Die wahnhafte Vernunft Europas: ein neuer weicher Faschismus ?

von Laurent Desutter, Übersetzung Michèle Mialane, aus “Tlaxcala”
Es ist Zeit, die Augen zu öffnen: die führenden Stellen den Europas verkörpern einen neuen Faschismus. Nicht mehr der offensichtliche, übernommene Faschismus, welcher das zwanzigste Jahrhundert zu einem Inbegriff der politischen Missgestalt gemacht hat; da haben wir eher mit einem weichlichen, hinterhältigen Faschismus zu tun, der seine Absichten hinter einer Sprache verbirgt, welche sich für die Stimme der Vernunft ausgibt. Aber die Vernunft jener, die sich heute mit dem griechischen Premierminister Aléxis Tsípras auseinandersetzen müssen, ist in Wirklichkeit eine wahnhafte Vernunft und das in mehreren Hinsichten.
Vladimir KazanevskyVladimir Kazanewsky, Ukraine
Erstens in politischer Hinsicht: jede neue Geste der europäischen führenden Stellen (so neulichst jene des Direktors der EZB Mario Draghi) zeigt abermals, wie sehr sie die Prinzipien verachten, auf die jene Vernunft sich sonst beruft. Indem der Vorsitzende der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker laut verkündete, dass die europäischen Abkommen keiner demokratische Abstimmung unterworfen sind, hatte er das offen zugegeben: in Europa ist Demokratie nur noch ein leeres Wort. Dass er damit eine juristische Realität hervorgehoben hat (tatsächlich werden die Abkommen zwischen Staaten und nicht zwischen Bevölkerungsgruppen verhandelt), war diese Erklärung trotzdem jene eines Ganoven. Nein, Völker Europas, nicht Euch gehört Europa – und auch nicht den Regierungen, die Ihr gewählt habt, soweit jene nicht dem Tempo folgen, den wir für sie bestimmen möchten. So lautete die Botschaft, den Junker zu verlauten beabsichtigte – und die auch tatsächlich gehört worden ist.
Tsipras no austerity LatuffCarlos Latuff, Brasilien
Zweitens ist die europäische Vernunft in wirtschaftlicher Hinsicht wahnhaft: was die leitenden europäischen Gremien derzeit zu Stande bringen, ist ganz einfach der Ruin eines ganzen Kontinents, oder eher der Ruin dessen Bevölkerung – und das in einer Zeit wo der Reichtum Europas als wirtschaftliche Einheit immer weiter wächst. Indem die europäische wirtschaftliche Führung versucht, das griechische Programm von Yánis Varoufákis – wirtschaftlich gesehen jedoch tadellos rational – im Keim zu ersticken, erklärt sie es auch ohne Umschweife. Sie interessiert sich nur für den Fortbestand eines Statu quo, welches dem Kapitalismus in seiner entfleischtesten und manischsten Form es möglich macht, einen abstrakten Reichtum zu produzieren. In Europa geht es nicht darum, dass Reichtum Menschen zu Gute kommt, sondern darum, dass jener Reichtum weiter, und immer mehr, im Umlauf bleibt. Jedoch fällt es jener Führung keineswegs ein, dass ein so radikales Aus-dem-Gleichgewicht-Bringen des europäischen Wirtschaftssystems am Ende das kapitalistische System selber zu Grunde richten kann, wie die Finanzanalysten es immer wieder betonen. Denn schließlich handelt es sich dabei nicht wirklich um Kapitalismus, auch nicht einmal um Wirtschaft, sondern nur um Macht und deren Durchsetzung.
the housewife Η νοικοκυρά sofia mamalingaDie Hausfrau, von Sofia Mamalinga, Griechenland
Drittens ist die europäische Vernunft mit Hinsicht auf die Vernunft selber wahnhaft: Was in den diversen Aufrufen zur „Vernunft“ steckt, welche die griechische Regierung sich zu Eigen machen sollte, ist in Wirklichkeit eine Unterwerfung unter dem reinsten Wahnsinn. Denn die Vernunft, auf welche sich die europäischen PolitikerInnen berufen (z.B. wenn sie die der Bevölkerung aufgezwungenen, idiotischen Sparmaßnahmen rechtfertigen wollen- beruht auf einer Axiomatik, die ebenso gut eine Definition des Wahnsinns liefern könnte. Diese Axiome sind zuallererst die Ablehnung des Realitätsprinzips – die Tatsache, dass die Vernunft der europäischen Führung leer läuft und mit den Geschehnissen in der realen Welt nie in Berührung kommt. Dann die Ablehnung des Satzes vom Nicht-Widerspruch – die Tatsache, dass alle Argumente, auf denen ihre Entscheidungen beruhen, weder Fuß noch Hand haben; eben deswegen werden sie vorgelegt (siehe z.B. die angeblich wirtschaftlich rationelle Austerität, wobei jeder weiß, dass dem nicht so ist). Und schließlich das Prinzip des „ja, aber“: die Tatsache, dass man auf die Grundlagen selbst der getroffenen Entscheidungen zurückgehen und sie diskutieren kann, ruft bei den führenden Stellen hysterische Reaktionen hervor.
Dieser allumfassende Wahnsinn der europäischen Führung muss hinterfragt werden. Weshalb macht er sich so unverschämt vor unseren Augen breit? Weshalb tut er, als ob er weiter nach Gründen suchen würde- wobei dieses Gründe sinnlos geworden sind, nur leere Worte, hohle Parolen, inkonsistente Logik? Die Antwort ist ganz einfach: wir haben tatsächlich mit Faschismus zu tun. Es heißt, sich einen rein konventionellen Deckmantel zu geben, einen Diskurs zu führen, den man angeblich befürwortet, um in Wirklichkeit eine ganz andere Operation auszuführen.
Wie ich es oben suggeriert habe, bei dieser Operation geht es in der Tat um Aufrechterhaltung der Ordnung: die europäische Bevölkerung muss immer härter gezügelt werden – damit sie nicht auf die immer brutaleren Maßnahmen reagiert, die man ihr auferlegt. Regierungen, die sich für demokratisch ausgeben, wurden von den verschiedenen Völkern Europas demokratisch gewählt – aber das verborgene Programm jener Regierungen ist gerade das Gegenteil: sie wollen die Demokratie untergraben, weil die Demokratie ihnen nicht passt. Alles andere ist nur Tarnung. Was die neue griechische Regierung aber versucht, ist, ein bisschen Realismus in den unwahrscheinlichen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Wahnsinn, in welchem Europa steckt- also ein bisschen Demokratie. Aber dabei enthüllt sie das Ausmaß an Schurkerei, die in den anderen Ländern des Kontinents herrscht – und dafür gibt es keine Vergebung.

Siné février 2015Vorwärts, Griechen!,

von Siné, Frankreich
Originaltext
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Es herrscht Klassenkrieg …
Einfach nur noch widerlich
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Es herrscht Klassenkrieg …

Auf die Frage, was er für den zentralen Konflikt unserer Zeit hält, hat Warren Buffet gesagt:

„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen”.

(“There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.” -
im Interview mit Ben Stein, New York Times, 26. November, 2006).
Exemplarisch die Kriegs-Methodik auf dem Schlachtfeld Griechenland:
Auszüge zitiert aus “Contra-Magazin”
  • Die Rettungspolitik der EU ist keine Rettung verschuldeter Staaten, sondern es ist eine Rettung nach IWF-Muster. Dieses Muster geht davon aus, dass aufgrund der Rettungspolitik sowohl die betroffenen Banken als auch fremde Kapitalgeber an der Rettung verdienen und der Schuldner immer tiefer in den Schuldensumpf gedrückt werden sollen.
  • Die Kreditoren handelten und handeln nach wie vor unsittlich, in dem den Schuldnern immer weitere und höhere Kredite zwangsweise verordnet werden, um den Schuldenstand und die Verdienstmöglichkeiten über Zins-Prolongation zu erhöhen. Das ist nach allgemeinem Recht sittenwidrig, wenn klar ist, dass es dem Schuldner unmöglich ist, die Kredite jemals zu bedienen oder zu tilgen.
  • Die EU handelt völlig außerhalb ihres Rechtsrahmens, sowohl dem EUV, dem AEUV, dem EUGVVO, EZBSatz, StabPakt, VO (EG) 1467/97, EMRK und der GR-Charta. Es ist ein einmaliger Vorgang, dass ein “institutioneller Rahmen”, genannt EU sich Rechte anmaßt, die nicht existent sind; dass die EU das Geschäft der Banken und Kreditoren betreibt anstatt das Geschäft seiner Mitglieder, zu dem sie in eindeutigem Treueverhältnis zu stehen hat.
  • Die EU handelt in vielen beweisbaren Fällen als gewerbsmäßige Veruntreuungsanstalt im Auftrag des IWF und der privaten Banken. Der Zweck der EU wird pervertiert. Die Gesetze der “Verträge” werden pervertiert. Nicht das Wohl der Mitgliedsländer wird als Handlungsprimat angewendet, sondern das Erstreben außerordentlicher Profite der sittenwidrig handelnden Banken.
  • Die sogenannte Rettung ist keine, sondern eine Zerstörung breiter Volksschichten durch Zwangsmaßnahmen einer Troika, die weder Befugnisse noch manifesten Rechtsstatus in der EU hat. Selbst die Vereinbarungen und Verträge mit der Troika, mit den Beauftragten der EU im Fall der Problemlösung, sind rechtswidrig.
  • Die Bevölkerung der Schuldenländer wird rechtswidrig mit Maßnahmen belegt, die weder gerechtfertigt sind, noch dem wirtschaftlichen Sachverstand der Welt-Ökonomen entspricht, sondern exakt dem Gegenteil. Das führt zur sozialen und monetären sowie pekuniären Verarmung der gesamten Bevölkerung des Schuldenstaates, ohne dass sich die Schuldenlast verringern würde.
  • Die Bevölkerungen der Schuldenstaaten werden als Geld-Geiseln missbraucht; die staatlichen Besitztümer werden unter Wert zwangsverkauft, um bevorzugten Personen, Banken, Kreditoren aus anderen Ländern Windfall-Profits zu bescheren. In diesem Sinne ist die gesamte Rettungs-Politik eine Veruntreuungsmaschinerie, quasi eine false-flag-Operation des IWF, also der USA und seiner Geldoligarchen.
  • Alle bisherigen Maßnahmen zur Rettung haben kein Problem gelöst, keine Kreditversorgung und keine staatliche Gesundung in ordentliche gesunde Bahnen gebracht, sondern den Gesamtzustand der Schuldenstaaten weiter exzessiv verschlimmert.
  • Die sogenannten Konditionalitäten sind willkürlich, unangemessen, nicht zielführend und lösungs-invers. das System der Rettungsmaßnahmen ist dysfunktional, kontraproduktiv und in den meisten Mechanismen kriminell.
  • Die zwanghafte Fortsetzung dieser Politik und die Betonung der EU auf Alternativlosigkeit spiegeln diese Rettungspolitik als das was sie in Wahrheit sind: eine Zerstörung staatlicher Souveränität und Ausbeutung staatlicher Ressourcen zum Wohle fremder Bankensysteme. Der IWF als verlängerter Arm der US-Hegemonie leistet ganze Arbeit zum Wohle US-amerikanischer Finanzoligarchen und der US-Regierung, der eine starke EU zuwider, weil sie ein starker Wettbewerber ist.
  • Die Überversorgung von Staaten mit Krediten und die sogenannte Rettung dieser dann überschuldeten Staaten mit der sogenannten Rettungsschirm-Politik und einhergehender Zerstörung über die Konditionalisierungen, ist der politisch motivierte Raubzug der US-hörigen EU an schwachen europäischen Ländern, um die EU insgesamt und damit Europa in die totale Abhängigkeit der USA zu bringen.
  • Besonders verwerflich ist die pro-aktive Beteiligung der Bundesregierung, des deutschen Finanzministers an diesem Konstrukt, an der zwanghaften Installierung und der unbedingten Fortführung dieser Rettung, selbst dann, wenn offensichtlich ist, dass keine Rettung stattfinden kann, sondern der Totalausfall des Staates bevorsteht. Diese amoralische und sittenwidrige Anmaßung ungesetzlicher Maßnahmen durch einen deutschen Minister, der im Übrigen durch sein Gouverneurs-Mandat beim ESM verfassungswidrig handelt, ist ein krimineller Akt sondergleichen.
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Einfach nur noch widerlich

von Christian Müller aus “infosperber”
Die deutsche BILD-Zeitung hetzt gegen die Griechen. Deutsche Meinungsmache in Reinkultur.
Dass Boulevard-Zeitungen gesellschaftlich akzeptiert sind, dass auch Spitzenpolitiker – aus Wiederwahlgründen – ihnen, ihrer grossen Auflagen wegen, besonders gerne Interviews gewähren: wir haben uns daran gewöhnt. Dummheit gehört auch zur Schöpfung.
Wo es allerdings mehr als problematisch wird, ist, wenn grosse Boulevard-Zeitungen nicht mehr nur berichten, sondern aktiv Politik machen. Die BILD-Zeitung aus dem Hause Springer in Deutschland führt seit Monaten eine Hetzkampagne, nein, nicht gegen Griechenland, gegen DIE Griechen: sie sind alle faul, nochmals faul und jetzt gierig, gierig nach dem Geld der Deutschen.
Am Donnerstag dieser Woche nun hat sich BILD selber übertroffen: Sie ruft auf zu einem NEIN zu erneuter Hilfe für die Griechen. «Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!» Und zwar seitengross: die ganze Frontseite! Und sie fordert ihre Leserinnen und Leser ganz direkt auf, mitzumachen: «Hochhalten, fotografieren und mitmachen! Sind Sie auch gegen weitere Milliarden-Hilfen für die Griechen? Diese BILD-Seite mit dem Aufruf «Nein» hochhalten. Machen Sie ein Foto von Ihnen und dem Aufruf – und schicken Sie das Selfie per Mail an 1414@bild.de. Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre Handy-Nummer für Rückfragen an.»
Um den Druck auf die deutschen Politiker noch zu erhöhen, macht BILD auch noch ein Kurzinterview mit Prof. Lars Feld, einem der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen, Leiter des Walter-Eucken-Wirtschaftsinstituts in Freiburg. Ein typischer Rechtsaussen halt.
Alles einfach nur noch widerlich!
So ganz kalt lassen kann uns das in der Schweiz nicht, auch wenn es im «grossen Kanton» ist. Die Kooperation von Ringier mit Springer ist immerhin schon sehr weit gediehen, die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Zürcher Medienhaus Ringier in Bälde dem Springer-Konzern gehört, ist hoch. Wer wehrt sich dann gegen die fremden Meinungsmacher in Berlin?
Originaltext
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Mord an Boris Nemzow

Absage an Pawlowsche  Reflexe – eine fast persönliche Erklärung
Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde Freitag nachts auf offener Straße gemeuchelt. Eine schändliche Tat! Ich verurteile sie ohne jede Einschränkung! Seiner Familie, seinen Freunden, allen, die durch den Mord schockiert sind, gehört mein uneingeschränktes Mitgefühl. Soweit bisher erkennbar, waren Leute am Werk, denen an einer Aufheizung der politischen Situation im Lande und in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen gelegen ist. Denkbar ist auch, dass Kräfte mit ihm abgerechnet haben, die er sich im Laufe seines geschäftlichen Lebens zu Feinden gemacht hat. Bisher sind alle Versionen offen.
Zugegeben, Boris Nemzow war auch nicht mein bester Freund. Seit er mit Beginn der Jelzin Herrschaft 1991 als radikaler Privatisierer in Nischni Nowgorod von sich reden machte, war er einer der Counterparts, mit denen er sich neben Jegor Gaidar, Anatoly Tschubajs und anderen auseinandersetzen musste, wer die kriminelle Oligarchisierung zur Zeit der 90ger nicht gutheißen konnte. Stärker wirkte er in diesem Sinne dann noch als Vize-Ministerpräsident, immer noch unter Jelzin 1997/1998.
Unter Putin wurde Boris Nemzow zu einer provokativen Figur, die außer „Nieder mit Putin“ allerdings politisch keine Alternative anzubieten hatte. Seine oppositionellen Signale wirkten vor allem als grelle Fackel nach Westen. Zuletzt machte er sich zum Sprachrohr der Opposition gegen die vom Kreml betriebene Ukraine-Politik und damit zur Hoffnung von Menschen, die auf Putin-Change setzen.
Boris Nemzows Mörder, das ist vor diesem Hintergrund leicht zu erkennen,  setzen offensichtlich auf Pawlowsche Reflexe in der russischen und mehr noch in der westlichen Öffentlichkeit, Motto:  Wer Putin stört, wird von Putin geschlagen. Aber wollen wir uns zu Pawlowschen Hunden erniedrigen lassen? Könnte es nicht gut sein, dass es noch andere Motive geben könnte als die eines Putin, sich selbst in einer äußerst dümmlichen Weise ins Aus zu schießen?
Also, beobachten wir, analysieren wir, denken wir nach, bevor wir uns anheizen lassen. Es steht viel auf dem Spiel – wenn, wer auch immer – das Klima in Russland oder auch international weiter anheizt.
Kai Ehlers
www.kai-ehlers.de
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IWF-Kredite an die Ukraine: Ziel ist die vollständige Destabilisierung des Landes

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Schuldenschnitt? Ja bitte – wir sind alle Griechen!

Von Peter Haisenko aus “Anderwelt”
Wie realitätsfern muss man sein, gegenüber Griechenland eine „harte Haltung“ zu fordern? Wie ignorant gegenüber der eigenen Situation? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jedes europäische Land einen Schuldenschnitt braucht. Griechenland ist uns da nur ein paar Jahre voraus. Wir sind alle Griechen.
Die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt, das steht außer Frage. Dass sie das überhaupt konnten, haben wir zu verantworten. Wir, das heißt die Politik und die Bankenwelt des gesamten Westens. Sobald sich die Gelegenheit bot, haben die Europäer den Griechen verboten, ihre restriktiven Zollgesetze beizubehalten, die verhinderten, dass in Griechenland Importgüter konsumiert werden, die sich das Land eigentlich nicht leisten kann. „Großzügig“ wurden Kredite angeboten, mit denen beispielsweise unsere teuren Autos nach Griechenland verkauft werden konnten. Früher unterlag das strengen Auflagen.
Griechenlands Probleme sind auch die unseren
Die Globalisierung war für Griechenland eine Katastrophe. Die einst leistungsfähige griechische Textilindustrie ist chinesischen Wanderarbeitern und der „Geiz ist geil“-Mentalität zum Opfer gefallen. Die Werftindustrie, einst der Stolz der Hellenen, gibt es nicht mehr. Das Letzte, was Griechenland noch exportieren könnte, wollen wir nicht mehr haben: Das gute griechische Olivenöl, weil die profitgierigen Kaufleute die Deutschen lieber mit dem billigsten, schlechtesten und gesundheitsschädlichen Rapsöl vergiften. Griechenland hat ein akutes Problem, das die armen Griechen aber nicht aus eigener Kraft lösen können.
Die Griechen werden ihre Schulden niemals begleichen können, soviel steht fest. Im Insolvenzrecht steht geschrieben, dass ein Insolvenzverfahren einzuleiten ist, wenn abzusehen ist, dass ein Schuldner seine Schulden nicht in absehbarer, vernünftiger Zeit begleichen kann. Das trifft auf Griechenland zweifelsfrei zu. Allerdings ist an dieser Stelle die Frage zu stellen, auf welchen Staat das nicht zutrifft. Nehmen wir als Beispiel das „gesunde“ Deutschland.
Die „schwarze Null“ steht auf tönernen Beinen
Die Staatsschulden Deutschlands sind immer schneller angewachsen auf mittlerweile etwa 3.000 Milliarden Euro. Schäuble brüstet sich jetzt mir einer „schwarzen Null“, zu deren Entstehung er nichts, aber auch gar nichts beigetragen hat. Schulden tilgen kann er aber nicht. Und selbst wenn er könnte, dann sollte man eine kleine Rechnung aufmachen: Angenommen, und das ist eine absolut unrealistische Annahme, Deutschland würde ab diesem Jahr jedes Jahr Schulden tilgen in Höhe von 50 Milliarden Euro, dann würde es 60 Jahre dauern, bis alle Schulden getilgt sind. Realistisch betrachtet, wird Deutschland selbst in tausend Jahren nicht schuldenfrei sein, so lange nicht wirklich einschneidende Maßnahmen ergriffen werden, wie zum Beispiel ein radikaler Schuldenschnitt. Wir sind alle Griechen!
Schäubles schwarze Null steht auf tönernen Beinen. Nicht nur Griechenland ist abhängig von äußeren Kräften, Deutschland nicht weniger. Es sind unter anderen die US-Ratingagenturen, die mit einem Federstrich Schäubles schwarze Null in ein Defizit von 60 Milliarden verwandeln können, und Schäuble könnte nichts, aber auch gar nichts dagegen tun. Die Ratingagenturen müssen nur die Bonität Deutschlands herunterstufen und schon steigen die Zinsen auf unsere Schulden. Welches Damoklesschwert da über uns hängt, zeigen einfache Rechnungen: Schuldenstand Deutschland – 3.000 Milliarden Euro. Bei einem Schuldzinssatz von nur einem Prozent sind 30 Milliarden jährlich fällig, nur um die Zinsen zu bedienen. Da ist noch kein Euro getilgt. Unser Glück, unser vergängliches Glück ist, dass gerade für Deutschland die Zinsen zur Zeit extrem niedrig sind – im Gegensatz zu Griechenland.
Abhängig von der Willkür der Ratingagenturen
Griechische Staatsanleihen müssen mit hohen Zinsen bedient werden. Es waren schon mal bis zu 16 Prozent und auch heute gibt niemand Geld an Griechenland unter 5 Prozent. Übertragen wir das doch mal auf Deutschland: Ein Prozent auf 3.000 Milliarden ist 30 Milliarden Euro. 5 Prozent würde bedeuten, dass Deutschland allein an Zinsen 150 Milliarden Euro pro Jahr abdrücken müsste. An wen auch immer, denn diese Frage ist seit Jahrzehnten ungeklärt – aber das ist ein anderes Thema. Diese 150 Milliarden wären dann etwa 30 Prozent des deutschen Staatshaushalts. Hat darüber schon mal einer der Ignoranten nachgedacht, die jetzt eine harte Haltung gegenüber Griechenland fordern?
Mit ihrer Wahl haben die Griechen der Welt eine wichtige Botschaft gesendet: Wir machen diesen Wahnsinn nicht mehr mit! Den Wahnsinn, dass irgendwelche privaten (!) Finanzhaie Volkswirtschaften ausplündern mit Hilfe eines perfiden Systems. Erst wird ein Land in Schulden getrieben und dann lässt man es Frondienste leisten, deren Ausmaß man nahezu beliebig steuern kann mit der Höhe der Zinsen. Diese wiederum werden wiederum nahezu beliebig festgeschrieben von wiederum privaten US-Ratingagenturen, die keinerlei vernünftiger Kontrolle unterliegen. Eines muss dabei dem Letzten ins Stammbuch geschrieben werden: Es gibt kein westliches Land, das jemals seine Schulden begleichen kann. (Außer Bayern vielleicht?) Schulden, die nicht beglichen werden können, sind nicht nur unmoralisch, sie müssen, und ich wiederhole, sie müssen in einem Insolvenzverfahren geklärt werden.
Staatsanleihen sind hoch riskante Papiere
Betrachten wir dazu kurz die Gläubigerseite. Entsprechend der Einschätzung der Ratingagenturen sind (nicht nur) griechische Anleihen Hochrisikopapiere. Genau deswegen bringen sie auch Renditen in unanständiger Höhe. Das heißt, dass jeder, der mit diesen Papieren eine hohe Rendite einfahren will, diese Papiere kauft im vollen Bewusstsein, dass er einen Totalverlust erleiden kann. Jeder Privatinvestor weiß das, und wenn das Schlimmste eintritt, dann muss er das zähneknirschend hinnehmen. Warum sollte das mit Staatsanleihen anders sein? Kann es überhaupt Staatsanleihen geben, die dieses Risiko nicht beinhalten? Denn es steht vollkommen außer Frage, dass kein Staat jemals seine Schulden wird begleichen können. Früher oder später werden alle Staatsanleihen wertlos sein, nämlich dann, wenn zum Beispiel Deutschland seine Zinsen nicht mehr bezahlen kann, weil eine US-Ratingagentur Deutschland sein AAA-Rating in einem Akt der Willkür genommen und vielleicht auf BBB zurückgestuft hat. Dann ist Schluss mit den billigen Zinsen, auch für unser Land.
Was jetzt in Griechenland mit der neuen Regierung geschehen könnte, sollte wegweisend für ganz Europa sein und eigentlich für die ganze Welt. In den letzten hundert Jahren hat es eine ganze Menge an „Staatspleiten“ gegeben und die Welt ist nicht untergegangen. Man bedenke, wenn von heute auf morgen alle, restlos alle Schulden und Guthaben annulliert würden, dann würde von dieser schönen Erde nichts verschwinden – außer eben diese völlig irrsinnigen Geldmengen und, ich denke hier liegt das Problem, mit dem Geld die Macht, die dieses Geld ausübt. Es würde aber etwas ganz anderes, Positives geschehen: Alles, alle Waren würden über Nacht um etwa 30 Prozent billiger werden. Wie bitte? Es ist ganz einfach: Die allgemeine Zinslast – der Staaten und im privaten Bereich – macht alles teurer und zwar um den Zinsanteil für Kredite, die aufgenommen worden sind und sich akkumulieren, um Investitionen tätigen zu können. Diese Zinsen fließen in die Taschen derjenigen, die – auf welchem (unanständigen) Weg auch immer – Unmengen von Geld angehäuft haben und sich so ein Luxusleben auf Kosten der fleißigen Menschen ergaunern.
Globales Insolvenzverfahren ist überfällig
Man muss also nicht nur darüber diskutieren, ob man Griechenland einen neuerlichen Schuldenschnitt „genehmigen“ will, sondern darüber, wann, nicht ob, wann genau so ein Schuldenschnitt für alle Länder anzuwenden ist. Und mit Schuldenschnitt meine ich nicht 50 Prozent, ich fordere 100 Prozent. Alles, was unter 100 Prozent liegt, schreibt nur den jetzigen Zustand weiter fest, auf einem etwas niedrigeren Niveau und es ist dann nur eine Frage der Zeit, wann wir wieder an derselben Stelle sein werden, wie Griechenland heute ist.
Griechenland hat uns einst die Demokratie geschenkt. Vielleicht, und ich hoffe dass das so ist, kann uns jetzt Griechenland die Augen öffnen und die Erkenntnis schenken, in was für einem System des Wahnsinns wir (freiwillig?) leben. Kein Land ist davor gefeit, das nächste Opfer der willkürlichen Zinspolitik zu werden. So muss ich unseren Hardlinern gegenüber Griechenland Ignoranz, Arroganz und vor allem vollkommene Fantasielosigkeit vorwerfen. Oder aber schlimmer: Wessen Geschäft betreiben diese Transatlantiker, diese Knechte der Finanzindustrie? Betreiben es wider besseres Wissen, denn ich will nicht annehmen, dass unsere Vorbeter so beschränkt sind, dass sie nicht auch ganz genau wüssten, was ich dargelegt habe.
Unseren Wohlstand verdanken wir nicht den Banken
Jeder hat in Deutschland, und nicht nur hier, das Recht, ein Erbe auszuschlagen. Wenn ein Kind in Deutschland – beispielsweise – geboren wird, dann „erbt“ es mit der Geburt Schulden in Höhe von etwa 30.000 Euro. Bis dieses Kind 30 Jahre alt ist, werden seine ererbten Schulden auf das Doppelte angewachsen sein. Wie lange wird es noch dauern, bis diese Schulden-Erbe-Generation ihr Erbe ausschlägt? Bis sie, nach griechischem Vorbild, die Rückzahlung der Schulden ihrer Vorfahren einfach verweigert? Wer wollte behaupten, dass die unfreiwilligen Schulden-Erben dazu kein Recht haben? Die Zeit ist überfällig, ernsthaft darüber nachzudenken, ob es nicht besser wäre, ein weltweites Insolvenzverfahren durchzuführen, ehe sich der Unmut über diesen Finanzwahnsinn in blutigen Aufständen entlädt? Dass das passieren wird, wenn wir einfach so weiter machen, steht außer Frage. Da müssen wir nicht nur nach Griechenland sehen.
Wenn die Banken zusammenbrechen, wird die Welt nicht untergehen. Aber die Macht, die die Bankenwelt ausübt, die wird untergehen. Wäre das so schlimm? Sicher nicht! Wie verblödet oder nachhaltig indoktriniert muss man sein anzunehmen, dass unser Wohlstand von irgendwelchen Banken abhängt? Unser Wohlstand hat eine einzige Grundlage: Die Arbeit, die wir leisten und die immer effektiver wird, weil es Ingenieure gibt, denen es gelungen ist, immer mehr Arbeit von Energie leisten zu lassen. Sie sind es, die unseren Wohlstand geschaffen haben, und nicht ein einziger Bankster. Warum also wollen uns die Geldknechte immer noch weiß machen, dass sie es sind, deren Untergang unbedingt zu vermeiden sei?
Griechenland wird ohne radikalen Schuldenschnitt – Schuldenerlass – nie auf die Beine kommen. Wir aber letztlich auch nicht. Ich weiß nicht, ob wir alle „Charly-Hebdo“ sind, wie so schön skandiert worden ist. Aber ich weiß: Wir alle sind Griechen, was unsere Schuldensituation anbelangt. Deswegen sollten, müssen wir jetzt Solidarität mit Griechenland üben und der Bankenwelt die rote Karte zeigen. Die Kunst wird sein, die Schulden abzuwickeln, ohne blutige Aufstände und in einer Weise, die es den Geldgewaltigen nicht erlaubt, unseren mühsam erarbeiteten Wohlstand im Finanzchaos zu vernichten. Lasst uns die Wahl in Griechenland zum Anlass nehmen, das ungerechte Finanzsystem genau zu analysieren und konstruktive Lösungswege zu diskutieren.
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Arno Gruen: “Wider den Gehorsam”

Von Michael Schmid aus “Lebenshaus”
gruen_gehorsamIn zahlreichen Veröffentlichungen hat sich der Psychoanalytiker Arno Gruen mit den psychologischen Ursachen für Gewalt und Fremdenhass, mit den Voraussetzungen für Autoritätsgläubigkeit und Demokratie beschäftigt. Nun wurde im vergangenen Herbst ein neues Buch des inzwischen 91-Jährigen publiziert. “Wider den Gehorsam” stellt eine Art knappe Zusammenfassung seiner wichtigsten Erkenntnisse dar.
Gruen geht davon aus, dass Gehorsam ein weitverbreitetes Phänomen, ein nicht zu leugnender Aspekt unserer Kultur sei. Das hänge damit zusammen, dass die mit dem Gehorsam verbundene Unterwerfung unter den Willen eines anderen bereits in frühester Kindheit beginne, “lange bevor Sprache und Denken sich ordnen, so dass der Gehorsame später seine Unterwerfung während der Kindheit gar nicht wahrnimmt und sie erduldet, ohne sich dessen bewusst zu sein.”
Die Wurzel des Gehorsams sieht Gruen also in der frühesten Kindheit, als wir den Erwachsenen, die uns versorgten, die uns aber auch ihren Willen aufzwangen, ausgesetzt gewesen seien. “Diese Erfahrung bedroht jedes kindliche Selbst, das sich gerade entwickelt. Kinder, deren Willen auf diese Weise gebrochen wurde, entwickeln einen verhängnisvollen Gehorsam gegenüber Autoritäten.”
Seine jahrzehntelange Arbeit mit Patienten und sein Verständnis geschichtlicher Entwicklungen hat Gruen zu folgender Überzeugung geführt: “Die Basis unserer ‚Hochkultur’ ist das Bestreben, die Welt im Griff zu haben, sie zu besitzen, zu beherrschen und gleichzeitig für Mechanismen zu sorgen, die eine Verleugnung und Verschleierung dieser Motivation bewirken. Diese Verschleierung basiert auf dem Motto: Wir verfügen über dich, weil es zu deinem Besten ist.”
“Fest verankerte Konventionen verführen zu reflexartigem Gehorsam, veranlassen uns, Obrigkeiten nicht in Frage zu stellen, verleiten uns zur Hingabe an vorgegebene Programmierungen, zu Gruppendenken und machen uns schließlich unfähig, selbst zu denken und selbstbestimmt zu handeln.”
Gehorsam werde so zum psychologischen Mechanismus, durch den individuelles Handeln an politische Zwecke gebunden werde. Es sei der Zement, der die Menschen an Autoritätssysteme binde und tiefverwurzeltes Verhalten erzeuge, das ethisches Empfinden und Mitgefühl zunichte mache.
Allerdings und glücklicherweise trifft dieser kritiklose Gehorsam laut Gruen nicht auf alle Menschen zu. Verschiedene Untersuchungen hätten gezeigt, dass etwa ein Drittel der Menschen in unserer Kultur weder kritiklos noch gehorsam seien. “Das gibt Hoffnung: Mitgefühl und menschliche Zuwendung widerstehen nicht nur dem Gehorsam und treten ihm entgegen; sie können Gehorsam auch zurückdrängen”, so Gruen. “Das Überleben des Menschen hängt von unserer Fähigkeit ab, Mitgefühl und Liebe zu leben und nicht von Gehorsam abhängig zu sein oder zu bleiben.”
Dabei müsse der Kampf gegen den Gehorsam nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit den Gefühlen ausgetragen werden, die dem verblendeten Gehorsam zuwiderliefen. Damit sei Empathie gemeint, unsere Fähigkeit, mitfühlend auf unsere Umwelt einzugehen.
Das Buch des Psychoanalytikers und Gesellschaftskritikers Arno Gruen zeigt auf eindrückliche Weise, dass es der Gehorsam ist, der die Demokratie und sogar das Überleben der Menschheit gefährdet. “Gehorsam ist destruktiv. Gehorsam grenzt das Denken ein und verneint die Realität. Die Ganzheit der Wirklichkeit lässt sich nicht auf das eingrenzen und einengen, was nur die kurzsichtige Perspektive der Mächtigen widerspiegelt.”
Demgegenüber werde eine bessere Welt dort sichtbar, wo der verblendete Gehorsam aufgebrochen werde und sich in echte zwischenmenschliche Empathie verwandle.
“Mut, Herz und offenes Denken sind die Kräfte, die den Gehorsam besiegen.”
Das neue Buch von Arno Gruen ist ein lesenswerter Aufruf gegen den verblendeten Gehorsam. Und für ein Leben zugunsten einer gerechteren, menschlicheren Welt. Eine Welt des Miteinanders statt des Gegeneinanders.
Verlag Klett-Cotta, Arno Gruen: Wider den Gehorsam, ISBN: 978-3608948912
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Zeit der Narzissten?

Von Ruth Enzler aus “Journal21″
In der Flut der Waren und Ich-Entwürfe kann das Selbst untergehen, und der Narziss tritt auf.
Die Auswahl an Möglichkeiten in der heutigen Moderne wird immer grösser und die Geschwindigkeit des Wandels nimmt zu. Das einzige, worauf wir uns verlassen können, ist der Wandel. Was heute noch richtig war, ist morgen verpönt, was heute in Mode ist, ist morgen schon out. Wie soll der Einzelne in diesen Zeiten noch ein stabiles, solides Selbst entwickeln? Wonach richten wir unsere innerste Haltung aus? Wo finden wir Halt?
Verschwimmende Grenzen
Bis gegen Ende der 80er Jahren waren die gesellschaftlichen Strukturen und die Feindbilder klar definiert. Wir kannten die geistige Landesverteidigung im Kalten Krieg, die Stimmen der 68er Generation gegen die starren Gesellschaftsstrukturen und gegen den Kapitalismus bis hin zu der Gründung der Grünen Partei für den Erhalt unserer Umwelt und die Abschaffung der AKWs („AKW – Nein danke!“). Diese Bewegungen hatten etwas Stabiles, und vor allem grenzte sich die eine Gruppe von anderen Gruppierungen klar ab. Es gab keine Zugehörigkeit zu „beiden“ oder nur „ein bisschen“, es galt die akkurate Grenzziehung des „Entweder-Oder“.
Heute sind die eindeutigen Feindbilder weitgehend verschwunden, die Gruppierungen unterscheiden sich oft nicht mehr deutlich voneinander und die Kinder der Grünen handeln nicht selten erstaunlich pragmatisch. So fahren sie zum Beispiel einen VW-Bus, um ihre Musikinstrumente für bevorstehende Konzerte einladen zu können. Und wenn dann schon so ein Auto herumsteht, warum mit ihm nicht gleich auch in die Ferien fahren?
Ablenkung vom Ich
Die meisten von uns fliegen in die Ferien und fahren dafür ein „ökologisches“ Automobil – oder gar keines – und zahlen, wo immer wir können, den CO2-Ausgleich. Welcher inneren Haltung entspringt ein solches Verhalten? Zu welcher Gruppierung gehören wir? Wo sind die abgrenzenden und ausschliessenden Merkmale der einen oder anderen Gruppierung? Bevor uns diese Fragen beschäftigen, kommt uns die Informationsflut entgegen und lenkt uns von solch schwierigen Themen ab. Immer ist Ablenkung da und stetig ändern sich die Ansichten über einen Sachverhalt. Wir schwimmen im Strom mit, lullen uns ein und entfernen uns allmählich von uns selbst.
Die Frage, wer bin ich und welcher inneren Haltung ich folge, wird erst gar nicht gestellt oder die Antwort bleibt offen. Parallel dazu verzeichnet unsere Gesellschaft eine Zunahme der psychischen Krankheiten und Erschöpfungssymptome. Psychotherapeuten und Psychiater stellen bei den zu behandelnden Menschen nicht selten eine Sinnentleerung fest. Wie kommt es dazu?
Wert der Langeweile
Die Aussenorientierung nimmt zu. Wer ich bin, zeigt sich an meinem Besitz, dem gesellschaftlichen Status und wofür mich die anderen halten. Wir überlassen also der äusseren Welt die Definition über unser Inneres. Gerade in der heutigen Zeit besässen wir aber die Freiheit, das zu sein, wozu wir uns selber entschliessen. Es ist ein Paradoxon, dass wir die Freiheit, die wir de jure haben, de facto nicht nutzen und uns über Äusserlichkeiten definieren lassen.
Gleichzeitig lassen wir unser Innerstes verkümmern und entfernen uns von unserem Selbst. Unsere Kinder müssen, weil das Gehirn zu diesem Zeitpunkt so ungemein aufnahmefähig ist, Frühenglisch, Frühchinesisch, Frühgeige, Früh-… was immer lernen, wobei auch der Sport, die Reitstunde und das Ballett nicht zu kurz kommen sollen. Wo bleibt die Zeit für die eigene Entwicklung? Langeweile, Momente des Innehaltens, der nicht gefüllten Zeiten, rufen Kreativität hervor und ermöglichen die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst. Solches steht allerdings nicht im Stundenplan und wird nicht unterrichtet.
Sucht nach Anerkennung
Grundsätzlich gilt: Nehmen wir uns nicht mehr die Zeit, uns unserem Selbst zu widmen, zu fragen, welchen Lebensprinzipien wir folgen wollen, wodurch wir innerlich motiviert werden, was wir wirklich gut und gerne tun, ohne von aussen dazu gedrängt oder dafür bewundert zu werden, so schaffen wir den Nährboden für einen ungesunden Narzissmus. Dem Narzissten ist eigen, dass er nicht weiss, was er wirklich gut kann und was ihm innere Zufriedenheit verschafft.
Er richtet sich nach seiner Umgebung und tut das, wovon er denkt, dass er am meisten Bewunderung erhält. Er strebt nach einer Position in einem sozialen System und verschmilzt mit ihr, weil er daraus auf sein Selbst schliesst. Dieses Selbst entbehrt aber jeder gefestigten Grundlage. Nur Lob und Bewunderung der anderen verschaffen ihm die Gewissheit, dass es existiert.
Die nachfrageerzeugende Produktion von Konsumgütern tut ihr übriges, um das narzisstische Ich zu nähren, indem der Besitz scheinbar Anerkennung und Status verschafft. Der Bewunderungsanspruch wird zur Sucht, weil das Ich ohne Fundament niemals satt wird, denn das Lob fällt schliesslich ins Leere. So geht der Narziss durch die Welt, immer im Gefühl, im Leben zu kurz gekommen zu sein und zu wenig Beachtung gefunden zu haben. Schuld daran sind andere.
Das gefestigte Selbst
Deswegen nimmt er sein Umfeld in die Pflicht, es hat dafür zu sorgen, dass er in seiner Position bestätigt wird und seine Gier nach Zufriedenheit gestillt wird. Dieser Vorgang ist existenziell, denn die Position zu verlieren hiesse, das Selbst zu verlieren und in der eigenen Leere zu verschwinden. Bei so viel existentieller Konzentration auf Erhalt, Festigung und Erweiterung der eigenen Stellung ist kein Raum für Empathie.
Beziehungen werden nach einer arithmetischen Kosten-Nutzen-Rechnung gemacht. Wer meine Position festigt und mir Glanz verleiht, der ist es wert, dass ich zu ihm eine Beziehung unterhalte. Es ist wohl nicht erstaunlich, dass solche Charaktere nicht selten einen gesellschaftlich hohen Status haben und auch in höheren Managementetagen anzutreffen sind.
Der Preis hierfür ist allerdings hoch – es ist der Verlust des ursprünglichen und einzigartigen Selbst, auf einem stabilen Fundament. Das Selbst, das uns eine klare innere Haltung und Ausrichtung verleiht. Einen sicheren Boden, auf den wir uns verlassen, um uns selber mit Selbstachtung, Selbstvertrauen und echter Wertschätzung begegnen zu können. Ein Selbst, welches ein Positionsverlust und andere Verluste gut bewältigen kann. Wir zahlen den Preis der Emotionslosigkeit. Emotionen zu haben und sie mitteilen zu können, hiesse spontan, ohne Erwartungen auf Gegenleistung, auf unser Gegenüber zu- und eingehen zu können. Es hiesse, Vertrauen und Halt geben, damit wir Beziehungen und schliesslich auch unsere Gesellschaft auf starkem Fundament aufbauen können.
Neuerscheinung 2014: „Die Kunst des klugen Umgangs mit Konflikten“
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Die Herrlichkeit der Welt

Es war einmal ein junger Mann, der wollte das Geheimnis von Glück und Erfolg ergründen.
Dazu besuchte er den Weisesten aller Weisen in dessen Palast. Dieser sagte ihm dass er gerade keine Zeit habe, empfahl aber dem Jüngling, sich alleine im Palast umzusehen.
“Um einen Gefallen aber bitte ich dich”, sagte der Weise und gab dem jungen Mann einen Löffel, auf den er etwas Öl schüttete: “Halte, während du dich umsiehst, diesen Löffel, ohne das Öl zu verschütten.”
Der junge Mann ging los, ohne den Blick vom Löffel zu lösen. Als er etwas später dem Weisen wieder begegnete, fragte ihn dieser: “Hast du den wunderschönen Palast. die herrlichen Brunnen und die prächtigen Blumen gesehen?”
Beschämt gab der junge Mann zu, dass er nichts von alledem gesehen hätte, da er nur auf den Löffel geachtet hatte.
“Geh noch einmal los und schau dir all die Herrlichkeiten meiner Welt an”, sagte der Weise und der junge Mann ging erneut los. Doch diesmal achtete er auf alles. Er sah die Blumen, die Fische und die herrlichen Mosaiken im Palast. Als er wenig später den Weisen nochmals traf. schilderte er begeistert, was er alles gesehen hatte.
“Wo ist das Öl?”, fragte der Weise und der junge Mann stellte erschrocken fest, dass er das ganze Öl im Gehen verschüttet hatte.
“Ich kann dir nur einen einzigen Rat geben”, sagte darauf der Weise:
“Das Geheimnis von Glück und Erfolg besteht darin, alle Herrlichkeit der Welt zu entdecken und zu sehen, ohne dabei das Öl auf dem Löffel zu vergessen!”
(Frei nacherzählt nach einer Geschichte von Gerd Brandstätter)
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Urteilsfähigkeit

Von Stephan Wehowsky aus “Journal21″
Von George Bernard Shaw soll das Bonmot stammen, dass die meisten Menschen über ihr schlechtes Gedächtnis, nie aber über ihr mangelndes Urteilsvermögen klagen.
Wie auch? Dann müssten sie in der Lage sein zu beurteilen, dass sie nicht urteilen können. Das ist ein Widerspruch, aber das Fatale ist, dass wir heute nur ganz einfache Fragen stellen müssen, um uns selbst mangelndes Urteilsvermögen zu attestieren.
Die Rede ist von den aktuellen Krisen in der Ukraine und um Griechenland. Unser Urteilsvermögen scheitert schon an der Tatsache, dass wir zwischen Propaganda und Information kaum unterscheiden können. Sollen wir nur den westlichen Medien glauben? Oder könnten andere Quellen auch etwas Wahres behaupten? Allein das ist schon schwierig. Noch schwieriger ist es, sich das, von dem täglich berichtet wird, vorzustellen. Können wir uns zum Beispiel vorstellen, wie ein Telefongespräch zwischen Merkel und Putin abläuft? Haben wir dafür auch nur den geringsten Vergleichspunkt aus unserer Erfahrung? Wie beginnt Merkel ein Gespräch, wie genervt reagiert Putin – oder umgekehrt? Und wie flüstern die Berater?
Und Griechenland. Können wir beurteilen, ob die politischen und administrativen Akteure der Europäischen Union und die obersten Hüter der Währung endlich einmal letzte Prinzipien durchsetzen müssen oder ob ein Staatsbankrott Griechenlands unabsehbare Konsequenzen hätte, die um jeden Preis zu vermeiden sind? Haben wir eine Ahnung davon, wie ein derartig kleines Land in rekordverdächtig kurzer Zeit dermassen gigantische Schulden aufhäufen konnte, dass ganz Europa dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird?
Man stelle sich vor, wir müssten vor einer Prüfungskommission Fragen dieser Art beantworten. Da wären wir ganz schön angeschmiert. Aber auf unsere Urteilsfähigkeit kommt es an, denn die Demokratie verlangt nach dem „mündigen Bürger“ und die Politiker wollen unsere Zustimmung. Wir sollen den Experten und den Entscheidern Urteilsfähigkeit zubilligen. Wie aber, wenn wir von unserer eigenen Urteilsunfähigkeit auf deren Urteilsunfähigkeit schliessen müssten? Oder sollen wir annehmen: Die wissen schon, was sie tun, aber wir können es leider nicht beurteilen?
Originaltext
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