Rezepte gegen die Angst – Bilderfasten

von Prof. Harald Walach
Ich hatte das große Privileg, in meiner Studienzeit im Jahr 1980/81 die hervorragende japanische Logikerin Hide Ishiguro vom University College London als persönliche Tutorin zugeteilt zu bekommen. Ich musste mit meinem Kollegen wechselweise Texte lesen und dazu Kurzreferate vorbereiten. Einmal erzählte sie uns eine Geschichte, die mir hängenblieb: Als in Japan durch europäische Händler im 16. Jahrhundert Feuerwaffen eingeführt wurden, veränderte sich das Kriegswesen. Einige Schlachten waren so brutal – etwa die, die in Akira Kurosowas Film Kagemusha erzählt wird – dass Japan sich mindestens für eine kurze Zeit darauf einigte, die Feuerwaffen zu bannen. Das ist ein interessantes historisches Beispiel dafür, dass eine vermeintlich unumgängliche technologische Revolution rückgängig gemacht werden kann, weil man verstanden hat, dass sie verheerende Folgen hat. Wir wissen, dass das leider nicht auf Dauer war. Aber es ist möglich.
Kann eine vermeintlich unumgängliche technologische Revolution rückgängig gemacht werden?
Mir fiel die Geschichte jüngst wieder ein angesichts der terroristischen Attentate in Frankreich und Deutschland, die nichts anderes sind als eine Verlängerung des aberwitzigen Krieges, den IS und Co. im Nahen Osten führen und den man wiederum als Reaktion auf die vom Westen ausgehende Destabilisierung der Region sehen muss. Wir denken zwar, dass dieser Krieg bei uns in Europa mit Sprengstoff, Waffen, Autos, Messern, Äxten und Blut geführt wird. In Tat und Wahrheit wird er aber mit Bildern geführt.
Die Attentäter und vermeintlichen Glaubenskrieger spekulieren nämlich darauf, dass der Schrecken, der wahrlich groß genug ist, wenn zig Menschen sterben oder verletzt werden, dadurch potenziert wird, dass die Bilder, die dabei entstehen, millionenfach um die Welt gehen. Aufgenommen als private Videos von unfreiwilligen Möchtegernreportern, die gerade vor Ort sind, von Fernsehteams, die das Ganze noch mit offiziellem Segen krönen und in die Nachrichten strahlen, Gruselunterhaltung rund um die Uhr für jedermann.
Und so gelangt das, was die Attentäter eigentlich wollen, überall hin.
Und so gelangt das, was die Attentäter eigentlich wollen, überall hin: Angst und Schrecken verbreiten, damit wir von uns aus das tun, was ihnen nie gelingen kann. Nämlich unsere freiheitliche Ordnung und Lebensart, die wir uns über unsere eigenen historischen Kriege und politischen Auseinandersetzungen über Jahrhunderte mühsam errungen haben, einzuschränken. Die damit verbundenen Tugenden von Offenheit, Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit, Freiheit und Toleranz einzuschränken.
Das kann keiner Terrororganisation mit direkten Interventionen von Gewalt und Kampf gelingen, weil ihnen dazu die nötige Schlagkraft und Mannschaftsstärke fehlen. Aber das könnte ihnen gelingen, wenn es sie es schaffen, in uns die Saat für Angst so zu legen, dass wir diese Tugenden freiwillig opfern. Aus Furcht und Sorge. Dann stehen wir am Ende genau so da in den Augen der Welt, wie sie uns zeichnen wollen und sehen: finster, menschenfeindlich, selbstsüchtig und egoistisch, nur auf den eigenen Profit bedacht.
Die Waffen, mit denen das für sie erreichbar ist, sind die Bilder.
Die Waffen, mit denen das für sie erreichbar ist, sind die Bilder. Bilder, die mehr oder weniger unvermeidbar entstehen und solche, die mit Absicht erzeugt werden, entweder von den Terroristen selber oder von unseren Medien. Die freie Information und die Pressefreiheit, die in der Tat ein extrem hohes Gut sind, wenn man an die Geschichte von Fouché, über Metternich und Hitler denkt, sie kehren sich in einer perfiden dialektischen Bewegung genau gegen das, was sie eigentlich schützen sollen: nämlich die freiheitliche Grundordnung.
Denn sie erst bringen die Bilder des Grauens in jedermanns Wohnzimmer und in aller Leute Köpfe. Bei Qualitätsmedien bemerkt man in letzter Zeit, dass sie sehr sorgsam mit den Bildern umgehen, die sie publizieren, gottseidank. Aber was ist mit den Bildern, die in den marktschreierischen Kanälen des Unterhaltungs-Nachrichtenmedienrummels transportiert werden? Mit den Bildern, die durch soziale Netze und das Internet geistern? Mit den Bildern, die durch rasche und hektische Whatsapp-, Facebook- und Twittertexte in den Köpfen der Leser entstehen?
Die ungefilterten Bilder transportieren ohne Denkpause direkten, ungefilterten Affekt.
Sie transportieren ohne Denkpause direkten, ungefilterten Affekt. Sie sind es, die als verkappte Zeitbomben in die Wohn- und Schlafzimmer, in die Schul- und Kinderzimmer gleiten und eine verspätete, stille Explosion auslösen. Sie erzeugen Angst und Schrecken. Und genau das ist die Kriegsstrategie derer, die das Tableau für die Bilder liefern.
Wie kann man sich dagegen schützen? Durch Enthaltsamkeit und Bilderfasten. Schalten wir den Fernseher ab und greifen zu einer Zeitung, um so die invasive Kraft schrecklicher Bilder zu bannen! Tun wir den Schergen des Grauens nicht den Gefallen, uns ihre Videoschnipsel auf Youtube und ihren Webseiten anzusehen! Und unterlassen wir es, die Bilder, die uns zuflattern weiterzuleiten in der irregeleiteten Meinung, damit der Aufklärung und der Information zu dienen! Wenn wir damit irgendwem dienen, dann denen, die uns Schrecken einjagen wollen.
Der Fernseher hat einen Ausschaltknopf.
Die wirksamste Methode gegen die Angst ist in diesem Falle, die Technologie, die uns die Angst frei Haus liefert, abzustellen und zu ignorieren. Das kann jeder und keiner muss mit den Fingern auf die bösen Medien oder auf das schlimme Internet zeigen, die uns mit Bildern bombardieren. Der Fernseher hat einen Ausschaltknopf. Der PC auch: Das Internet stellt seine Schattenseiten nur dem zur Verfügung, der sie sich auf den Schirm holt.
Dennoch würde ich mir wünschen, dass die Medien den Attentätern den Gefallen nicht tun, ihre Taten auf den Titelseiten reich bebildert breitzutreten. Eigentlich gehören sie dorthin, wo sonst Meldungen darüber stehen, dass in Darfour wieder mal 200 Leute getötet oder in den Philippinen eine Fähre mit 400 Leuten an Bord gesunken oder in Brasilien Goldschürfer ein Gebiet so groß wie Bayern mit Queckilber verseucht haben oder in Eritrea 200.000 Menschen vom Hungertod bedroht sind.
10-Zeiler in einer Viertelkolumne, ohne Bild. Das würde funktionieren, wenn wir einen gesellschaftlichen Konsens darüber hätten, dass man niemandem den Gefallen tun darf, mit Bildern und Berichten über seine aberwitzigen Taten auch noch Werbung für ihn zu machen. Wenn es ein Tabu wäre, aus solchen Ereignissen politisches Kapital für eigene Positionen zu schlagen. Weil das vermutlich illusorisch ist, bleibt uns nur eines: selber unsere Freiheit zu nutzen und Enthaltsamkeit zu üben. Bilderfasten, Nachrichtenfasten – auch das gehört zu einer Kultivierung des Geistes.
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Rezepte gegen die Angst – Transformation durch Verzicht.

Eine Besprechung von Stefan Brunnhubers Buch „Die Kunst der Transformation“
von Prof. Harald Walach
Dass wir in Krisenzeiten leben, braucht nicht extra gesagt werden, auch nicht, dass wir für die Überwindung der Krisen eigentlich keine guten Rezepte haben. Aber was wir wirklich benötigen ist eine zusammenschauende Analyse der verschiedenen Krisen, der partikularen Lösungsansätze und daraus entwickelt einige Ideen, die wirklich funktionieren könnten. Wenn wir uns das nachhaltige Überleben der Menschheit als Ziel überhaupt vorstellen können.
Das ist es, was Stefan Brunnhuber in seinem Buch „Die Kunst der Transformation“ tut. Er zeigt auf, dass die scheinbaren Teilkrisen – die Big 7, wie man sie nennt – alle zusammengehören und aus einem „Bewusstseinsschwerpunkt“ erwachsen, der zu wenig das Ganze, also den Bezug zu anderen Bereichen unseres Lebens, unserer Welt in den Blick nimmt. Daher ist das Veränderungsrezept klar: Wir benötigen eine Transformation dieses Bewusstseinsschwerpunktes, individuell und kollektiv, hin zu einer integralen Sicht und daraus resultierend eine Veränderung der privaten und gesellschaftlichen Praxis.
Eine andere Alternative scheint nicht in Sicht zu sein. Denn – und hier ist Brunnhubers Analyse messerscharf – all die anderen vorgeschlagenen Rezepte funktionieren nur in Teildomänen und haben auf lange Sicht und aufs Ganze gesehen verheerende Auswirkungen.
Die Big 7, die sieben großen Themen der Zukunft, sind
• die Überwindung absoluter Armut = Entwicklungsgerechtigkeit
• der Ausgleich sozialer Polaritäten = soziale Gerechtigkeit
• der Erhalt der Biodiversität = ökologische Gerechtigkeit
• die Vermeidung einer Klimakatastrophe = Generationengerechtigkeit
• die Erhöhung des globalen und lokalen Bildungsstandes = Bildungsgerechtigkeit
• die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Weltbevölkerung = gesundheitliche Gerechtigkeit
• die nachhaltige Energieversorgung der Menschheit = Ressourcengerechtigkeit.
Fairerweise muss dazu gesagt werden, dass die Interpretation der Themen als verschiedene Formen der Gerechtigkeit von mir stammt, aber so wird der Zusammenhang noch deutlicher. Denn alle Themen, das macht das Buch sehr klar, hängen zusammen und jedes Thema hat einen Einfluss auf die anderen.
Dabei haben die sozialen Formen der Gerechtigkeit klarerweise Vorrang vor ökologischen. Bewusstsein für die Umwelt kommt erfahrungsgemäß ohnehin erst dann auf, wenn die menschlichen und sozialen Grundbedürfnisse erfüllt sind.
Was nun das Buch aus meiner Sicht so speziell und damit bedeutsam macht ist die Zusammenschau und der detaillierte Aufweis, dass Teilrezepte, die in einem Bereich funktionieren mögen, negative Auswirkungen auf andere Bereiche haben können. Wenn man beispielsweise durch ökologisch motivierte Innovation – green technology – allein, wie das manche in Deutschland gut finden, mit Blick auf die Klimaziele Wachstumsimpulse für die Wirtschaft setzt, so führt dies zu einer Verbilligung von kohlenstoffreicher Primärenergie. Das kann man derzeit beim Ölpreis beobachten. Das wiederum regt insgesamt zu mehr Konsum von Öl an, was zwar anderswo die Wirtschaft wachsen, aber die Klimaziele global verfehlen lässt. Solche Rebound-Effekte zeigen, dass Insellösungen nicht die Antwort auf die Probleme sind. Also muss man alle Themen gemeinsam in ihrer Verflechtung sehen und einen Ansatz suchen, der insgesamt tauglich ist.
Diesen Ansatz findet Brunnhuber darin, dass er einen Wandel des Bewusstseins einfordert. Denn ein Wandel von Bewusstsein ist die Basis. Das reicht aber nicht, denn
„ein isolierter Bewusstseinswandel ohne einen Wandel von Technologie, Praxis und Governancestruktur ist einsam und stumpf, da er ohne Konsequenzen bleibt. Technologiewandel ohne Wandel der Governance-Struktur ist blind, eine Veränderung der sozialen Praxis ohne Bewusstseinsentwicklung ziellos und die Entwicklung von Governance und Institutionen ohne Bewusstseins- und Technologiewandel leblos.“ (S. 78)
Genau diese Multiperspektivität macht das Buch so wertvoll und komplex. Es versagt sich die martkschreierische „Ich weiß wie es geht“ Propaganda des Strandlektüre Buches und nimmt den Leser auf eine komplexe Reise mit. Die Landkarte für diese Reise stammt von Ken Wilber, dessen Aufforderung zum Integralen Denken in allen vier Quadranten die Blaupause für Brunnhubers Ideen liefert. Aber die Reiseroute, die Lokaltermine, also die Fakten, sind sehr genuin und in dieser Weise meines Wissens nirgends zusammengetragen. Die Vier-Quadranten-Struktur zeigt sich darin, dass alle Veränderungen sowohl individuell als auch kollektiv sein müssen, dass sie sowohl in der Innensicht – also dem individuellen Bewusstsein und dem kollektiven Bewusstsein, der Kultur – sichtbar werden müssen, als auch in der Außensicht, also im individuellen Verhalten und den kollektiven Strukturen.
Diese Struktur wendet Brunnhuber auf seine Grundthese an. Sie lautet:
„Governancestruktur, Bewusstseinslage, soziale Praxis und technologische Errungenschaften fallen so lange auseinander, solange es nicht gelingt, deren psychologisches Missing Link hinreichend zu formulieren.“ (S. 28)
Das Problem sieht er im Wachstumszwang, der vom implizit geltenden Primat der Ökonomie verordnet wird. Dementsprechend sorgfältig analysiert er geltende ökonomische Prinzipien und zeigt, wie schwach deren Fundamente sind und vor allem, wie wenig sie unsere eigentliche psychologische Natur berücksichtigen. Denn diese sei viel leichter durch Kategorien wie „Verzicht, Weniger, Balance, Unterscheidung und Weglassen“ (S. 28) beschreibbar.
Auf die Beschreibung der Forschungsergebnisse, die diese Analyse stützen, verwendet Brunnhuber viel Zeit und Aufmerksamkeit, so dass die Lektüre des Buches für jeden viele Erkenntnisse und Überraschungen bereithält. Für Leute wie mich, die die psychologischen Hintergründe relativ gut kennen, sind die ökonomischen und sozialen Analysen sehr einsichtsvoll und bereichernd. Für ökonomisch gebildete Leser wäre wohl der Anschluss an die Psychologie und klinische Psychiatrie sehr erhellend.
Das Rezept, das Brunnhuber aus seinen Erkenntnissen destilliert und das er manchmal fast etwas verschämt und versteckt präsentiert – vermutlich, um skeptischen oder weniger offenen Lesern nicht gleich die Laune zu verderben und so möglichst lange bei der Stange zu halten:
Verzicht, statt immer währende Suche nach neuen Konsumgütern oder ökonomischen Wachstumsphantasien;
Fasten, statt Konsum komplexer Gesundheitsleistungen;
Balance im Zeitbudget, statt dauernde Beschleunigung;
Meditation, Achtsamkeit und radikale Konzentration aufs Wesentliche, statt sich in der Welt der Hypertechnisierung zu verlieren.
Man könnte auch sagen: es ist eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte und Tugenden. Die aber – im Gegensatz zu vielen Besinnungs- und Selbsthilfebüchern – argumentativ aufs Beste gestützt ist durch kenntnisreiche Lektüre neuer Literatur aus allen relevanten Sachbereichen. Die daher auch einen Sog entfaltet, der ernsthaften Lesern am Ende kaum eine Wahl lässt, als Brunnhubers Analyse zuzustimmen.
Man hätte sich am Schluss vielleicht noch ein Kapitel mit Konkretisierungen gewünscht, mit Vorschlägen und Ideen, wie das alles gehen soll. Aber das ist vielleicht Material für Workshops oder ein Folgebuch mit Praxisideen, denn das Buch ist mit seinen knapp 300 Seiten Text schon dick genug. 261 Anmerkungen führen die Argumentation in Spezialbereiche oder geben Hinweise zu ca. 320 Literaturzitaten, die das Argument stützen. Vieles, was aus Brunnhubers eigentlichem Spezialgebiet stammt – Medizin, Psychologie, Psychiatrie und Ernährungswissenschaften – führt er gar nicht erst an, vermutlich weil es ihm ohnehin klar ist, oder der Apparat nicht zu überladen werden sollte.
Dafür sind gerade die Argumente, die sich auf Ökonomie, Ökologie und Politik beziehen sehr gut gestützt und mit Referenzen unterlegt. Für einen solchen transdisziplinären Blick auf ökonomisch-politische Argumente, wie sie die Wirklichkeit in unseren Gesellschaften gestalten, benötigt man wahrscheinlich auch einen solchen frischen, unverstellten Blick aus der Warte eines Psychologen und Psychiaters: um zu erkennen, wie nackt der immer wieder von unseren politischen und ökonomischen Eliten eingekleidete Kaiser wirklich ist. Und Brunnhubers Buch ist der lange Finger des Buben der hinzeigt und sagt: „seht her, der Kaiser ist nackt“.
Das ist eine undankbare, aber höchst nötige Rolle, und es ist Stefan Brunnhuber zu danken, dass er sich davor nicht gedrückt hat. Seine Mitgliedschaft im Club of Rome und der Europäischen Akademie der Wissenschaften haben ihm dafür offenkundig sowohl das nötige Fingerspitzengefühl als auch die transdisziplinären Kontakte verschafft.
Damit ist dieses Buch ein außerordentlich wertvoller Diskussionsbeitrag, dem eine weite Verbreitung zu wünschen ist. Jeder, der mit Menschen arbeitet, jede, der unser Gemeinwesen ein Anliegen ist und alle, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen, sollten das Buch lesen.
Für alle anderen ist es ein gutes Rezept gegen die Angst. Denn es zeigt einen konkreten Weg, den jeder gehen kann: seinen eigenen Lebensstil überdenken und überlegen, wo Verzicht vielleicht zu mehr Freiheit führen kann.
Link zum Buch
[1] Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation – Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Freiburg: Herder, 2016, 334 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3-51-60003-6
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CETA – Biegen oder brechen?

320.000 Menschen: Stimme erheben, nicht abgeben

von U. Gellermann, „Rationalgalerie“
Da kamen sie: Frauen und Männer, Alte und Junge, auch Babys wurden gehört. Vom Berliner Alexanderplatz aus strömten sie zum Start der Demonstration gegen TTIP und CETA gegen Konzerne und für Demokratie. Ausgerechnet über die Karl-Marx-Allee. Ein Strom der elektrisierte. Und zeitgleich strömten sie auch in Frankfurt, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart. Sogar in Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck waren sie parallel unterwegs. So hatte sich der Führer den Anschluss nicht vorgestellt. – Am 22. und 23. September treffen sich in Bratislava die EU-HandelsministerInnen und wollen dort den Beschluss zur Unterzeichnung des CETA-Vertrags auf den Weg bringen. Scheissegal, denken sie, was ihre Völker so denken. Da dachten manche Völker doch glatt: DENKZETTEL!
Mit Demokratie hat das TTIP-CETA-Gewürge der Eurokratie, sponsored by USA, natürlich nichts zu tun: In den deutschen Umfragen gab es eine vernichtende Mehrheit von 70 Prozent gegen die Freihandelsverträge. Gegen CETA reichten die Gegner jüngst Verfassungsbeschwerde ein – mit mehr als 125.000 Klägern ist ihr “Nein zu CETA“ die größte Verfassungsbeschwerde, die es jemals gab. Nur mit faulem Zauber können Befürworter der Ausbeuter-Verträge ihre eigene Gefolgschaft überzeugen: Sigmar Gabriel, sozialdemokratischer Trickbetrüger, ließ sein altes JA zu TTIP verschwinden, Simsalabim, um aus der anderen Tasche CETA rauszujubeln: Das sei viel besser, obwohl das gleiche Zeugs drin steht, Simsalabumm, so will er seinen SPD-Parteikonvent zum Kaninchen machen. Und aus der zersägten Kiste meldet sich Steinbrück (Wer? Der mit der Fahrradkette!) und sagt mit Grabesstimme: „Für meine Partei wäre es fatal, wenn wir Sozialdemokraten uns in die Reihen der Freihandelsgegner eingliedern“. Dieses düstere Krächzen des ewigen Verlierers sollte eigentlich jeden Sozialdemokraten endgültig gegen CETA bewegen.
Vorne vor dem großen Demonstrations-Strom in Berlin standen auf Traktoren ein paar dicke blaue Plakate: „Hier ist kein Platz für Rassismus, Rechtspopulismus und Antiamerikanismus.“ Mmhm, landläufig nennen Regierung und angeschlossene Medien genau die, die gegen Freibeuter-Abkommen sind oder auch gegen US-Kriege „antiamerikanisch“. Was nun? Musste sich die Demonstration auflösen? Ach nee, meinte der Pressesprecher hinter der Bühne, mit „antiamerikanisch“ ist die AfD gemeint. Aha. Die AfD ist für die NATO, also antiamerikanisch? Ach nee, meint der Pressesprecher, mehr so allgemein. Das meinte auch der Kollege aus der ersten Demo-Reihe von der IG Bau: Mehr so allgemein. – Im Strom: Keine AfD. Aber ein Motorradgespann: Voller US-Flaggen mit Totenköpfen statt der Sterne. Das ist doch!? Ja, ein altes MZ-Motorrad-Gespann aus Zschopau. Die MZ war doch!? Ja, aus der DDR. Die war natürlich schwer antiamerikanisch. Weiter im Strom: Gute Gesichter, fröhlich, eher aufgeschlossen als geschlossen die Reihen. Hie und da wird getanzt. Ist Salsa antiamerikanisch? Na klar, sagte einer der Tänzer, lateinamerikanisch eben! Ach so.
Es grüßten per Transparent der „Berliner Landesmusikrat“, diverse Gewerkschaften, die LINKE, die GRÜNEN, die Naturfreunde. Längst hatte der Regen nachgelassen. Kiek mal: Der ist auch dabei, und die und der da auch. Und noch mehr und noch mehr. Widerstand macht gute Laune. Sichtbar auch auf den Gesichtern von Gerti und Ute, den Hüterinnen der legendären Berliner Medienkneipe „Florian“. Ja, wenn der Widerstand die Berliner Szene erreicht hat, wer soll dem noch widerstehen wollen? – „Jetzt sind es 320.000 Teilnehmer in ganz Deutschland bei den Anti-CETA-Demonstrationen“, sagt der Pressesprecher der Demo und grinst infernalisch über das ganze Gesicht. – Was meldet die TAGESSCHAU als erstes? Die Polizei sage, die Teilnehmer-Zahlen blieben nach iher Einschätzungen hinter den Erwartungen der Veranstalter zurück. Das ist gut pro-amerikanisch. Die von der TAGESSCHAU hätten also an der Demonstration durchaus teilnehmen dürfen.
Was nun? Wird die Eurokratie den Hinweis von den Straßen lesen wollen, lesen können? Wird man den Widerstand so lange biegen – über dem Dampf der Massenmedien, im Gequatsche der Hinterzimmer, über dem Feuer aus dem Geld des Lobbyismus – bis er sich den scheindemokratischen Entscheidungen der Gremien anpasst? Oder werden die Menschen auf den Straßen und Plätzen sich nicht biegen lassen? Lieber mit der Gewohnheit brechen und wieder und wieder aufbegehren, in der besten Schule der Demokratie, außerhalb der Parlamente, auf den Straßen, versteht sich. Da wo man lernt für sich selbst zu sprechen und nicht nur seine Stimme abzugeben.
Ach ja, Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus fanden anderntags auch statt. Die parlamentarische Demokratie hatte am Sonntag Ausgang. Und so sind die Wahlen dann auch ausgegangen: Wahrscheinlich wird es eine rot-rot-grüne Landes-Regierung geben. Eine parlamentarische Kompromissgeburt. Was wird das ändern? Der Verkauf von rund 61.000 landeseigenen Wohneinheiten an die Finanz-Spekulanten Cerberus und Goldman Sachs durch eine SPD-LINKE-Regierung im Jahr 2004 wird sicher unverzüglich rückgängig gemacht. Der Berliner Flughafen RBB, von der selben Rot-Rot-Regierung 2006 gestartet, wird dann gleich morgen eröffnet. Weihnachten und Ostern werden von der Koalition umgehend auf einen Tag gelegt.
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Am 17. September gilt: Alle auf die Straße!

CETA & TTIP STOPPEN! Für einen gerechten Welthandel!

Am 17. September um 12 Uhr:

Bundesweite Großdemonstrationen in Berlin, Frankfurt am Main, Köln, Stuttgart, Hamburg, Leipzig und München!

In sieben Städten demonstrieren wir am Samstag

zeitgleich gegen CETA und TTIP

Direkt vor der Woche der Entscheidung: Montags entscheidet die SPD auf ihrem Parteikonvent über CETA. Donnerstags muss Sigmar Gabriel beim Rat der Handelsminister in Bratislava entsprechend über das Handelsabkommen mit Kanada abstimmen. Wenn wir mit Hunderttausenden auf die Straße gehen haben wir eine riesige Chance, CETA zu stoppen – und damit auch TTIP.

Ein bundesweiter Trägerkreis aus 30 Organisationen ruft zu den Großdemonstrationen in sieben Städten auf – gegen CETA und TTIP und für einen gerechten Welthandel.

Wir treten ein für eine solidarische Welt, in der Vielfalt eine Stärke ist.

Auf unseren Demonstrationen gibt es keinen Platz für Rassismus, Rechtspopulismus und Antiamerikanismus.

Demonstrieren Sie mit!

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So geht’s nicht weiter

sagten 50 Förderer, Haupt- und Ehrenamtliche die sich im Juni 2016 zur zweiten „Postwachstumswerkstatt“ in der Greenpeace-Zentrale in Hamburg trafen und diskutierten: Wo kommt in unserem Alltag Wachstum vor? Wo können wir etwas verändern?
Und Greenpeace schreibt weiter:
Wohin wollen wir wirtschaftlich wachsen? Wie können wir Ressourcen sparen? Schwierige Fragen, die auch Greenpeace bewegen. Das Konzept „Gemeinwohlökonomie“ könnte Antworten geben.
Die vergangenen Jahrzehnte haben viel zum Guten verändert: Das Umweltbewusstsein ist gestiegen, der Naturschutz hat bedeutende Fortschritte gemacht. Dennoch sind das Klima, die Meere und die Artenvielfalt bedrohter denn je. Nach mehr als 40 erfolgreichen Jahren steht Greenpeace wie die gesamte Umweltbewegung vor dem Dilemma, dass sich trotz vieler Teilerfolge das Gesamtproblem eher verschärft hat.
Hauptursache ist der unaufhaltsam wachsende Ressourcenverbrauch und seine Auswirkungen auf die Umwelt – Folge einer auf Wachstum und Massenkonsum ausgerichteten globalen Kultur. Dabei wäre es ökologisch notwendig, den Ressourcenverbrauch zu drosseln und Wirtschaftswachstum um jeden Preis in Frage zu stellen. Das Konzept der Gemeinwohlökonomie bietet dazu einige Denkansätze.
Das Ziel von Greenpeace ist, unsere ökologischen Lebensgrundlagen zu erhalten. Deshalb ist es nötig, dass wir uns auch mit den tieferliegenden Ursachen ihrer Zerstörung beschäftigen. Wir tun dies derzeit auf unterschiedlichen Ebenen.
International…
Bei Greenpeace gibt es derzeit unter intensiver deutscher Beteiligung einen internationalen Diskurs, wie wir in unserer Arbeitsweise und bei unseren Kampagnen mit dem Thema Wachstum umgehen wollen. Wie werden wir in Zukunft Kampagnen gestalten? Welche tiefer liegenden Denkweisen und -strukturen müssen wir aufdecken und verändern? An welchen Stellen können wir am besten wirksam werden? Internationale Grundsatzbeschlüsse zu diesen und weiteren Fragen sollen noch in diesem Sommer gefasst werden; Ergebnisse erwarten wir für den Herbst 2016.
… und in Deutschland
Der Greenpeace e.V. will in einem ersten konkreten Schritt das eigene Handeln überprüfen und eine „Gemeinwohlbilanz“ erstellen: Diese stellt im Sinne der Gemeinwohlökonomie dar, wie stark ein Unternehmen oder ein Verein auf das Gesamtwohl der Gesellschaft wirkt. Unsere gesamte Arbeit steht dabei auf dem Prüfstand: von der Materialbeschaffung über den Umgang mit Mitarbeitern bis zur Wirksamkeit unserer Kampagnen.
In der Gemeinwohlökonomie geht es nicht um die Gewinnmaximierung einzelner Personen oder Gesellschaften, sondern darum, positiv auf das Wohl aller einzuwirken. Sie braucht deshalb neue Gradmesser für wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln: Ausgehend von den Werten „Solidarität“, „Menschenwürde“, „ökologische Nachhaltigkeit“ und „demokratische Mitbestimmung und Transparenz“ wird das Handeln untersucht und bewertet. Wir wollen uns mit diesem Messinstrument auseinandersetzen und durch die Erstellung einer eigenen Bilanz ganz konkrete Erfahrungen in der Anwendung sammeln.
Arbeiten in der Postwachstums-Werkstatt
Wir möchten aber nicht nur eine Bilanz aufstellen, sondern auch miteinander ins Gespräch kommen, um auszuloten, welche Veränderungen wir für nötig und machbar halten, und wo wir selbst Einfluss nehmen können. Hierzu haben wir Anfang März einen ersten Zyklus unserer „Postwachstumswerkstatt“ gestartet. Mit 50 Förderern, Ehren- und Hauptamtlichen haben wir Antworten auf folgende Fragen gesucht: Wo kommt in unserem Alltag Wachstum vor? Gibt es Bereiche, in denen Wachstum keine Rolle spielt? Wo sehen wir Veränderungsbedarf? Wo könnten wir etwas verändern? Wo hakt es dabei?
Es gibt großes Interesse an dem Thema, die Suche nach neuen Wegen hat begonnen. Greenpeace ist unterwegs – aber noch lange nicht am Ziel!
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cf-lachend-kleinInitiator der Projekte Demokratische Bank und Gemeinwohl-Ökonomie ist Christian Felber, geboren am 9. Dezember 1972 in Salzburg. Autor von zwölf Büchern, unterrichtet an der Wirtschaftsuniversität Wien, an der Universität Graz und ist UNESCO-Lehrbeauftragter sowie zeitgenössischer Tänzer und Performer.

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist ein neues Wirtschafts-Modell. Die mitwirkenden Unternehmungen erstellen eine „Gemeinwohlbilanz“ (Gemeinwohl, was allen Menschen zugute kommt) ihrer Tätigkeiten. Sie ist ein bewusstes Gegenmodell zur üblichen Bilanz, denn neben Einnahmen und Ausgaben bewertet sie auch ökolo­gische und soziale Werte wie Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung. Die GWÖ und Christian Felber wird im AHS-Schulbuch für Geografie- und Wirtschafskunde neben Keynes, Hayek, Friedman, Marx als eine von 5 wichtigen Wirtschaftstheorien genannt.
Aus einem Dutzend Unterstützer-Unternehmen zu Beginn im Jahre 2010 sind mehr als 2100 geworden, fast 400 haben die Gemeinwohl-Bilanz erstellt, darunter, wie oben dargestellt, Greenpeace. Drei Banken haben bilanziert, ebenso drei Hochschulen, und gerade ist die erste Universität dabei (Barcelona).
Die Universität Barcelona hat auch einen Lehrstuhl GWÖ bei der UNESCO eingereicht. Die Fachhochschule Burgenland plant einen Master-Lehrgang GWÖ. Dutzende Gemeinden haben angedockt oder machen sich auf den Weg zur Gemeinwohl-Gemeinde. Weltweit sind 150 lokale Gruppen entstanden, allein 30 in Deutschland. 19 Vereine wurden gegründet, von Österreich bis Chile, der internationale Verband ist im Aufbau. Die GWÖ hat es in die Regierungsprogramme von Salzburg und Baden-Württemberg geschafft.
Der bisher größte politische Erfolg:
Der Europäische Wirtschafts- und Sozialaussschuss hat eine 10-seitige Stellungnahme zur GWÖ verfasst und mit 86% Stimmenmehrheit angenommen: die EU-Kommission möge die GWÖ in das EU-Recht einbauen.
Einige Zitate von Christian Felber zur Gemeinwohl-Ökonomie:
“Das schöne an der GWÖ ist, dass sie nicht zentral und spektakulär gelingt, sondern fein verteilt wie Goldstaub an 1000 Orten: in Form von Unternehmen, Vereinen, Projekten, Schulen, Universitäten, Gemeinden, Personen und Netzwerken, die in ihrem persönlichen Wirkungsradius zur Tat schreiten und zur Wandlung bereit sind. Das kann eine Gemeinwohl-Bilanz für ein Unternehmen sein, die Gründung einer neuen Unternehmung unter dem Gemeinwohl-Leitstern, ein Unterrichtsprojekt in einer Schule oder ein Forschungsprojekt an einer Universität. Es ist die Stadt Stuttgart, die 100.000 Euro für GWÖ – Projekte genehmigt hat oder die spanische Gemeinde Orendain, die alle BürgerInnen gefragt hat, ob sie sich auf den Weg zur Gemeinwohl-Gemeinde machen wollen. Knapp 90 Prozent haben mit Ja geantwortet. Irgendwann kommt der erste kommunale Wirtschaftskonvent und irgendwann die erste demokratische Verfassung, in der Geld als öffentliches Gut definiert ist. Von vielen Aktiven – UnternehmerInnen, BürgerInnen, KommunalpolitikerInnen, WissenschaftlerInnen – weiß ich, dass sie in ihrer Arbeit und ihrem Engagement spirituell motiviert sind. Einer von ihnen bin ich selbst.”
“Eine spirituell grundierte Ökonomie ist per definitio­nem gemeinwohlorientiert. Sie ist durchdrungen vom Geist der Ganzheit und der achtsamen Perspektive auf alle. Sie lässt keinen Wert unberücksichtigt und grenzt kein Lebewesen aus. Sie sorgt gleichermaßen für starke Bindungen und individuelle Freiheitsräume.
Spirituelle, von diesem Geist durchdrungene, von dieser Energie durchflossene Menschen agieren aus innerem Antrieb heraus, weil politisches Handeln ih­rem Herzen entspringt. Wer mit allem verbunden ist und mit allen fühlt, wird
  • Dinge nie nur um des Geldes willen machen,
  • nicht versuchen, sich auf Kosten anderer zu berei­chern,
  • keinen spekulativen und sinnlosen Tätigkeiten nachgehen,
  • die Schädigung von Grundwerten und Gemein­schaftsgütern vermeiden,
  • an der Errichtung einer Wirtschaftsordnung mit­wirken, die Gemeinwohl-Verhalten belohnt,
  • mitverantwortlich auf die Einhaltung der Regeln achten,
  • mit gutem Beispiel vorangehen, unabhängig vom Inhalt der Gesetze.”
Wann sagen sie:

So geht’s nicht weiter

Wann werden sie Mitglied der Gemeinwohl-Ökonomie
oder erstellen als Unternehmen / Institution / Verein eine „Gemeinwohlbilanz“ ?

 

Weitere (sehr empfehlenswerte) Informationen:
“Die Gemeinwohl-Ökonomie”, http://www.hanser-literaturverlage.de/autor/christian-felber/
“Die innere Stimme”, http://www.publik-forum.de
website Christian Felber: http://www.christian-felber.at/cv.php
website GWÖ: http://www.ecogood.org/de/
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Die Fliege und der freie Wille

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Die 2,5 x 0,8 mm kleine Schwarzbäuchige Taufliege (Drosophila melanogaster). Foto: André Karwath, Wikimedia
Die 2,5 x 0,8 mm kleine Schwarzbäuchige Taufliege (Drosophila melanogaster). Foto: André Karwath, Wikimedia
Der wissenschaftliche Blick sah im Naturgeschehen bisher nur Zufall oder Determination. Dass dies nicht reicht, zeigt sich nun auch im Labor.
Wir kennen Fliegen als Tiere von ziemlich beschränktem Verhaltensrepertoire. Wie sie da stur und unbelehrbar wiederholt an die Fensterscheibe bumsen, erscheinen sie uns als bedauernswerter Ausbund eines natürlichen Automaten, der nicht aus seinem programmierten Verhaltenskäfig ausbrechen kann. Und wir gratulieren uns, mit freiem Willen ausgestattet, unendlich erhaben zu sein über den immer gleichen Anläufen dieses dummen Insekts.
Womöglich tun wir der Fliege Unrecht. Sie agiert viel spontaner und variantenreicher als ein natürlicher Automat. Dies zumindest fand ein Team um den Zoologen und Neurobiologen Björn Brembs vor rund zehn Jahren heraus. Mit ihren Forschungsresultaten könnten sie der Diskussion um die biologischen Grundlagen des freien Willens einen neuen Dreh geben.
Der freie Wille und die Neurobiologie
Mit dem freien Willen hat die Neurobiologie ihre Mühe. Sagen wir es so: Es gibt Neurobiologen, welche die Existenz des freien Willens rundweg leugnen. Ihr Argument lautet: Wir finden mit unseren Methoden im Gehirn keinen empirischen Beleg für den freien Willen. Nun steckt in dieser Gedankenführung eine Prämisse, die das Resultat bereits vorwegnimmt: Der freie Wille lässt sich mit wissenschaftlichen Methoden im Gehirn entdecken. Und wenn man keine Evidenz für seine Existenz findet, bedeutet dies Evidenz für seine Nicht-Existenz.
Das ist ein patenter Fehlschluss, mit dem man alles Unliebsame wegeskamotieren kann. Er verrät auch eine ironische Rückbezüglichkeit. Diese Neurowissenschafter nehmen sich selbstredend die Freiheit (also ihren freien Willen) heraus, den freien Willen so zu definieren, dass er in ihrem Weltbild keinen Platz findet. Sie tun so, als ob sie nicht auch in dieses Weltbild gehörten.
Ein solches methodische Als-ob mag sogar bis zu einem gewissen Grad gerechtfertigt sein. Denn der naturwissenschaftliche Standardblick auf die Natur erkennt in ihr nur zufallsgesteuerte und determinierte Ereignisse. Wie es der philosophierende Molekularbiologe Jacques Monod auf die prägnante Formel brachte: Zufall und Notwendigkeit. Für alles dazwischen hat der Standardblick einen blinden Fleck.
Experimente im Verhaltenskäfig
Und genau für dieses Dazwischen interessieren sich Brembs und sein Team. Ihr ausgeklügeltes Versuchsarrangement ist von der Anlage her recht einfach zu verstehen. Sie klebten eine Taufliege mit dem oberen Teil des Kopfes via Kupferhäkchen an ein Drehmoment-Messgerät. Die Insekten-Probandinnen flogen also an Ort, aber sie konnten sich nach links oder rechts richten (sie sollten sich, laut Experimentatoren, nicht allzu „gestört“ fühlen). Das Messgerät zeichnete diese Links-Rechts-Bewegungen auf.
Hinzu kam, dass sich die Fliegen in einer völlig reizlosen Umgebung befanden, in einem Zylinder mit weissen Wänden, die quasi ein weisses Rauschen darstellten. Es gab keinen herausstechenden äusseren Input für das Insektenverhalten, im Besonderen auch nicht so etwas wie positives oder negatives Feedback. Die Anfangserwartung der Forscher war natürlich, dass sich die Fliege in ihrem experimentellen Gefängnis zufallsgesteuert verhalten würde. Das heisst, das vom Messgerät registrierte Muster sollte einem bekannten statistischen Muster („Verteilung“) ähneln, das man erhält, wenn man auf dem Computer Zufallsprozesse simuliert.
Zu ihrer Überraschung stellten die Forscher fest, dass das Muster der Fliegenbewegung mit keinem der computergenerierten Zufallsmuster übereinstimmte. Eher erinnerte es an die Suchprozesse beim Auffinden rarer Resourcen, wie man sie von anderen Arten kennt. Als ob die Fliege auf der Suche nach einem raren Reiz „von selbst“ eine Strategie entwickeln würde. Die Biologen interpretierten dies so, dass die Taufliege fähig ist zu einem spontanen – nicht von aussen bewirkten – und nicht-zufallsgesteuerten Agieren: zwei Merkmale, die man einem „freiwilligen“ Verhalten zubilligt.
„Freies“ Verhalten als Evolutionsvorteil
Das allein ist schon eine bemerkenswerte Beobachtung, legt sie doch nahe, dass Fliegen nicht blosse Verhaltensautomaten sind. Hier kommt aber auch der evolutionäre Gesichtspunkt ins Spiel. Nicht-Prognostizierbarkeit ist zum Beispiel bei Fluchtmechanismen vital. Der Hase, der vor dem Fuchs im zufälligen Zickzack weghoppelt, hat eine grössere Fluchtchance als jener, der sich auf eine vorhersehbare Weise bewegt.
Man hat zum Beispiel Wasserschlangen beobachtet, die auf der einen Seite des gejagten Fischs Wellen erzeugen und den Reflex des Fischs, nach der anderen Seite auszuweichen, nutzen, indem sie ihn genau auf dieser Seite erwarten. Zeigte der Fisch eine gewisse Variabilität in seinem Fluchtverhalten, erhöhte sich seine Überlebenschance. Eine Hypothese von Brembs lautet: Diese Variabilität entsteht in der Natur durch Ausprobieren und allmähliches Aussortieren von lebensdienlichem Zufallsverhalten. So entsteht, wie Brembs das nennt, eine „Grauzone“ des Verhaltens, ein „Mittelding zwischen Determinismus und Freiheit“.
Durch Evolution zum freien Willen?
Nun kann man sagen, das seien typische „Just-so-Storys“, wie sie Evolutionsbiologen gerne erzählen, um bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten einer Tierart plausibel zu machen. Das ist allerdings durchaus solides wissenschaftliches Vorgehen, stellt doch das Paradigma der natürlichen Selektion den grossen Erklärrahmen zur Verfügung, in den die Biologen die Naturphänomene hineinstellen. Warum also nicht auch den freien Willen?
Man muss hier indes semantische Vorsicht walten lassen. Die Forscher im Taufliegen-Experiment schreiben: „Die Konsequenzen unseres Resultats sind tief und könnten auf Anhieb widersprüchlich erscheinen: Obwohl im Ganzen deterministisch, falsifiziert unser Initiator das Konzept des Verhaltensdeterminismus (…) Er zeigt, dass echte Spontaneität sogar in Fliegen ein biologisches Charakteristikum darstellen.“
Der Ausdruck „Initiator“ kann leicht missverstanden werden: als ob die Fliege aus eigenem Antrieb ihre Aktionen initiieren würde. Genau genommen aber hat er mit besonderen Prozessen im Fliegenhirn zu tun, die man weder als rein zufällig noch als rein deterministisch einordnen kann – obwohl sie ein bestimmtes Ordnungsmuster manifestieren. Auch oder vielleicht gerade in einem sensorischen Vakuum arbeitet das Gehirn. Das ist tatsächlich eine Entdeckung mit womöglich weitreichenden Folgen: Bereits im Tierreich findet sich die Basis zu einer Spontaneität des Verhaltens, die man beim Menschen in der kultivierten Form als „freien Willen“ bezeichnet. Umgekehrt gesagt: Was wir „freien Willen“ nennen, scheint schon biologisch vorbereitet zu sein.
Den Mund zu voll genommen
Die experimentellen Resultate zeigen nicht, dass Fliegen einen „freien Willen“ hätten, wie dies erwartungsgemäss medial aufgepeppt wurde. Die Resultate weisen lediglich darauf hin, dass wir natürliches Verhalten auf einer reicheren Palette ansiedeln sollten, nicht bloss als Gegensatzpaar von Zufall und Notwendigkeit.
Die Physik lehrt uns seit über hundert Jahren, dass die Welt nicht streng deterministisch ist. Das heisst, in jedem System gibt es Hintergrundrauschen, sei es auf thermische oder auf Quanteneffekte zurückzuführen. Das setzt der exakten Prognose und Kalkulation eine natürliche Grenze. Brembs und sein Team glauben Hinweise gefunden zu haben, „dass das Gehirn dieses Hintergrundrauschen nutzt und je nach Bedarf verstärken kann. Wie das funktioniert, wissen wir bisher nicht, aber ich stelle es mir im Prinzip als eine Art Zufallsgenerator mit regelbarem Verstärker vor.“
Das ist eine faszinierende Aussicht für die Neurowissenschaften, bleibe auch dahingestellt, was sie alles noch herausfinden werden. Eine Lektion können wir aus den Resultaten aber schon jetzt lernen. Die Diskussion über die Nichtexistenz des freien Willens tritt in eine neue Runde. Und die vollmundigen Verkündigungen seines „Endes“ könnten sich als das herausstellen, was sie in Wirklichkeit sind: Äusserungen von Wissenschaftern, die den Mund zu voll nehmen und ihren beschränkt-naturalistischen Horizont zum allgemeinverbindlichen Mass dessen erklären, was existiert. Nicht der freie Wille gehört entzaubert, sondern diese Entzauberer des freien Willens.
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„Wir schaffen irgendwas“…

von Rico Albrecht, „Wissensmanufaktur“
Ein Jahr „Wir schaffen das“… aber noch immer wurde nicht definiert, was genau geschafft werden muss, wer mit „wir“ gemeint ist und warum „das“ angeordnet wird.
  • Warum schaffen wir es nicht, Flüchtlingen vor Ort zu helfen, anstatt nur denen, die sich Schlepper leisten und Grenzsperren überwinden können?
  • Warum schaffen es wir jetzt plötzlich, Milliarden Euro in Deutschland aufzubringen, obwohl die UN in Krisennähe nur Millionen gebraucht hätte?
  • Warum schaffen wir es nicht, selbst kinderfreundlich zu werden und Fachkräfte auszubilden? Müssen wir wirklich die Not in anderen Ländern ausnutzen, um „Human Resources“ – also Nachschub an billigen Arbeitskräften für die in Deutschland tätige (Rüstungs-)Industrie – zu erbeuten?
  • Warum schaffen wir es nicht, die Sanktionen gegen Syrien aufzuheben und „Verbündete“ dazu zu bringen, die Unterstützung des IS zu beenden?
  • Werden der IS und andere Terrorgruppen es schaffen, Syrien komplett zu vernichten, wenn Deutschland von dort auch die restlichen Sicherheitskräfte noch herlockt?
  • Wenn wir nun also alle Fluchtursachen weltweit bekämpfen müssen, welche davon haben wir seit einem Jahr schon geschafft? Läuft das jetzt bis niemand mehr irgendwoher aus irgendeinem Grund flüchtet oder bis Deutschland so aussieht, dass keiner mehr hin will?
  • Schaffen wir es auch dann noch, die Stabilität und Sicherheit der unserer Gesellschaft zu erhalten, wenn 20 % der Männer zwischen 18 und 35 aus Frauenmangel in dieser Altersgruppe keine Familie gründen können?
  • Würden eine Million deutsche Männer in Arabien es schaffen, sich dort an alles anzupassen?
  • Wie kommt es, dass EU-Staaten es einerseits schaffen, Libyen bis zur Ermordung des Staatsoberhaupts zu bombardieren, aber andererseits nicht in der Lage sind, Schiffbrüchigen dort wieder an Land zu helfen?
  • Warum müssen wir es als einziges Land auf der ganzen Welt schaffen, alle Fremden ohne Papiere einreisen zu lassen und ihnen dauerhaft unsere Heimat, Ressourcen und Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen?
  • Schaffen wir es noch lange, dafür freiwillige Helfer zu finden?
  • Falls mit „Wir schaffen das“ die totale Einwanderung gemeint ist, warum wurden wir dann bis heute nicht gefragt, ob wir das schaffen wollen?
Fragen über Fragen, die auf der Hand liegen, aber noch nie von irgendwem im medial-politischen Komplex öffentlich an Angela Merkel gerichtet wurden. Eine Konfrontation damit könnte das Lügengebäude zum Einsturz bringen und ihr (und damit auch den Strippenziehern) das menschenverachtende Handwerk legen. Damit dies bald geschieht, kann jeder Einzelne einen Beitrag leisten und z.B. durch Leserbriefe und Kommentare den „Qualitäts“-Journalisten klarmachen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren werden, wenn sie diese offensichtlichen Fragen nicht endlich mal stellen.
Wie kann Deutschland wirklich helfen?
Rico Albrecht bei Speaker’s Corner im Gespräch mit Anna Maria August

Die Einwanderungspolitik der Bundesregierung wird in Medien und Politik als humanitäre Hilfe für syrische Flüchtlinge bezeichnet. Für diesen scheinbar guten Zweck stehen plötzlich schier grenzenlose Geldmengen und viel Platz zur Verfügung. Doch um in den Genuss deutscher Hilfe zu kommen, muss man zuerst gewisse Hürden überwinden und eine lebensgefährliche, kostspielige Schlepperreise nach Deutschland überstehen. Dementsprechend kommen überwiegend junge, kräftige Männer, die dafür auch die finanziellen Mittel zur Verfügung haben. Zurück bleiben Frauen, Kinder, Alte, Schwache, Kranke und Arme – und Staaten, deren wirtschaftliche Basis und Verteidigungsfähigkeit ausbluten. Doch damit nicht genug. Diese Art von Hilfe kostet den deutschen Steuerzahler ein Vielfaches von dem, was humanitäre Hilfe in Krisennähe gekostet hätte.
Im Gespräch mit Anna Maria August widerlegt Rico Albrecht den Vorwand einer humanitären Hilfe anhand von einfachen, öffentlich verfügbaren Zahlen, Daten und Fakten. Daraus ergibt sich, was wirklich geschehen müsste, wenn Deutschland die Aufgabe ernstnehmen würde, sich selbst zu erhalten und die Not auf der Welt zu lindern. Dabei geht es auch darum, wie jeder Einzelne zu einem humanen Wandel beitragen kann.
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Merkels Niedergang

Von Stephan Wehowsky,“Journal21″
Ist es allein der böse Seehofer, der die Kanzlerin ins Stolpern bringt?
Jedenfalls hat Horst Seehofer am vergangenen Wochenende zum wiederholten Male erklärt, dass die CSU derzeit eine erneute Kanzlerkandidatur von Angela Merkel nicht unterstütze. Darüber werde die CSU erst im kommenden Frühjahr entscheiden. Merkel reagiert darauf, indem sie sich selbst noch nicht festlegt. Aber als CDU-Vorsitzende möchte sie sich im Herbst auf dem entsprechenden Parteitag bestätigen lassen. Vor einem Jahr wäre es völlig undenkbar gewesen, dass die Macht Angela Merkels derartig schnell erodiert. Jetzt steht sie zur Disposition, und einige wackere Mitstreiter aus den vorderen Reihen der CDU müssen ihr laut pfeifend den Rücken stärken.
In der Zeit, als sie sich in ihrer Beliebtheit sonnen konnte, war sie keine Entscheiderin, sondern eine Vermeiderin. Sie moderierte Krisen, vermied aber harte Entscheidungen, um nicht für die unmittelbaren Folgen haftbar gemacht zu werden. Geld und Kompromisse verkleisterten erkennbare Brüche – und dafür war ihr das Publikum dankbar. Mit dem massenhaften Aufmarsch der Flüchtlinge an Deutschlands Grenzen im vergangenen Jahr kam dieses Spiel an sein Ende. Aber auch hier entschied sie, erst einmal nicht zu entscheiden, sondern die Last weiter zu reichen: Wir schaffen das.
Aber geht es wirklich um Merkel? Ist sie nicht nur ein Symptom für die Krise der politischen Führung insgesamt? Zwar treten zunehmend Demagogen auf, aber wer sich Politiker wünschte, mit deren Namen sich durchdachte und überzeugende politische Alternativen verbinden, greift ins Leere. Da stellt sich die Frage, ob die Welt inzwischen derartig komplex geworden ist, dass vor ihr auch die klügsten Köpfe kapitulieren müssen, oder ob kluge Köpfe zu klug sind, um sich in das politische Getümmel zu stürzen. Dann liefe uns mit der Intelligenz auch die Zeit für Problemlösungen davon.
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Computer-Menschen

Von Prof. Dr. Peter Kern, “Haus des Verstehens”
ET-Spezialisten sind dabei, den Computer zum Menschen zu machen.
Dabei sehen sie nicht, dass sie den Menschen zum Computer machen.
Wer das Mensch-Sein als Maschine-Sein ansetzt, kann dann den Menschen einem Computer gleichsetzen,
ja mehr noch: Der Computer ist unter dieser anthropologisch nicht haltbaren Prämisse dem Menschen überlegen.

Sprache und Intelligenz in der Computerwelt

„High Tech“ und „High Chem“ haben in Finanz-, Wirtschafts- und Politikerkreisen eine Wissenschafts-Gläubigkeit und Technik-Euphorie wieder belebt, der man sich nur um den Preis entziehen kann, als fortschritts- und technikfeindlich zu gelten. „Optimismus“ ist gefragt; wer Kritik übt, gilt als rückwärtsgewandter alternativer Spinner, als Schwarzmaler, als Pessimist, der von der „German Angst“ infiziert wurde.
Doch mit dem Einsatz der Informationstechnologien und mit dem technisch-ökonomischen Fortschrittsglauben  wird unterstellt, dass diese Auslegung von „Fortschritt“ massgebend für den Menschen in unseren Gesellschaften sei. Technisch-ökonomischer Fortschritt ist im Blick auf seine Ziele jedoch mehr als ambivalent. Dient dieser technisch-ökonomische Fortschritt wirklich einem gelingenden Leben?
Die Anwendung der Kategorien des anthropologischen Dreischritts hätte mindestens drei Fortschrittsbegriffe zu unterscheiden: Fortschritt im „Werk der Natur“ als Wachstum physischer Stärke im Horizont der menschlichen Leiblichkeit. Fortschritt im „Werk der Gesellschaft“ als technisch-ökonomischer Fortschritt im Horizont funktionierender Politik- und Sozialsysteme. Da ist es durchaus denkbar, dass beispielsweise eine formal-rechtlich funktionierende Demokratie dennoch als Gesamtsystem Zielen folgt, die Entfremdungsprozesse des Einzelnen beschleunigen und die vor allem mit ihren luxurierenden Lebensstilen in gar keiner Weise zukunftsfähig ist. Dies zu beurteilen kommt erst im dritten Fortschrittbegriff in den Blick. Fortschritt im „Werk seiner selbst“ ist das Fortschreiten im Sinne der Emporbildung des einzelnen Menschen. Dann erst macht der Einzelne die Erfahrung, dass wir nur um den Preis der Zerstörung der Lebensbedingungen auf dieser Erde fortfahren können wie bisher. Die Computerwelt dient in dieser Optik der Wahrnehmung dann möglicherweise keinen zukunftsfähigen Lebensstilen.
Wenn Fortschritt nur das Weitergehen in den alten Denkstilen von „Mehr“ und „Haben“ bedeutet, dann betreiben wir nur immer effizienter den kollektiven Exitus. Erst aus dem dritten Fortschrittsbegriff können wir uns aus dieser fatalen Spirale in den selbst verursachten Untergang herausdrehen. Es ist ein Fortschritt anzustreben, der die Frage
beantwortet, wie wir sinnvoll und darin zukunftsfähig auf dieser Erde leben können. Dieser dritte Fortschritt macht sich auf den Weg nach einer Ökologie als Wohnheilkunde. Grundbildung als ethisch legitimierte Bildung, die Nachhaltigkeit ermöglicht, wird dann zur Endzeitbildung, die es uns erlauben könnte, das heute jederzeit mögliche Zeitenende zu verhindern. Die fortschrittliche Vision einer solchen Endzeitbildung ist „Herzensbildung“, éducation sentimentale. Sie zielt auf moralische Sensibilität. Sie überwindet die krankmachenden und todbringenden Leidenschaften wie Masslosigkeit und Gier. Sie versteht sich auf Gabe und Gegengabe.
Reflektiert man vor diesem Hintergrund die Frage nach der Bedeutung von Sprache und (künstlicher) Intelligenz für das Leben, dann erscheint der Umgang mit Sprache und Intelligenz in der Computerwelt recht naiv.
Nun trifft es sich, dass einer der führenden Computerwissenschaftler der Welt, einer ihrer Pioniere, Joseph Weizenbaum, schon früh vor der Hybris der modernen Naturwissenschaften in der Computerwelt warnte: „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“, deutsch 1978. 1984 liess er diesem gewichtigen Einspruch noch einen Warnschrei folgen: „Kurs auf den Eisberg“. Seine Einlassungen blieben weitgehend ungehört; seine Befürchtungen haben sich weitgehend bestätigt. Es ist deshalb an die Kritik von Joseph Weizenbaum, der am 5. März 2008 verstarb, zu erinnern.
Zunächst: War Weizenbaum auch nur einer dieser verirrten Aussteiger, die das Establishment damals wie heute als zukunftsfeindlichen Irrationalisten abzutun versuchte? Nun, wer wissenschaftlich und ökonomisch vom Boom der neuen Leittechnik „Computers and Communications“ profitiert, der sollte es sich nicht zu leicht machen mit Joseph Weizenbaums Kritik an einem zügellosen Szientismus, der wieder einmal seinen Markt gefunden hat. Die Konsequenzen der Umwandlung der Industriegesellschaften in Informationsgesellschaften können nicht nur in die Richtung der von John Naisbitt beschriebenen „Megatrends“ gehen, sondern, wie Weizenbaum urteilte,  in kulturellen, politischen und schliesslich ökologischen Katastrophen enden. Jedenfalls haben die inzwischen etablierten Industriegesellschaften weder zu mehr Gerechtigkeit, noch zu mehr Frieden, weder zu mehr Humanität noch zu mehr Zukunftsfähigkeit geführt.
Den Grund für die Kritik an der Computerwelt sah der renommierte Computerwissenschaftler, der als Professor am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) arbeitete, in der Umdefinition der alteuropäischen Vorstellung vom Menschen durch viele seiner Kollegen. Diesen erscheine der Mensch im Prinzip als nichts anderes als ein informationsverarbeitendes System, das vollständig mit einem hinreichend leistungsfähigen Computer simuliert werden könne.
Der Streit entzündete sich vor allem am Thema „Künstliche Intelligenz“. Vielen, die von der Arbeit über künstliche Intelligenz beseelt waren und es immer noch sind, geht es um nichts weniger als um die „Konstruktion einer Maschine nach dem Bilde des Menschen, eines Roboters, der seine eigene Kindheit hat, Sprache wie ein Kind lernen und sein Wissen von der Welt dadurch erlangen soll, dass er die Welt durch seine eigenen Sinnesorgane erfährt und schliesslich zu Betrachtungen über den gesamten Bereich menschlichen Daseins imstande ist.“ Joseph Weizenbaum hielt diesem ehrgeizigen Programm die immer noch gültige Frage entgegen: Alles hänge davon ab, ob der Mensch tatsächlich nur eine Spezies der Gattung „informationsverarbeitendes System“ sei oder ob er qualitativ mehr als das ist.
Bevor eine Maschine nach dem Bilde des Menschen konstruiert wird, ist zunächst nach eben diesem Menschenbild selbst zu fragen. Wer das Menschenbild von vornherein einer anthropologischen Reduktion unterzieht (der Mensch ist nichts anderes als…), bis die maschinelle Nachkonstruktion möglich wird, ist möglicherweise längst in die Fallstricke der self-fulfilling-prophecy geraten: Der Mensch ist nichts mehr und nichts anderes als das, was sich maschinell nachkonstruieren lässt. In der Auffassung der Vertreter der Clans der „Artificial Intelligentsia“, wie sie Weizenbaum spöttisch nannte, formuliert: Es wird behauptet, dass es keinen Bereich des menschlichen Denkens gebe, der nicht maschinell erfassbar sei.
Das ist das Credo eines mechanistischen Menschenbildes, wie es aus der entzauberten Welt der positivistischen Wissenschaften hervorgeht.
Dagegen steht die These, dass Computer und Menschen eben gerade nicht verschiedene Arten derselben Gattung seien. Der Mensch komme im positivistischen Wissenschaftsverständnis nur als Fragment seiner selbst in den Blick. Erst die Veränderung und Erweiterung der Optik der Wahrnehmung, erst ein mehrperspektivisches Wahrnehmen und die Fähigkeit des integralen Blickes lassen den qualitativen Unterschied von Computer und Mensch wieder verständlich werden.
Weizenbaums Kritik, es sei nochmals betont, wurde aus keiner technikfeindlichen Haltung heraus formuliert, und schon gar nicht aus wissenschaftlich-technischem Unverstand, den man mancher theologischen oder philosophischen Verurteilung von Technik nachsagen mag. Im Gegenteil. Joseph Weizenbaum war schliesslich derjenige, der den ersten „sprechenden“ Computer der Welt mit dem Sprach-Analyse-Programm „Eliza“ entwickelt hatte. Er wusste also aus eigener Erfahrung, dass moderne Computersysteme hinreichend komplex und autonom sind, so dass sie für ihn immerhin, fragwürdig genug, als „Organismus“ gelten konnten. Er wusste, dass solche Systeme die Umwelt sensorisch erfassen und beeinflussen können. Er wusste, dass es Computer geben werde, die sich selbst zum Thema werden können – und dennoch war der Computer für Weizenbaum bestenfalls, wie er sagte, „eine Art Tier“.
Künstliche Intelligenz bleibe, so sein Urteil, prinzipiell von der menschlichen Intelligenz unterschieden. Der Nachweis und die Begründung dieser Behauptung wurden überzeugend geführt im Blick auf  kategorial unterschiedliche Phänomene: Mechanische Akte werden von menschlichen Akten abgehoben. Funktionale Entscheidungen werden von verantworteten Wahl-Handlungen sauber getrennt. Dem vereinfachten, reduktionistisch gefassten Intelligenzbegriff der Computerwissenschaftler wird ein differenzierter, mehrdimensionaler Intelligenzbegriff entgegengehalten, in dem Wirklichkeiten wie Gedächtnis, Sprache und dialogische Bezugssysteme ganzheitlich erfasst werden. Das menschliche Gedächtnis ist dann mehr und qualitativ anderes als der Speicher eines Computers, schon deshalb, weil die „gespeicherten Daten“ in Grundgestimmtheiten wie Angst, Liebe, Glück, Freude, Hoffnung eingebettet sind. Der menschliche Gebrauch von Sprache erscheint dann nicht in demselben Sinne funktional, wie Computersprachen funktional sind. Die Informationstheorie begreift das Natürliche der menschlichen Sprache als Mangel an Formalisierung und übersieht, dass natürliche  Sprache nur um den Preis von Realitätsverlust formalisiert werden kann.
Letztlich gilt: Natürliche Sprache ist nicht formalisierbare Sprache, denn natürliche Sprache ist geschichtlich, kinästhetisch vermittelt, von den unterschiedlichen Modalitäten des Denkens in beiden Hirnhälften bestimmt, vom Unbewussten mit gesteuert. Intelligenz und damit auch Sprache sind keine linear messbaren Erscheinungen, die unabhängig von jeglichem Bezugssystem sind, denn auch der menschliche Gebrauch von Sprache ist nicht in demselben Sinne funktional, wie Computersprachen funktional sind.
Gerade im Blick auf die Auffassung von Sprache unterscheidet sich das mechanistische Menschenbild der „Artificial Intelligentsia“ von einem nicht-mechanistischen, ganzheitlichen Bild des Menschen. Für die Verfechter der künstlichen Intelligenz ist die Formalisierung der Sprache das massgebende Ziel. Mehrdeutigkeit der Sprache auf der lexikalisch-semantischen Wortebene und die Mehrdeutigkeit auf der syntaktischen Satzebene müssen durch eine formalisierte und kontextfreie Grammatik schrittweise reduziert werden, bis eindeutige Aussagen möglich sind. Sprache wird in solchem Vorgehen auf ihre blosse Berechenbarkeit hin herausgefordert. Allein der quantifizierbare Aspekt der Sprache zählt. Künstliche Intelligenz denkt nicht, sie rechnet bloss. Denken als Rechnen, so urteilte Martin Heidegger bereits 1959, treibt mit einer steigenden Geschwindigkeit und Besessenheit der Eroberung des kosmischen Raumes zu. Dieses rechnende Denken selber sei schon die Explosion jener Gewalt, die alles ins Nichtige jagen könnte: Nagasaki, Hiroshima, Tschernoby, Fukushima sind Zeichen dieser todbringenden Gewalt.
Gegen dieses rechnende Denken stellt Heidegger das besinnende Denken. Im besinnenden Denken erscheint die Sprache dann als „Haus des Seins“, in dem wir Menschen zu wohnen vermöchten. Von den existentiell und ontologisch bedeutsamen Gehalten, die in dieser metaphorischen Formel aufgehoben sind, weiss die Computersprache nichts.
Operationalisierte und berechenbar gemachte Computersprache hat die wissenschaftstheoretische Verstocktheit jener hinter sich, die sich auf objektive Tatsachen berufen, ohne Verständnis dafür, dass jede „Tatsache“ bereits durch eine Auslegung hindurchgegangen ist. Was eine Tatsache ist, ist immer nur in Bezug auf die von Menschen gedeutete Welt zu verstehen. Insofern kann auch kein Begriff einer Theorie vollständig „verstanden“ werden. Das gilt vor allem für Begriffe wie Vertrauen, Freundschaft, Hoffnung, Liebe, Glück, Angst, aber eben auch für den Begriff „Intelligenz“. Solche Worte haben ihre Bedeutung aus biographischen und gattungsgeschichtlichen Grunderfahrungen; sie sind deshalb selbst metaphorisch. Insofern nun Weltverständnis überhaupt über Sprache vermittelt wird, ist dieses als Ganzes auch metaphorisch.
Durch den berechnenden Umgang mit der Sprache ist das Verhältnis des Menschen zur Sprache in einer tief greifenden Wandlung begriffen, in deren Prozess das allmähliche Verschwinden von Wirklichkeit (Hartmut von Hentig) auszumachen ist.
Es war eine der wichtigsten Stationen in der Evolutionsgeschichte der Menschheit, als unsere Vorfahren aufrecht zu gehen begannen und dadurch die Hände freibekamen. Im sinnlichen Begreifen und im damit verbundenen Verstehen ihrer selbst und der sie tragenden Natur wurde der Mensch zum „homo faber“, zum Werkzeuge schaffenden Menschen. Fortan definierte sich unsere Gattung in dem strukturellen Verhältnis von „Natur-Werkzeug-Mensch“ durch Arbeit. Im Stoffwechsel mit der Natur blieb der Mensch eingebunden in die Natur. Er begriff sie und sich in sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten, die stets das Ganze von Mensch, Welt und „Gott“ umgriffen.
Erst in der europäischen Neuzeit macht der Mensch die Natur zum rein berechenbaren „Gegen-Stand“ für sein willengesteuertes Vorstellen, Herstellen und Bestellen als den Parametern der technischen Weltauslegung. Arbeit erscheint jetzt als eine abstrakt-allgemeine Disziplinierung der Natur. Sie gilt nur dann als real, wenn sie für das Vorstellen als ein berechenbarer Gegenstand sichergestellt ist.
In diesem Prozess wird heute die natürliche Sprache zur künstlichen Sprache als „Information“ umgesetzt. Sprache als Information bleibt an die praktisch-technische Dienstbarkeit ausgeliefert und damit rückgebunden an die Machtförmigkeit neuzeitlicher Naturwissenschaft überhaupt. In einem Gang beispielloser Verarmung der sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten betreibt der europäisch ausgebildete, wissenschaftsorientierte Mensch der Gegenwart die Zerstörung der menschlichen, natürlichen und kosmischen Welt. Neuzeitliche, vor allem mathematisierende Naturwissenschaft und moderne Technik, unter anderem in Form der „Künstlichen Intelligenz“ (KI), sind Ausdruck dieses Abstraktionsprozesses.
Das wechselseitige Aufeinander-Angewiesen-Sein alles Lebendigen als Erfahrung, die das Leben trägt und erhält, erlischt zunehmend, weil alles Natürliche, also auch die natürliche Intelligenz und die natürliche Sprache, nur noch in ihrer berechenbaren Abstraktion erscheint, die kein Mit-Leben und Mit-Leiden mehr ermöglicht. Empathie entzieht sich eben der Berechenbarkeit, sie ist kein quantitatives, sondern ein qualitatives Phänomen.
Künstliche Operationen der formalen Logik ohne Finalität lassen das Natürliche nur noch in der Optik der Berechenbarkeit zu, die sich, sofern kompetent gerechnet wurde, als „richtig“ erweist. Der berechenbare Umgang auch mit Sprache und Intelligenz erlaubt schliesslich prognostisches Wissen und bestätigt sich selbst im Funktionieren der neuzeitlichen Technik.
Verbirgt sich in der „Richtigkeit“ dieser Technik auch „Wahrheit“? Das Richtige ist längst noch nicht das Wahre. Das Richtige ist immer nur richtig in Bezug auf methodisch ausgegrenzte Wirklichkeiten, in Bezug auf Teile, aber nicht mit Blick auf das existenztragende Ganze.
Was aus der Perspektive neuzeitlicher Computersysteme richtig sein mag, ist im Blick auf ganzheitlich erfahrene Weltprobleme oft tief unwahr. Denken wir aus dem Geist der natürlichen Sprache das Wort „Erdreich“, so klingt es ganzheitlicher als das vom neuzeitlichen Menschen herausgeforderte Erdreich als „Kohlerevier“. „Mensch“ ist mehr und qualitativ anders als das neuzeitliche „Menschenmaterial“. Das bäuerliche Tun im Umfeld der natürlichen Sprache gedacht, fordert als „Ackerbau“ die Natur nicht heraus, wohl aber als motorisierte und chemisch betriebene „Ernährungsindustrie“. „Künstliche Intelligenz“ mag einmal funktionieren. Sie wird auch gewinnmaximierend verwertbar sein. Man wird auf sie zählen, man wird mit ihr rechnen können. In der berechenbaren Optik der positivistischen Weltauslegung erscheint sie als „richtig“ – und dennoch kann sie im Blick auf die Wahrheit des Ganzen tief dysfunktional sein und sich letztlich zerstörerisch für Mensch und Natur auswirken. Ist es dann noch Zufall, dass der Computer „ganz eigentlich für militärische Zwecke entwickelt wurde“, wie Joseph Weizenbaum ausdrücklich festhält?
Wer menschlich-natürliche Intelligenz zur künstlichen Intelligenz umdefiniert, der betreibt nach dem Urteil des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker „Erkenntnis ohne Liebe“. Und Martin Heidegger fragt: „Ob man die radikale Unmenschlichkeit der jetzt bestaunten Wissenschaft einmal einsieht und noch rechtzeitig zugibt?“ Und er notiert auch dieses: „Die Übermacht des rechnenden Denkens schlägt täglich entschiedener auf den Menschen selbst zurück und entwürdigt ihn zum bestellbaren Bestandstück eines masslosen operationalen Modelldenkens. Durch die Wissenschaft wird die Flucht vor dem nichtrechnenden Denken organisiert und zur Institution verfestigt.“
Der neuzeitliche Mensch, der mit der modernen Naturwissenschaft die Herrschaft über die ganze Erde angetreten hat, ist für diese Aufgabe überhaupt noch nicht vorbereitet. Ihm mangelt es nicht an Wissen und Können, wohl aber an Weisheit, an „sophia“. Und so war es der Mensch selbst, der die systemökologisch erforderliche Balance zwischen „Mensch-Werkzeug-Natur“ zerstörte. Die Folge: Möglicher atomarer Holocaust, Einsatz letztlich unbeherrschbarer Kernkraftwerke zur Energiegewinnung, ökonomische Wucherungsprozesse mit ungeheuren Belastungen der uns alle tragenden Natur, das Elend von Armut, Unterdrückung und Ausbeutung, inzwischen in allen Gesellschaften.
Die technologisch organisierte Friedlosigkeit trifft uns auch im 21. Jahrhundert unvermindert. Es gilt also, die selbst verschuldeten Nöte zu wenden.
Das aber vermögen nicht Computer, und seien sie noch so „intelligent“. Bei der Auseinandersetzung um die künstliche Intelligenz geht es deshalb letztlich nicht um mathematische oder technische, sondern um ethische Probleme.
Die natürlich Intelligenz umschliesst im Logos-Begriff beides: den instrumentalen Verstand und die vernehmende Vernunft. Während der Verstand lediglich an der toten Richtigkeit der Dinge orientiert bleibt, vernehmen wir in der Vernunft die lebendige Wahrheit der Dinge. Der Verstand denkt instrumental, er sucht Kausalzusammenhänge und wendet sie technisch an, er fragt nach den Ursachen von Wirkungen und setzt sie ein als Mittel zu Zwecken, auf deren Sinn er nicht mehr reflektiert. Auf Zwecke und Ziele reflektiert die Vernunft: Sie denkt integrativ, indem sie versucht, das Ganze wahrzunehmen, von dem ihr eigener Träger nur ein Teil ist. Vernunft ist nicht nur theoretisch, sondern sie hat auch unsere Praxis zu leiten, sie ist also zugleich Wahrnehmung des Gesamtinteresses, das es dann durchzusetzen gilt.
Als Menschen sind wir, um leben zu können, auf Wahrheit angewiesen. Um diese möglichst unverzerrt durch eigene Partikularinteressen und Ideologien wahrnehmen zu können, müssen wir die Ich-Befangenheit überwinden und preisgeben, in der wir gewöhnlich leben. So hängt der kognitive Aspekt der Vernunft mit einer bestimmten Grundhaltung oder „Gestimmtheit“ zusammen. Vernunft setzt die Gestimmtheit der Gelöstheit, der Gelassenheit voraus, ja Carl Friedrich von Weizsäcker formuliert sogar: „Vernunft, als Wahrnehmung, hat etwas mit den Affekten gemeinsam… In der Sprache der christlichen Tradition ist der Affekt, der die Vernunft ermöglicht, die Liebe. Glaube… ist… ein Offensein für die Liebe, das die Angst überwindet.“ Diese Vernunft kommt aber nie zur Vollendung. Sie kann ihren Blick immer weiter ausdehnen und zu immer höheren Reflexionsstufen aufsteigen, aber als Vernunft unterliegt sie nicht mehr der Ambivalenz des blossen Verstandes, sondern stellt im Gegenteil die einzige Möglichkeit dar, damit der Mensch Frieden mit sich selbst und den Einklang mit der Natur findet. Vernunft ist also Wahrnehmung des Ganzen, mit einbegriffen sind dabei auch Wahrnehmung und Durchsetzung des Gesamtinteresses.
Diese Formen der Vernunft weisen auf jenen sachnotwendigen Zusammenhang hin, der bei Kant durch die Termini „theoretische Vernunft“ und „praktische Vernunft“ bezeichnet wird. Die Wahrnehmung des Ganzen gehört auf die Seite der theoretischen, erkennenden Vernunft, die Durchsetzung des Gesamtinteresses auf die Seite der praktischen, das Handeln leitenden Vernunft. Die Wahrnehmung des Gesamtinteresses verknüpft beide Seiten.
Vor dem Hintergrund solcher Einsichten stellt sich nicht länger die theoretische Frage, was der Computer kann, sondern die praktische, was er soll. Der Vernunft-Aspekt der natürlichen Intelligenz unterliegt nun nicht mehr der quantifizierenden Berechenbarkeit. Intelligente Computer sind also lediglich verstandesorientierte, nie aber kluge oder gar weise Computer. Folglich kam auch Joseph Weizenbaum zu dem Schluss, „dass, auch wenn Computer jetzt oder künftig noch soviel Intelligenz (als auf Richtigkeit orientierten Verstand) erweben, diese Intelligenz jedoch stets gegenüber menschlichen Problemen und Anliegen (als in vernehmender Vernunft zu lösende) fremd bleiben muss.“
Die unbekümmerte Anthropomorphisierung des Computers birgt also tödliche Gefahren in sich. Der Apologet der künstlichen Intelligenz lässt sich nämlich gar nicht so weit erschüttern, um die entsprechende Blickweite zu bekommen für das Ungeheure und zugleich Elementare der ablaufenden Entwicklung.
Mit solchen Hinweisen ist noch nichts gesagt über den Umgang mit dem Computer in der Informationsgesellschaft – hier wurde lediglich die problematische und verhängnisvolle Gleichsetzung von „natürlicher Intelligenz“ und „künstlicher Intelligenz“ nachgewiesen.
Ob sich damit das instrumentelle Verständnis von Technik überhaupt verbietet, wäre gesondert zu diskutieren. Immerhin häufen sich die Stimmen derer, die es ablehnen, Technik inhaltlich als invariant zu beurteilen, die bezweifeln, dass Technik nicht determinierend wirke, und die Gründe beibringen, dass Technik mehr sei als ein blosses neutrales Instrument, mit dem der Mensch „vernünftig“ oder „unvernünftig“ umgehen könne. Sollte Technik selbst eine Art der Weltauslegung sein, etwa im Sinne des Heideggerschen „Ge-stells“, dann wäre unsere Einstellung zur modernen Technik, auch und gerade zur Computertechnik, neu zu überdenken unter dem Anspruch einer Wiederverzauberung der Welt.
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Gegen CETA auf die Straßen

Nur wer den Widerstand übt, wird den Aufstand wagen

von U. Gellermann, „Rationalgalerie“
Ein heiteres Konzerne-Raten wird zur Zeit auf offener Bühne gespielt: Wer ist noch dreister, noch brutaler, noch mächtiger? Traditionell wird der Macht-Preis Jahr für Jahr an die Finanzoligarchie vergeben, die, unmittelbar gefolgt von der Waffenindustrie, wie eine Krake in allen Branchen ihre Tentakel hat. Doch in den Disziplinen Dreist und Brutal gibt es in diesen Tagen einen echten Konkurrenzkampf. Die Automobil-Industrie, an deren Spitze mit der Volkswagen AG ein deutscher Konzern steht, ist in ihrem frechen Abgasbetrug in der Disziplin Dreistigkeit kaum zu überbieten: Sitzt bisher einer der Abgas-Betrüger im Gefängnis? Die Automobil-Chefs machen nicht mal den Hoeneß, das Symbol-Sitzen, obwohl es um Beträge geht, die der Fußball-Uli höchstens träumt. Im Windschatten von VW schiebt sich in diesen Tagen ein anderer Konzern an die Spitze: Die Bayer AG kauft bald für etwa 64 Milliarden Euro die Monsanto AG und mendelt sich so zur größten Chemie-Keule der Erde. Als gäbe es keine gesellschaftliche Debatte über die Brutalität der Umweltgifte, der Genmanipulation und die Verletzung der Menschenrechte. Ethik? So nennen die Konzernspitzen das Papier in den Vorstands-Toiletten.
Das alles ist nicht genug. Denn obwohl den Konzernen der Staat in Kriegsfällen schon komplett gehört – und spätestes seit Ausrufung der Anti-Terror-Kriege ist immer und überall Krieg – gibt es in Friedensfällen tatsächlich schon mal ein ziviles Aufmucken: Manchmal sagt dieser oder jener Staat, ihm seien die schwarzen Raucherlungen zu teuer, jetzt sei Schluss mit Werbung dafür. Auch gibt es Länder, in denen die friedliche Verpestung der Umwelt durch dreckige Fördermethoden von Rohstoffen per Gesetz verboten werden kann. Da spielen manche Regierungen doch glatt Demokratie und die jeweiligen nationalen Gerichte brüsten sich wirklich mit ihrer relativen Unabhängigkeit. Das kann lästig und teuer werden. Und weil die Götter des Profits nicht mit der begrenzten Souveränität von Nationalstaaten behelligt werden möchten, haben sie sich CETA ausgedacht, das Zwillings-Abkommen des TTIP. Ein Freihandelsabkommen, in dem das Wort „frei“ die Freiheit der Konzerne symbolisiert, den Rest der Welt gefangen zu nehmen. Monsanto (demnächst Bayer AG) zum Beispiel, wollte auch in Deutschland seinen Gen-Mais anbauen. So ein kleines Verwaltungsgericht in Braunschweig hat das doch glatt verboten. Was wäre wenn ein deutsches Gericht den VW-Betrug zu einem Offizial-Delikt erklären würde? Kaum auszudenken.
Denn wenn CETA kommt, werden die Konzerne für diese Fälle eigene Schiedsgerichte haben. Wie jenes in Den Haag – das so tut als wäre es eine internationale, völkerrechtlich legitimierte Institution – das jüngst dem Steuerbetrüger Chodorkowski 50 Milliarden Dollar gegen den russischen Staat zusprach. Und weil es die Russen waren, haben die westlichen Medien schnell und heftig Beifall geklatscht. Der wird nicht leiser werden, wenn die Energie-Konzerne vor dem selben Gericht demnächst Schadenersatzforderungen wegen des Atom-Ausstieges einklagen: Hat doch Geld gekostet, der Ausstieg, siehste. Und so wie der blöde Bürger den Aufbau der Atomindustrie in den 50er Jahren durch seine Steuern subventioniert hat, so soll er gefälligst, nachdem die Gewinne eingesackt und verbucht sind, nun auch den Abbau bezahlen. Weltweit, schreibt die Organisation „campact!“, sind schon 700 solcher Konzernklagen aufgrund ähnlicher Abkommen bekannt. Und damit auch wirklich alles glatt geht, plant die EU-Kommission – nach Artikel 218 Absatz 5 des Lissabon-Vertrags – das CETA-Abkommen auch ohne Zustimmung der nationalen Parlamente „vorläufig“ anzuwenden. Da meldet sich die Sachwalterin der Konzerninteressen, die Placebo-Angela: „Egal, wie das Ganze endet, wir werden den Bundestag um eine Meinungsbildung bitten, damit wir sozusagen auch die Partizipation des Bundestages haben.“ Die Sozusagen-Demokratie erklimmt strahlende Höhen, weil auch die Pseudo-Sozialdemokraten Gabriel und Schulz für CETA sind: „Die kanadische Regierung hat in der umstrittenen Frage der Schiedsgerichte große Zugeständnisse gemacht, und sie hat die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation anerkannt.“ Ja, ja, und das nächste Schiedsgericht um die Ecke kann das alles wieder rückgängig machen.
Es gibt sie noch, die Menschen, die sich wehren: Mehr als 100.000 Bürger haben mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht den Rechtsweg gegen CETA beschritten. Der protestierende Linksweg wird am
17. September gegen CETA und TTIP gegangen: In Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart gehen die Demonstrationen zeitgleich los.
Gewerkschaften haben dazu aufgerufen. GRÜNE und LINKE auch. Von „attac“ bis zum Schriftstellerverband sind alle dabei. Wer sich nicht im Widerstand übt, wird nie den Aufstand wagen. Nicht mehr bitten, fordern.

Am 17. September 2016:
Bundesweiter Aktionstag gegen TTIP und CETA

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