwischen dem zu den nichtmenschlichen Formen des Lebens gehörigen zoe-Status und unserem besonderen Status gezogen haben.
Wir begannen uns als über dem Bereich der zoe stehend zu begreifen. Wir haben uns also selbst in eine eigenständige biopolitische Spezies verwandelt, deren zoe-Status wir dann verdrängt haben. Diese Vorstellung von unserem Getrenntsein als biopolitische Akteure hat dann zu einer einzigartigen menschlichen Hybris geführt.
In meinen Texten befasse ich mich in dem Zusammenhang mit einer ungeheuerlichen menschlichen Unfähigkeit, nämlich mit unserer bereits im Moment der Seinswerdung entstehenden selbst-bewussten Vorstellung vom Getrenntsein unseres Bewusstsein, eine Vorstellung, die aber in Wahrheit nicht von der Dynamik des Werdens abgetrennt werden kann. Gilles Deleuze hat diesen Punkt wiederholt und ausführlich diskutiert. Ich bin mir nicht sicher, wann diese Trennung stattgefunden hat, aber sie hat auf jeden Fall stattgefunden (was ich anhand von Beispielen aus Texten von Ovid, Aristoteles und aus dem Alten Testament belege) und ist in zunehmendem Maße naturalisiert worden.
Wir begannen damals, an einen Irrtum zu glauben. Die Überakkumulation und die neoliberale Moderne gedeihen auf dem Boden dieses Irrtums, nämlich dass Menschen getrennte Wesen sind (ich werde gleich mehr über diesen „Kniff“ sagen). Aufgrund dieses Irrtums ist jedoch alles auf unserem Planeten einer extraktiven Logik unterworfen worden, welche zur Aufrechterhaltung der Warenform dient und aus Extraktion, Tausch, Fetischismus, Akkumulation und Reproduktion besteht. Die traurige, aber auch irgendwie wundersame Wahrheit ist, dass unser Sehen eine Art Blindheit ist. Wir nehmen etwas nicht zur Kenntnis, was nicht versteckt ist und noch nie verborgen war. Wir selbst haben es, obwohl sichtbar, unsichtbar gemacht.
Dieses verkannte Etwas ist unser Dasein, das sich durch den Raum und die Zeit bewegt, welche zusammen das Leben sind, das heißt dieses Etwas ist der Vorgang, in dem unser Dasein stetig existenziell entsteht. Was ist dieses stetig entstehende Dasein aber anderes als eine den Menschen übersteigende Assemblage, die zugleich auch eine weniger als menschliche Assemblage ist? Sind wir nicht letztlich eine sich stetig verändernde Assemblage, die aber unter anderem auch aus nichtmenschlichen Wesen und Dingen besteht?
Diese Fragen werfen sicher Herausforderungen auf, denen wir uns alle stellen müssen. Wichtig erscheint mir, dass Sie Ihre Ansichten über die Welt in Fidschi entwickeln, wo Sie Dekan des Fachbereichs für Sprache, Kunst und Medien an der Universität des Südpazifiks sind.
Das stimmt. Während wir kommunizieren, sitze ich auf einem Stuhl und habe meine Finger auf der Tastatur. Ich trage eine Brille aus Stahl und richte meinen Blick auf einen schwarzweißen Bildschirm. Meine Handballen stütze ich auf einen Holzschreibtisch, während sich meine beschuhten Füße auf einem gekachelten Boden befinden. Der Deckenventilator bläst mir Wind durch die Haare und am Hemdkragen vorbei. Draußen höre ich die Vögel in den Bäumen singen. Ich nehme ein Blatt Papier. Ich atme den Gestank eines Stinkkäfers ein und so weiter. Ich existiere nie als ein von der derzeitigen Assemblage getrenntes Subjekt.
Tatsächlich besteht mein ganzes Dasein in diesem Moment aus allerlei Wesen und Dingen (Stuhl, Tastatur, Stahl, Bildschirm, Holz, Schuhe, bewegte Luft, Baumwolle, Vogelgezwitscher, Papier und Käfergeruch), und das Repertoire dieser Assemblage ändert sich fortlaufend, da die Dynamik des Werdens nie zur Ruhe kommt. Wenn ich jemanden an die Tür klopfen höre, nehme ich den Türgriff in die Hand und werde dann zur Tür, während gleichzeitig die Tür auch zu mir wird.
In unserem täglichen Werden sind wir immer eine unter anderem auch aus nichtmenschlichen Wesen und Dingen bestehende Assemblage. Wir haben uns aber aus irgendeinem Grund selbst davon überzeugt, dass dies nicht so ist. Einfacher gesagt: In dem Moment, in dem ich mich daran erinnere, dass die Tür zu mir wird und ich zur Tür, verändert sich meine Beziehung zur Tür und zu mir selbst radikal. Wenn ich als Assemblage gleichzeitig ein den Menschen übersteigendes Wesen bin und eines, das auch weniger als menschlich ist, muss ich alle Elemente der Assemblage – sowohl die organischen als auch die anorganischen – so behandeln, wie ich mich selbst behandeln würde, denn diese Elemente sind nie von mir getrennt. Wenn man dieses Prinzip auf unseren gesamten Planeten ausdehnt, lösen sich sämtliche Subjekt-Objekt-Beziehungen auf. Außerdem lösen sich sämtliche Werthierarchien auf, auf denen sowohl das Konzept des Menschlichen als auch die Moderne basieren. Das Konzept des Menschlichen ist das Problem, und das Problem ist daher letztlich menschlich.
Aus meiner Sicht setzt sich zunehmend die Überzeugung durch, dass es höchsten intellektuellen und politischen Vorrang hat, kollektive Daseinsformen jenseits und neben der angeschlagenen, aber immer noch bestehenden Hegemonie der neoliberalen Moderne zu schaffen – und auch trotz dieser Moderne. In diesem Zusammenhang würde mich interessieren, wie indigene Kosmologien ein anderes Konzept dafür bieten können, dass Menschen sich nicht nur aufeinander beziehen, sondern auch mit der ganzen Welt in Beziehung treten.
Ich glaube, dass man in dem Moment, in dem man ein einzelnes Leben – beispielsweise deines oder meines – als ein der ständigen Veränderung unterworfene zoe-Assemblage begreift, aufhört, die menschliche Exklusivität zu normieren. Wie gesagt ist diese Exklusivität ein kompletter Irrtum und bietet eine wesentliche Rechtfertigung für die extraktiven Praktiken, auf denen die Überakkumulation beruht. Anthropozentrisches Denken basiert immer auf einer metamorphologischen Zauberei, mit der nichtmenschliche Wesen oder Dinge nach einem normativen Maßstab gemessen werden, der dazu dient, ihren Grad der Menschwerdung zu messen.
Hierarchien entstehen also, sobald es eine Norm gibt, die regelt, wie einem Wesen oder einem Ding ein Wert zugeordnet werden kann. Die kolonialen Formen der Wertzuordnung, bei der das kolonisierte Subjekt auf perfide Weise in einem unendlichen Prozess der Menschwerdung feststeckt, haben ihren Ursprung in der taxonomischen Abgrenzung von Wesen und Dingen – beispielsweise Tieren, Pflanzen, Steinen, Mineralien etc. – zum Zwecke der Wertzuordnung, wobei dem Konzept des „Menschlichen“ bei dieser Abgrenzung die Funktion der Norm zukommt. Hierarchisches Denken gründet auf unserer allgemeinen Missachtung der Assemblage, in welchem wir nur ein Element unter vielen sind.
Ovid beispielsweise war unfähig, im Rahmen von Assemblagen zu denken, weil jede mythische Transformation die menschliche Norm entwertet. Ich habe mich mit vorchristlichen Kosmologien der iTaukei (indigene Bevölkerung von Fidschi) beschäftigt. Zu meiner Freude fand ich Beispiele, bei denen das Menschliche nicht die Norm ist und das normativ Menschliche sogar Ursprung und Ursache für narrative Unordnung und Angst ist. In der Legende „Die große Flut“ führt der Wunsch, dem Menschlichen einen normativen Wert zuzuweisen, dazu, dass die große Schlange Degei die Welt durch eine Flut zerstört, um wieder neu von vorne beginnen zu können. In einer anderen Episode töten Degeis zwei Söhne, die beide Menschen sind, Turukawa, weil dieses Wesen für sie bloß ein Habicht ist. Weil sie es gewagt haben, die zoe-Assemblage als einen Bereich von auf biologischer Differenz fußender hierarchischer Wertzuordnung zu betrachten, wird daraufhin ihre Welt vernichtet.
Inwieweit können indigene Kosmologien „den Homo sapiens daran erinnern, dass er ein teilnehmendes Element“ im Netz der menschlichen und nichtmenschlichen Beziehungen und Lebensformen ist, das Sie „planetarische Assemblage“ oder „zoe-Assemblage“ nennen?
Ich werde Ihnen dafür ein aufschlussreiches Beispiel geben. Ich habe dieses Beispiel kürzlich in einem meiner Texte besprochen. Die Legende „Die Frau, die das Meer leerte“ erzählt die spannende Geschichte einer Frau, die ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie Teilnehmerin in einer ökologischen Assemblage ist. Die Frau lebt im Dorf Lovoni, im Landesinneren der Insel. Eines Tages beschließt sie, ihr Essen in Salzwasser zu kochen. Daraufhin geht sie zum ersten Mal in ihrem Leben hinunter zur Küste. Als sie das Meer erblickt, herrscht Flut. Sie staunt über das viele Salzwasser in der Lagune. Sie füllt dann ihre Kürbisflasche und kehrt nach Hause zurück, wobei sie den Berg zu ihrem Dorf heraufsteigen muss. Als sie oben ankommt, herrscht Ebbe.
Die Frau erschrickt darüber, dass das Meer so viel kleiner geworden ist, geht den Weg, den sie gekommen ist, wieder zurück und leert ihre Kürbisflasche in der Lagune aus. Dies tut sie aus einem angeborenen Bewusstsein heraus, dass sie nur ein Element der allgemeinen Assemblage ist. Angesichts des Meerwasserüberschusses bei Flut und des Meerwasserdefizits bei Ebbe ist ihr Zurückgeben die ausgleichende Geste einer Frau, die in einem Moment höchsten Verstehens die Frage nach dem Wert nicht anhand der Vorstellung von unabhängigen, abgeschlossenen Einheiten, sondern in Abhängigkeit von unserer gesamten planetarischen Assemblage beantwortet. Sie versteht sich als Teilnehmerin der Assemblage und begreift sich gerade nicht als getrennt davon. Im Unterschied zu dieser Frau beginnen wir erst jetzt zu lernen, wie man dem Gestein, aus dem wir auf so katastrophale Weise den Kohlenstoff extrahiert haben, den Kohlenstoff zurückgibt.
Welche Ideen und Impulse aus indigenen Kosmologien können wir als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Bewusstseins nehmen, dass wir Teil des Ganzen sind?
Als Beispiel würde ich gerne zwei Konzepte anführen, die ganz wesentlich für die iTaukei-Kultur sind. Das erste Konzept heißt „vanua“ und das zweite „tabu“. In einem einfachen Sinne heißt vanua schlicht Land im Sinne von Grund und Boden oder Gebiet. Wenn man jedoch dieses Konzept darauf untersucht, wie es in der Praxis funktioniert, dann stellt man fest, dass vanua nicht von den genealogischen Bindungen abgetrennt werden kann, welche die Toten mit den Lebenden und beide wiederum mit den noch nicht Geborenen verbinden.
Das Land kann außerdem nicht getrennt betrachtet werden von der ethischen Sorge um die Land- und Meeresressourcen oder von den gemeinschaftlichen Bindungen, von der spirituellen Hüterschaft oder von der Pflicht, für alles zu sorgen, was vanua bewohnt. Vanua ist daher eine anderes Wort für „komplexe Assemblage“. Der Begriff „tabu“ beschreibt die praktische Anwendung eines heiligen Verbotes und und hängt eng mit vanua zusammen, weil vanua – hier gemeint als der kollektive, auf einem Konsens beruhende Wille der Gemeinschaft – die Basis dafür ist, dass ein schützendes Tabu über ein Riffsystem, eine Mangrovenflussmündung oder einen Wald verhängt wird. Die Beachtung eines tabus, welches viele Jahre lang Geltung haben kann, ist zukunftsorientiert und gründet auf einer Philosophie, die vanua als eine nicht verkleinerbare Assemblage ansieht.
Auf der Basis der neu gefassten Vorstellung vom Menschlichen als einem „teilnehmenden Element in unserer planetarischen Assemblage“ würde ich gerne wissen, ob indigene Praktiken und wissenschaftliche Erkenntnisse gemeinsam eine pragmatische Antwort auf die mit dem Klima zusammenhängende Krise bieten können, welche die Moderne heraufbeschworen hat.
Ich habe ein solches Konzept mehr oder weniger zufällig entdeckt, als ich mich mit Theorien von Ernst Bloch und Theodor Adorno beschäftigte, also mit der Frankfurter Schule. Sowohl für Bloch als auch für Adorno bildet das Archaische eine Wesenseinheit mit der Moderne, da das Archaische eine notwendige Voraussetzung der Moderne ist. Bloch betrachtet das Archaische sogar als eine „verhinderte Zukunft“ oder als eine Möglichkeit, die innerhalb der Moderne weiterbesteht. Er warf folgende Fragen auf: Was würde passieren, wenn archaische Praktiken sich mit der technisch-wissenschaftlichen Gegenwart verbinden würden?
Würde dann damit die Perspektive auf eine bis jetzt verhinderte Zukunft eröffnet, die eben genau durch eine rücksichtslose und auf Überakkumulation ausgerichtete Gegenwart verhindert wird? Viele Menschen auf unserem Planeten beschäftigen sich mit dieser wichtigen Frage, indem sie sich auf ernsthafte Weise mit den sogenannten archaischen indigenen Praktiken auseinandersetzen. In Fidschi beispielsweise haben Wissenschaftler meiner Universität bereits in den 1990er-Jahren angefangen, der indigenen Bevölkerung zu zeigen, wie man Meereslebewesen wissenschaftlich erfasst.
Außerdem haben sie vorgeschlagen, tabus jeweils auf der Grundlage der Auswertung dieser Daten zu verhängen oder aufzuheben. Die Ergebnisse haben alle positiv überrascht, weil durch die Wissenschaft eine indigene Praxis des Naturschutzes bekräftigt und unterstützt wurde, welche jetzt überall im fidschianischen Archipel eine Renaissance erfährt. Die Verbindung zwischen „ungleichzeitigen“ tabus und „gleichzeitigen“ (also zeitgenössischen) wissenschaftlichen Erkenntnissen könnte tatsächlich eine Inspirationsquelle für die zukunftsorientierte Wiederbelebung einer unabgeschlossenen Vergangenheit sein. Wissenschaft und Technik sollten jedoch im Zusammenhang mit solchen existierenden indigenen Praktiken eingesetzt werden, die das Leben als eine Assemblage betrachten und auf anthropozentrische Hierarchien und anthropozentrische Wertmaßstäbe verzichten.
Auf der Grundlage dessen, was wir bis jetzt in unserem Gespräch diskutiert haben, frage ich mich Folgendes: Könnten aus dem Netz gegenseitiger Abhängigkeiten, das unseren Planeten umspannt und das auch zu den durch den Klimawandel ausgelösten Verwüstungen geführt hat, nicht auch Möglichkeiten erwachsen, wie wir kollektiv der globalen Klimaerwärmung begegnen können? Wie könnten wir in dem Zusammenhang von einer passiven zu einer aktiven Verflechtung aller mit allen übergehen? Wie könnten wir von einem Zustand, bei dem alles mit allen verbunden ist – was jedoch derzeit meist eine Lähmung zur Folge hat –, zu einem vernetzten Zustand gelangen, der neue Formen grenzüberschreitender Zusammenarbeit ermöglicht?
Das sind natürlich wichtige Fragestellungen. Ich denke, wir müssen – gleichzeitig – sowohl einzeln als auch kollektiv agieren. Dies wird aber sicher in unterschiedlichen Kontexten stattfinden müssen (da wir jeweils in unterschiedlichen Klimazonen leben) und auf jeweils andere Weise. Wir müssen deshalb zusätzlich einzeln agieren, weil wir als Individuen die ethische, ökologische und (auf sämtliche Arten bezogene) überlebensorientierte Pflicht haben, uns um unsere „atmosphärische Allmende“ (Dipesh Chakrabarty) zu kümmern.
Ich muss mich also selbst bemühen, wirksame und konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um meine persönliche Kohlendioxidbilanz zu verringern, indem ich mich beispielsweise um Mangrovenbäume kümmere, mich vom Stromnetz verabschiede, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, Kohlenstoff absorbierende Farnkräuter anbaue, auf Fleisch verzichte und so weiter.
Selbst wenn alle unbekannten Multituden in ihren jeweiligen Kontexten alleine und in Abgeschiedenheit agieren würden, so würden wir doch immer noch gemeinsam mit dem Ziel agieren, der planetarischen Assembage zu dienen. Ich habe mir kürzlich einen Reuters-Bericht über das sogenannte „wood wide web“ (waldumspannendes Netzwerk) angeschaut. Danach gibt es in Höhenwäldern Kohlenstoff absorbierende Ektomykorrhiza-Pilze, die ein Untergrund-Kommunikationsnetzwerk im Wald bilden. Mir gefällt die Idee einer Menschheit, die als eine Kohlenstoff absorbierendes Pilz-Assemblage lebt, wobei jedes Individuum zwar zunächst alleine, letztlich aber zusammen mit den anderen auf ein gemeinsames planetarisches Ziel hinarbeitet.
Wie können wir kooperative Praktiken innerhalb des Zusammenspiels von örtlich-zivilgesellschaftlichen, staatlichen und globalen Ansätzen zur Anpassung an den Klimawandel unterstützen?
Ich glaube, dass wir überall herausfinden müssen, was die modernsten ökologischen Praktiken (einschließlich kohlenstoffreduzierender Praktiken) sind, egal an welchem Ort diese angewandt werden. Wir müssen dann den staatlichen Akteuren demonstrieren, welche Vorteile diese Praktiken bieten. Auf globaler Ebene müssen wir Wissenschaft und Technik für die Unterstützung, den Ausbau und die Anwendung dieser Praktiken gewinnen. Bei uns in den Tropen bringt eine Anpassungsstrategie nichts. Wir benötigen konkrete Maßnahmen, mit denen wir die Auswirkungen des Klimawandels rückgängig machen können. Wir müssen uns auch mit dem Problem auseinandersetzen, dass durch die Marktwirtschaft ökologisch sinnvolle Praktiken zerstört wurden; diese Praktiken müssen weltweit wiederbelebt werden.
Ich erinnere mich, dass ich kürzlich etwas über plastikfressende bakterielle Enzyme gelesen habe und dass Wissenschaftler derzeit erforschen, wie diese Enzyme genutzt werden können, um den biologischen Abbau von Plastik zu beschleunigen. Ich habe sofort an die Obstverkäufer in Fidschi gedacht: Vor gar nicht so langer Zeit verkauften sie ihre Produkte in Körben aus geflochtenen Kokosnussblättern. Bei uns gibt es Kokosnussbäume im Überfluss, und wenn man hin und wieder deren Blätter erntet, schadet das den Bäumen nicht. Jemand hat früher diese Körbe vor Ort geflochten und sich damit seinen Lebensunterhalt verdient. Das war in den Tropen wirklich eine intelligente ökologische Praxis. Die Körbe aus Kokosnussblättern sind natürlich mittlerweile sang- und klanglos dem Plastikgeist des Kapitalismus zum Opfer gefallen.
Originaltext

Sudesh Mishra

Ist ein fidschianisch-australischer Dichter und Akademiker. Er wurde auf Fidschi in einer indo-fidschianischen Familie geboren. Nach Australien zum Studium kommend, promovierte er an der Flinders University in englischer Literatur. Er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Seine Schriften behandeln häufig Ereignisse in seiner Heimat, wie den Staatsstreich von 1987. Im Jahr 2003 erhielt er eine Asialink Literature Residency an der Jawaharlal Nehru University, New Delhi. Seine aktuelle Forschung geht neue Wege, insbesondere zu den indigenen Reaktionen auf moderne ökologische Krisen wie den Klimawandel. Er ist Leiter der School of Language, Arts and Media an der University of the South Pacific. Er war außerordentlicher Professor für kreatives Schreiben an der Deakin University in Australien und lehrte Literatur an der Stirling University in Schottland und der University of the South Pacific, Campus Suva.
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Strategievergleich: Kovac ./. Merkel

über Strategievergleich: Kovac ./. Merkel

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Strategievergleich: Kovac ./. Merkel

Egon W. Kreuzer
Der Unterschied in der Verantwortung zwischen dem amtierenden Trainer des Rekordmeisters FC Bayern München und dem amtierenden Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ist gering.
Beide sind Inhaber der Richtlinienkompetenz. Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen dieser beiden Figuren können den Klassenerhalt gefährden. Der FCB in der zweiten Bundesliga, das wäre eine Katastrophe für den Verein, für München, für ganz Bayern, für den Deutschen Fußballbund. Ein Einnahmeverlust sondersgleichen, das vorzeitige Ende von Karrieren und die Beerdigung von Karrierehoffnungen, schlicht: Der Supergau.
Einen Abstieg, den muss sich ein Verein über die Jahre allmählich erarbeiten, damit alle Betroffenen und alle Profitierenden ausreichend Zeit haben, sich neu zu orientieren. Der HSV hat das zum Beispiel auf ganz und gar großartige Weise gelöst. Während der FC Nürnberg, sich ganz leicht damit tut, nach dem Aufstieg wieder abzusteigen, weil dies das für diesen Verein vollkommen natürliche Verhalten darstellt.
Bei einem gesunden Verein, der von Saison zu Saison der Tabellenspitze näher ist als den Abstiegsplätzen, funktioniert der Selbsterhaltungstrieb jedoch relativ gut. Ist ein Trainer nicht in der Lage, die Mannschaft so einzustellen, dass die in jedem einzelnen Spiel wenigstens das Notwendige leistet, ohne dabei so zu wirken, als sei sie gerade noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen, wird der Vereinsvorstand den Trainer anhören, soweit möglich auf dessen berechtigte Forderungen eingehen, doch zugleich ein Ultimatum setzen, vorsichtig die Fühler nach einem Nachfolger ausstrecken, und wenn nicht rechtzeitig eine Aussicht auf nachhaltige Besserung zu erkennen ist, den Vertrag auflösen und ggfs. mit einem tränenden Auge eine horrende Abfindung auf den Tisch legen, so eine solche verabredet war.
Es geht um’s Überleben im gewohnten Milieu. Da sind Sentimentalitäten fehl am Platze.
Als Merkel  die Bundesrepublik von Schröder übernommen hat, der nach dem allmählichen Totalversagen Kohls an die Macht gekommen war, befand sich die „Mannschaft“ nach einer Rosskur namens Agenda 2010 in relativ guter Verfassung. Sicher, Schröder hatte am Ende die Fans verprellt, was ihm den Job kostete, doch statt hier zu versuchen, wieder Boden gut zu machen, hieb Merkel fleißig weiter in die gleiche Kerbe und begann zudem damit, ganz subtil gegen die Vereinsführung und die Sponsoren zu arbeiten und eine Figur nach der anderen kalt zu stellen.
So gelang es ihr, die Bundesrepublik von einem der ersten Tabellenplätze kommend, von Spielzeit zu Spielzeit ein Stück weiter in Richtung Tabellenkeller zu bewegen.
Beim FC Bayern hätte sie spätestens am Ende der zweiten Spielzeit wegen nachlassender sportlicher und wirtschaftlicher Erfolge, wegen nicht erkennbarer Zukunfts-Konzepte und einer gegen sie aufgebrachten Mannschaft ihre Koffer packen müssen.
Der Verein BRD hat sie jedoch gewähren lassen.
Setzt man – in der Analogie – die Spitzenpolitiker aller im Bundestag vertretenen Parteien mit dem Vorstand eines Fußballvereins gleich, dann muss man konstatieren, dass da offenbar nirgends jemand anzutreffen ist, der einen Missstand erkennt und benennt, dass niemand anzutreffen ist, der den Mut hat, den Trainer zu feuern, weil die Angst, oder sogar die Gewissheit, unter allen Kandidaten nur eine noch größere Pfeife auswählen zu können, jede Hoffnung auf Besserung unmittelbar wieder in sich zusammenbrechen lässt. Wo noch nicht einmal jemand zu finden war, der sich von sich aus um den Vorstand der SPD beworben und sich kraftvoll gegen mögliche Rivalen durchgesetzt hätte, zeigt sich doch das Dilemma von seiner allerpeinlichsten Seite.
Es ist ein Bild des Jammers. Die Blinden scharen sich schützend um die vermeintlich Einäugige, stolpern ihr nach, versuchen, bloß nicht den Anschluss zu verlieren, über Stock und Stein, durch Sumpf und Treibsand, vorwärts immer, rückwärts nimmer, wer stürzt oder versinkt, bleibt liegen, niemand nimmt Notiz davon. Ochs und Esel in ihrem Lauf …
Der HSV wäre längst in der Regionalliga Nordost angekommen und müsste bangen, vom ZFC Meuselwitz vernichtend geschlagen zu werden. Auf dem Spielplan der Republik stehen hingegen nur noch Erstrunden-Pokalspiele, aus denen die hoffnungsfroh aufgelaufenen Dilettanten Heiko und Annegret mit haushohen Niederlagen nachhause ziehen müssen, während die Richtilinienkompetente offenbar noch nicht einmal mitbekommen hat, dass da überhaupt eine Partie angepfiffen wurde und wohl glaubt, immer noch in der ersten Liga unangefochten die Tabelle anzuführen.
Hätte nie gedacht, dass die Bundespolitik einmal nur noch zu erklären sein würde, wenn man sie mit dem Fatalismus des Fans der abgestiegenen Mannschaft betrachtet, der dann gerne „von der schönsten Nebensache der Welt“ spricht, oder in brutaler Offenheit bekennt:
„Ist doch nur Fußball!“
(Schön wär’s!)
Originaltext
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«Breitbart» soll Teil von «Facebook News» werden

über «Breitbart» soll Teil von «Facebook News» werden

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«Breitbart» soll Teil von «Facebook News» werden

Aufgrund nachfolgendem Artikel publiziert „Akademie Integra“

nicht mehr über „Facebook“.

Tobias Tscherrig, „infosperber“

Facebook will mit einem umstrittenen extrem rechten News-Portal zusammenarbeiten. Das ist aus mehreren Gründen problematisch.

Wie Facebook-Gründer Marc Zuckerberg im April in einem Gespräch mit Springer-Chef Mathias Döpfner erklärte, will der US-Konzern auf seiner Plattform in Zukunft «hochwertige und vertrauenswürdige News» hervorheben. Die Ankündigung war eine Kehrtwende von Zuckerberg, der noch im Mai 2018 gesagt hatte, er habe kein Interesse daran, Verlage für ihre Storys zu bezahlen: «Die Leute kommen nicht zu Facebook, weil sie Nachrichten konsumieren wollen, sondern um mit Freunden zu kommunizieren.»
In der Zwischenzeit ist klar, was sich Zuckerberg unter «hochwertigen und vertrauenswürdigen News» vorstellt: So soll unter anderem auch das rechtsextreme Portal «Breitbart», das als Plattform für «weisse Nationalisten» gilt, zu den Partnern gehören, mit denen Facebook zusammenarbeiten will. «Breitbart» stand wiederholt in der Kritik, weil die Plattform Stimmung gegen Einwanderer und dunkelhäutige Menschen gemacht hatte. Das Portal wurde unter anderem wegen irreführender und falscher Berichterstattung kritisiert.
Es geht um Millionen – und um Traffic
Am 25. Oktober startete Facebook eine neue Rubrik für Nachrichten. Die Funktion heisst «News Tab» und gilt als «Alpha-Launch»: Sie kann bisher nur von einigen Hunderttausend Facebook-Nutzerinnen und -Nutzern in den USA genutzt werden. In der Facebook-App wird ein neues Icon in der Bedienleiste angebracht, klicken die Facebook-Nutzer das Icon an, sehen sie Schlagzeilen, die von Facebook-Redakteuren ausgesucht wurden. Auch eine personalisierte Auswahl, die von einem Algorithmus zusammengestellt wird und die jeweiligen Vorlieben der Nutzerinnen und Nutzer beachtet, soll möglich sein. Klicken die Nutzer auf eine Text-Überschrift, werden sie zur Website des jeweiligen Angebots geführt. Hier sollen die entsprechenden Artikel dann komplett lesbar sein.
Die Medienhäuser, mit denen Facebook zusammenarbeitet, sollen für die Bereitstellung ihrer Inhalte entschädigt werden. Bereits im Sommer 2019 berichtete das «Wall Street Journal», dass Facebook mit grossen US-Medienhäusern entsprechende Verhandlungen führe und für die Bereitstellung der News bis zu drei Millionen US-Dollar in Aussicht stelle. Diese Summe soll Facebook nun einigen Partnern für einen 3-Jahres-Deal zahlen. Andere News-Anbieter bekämen zwar kein Geld, dafür aber Traffic auf ihre Internetauftritte.
«Wenn Nachrichten gründlich recherchiert sind, bekommen Menschen Informationen, auf die sie sich verlassen können. Wenn dem nicht so ist, verlieren wir ein wichtiges Werkzeug, um gute Entscheidungen zu treffen», schreibt der US-Konzern in einer Ankündigung zum Start der neuen Funktion in den USA.
Ambivalentes Verhalten des US-Konzerns
Zwar hat Facebook noch keine Liste mit allen Nachrichten-Partnern veröffentlicht. Allerdings berichtet «The Verge», dass der US-Konzern auch mit dem umstrittenen, extrem rechten Online-Portal «Breitbart» zusammenarbeiten will. Eine Partnerschaft, die in verschiedenen Medien stark kritisiert wurde und auf die Zuckerberg mit den Worten, man wolle diverse politische Ansichten zur Verfügung stellen, reagierte. Womit er die geplante Zusammenarbeit bestätigte.
Die Zusammenarbeit mit «Breitbart», das immer wieder für die Verbreitung von Falschnachrichten kritisiert wurde, zeigt einmal mehr, wie ambivalent Facebook mit dem Wahrheitsgehalt von politischen Inhalten und mit Faktenchecks umgeht. So behauptete Zuckerberg wiederholt, nicht in politische Inhalte eingreifen zu wollen, weil Facebook kein Schiedsrichter sei. Es gibt zwar ein Team, dass sich mit dem Wahrheitsgehalt der Inhalte auseinandersetzt, die auf Facebook verbreitet werden. Politische Inhalte sind aber explizit davon ausgenommen. Wenn die Inhalte als falsch entlarvt werden, werden sie von Facebook nicht gelöscht – sondern höchstens mit einem entsprechenden Verweis markiert. Im Gegensatz dazu erklärte Zuckerberg in der Vergangenheit wiederholt, gegen Propagandakampagnen vorgehen zu wollen.
Portal für «weisse Nationalisten»
Das «Breitbart News Network» ist eine US-amerikanische Nachrichten und Meinungs-Website die 2007 vom konservativen Blogger und Aktivisten Andrew Breitbart gegründet wurde. In den USA wurde er als Kämpfer gegen Liberale und Linke bekannt. Nachdem Breitbart 2012 verstarb, wurde sein Netzwerk von Stephen Bannon übernommen, der es zum bedeutendsten Medium der weit rechts stehenden Alt-Right-Bewegung und zu einem Portal für «weisse Nationalisten» ausbaute. Bannon arbeitete bis 2016 bei Breitbart, bevor er im Wahlkampf einer der wichtigsten Berater des späteren US-Präsidenten Donald Trump wurde und von diesem nach der Wahl zu seinem Chef-Strategen im Weissen Haus gemacht wurde. Als Trump Bannon entliess, kehrte er zu Breitbart zurück, um dann im Oktober 2018 im Zuge der Erscheinung des Enthüllungsbuches «Fire and Fury» von seinem Posten zurückzutreten.
Bereits im August 2010 teilte Andrew Breitbart der Öffentlichkeit mit, dass er sich verpflichtet fühle, die alte Medienlandschaft zu zerstören. Bannon definierte die Zielgruppe des Netzwerks dann als «junge Menschen, die sich gegen die Globalisierung aussprechen, sehr nationalistisch und gegen das Establishement sind». So führte das Breitbart-Netzwerk unter Bannon zum Beispiel die Rubrik «Verbrechen von Schwarzen» ein.
Erfolge trotz Falschnachrichten
Die US-amerikanische Journalistin Jane Mayer umschrieb das «Breitbart News Network» mit den Worten: «Die Website mischt freiheraus rechtslastige politische Kommentare mit kindischen Pöbeleien und rassistischen Anspielungen.» Obwohl das «Breitbart News Network» in der Vergangenheit in diverse Skandale verwickelt war und mehrfach der Falschinformation überführt wurde (zum Beispiel bei der ACORN-Demontage, bei falsch dargestellten Klimadaten, bei der «Friends of Hamas-Kampagne» oder bei einer fehlerhaften Berichterstattung über angebliche Vorfälle in der Silvesternacht in Dortmund), gehörte es laut der Analysefirma «Alexa Internet» 2017 zu den weltweit 250 meistbesuchten Websites. Im März 2018 berichtete die US-amerikanische Zeitung «Politico», dass Breitbart innerhalb eines halben Jahres etwa die Hälfte an Unique Visitors verloren habe.
Verbindungen zu Datenskandal um Cambridge Analytica
Die Zusammenarbeit zwischen Facebook und Breitbart ist nicht nur wegen der Breitbart-Inhalte problematisch – sondern auch vor dem Hintergrund des Skandals um Facebook und dem Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica.
Im Frühjahr 2018 erfuhr die Welt, dass 2016 über eine Umfrage-App unerlaubt Daten von rund 87 Millionen Facebook-Nutzern an die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica weitergegeben wurden. Cambridge Analytica arbeitete auch für das Wahlkampfteam von US-Präsident Donald Trump. Mit den Informationen soll die Firma geholfen haben, Anhänger des heutigen US-Präsidenten Donald Trump zu mobilisieren und zugleich potenzielle Wähler der Gegenkandidaten Hillary Clinton vom Urnengang abzuhalten.
Im Juli 2019 stimmte Facebook einem milliardenschweren Vergleich mit der US-Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission (FTC) zu. Als Teil der Vereinbarung soll Facebook einen Vorstandsausschuss für Datenschutz einrichten. Ausserdem solle sichergestellt werden, dass die Privatsphäre der Nutzer künftig angemessen geschützt werde. Erst wollte Facebook nicht zahlen und legte Berufung ein. Später zog der US-Konzern die Berufung zurück, gab sich reumütig und teilte mit, man wünsche, man hätte früher mehr getan, um Cambridge Analytica zu untersuchen.
Trotz alledem will Facebook nun mit dem «Breitbart News Network» zusammenarbeiten. Hauptinvestor bei Breitbart ist der Milliardär Robert Mercer, der bis zur Insolvenz im Mai 2018 Mitbesitzer der Big-Data-Agentur Cambridge Analytica war. Auch Stephen Bannon, der für Breitbart jahrelang in leitender Funktion tätig war, war an der Gründung von Cambridge Analytica beteiligt.
Nichts aus Datenskandal gelernt
Zwar gab Mercer im November 2017 an, dass er seine Anteile an Breitbart an seine Töchter verkaufen werde – das macht die Sache allerdings nicht besser. So gründeten die Eigentümer von Cambridge Analytica das Nachfolgeunternehmen «Emerdata», bei dem es zahlreiche personelle Überschneidungen mit dem Personal von Cambridge Analytica gibt. Zu den Mitarbeiterinnen gehören auch die einflussreiche Lobbyistin und prominente Trump-Unterstützerin Rebekah Mercer, die als Präsidentin von Cambridge Analytica amtete – sowie deren Schwester Jennifer Mercer: Die beiden Töchter von Milliardär Robert Mercer, denen er nach eigener Aussage das «Breitbart News Network» verkauft hat.
Damit arbeitet Facebook zukünftig mit einem extrem rechten News-Portal zusammen, das nachweislich Falschmeldungen verbreitete und dessen Eigentümerinnen beim Nachfolge-Unternehmen von Cambridge Analytica tätig sind. Das karikiert die Reue, von der Zuckerberg nach dem Datenskandal sprach und seinen angeblichen Willen, in Zukunft gegen Propagandakampagnen vorgehen zu wollen.
Originaltext
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So durchschaut man politische Manipulationen

Das neue Buch von Albrecht Müller ist gerade auch für Nicht-Politiker lesenswert (…)
Christian Müller, Bericht-Auszüge aus „infosperber“

«Glaube wenig» – «Hinterfrage alles» – «Denke selbst».

So lautet der Titel eines Buches von Albrecht Müller, das vor wenigen Tagen im deutschen Westend Verlag erschienen ist. Und der Untertitel lautet: «Wie man Manipulationen durchschaut».
Es geht dabei, im ersten Drittel des Buches, ganz konkret um die Methoden, wie heute politische Parteien, Wirtschafts-Interessengruppen oder auch staatliche Mächte in politischen Auseinandersetzungen – nicht zuletzt eben auch vor Wahlen – die Meinungen der Stimmberechtigten zu beeinflussen versuchen.
Das kennt man ja alles schon? Nicht wirklich. Albrecht Müller, selber auf SPD-Seite jahrzehntelang im politischen Kampf um Stimmen involviert und engagiert, heute der wichtigste Kopf der Online-Plattform NachDenkSeiten, identifiziert und beschreibt 17 verschiedene Manipulationsmethoden. Mit vielen Beispielen. Da gehen auch dem langjährigen Polit-Beobachter manche Lichter auf.
Müller identifiziert und separiert folgende 17 Methoden:
1. Sprachregelung
2. Manipulation mithilfe von ständig gebrauchten und mit einer Bewertung versehenen Begriffe
3. Geschichten verkürzt erzählen
4. Verschweigen
5. Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein
6. Übertreiben – Es wird schon was hängen bleiben
7. Die gleiche Botschaft aus verschiedenen Ecken aussenden
8. Alle in der Runde sind der gleichen Meinung. Dann muss es ja richtig sein.
9. Der Wippschaukeleffekt
10. Umfragen zu nutzen, um Meinung zu machen
11. B sagen und A meinen
12. NGOs gründen oder benutzen
13. Ein Sammelsurium von Andeutungen macht in der Summe die Halbwahrheiten zur Wahrheit
14. Experten helfen – zu manipulieren
15. Namen verknüpfen und damit Einzelne bewerten
16. Gezielter Einsatz von Emotionen
17. Konflikte nutzen und inszenieren, um Meinung zu machen.
Ein paar Beispiele
B sagen, aber A meinen. Albrecht Müller: «Das eine sagen, aber das andere meinen. Diese Methode wird unentwegt angewendet. So ist der Niedergang der SPD des Öfteren mit der Behauptung begleitet worden, die SPD verkaufe sich schlecht ( = B). Damit transportiert aber wurde die Botschaft, ihre Politik sei eigentlich gut gewesen ( = A). Auf allen Ebenen der SPD spukt derweil dieses Gespenst herum: Wir sind eigentlich gut, aber wir verkaufen uns schlecht.»
«Auch die Agenda 2010 wurde und wird uns immer wieder auf diese Weise nahegebracht: Bundeskanzler Schröder habe sich, seine Kanzlerschaft und seine Partei geopfert, um das Land voranzubringen ( = B). Damit wird die Botschaft transportiert, die Agenda 2010 sei notwendig gewesen und nützlich.»
Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein. Ein Zitat aus dem Buch von Albrecht Müller: «Wiederholungen werden zum Beispiel massiv beim Umgang mit Russland eingesetzt. Russland verhalte sich aggressiv und expansiv. Da muss man sich zwar die Augen reiben, wenn man bedenkt, wie viele Kriege der Westen führt und wie viele Milliarden Dollar die USA (2018: 643,3 Milliarden US-Dollar) im Vergleich zu Russland (63,1 Milliarden) ausgeben. Extrem unterschiedlich ist auch die Zahl der Militärbasen, die einerseits die USA und andererseits Russland in der Welt unterhalten. Da ist das Verhältnis etwa 1000 zu 20. Aber die Wiederholung des Vorwurfs, Russland sei aggressiv und expansiv, zeitigt Erfolge. George Orwell dazu in 1984: ‹Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glauben – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.›»
Namen verknüpfen und damit Einzelne bewerten. Albrecht Müller zitiert in seinem Buch ein Dutzend Artikel aus deutschsprachigen Medien, inklusive öffentlich-rechtliche, wo mehrere Polit-Köpfe als Paket behandelt werden. Zum Beispiel die Hamburger Morgenpost: «‹Starke Kerle›, die keine Widerworte dulden und in ihren Ländern aufräumen wollen: Viktor Orban, Matteo Salvini, Donald Trump, Rodrigo Duterte, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan.» Und Müller zeigt auf, wie solche Namenpakete, mit denen einzelne Politiker falsch bewertet werden, gerne auch von anderen Medien abgeschrieben und übernommen werden.
(…)
«Glaube wenig» – «Hinterfrage alles» – «Denke selbst», so der Titel des Buches, schafft es, dass einem in vielen Punkten die Augen aufgehen. Offene Augen aber sind die Bedingung für eine aktive Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung. Ohne offene Augen überlassen wir, Demokratie hin, Demokratie her, unsere Zukunft jenen, die sie zu ihrem persönlichen Vorteil und nicht zugunsten der Allgemeinheit manipulieren können.
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Quo vadis homo s@piens?

Die Entwertung von menschlichem Leben 

Heike Knops, „untergrundblättle“
Im Mai 2019 wurde das 70-jährige Bestehen des Grundgesetzes gefeiert. So lange schon gilt in der Bundesrepublik das Prinzip der Unantastbarkeit von menschlichem Leben, der Gleichheit aller Menschen – der Menschenwürde: „sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art.1.1)!
In den 70 Jahren ist die BRD deutlich gealtert. So sehr, dass Ärzte und medizinisches Personal zunehmend Bereitschaft zeigten, das Leben ihrer alten und kranken Patient*innen unter bestimmten Bedingungen vorzeitig zu beenden.
Diese in ganz Europa verbreitete Praxis nahm das „Komitee für soziale, gesundheitliche und familiäre Angelegenheiten“ des Europarates im September 2003 zum Anlass, über eine einheitliche europäische Praxis am Lebensende (1) zu diskutieren und den Mitgliedsstaaten eine Vereinheitlichung der Euthanasie-Maßnahmen zu empfehlen und diese zu legalisieren, um sie kontrollieren zu können. In Rede stehen dabei unheilbare Krankheiten oder ständige, unerträgliche Schmerzen ohne Aussicht auf Besserung und der daraus resultierende oder mutmaßliche Patientenwunsch nach Euthanasie.
Damit ist ein sich ausweitenden Zugriff auf das Leben der Bevölkerung eingeleitet worden. Diese Entwicklung ist systemischer Teil einer sich verändernden Gesellschaft, die immer stärkere Züge eines ungebremsten Kapitalismus trägt. Darin wird alles zur Ware und unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen organisiert: auch das Leben. Wurde zunächst nur auf die Arbeitskraft des Menschen rekurriert, so gerät unter medizinischem Kompetenzzuwachs und medizinischer Dominanz mehr und mehr der gesamte Mensch, alle menschlichen Lebensphasen in den Focus.
Mittels Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID) ist eine weitere gesellschaftliche Bewertung und Entwertung von Leben implementiert worden. Denn diese Verfahren suchen vorgeburtlich auch gezielt nach Krankheiten und Beeinträchtigungen. Werden Veränderungen entdeckt, die unerwünscht sind, die gesellschaftlichem Nutzen und Verwertung zuwiderlaufen, weil sie etwa Pflege und Kosten verursachen werden, so wendet sich diese medizinische Praxis von einer bis dahin öffentlich etablierten zur „rein privaten“. Denn nun sollen plötzlich die Eltern über das Schicksal des bereits medizinisch als „unwert“ definierten ungeborenen Lebens entscheiden. Sie sollen Tod oder Weiterleben verantworten.
Durch dieses Setting verwandelt sich ein von der Krankenkasse bezahltes medizinisches Angebot in eine private Einzelentscheidung. Damit wird die eugenische Selektion formal aus der staatlichen Verantwortung in die private verschoben. Andererseits aber hat das Verfahren gerade durch die Standardisierung und den allgemeinen Zugang zu dieser medizinischen Leistung gesellschaftliche Bedeutung. Daher kann nicht unreflektiert bleiben, dass PND (und PID) Selektion und pränatale Euthanasie intendiert und insofern eine moderne Form der Eugenik darstellt.
Als solche hat diese Praxis bevölkerungspolitische und sozialethische Relevanz und müsste demokratischem Diskurs und Kontrolle unterworfen sein und sich eben nicht als Privatsache im medizinischen Alltag vollziehen. Zumal das Grundgesetz auch in dieser Frage ein Schutz- und Wächteramt inne hat. Zwar obliegen Pflege und Erziehung der Kinder den jeweiligen Eltern. Aber: „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“ (Art. 6(2)).
Dass eine eugenische Entscheidung heutzutage keiner diktatorischen Politik mehr bedarf und nicht im Widerspruch zum Grundgesetz (Artikel 1) verstanden wird, ist das Ergebnis kapitalistischer Vergesellschaftung. Sie sichert die individuelle Übernahme der leistungsorientierten Wertmuster durch Angleichung der Identitätsstruktur des Einzelnen an das objektive Anspruchsniveau. Denn „Personale Identität entwickelt sich im Prozess der individuellen Vergesellschaftung als Vermittlung subjektiver Bedürfnisse und Erwartungshaltungen mit den gesellschaftlichen Ansprüchen und Normen, zu denen die Leistungsbereitschaft als zentrales Element gehört.“ (2) In dem Maße wie die Leistungsfähigkeit abnimmt, verliert das Leben an Wert. Das vermittelt auch das soziale Umfeld, das maßgeblich zur sozialen und persönlichen Identität beiträgt, indem es durch seine Interessen und Definitionen den anderen determiniert.
Diese Art sublimer Fremdbestimmung und bevölkerungspolitischer Lenkung des Menschen durch die kapitalistische Logik des medizinisch-technischen Machtblocks wird begleitet und verstärkt durch einen Prozess gesellschaftlicher Entsolidarisierung. Die Anfänge dieser Entwicklung sieht der französische Philosoph Michel Foucault in der aufkommenden Industrialisierung, die den „menschlichen Körper im wesentlichen zur Produktivkraft“ werden ließ. Gleichzeitig sind „sämtliche Formen der Verschwendung“ von Lebensenergie (Foucault meint hier Sexualität und Wahnsinn), sowie alle Lebensweisen, die nicht der Produktivität dienen, und „daher in ihrer Nutzlosigkeit in Erscheinung“ treten, „verbannt, ausgeschlossen und unterdrückt worden“. (3) Wir blicken heute auf einen Großteil dieses Prozesses bereits zurück.
Aus der wirtschaftlichen Nützlichkeit eines Menschen und den gesellschaftlichen Notwendigkeiten hat sich in der Gegenwart ein Konsens über Lebensqualität gebildet. Er ist uns vertraut und fassbar im herrschenden Gesundheits- und Schönheitsideal sowie der Leistungsethik und Konsumfähigkeit. Ein Leben mit Beeinträchtigungen, die Konsum-, Leistungs- und Erlebnisfähigkeit reduzieren, erscheint als nicht lebenswert.
Die eigene Leistungsfähigkeit zu erhören, liegt nahe und ist nicht nur im Profisport verbreitet. Längst werden Angebote der Leistungssteigerung im Alltag genutzt: Tabletten, Anabolika, Proteine oder Stimulanzen, Energydrinks, Fitnessprogramme, Ernährungsvorschriften. Fitnessarmbänder kontrollieren Puls und Herzfrequenz, zählen Schritte und Wegstrecke, verbrauchte Kalorien sowie die Phasen der Inaktivität. So drängen sie zur ständigen Verbesserung des eigenen Status`. Daneben explodiert eine Wellness-Industrie, um den ständigen Anforderungen im privaten wie öffentlichen Leben standhalten zu können. Die Aussicht auf eine ganz grundsätzliche Optimierung des Menschen klingt da verlockend. Intelligenz, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und gutes Aussehen durch genetische oder biotechnische Optimierung zu erreichen, trifft das Lebensgefühl der modernen Gesellschaft, in der alles käuflich erscheint.
Human Enhancement (4)
An einem entsprechenden Angebot arbeitet bereits ein Google-Projekt, das Ray Kurzweil im Herbst 2014 mit großem finanziellem Aufwand startete. (5) Das menschliche Gehirn soll durch Implantate zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten und Neural Engeneering zur allgemeinen Erweiterung des menschlichen Bewusstseins perfektioniert werden. Darüber hinaus arbeitet das Projekt an der Cyborgisierung auch gesunden Körpergewebes, um Widerstandsfähigkeit und Lebensdauer zu steigern.Kurzweil zielt auf eine genetische Optimierung des Menschen durch Informations- und Biotechnologie. In seinem Buch „homo s@piens“ (6) mit der ausdrucksstarken Schreibweise von „s@piens“ (die ich augenzwinkernd im Titel übernommen habe) berichtet er davon.
Das Google-Projekt testet in einem ersten Schritt Möglichkeiten der Selbstlernbefähigung von Datenträgern: riesige von Googles Suchmaschinen gesammelte und verglichene Datenmengen sollen sich sozusagen selbst weiter entwickeln, indem sie sich kombinieren und selbständig neue Informationen generieren. Auf dieser Grundlage, mit dieser Methodik hofft man, Krankheiten besser zu erforschen, zu beseitigen und die Lebensdauer des menschlichen Körpers auf ein Mehrfaches zu erhöhen.
Mittlerweile ist das beschriebene Projekt zu einem börsennotierten Unternehmen angewachsen mit einem Jahresumsatz von 136,8 Mrd. US-Dollar (2018). Es firmiert unter den Namen „Calico“ und „Alphabet“ und hat seine Arbeit ausgeweitet: vom ehemaligen Gesundheitssektor und der Biotechnologie auf die Branchen Internetdienstleistungen, Werbung, Softwareentwicklung und Investment. Zielsetzung des Unternehmens sei es, mithilfe modernster Wissenschaft und transformativer Technologie die Alterung zu bekämpfen und die Gesundheit zu erhöhen „auf der Grundlage von intellektueller Freiheit und Kreativität“.
Auch die BRAIN-Initiative, die vom US-Präsidenten Barack Obama 2014 ins Leben gerufen wurde, forscht an der Verbesserung des Gehirns. Die damit befassten US-Wissenschaftler*innen wollen in den nächsten Jahren zu ergründen versuchen, wie Gehirnzellen miteinander interagieren, also wie Gedanken gefasst werden. Sie wollen aufdecken, wie das Gehirn arbeitet, wie Bewusstsein entsteht und wie Krankheiten das Zusammenspiel der Neuronen verändern.
Als Durchbruch des Jahres 2018 verkündet die BRAIN-Initiative, dass es ihren Wissenschaftler*innen gelungen ist, mit unterschiedlichen Technologien die Embryo-Entwicklung in allen Details zu verfolgen. Forscher*innen können nun Zellen und ihren Folgegenerationen, also ihre zelluläre Fortentwicklung, in lebenden Organismen beobachten und auswerten.
Die Arbeit der BRAIN-Initiative ist auf zehn bis 15 Jahre ausgelegt und startete mit einer Fördersumme von etwa 110 Millionen Dollar für jedes Forschungsjahr. Finanzielle Unterstützung kommt von den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH), der nationalen Wissenschaftsstiftung, dem Verteidigungsministerium und privaten Stiftungen der USA. Dass sich das Verteidigungsministerium finanziell für diese Forschung engagiert, lässt aufhorchen! Und so stößt man darauf, dass sich die US-Army schon länger für die Optimierung der menschlichen Leistung interessiert und bereits 2008 Forschungsprojekte mit dieser Zielsetzung ausschrieb. Durch bio-chemikalische oder genetische Veränderung der Mitochondrien soll die Leistung der Soldat*innen gesteigert und länger aufrechterhalten werden.Denn, wie es in der Ausschreibung unter dem Titel „Optimierte menschliche Leistung“ heißt, wird die „moderne Armee durch die Biologie beeinträchtigt“. (7) Aufhorchen lässt zudem, das Nick Bostrom, die Brain-Initiative in Fragen der Bioethik berät. Nick Bostrom ist Mitbegründer der Transhumanistischen Bewegung in den USA.
Transhumanismus
Der Transhumanismus ist eine Art Techno-Philosophie, die sich vor allem unter nicht religiösen US-Bürgern*innen wachsender Beliebtheit erfreut. Auch und grade innerhalb der intellektuellen und wirtschaftlichen Elite des Landes nehmen die Anerkennung und die aktive Verbreitung des Transhumanismus stark zu. Eine Vielzahl technologischer Vordenker und Experten wie Peter Thiel, Peter Diamandis, Max More, Eric Drexler, Marvin Minsky und natürlich Ray Kurzweil zählen zu seinen Unterstützern.
Nun nehmen sie Kurs auf die Politik ihres Landes. Aus diesem Kreis führender Ingenieure, Wissenschaftler und Philosophen stammt auch Zoltan Istvan, Vorsitzender der neuen Transhumanistischen Partei und deren Präsident-schaftskandidat von 2016 sowie Autor des Science-Fiction-Romans „The Transhumanist Wager“.
Auf der Internetseite http://www.transhumane-partei.de stellt sich die Transhumane Partei Deutschlands vor, als deren Ziel der „globale Einsatz von Technik zur Ermöglichung eines besseren Lebens und einer besseren Zukunft für alle Menschen auf der Erde“ angegeben wird. Die Partei skizziert ihre Moral als „konstruktivem Pragmatismus unter dem Einfluss von Utilitarismus und effektivem Altruismus mit dem Ziel individueller Autarkie“. Die Hauptgeschäftsstelle der Partei ist in Jena angesiedelt, mit Landesverbänden in Berlin, Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen; den Bundesvorstand bilden ausschließlich Männer. Daneben gibt es auch die Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus, die international vernetzt und hochkarätig besetzt ist.
Die Transhumanismus-Bewegung hat sich der Anwendung neuer und künftiger Technologien verschrieben; etwa der Nanotechnologie, der Biotechnologie, der Gentechnik und der regenerativen Medizin. Sie unterstützt Forschung an den Schnittstellen von Gehirn und Computer; etwa das Hochladen des menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher oder die Entwicklung von Superintelligenz. Moderne Technologien sollen es jedem Menschen ermöglichen, seine Lebensqualität nach Wunsch zu verbessern, sein Aussehen sowie seine physikalischen und seelischen Möglichkeiten selbst zu bestimmen.
Insofern spielt die Eugenik im Transhumanismus eine zentrale Rolle. Durch Sterilisation oder Abtreibung die Geburt eines kranken oder behinderten Menschen zu verhindern, gilt in diesen Kreisen aber als „Old School“.Künftig soll vielmehr durch Genmanipulation für die Geburt eines gesunden, optimierten Kindes gesorgt werden. Die menschliche Evolution soll letztlich vom Menschen selbst und seinen persönlichen Zielen gesteuert werden. Diese Art der „Menschenzüchtung“ wollen Transhumanisten jedoch nicht in staatlicher Hand liegen sehen (wie etwa von der nationalsozialistischen Eugenik angestrebt), sondern in die Hände der jeweiligen Eltern legen. Die Rede vom Wunschkind erhält eine neue Dimension!
Der Cyborg
Wie wird es aussehen, das Wunschkind der Zukunft? Gehen wir auf eine Cyborgisierung des Menschen zu? Die Bezeichnung „Cyborg“ ist eine Abkürzung von „cybernetic organism“ und beschreibt eine informations-, gen- und/oder biotechnische Rekonstruktion des Menschen, um Krankheiten zu heilen, Leben zu verlängern oder ihn besser an eine neue Umwelt (oder die Bedingungen des Kapitalismus!) anzupassen. Ein inzwischen weit verbreitetes Element des Cyborgs sind organische Transplantate. Nieren, Herzen, Netzhäute etc. verbessern menschliche Körper, die gar nicht mehr oder nicht mehr optimal weiterleben können. Meist stammen die neuen Organe von anderen Menschen, manche Ersatzteile aber auch von Tieren (Herzklappen zum Beispiel). Wozu dient das Wissen, das in der Transplantationsmedizin generiert wird? Sehen wir uns hier Forschungsetappen auf dem Weg zum Cyborg gegenüber? Wird also der kranke Körper als Versuchsfeld genutzt zum Test der Verträglichkeit von Fremdgewebe und von Immunsuppressiva?
Aber nicht nur mit menschlichen Organen werden Kranke fit fürs weitere Leben gemacht, sondern auch mit technischen Implantaten. Klassisches Beispiel dafür sind Zahnersatz und Prothesen. Inzwischen hat die Technik letztere so weit perfektioniert, dass sie mit menschlichen Knochen verwachsen können. (8) Im Fall des „Cochlea Implantats“ (9) gibt es sogar eine Verbindung von elektrischen Leitern mit den menschlichen Nervenfasern. Andere Implantate unterstützen motorische Schwächen, der Herzschrittmacher ist der vielleicht bekannteste unter ihnen. Dass elektrische Netze als Ausweitung des zentralen Nervensystems, vielleicht als neue Körperorgane gesehen werden können, ist wohl nicht bloße Spekulation. Es wurde bereits ein Gerät entwickelt, die Biomuse, das als Verbindungsglied zwischen Computer und elektrischen Signalen eines menschlichen Körpers dient. Damit kann z.B. ein Mensch, der selbst nicht sprechen kann, durch Muskelanspannung oder Augenbewegung auf einem Monitor Worte sichtbar machen und so mit anderen kommunizieren. (10) Genetisch programmierte Bakterien sollen zukünftig als Biosensoren das Innere des Körpers erforschen und winzige implantierte Pharmapumpen steuern, die dann ein künstliches und vor allem kontrollierbares Immunsystem bilden. (11)
Ohne Zweifel verhilft der genannte Fortschritt Menschen mit Handicaps zu einem besseren Leben, zu verbesserter Integration in die Gesellschaft und Anpassung an ihre Mitmenschen; er verlängert Leben bei Organschwäche und ist ständig präsent mit technischen Neuerungen und pharmazeutischen Heilsversprechen. Fast unmerklich werden dabei die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine fließend. Wir verwandeln uns in Cyborgs, in Mensch-Maschine-Wesen mit Schnittstellen zu allen möglichen technischen Geräten und Systemen.
„RoboCop“ und Co.
In der Filmindustrie sind längst Cyborgs, Androiden und Mensch-Maschine- Wesen zu Titelhelden avanciert. „RoboCop“ zum Beispiel ist ein Polizist, der nach einer tödlichen Verwundung zum Cyber-Gesetzeshüter „umgebaut“ wird. „Doctor Octupus“ ließ sich mechanische Arme an sein Rückgrat anbringen und erhöht seine Hirnfunktion durch einen Chip. Im Film „Cyborg“ erscheint dieser als rettender Held in einer vom Untergang bedrohten Welt. „Major Motoko Kusanagi“ schließlich ist eine manipulierte Kämpferin, weder tot noch richtig lebendig, völlig künstlich erschaffen, verfolgt von der Geißel einer totalen Vernetzung und der Sucht nach physischer Perfektion. Womit die Problematik der heutigen Menschheit auf den Punkt gebracht ist: verfolgt von der Geißel einer totalen Vernetzung und der Sucht nach physischer Perfektion!
Fazit
Die beschriebenen neuen Technologien und Forschungsansätze transportieren eine Entwertung von menschlichem Leben, wie wir es bisher in seiner Vielfalt und Prozesshaftigkeit kennen und durch Art. 1 des Grundgesetzes schützen. Dies geschieht einerseits durch die Legalisierung von Angeboten der Lebensvernichtung von krankem, schwachem und altem Leben – andererseits durch Angebote der Optimierung und Anpassung des Menschen an gesellschaftliche, wirtschaftliche oder militärische Erfordernisse.
Angesichts der genannten Fakten und Tendenzen besteht m.E. erheblicher Diskussionsbedarf, insbesondere die Frage nach einem öffentlichen Diskurs und demokratischer Kontrolle der Entwicklungen. DENN:
  • Wen schützt zukünftig die bisher allgemeine Menschenwürde? Wie viel Maschine, Implantate oder tierische Ersatzteile können in einem Wesen verbaut sein, so dass es noch als Mensch gilt und die Menschenwürde für sich in Anspruch nehmen kann?
  • Wer wird Zugang haben zu den zukünftigen Möglichkeiten der Selbstoptimierung?
  • Wird die gesellschaftliche Ungleichheit unter den Menschen verstärkt, wenn Selbstoptimierung möglich, aber nicht für jeden erschwinglich ist?
  • Werden Cyborgs entstehen mit menschlichem Äußeren, die inwendig als Kampfmaschinen ausgebaut wurden oder als Arbeitssklaven?Ich freue mich auf Kommentare der Leserinnen und Leser hierzu!
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Politik der Klimakrise

Die schlechten Prognosen sollten Vorrang haben – nur so kommen wir weiter
Patrick Spät, „Berliner Gazette“
Klimakrise, Atomkrise, Plastikkrise. Was tun? Sofort handeln, klar. Aber wenn es stimmt, dass klugen Taten stets kluge Gedanken vorausgehen, dann brauchen wir eine „Ethik für die technologische Zivilisation“. So lautet der Untertitel eines der wichtigsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts: Das Prinzip Verantwortung von Hans Jonas, erschienen 1979. Spätestens im kriselnden Anthropozän sollte dieses fast vergessene Buch wieder auf dem Nachttisch der Menschheit liegen.
„Künftige Generationen werden die Zeit, in der wir heute leben, möglicherweise als Schnittstelle eines epochalen Bewusstseinswandels ansehen – hoffentlich, könnte man sagen. Denn wenn dieser Bewusstseinswandel nicht erfolgt oder zu spät kommt, dann könnte es sein, dass es diese künftigen Generationen gar nicht mehr gibt.“ Hans Jonas warnte zeitlebens davor, dass der Mensch als gescheiterte Spezies endet, und forderte daher als erster Philosoph eine „Zukunftsethik der Fernstenliebe“.
Ging es zu Platons Zeiten noch im Mord und Totschlag im ethischen Nahbereich, ist die Menschheit mithilfe der modernen Technik erstmals in der Lage, ihre eigene Existenz über kurz (Atombombe) oder lang (Klimakrise) zu gefährden. Deshalb empfiehlt Jonas eine „Heuristik der Furcht“, die das Handeln der Menschheit fortan leiten solle: „Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen. Denn man kann ohne das höchste Gut, aber nicht mit dem höchsten Übel leben.“
Die Faustische Wette der Gegenwart kennt keine Gewinner: Die Menschheit kann darauf verzichten, pro Sekunde 253 Tonnen Kohle zu verfeuern und viermal täglich ein Flugzeug zwischen den nur 150 Kilometer entfernten Städten München und Nürnberg fliegen zu lassen. Die Menschheit kann jedoch nicht auf einem Planeten leben, der zunehmend einem Müllberg in einem Treibhaus gleicht. Das höchste Übel nivelliert stets das vermeintlich höchste Gut. Und die Furcht vor dem größten anzunehmenden Übel soll unser ethischer Kompass sein.
Heuristik der Furcht
Doch bedient Jonas damit nicht ebenjenen Angstnarrativ, mit dem derzeit auch Rechtspopulisten Stimmung machen? Nein, während die German Angst meist subjektiv, diffus und unbegründet ist, verweist die „Heuristik der Furcht“ auf eine objektive Gefahr. Wenn uns die Risiken einer Technik nach genauer Analyse bekannt sind, dann müssen wir stets das höchste Übel für möglich halten. Jonas‘ Vermeidungsethik ähnelt hierin „Murphy’s Law“ – wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch irgendwann schief.
Wer mit dem Feuer spielt und AKWs baut, wird sich irgendwann die Finger verbrennen und buchstäblich einen GAU provozieren. Jonas geht es nicht um Panikmache, sondern darum, dass wir angesichts realer Gefahren Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Doch was heißt das überhaupt?
„Verantwortung ist die als Pflicht anerkannte Sorge um ein anderes Sein, die bei Bedrohung seiner Verletzlichkeit zur Besorgnis wird“, schreibt Jonas. Das Gefühl, für etwas verantwortlich zu sein, sei zutiefst menschlich und stehe vor jedem Theoriegeschwurbel: „Sieh hin und du weißt“, sagt Jonas. Wenn wir ein Neugeborenes in Not sehen, dann gebietet uns die Situation, dass wir alles Erdenkliche tun, ihm zu helfen. Die moralische Frage lautet: „Was wird ihm zustoßen, wenn ich mich seiner nicht annehme?“
Diese zentrale Frage lasse sich auch auf Ökosysteme und die Gesellschaft übertragen. Als Jonas während des Zweiten Weltkriegs den kollektiven Hilferuf der Notleidenden vernahm, trat er der Jüdischen Brigade der Britischen Armee bei und kämpfte in Italien gegen die Nazis. Im Juli 1945 kam er ins befreite Mönchengladbach, wo er 1903 geboren wurde – und musste dort erfahren, dass die Nazis seine jüdische Mutter in Auschwitz ermordet hatten.
Alles Leben macht Anspruch auf Leben
Nach dem Zweiten Weltkrieg weigerte sich Jonas, je wieder auf deutschem Boden zu leben, half beim Aufbau Israels und lehrte ab 1955 an der New Yorker New School. Hier erweiterte Jonas den Verantwortungsbegriff von der unmittelbaren Gegenwart auf die Zukunft: Die jetzt Lebenden sind den späteren Generationen gegenüber verpflichtet, weil sie ungefragt geboren und in jener Welt leben werden, die wir ihnen hinterlassen. Die zukünftigen Menschen haben durch „ihr unerbetenes Dasein das Recht, uns Frühere als Urheber ihres Unglücks zu verklagen, wenn wir durch sorgloses und vermeidbares Tun die Welt (…) für sie verdorben haben“.
Und Jonas geht noch einen Schritt weiter, indem er der gesamten Natur einen Eigenwert zuspricht, den wir zu achten haben, denn „alles Leben macht Anspruch auf Leben“. Der Gedanke dahinter: Alle Lebewesen wollen unzerstörte und bewohnbare Habitate. Tiere streben nach Nahrung und Wärme und meiden Schmerzen.
„Die bloße Anwesenheit eines Fühlens, was immer sein Was oder Wie sei, ist seiner totalen Abwesenheit unendlich überlegen“, schreibt Jonas. „Daher ist die Fähigkeit zu fühlen, wie sie in Organismen anhub, der Ur-Wert aller Werte.“ Der elementare Lebensdrang birgt also zugleich eine ethische Dimension. Dieses Recht auf Leben beruht nach Jonas keineswegs auf dem Wert, den dieses Leben für andere hat – Lebewesen haben dieses Recht allein schon deshalb, weil ihr Leben für sie selbst wertvoll ist. Dadurch, dass Lebewesen Ziele anstreben und „Ja“ zum Leben sagen, haben Menschen schlichtweg nicht das Recht, „Nein“ zu ihrem Leben zu sagen.
„Jetzt beansprucht die gesamte Biosphäre des Planeten mit all ihrer Fülle von Arten, in ihrer neu enthüllten Verletzlichkeit gegenüber den exzessiven Eingriffen des Menschen ihren Anteil an der Achtung, die allem gebührt, das seinen Zweck in sich selbst trägt – das heißt allem Lebendigen.“ Mit dieser Philosophie kritisiert Jonas zentrale Elemente der jüdisch-christlichen Ideengeschichte und des kapitalistischen Wirtschaftssystems, in denen sich der Mensch als reiner Sachverwalter und Eigentümer der Biosphäre versteht. Die alte Hackordnung – hier das handelnde Subjekt Mensch, dort das zu verwaltende Objekt Natur – wird bei Jonas aufgebrochen zugunsten einer Natur, deren Lebewesen schon an sich wertvoll sind und eine Würde haben.
Künstliche Kluft zwischen Körper und Geist
Inspiriert von Jonas’ Ethik hat die Schweiz dieses Lebensrecht sogar gesetzlich verankert. Die Schweizer Verfassung „trägt der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung und schützt die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt“ (Art. 120, Abs. 2). Damit ist die Schweiz seit 1999 der einzige Staat weltweit, der explizit allen Lebewesen eine Würde zuspricht.
Doch offensichtlich gibt es auch in der Schweiz Schlachthäuser, SUVs und Syngenta, die dem Lebensrecht der Biosphäre nicht gerade zuträglich sind. Schon drei Jahre nach der Verfassungsänderung musste der Schweizer Bundesrat kleinlaut einräumen, dass man noch gar nicht definieren könne, „welche menschlichen Aktivitäten als strafbare Würdeverletzungen taxiert werden müssten“.
Auch auf internationaler Ebene gab es erste Versuche, das Lebensrecht umfassend zu schützen. Im Jahr 1997 formulierte das InterAction Council – beteiligt waren unter anderem Helmut Schmidt, Jimmy Carter und Michail Gorbatschow – den „Entwurf einer Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“. Anschließend legte der Council das Dokument den Vereinten Nationen zur Abstimmung vor, wo es aber keine Mehrheit fand.
In dem Entwurf heißt es unter Artikel 7: „Jede Person ist unendlich kostbar und muss unbedingt geschützt werden. Schutz verlangen auch die Tiere und die natürliche Umwelt. Alle Menschen haben die Pflicht, Luft, Wasser und Boden um der gegenwärtigen Bewohner und der zukünftigen Generationen willen zu schützen.“ Das ist ganz im Sinne von Jonas’ Ethik: „Das Abhängige in seinem Eigenrecht wird zum Gebietenden, das Mächtige in seiner Ursächlichkeit zum Verpflichteten.“
Damit kritisiert Jonas auch die körperfeindliche Philosophie der Aufklärung: Bei Immanuel Kant entsteht Ethik dadurch, dass sich zwei vernunftbegabte Wesen in einem Dialog darüber einigen, was gut und schlecht ist. Auf dieser engelsgleichen Vernunftebene haben Tiere, Babys und geistig beeinträchtigte Menschen überhaupt kein Mitspracherecht, ganz zu schweigen von der Natur. Diese allzu verkopfte Philosophie entspringe dem künstlichen Leib-Seele-Dualismus und vergesse dabei die „physische Notdurft“, die der Ursprung unseres alltäglichen Weltzugangs sei.
Jonas stellt also die idealistische Philosophie auf den Kopf und fragt beim Philosophieren über den Menschen erst einmal: „Wie viel muss er fressen, damit er existiert? Diese Vorbedingung des Daseins wurde vornehm ignoriert im deutschen akademischen Philosophieren. Das kam niemals vor. (…) Dadurch, dass wir Leib sind, sind wir in die Welt verflochten, sind wir ein Teil der Welt, abhängig von der Welt.“ Mitverantwortlich für unser gestörtes und zerstörerisches Verhältnis zur Welt ist Jonas zufolge die künstliche Kluft zwischen Körper und Geist, zwischen Natur und Kultur, zwischen Zielen und Werten.
Jonas’ Philosophie gipfelt in der Formulierung eines erweiterten Kategorischen Imperativs: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Ausschneiden, aufhängen, beherzigen!, will man den Machthabern dieser Welt zurufen. Und genau die sind der Adressat, denn Jonas weiß um die beschränkten Einflussmöglichkeiten der individuellen Akteure. Weil Verantwortung immer ein Korrelat zur Macht ist, betont Jonas, „dass der neue Imperativ sich viel mehr an öffentliche Politik als an privates Verhalten richtet, welches letztere nicht die kausale Dimension ist, auf die er anwendbar ist.“
Daher ist es fadenscheinig, sämtliche Verantwortung allein auf den sogenannten Endverbraucher abzuwälzen, während man die eigentlichen Initiatoren und Nutznießer des Konsumterrors gewähren lässt. Und obwohl Jonas um die Gefahr weiß, dass sein Ruf auf dem Börsenparkett belächelt und verhallen wird, sieht er durch den „sittlichen Willen die Macht in ihre Pflicht genommen“. Bei den politischen und wirtschaftlichen Machthabern muss die Ehrfurcht vor dem Profit einer Ehrfurcht vor dem Leben weichen, denn „die Ehrfurcht allein wird uns davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen. So wenig wie die Hoffnung darf auch die Furcht dazu verführen, den eigentlichen Zweck – das Gedeihen des Menschen in unverkümmerter Menschlichkeit – auf später zu verschieben.“
Eine neue Generation
Das Prinzip Verantwortung versteht sich auch als Kritik an Ernst Blochs neomarxistischen Utopien in dessen Werk Das Prinzip Hoffnung (1954–1959). Angesichts der „ökologischen Krise“ misstraut Jonas Utopien und ist insofern wertkonservativ, als dass er die Natur und den Menschen nicht weiter nach neuen Idealen formen, sondern einfach in ihrem möglichst ursprünglichen Wesen bewahren möchte. Die Naturzerstörung sei ein Resultat des utopischen Markt- wie Staatskapitalismus, die beide angesichts zukünftiger Wohlstandsversprechen unsere Lebensgrundlagen opfern. Jonas ist sich der immanenten Sachzwänge beider Systeme bewusst: Sowohl der Kapitalismus als auch der Sozialismus, die ja seit der Finanzkrise 2008 wieder intensiv diskutiert werden, kranken an der „Dialektik eines Fortschritts, der zur Lösung der von ihm selbst geschaffenen Probleme neue schaffen muss“.
Den einzigen Vorteil der „kommunistischen Tyrannis“ sieht er darin, dass sie „machttechnisch“ den marktkonformen Demokratien überlegen sei, weil das Prinzip Verantwortung einfach von oben verordnet werden könne. Der liberale Kapitalismus wiederum entspreche dem freiheitlichen Streben des Menschen, das aber stets ins Maß- und Schrankenlose auszuufern drohe. Und diese Freiheit lasse „sich nicht wirklich auslöschen, nur zeitweilig sich aus dem öffentlichen Raum verbannen“.
Jonas erkennt hier ein Dilemma und bleibt in weiteren politischen Systemfragen ähnlich vage wie die aktuelle Degrowth-Bewegung, als deren Vordenker er gilt. Um die ökologische Krise abzuwenden, plädiert Jonas für erneuerbare Energien, eine Umverteilung des Reichtums und für einen globalen Konsumverzicht, der „freiwillig wenn möglich, erzwungen wenn nötig“ verwirklicht werden solle. Reißen alle Stricke, müsse man die Menschen zu ihrem Glück, zumindest aber zu ihrem bloßen Überleben zwingen – aber erst dann. „Fatalismus wäre Todsünde!“
1992, ein Jahr vor seinem Tod, wünschte sich Jonas, „dass eine jüngere, eine neue Generation heranwächst, die von vornherein in ihrer sittlichen und in ihrer theoretischen Erziehung genügend alarmiert wird, und die dann in der Lage ist, Druck auszuüben auf das, was Politiker und Wirtschaftler sich noch erlauben können“. Vielleicht können ihm Greta Thunberg und die globale „Fridays for Future“-Bewegung diesen Wunsch erfüllen.
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Im Duft verweht die Zeit zu ew’ger Dauer

Die ‚Weihrauch-Uhr‘ im alten China

Hsiang yin nannte man im früheren China die „Weihrauch-Uhr“, in der die Zeit die Form des Duftes annahm.
von Byung-Chul Han „Brennstoff“
Blumen ragen rot aus der Vase
Weihrauch steigt auf in Spiralen.
Weder Fragen noch Antworten,
das Ruyi‘ achtlos am Boden.
Dian ließ den Ton seiner Zither vergehen,
Zhao enthielt sich des Seitenspiels:
In all dem ist eine Melodie,
die man singen und nach der man tanzen kann.
Su Dongpo
In China war eine hsiang yin (wörtlich: Duftsiegel) genannte Weihrauch-Uhr bis Ende des 19. Jahrhunderts im Gebrauch. Die Europäer hielten sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts für ein gewöhnliches Räuchergefäß. Offensichtlich war ihnen die Idee einer Zeitmessung mit Weihrauch fremd, vielleicht die Vorstellung überhaupt, dass die Zeit die Form eines Duftes annehmen könnte. Diese Uhr heißt deshalb »Duftsiegel«, weil ihr abbrennbares Teil aus Weihrauch ein siegelförmiges Gebilde darstellt.
Das Weihrauch-Siegel ist eine Figur aus einem durchgehenden Strang, so dass die Glut es ganz durchwandern kann. Eine Schablone, die häufig ein Schrift-Muster enthält, wird mit zerriebenem Weihrauch gefüllt. Wird sie gehoben, entsteht ein Schriftbild aus Weihrauch. Es besteht entweder aus einem einzigen Zeichen, häufig fu (Glück), oder aus mehreren Zeichen, die zusammen auch ein Koan bilden können. How many lives before I obtain my flowers. So lautet ein rätselhaftes Koan auf einem Weihrauch-Siegel. Eine Blume in der Mitte des Siegels ersetzt das Wort »my flowers«. Das Siegel ist selbst wie eine Pflaumenblüte geformt. Die Glut zeichnet das Blumen-Koan gleichsam nach, indem sie das ganze Siegel Zeichen für Zeichen durchwandert, d.h. abbrennt.
Hsiang yin heißt auch die Weihrauch-Uhr, die aus mehreren Teilen besteht. Das Duft-Siegel aus Weihrauch brennt in einer reich verzierten Dose, geschützt vom Luftzug durch einen Deckel mit den ebenfalls zu Schriftzeichen oder anderen Symbolen gestalteten Öffnungen. In die Dose sind oft Texte philosophischen oder poetischen Inhaltes eingraviert. Die ganze Uhr ist also umrankt von duftenden Worten und Bildern. Schon die ganze Bedeutungsfülle der eingravierten Verse verströmt einen Duft. Ein hsiang yin, dessen Deckel eine blumenförmige Öffnung hat, trägt folgendes Gedicht auf einer seiner Seitenwände:
You see the flowers
You listen to the bamboo
And your heart will be at peace.
Your problems will be cleared away.
The ground burns
Fragrant music
You will have …
Der Weihrauch als Medium der Zeitmessung unterscheidet sich in vieler Hinsicht vom Wasser oder vom Sand. Die Zeit, die duftet, verfließt oder verrinnt nicht. Und nichts entleert sich. Der Duft des Weihrauchs füllt vielmehr den Raum. Ja er verräumlicht die Zeit, gibt dieser dadurch den Schein einer Dauer. Die Glut läßt den Weihrauch zwar unablässig in Asche übergehen. Aber die Asche zerfällt nicht in Staub. Sie behält vielmehr die Form des Schriftzuges. So verliert das Weihrauch-Siegel selbst als Asche nichts an Bedeutung. Die Vergänglichkeit, an die möglicherweise die unaufhaltsam vorrückende Glut gemahnt, weicht der Empfindung einer Dauer.
Das hsiang yin duftet wirklich. Der Duft von Weihrauch intensiviert den Duft der Zeit. Darin besteht die Raffinesse dieser chinesischen Uhr. Das hsiang yin zeigt die Stunde im duftenden Fluidum der Zeit an, das weder verfließt noch verrinnt.
I sit at peace – burning an incense seal,
Which fills the room with scent of pine and cedar.
When all the burning stops, a clear image is seen,
Of the green moss upon the epigraph’s carved words.
Der Weihrauch füllt den Raum mit dem Pinien- und Zedernduft. Der duftende Raum beruhigt und befriedet den Dichter. Auch die Asche gemahnt nicht an die Vergänglichkeit. Sie ist das »grüne Moos«, das das Schriftbild sogar hervorhebt. Still steht die Zeit in den Düften von Pinien und Zedern. Sie kommt im »klaren Bild« gleichsam zum Stehen. Eingerahmt in eine Figur, verrinnt sie nicht. Sie ist gehalten, ja angehalten im Duft, in dessen zögernder Weile. Auch die Rauchwolken, die vom Weihrauch aufsteigen, werden figural wahrgenommen. Ting Yün schreibt:
Butterflies appear as if in a dream,
Twisting and reeling about like dragons,
Like birds, like the phoenix,
Like worms in spring, like snakes in the fall.
Die Fülle von Figuren läßt die Zeit wie zu einem Gemälde gerinnen. Zeit wird Raum. Auch das räumliche Nebeneinander von Frühling und Herbst hält die Zeit an. Es entsteht ein Stilleben der Zeit.
Dem Dichter Ch’iao Chi erscheint die Rauchwolke des hsiang yin wie eine alte Schrift, die ihm ein tiefes Gefühl der Dauer vermittelt.
Like billowing silks, sinuous, cloud-tipped
Smoke has written ancient script,
From the last of the incense ash to burn.
There lingered warmth in my precious urn,
While moonlight had already died
In the garden pool outside.
Es handelt sich um ein Gedicht an die Dauer. Während das Mondlicht im Gartenteich längst erloschen ist, ist die Asche nicht ganz erkaltet. Das Weihrauchgefäß strahlt noch die Wärme aus. Die Wärme hält an. Diese zögernde Weile beglückt den Dichter.
Der chinesische Dichter Hsieh Chin (1260-1368) schreibt zu dem aufsteigenden Rauch des Duftsiegels:
Smoke from an incense seal marks the passing
Of a fragrant afternoon.
Der Dichter bedauert hier nicht, dass ein schöner Nachmittag vorbei ist, denn jede Zeit besitzt einen Eigenduft. Warum das Vorbeigehen des Nachmittags bedauern? Auf den Duft des Nachmittags folgt der Wohlgeruch des Abends. Und die Nacht verströmt ihren eigenen Duft. Diese Düfte der Zeit sind nicht narrativ, sondern kontemplativ. Sie sind nicht in ein Nacheinander gegliedert. Vielmehr ruhen sie in sich.
Hundert Blumen im Frühling, im Herbst der Mond –
Ein kühler Wind im Sommer, im Winter Schnee.
Wenn am Geist nichts Unnützes haftet,
Dies fürwahr ist für den Menschen gute Zeit.
Zugang zur guten Zeit hat jener Geist der sich des „Unnützen“ entleert. Gerade die Leere des Geistes, die diesen vom Begehren befreit, vertieft die Zeit. Diese Tiefe verbindet jeden Zeitpunkt mit dem ganzen Sein, mit dessen duftender Unvergänglichkeit. Es ist das Begehren selbst, das die Zeit radikal vergänglich macht, indem es den Geist fortstürzen lässt. Wo er still steht, wo er in sich ruht, entsteht die gute Zeit.
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Vom Recht auf Stille

Eine Attacke auf das Universum des Lärms

von Götz Eisenberg, „Streifzüge“
Zusammen mit der Zeit wird aber auch Stille zu einem raren Gut.“ (Lothar Baier)
Sollten irgendwann irgendwelche Aliens die verwüstete Erde besuchen und aus unseren Erbstücken rekonstruieren, wer bzw. was wir waren, werden sie wahrscheinlich in ihren Abschlußbericht schreiben: ‚Zwei Dinge konnten diese Wesen richtig gut – Lärm und Dreck.‘“ (Kay Sokolowsky)
Tag gegen Lärm“
Während ich mir einen Kaffee zubereitete, hörte ich mit halbem Ohr aus dem Radio, dass am 24. April 2019 zum 22. Mal der Tag gegen Lärm stattfindet. Da es ein sonniger Frühlingstag war, trug ich mein Frühstück auf den Balkon und ließ mich dort nieder. Kaum saß ich und freute mich, dass vom Dachfirst des gegenüberliegenden Hauses eine Amsel sang, begann ein Nachbar den Rasen zu mähen. Kurz darauf warf jemand in einem Hinterhof einen Laubbläser an. Der menschliche Laubbläser trägt, während er das Gerät benutzt, einen Ohrenschutz, aber eigentlich müssten an die Nachbarn Ohrenschützer verteilt werden. Laubbläser sollten zu den Schallwaffen gezählt und genauso geächtet werden wie Bluetooth-Boxen und Soundgeneratoren in Autos und Motorrädern, dachte ich auf meinem Balkon. Da wurde schräg gegenüber bei geöffneten Fenstern zu allem Überfluss auch noch Staub gesaugt. Die diversen Maschinen-Geräusche verbanden sich mit dem städtischen Grundlärm zu einer schrillen Kakophonie. So begehen die Leute also den Tag gegen Lärm, indem sie ihn ignorieren und es noch doller treiben, dachte ich und zog mich fluchtartig ins Innere der Wohnung zurück. Was nützt einem die schönste Frühlingssonne, wenn man von allen Seiten mit Lärm traktiert wird? Im alten China hat man Kriminelle, die sich eines besonders schweren Verbrechens schuldig gemacht hatten, durch Lärm hingerichtet. Der Verurteilte wurde unter eine große Glocke gelegt, die anschließend vom Henker geschlagen wurde. Es soll der qualvollste Tod sein, den ein Mensch erleiden kann. Ungefähr so fühle ich mich manchmal in dieser Wohnung, in dieser Stadt, in dieser Gesellschaft wie unter einer chinesischen Hinrichtungsglocke.
Alltäglicher Krieg
Ich fahre mit dem Rad zum Einkaufen. Ein Autofahrer stößt seine Wagentür auf und holt mich beinahe aus dem Sattel. Sein Beifahrer und er amüsieren sich darüber, dass sie mich beinahe zu Fall gebracht haben. Würde ich sie zur Rede stellen, riskierte ich einen Kieferbruch. Eine Passage aus Adornos Minima Moralia fällt mir ein, wo er feststellt, dass Autofahrer dazu neigen, Fußgänger, Radfahrer und Kinder als „Ungeziefer der Straße“ zu betrachten, das man zuschanden fahren kann. Beim Einkaufen fährt mir jemand mit dem Einkaufswagen in die Hacken. Kein Wort der Entschuldigung. Ein hoch aggressiver Mann wirft seine Einkäufe meterweit in seinen Wagen und brüllt herum. Lemmy Kilmister hat gegen Ende seines Lebens mal gesagt: „Die Regel lautet: acht von zehn … Acht Idioten an einem guten Tag. Sonst: neun. An einem schlechten Tag triffst du zehn Leute und einer wie der andere ist ein kompletter Vollidiot.“ Heute ist so ein Tag, der in Richtung zehn von zehn weist oder hundert von hundert oder hundertzehn von hundert. Gedränge und Geschiebe, als eine weitere Kasse aufgemacht wird. Der Kassierer redet, während er meine Einkäufe über den Scanner zieht, laut mit einer Kollegin an der Nachbarkasse. Geräusche dringen von überall her wie Speere in mich ein. Auf dem Heimweg überholt mich ein röhrendes Motorrad, wenig später ein zu einer Klangbombe umgebautes Automobil. Auspuff-Sound und Lautstärke sollen Stärke und Virilität demonstrieren: je lauter, desto männlicher! Autos als männliche Selbstwert-Prothesen und lackierte Kampfhunde, die ihre Besitzer aufeinander loslassen. Unglaubliches Gedränge in der Fußgängerzone, die ich überqueren muss. Digitale Somnambule kreuzen meinen Weg. Dumme Handysätze dringen an mein Ohr. Was ich von den anderen sehe, sind tote Augen, stumpfe oder brutale Gesichter, Hass, Ärger und Gereiztheit. Bloß ab und zu einmal ein menschliches Antlitz. Ich habe das Gefühl, in jedem Augenblick könnte jemand ein Messer hervorziehen – einfach so. Dieser Jemand könnte auch ich sein, denke ich. Es wird mir alles zu viel. Unter einer dünnen Oberfläche des Alltags herrscht Krieg.
Im Lärm steckt eine Gewalt, vor der ich fliehen muss. Ich ziehe mich für eine Weile an den Fluss zurück. Stille gibt es in der Stadt nur noch als Taubheit. Auf einem Baum, der flussabwärts auf einer kleinen Insel steht, hocken ein Dutzend Kormorane. Ein paar Spatzen fliegen zwischen Bäumen hin und her. Auf keinem Ast hält es sie lange. Kaum sitzen sie, heben sie schon wieder ab, schwirren hinüber zum Nachbarbaum, nur um rasch zurückzukehren. Schon als Kind habe ich mich gefragt, was die Vögel veranlasst, von hier nach dort zu fliegen. Es muss mehr und etwas anderes sein als Nahrungssuche. Vielleicht einfach pure Lebensfreude. Ich gehe am Fluss entlang zu einem Steg. Ich stelle mich mitten auf dem Steg ans Geländer und schaue auf den Fluss. Beim Anblick der ruhigen Strömung werde ich selbst ruhig. Zwei alte türkische Männer sitzen auf Steinen unten am Fluss. Sie sitzen schweigend nebeneinander und hängen ihren Gedanken nach. Sie tragen beide einen Wollschal. In dessen Falten, im Gewebe oder in der Art, wie sie ihn um den Hals schlingen, hängt ein Rest ihrer Vergangenheit. Dies wirkt wie eine Art von Isolierung gegen die trostlose und kalte Gegenwart.
Theodor Lessings „Antilärm-Verein“
Ständiger Lärm löst Alarm im Körper aus und wird zu einer Quelle von Gereiztheit und ohnmächtiger Wut. Um diese zu sublimieren, beginne ich unter dem Stichwort „Lärm“ im Netz zu recherchieren und stoße auf Aufsätze des Philosophen Theodor Lessing, die er zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Es handelt sich unter anderem um einen programmatischen Text für „Den ersten deutschen Antilärm-Verein“, der im Jahr 1908 in Hannover gegründet wurde und dessen Vereinsorgan Der Antirüpel hieß. Verein und Zeitschrift traten für ein „Recht auf Stille“ ein und wandten sich gegen „Lärm, Rohheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben“. Im Zentrum der Lessing’schen akustischen Qualen standen das „Teppich-, Polster- und Bettenklopfen, das Peitschenknallen der Kutscher, das Kreischen der beschlagenen Wagenräder auf dem Pflaster und die grauenhafte Unsitte öffentlichen musikalischen Dilettierens“. Die von Lessing aufgelisteten und vor ihm schon von Schopenhauer beklagten Lärmquellen muten uns heute wie die Geräuschkulisse eines romantischen Films an und gehörten auch zu Lessings Zeiten eigentlich zu einer im Untergang begriffenen agrarisch-handwerklichen Welt.
Damals fuhren die neuen Lärmquellen den Zeitgenossen wie ein Schock in die Glieder. Die Menschen mussten die überfallartigen Schübe der kapitalistischen Modernisierung über sich ergehen lassen und waren dem plötzlichen Einbruch ganz neuartiger Geräusche hilflos ausgeliefert. Stampfen, Bohren, Pressen, die Erschütterung von Materie, die Materie schlägt, und von Materie, die an Materie scheuert. Akustische Begleitung einer neuen Stufe der Naturbeherrschung. Natur wird nicht behutsam angeeignet, sondern unterworfen und vergewaltigt. Der Lärm selbst schlägt und scheuert gegen weitere Materie und dringt in die Köpfe der Menschen. Selbst nach dem Verlassen der Fabriken finden sie keine Ruhe, der Lärm hallt in ihnen nach. Die hartnäckigen, verstümmelten Rhythmen existieren immer noch in den Köpfen und Körpern und verfolgen sie bis in die Betten.
Rauchende Fabrikschlote, zersiedelte Landschaften und die um sich greifende allgemeine Beschleunigung des Lebenstempos, die Hektik und Anonymität, das waren nicht zu übersehende und zu überhörende Einschnitte in die traditionellen Lebensformen der Städte und Dörfer. Neurasthenie lautete eine neue medizinisch-psychiatrische Modediagnose, eine allgemeine Nervosität bemächtigte sich der Menschen. 1911 verabschiedete sich Lessing von den Lesern des Anti-Rüpels mit den Worten: „Unsere Sache kam noch zu früh, wird sich aber immer wieder melden und wird siegen.“ Einstweilen versank ganz Europa im Getöse der Geschütze und Explosionen des Ersten Weltkrieges.
Städtisches Lärmprotokoll
Die Lektüre der Lessing’schen Kampfschrift hat mir zu einer Distanz zur unmittelbaren Unerträglichkeit des Lärms verholfen und die Unmöglichkeit des Lebens unter solchen Bedingungen vorübergehend aufgehoben. „Wohin“, fragte Lessing 1908, „sollen wir Träumer entfliehen? Vielleicht zu den Sternen hinauf?“ Wir Heutigen liefen Gefahr, bereits auf dem Weg Zeugen eines Satelliten-Zusammenstoßes zu werden und nach unserer Ankunft selbst dort auf Bohrmaschinen, Dampframmen und andere Insignien der Zivilisation zu stoßen.
Lessings Aufsatz hat mich inspiriert, in meiner mitten in der Stadt gelegenen Wohnung eine Art Lärmprotokoll von einer beliebigen halben Stunde zu erstellen. Beim Rechtsanwalt gegenüber werden quietschend die metallenen Rollläden hochgezogen. Zwei Häuser weiter wird ein Gerüst aufgebaut. Metallstangen fallen scheppernd zu Boden. Laute Zurufe und gellende Kommandos. In der Wohnung über mir zieht jemand einen Stuhl übers Linoleum, was ein kreischendes Geräusch erzeugt, das durch Mark und Bein dringt. Stampfende Schritte von hier nach dort. Eine Tür wird krachend zugeschlagen. „Es gibt ein Wesen, das vollkommen unschädlich ist, wenn es dir in die Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehör gerät, so entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat Fälle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh, ähnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase eindringen. Dieses Wesen ist der Nachbar“, heißt es bei Imre Kertész.
Im Garten gegenüber wird ein Baum abgesägt und das Geäst geschreddert. Unten auf der Straße fahren zwei Jungen auf ihren Skateboards vorüber. Wie kann ein so kleines, harmloses Gefährt so einen Lärm erzeugen? Ein Motorradfahrer lässt die Maschine aufröhren. Beim Nachbarhaus fällt das Hoftor krachend ins Schloss. Aus vorbeifahrenden Autos dringt wummernde Musik nach oben. Ein Autofahrer tritt, obwohl ein paar hundert Meter weiter die Ampel rot ist, noch einmal das Gaspedal voll durch, um in den Genuss des Sounds zu kommen und dann quietschend zu bremsen. Der Deckel eines Müllcontainers wird scheppernd fallen gelassen. Ein hupender Autokonvoi auf dem Anlagenring zeugt davon, dass irgendwelche Menschen in die Ehefalle gegangen sind, aus der sie sich mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit in ein paar Jahren unter Schmerzen und großen Kosten, aber wenigstens ohne öffentlichen Lärm, wieder befreien werden. In der Wohnung über mir beginnt die Waschmaschine ihren Schleudergang. Minutenlang dröhnt, wackelt und klirrt alles.
Abends, wenn der allgemeine städtische Lärmpegel etwas absinkt, schlägt die Stunde der Hausmeister und Hobby-Bastler. „Das gewöhnliche Unglück tritt ein“, heißt es bei Wilhelm Genazino, „wenn ein Mann und eine Maschine zueinander finden“, und er stellt die Gleichung auf: Mann + Motor = Lärm. Das gilt besonders fürs Wochenende, wenn die Zeit der rasenden Heimwerker anbricht. Überall heulen Bohr-, Schleif- und Fräsmaschinen auf, Rasenmäher, elektrische Heckenscheren und Hochdruckreiniger werden angeworfen.
In Dave Eggers neuem Roman Bis an die Grenze, in dem er davon erzählt, wie eine Frau ihr bisheriges Leben aufgibt und mit ihren Kindern in einem Wohnmobil nach Alaska aufbricht, stieß ich auf folgende Passage: „Die Dummheit und die fehlgeleiteten Hoffnungen der gesamten Menschheit lassen sich am einfachsten erleben, wenn man zwanzig Minuten zuschaut, wie ein Mensch einen Laubbläser benutzt. Mit diesem Gerät, sagte der Mann, werde ich alle Stille ermorden. Ich werde die Ebene des Gehörs zerstören. Und ich werde das mit einem Gerät tun, das eine Arbeit weitaus weniger effizient erledigt, als ich es mit einer Harke könnte.“
Universum des Lärms
Jeder zweite Passant telefoniert im Gehen mit seinem Handy und lässt einen, wenn man auf dem Balkon sitzt oder die Fenster offen stehen hat, an diesen Gesprächen teilhaben. „bin jetzt götestraße, gehe jetzt mc donald“ ist so ein typischer Handy-Stakkato-Satz, der zu mir hinaufweht. Immer öfter frage ich mich, was in den letzten Jahren passiert ist, dass es plötzlich so viel zu sagen gibt. Und dass so vieles derart dringend ist, dass es unmittelbar gesagt werden muss und keinen Aufschub duldet. Wie haben die Menschen es vor noch nicht allzu langer Zeit ausgehalten, allein und unüberwacht durch die Straßen zu gehen? Wo ist die Scham geblieben, die die Menschen früher davon abhielt, intime Details ihres Lebens in aller Öffentlichkeit zu enthüllen? Sämtliche Peinlichkeitsschwellen, die Norbert Elias für eine zivilisatorische Errungenschaft hielt, scheinen geschliffen. Nachts ziehen betrunkene junge Männer grölend durch die Straße, stürzen Mülltonnen und Blumenkübel um und werfen leere Flaschen gegen die Häuserwände. Radfahrer und Passanten beschallen zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Umgebung mit Bluetooth-Boxen, die sie in Rucksäcken mit sich führen.
Vor zwei Jahren habe ich mich in der Lokal-Presse gegen eine drei Tage währende Beschallung mit Techno-Musik durch eine sogenannte Pop-up-Bar gewehrt, die sich in einem benachbarten Blumengeschäft eingenistet hatte. Dagegen halfen keine doppelt verglasten Fenster und keine Ohrenstöpsel. Ich fühlte mich wie ein Guantanamo-Häftling, der rund um die Uhr mit ohrenbetäubender Musik traktiert wird, um ihm ein Geständnis zu entlocken. Und das nur, damit die Betreiber Pizza und Prosecco an den Mann und die Frau bringen und ihren Reibach machen konnten. Mit den Worten meines Kabarett-Heroen Gerhard Polt fragte ich die Verantwortlichen: „‚Muss das sein? Braucht’s des?‘ Wollen Sie aus der Stadt eine einzige Party-Zone machen? Sollen die (älteren) Innenstadtbewohner in nicht allzu ferner Zukunft evakuiert oder gleich ganz zwangsumgesiedelt werden, damit die Innenstadt frei wird für die sinnentleerten Exzesse der Spaßkultur und den ungehinderten Absatz der Waren rund um die Uhr? Stören wir bei der totalen Durchökonomisierung der Stadt?“
Der Tenor der auf meinen Zwischenruf folgenden Kommentare war: Wer keinen Lärm ertragen kann, gehört nicht in die Stadt! „Leute wie Herr Eisenberg gehören nicht in die Innenstadt. Wer Ruhe will, gehört in einen Vorort oder aufs Land. Eine Stadt lebt.“ Wenn der Lärm einer kommerziellen Veranstaltung mit Lebendigkeit gleichgesetzt wird, gehört, wer gegen ihn protestiert, auf den Friedhof so die Logik vieler Kommentare. Es gibt aber unterschiedliche Formen von Lärm. Es gibt Lautbekundungen des Lebendigen und es gibt den Krach, den die „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord) im Dienst der Reklame und im Interesse eines gesteigerten Warenabsatzes erzeugt. Ständig dröhnt aus dem Eingang eines neu eröffneten Geschäfts laute Musik, beim Einkaufen wird der Kunde permanent mit verkaufsfördernder Musik beschallt. Dann gibt es den Lärm, den eine Demonstration für ein freies Rojava mit sich bringt, die gerade unter meinem Fenster vorüberzieht. Selbst bei gleicher Dezibel-Zahl macht es für mich einen großen Unterschied, ob Lärm im Dienst der Lebenstriebe steht oder der Geldvermehrung und letztlich der Destruktion. Aus der Psychologie ist bekannt, dass der Rasenmäher von nebenan umso mehr stört, je weniger man den Nachbarn mag. Und ich mag einfach den Beschleunigungs-, Vermehrungs- und Anpreisungslärm nicht. Den Lärm der Revolution dagegen hoffe ich ertragen zu können.
Meine innere Mongolei
Der Lärm nimmt keinen Anfang und findet kein Ende. Wie soll man da nicht krank oder verrückt werden? Vielleicht ist mein beinahe phobisches Verhältnis zum Lärm auch eine Begleiterscheinung meiner Leidenschaft fürs Schreiben und Lesen. Beides sind monologische Tätigkeiten und gedeihen nur unter leidlich ruhigen Umständen. In einem Roman von Ralf Rothmann fand ich in der Schilderung der Lärmempfindlichkeit eines Schriftstellers eine Bestätigung: „Er fühlte sich wie gehäutet von der Scharfkantigkeit der Geräusche und machte die banale Erfahrung, dass Sprache, in der mehr anklingt als das Alltägliche, nicht ohne Stille zu haben ist.“
Statt „monologisch“ hatte ich eben zunächst „mongolisch“ geschrieben, ein keineswegs zufälliger Verschreiber, denn tatsächlich verhalte ich mich vielen Phänomenen der so genannten Modernisierung gegenüber „mongolisch“, was auf Herbert Achternbuschs „Rede zum eigenen Land“ zurückgeht, die er irgendwann in München gehalten hat. Dort hat er gesagt: „Die Chinesen, die ich eigentlich nur rühmend erwähnen möchte, nennen die Mongolen die Affen. Die Mongolen schauen der selbstlosen Betriebsamkeit der Chinesen blasiert zu. Die Chinesen bauen den Mongolen Schulen und Fabriken, die die Mongolen meiden. Die Mongolen machen den Eindruck, als wären sie mit etwas anderem beschäftigt, vielleicht mit nichts. Wenn die fleißigen Chinesen meine Achtung haben, so haben diese Mongolen mein, wie soll ich es nennen? Was soll ich ihr Eigenleben irgendwie noch bezeichnen? Sie haben mein Vertrauen. Ich bin ihnen irgendwie zu eigen. Die Mongolei ist das Land meiner inneren Emigration.“
Von manchen traumatisierten Menschen wird berichtet, dass sie derart geräuschempfindlich werden, dass sie bereits das Ticken einer Uhr in den Wahnsinn treiben kann und sie die berühmten Flöhe husten hören. Gelegentlich liest man von Kriegsveteranen, die auf spielende Kinder schießen, die unter ihren Fenstern lärmen. Die ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber dem Lärm reflektiert die lebensgeschichtliche Beschädigung von Ich-Funktionen, die für die Reizverarbeitung zuständig sind und normalerweise dafür sorgen, dass Lärm durch selektive Wahrnehmungsprozesse derart gefiltert wird, dass wir nur hören, was wir hören wollen.
Während der Blütezeit der Anti-Psychiatrie war folgende Geschichte in vielen verschiedenen Varianten im Umlauf: Ein Mann schaut in einem psychiatrischen Krankenhaus aus dem Fenster und sieht Männer, die mit Motorsägen Bäume fällen. „Warum werden diese wunderbaren alten Ulmen gefällt“, fragt er einen Arzt. „Wir müssen Platz schaffen für einen Erweiterungsbau“, erwidert dieser. „Warum müssen Sie anbauen?“, fragt der Besucher weiter. „Weil so viele Menschen wegen der gefällten Ulmen verrückt werden“, erläutert der Arzt.
Für Traumatisierte und andere Empfindsame hielt Kierkegaard den Rat bereit: „Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst Du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen.“
Stille auf Rezept
Inzwischen ist der Kierkegaard’sche Rat in der Ratgeberliteratur und auf den Lifestyle-Seiten der Zeitschriften angekommen. Medien, Wissenschaft und Medizin entdecken die Stille, den Müßiggang, das Nichtstun und das Tagträumen. Gestresste Manager und Banker ziehen sich in Klöster und zu Schweigeretreats nach Nepal zurück. Lärmgeplagten Großstädtern wird das „Waldbaden“ als Therapie empfohlen. Das Erleben von Stille und Natur senke den Blutdruck, heißt es, steigere das körperliche Wohlbefinden und sorge für emotionale Ausgeglichenheit. Nichts entgeht der Verwurstung und der Indienstnahme. Letztens hörte ich einen Radiobeitrag, in dem ein Neurowissenschaftler sagte: Musik und Tanz heilen und halten fit! Aber: Muße, die in einen von Hektik geprägten Alltag „eingetaktet“ wird, ist keine Muße; Stille, die das Wachstum von Gehirnzellen fördert, ist keine wahre Stille; eine Stille, die einen fit machen soll für das Ertragen und Erzeugen von Lärm, zerstört sie. Alles, was ein Um … zu mit sich führt, wird von der ökonomischen Vernunft angesteckt und büßt seine Transzendenz ein. Durch ihre Einbeziehung in die Sphäre der Nützlichkeit werden all diese Dinge entzaubert und um ihre Wirkung gebracht. So paradox es klingen mag: Sie wirken nur, solange sie nichts bewirken wollen und sollen. Wir dagegen sollen die Stille aufsuchen, um den Lärm besser ertragen zu können! Statt das Tempo zu drosseln, den Lärm zu reduzieren und die Arbeit menschenförmig zu gestalten, hält sich der entfesselte Kapitalismus am Leben, indem er sich noch die letzten Reservate einverleibt, in denen bislang eine alternative Logik durchgehalten hat. Je brutaler es in der Sphäre der Arbeit zugeht und je mehr die Mitarbeiter aufeinandergehetzt werden, desto mehr ist in den Leitbildern der Firmen von wechselseitiger Wertschätzung und Achtsamkeit die Rede. In der Mittagspause wird zu Powernapping und Yoga geraten.
Henry David Thoreau, der vor 200 Jahren geboren wurde, zog es in die Wälder, wo er „nur den Wind im Schilf flüstern“ und „das Murmeln der Bäche“ hörte. Er würde sich im Grabe rumdrehen, müsste er diese neuen Varianten des Kolonialismus miterleben. Heute drohte er am Ufer des Walden-Sees auf eine Motorsense oder einen Volkshochschulkurs in Turbo-Waldbaden zu treffen.
Amok und Lärm
Ständiger Lärm, so hatte ich gesagt, versetzt den Körper in einen Alarmzustand. Damit ruft er uns die Herkunft seines Namens ins Gedächtnis. Das Wort „Lärm“ leitet sich etymologisch vom italienischen Ausruf „all’arma“ ab, der so viel bedeutete wie: „Zu den Waffen!“ Dieser Ruf war vor allem in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts in Gebrauch, aber auch wir Heutigen werden durch Lärm zu den Waffen gerufen, alarmiert, aber zu welchen Waffen sollen wir greifen und gegen wen sie kehren? Uns bleibt gegen Lärm-Attacken nur eine hilflose Defensive: Plastik- oder Wachsstöpsel – mit begrenzter Wirksamkeit und den bekannten Nachteilen. Die Unmöglichkeit, auf eine im Grunde unerträgliche Situation mittels Angriff oder Flucht zu reagieren, wird zur Quelle von Stress, der auf Dauer krank machen kann. Zielgehemmte Aggressionen verwandeln sich in ein chiffriertes Ausdrucksgeschehen. Teilweise entspannen sie sich dabei und bleiben nach außen hin stumm, oder aber sie erzwingen einen Daueralarm vegetativer Leistungen. Wegen der blockierten Handlung kommt es zu einer Aggressionsbereitschaft im physiologischen Bereich, die sich nicht mehr zurückbildet und die Form diverser Krankheiten, zum Beispiel eines chronisch gesteigerten Blutdrucks, annehmen kann.
Angesichts eines Alltags aus Überfüllung, Lärm, Hektik und Nervosität stoßen unsere aggressiven Impulse ins Leere. Die Wut dreht sich im Kreis und wendet sich – je nach Temperament und Charakter – gegen Sündenböcke im Nahbereich (Frauen, Kinder, Haustiere) oder in Gestalt von Krankheiten gegen die eigene Person. Die ins Leere laufende Wut droht sich zum Hass zu verallgemeinern, der nach einem Ausbruch nicht mehr verraucht, sondern wächst und sich versteift, sich in uns einfrisst, unser Wesen verzehrt und schließlich zerstört. Überliefert sind als extreme Reaktionen auf lärminduzierten Stress sowohl Fälle von Selbsttötung als auch raptusartige Gewaltausbrüche, die sich gegen die Lärmquelle oder zufällig gewählte Opfer wenden und die wir „Amok“ nennen. So hat im Oktober 2009 ein 55-jähriger Mann in der Nähe von Paris vier seiner Nachbarn erschossen, deren Neigung zum nächtlichen Feiern ihm offenbar schon länger auf die Nerven gegangen war. Anschließend tötete er sich selbst.
Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es oft noch lang, bis dann irgendein für sich genommen läppisches Ereignis die ganze gestaute Wut zur Explosion bringt. Michael Douglas hat in dem Film „Falling down“ vorgeführt, wie am Ende ein Verkehrsstau, Hitze und eine Schmeißfliege zu Auslösern eines sich entgrenzenden Hasses werden können, der alles in den eigenen Untergang mit hineinziehen möchte. Vor einiger Zeit stieß ich in der Zeitung auf die Meldung, dass ein Rentner aus dem Elsass aus Zorn über nächtlichen Lärm in eine Gruppe Jugendlicher geschossen und dabei einen von ihnen getötet und einen anderen schwer verletzt hat.
Bedürfnis nach Stille
Der Durchschnitts-Lärmpegel in den Industrieländern ist seit Lessings Zeiten pro Jahr um rund ein Dezibel gestiegen. Hätten wir also nicht triftige Gründe, flächendeckend „Antilärmvereine“ ins Leben zu rufen und angesichts der grassierenden Rücksichtslosigkeit Zeitschriften mit dem Titel Der Antirüpel zu gründen? Es stünde der Linken gut zu Gesicht, Begriffe wie Langsamkeit, Stille und Schweigen kritisch zu besetzen und für sich zu reklamieren.
Also: Weg mit diesen Fastfood-Lokalen und dem im Stehen und Gehen hinuntergeschlungenen Scheißfraß; weg mit den ganzen Fernsehprogrammen mit hohem Verblödungskoeffizienten; weg mit den lärmenden Quads und Soundgeneratoren, den Smartphones und Spielekonsolen; Schluss mit dem motorisierten Individualverkehr, der die Städte an den Rand des Kollapses gebracht hat; weg mit dem Coffee to go in diesen unsäglichen Bechern, von denen in Deutschland stündlich 320.000 verbraucht werden; weg mit den Laubbläsern und Hochgeschwindigkeitszügen und der ganzen sinnlosen Fliegerei von einem gesichtslosen Ort zum anderen. Schluss mit diesem grässlichen, krank machenden Lärm. Das Recht auf Stille wird eine entscheidende Qualität einer neuen Gesellschaft sein, die sich vom Fetisch Wachstum verabschiedet hat und ihren Zusammenhalt nicht auf Geld und Konsum gründet. Wir benötigen stattdessen Tugenden des Unterlassens, Prämien aufs Nichtstun, Kontemplation statt Produktion, Faulheit statt rastlosem Tun. „Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen“, schrieb Adorno in seinem Buch Minima Moralia. Rund einhundertzwanzig Jahre früher lässt Büchner in Leonce und Lena den Valerio, einen Gefährten von Leonce, der eigentlich ein Vagabund und früher Anarchist ist, sein Programm in deftiger Sprache und ohne akademische Krawatte so formulieren: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht.“ Valerio setzt hinzu: „Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, dass, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; dass, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; dass jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft für gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!“
Herbert Marcuse hielt den Lärm für die akustische Begleitung eines im Kern gewaltförmigen und destruktiven kapitalistischen Fortschritts, das Bedürfnis nach Ruhe für ein revolutionäres Ferment und Stille für eine wesentliche Qualität einer befreiten Gesellschaft. In einem 1968 geführten Gespräch „Über Revolte, Anarchismus und Einsamkeit“ sagte er: „Es gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille, ohne einen inneren und äußeren Bereich der Einsamkeit, in dem sich die individuelle Freiheit entfalten kann.“
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen