Umweltethik für das Technozän

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Geo- und Klimawissenschaftler bezeichnen den gegenwärtigen planetarischen Wandel als die Epoche des Anthropozäns, als das Zeitalter des Menschen.
Diese Spezies ist im Begriff, die feste Oberfläche, die Ozeane, die Atmosphäre des Planeten mit einer Wucht umzugestalten, die vordem allein geologischen Kräften zugemutet wurde. Die Wirkmacht, dank der sich der Anthropos in die Erde und ihre Atmosphäre irreversibel einzeichnet, ist die Technik, weshalb die Bezeichnung „Technozän“ angemessener wäre.
Modifizierte Moskitos
Unerhörtes geschieht. Wir betreten die Terra incognita der synthetischen Natur. Zum Beispiel setzte kürzlich ein Team um die Entomologin Ruth Mueller in Terni (Umbrien) unter strengen Laborbedingungen genmodifizierte Moskitos frei, die sich mit natürlichen paarten. Die modifizierten Insekten können nicht stechen und dadurch auch nicht den Malariaparasiten übertragen. Auf diese Weise wollen die Forscherinnen und Forscher Wege untersuchen, auf denen man designte Charakterzüge in eine Population einschleusen kann. Und nicht nur das. Die modifizierten Moskitos vererben ihre Eigenschaften auch nach modifizierten Mendelschen Gesetzen. Sind wir im Begriff,  gar die Naturgesetze zu designen?
„Zweite Genesis“?
Genau gesehen befinden wir uns hier noch im Bereich der traditionellen Biotechnologie, die im Grunde gleich wie die Natur vorgeht. Jede biotechnische Intervention setzt bei bestehenden Organismen an und bastelt an ihrem Erbgut herum, fügt Gene hinzu oder entfernt sie. Sie manipuliert also Abstammungsprodukte der Evolution oder Koevolution (das heisst domestizierte Lebewesen). Die synthetische Biologie geht darüber hinaus. Sie beginnt mit Bio-Bausteinen, synthetisierten DNA-Sequenzen, die bekannte Eigenschaften besitzen. In der aktuellen Praxis implantiert man solche Sequenzen einem einzelligen Organismus, einem Bakterium. Die Idee dabei ist, einen neuen Organismus mit vorgefertigter DNA „von Grund auf“ herzustellen. Entsprechend prahlerisch tönen denn die Ansprüche der synthetischen Biologie. Craig Venter zum Beispiel möchte Millionen von Jahren der Evolution „kurzschliessen“ und eine „zweite Genesis“ einleiten.
Vorderhand ist das Geklotze. Trotzdem, das Zukunftsszenario, das hier beschworen wird, raubt einem kurz den Atem: Synthetische Biologie ermöglicht eine fundamental neue Art der biotischen Entwicklung, die sich tendenziell abkoppelt von der natürlichen Linie des über drei Milliarden Jahre langen Evolutionsprozesses. Der post-darwinsche Horizont einer neuen Natur öffnet sich. Und damit wächst die Besorgnis über eine Umweltintervention mit kaum abzusehenden Folgen und Gefahren.
Die aristotelische Grundunterscheidung
Unser Unbehagen gegenüber der synthetischen Biologie beruht aber in der Regel nicht so sehr auf Unwissen und diffusen Ahnungen über mögliche Gefahren als vielmehr auf einer impliziten Werteordnung. Das bisherige Umweltdenken ist geprägt von einer Grundunterscheidung, die der Naturphilosophie von Aristoteles entstammt: der Differenz zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen. Natürliche Dinge sind in ihrem Dasein und ihrer Entwicklung von innen her bestimmt. Eine Eichel wächst von selbst aus zu einer Eiche, und dieses „von selbst“ ist der Antrieb der Entwicklung (ihre „Teleologie“). Ein Stück Holz wächst nicht von selbst zu einem Tisch heran. Sein Prinzip liegt ausserhalb, in den Absichten und Plänen des Schreiners. In diesem Sinn ist alles Natürliche unabhängig vom Menschen, alles Künstliche dagegen nicht.
Darauf beruht auch der Unterschied zwischen einer unberührten und einer vom Menschen „berührten“ Natur. Tatsächlich verschwimmt der Unterschied im Technozän zusehends. Einerseits gibt es immer weniger unberührte Gebiete auf der Erde; andererseits bauen wir künstliche automatische Systeme, die nun selber eine gewisse Unabhängigkeit vom Menschen manifestieren, quasi aus eigenem Antrieb agieren. Es nimmt also eine Hybridisierung von Natürlichem und Künstlichem Gestalt an, von deren Fortgang und Auswirkung auf den Menschen wir uns noch kaum eine Vorstellung machen können. Umso mehr drängt sich ein Umweltethos auf, das sich nicht an einer ursprünglichen, unberührten Natur orientiert, sondern an einer immer schon vom Menschen „heimgesuchten“.
Warum ist nur natürliche Natur wertvoll?
Das heisst, unsere Naturethik ist teilweise noch antik: Nur natürliche Natur ist wertvoll. Wenn nun aber Natur ohnehin schon immer Komponente eines hybriden Ökosystems aus Mensch, Technik und Umwelt ist, dann heisst die vordringlichste Devise nicht „Erhaltung“, sondern „Gestaltung“ – nicht im Sinne des biotechnischen Designs, sondern des „Kultivierens“: Natur als Kulturprojekt. Uns Schweizern ist diese Idee alles andere als fremd. Ja, sie hat Tradition, gelten die Alpen schon lange als Kulturlandschaft. Landschaft aber ist immer ein Hybrid aus Mensch, Technik und Natur. Und der Mensch in diesem Hybrid ist heute zunehmend der Homo urbanus. In diesem Sinne liesse sich das Kultivieren als „Verlandschaftung“ auffassen, und dies gerade in urbanen Gebieten.
Statt also Requiems auf eine natürliche Natur zu halten, erhielte der Umweltschutz im Technozän eine andere Stossrichtung, ausgerichtet auf die Balance – im Besonderen die Resilienz – von hybriden Ökosystemen. Der Mensch kann gar nicht anders leben als interventionistisch. Nun müsste freilich die Intervention nicht, wie bisher häufig, unbewusst, unbedacht, ungeplant erfolgen, sondern bewusst, bedacht, geplant – ergo: verantwortet.
Auch Nutzzonen sind „Natur“
Konkret könnte dies bedeuten, auch Nutzzonen – industrialisierte, bewirtschaftete, verstädterte, degradierte Gebiete – vermehrt als „Natur“ wahrzunehmen; ihnen eine „Würde“ zu verleihen, die auf dem praktischen Gebot des „Seinlassens“ beruht. Denn da, wo man eingreift, kann man das Eingreifen auch lassen. Solches Seinlassen ist reflexiv, quasi eine Intervention gegen die Intervention. Es bedeutet daher nicht einfach Verzicht, sondern ein Wollen, dass etwas so ist, wie es ist, und so gelassen wird: Aktive Passivität.
Betrachten wir das Beispiel der Biodiversität. Wir sind heute in der Lage, diese Diversität nach unserer Massgabe zu gestalten. Das wäre die aktive Intervention der Gentechnologie und synthetischen Biologie. Wir sind aber auch in der Lage – durch kritische Umsicht und Einsicht –, diese Gestaltung weiterhin der Natur zu überlassen – der „natura naturans“, wie man die schaffende Natur früher nannte. Zum Beispiel breiten sich Neozoen und Neophyten in den Städten aus. Wir können dieser „Invasion“ durch Ausrotten oder Umsiedeln begegnen; wir können aber auch passiv interventionistisch erst einmal abwarten und beobachten, ob und wie sich eine neue urbane Ökologie einrichtet. Wir wissen viel zu wenig über solche Dynamiken. Wer sagt denn, welche Rolle eine Spezies in einer Ökologie spielt? Ist sie von der Natur vorgeschrieben? Nicht selten haben sich in der Vergangenheit „Eindringlinge“ als äusserst nützlich und systemstabilisierend erwiesen.
Die Evolution lacht immer zuletzt
Evolution bedeutet zunehmend Koevolution von Mensch, Technik und Natur. Das Technozän ist deshalb nicht das Zeitalter der Technik, sondern der klugen Eingliederung der Technik in eine umfassendere Lebensordnung. Sie würde die Alternative zwischen Herrscher und Mitbewohner des Planeten zugunsten einer Vielfalt von Lebensentwürfen aufgeben. Also nicht nur Biodiversität, sondern Kultur- und Technodiversität in unserer Naturbeziehung. Tatsächlich sind wir immer Herrscher und Mitbewohner, je auf spezifisch lokale Art. Indem wir über potente Instrumente der Naturintervention verfügen, sind wir zweifellos Herrscher; indem wir die Grenzen und unbeabsichtigten Folgen dieser Instrumente nicht genügend kennen, sind wir Mitbewohner, insofern immer noch der „Wildnis“ des Nichtkontrollierten ausgesetzt. Dieser Wildnis begegnen wir neuestens in der Tiefendimension der Nanotechnologie. Wir haben keine Ahnung, wie sie hier zu zähmen ist. Ohnehin wird sich im Technozän der gestaltende Eingriff in die Natur noch deutlicher als das erweisen, was er schon immer war: als ein Hasardspiel. Die Evolution ist Meisterin dieses Spiels – und sie lacht immer zuletzt.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Neues vom Finanzmarkt: Höchste Zeit für Gemeinwohl-Ökonomie

von Günter Grzega, „Neue Debatte“
Wenn man die Wirtschaftsnachrichten der letzten Wochen verfolgt, dann könnte man annehmen, dass doch in Deutschland alles ganz gut läuft. Die Arbeitslosenzahlen sinken und die Wirtschaftsdaten zeigen immer noch ein beachtlich hohes Niveau. Auch die aktuellen Bilanz-Pressekonferenzen der Finanzinstitute lassen, zumindest im Bereich der Genossenschaftsbanken und Sparkassen, keine akut krisenhafte Entwicklung erkennen.
Wenn man dann aber die Gesamtsituation im Finanzmarktbereich analysiert, dann wird deutlich, dass die seit der großen Finanzkrise 2008 aufgedeckten Risiken keineswegs im erforderlichen Umfang abgebaut wurden, sondern dass sogar entgegen der politischen Versprechungen nach dem Crash eine Ausweitung von sogenannten „Klumpen-Risiken“ plötzlich wieder als „sinnvoll“ betrachtet werden. Oder wie ist es zu verstehen, wenn 2009 nach der Rettung einiger vor der Pleite stehender Finanzkonzernen mit Steuergeldern, die dann automatisch zu einer höheren Staatsverschuldung führten, versprochen wurde, nie mehr Banken zuzulassen, die „too big to fail“, also zu groß, um sie scheitern zu lassen, aber nun politisch von einer Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank debattiert wird?
Nichts gelernt aus der Finanzkrise von 2008?
Wieder einmal versucht man offensichtlich den schon in der Natur gescheiterten Weg der Dinosaurier, die vergebliche Hoffnung der Rettung durch Größe. Ebenso forsch forderten nach 2008 die Entscheider in der Politik, die Finanzmärkte streng zu regulieren und eine Finanztransaktionssteuer nicht nur zur Verhinderung von unsinnigen Wettgeschäften, sondern auch zur Transparenz von diesen Finanzwetten einzuführen. Aber nichts dergleichen wurde umgesetzt, außer eine kaum mehr zu überblickende Zahl von oftmals unsinnigen neuen Regulatorien für kleine und mittlere Banken und Sparkassen einzuführen.
Diese überbordende und offensichtlich als Beweis für politische Aktivität durchgeführte Regulatorik, führt inzwischen dazu, dass immer mehr kleine kerngesunde Kreditgenossenschaften oder Sparkassen fusionieren müssen, um die Kosten dieser unangemessenen Bürokratie zu schultern.
Für die großen Bankkonzerne mit ihren eigenen Rechtsabteilungen bedeuten diese neuen Vorschriften keinerlei Überbelastung, und man kann davon ausgehen, dass sie mit großer Genugtuung feststellen, dass auf Grund dieser „Neben-Kriegsschauplätze“ kaum jemand bemerkt, dass in ihre Finanzwettgeschäfte nicht nachhaltig eingegriffen und keine Finanztransaktionssteuer eingeführt oder gar ein Trennbanken-System mit einer Zerschlagung der Konzerne in Geschäftsbanken und Investmentbanken ernsthaft politisch angegangen wurde.
Cum-ex, Cum-cum und die Verwahrlosung der Eliten
Ebenso wenig gab es eine umfassende Rückkehr zu den Normen von Ethik und Moral in einigen Bereichen der Finanzmärkte. Oder wie ist es mit Ethik und Moral zu vereinbaren, wenn durch die Rückerstattung nicht bezahlter Steuern mittels der sogenannten Cum-ex- und Cum-cum-Geschäfte allein in Deutschland ein finanzieller Schaden für den staatlichen Haushalt, also für alle Steuerzahler, von rund 31,8 Milliarden Euro entstanden ist und schon wieder neue Erstattungsstrategien für nicht bezahlte Steuern entdeckt wurden?
Die neu entdeckte Masche wird als „Cum-Fake“ bezeichnet. Dabei geht es um von Banken ausgestellte Papiere, die in den USA stellvertretend für ausländische Aktien, also zum Beispiel auch deutsche Aktien, gehandelt werden. Grundsätzlich müssten für solche ADR-Papiere (American Depositary Receipts) echte Aktien hinterlegt werden.
Großbanken und Aktienhändlern wird nun aber vorgeworfen, in den USA mehrere Millionen von ADR-Papieren herausgegeben zu haben, die nicht mit einer echten Aktie hinterlegt waren, also dafür auch keine Steuern gezahlt, aber dann eine Steuererstattung verlangt wurde. Gabor Steingart, ehemaliger Mitherausgeber des „Handelsblatt“, scheint doch nicht übertrieben zu haben, als er die Machenschaften in manchen Chefetagen der Wirtschaft als „Elitenverwahrlosung“ bezeichnete.
Übrigens, allein mit den ungerechtfertigten Steuererstattungen aus Cum-ex- und Cum-cum-Geschäften hätte unser Staat jeder Schule in Deutschland 1 Million Euro zusätzlich zur Verfügung stellen können. Und stellen wir uns einfach vor, dass die Aufdeckung dieser extrem gesellschaftsschädigenden Praktiken endlich eine grundsätzliche Änderung der aktuellen, auf Profit und Gier ausgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik, einen Wandel hin zu einer am Gemeinwohl ausgerichteten Wirtschaftsordnung angestoßen hätte. Aber noch spürt man keinen Aufbruch bei den Eliten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Schülerinnen, Schüler, Unternehmen und Zivilgesellschaft sind bereit für den Wandel
Dass dieser Wandel überlebenswichtig ist, wird jedoch von Tag zu Tag deutlicher und auch die wunderbaren „Fridays-for-Future-Demonstrationen“ der Schülerinnen und Schüler zeigen es unmissverständlich auf: Die zerstörerische Ideologie des Neoliberalismus muss endlich überwunden werden oder wir fahren letztlich Klima und Umwelt und damit unser aller Zukunft, aber zuerst den Euro, Europa und damit unausweichlich auch Deutschland gegen die Wand. Und dafür gibt es ein bereits in der Praxis erfolgreich umgesetztes Konzept, nämlich das im Jahr 2011 von fünfzehn Unternehmern und Unternehmerinnen als ähnliche „Graswurzel-Bewegung“ wie „Fridays-for-Future“ begonnene Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (www.ecogood.org).
Inzwischen wird die Gemeinwohl-Ökonomie nicht nur von tausenden von Unternehmerinnen und Unternehmern, Gemeinden, Universitäten, Privatpersonen et cetera in Deutschland, Österreich und Europa unterstützt, sondern verbreitet sich auch in sogenannten „Energie-Feldern“ ebenfalls in Nord-, Mittel- und Südamerika.
Selbst der Nachweis der „gelebten“ Gemeinwohl-Ökonomie, nämlich die Erstellung einer auditierten und mit Punkten bewerteten „Gemeinwohl-Bilanz“, und zwar neben der Finanzbilanz, wird inzwischen von mehr als 500 Unternehmen und auch einigen Gemeinden in Deutschland und Europa praktiziert.
Die Gemeinwohl-Ökonomie wirtschaftet zum Wohl aller!
In der Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens, einer Gemeinde et cetera werden entsprechend der sich ständig in demokratischer Abstimmung weiter entwickelten Gemeinwohl-Bilanz-Matrix die festgelegten Werte „Menschenwürde – Solidarität und Gerechtigkeit – Ökologische Nachhaltigkeit – Transparenz und Mitentscheidung“ mit den Berührungsgruppen des Unternehmens, der Gemeinde et cetera, wie beispielsweise Lieferanten, gesellschaftliches Umfeld, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, verknüpft und bewertet.
In dem 5-Minuten-Video der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung kann man sich das Grundverständnis der Gemeinwohl-Ökonomie schnell und unkompliziert aneignen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie kurz erklärt. (Quelle: YouTube/Regionalgruppe Karlsruhe der Gemeinwohl-Ökonomie)
Erste Schritte für ein neues Wirtschaftssystem
Selbstverständlich kann eine ideologisch verfestigte Wirtschaftsstrategie nicht von heute auf morgen umgestellt werden. Der Weg ist das Ziel! Und wir haben es doch geschafft, mit Übergangsfristen den Ausstieg aus der – ähnlich wie der Neoliberalismus – so zerstörerischen Atomenergie zu gestalten. Wie wäre es, wenn wir als ersten, wichtigsten und besonders dynamische Entwicklungen auslösenden Schritt die Vergabe von öffentlichen Aufträgen gesetzlich an die Voraussetzung koppeln, dass sich nur Unternehmen mit einer auditierten Gemeinwohl-Bilanz für öffentliche Aufträge bewerben können?
Selbstverständlich muss es hier wie beim Atomausstieg eine Übergangsfrist geben. Eine faire Geschichte wäre beispielsweise eine Frist für diese Bilanzerstellung bis spätestens zum 31.12.2024. Dabei dürfen wir sicher sein, dass nur die wenigsten Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt auf eine Gemeinwohl-Bilanz verzichten würden.
Übrigens benötigt es auch keine Vorgabe von Mindest-Pluspunkten. Die Erfahrungen der inzwischen über 500 Unternehmen mit solchen Bilanzen zeigen, dass sich mit der erstmaligen Aufstellung eine unternehmensinterne Dynamik hin zu Gemeinwohlthemen insgesamt entwickelt, die automatisch zu immer besseren Ergebnissen führt.
Drei Kernfragen weisen den Weg
Nicht zu vergessen ist, dass das Thema Gemeinwohl-Ökonomie inzwischen auch in wichtigen Gremien der EU als zu unterstützende Wirtschaftsform angekommen ist.
Ergänzen wir also die Forderung der „Fridays-for-Future-Bewegung“ mit dem Hauptziel der Rettung von Klima und Umwelt mit der persönlichen täglichen Forderung an jedes Mitglied in einem Kommunal-, Landes- und Bundes- oder Europa-Parlament zur verpflichtenden Einführung der „Gemeinwohl-Bilanz“ als „Daily-for-Future-Bewegung“. Die Gemeinwohl-Ökonomie stellt nämlich die grundsätzlich entscheidenden Fragen für alles Handeln von Unternehmen, Gemeinden, Institutionen und an jeden von uns:
Dient es den Menschen? – Dient es der Umwelt? – Dient es dem Frieden?
Die Zeit ist reif für einen Wandel!
Originaltext
Veröffentlicht unter Aufrufe, Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Geld, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zukunfts-Wegweiser, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Eine afrikanische Utopie

›Dunkler Kontinent‹, ›Elendsgebiet‹ oder ›Rohstofflager der Welt‹, noch immer denken und reden wir über Afrika in Stereotypen. Und noch immer ist der Maßstab, mit dem wir den Zustand und die Perspektive des Kontinents beurteilen, das Entwicklungsmodell des Westens, selbst wenn sich dieses weltweit als höchst zerstörerisch erwiesen hat. In seinem bahnbrechenden Manifest, das zugleich Analyse und Utopie ist, fordert Felwine Sarr eine wirkliche Entkolonialisierung Afrikas, indem es sich auf seine vergessenen und verdrängten geistigen Ressourcen zurückbesinnt, ohne gleichwohl den Kontakt mit der Moderne zu verleugnen. So findet sich eine Fülle kulturellen und geistigen Reichtums, die auf ein anderes, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur verweist. Die afrikanische Kulturrevolution bietet dabei auch für den Rest des Planeten dringend benötigte Ansätze, um eine bewusstere und würdevollere Zivilisation zu begründen. In 35 Jahren wird ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika zuhause sein – höchste Zeit, die verborgene Lebenskraft des Kontinents zu entdecken und das Zeitalter des Afrofuturismus einzuläuten.
Verlagstext

Wie könnte die Zukunft eines Kontinents aussehen, der Jahrhunderte lang Spielwiese und Projektionsfläche anderer war?

Anna von Rath, „UB“
Mit seinem Manifest „Afrotopia“ fügt der senegalesische Wirtschaftsprofessor Felwine Sarr der aktuellen Reihe von afrikanischen Visionsbegriffen einen weiteren hinzu. Es sind zum Beispiel Afrofuturismus oder Afropolitanismus, die in den vergangenen Jahren erfolgreich Verbreitung fanden. Neben vielen anderen Eigenschaften, eint diese Begriffe ein Gefühl von selbstbewusstem Aufbruch und eine Besinnung auf afrikanische Werte.
Sarr erklärt in seinem Essay zunächst eindrücklich, warum Afrotopien, also afrikanische Utopien, von Nöten sind. Seit Jahrhunderten ist der afrikanische Kontinent auf die Position eines Diskursobjektes reduziert worden. Andere sprechen und denken ungefragt in seinem Namen. Zunächst zogen europäische Grossmächte willkürliche Grenzen durch den Kontinent. Dann wurden ihm Wege vorgeschrieben, wirtschaftliche, soziale und politische Modelle, denen es zu folgen galt. Die afrikanischen Universitäten sind aus der Kolonialverwaltung entstanden. Seit ihrer Gründung haben sie nur wenig strukturellen Wandel erfahren. Man kann also sagen, dass jeder Lebensbereich von aussen kontrolliert oder zumindest beeinflusst wurde und grösstenteils immer noch wird. Das passiert, obwohl westliche Begrifflichkeiten und Wissenssysteme die afrikanischen Lebenswelten gar nicht richtig treffen.
Afrikanische Zukunftsmetaphern
Wenn Sarr zum Beispiel sein Erleben von afrikanischen Städten wie Lagos, Abidjan oder Kairo beschreibt, stellt er fest, wie nutzlos dabei Kategorien wie das Bruttosozialprodukt sind. Wohlstandsrankings oder so genannte Entwicklungsgrade sagen nichts über die Intensität des sozialen Austausches, die Beziehungen zum eigenen Umfeld oder die Zufriedenheit der dort lebenden Menschen aus. Stattdessen fordert Sarr, dass afrikanische Zukunftsmetaphern sich Begriffen bedienen sollten, die aus den afrikanischen Kulturen hervorgehen.

„Ubuntu mit seiner Sozialethik wäre ein Beispiel. In der senegambischen und westafrikanischen Kultur evozieren die Begriffe ‚Noflaye‘ und ‚Tawfekh‘ die Idee eines Wohlergehens, das mit innerem Frieden und Zufriedenheit einhergeht.“ (S. 125)

Sarr lobt afrikanische politische Führer, Schriftsteller*innen und Kunstschaffende für ihre Rolle als Vordenker*innen. Die Neuerfindung des Selbst, dass durch ein Zurückgreifen auf vorkoloniale Zeiten geschieht, passiert besonders im kreativen Bereich, wenn Menschen ihre Vorstellungskraft nutzen:
„Das Imaginäre ist das Schmiedeeisen, auf dem die Formen entstehen, die Gesellschaften sich verleihen, um das Leben zu speisen und ihm Tiefe zu verleihen, um das gesellschaftliche und menschliche Abenteuer auf eine neue Stufe zu heben.“ (S. 12)
Nach dem Imaginieren, dem Sich-selbst-Denken, folgt schliesslich die praktische Arbeit, die Suche nach Strategien, um Ideen tatsächlich zu implementieren. Sarr betont, dass eine Utopie nicht reine Träumerei ist. Es geht darum, Denken zu artikulieren, Handlungen folgen zu lassen, dem kommenden Afrika Gestalt zu geben. Dennoch sind die konkreten Schritte in „Afrotopia“ nicht benannt, die Inhalte des Essays bleiben diffus und schwer greifbar. Sarr verweist stattdessen auf Bereiche in denen Veränderung und Innovation bereits passieren: In der zeitgenössischen afrikanischen Literatur, Mode, Musik, in den Städten. Dort sollten wir hinschauen.
Afrotopie ohne Feminismus?
Sarrs Worte klingen vielversprechend und mitreissend. Allerdings verwundert es, dass nur afrikanische Männer an der Ausgestaltung dieser Utopie beteiligt zu sein scheinen. Die Sprache des Buches ist nicht gegendert, es geht immer nur um Afrikaner (wobei dies auch eine Folge der Übersetzung des Textes ins Deutsche sein kann), und die zitierten Akademiker sind fast ausschliesslich Männer, Achille Mbembe, Valentin-Yves Mudimbe, Frantz Fanon, und so weiter. Wenn auf diejenigen verwiesen wird, die den Kontinent am stärksten geprägt haben, besteht die Liste aus Männern, Nelson Mandela, Patrice Lumumba, Thomas Sankara und Kwame Nkrumah.
Sarr nennt sie die Helden der heutigen afrikanischen Jugend. An der einzigen Stelle in „Afrotopia“, an der er die Existenz und das Wirken von Frauen anerkennt, klingt es so, als hätten Männer nichts damit zu tun. In seinem Kapitel „Afrotopos“ schreibt Sarr, dass viele Menschen an der Konzipierung des zukünftigen Afrikas beteiligt sind und verweist auf die Autorin Ken Bugul, die von den „existenziellen Herausforderungen, vor denen Frauen stehen, die sich von einer patriarchalen Ordnung ebenso zu emanzipieren haben wie von den Lockungen des Westens“ (S. 132) schreibt.
Nachdem er Frauen allein den Kampf gegen das Patriarchat zuteilt, lässt Sarr im gleichen Kapitel noch kurz die Namen von ein paar berühmten Frauen fallen: Chimamanda Ngozi Adichie, Nafissatou Dia Diouf und Léonora Miano. Aber das wird weder den Leistungen von afrikanischen Frauen*, noch dem afrikanischen Feminismus gerecht. In der Hinsicht möchte ich Minna Salamis Position deutlich unterstreichen, die auf ihrem Blog Ms Afropolitan erklärt, dass heutzutage keine seriösen theoretischen Räume die Beiträge des Feminismus ignorieren können. Bleibt zu hoffen, dass Sarrs wichtiger Grundstein für ein Afrotopia mit einer guten Dosis Feminismus weitergesponnen wird – vielleicht im Austausch mit den Afropolitaner*innen.
Originaltext
Felwine Sarr: Afrotopia. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 176 Seiten, Paperback.
ISBN: 978-3-95757-677-4

 

Veröffentlicht unter Éthnos, Bücher, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

DIEM25: Nutze den Tag, Rette die Welt

Glaubensbekenntnisse zur EU-Wahl mit Yanis Varoufakis

Marc Britz, „Rationalgalerie“
Am Sonntag, den 26. Mai 2019, findet in Deutschland die neunte Direktwahl zum Parlament der EU statt. In Deutschland werden dabei allein 96 der insgesamt 751 Mandate zur Wahl gestellt. Es gibt hier also wahrscheinlich bessere Chancen als Aussenseiter ins Parlament einzuziehen als anderswo. Vielleicht auch deswegen ist der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis einer der Mandatsanwärter in Deutschland. Da seine Bewegung DiEM25 nicht als Partei zugelassen ist, und damit selbst nicht zur Wahl steht und weil europaweite politische Parteien ohnehin verboten sind, tritt Varoufakis als Spitzenkandidat der Kleinpartei Demokratie in Bewegung (DiB) an. Eine Gelegenheit also, einmal dem Mann auf die Finger zu schauen, der Dank gezielter massenmedialer Verblödung in Deutschland hauptsächlich wegen seines Motorrades, seines Kleidungsstils und wegen einem Stinkefinger bekannt ist.
Entgegen solcher Äusserlichkeiten lässt sich Varoufakis‘ politische Integrität am besten mit seiner Reaktion auf das Referendum vom 5. Juli 2015 illustrieren. Premierminister Tsipras wollte damals das Volk über die sogenannten Reformen der Gläubiger-Troika aus Europäischer Kommission, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank, abstimmen lassen. Wenig überraschend wurden die von der Troika eingeforderten erneuten unerträglichen Sparmaßnahmen mit 61,31 % der gültigen Stimmen von den ohnehin bereits über alle Maßen krisengeprüften Griechen abgelehnt. In dieser Situation war Varoufakis bereit, aufs Ganze zu gehen, um die Souveränität seines Landes zu gewährleisten. Varoufakis sah in der Entscheidung des Volkes eine Aufforderung, Tsipras erneut jene Maßnahmen vorzuschlagen, mit denen er bereits zuvor auf die von der EZB verfügte erpresserische Schließung der griechischen Banken reagieren wollte. Varoufakis hatte vor, durch die Ausgabe einer Alternativwährung, durch die Erklärung eines Schuldenschnitts auf die von der EZB gehaltenen griechische Staatsanleihen, und durch die Übernahme der Kontrolle der griechischen Zentralbank, die Souveränität seines Landes gegenüber den Gläubigern wieder herzustellen, selbst wenn diese Maßnahmen letztlich zum harten Grexit geführt hätten. Tsipras liess dies aber aus Angst vor unkalkulierbaren Folgen nicht zu und führte statt dessen ein politisches Trauerspiel auf, an dessen Ende jene zweite SYRIZA-Regierung entstand, die noch heute unter Tsipras als willfährige Vollstreckerin der Gläubiger agiert. Varoufakis optierte damals hingegen konsequent für den eigenen Rücktritt.
Ein weiteres Zeichen von Varoufakis‘ Integrität ist ein unter Politikern eher rares Bewusstsein, den eigenen Wählern und der interessierten Öffentlichkeit Rechenschaft über die eigenen politischen Entscheidungen schuldig zu sein. In seinem Buch, das auch auf Deutsch mit dem Titel „Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment“ erschien, folgt er dieser Verpflichtung und beschreibt detailliert, was hinter den geschlossenen Türen jener Institutionen stattfand, die an den Verhandlungen des griechischen Schuldenprogramms beteiligt waren. Mit diesen Aufzeichnungen hat sich Varoufakis zum hochrangigen Whistleblower gemacht, der genau jene unerträglichen undemokratischen Prozesse innerhalb der EU schwarz auf weiß fasst, über die kritische Beobachter der EU bisher nur spekulieren konnten. Peinlich genau werden hier die Strategien beschrieben, mit denen jegliche Versuche, konstruktive Gespräche aufzunehmen von inkompetenten Wasserträgern wie Jeroen Dijsselbloem oder nicht gewählten Funktionären wie Mario Draghi systematisch unterbunden wurden, um die Macht des Stärkeren aufrecht zu erhalten und damit vor allem die von Schäuble und Merkel autoritär vertretenen marktradikalen Interessen deutschen Kapitals zu bedienen. Allein am Beispiel der Institution EURO-Gruppe zeigt Varoufakis wie es um den demokratischen Status der EU wirklich bestellt ist. Die EURO-Gruppe ist demnach lediglich eine informelle Versammlung der Finanzminister der Eurozone, deren Präsident in seinen Handlungen an keinerlei geschriebene Regularien gebunden ist und von deren Entscheidungsfindung keinerlei offizielle Aufzeichnungen bestehen. Zur Illegalität der Prozesse gesellt sich die Intransparenz der Institutionen.
Die beiden politischen Situationen, anhand deren Varoufakis‘ Integrität hier illustriert werden sollte, können gleichzeitig als Indikatoren der Motivation für seine folgende poltische Karriere dienen. Die harte Erkenntnis, dass es eine Nation alleine nicht mit der geballten Macht der EU aufnehmen kann und die direkte Erfahrung, dass es sich bei den wichtigsten entscheidungsfindenden Gremien der EU um illegale, intransparente und damit rechtsstaatlich illegitime Institutionen handelte, scheinen die primären Beweggründe für Varoufakis heutige politische Tätigkeit zu sein. Denn als er am 9. Februar 2016 eine neue politische Bewegung in der Berliner Volksbühne ins Leben rief, wurde diese als in erster Linie paneuropäisch und demokratisierend vorgestellt. Folgerichtig heißt es dann auch im Manifest von DiEM25 (Democracy in Europe Movement 2025): „Wir glauben an ein Europa der Vernunft, der Freiheit, der Toleranz und der Fantasie, das ermöglicht wird durch Transparenz in allen Bereichen, wahre Solidarität und echte Demokratie.“ Demokratie, Transparenz und Solidarität als Garantien für Vernunft, Freiheit, Toleranz und Fantasie. Während das Streben nach Transparenz und Demokratie aus Varoufakis politischer Biographie und deren historischer Situation ableitbar sind, muss also auch die Frage nach der Herkunft von Varoufakis‘ Solidaritätsverständnis gestellt werden.
Dies ist eine wichtige Frage, eben weil die Solidarität im EU-Wahlprogramm von DiEM25 richtig großgeschrieben wird: „Kein Land kann frei sein, wenn die Demokratie eines anderen verletzt wird. Kein Land kann in Würde leben, wenn einem anderen die Würde vorenthalten wird. Kein Land kann auf Wohlstand hoffen, wenn ein anderes in permanente Zahlungsunfähigkeit und wirtschaftliche Depression gedrängt wird. Kein Land kann wachsen, ohne dass seine schwächsten Bürger Zugang zu grundlegenden Gütern haben, ohne das Ziel menschlicher Entwicklung, ökologischen Gleichgewichts und der Überwindung der Ära der fossilen Brennstoffe.“ Woher also dieses Insistieren auf der Solidarität?
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass es sich hier um eine vierfache thematische Variation über jene Definition der sozialistischen Gesellschaft aus dem Manifest der Kommunistischen Partei von Marx und Engels handelt, nach der die freie Entwicklung des Einzelnen die Bedingung der freien Entwicklung Aller ist. Und tatsächlich schrieb Varoufakis als Kommentator des Manifestes einmal, dass gerade diese Definition der Solidarität eine immer noch unübertroffene Formel der Hoffnung auf die menschliche Zukunft ist. Fast zu schön, um wahr zu sein: Varoufakis also ein paneuropäischer, demokratischer Sozialist mit noch dazu ökologischem Bewusstsein? Eine Art eierlegende Wollmilchsau linker Politik?
Um hier nicht gänzlich in die politische Romantikfalle abzudriften, muss dem Mann dann doch noch die Gretchenfrage nach der Religion gestellt werden. Es sollte klar sein, dass die hier gemeinte Religion nicht in erster Linie der von der EU im Inneren durch deutsche Wirtschaftsmacht durchgesezte und als alternativlos erklärter Turbo-Kapitalismus ist. Varoufakis und seine Bewegung machen keinen Hehl daraus, dass sie diesen durch institutionelle Veränderungen für reformierbar halten. Das ist zunächst auch kein Verbrechen, sondern eine traditionelle Haltung des demokratischen Sozialismus. Die Frage nach der Religion bezieht sich jedoch vielmehr auf jene militärische Macht, ohne die der Kapitalismus in letzter Instanz nicht durchgesetzt werden kann, rotiert er doch um die innere Notwendigkeit ständiger Expansion, um billige Arbeitskräfte, fehlende Rohstoffe und neue Absatzmärkte zu erschliessen. Genauer bezieht sich die Frage nach der Religion also auf die Haltung zu jener unlängst beschlossenen vertieften gewalttätigen Zusammenarbeit mit der NATO, von der sich die EU eben genau die Erschliessung der dringend benötigten neuen Territorien verspricht. Wie also wird es mit der Religion gehalten?
Es gibt bei DiEM25 durchaus ein Bewusstsein für dieses Gewalt-Problem. Fordert das Wahlprogramm doch ausdrücklich „ein friedliches Europa, das die Spannungen in seinen östlichen Gebieten und im Mittelmeerraum abbaut und als Bollwerk gegen die Sirenen des Militarismus und Expansionismus wirkt.“ Doch während es für alle anderen grossen Themen der Bewegung – also Transparenz, Fortschritt, Flüchtlingskrise, EU-Referendum und Brexit – eigene Kampagnen gibt, bleibt das Thema „Sicherheitspolitk“ aussen vor. Was soll man auch tun in Sachen einer NATO-Reform, die nötig wäre, um dieses gewünschte friedliche Europa auch jenseits der EU-Grenzen zu garantieren, wenn der Oberbefehlshaber der Organisation ein unter ebenfalls nicht gerade demokratisch zu nennenden Vorgängen an die Macht gekommene Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist? Was tun, wenn die Vorraussetzung zur wirklichen Beseitigung der NATO/EU-Gewalttätigkeit letzten Endes von einem amerikanischen Präsidenten abhängt? Oder ist die Beseitigung der Gewalt etwa nicht von Bedeutung, weil man bei DiEM25 gar nicht grundlegend gegen die bestehende Ordnung ist?
Im Zweifel soll hier für den Angeklagten gesprochen werden. Der Abhängigkeit vom Oberkommandierenden der NATO scheint sich Varoufakis sehr wohl bewusst zu sein. Mehr noch, er scheint sogar eine Chance darin zu entdecken. Anderfalls hätte er nicht gemeinsam mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders eine Organisation mit dem Namen „Progressive Internationale“ und dem Ziel gegründet „Menschen auf der ganzen Welt zu mobilisieren um die globale Ordnung und die Institutionen, die sie formen, zu transformieren.“ Die Frage bleibt: Dürfen wir wegen der Zusammenarbeit mit Sanders, der in Sachen Anti-Kapitalismus und Anti-Militarismus zweifellos über eine höhere Integrität verfügt als Yanis Varoufakis, die NATO-Blindheit von DiEM25 als strategisch notwendiges Manöver betrachten? Als eine Finte, ohne die man nicht an die Schaltstellen der Macht kommt, sondern mit grösserer Sicherheit wie J.F.K. oder Olof Palme endet?
Wer also am 26. Mai Yanis Varoufakis wählen will, muss sich diese Fragen selbst beantworten. Wer ihn aber wählt, bekennt sich damit zu dem Glauben, dass die mit Sanders und Varoufakis verbundene mikroskopisch kleine Chance für eine grundsätzliche Transformation der EU und der NATO wirklich besteht und dass damit eine Periode des nachhaltigen innen-und aussenpolitischen Friedens in der EU, in Europa und der Welt eingeläutet werden könnte. Das ist allem Zweifel zum Trotz zumindest ein schöner Gedanke. Es ist ja nicht so, dass wir Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit nicht dringend nötig hätten.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Pioniere der Zukunft, Rechts-Leben, Soziales Leben, Transformation, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Was am Kapitalismus so schlimm ist – kurz erklärt

Rafael Lutz, „infosperber“
Jean Ziegler meldet sich wieder. In seinem neusten Buch erzählt er seiner Enkelin, weshalb der Kapitalismus überwunden gehört.
Auch mit 85 Jahren wird Jean Ziegler nicht müde, den Kapitalismus zu kritisieren. Sein neustes Buch: «Was ist so schlimm am Kapitalismus? – Antworten auf die Fragen meiner Enkelin», handelt von einem Gespräch zwischen Ziegler und seiner Enkeltochter Zohra, die ihren Grossvater über den Kapitalismus gründlich ausfragt. Dabei doziert das einstige «enfant terrible» des Grossbürgertums über die Geschichte des Kapitalismus, über Rousseau, Marx, Robespierre, Bankenbanditismus, Ausbeutung, Ungleichheit, Entfremdung, ökologische Katastrophen und die tödliche Macht von Geierfonds, welche aus einem hundsarmen und insolventen Land wie Malawi Kapital schlagen und für den Tod tausender Bewohner verantwortlich sind.
Mörderisches System
Anlass für das Gespräch zwischen Grossvater und Enkelin war eine Debatte am Fernsehen zwischen Ziegler und Peter Brabeck-Letmathe, dem ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten von Nestlé. Zohra, die mit ihrer aufgeregten Mutter vor dem Bildschirm sass und nur wenig davon verstand, wollte von ihrem Grossvater wissen, weshalb er sich mit dem Nestlé-Chef so vehement gestritten hatte. Schliesslich handle es sich bei Nestlé doch um ein erfolgreiches Unternehmen, das gute Schokolade herstellt. Warum um Himmels Willen sollte man sich mit einem solchen Konzern anlegen?
«Peter Brabeck behauptet, die kapitalistische Ordnung sei die gerechteste Organisationsform, die die Erde je gesehen habe…», antwortet Grossvater Ziegler. – «Und das ist nicht wahr?», fragt die Enkelin zurück. «Natürlich nicht! Das Gegenteil ist wahr! Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen… Die verheerenden Auswirkungen der Unterentwicklung sind Hunger, Durst, Epidemien und Krieg. Sie vernichten jedes Jahr mehr Männer, Frauen und Kinder als die fürchterliche Schlächterei des Zweiten Weltkrieges in sechs Jahren», sagt Ziegler.
Eine «kannibalische Weltordnung», wie er sie nennt, die Jahr für Jahr über 50 Millionen Menschen tötet? Da stellt sich für Zohra, die das Gymnasium besucht, die Frage, weshalb ein solch mörderisches System weiter aufrechterhalten wird.
«Würde man den Deckel vom Kessel der Welt heben, so würden Himmel und Erde zurückweichen vor diesem Wehgeschrei. Denn weder die Erde noch der Himmel noch irgendeiner von uns vermag wirklich das entsetzliche Ausmass des Leidens der Kinder zu ermessen, noch die Wucht der Gewalten, von denen sie zermalmt werden», antwortet Ziegler. Er zitiert seinen verstorbenen Freund und Gründer von «Terre des Hommes», Edmond Kaiser, und kommt auf ein in seinen Augen zentrales Problem zu sprechen: Das falsche Bewusstsein. Im Westen wage es schlicht niemand, die Welt wirklich so zu sehen, wie sie tatsächlich ist.
«Niemand spricht von den sterbenden Kindern»
Der Autor gibt sich überzeugt davon: Auch diejenigen, die gemäss ihrem beruflichen Auftrag verpflichtet sind, die Leute über die Lage der Welt zu informieren, sind nicht dazu fähig. Selbst die Medienschaffenden seien durch ihre meist gutbürgerliche Sozialisation einer eigenen Selbstzensur ausgesetzt, die es ihnen verunmöglicht, aus ihrer westlichen Wahrnehmung der Welt zu entfliehen.
Ein Beispiel: Die Terroranschläge vom 11. September 2001. An sie kann sich noch heute fast jeder erinnern. Berechtigterweise sei die westliche Welt empört gewesen angesichts dieses Verbrechens. Es starben 2973 Menschen. Von den mehr als 17’000 Kindern unter zehn Jahren, welche am selben Tag in der südlichen Hemisphäre am Hunger und seinen unmittelbaren Folgen gestorben waren, wie es jeden Tag der Fall ist, «von ihnen hat praktisch niemand gesprochen», meint Ziegler zu seiner Enkelin.
Wer trägt die Schuld an dieser kognitiven Dissonanz, diesem falschen Bewusstsein? Die «Kosmokraten» und Herren dieser Welt, denen es gelingt, uns einzureden, dass sie das Gemeinwohl vertreten würden. Die Ketten werden nicht mehr um die Füsse gelegt, sondern sind bereits in unserem Kopf. Deshalb sei es heute auch einfacher, sich das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorzustellen. Die «neoliberale Wahnidee» beherrscht uns mittlerweile alle, glaubt Ziegler.
Musterbeispiele dafür: Die eidgenössischen Volksbegehren der letzten Jahre. Ob bei der Einführung des Mindestlohns, der Begrenzung der Managergehälter, der Einführung einer staatlichen Krankenversicherung oder der Abstimmung über eine zusätzliche Ferienwoche; stets stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung gegen ihre eigenen Interessen. Schuld daran sei die kapitalistische Oligarchie der Schweiz, «die zu den unbarmherzigsten und raffiniertesten der Welt gehört», meint Ziegler. Tatsächlich hatte ihn die Schweizer Oligarchie über Jahrzehnte gnadenlos bekämpft. Eine Oligarchie, die Vermögensverhältnisse geschaffen hat, in der zwei Prozent der Bevölkerung über 96 Prozent der Vermögenswerte verfügen.
Diskriminierung von Marx
Für die Perpetuierung des falschen Bewusstseins, der Entfremdung und der vorherrschenden neoliberalen Ideologie, die gerade auch in der Schweiz stark in den Köpfen der Leute verankert sei, sorgt für Ziegler bereits das Schulsystem. «Du lebst in der Schweiz und hast in einer Schweizer Schule leider kaum Aussichten, etwas über Karl Marx oder irgendeinen anderen radikalen Kritiker des Kapitalismus zu erfahren», sagt der Grossvater seiner Enkelin.
Wie gross die Angst vor Marx im helvetischen Schulsumpf ist, sah man erst gerade letzten Frühling. Als bekannt wurde, dass an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich künftig neben den klassischen Ökonomen wie Smith und Ricardo auch Häppchen von Marx Eingang in den Lehrbetrieb finden würden, vernahm man von Seiten einiger Politiker geradezu entrüstete Reaktionen. Roger Köppel sprach von einem marxistischen «Gottesdienst auf Kosten der Steuerzahler».
Trotz der ungebrochenen Dauerdominanz des kapitalistischen Weltsystems, das seit dem Zusammenbruch der UdSSR sich weiter rasant ausbreitete, blickt Ziegler wie eh und je optimistisch in die Zukunft und zeigt sich überzeugt, dass der Kapitalismus früher oder später zusammenbricht – genauso wie einst die feudale Ordnung und die Sklavenhaltergesellschaft erodierten.
Was soll den Kapitalismus ersetzen?
Schliesslich will die Enkelin wissen, was denn auf dem Programm stehe, wenn man den Kapitalismus ersetzen will. «Es gibt kein Programm, sondern nur eine langsam keimende Vorstellung…», antwortet der Grossvater. Zohra hakt nach: «Du weisst also nichts über das gesellschaftliche und wirtschaftliche System, das den Kapitalismus ersetzen soll?» – «Überhaupt nichts», antwortet Ziegler, «zumindest nichts Genaues.» Die Marschierer auf die Bastilles, welche 1789 die Feudalherrschaft stürzten, hätten auch kaum eine Ahnung gehabt, wie die französische Revolution die Geschichte verändert.
Für Ziegler ist klar: «Wir können die Armen nicht warten lassen.» Die Vernunft verlange nach einer Revolte. Wir könnten keine Welt mehr akzeptieren, «in der die Verzweiflung, der Hunger, das Elend, die Leiden und die Ausbeutung der Mehrheit die Basis für das relative Wohlergehen einer überwiegend weissen und in Unkenntnis ihrer Privilegien lebenden Minderheit bildet.»
Originaltext
Buchbestellung
Veröffentlicht unter Éthnos, Bücher, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Verrückte Solidarität: Falsche Heilsversprechen und die Rolle der Kunst in Zeiten der Megakrisen

Horst A. Bruno, „Berliner Gazette“
Warum gelingt es uns nicht, eine friedliche Welt mit einem humanen Miteinander aller Völker, aller Hautfarben, aller Rassen zu organisieren bzw. zu gestalten? Warum haben uns die Religionen dazu nicht verholfen? Warum müssen wir Kriege führen? Warum müssen wir uns gegenseitig abschlachten? Warum lieben wir uns nicht – Liebe nicht sexuell definiert, sondern menschlich – Liebe für den Nächsten, den Bruder, die Schwester.
Warum haben wir das bisher nicht geschafft? Was ist es, dass uns das nicht hinkriegen lässt? Ist es Selbstsucht, Gier, Geiz, Hass? Warum tun wir nicht alles, um uns aus dieser Falle zu befreien, denn wir wissen doch ganz genau, machen wir weiter so wie bisher, stürzen wir ab, vernichten wir unsere Lebensgrundlagen, die Natur und zerstören uns mörderisch – Jeder gegen Jeden. Ja wir wissen es. Wenn wir es uns nicht eingestehen, belügen wir uns. Ist es die Angst vor der Realität, die uns böse macht, die uns nicht mehr Mensch sein lässt, die uns hassen, töten und morden lässt?
Endlich Bewegung in die Sache bringen
Das mag unseren Intellektuellen simpel und naiv vorkommen. Aber jeder kann diese einfache Wahrheit verstehen und jeder soll sie verstehen. Unser ach so schlauer Geist hat uns Sokrates gebracht, hat uns Galilei, Kant und Hegel mit Marx gebracht, aber hat uns keinen Frieden gebracht. Warum also steht bei uns Menschen der Geist und Verstand mit seiner Vernunft und Logik so hoch im Kurs – an oberster Stelle unseres Seins? Und warum haben uns alle Religionen mit ihren Heilsbringern wie Jesus, Mohammed, Budda, Konfuzius und wie sie alle heißen mögen, ebenfalls keinen Frieden gebracht?
Es geht hier und heute zunächst mal ganz einfach nur um den Klimawandel, um Migration und Digitalisierung. Mehr nicht, aber doch damit um Alles. Also lassen wir einfach mal Religion und Geist mit dem tollen Verstand beiseite und begeben uns in andere, bisher vernachlässigte oder gar belächelte Seiten des menschlichen Lebens.
Und Argumente wie, wir können ja doch nichts ändern, wir sind ohnmächtig, also machtlos und die da oben machen doch was sie wollen, zählen nicht, weil sie meistens nur Vorwand für unsere Faulheit sind, unsere Bequemlichkeit. So soll hier Edward Snowden zitiert werden, den wohl jeder kennt, wenn er sagt: „Wir brauchen Menschen, die sich für Projekte engagieren, bei denen sie verlieren werden. Auch wenn sie verlieren, kommt immerhin Bewegung in die Sache.” Einfach, nicht? Aber denken wir weiter auf unserem Weg, unseren Weg. (bitte genau und konzentriert lesen!)
Wir müssen mehr tun
China, das bevölkerungsreichste Land der Welt setzt bekanntlich auf Technik. Unsere Wahrnehmung von dem Land hier im Weseten: Eine Massengesellschaft mit Überwachung und digitaler Gesichtserkennung, mit wenig Raum für das Individuum. Aber die Massen sind zufrieden damit – sollen es wenigstens sein. Ihre sozialen Bedürfnisse werden befriedigt. Sie haben genug zu Essen und eine Wohnung – wird jedenfalls berichtet. Was wollen Menschen in der Mehrheit mehr. Sie, die Chinesen, lieben klassische Musik und reisen gen Westen in die Tempel der Kunst. Ein Bedürfnis nach individueller Freiheit und Lebenserfüllung haben wahrscheinlich nur wenige Einzelne – Ausnahmen – Außenseiter, die es überall und immer gibt. Aber das Volk ist zufrieden – wird zufrieden gestellt und ruhig gehalten – ist sogar glücklich und die Individualisten, die Außenseiter isoliert. Alles uns nur vorgelogen? Doch ich gehe davon aus, dass es diesen Ameisenstaat einst/bald geben wird.
Die Macht – die Mächtigen – der Staat, ein „weiser” Staat sorgt dafür und schafft Frieden. Ist der Verzicht auf individuelle Freiheit der Preis für Frieden und damit auch für den Erhalt der Menschheit, ihr Fortbestehen – eben wie ein Ameisenstaat, wo jedes Tierchen seine Aufgabe hat? Den Menschen die Angst nehmen. Diesen Weg muß die Menschheit gehen. China könnte es, wenn die gesamte Menschheit folgt und damit zufrieden ist. Aber dieser Weg hat einen hohen Preis. Er kostet die Freiheit. Ist er die Sicherheit, die wir mit dem Sieg über die Angst bezahlen müssten es wert? Ganz sicherlich, denn er sichert auch unseren Fortbestand, unser Überleben und bewahrt vor mörderischen, verbrecherischen Massakern und vielleicht sogar vor den kommenden Umweltkatastrophen? Wollen wir uns jedoch die Individuelle Freiheit erhalten, müssen wir mehr tun, als nur Ameise in einem Ameisenstaat zu werden und zu sein wie die Milliarden in Asien.
Es gilt Macht zu entmachten. Wir die Völker, die gesamte Menschheit, jeder Einzelne in der Wolke Volk, in der riesigen Wolke Menschheit muss Macht werden – ist Macht. Eine Illusion? Nicht realisierbar? Zum Scheitern verurteilt, weil das schon mit vielerlei Ideologien versucht wurde? Ich zitiere darauf erneut Snowden aus seinem jüngsten Gespräch in Moskau: „Wir waren noch nie so vernetzt. Wenn wir uns verbinden, wenn wir gemeinsam nachdenken und zusammenarbeiten, wenn wir die Dinge teilen an die wir glauben und Menschen nicht nur in unserem Umfeld überzeugen, sondern auf der ganzen Welt.”
Illusionen vom Helden Snowden aus seiner Enklave? Auch wenn wir scheitern sollten, versuchen müssen wir es. Zu diesem aberwitzigen Versuch, zu diesem Paradoxon zwingt uns unser Selbsterhaltungstrieb – mit seiner Angst. Es ist ein Weg. Vielleicht sogar der einzige, der uns bleibt. Warum solidarisieren wir uns nicht gegen die Macht, gegen die Mächtigen in Wirtschaft und Politik, gegen die Wenigen, denen allein der Wohlstand nur durch Ausbeutung zufließt, entreißen ihnen die Macht über uns, um nicht weiter Spielball zu bleiben, Objekte für ihren Reichtum. Wir haben heute über die IT-Netze und mit unseren Smartphones die technischen Mittel dafür, wie Edward Snowden dieser Held der Menschheit es aufzeigt. Es ist eine Chance, die zu nutzen es gilt.
Die Rolle der Kunst
Aus allen Bereichen des menschlichen Geistes wäre Kunst in ihrer Unbegrenztheit, mit ihrer Freiheit des autonomen Künstlers (Menschen) am ehesten in der Lage, einen gangbaren realen Weg aufzuzeigen, um zu der notwendigen Solidarität der Völker und jedem Einzelnen zu gelangen. Kunst hat es in ihrer langen Geschichte immer vermocht, ein Stachel gegen die Macht zu sein. Künstler waren es, die von den Mächtigen, den Herrschenden eliminiert wurden. Ihre Wahrheit störte zu sehr. Warum sie nicht auch jetzt als Mittel einsetzen, um die Macht den Mächtigen zu entwinden? Zu naiv, werden viele rufen. So’n Quatsch, andere und abdrehen. Doch wie bei Kunst schon immer, findet sie anfangs, wenn sie neu und fremd ist, kaum Resonanz. Beispiel dazu die Bilder eines der heute höchst gehandelten und geschätzten Künstlers, nämlich des Holländers Vincent van Gogh, die damals nur als Schmierereien angesehen wurden.
Eine mögliche konkrete Vision von Kunst, die nicht die Einzige sein muss, wäre: WebART PolitikerInnen-Worte, gebaut aus den Reden des Deutschen Bundestages, Dada-Verse und Strophen aus den Worten der Politiker und Politikerinnen in Haiku-Metrik in Sprache außerhalb sprachlicher Logik gefügt, Screenshots inmitten der Twitter-Fotos auf Facebook, Twitter und Instagram und Google zum freien Herunterladen veröffentlicht, für jeden verfügbar zum auszudrucken in Zimmerfenster klebbar, damit sie jeder sehen kann oder in Initiativen zu Plakaten vergrößert die Werbung in den Städten an Ausfallstraßen überdeckend. Oder auf T-Shirts gepresst und wie gelbe Westen Zeichen setzend. Als ein Zeichen der Solidarität der Massen für die Entmachtung der wenigen Mächtigen für eine soziale Welt, die nicht in den Abgrund des Kapitals stürzt.
Verrückt? Irreal? Wie Dada vor 100 Jahren, ein Aufschrei vor der Apokalypse. Oder eine Performance, die bewegen kann, die Zeichen setzt. Rätselhaft, weil außerhalb der Ratio, außerhalb logischer Sprache. Nichts als zum Scheitern geschaffen und doch in ihrem Paradoxon voller unbändiger Energie und Kraft?
So sagt Snowden: “Wir müssen bereit sein für verrückt gehalten zu werden, damit die wichtigen Themen überhaupt wieder in die politische Debatte einfließen. Doch wenn man zu oft verrückt spielt, wird man es irgendwann wirklich.” Nach Hundert Jahren ein erneuter Dada-Schrei also – mit PolitikerInnen-Worten – wieder aus der bürgerlichen Mitte einer westlichen Wohlstands-Gesellschaft. Als Manifest des Scheiterns zum Scheitern.
In den Twitter-Fotos – also im CyberSpace – hat eine AfD, eine Partei mit faschistischen Zielen und Zügen bereits „Mehrheiten” erreicht. Sie beherrscht zunehmend die Medien des Heute und damit auch der Zukunft – wie einst die NSDAP das Radio zu ihrem Schwert machen konnte, den sogenannten „Volksempfänger”, den jeder Haushalt im „dritten Reich” besitzen musste. Das Radio, die technische Innovation der damaligen Zeit. Heute das Smartphone. Mit ihm können Geflüchtete den Konakt zu ihren Familien aufrecht erhalten. Doch auch die „rechte Szene” beherrscht es vorzüglich.
Die Mechanismen für Aufmerksamkeit und Popularität sind simpel. Menschen sind stets geil auf neue Technik. Sie waren geil auf die Maschine, das Auto und das Radio. So sind sie geil auf das Internet – insbesondere auf das Smartphone als Spielzeug und simples Kommunikationsmittel. Wer das Smartphone beherrscht, beherrscht auch die Massen.
Wie Greta Millionen mobilisiert
Mit Greta Thunberg sind inzwischen Kinder in den Fokus der Welt-Aufmerksamkeiten gerückt. Weil es ihre Zukunft ist, für die sie die Schule schwänzen und auf die Straße gehen. “Wir können die Welt nicht retten, indem wir uns an die Spielregeln halten. Die Regeln müssen sich ändern. Alles muss sich ändern. Und zwar Heute.” So Greta. Millionen mobilisiert sie damit. Millionen in aller Welt.
Bleiben uns also nur die Kinder, die unmündigen, die noch unverdorben, die Menschlichkeit verkörpern – in ihrer Naivität und Unschuld? Müssen sie es sein, die sich die Screenshots ausdrucken und in ihre Zimmer hängen, auf ihre Taschen kleben oder ihre T-shirts drucken und damit Solidarität zeigen für Veränderung, für die Kunst – für eine Welt, die nicht dem Kapital geopfert wird, den wenigen Reichen, die sich dem Kapital entzieht, dem Kapital und damit der Macht, einer zerstörerischen Macht? Naiv – zum Scheitern verurteil – natürlich – doch Kinder wollen leben. Ihr Schrei ist Leben! Mehr nicht. Leben in Frieden ohne Hunger und ohne Angst. Mehr nicht.
Und so weiter mit Greta: „Ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag fühle. Und dann will ich, dass ihr handelt.” Doch die bürgerlichen Mittelschicht-Gesellschaften in unserer Welt – überall – sind sie nicht allesamt Heuchler? Diese Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Professoren, Manager und sogenannten „Intellektuellen” mit ihrer Liebe? Zeugen sie nicht bloß Kinder für sich als Spielzeug und Statussymbol? Wie sonst könnten sie es zulassen, dass ihren Liebsten eine solche Zukunft droht?
Welche Rolle könnte also Kunst bei den Herausforderungen der Zeit – dem Klimawandel, der Migration und Digitalisierung noch spielen. Wird sie überhaupt noch gebraucht oder geht sie mit Feudalismus und Bürgertum – beinahe unbemerkt – einfach unter und verkrümelt sich als pure Ästhetik in wilde Performances oder belanglose Mikroaktionen?
Das Internet fordert traffic – d.h. Aufmerksamkeit, die durch Wut, Empörung und Hass erreicht werden kann und auch wird. Die Menschheit wird damit zweifellos immer aggressiver. Die Gewalt weltweit nimmt zu. Wie ist dem zu entgegnen? Reicht da noch „Solidarität”, die Errungenschaft der Aufklärung?
Solidarität, eine Utopie, die der Menschheit geblieben ist? Doch nur mit ihr haben die Veränderungen, die notwenig sind, um uns vor vernichtenden Kriegen, vor Umweltkatastrophen zu bewahren noch Aussicht sich zu realisieren. Schaffen wir es mit dieser „naiven” Argumentation und der KUNST nicht, werden wir wie in Dürenmatts „Tunnel” apokalyptisch ins Ende stürzen.
Also: Seien wir irre und packen die „Solidarität” und spielen mit ihr mit Lust und Freude das Spiel „Irrationalität”. Denn anders werden wir mit dem Wohlstand der Wenigen, der auf totaler Ausbeutung basiert, der für die Klimaerwärmung und die damit verbunden Bedrohungen verantwortlich ist, nicht fertig. Solidarität ist ein Aufruf an die Massen – nicht an die Wenigen. Die Massen müssen sich wehren, müssen kämpfen gegen die Wenigen, die ausbeuten und unseren Planeten zerstören.
Und könnte nicht deshalb die IT-Technik, ihr Ergebnis des menschlichen Fortschritts, als Chance für eine Umkehr möglich werden? Als sureales Paradox menschlicher Existenz? Wie auch Sprache, die geniale Kultur des Menschen, außerhalb sprachlicher Logik als Folge von Dada eine Umkehr zum Positiven menschlichen Geistes und menschlicher Vernunft begriffen werden könnte? So müsste unser Technik-Wissen für „Solidarität” erobert werden. Einer unverändert rätselhaften Technik, der durch Quanten-Physik oder geheimnisvollem Primzahlen-Rauschen noch ungeahnte Optionen offen stehen dürften.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Digital Work: “Die Zukunft der Arbeitswelt liegt in der Cloud” – Kritik eines Heilsversprechens

Nora S. Stampfl, „Berliner Gazette“
Gemeinsinn, Demokratisierung und Freiheit – nicht weniger versprach der Siegeszug des Internet. Doch für die Arbeiter*innen der Plattformökonomie könnte die Wirklichkeit nicht weiter entfernt sein: Sie gelten zwar als Selbständige, müssen sich aber dem Diktat der Automatisierung und der Algorithmen beugen, in dem alles darauf getrimmt ist, die Maschinerie am Laufen zu halten. Trotz dieser inakzeptablen Bedingungen gilt die Plattformarbeit in der Cloud als Zukunft der Arbeitswelt. Zukunftsforscherin und Berliner Gazette-Autorin Nora S. Stampfl unterzieht das Heilsversprechen einer kritischen Analyse.
*
Als Marshall McLuhan seine Vision eines Global Village formulierte, gab es noch kein Internet. Die Zeit der allumfassenden, andauernden Konnektivität war noch entfernt, allenfalls Radio und Fernsehen stellten erdumgreifende Verbindungen her. Dennoch hätte kaum etwas das Internetzeitalter besser beschreiben können als das McLuhansche Bild vom Zusammenwachsen der Welt zu einem einzigen globalen Dorf durch elektronische Vernetzung. Kein Wunder, dass das Global Village alsbald als Metapher für das Netz galt – die ganze Welt wird zum Dorf! Das Bild des globalen Dorfes sollte versinnbildlichen, wie durch die technologische Vernetzung räumliche und zeitliche Distanzen zu einem Nichts zusammenschnurren, Menschen einander näher rücken, sich über den gesamten Erdball hinweg austauschen, wie Gemeinsinn entsteht, Machtunterschiede eingeebnet werden und neue Freiheitsräume sich öffnen. Als demokratisches, jedes einzelne Individuum ermächtigendes, weltumspannendes Netzwerk ebnete das Internet den Aufbruch in eine neue Zeit: Gemeinschaftlichkeit, gesellschaftliche Emanzipation und grenzenlose Freiheit, darin bestanden die Verheißungen einer neuen Cyberkultur.
Muss man heute mit dem Blick auf Netzphänomene wie Plattformökonomie und Crowdworking zu dem Schluss kommen, dass das längste Zeit den Aufstieg des Internets begleitende Narrativ an Überzeugungskraft eingebüßt hat? Schließlich dauerte es natürlich nicht lange bis der Geschäftssinn sich meldete und die Netzgemeinde auch kommerziell zu nutzen wusste. Crowdsourcing, das Auslagern von Aufgabenerledigung an die Internetcrowd entfaltete eine enorme ökonomische Wucht. Denn die schier grenzenlose Masse an Internetarbeitern stand fortan bereit, zu Niedrigstlöhnen angezapft zu werden, um alle möglichen Arbeiten auszuführen. Das Kuriose dabei ist, dass bis dahin die Masse niemals in sehr hohem Kurs stand, geschweige denn als klug genug galt, Aufgaben zu erledigen.
Doch um die Jahrtausendwende erfuhr die Crowd in ihrer Bedeutung und ihrem Ruf eine 180-Grad-Wende, was zu einem großen Teil auf James Surowiecki zurückzuführen ist, der der Masse eine „Weisheit der Vielen“ zuschrieb: Unter ganz bestimmten Bedingungen, so der Journalist, können Entscheidungen von Massen besser ausfallen als jene von Einzelpersonen. Schon ein Blick in den Duden lässt einen ins Grübeln kommen, ob denn tatsächlich die Masse zu Intelligenz und Weisheit fähig sei, weist das Wörterbuch doch auf den oft abwertenden Gebrauch des Begriffs hin, wenn das „Fehlen individuellen, selbstständigen Denkens und Handelns“ bezeichnet werden soll.
Massentrieb gegen Persönlichkeitstrieb
Auch historisch betrachtet war der Begriff der „Masse“ zumeist negativ konnotiert und wurde Menschen im Kollektiv eher Dummheit als Intelligenz zugetraut: Angefangen bei Gustave Le Bon, der in seinem zum Klassiker avancierten Buch „Psychologie der Massen“ Ende des 19. Jahrhunderts regelrecht verachtend der Masse bescheinigt, sie sei erregbarer, beeinflussbarer und leichtgläubiger, überschwänglicher und unterwürfiger als Individuen. Aus Menschenmassen, so der Arzt und Anthropologe, entstehe ein neues Wesen, das sich in seinem Handeln von Einzelnen unterscheide und nicht eben durch Vernunft auszeichne.
Hat schon Le Bon der Masse ein Bedürfnis unterstellt, geführt zu werden, so ist es exakt die Frage nach den Gründen dafür, dass Menschenmassen Anführern gehorchen und folgen, die Elias Canetti in seinem Werk „Masse und Macht“ 1960 interessiert. Auch für Canetti entsteht ein neues Gebilde, wenn Menschen durch einen geteilten Zweck ihre Individualität aufgeben und in einer affektiv geleiteten Masse aufgehen. Massentrieb steht gegen Persönlichkeitstrieb. Dass sich Menschen auf Kosten ihrer eigenen Persönlichkeit von der Masse anstecken lassen, hat auch Sigmund Freud erkannt, der Le Bons Gedanken ausführte und zu einem nicht minder vernichtenden Urteil über die Masse gelangt: Impulsiv und reizbar sei sie und ausschließlich vom Unbewussten geleitet.
Man sieht schon: Intelligenz, Klugheit oder Weisheit kommen in den psychologischen Untersuchungen der Masse eher nicht vor. Auch Marshall McLuhan, das wird oft bei Bezugnahme auf sein „Global Village“ übersehen, ging es nicht um Lobpreisungen der neuen Möglichkeiten durch Vernetzung, ganz im Gegenteil: sein globales Dorf war ihm Sinnbild für den Prozess der Ablösung der Printkultur durch elektronische Medien, womit er eine neue soziale Ordnung verband, die durch den Abschied von menschlichem Individualismus und dem Entstehen einer kollektiven Identität begleitet sei. Und nach wie vor, so muss man es sagen, sind jene von Surowiecki definierten Idealbedingungen als Voraussetzung für die Entstehung von Schwarmintelligenz eher selten anzutreffen.
Weil in der „idealen Crowd“ die einzelnen Mitglieder sich einander nicht zu ähnlich, sich dazu noch völlig unbeeinflusst vom Rest der Crowd an die Sache machen und untereinander nicht allzu vernetzt sein sollten, wird die „Weisheit der Vielen“ nur bei ganz bestimmten Problemen zum Tragen kommen. Als Beispiel, dass die Aggregation von Einzelmeinungen zu einem besseren Ergebnis als Experteneinschätzungen kommt, nennt Surowiecki das Abschätzen des Gewichts von Ochsen auf einem Viehmarkt. In der Tat sind es Aufgaben anderer Natur, die es auf Plattformen auszuführen gilt. Das tut dem Erfolg der Plattformökonomie jedoch keinen Abbruch, haben es die Plattformbetreiber denn auch nicht auf die Intelligenz oder gar Weisheit der Crowd abgesehen, es ist vielmehr ihre schiere Größe, die ökonomischen Wert entfaltet.

Arbeiten unter dem Diktat der Automatisierung
Dass nun in der Plattformökonomie, wie das Ökosystem der sich rund um Internetplattformen entwickelnden zweiseitigen Märkte genannt wird, die Vision des globalen Dorfes recht weitgehend verwirklicht ist, daran kann kaum ein Zweifel bestehen: So einfach und unbürokratisch wie nie zuvor kann Arbeitskraft durch Vermittlung der Internetplattformen angeboten und in Anspruch genommen werden. An der Qualität von Plattformarbeit scheiden sich die Geister: Während zum einen in den Vordergrund gestellt wird, dass auf den Plattformen ein neuer Typus Selbständiger mit allen damit verbundenen Privilegien entsteht, der frei über Zeit und Arbeitskonditionen verfügend nach Lust und Laune auch mal vom Strand unter Palmen arbeiten kann, wird zum anderen betont, dass der Plattformarbeiter so frei nun gar nicht sei, vielmehr als Ausgebeuteter eines „The Winner Takes It All“-Paradigmas der Gier der Plattformbetreiber zum Opfer falle.
Ganz akkurat, so wird man zugeben müssen, sind beide Zeichnungen nicht getroffen. Aber sicher ist, dass man es auf den Plattformen mit einer neuen Arbeitsform zu tun hat, für die die Grenze zwischen Selbständigkeit und Festanstellung nicht zweifelsfrei zu ziehen ist. Deshalb ist der Wegfall sämtlicher traditioneller mit der Festanstellung verbundener Schutzvorschriften und Rechte – von regelmäßigen Lohnzahlungen über Arbeitszeitregelungen bis soziale Absicherung – problematisch, weil gleichzeitig das Versprechen der gewonnenen Freiheit nicht eingelöst wird, denn die Kontrolle eines Plattformarbeiters über seine ökonomischen Belange reicht kaum jemals an diejenige eines herkömmlichen Selbständigen heran.
Die eingeschränkte Freiheit ist zu einem großen Teil der technischen Abwicklung der Aufträge geschuldet: Menschliche Entscheidungen und Interaktion finden nur in engen von der Plattformarchitektur zugelassenen Schranken statt. An die Stelle von Vorgesetzten treten Algorithmen. Die technische Ausgestaltung der Plattform nimmt weitgehenden Einfluss auf die herrschenden Arbeitsbedingungen: wie Aufgaben verteilt und Arbeitsprozesse strukturiert werden, wie damit einhergehende Kommunikationsbeziehungen gestaltet und ob diese überhaupt möglich sind, wie Leistungskontrolle und Zahlungsabwicklung erfolgen – all dies ist nicht Gegenstand der freien Verfügung des Arbeitenden, sondern ist technisch unerbittlich festgezurrt. Was aus Plattformsicht maximal effizient ist, nimmt Arbeitenden jeglichen Spiel- und Freiraum. Es herrscht das unnachgiebige Diktat der Automatisierung. So leben tayloristische Zeiten wieder auf: Die Beiträge der einzelnen Arbeitenden zur Gesamtleistung werden zentral geplant und zusammengefügt. Die Infrastruktur, aber auch fehlende Kenntnis davon, zu welchem Endresultat sie eigentlich beitragen, zwingt Arbeitende in ein enges Korsett, das keine Wahloptionen und Alternativen, keinen Einspruch und keine Diskussionen, keine Umwege und Abkürzungen zulässt.
Arbeiten in der „Megamaschine“
Angesichts einer solch unkörperlichen, unfassbaren, unsichtbaren Autorität ist man verleitet, an Lewis Mumfords Konzept der Megamaschine zu denken. In den späten 1960er Jahren beschreibt der Historiker mit der Metapher der Megamaschine die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft, die basierend auf einem mechanistischen Weltbild einzig auf quantifizierbaren Fortschritt ausgerichtet ist und subtilen Zwang über Menschen ausübt, um sie in die zur Herstellung eines Gesamtergebnisses erforderlichen Rollen und Aufgaben zu drängen. Ein wesentliches Charakteristikum der Megamaschine ist also, Massen auf ein Ziel hin zu organisieren, was sich für Mumford bereits beim Pyramidenbau zeigte. Nicht anders heute in unserem digitalen Zeitalter, in dem die Plattformarchitektur mit ihren Algorithmen die Crowd dirigiert, den Takt vorgibt und Weichen stellt. Dabei drängt Quantifizierung alles Menschliche in den Hintergrund, nur Effizienz und Zielerreichung zählen.
Algokratie“ nennt der Soziologe Aneesh Aneesh die durch Algorithmen ins Werk gesetzte Form der Organisationssteuerung, bei der die Art und Weise der Arbeitsdurchführung durch Software strukturiert wird. Nicht länger durch Hierarchien und Anweisungen, auch nicht über andauernde Überwachung wird Herrschaft über die Arbeitenden ausgeübt, sondern schlicht durch die Programmierung der Arbeitsumgebungen, die einfach keine andere als die vorgegebene Art der Arbeitsdurchführung zulässt. Lange vor Entstehen von Plattformarbeit hat der US-amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Lessig diesen Zusammenhang mit der griffigen Formel „Code Is Law“ auf den Punkt gebracht. Für Lessig steht fest, dass Computerprogramme und deren Architektur ebenso wie Gesetze die Macht haben, Verhalten zu regulieren. Technik bestimmt Handlungsmöglichkeiten und reflektiert Machtverhältnisse.
Was im Taylorismus und Fordismus vergangener Tage die hierarchische Organisationsstruktur und das Fließband erledigten, schaffen heute Softwarearchitektur der Plattform und Algorithmen: Für sich genommen ist die getätigte Arbeit des Einzelnen kaum etwas wert. Erst in der Masse, wenn die einzelnen Mosaiksteinchen zusammengefügt werden, ergibt sich das angestrebte Ganze. Auf diese Weise entsteht eine unvergleichliche Stabilität des Arbeitssystems der Cloud: Denn unabhängig davon, wie die Arbeitsergebnisse Einzelner ausfallen, ob diese mehr oder weniger arbeiten oder überhaupt ihre Tätigkeit einstellen – all dies ändert nichts am Lauf der Dinge des Gesamtsystems.
Wenn der die Verbreitung des Internets begleitende Narrativ den Einzelnen in den Vordergrund rückte, Demokratisierung großschrieb und eine neue Form der Ermächtigung des Individuums ausrief, dann gilt dies kaum für das Arbeiten „in der Wolke“: Alles ist einzig darauf getrimmt, das Gesamtwerk am Laufen zu halten, die Masse der Internetnutzer auf die Ziele des Plattformbetreibers hin zu programmieren, der Einzelne und seine Belange sind bedeutungslos, ja, komplett austauschbar und sogar unsichtbar. Das Individuum geht vollständig in der Crowd auf. Durch Zusammenschaltung der Individuen entsteht etwas Neues: ein anzapfbarer Arbeitspool, reine Verfügungsmasse für die Cloudwork-Nachfrager.
Das Gesicht hinter der Maske des „Community-Building“
Dabei befördert auch die Art und Weise der Kommunikation sowie der verwendeten Sprache die spezifische Form der Plattformautorität. Es ist ein verlockender Narrativ, der die Arbeitenden bei der Stange halten soll. Nicht repressiver Zwang, sondern eine Rhetorik der Solidarität, Ermächtigung und dem Einzelnen vorgaukelnd, Teil eines größeren Ganzen zu sein, verführt zu wiederkehrenden Arbeitsleistungen. Die Assoziation mit Arbeit wird tunlichst vermieden, von „Rabbits“ und „Tasks“ ist dann die Rede, wenn es um „Mitmachen“ und um „Dabeisein“, bloß nicht um „Arbeiten“ geht!
Nicht selten wird diese Art der einschließenden, einnehmenden Kommunikation mit Spielelementen aufgepeppt, um Cloudworker an die Plattform zu „fesseln“. „Community-Building“ stillt das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Anerkennung als Elemente guter Arbeit; und gleichzeitig geht es darum, die Loyalität gegenüber der Plattform zu erhöhen sowie die Crowd zur Selbsthilfe zu ermächtigen, um Plattformressourcen zu entlasten. Wenn immer schon den Aufstieg des Internets die Mär von der Gemeinschaft und Teilhabe, Solidarität und Aufbruch begleitete, so wird diese Erzählung von den Plattformen ganz bewusst vor den Karren der eigenen Zwecke gespannt.
Die Arbeitssituation der Cloudworker ist paradox: Sie gelten als Selbständige, haben aber nichts von der Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit, die man herkömmlich mit Selbständigkeit assoziiert. Die Pattformen geben vor, wie Arbeit organisiert und strukturiert ist, sie legen Aufgaben und Vergütung fest, außerdem bestimmen sie, über welche Kanäle kommuniziert werden kann, nach welchen Kriterien die Arbeitenden bewertet und bezahlt werden. Auch wird man kaum abstreiten können, dass eine Arbeitskontrolle, wie sie als Kriterium für die die Arbeitnehmereigenschaft ausmachende arbeitsorganisatorische Abhängigkeit gilt, sehr wohl erfolgt – wenn auch durch Algorithmen. An die maschinelle Überwachung der Arbeitsleistung schließt sich zumeist dann noch ein Bewertungs- und Rankingsystem an, das Kundenerfahrungen spiegelt.
Atomisierung und Isolierung
Paradox ist die Arbeitssituation der Plattformarbeitenden auch deshalb, weil sie in ihrer Vereinzelung diametral dem Versprechen des Internets auf Gemeinschaftlichkeit entgegenstehen. Obwohl den modernen Vernetzungstechnologien das Potenzial zu Solidarität und Gemeinschaft innewohnt, sind diese in der Plattformökonomie – ganz im Gegenteil – Werkzeuge der Atomisierung und Isolierung. Es gibt keinen Vorgesetzten, keine Kollegen, keinen gemeinsamen Betrieb: keine Kaffeeküche, keine Kantine, kein After-Work Bier. Denn die Cloudworker sehen und kennen einander nicht, ihnen fehlen die herkömmlichen Möglichkeiten, miteinander in Beziehung zu treten.
Abgesehen von dieser praktischen Hürde will Gemeinsinn auch deshalb nicht aufkommen, weil die Cloudworker im Grunde allesamt in Konkurrenz zueinander stehen. Dazu noch handelt es sich um eine höchst heterogene Gruppe, die sich durch die unterschiedlichsten Motive und Interessen auszeichnet – anders als dies gewöhnlich in traditionellen Arbeitskontexten vorzufinden ist, wenn Arbeitskräfte in eine gemeinsame Arbeitsorganisation eingegliedert sind. Wenngleich also von der Crowd oder sonstigen Gemeinsamkeit implizierenden Bezeichnungen die Rede ist, so hat man es keineswegs mit einem einheitlichen Kollektiv zu tun, das an einem Strang zieht, sondern ganz im Gegenteil, die atomisierten Individuen befinden sich in einem Hyperwettbewerb, der keinen Raum für Solidarität lässt.
Plattformarbeit als Vorbote der Zukunft der Arbeitswelt
Wenn Plattformarbeit ein Vorbote der Zukunft der Arbeit sein sollte – und einiges spricht dafür, dass das derzeit sich stark ausweitende Muster der Wertschöpfung nach dem Plattformmodell auf die gesamte Arbeitswelt Einfluss nehmen wird –, dann ist es höchste Zeit, abseits der „schöne neue Arbeitswelt“-Euphorie einerseits, aber auch der den Teufel an die Wand malenden Ausbeuterrhetorik andererseits über die Bedingungen des Arbeitens „in der Cloud“ nachzudenken. Denn in der Unternehmenswelt nehmen die Verflechtungen mit externen Zulieferern seit geraumer Zeit zu; auch dass Unternehmensgrenzen poröser werden, ist ein bereits länger anhaltender Prozess. Was mit Outsourcing begann, geschieht heute flexibler und kleinteiliger.
So gesehen ist Cloudwork nur ein weiterer Entwicklungsschritt hin zu einer Enthierarchisierung von Unternehmen, zu mehr Dynamik und Anpassungsfähigkeit, zu einem Arbeiten nach dem Schwarmprinzip. Denn Technologie ermöglicht es, Arbeitsprozesse immer weiter zu zerstückeln und an verschiedenste externe Dienstleister zur Ausführung zu vergeben, um sämtliche Arbeitsschritte hernach zu einem Ganzen zusammenzufügen. Projektteams finden sich zusammen je nach gerade anstehender Aufgabe, lösen sich wieder auf, formieren sich neu – so wie es die Natur mit Vögel-, Fisch- oder Insektenschwärmen perfekt vorführt, wenn selbstorganisiertes Trennen, gemeinsames Ausrichten und Zusammenschließen komplexe Optimierungsprobleme löst.
Bei solchermaßen dynamischem und flexiblen Wirtschaften greifen Unternehmen immer öfter auf Angebote aus der Cloud zurück. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Zukunft nicht so sehr den herkömmlichen, hierarchisch organisierten, sich durch starre Grenzen auszeichnende Unternehmen gehören wird, sondern dass das Unternehmen der Zukunft als Habitat aufgefasst werden kann, das Wertschöpfung rund um Akteure auf offenen, vernetzten Plattformen organisiert.
Diese Tendenzen dürfen nicht geringgeschätzt werden – klar dürfte sein, dass das Plattformmodell des Arbeitens keine bloße Nische mehr ist, immer mehr vermischt es sich mit anderen Erwerbsformen und Einkommensquellen und erweist sich als ein Element sich weiter ausdifferenzierender Erwerbsmuster. Auch verschwinden werden die Plattformen nicht wieder und dass sie „reguliert“ werden können, um reibungslos in die heile Welt der „Normalarbeit“ zu passen, dürfte sich als hoffnungslos erweisen. Denn Cloudwork konterkariert die Logik der Normalarbeitswelt: Die Idee, im Arbeitsvertrag zwischen Arbeitnehmer und -geber Rechte und Pflichten festzulegen, wird gänzlich hinfällig, wenn Plattformen als Vermittler die Kategorien verschwimmen lassen und alleinig Kontrolle über die Beziehung zwischen Anbieter und Nachfrager ausüben.
Das Konzept von festen Arbeitszeiten und -orten hat sich überlebt, wenn technische Mittel raumzeitliche Grenzen abschaffen und in der Cloud immer und überall gearbeitet werden kann. Projekt- und aufgabenbezogene Bezahlung unterläuft Regelungen rund um Grundlohn und Lohnnebenzahlungen sowie Mindestlohn. Ebenso laufen Festlegungen über Urlaub und Krankentage ins Leere, wenn Arbeitsbeziehungen nur projektbezogen und befristet sind. Nicht nur droht auf individueller Ebene der Arbeitsvertrag ausgehöhlt zu werden, ebenso werden auf kollektiver Ebene Kollektivvertragswesen, Sozialversicherung und betriebliche Mitbestimmung einen schwereren Stand haben. Man sieht: Es geht um mehr als um einen Wandel von Wertschöpfungsstrukturen, die gezeichneten Änderungen werden das gesamte gesellschaftliche Gefüge betreffen.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Soziales Leben, Zukunfts-Wegweiser, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Fakten, Fakten, Fakten – und nichts dahinter?

Klein Peter, „Streifzüge“
Der demokratische Mainstream und die Verschwörungstheorien
Seit Urzeiten ist den Menschen bewusst, dass die mit den fünf Sinnen zu erfassenden Phänomene, die ihnen in ihrer jeweiligen Lebenswelt begegnen, nicht das Ganze der Wirklichkeit sind, mit der sie zu rechnen haben. Jenseits der sichtbaren Welt gibt es eine unsichtbare Welt, die nur indirekt und mit einem gewissen Aufwand an Denken zu erschließen ist.
Aufklärung und Religion
Solange sich das Leben im überschaubaren Kreis von Sippe und Stamm abspielte und auch geographisch einen entsprechend geringen Umfang hatte, war der Platz, der dem unsichtbaren Jenseits zur Verfügung stand, entsprechend groß – und das Denken, das noch wenig Gelegenheit gehabt hatte, sich in größeren Zusammenhängen zu bewegen und eigene Kategorien dafür auszubilden, füllte ihn mit Kräften und Mechanismen, die geheimnisvoll waren und sich auf unvorhersehbare Weise ins tägliche Leben mischten.
In ihrem Aussehen glichen diese Kräfte aber den Gestalten der bekannten Welt. So sind etwa die ägyptischen Götter, die zu besänftigen und mit allerlei Opfern und Ritualen freundlich zu stimmen waren, ein ziemlich getreues Abbild der entlang des Nils anzutreffenden Fauna, wobei Apis, der heilige Stier von Memphis, als Fruchtbarkeitsgott eine wichtige Rolle spielte. Moses musste, um seinen unsichtbaren Gott durchzusetzen, die Anhänger des „Goldenen Kalbes“ niedermachen, und auch die „kuhäugige Hera“ erinnert an das Produktionsmittel, das bei den frühen viehzüchtenden Stämmen von zentraler Bedeutung war und den Nimbus des Heiligen besaß.
Die großen Reiche der Antike, insbesondere das römische, das eine Masse von lokalen Gottheiten eingemeindete, bedeuteten einen gewaltigen Schub in Richtung „Jenseits überhaupt“, dem dann auch im Denken das entsprechende Abstraktionsvermögen folgte. Gleichwohl musste etwa der christliche Monotheismus, der eine alle Menschen umfassende individualistische Ethik vertrat, erhebliche Abstriche von dem in der Philosophie bereits erreichten Begriffsvermögen machen, um dem real existierenden „Alle“ zugänglich zu sein. Die hochfliegenden Ideen mussten in Geschichten, Bilder und Gleichnisse gekleidet werden, um bei ihren Adressaten ankommen zu können. Und die vielen Heiligen, die der katholischen Menschheit in den Sorgen und Nöten des Alltags bis heute zur Seite stehen, lassen darauf schließen, dass das „ägyptische Level“ des Abstraktionsvermögens im „gemeinen Verstande“ noch durchaus präsent ist. Von den siebzig Jungfrauen, die auf den im Kampf gefallenen Dschihadisten warten, gar nicht zu reden.
Wie schwierig es in den vormodernen Zeiten auch für die des Lesens und Schreibens kundigen „Intellektuellen“ war, die verschiedenen Abstraktionsebenen auseinanderzuhalten, zeigt Hegel am Beispiel eines spanischen Bischofs, den die Frage umtrieb, ob eine Kirchenmaus, die an einer geweihten Oblate geknabbert hat, nun ihrerseits als geweiht und heilig anzusehen sei (Geschichte der Philosophie II, S. 538). Das Wort „heilig“, das auf eine Wirklichkeitsebene hindeutet, die für das betreffende Gemeinwesen als ganzes konstitutiv ist, auf etwas also, dem auch die Reichen und Mächtigen unterworfen sind, wird hier empiristisch verwendet, wie die Eigenschaft eines handgreiflichen Gegenstandes, der etwa rot angestrichen und fünf Kilo schwer ist. Kalauer des gleichen Kalibers, ob etwa Gott, anscheinend ein Muskelmann und Jahrmarktzauberer, einen Stein schaffen könne, so schwer, dass er ihn selbst nicht zu heben vermag, produzierte die Scholastik in großer Menge. Immerhin wurde so, wie der Allesbegreifer Hegel anerkennend feststellte, das zergliedernde bzw. analytische Denken vorangebracht, der Bezug dieses Denkens auf die Erfahrungswelt – wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze? – blieb aber phantastisch.
Mit dieser Phantasterei Schluss zu machen, war das dringende Anliegen der Aufklärungsphilosophen, die ja bekanntlich die Gräuel der Religionskriege und der Hexenprozesse zu verarbeiten hatten. Unschädlichmachen der Transzendenz hieß die Devise, und dies geschah im 17. und 18. Jahrhundert dadurch, dass man Gott entweder sehr weit nach oben hievte, sodass er zu einer Art Hintergrundrauschen herabgedimmt wurde und jedenfalls im Diesseits nichts mehr zu tun hatte (Deismus), oder man erklärte das Jenseits gänzlich zur unerwünschten bzw. überflüssigen Kategorie. Die Empiristen (Locke, Condorcet) behaupteten, dass auch die Allgemeinbegriffe in der Erfahrungswelt wurzeln, und die Religion, wie sie das unwissende, an Wunder und wundertätige Reliquien glaubende Volk sogar in Frankreich (das seine Protestanten vertrieben hatte) noch praktizierte, wurde der Verachtung des aufgeklärten Bürgers anheimgegeben.
Ziemlich genau diese Haltung begegnet uns auch heute wieder anlässlich jener Verschwörungstheorien, die, im Zusammenhang mit den aktuellen Krisensymptomen stehend, speziell in den Kreisen des sogenannten Populismus grassieren. Die Kommentare der Mainstream-Medien, die sich des Phänomens annehmen, klingen durchwegs herablassend bis arrogant. Und in Anbetracht des gebotenen Inhalts, wonach etwa Frau Merkel vorhat, die deutsche Bevölkerung auszutauschen oder irgendwelchen, womöglich jüdischen, Finsterlingen in den USA zu Diensten ist, die mit der Destabilisierung des Nahen Ostens und der damit ausgelösten Fluchtbewegung auf die Destabilisierung des ökonomischen Konkurrenten Europa zielen, mag dieser Tonfall verständlich sein. Die „ägyptischen Götter“ haben in den bürgerlichen Zeiten offenbar gelernt, strategisch zu denken, sie sind dazu fähig, langfristig angelegte Pläne zu verfolgen, was der Kapitalismus, auf den kurzfristigen Erfolg von lauter privaten Akteuren festgelegt, ja leider nicht kann.
Was aber haben die forschen Verteidiger der Aufklärung sonst noch anzubieten? Außer der Häme über die allzu schlichten Erklärungsbedürfnisse des „dummen Volkes“? Nicht allzu viel, will mir scheinen, wenn ich den im Juni 2018 auf ZEIT ONLINE erschienenen Artikel zum Thema „Verschwörungstheorien“ als ein für das Genre typisches Beispiel nehmen darf.
Unter dem Titel „Verschwörungstheorien: Das geheime Dahinter“ wird dort der Eindruck erweckt, als sei das Fragen nach dem „geheimen Dahinter“, also nach den tieferliegenden Ursachen für die gegenwärtige Weltlage mit ihren zig Millionen Flüchtlingen schon per se eine Albernheit, über die der aufgeklärte Mensch nur den Kopf schütteln könne. Der Autor „überführt“ die Verschwörungstheoretiker, ein „metaphysisches“ Glaubensbedürfnis zu bedienen, er spottet über Oskar Lafontaine, der von einer „unsichtbaren Regierung“ gesprochen habe, „die in Wirklichkeit die Geschicke dieser Welt bestimmt“, und landet folgerichtig bei der Religion: „Die Metaphysik der Verschwörungstheorie ist umgekehrte Religiosität.“ Womit er offensichtlich glaubt, für sein kritisches Vorhaben das Möglichste getan zu haben. Wer aber den Stein gegen die Metaphysik erhebt, ohne der Wahnsinnslogik des Kapitalismus zu gedenken, die sich gegen die elementarsten menschlichen Bedürfnisse sperrt, sofern deren Befriedigung kein „Wachstum“, nämlich der ins „Menschenmaterial“ zu investierenden Geldsummen, verheißt, sitzt schon längst in eben diesem Glashaus der Metaphysik – er soll nur fortfahren mit dem Steinewerfen.
 Die bürgerliche Metaphysik erscheint im Gegenüber von Subjekt und Objekt
Der Abwehrreflex gegen die Religion, der bei den Verteidigern der Aufklärung so überaus leicht ausgelöst wird, wenn sie es mit den genannten Verschwörungstheorien zu tun bekommen, ist ein spätes Echo des 18. Jahrhunderts. Er zeigt, dass die weitere theoretische Entwicklung ein Geheimnis für sie geblieben ist. Die hat nämlich im deutschen Idealismus zu der Entdeckung geführt, dass die moralischen und Rechtsvorstellungen des Bürgers, insbesondere die auf die persönliche Freiheit bezogenen, die sich dann auch in den entsprechenden Institutionen, letztlich im modernen Rechtsstaat niedergeschlagen haben, ebenso als Metaphysik zu betrachten sind wie die religiösen Ideen. Ebenso wie die von allen konkreten Lebensumständen abstrahierende Freiheit der Person kommt auch die komplementär sich dazu verhaltende Kategorie des allgemeinen Gesetzes aus einer Sphäre, die mit den Sinnen nicht zu erfassen ist. Und Kategorien, die schon als solche zu wirken fähig sind, nicht nur unabhängig von unseren sinnlichen oder physiologisch zu konstatierenden Bedürfnissen, sondern ihnen sogar entgegen gerichtet, darf man wohl der Metaphysik zurechnen.
Ob ich nun bereit bin, für Gott zu sterben oder für das Vaterland oder für die Freiheit und die „westlichen Werte“ – das Menschenopfer, das schon der biblische Abraham seinem Gott darzubringen bereit war, findet hier wie dort statt, und es hat in allen diesen Fällen die gleiche metaphysische Grundlage: eine das Ganze des betreffenden Gemeinwesens repräsentierende Abstraktion, die, als eigenständige und gleichsam von außen kommende Macht vorgestellt, den Menschen die Regeln ihres Zusammenlebens vorschreibt.
Der kategorische Imperativ Kants, der die Allgemeinheit rein als solche auf den Thron der gesellschaftlichen Ordnung hebt, stellt nur die letzte oder höchste Stufe dieses Denkens dar, das die Allgemeinbegriffe wie selbständige Wesen behandelt, die aus sich heraus wirksam sind. In aller Unschuld wird hier die Wahrheit ausgeplaudert, dass die Abstraktion als solche, von jedem Inhalt gereinigt (und für jeden beliebigen offen), die bürgerliche Gesellschaft zu regieren berufen ist.
In diesem Sinne konnte der philosophische Idealismus mit den ins Jenseits der Sinne projizierten Phantasiegestalten der Volksreligion großzügiger umgehen, als es die in schroffer Abwehr gegen die Metaphysik („Priestertrug“) erstarrten Empiristen und Sensualisten der Aufklärung konnten. Kant und Hegel sahen in den verschiedenen Entwicklungsstadien der Religion Denkversuche, die, indem sie für Gott immer weiter reichende, immer umfassendere Ausdrücke fanden, sozusagen in die „richtige Richtung“ zielten, eben in die der „Allgemeinheit überhaupt“.
Bei Hegel mündet die Dechiffrierung Gottes als reine für sich seiende Abstraktion denn auch in der Formulierung: „Gott ist also das Allgemeine abstrakt genommen …“ (Geschichte der Philosophie III, S. 323 f.). Und was Kant über den Alltagsverstand schreibt, klingt schon fast freundlich: dieser ahne, dass „Ich“ nicht nur als ein Ensemble empirischer, sinnlich wahrnehmbarer Eigenschaften aufzufassen sei, sondern dass es, davon abgesehen, auch eine nicht-empirische Bedeutung habe und als der für das moralische Gesetz (die Allgemeinheit) empfängliche Ausgangspunkt des freien Willens auch noch einer anderen, jenseits der Sinne wirkenden „intellektuellen Welt“ angehöre: „Dergleichen Schluss“ (auf die „intellektuelle Welt“) ist, so heißt es in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, „vermutlich … auch im gemeinsten Verstande anzutreffen, der, wie bekannt, sehr geneigt ist, hinter den Gegenständen der Sinne noch immer etwas Unsichtbares, für sich selbst Tätiges, zu erwarten, es aber wiederum dadurch verdirbt, dass er dieses Unsichtbare sich bald wiederum versinnlicht, d. i. zum Gegenstande der Anschauung machen will, und dadurch also nicht um einen Grad klüger wird“ (Grundlegung…, S. 87).
Die Metaphysik, als „reine Form der Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt“ verstanden, hört nicht auf, eine verselbständigte Abstraktion zu ein, aber das „intelligible Ich“, das nur den vom allgemeinen Gesetz her kommenden Imperativ als verpflichtend anerkennt, ist es nicht minder. Indem ich den Standpunkt der individuellen Freiheit beziehe, der jeden anderswoher kommenden Zwang als unmoralisch oder unrechtmäßig ablehnt, bin ich selbst zum Bestandteil jener Metaphysik geworden.
Für den bürgerlichen Menschen, der sich (als ein empirisch-sinnliches Dasein) nicht hinlänglich von dem der Metaphysik zugehörigen Ich zu unterscheiden vermag, brechen mit deren Durchsetzung die harten Zeiten der Selbst-Verantwortung, der Selbst-Disziplin und der Selbst-Vergewaltigung an. Da diese Metaphysik rein apriorisch funktioniert, sich also bereits im Ausgangspunkt meiner Entschlüsse befindet und zu einer Sache des Standpunktes geworden ist, fehlt ihr logischer Weise alles Bildhafte. Sie ist kein mir gegenüberstehender Glaubensinhalt mehr, der sich anbeten oder kniebeugend verehren ließe. Der Himmel der bürgerlichen Gesellschaft ist leer geworden. Und jene Schlauberger, die darauf bestehen, dass dort nichts zu sehen ist, können sich mit Nietzsche einbilden, die Religion hinter sich gelassen zu haben und ein metaphysikfreies Leben zu führen. Genau das ist der Fall bei unseren reichlich spät kommenden Aufklärern, die sich ihre Vorstellung von Religion nach dem Muster der vorkantschen Metaphysik und ihrer himmlischen Autoritäten gebildet haben.
Tatsächlich aber befindet sich die moderne Metaphysik bereits im Standpunkt des freien Individuums als solchem. Ihre Wirksamkeit ist, wie Kant schreibt, „rein praktisch“ zu verstehen. Der Standpunkt der individuellen Freiheit gewinnt seine Festigkeit also nicht durch noch so innige Bekenntnisse zum „Menschenrecht“ und zu den „westlichen Werten“, sondern dadurch, dass er praktiziert und im täglichen Verhalten eingeübt wird. Und dafür, dass das geschieht, sorgt, wie Marx herausgefunden hat, die Warenform der Produktion, die der Kapitalismus in den vergangenen beiden Jahrhunderten derart verallgemeinert hat, dass die moderne Gesellschaft sich glattweg als „Marktgesellschaft“ versteht. Deren Mitglieder, die sich täglich als Käufer und Verkäufer zu betätigen haben, betrachten die Subjektform des „freien Willens“, die im Warenverkehr zur Anwendung kommt, als eine Grundausstattung des „Menschen überhaupt“.
Die metaphysische Kategorie des Willens wird also, ähnlich wie das Heilige bei unserer Kirchenmaus, eigenschaftsförmig gedacht: als „eigener Wille“. Der Unterschied liegt nur darin, dass die vormoderne Metaphysik immer nur einen begrenzten Bezirk des „Heiligen“ oder ein bestimmtes Ritual für sich in Anspruch nahm. Die moderne bürgerliche Metaphysik dagegen besitzt, indem sie sich darauf beschränkt, den gesellschaftlichen Verkehr entlang der Abstraktion des vereinzelt gedachten „Menschen“ zu formen bzw. zu strukturieren, die Fähigkeit, in alle Lebensbereiche einzudringen, sie besitzt die Tendenz, sich zu verallgemeinern.
Die „reine Form der Allgemeinheit“, bei Kant noch eine theoretische Kategorie, die das Gewissen „vernünftiger Wesen“ anleiten sollte, wurde in dem historischen Prozess, der in massenhaftem Umfang solche „Wesen“, nämlich den abstrakten Ich-Standpunkt, erzeugte, sozusagen realiter allgemein, sie gelangte aus der theoretischen Sphäre in die gesellschaftliche Praxis, wurde von einem Sollen zum Sein. So erklärt sich die Objektivierung des gesamten institutionellen und psychologischen Apparats, der mit dem modernen Ich-Standpunkt verbunden ist. Denn was allgemein gilt, was allgemein praktiziert wird und von allgemeinen Gesetzen geregelt, besitzt eben den Status der objektiven Gegebenheit.
Der Clou bei aller Objektivität besteht aber darin, dass man sich – mit mehr oder weniger Verstand und Geschick – zu ihr verhält. Wer den Menschen als vereinzeltes Individuum denkt, sieht dieses „Subjekt“ immer schon der „Objektivität“, mit der es „selbstverantwortlich“ umzugehen hat, gegenüberstehen. Und das Gegenüber ist genau diejenige Position, die dem bürgerlichen Subjekt gemäß ist, die es braucht, um sich seinem praktischen Wesen entsprechend, also wollend, verhalten zu können. Das Gegenüber produziert gewissermaßen die ihm entsprechenden „Gegenstände“. Der Privatwille beurteilt sie unter dem Aspekt des individuellen Vorteils oder Nutzens, der politische – ewig unterwegs zur „Verwirklichung“ seines Ideals – unter dem des Allgemeinwohls oder der Allgemeinverträglichkeit. Von dem metaphysischen Apriori, das für beide Seiten gleichermaßen konstitutiv ist, ist dabei logischer Weise nicht die Rede: „Die Mieten“ sollen bezahlbar und für die Bauindustrie ein Investitionsanreiz sein, „die Renten“ werden angepasst oder gesichert oder angehoben, „die Arbeitsplätze“ geschaffen oder abgebaut. Die grundlegenden Kategorien, allesamt auf Wert, Ware, Geld basierend, stehen fest – gestritten wird über den Umgang mit ihnen.
Die Krise des Kapitalismus ist auch die Krise des Kategorischen Imperativs
Dass sie die dem demokratischen Streit vorausgesetzte Konstellation hinterfragen, dass sie vor den „objektiven Gegebenheiten“ nicht Halt machen, sondern etwas „dahinter“ vermuten, das Handeln wirklicher Menschen, dürfte der eigentliche Skandal sein, den die Verschwörungstheoretiker bei unseren Aufklärern erregen. Als „Verschwörung“ präsentiert, ist das „Dahinter“ sicherlich ein dummer Gedanke, der in der bürgerlichen Subjektform des individuellen Willens befangen bleibt, aber immerhin ist es doch einer. Dagegen ist das, was unser Autor dem entgegensetzt, ein bloßer Abwehrreflex. Über „die Qual der Einzelvorgänge, der losen Enden, der sich überlagernden Bilder, die Last der Komplexität“ hinaus, sollte seiner Meinung nach nicht gedacht werden: „Aleppo, Fassbomben, Staub, Balkan, Zelte, Bahnhof Budapest.“ Damit hat es sich. Wer bei diesen Bildern an etwas denkt, das über die unmittelbare Sichtbarkeit hinausreicht, etwa an die Profite der Waffenindustrie, die die Bürgerkriegsparteien dieser Welt mit dem nötigen „Stoff“ versorgt, bekommt, so hat es den Anschein, alsogleich den Stempel der „Religiosität“ aufgedrückt. Sehr komplex ist diese Art von Argumentation. Sie zeigt, dass die Religiosität hier lediglich dem Zweck der Verunglimpfung dient und im Sinne eines Ablenkungsmanövers gebraucht wird.
Abgelenkt aber wird von dem durchaus fruchtbaren Gedanken, dass die „objektiven Gegebenheiten“ des demokratischen Kapitalismus tatsächlich auf dem Verhalten lebendiger Menschen beruhen. Diesen ganz und gar nicht religiösen Gedanken sollte man zunächst einmal anerkennen und ernst nehmen, bevor man gegen die Verschwörungstheoretiker zu Felde zieht, die ihn leider verhunzen und dadurch diskreditieren. Natürlich sind es nicht einige wenige Verschwörer, mit denen wir es zu tun haben, sondern viele Millionen Menschen, die, in den Geleisen der Ware-Geld-Bewegung sozialisiert, die Vorgaben des Kapitalismus als Selbstverständlichkeiten behandeln und also praktisch dafür sorgen, dass sie als „objektive Gegebenheiten“ fungieren und Bestand haben.
Es sind viele Millionen Menschen – und doch nicht mehr genug. Die enorme Produktivität des Kapitalismus ist auch seine Krise. Sie hat dazu geführt, dass die Zahl der Menschen, die für den kapitalistischen Zweck der Wertverwertung eingesetzt werden, weltweit gesunken ist und immer noch weiter sinkt. Das System der Kapitalakkumulation expandiert nicht mehr, es schrumpft. Nur noch künstlich, durch das Fiat-Geld der großen Zentralbanken, wird der Schein des angeblich notwendigen „Wachstums“ aufrechterhalten. Und das sieht man diesem Wachstum, das ohne die Mobilisierung der traditionellen bürgerlichen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Gewissenhaftigkeit zustande kommt, auch an. Es landet vornehmlich im Finanzüberbau und in der Unterhaltungsindustrie, zu der die elektronischen Medien ebenso gehören wie der im Programm befindliche Profi-Sport. Auf der einen Seite Rentner, die in Abfalltonnen stochern, und prekäre Jobs im Niedriglohn-Sektor, auf der anderen Seite Fussballstars, für deren Transfer von einem Verein zum andern hunderte Millionen Euro bezahlt werden. Selbst in den Kernländern des Kapitalismus ist das sogenannte normale Arbeitsleben zur Angelegenheit einer Minderheit geworden, für die Masse der Erdbevölkerung aber besteht keine Aussicht, jemals auch nur in die Nähe der „Sozialversicherungspflicht“ zu gelangen.
Für die Kategorie der Allgemeinheit ist diese Entwicklung natürlich fatal. Sie verliert gewissermaßen die empirische Unterfütterung durch die Vielen, die sich weder als Theoretiker noch als ideologische Bekenner, sondern lediglich aus Gewohnheit an die für das Ware-Geld-Indivuum vorgesehenen Strukturen gehalten haben. Von einem massenhaften Praktizieren und Einüben dieser rechtlichen und moralischen Strukturen, die den abstrakten Ich-Standpunkt auch mental in der Spur gehalten haben, kann keine Rede mehr sein. Die Objektivität setzende Kraft der Allgemeinheit ist verloren gegangen und sie wird wieder als das sichtbar, was sie seit jeher war: eine verselbständigte Abstraktion, die Nachfolgerin Gottes, die sich in der Obhut der demokratischen Priester befindet, deren moralischen Zeigefinger sie ausmacht.
Die Kategorie der Allgemeinheit wird jetzt wieder zur Sache des Wissens, und zwar des besseren, wenn auch vergeblichen Wissens. Die Hüter der demokratischen Werte informieren uns täglich darüber, was in Sachen Klima, Wohlstand, sozialer Frieden und menschlicher Anstand das objektiv Richtige wäre, was getan werden müsste und sollte und würde, wenn sich die Welt doch nur am Maßstab der bürgerlichen Moral, die ja auch das Eigentum zum Dienst an der Allgemeinheit verpflichtet, ausrichten wollte. Ein Karnevalszug der Konjunktive, der bei denen, die zwei bis drei Jobs ausüben müssen, um ihre Miete bezahlen zu können, vermutlich Heiterkeit auslösen würde – wenn sie denn die Herzensergüsse der edlen und guten Besserwisser zur Kenntnis nähmen.
Die Anwälte der (noch) herrschenen Metaphysik wissen natürlich nichts von den materiellen Voraussetzungen, die dem, was sie für objektiv richtig halten, zugrunde liegen. Aber sie spüren doch, dass dem rechtlichen und moralischen Überbau, der ihnen einst auf die gesamte Menschheit zu passen schien, zunehmend die Substanz abhanden kommt. Das Phänomen der „fake news“ zeigt, dass das System von Kategorien, aus denen früher einmal die allgemeinverbindlichen „Fakten“ gezimmert wurden, angeschlagen ist. Über die Bedeutung von Wörtern wie Fortschritt, Reform und Modernität, die Demokratie nicht zu vergessen, besteht längst keine Einigkeit mehr. Allgemein geworden ist die Verunsicherung. Sie erklärt den Ton der Hysterie, der sich in die Traktate mischt, mit denen die demokratischen Hüter der kapitalistischen Ordnung den sozialen Bodensatz des Systems belehren und zurechtweisen, sobald er politisch auffällig wird. Auch unser Autor ist bei aller Großspurigkeit, mit der er das rostige Schwert der Aufklärung schwingt, nicht frei von diesem Ton.
Und die Verunsicherung erklärt auch das Phänomen der Verschwörungstheorien selbst, vor allem seine Fähigkeit, sich mit einer erklecklichen Anzahl von oppositionell gestimmten Menschen zu verbinden. Da das gesamte Wissen der Menschheit und alles, was sich als Vernunft und Aufklärung präsentiert, dazu beigetragen hat, die Verwertungslogik des Kapitalismus über den Erdball zu verbreiten, erhebt jetzt, wo diese Bewegung erlischt, gewissermaßen die Unwissenheit ihr Haupt. Je mehr die Krise fortschreitet, desto mehr machen sich – als unmittelbar Betroffene – die Unterschichten als solche bemerkbar. Der moralisch inspirierte Diskurs des demokratischen Mainstreams verliert dadurch an Bedeutung und die Neigung zu Krawall und direkter Aktion schiebt sich in den Vordergrund. Hier ist dann jeder ideologische Knüppel recht, wenn er nur einfach zu handhaben ist und gegen den demokratischen Anstand verstößt.
So wie die praktizistische Linke seligen Angedenkens ein Faible für Stalin hatte, so taucht jetzt – in etwa der gleichen Funktion – das Gespenst Hitlers wieder auf. Die von ihren demokratischen Illusionen Enttäuschten drücken damit ihren Hass und ihre Verbitterung aus. In diesen Zusammenhang gehören meines Erachtens auch die Verschwörungstheorien. Um den Generalverdacht gegen die Demokratie zu erhärten, der ja sehr zu Recht besteht, kann kein Gerücht und kein ideologisches Versatzstück dumm und abseitig genug sein. Als Ausdruck des unvermittelten Neins zu einer Metaphysik, die zwischen finanziellen Interessen und materiellen Bedürfnissen nicht zu unterscheiden vermag (alles ist gleich objektiv), reicht dies, wie ich finde, erst einmal aus.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Empörung

Von Stephan Wehowsky, „journal21“
Die Geste der Empörung ist zu einer Modeerscheinung geworden und wird dadurch banalisiert. Das Ergebnis ist alles andere als harmlos.
Empörung war zunächst ein letztes Mittel oder eine letzte Ausdrucksform der Selbstbehauptung, wie die Sozialgeschichte lehrt: Am Anfang stand der noch vage Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmt, dann wuchsen Zweifel und Nachfrage, und am Ende brach die Empörung aus. Das galt für den Einzelnen ebenso wie für Gruppen. In dem Masse, wie sie gegen Missstände antraten, schärften sich die Konturen der Gegner und damit die eigene Identität.
Der Stoff der Revolution
So verliefen Revolutionen: Lange Zeit hungerte das Volk und dann empörte es sich gegen den Hunger. Was ursprünglich wie ein gottgewolltes Schicksal erschien, wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt als eine Willkür der Mächtigen identifiziert, für die es keinerlei Rechtfertigung gab und die es schlicht und einfach zu beseitigen galt. So entstanden jene Umwälzungen, auf die Europa bis heute stolz ist.
Empörung steht also am Ende einer Eskalationsspirale. Ein gutes Beispiel dafür bietet auch heute noch die katholische Kirche. Am Anfang stehen die Gläubigen, die dem Dogma und der Hierarchie folgen. Irgendwann kommen sie an den Punkt, von dem an ihnen die Regeln und Handlungsweisen der Bischöfe und Priester nicht mehr einleuchten. Es entstehen Zweifel. Und wenn die Zweifel nicht beseitigt werden können oder der Klerus eklatant und unabweisbar versagt, kommt Empörung ins Spiel. In ihr ballen sich Glaubenszweifel mit existentieller Wut.
Nimbus des Edlen
Wir meinen entsprechend gelernt zu haben, dass diejenigen, die sich empören, im Recht sind. In weiten Teilen der Geschichte ist das völlig klar: Wer aufgrund ungerechter Herrschaft hungert oder von gewissenlosen Eliten in Kriegen verheizt wird, tut gut daran, sich dagegen zu empören und in der Folge dagegen anzugehen. Herz und Verstand weisen den richtigen Weg.
Dem Modus der Empörung haftet bis heute dieser Nimbus an. Alles aber wandelt sich im Laufe der Zeiten. So auch die Empörung. Nach und nach wird sie zu einer ganz alltäglichen Emotion, die keinerlei Entwicklung oder Begründung mehr bedarf. Umso mehr lässt sich mit ihr Zustimmung erzielen und Geld verdienen. PR-Leute, Journalisten, Werber und Politiker wissen das ebenso gut wie marktorientierte Künstler.
Wem es heutzutage gelingt, die Empörungsbereitschaft der Zuhörer oder Konsumenten zu mobilisieren, hat gewonnen. „Emotion“ und „emotional“ sind zu grossen Schlagworten in der Werbung geworden. Und Medien können ihre Resonanz beziehungsweise ihre Erfolge an dem Mass bemessen, in dem sie Empörungsbereitschaft mobilisieren. Politiker, die mit „Argumenten“ überzeugen wollen, ernten vor diesem Hintergrund bestenfalls ein dünnes Lächeln.
Argument und Emotion
Wer Empörung mobilisiert, gewinnt, und wer sich empört, hat recht. Niemand, der sich empört, muss von der Sache etwas verstehen, denn die Empörung beglaubigt sich selbst. Kein Argument reicht an die emotionale Tiefe einer Empörung. Man kann das für sich selbst an vielen Themen ausprobieren: Jedes Mal, wenn man versucht, Erklärungen für die beklagenswerten Zustände unserer Welt und die Schwierigkeiten ihrer Überwindung zu finden, sieht man die sich senkenden Daumen und spürt die emotionale Ablehnung: schon verloren!
Früher haben Literaten, Maler, Regisseure und andere Künstler wunderbar mit Sexualität provozieren können: Schon empörte sich das Bürgertum. Die Auslöser für Empörung sind heute anders. Da genügt es, dass sich Professoren mit Themen beschäftigen, von denen ihre friedliebenden Studenten nichts hören wollen: Konflikte, Krieg, militärische Bündnisse oder ethnologische Forschungen, die nicht zum derzeitigen Gender-Mainstream passen.
Empörende Diskurse
Damit hat sich die Empörung selbst gewandelt: Sie richtet sich nicht mehr gegen unzumutbare Lebensbedingungen, sondern gegen Diskurse, die als unpassend empfunden werden. Die Empfindlichkeit hat zugenommen, und das Spiessertum erscheint in neuer Gestalt. Die heutigen Spiesser empören sich über alles, was nicht in ihre Schemata passt. Am meisten empören sie sich gegen die Zumutungen des Denkens.
Denn die Zumutung des Denkens zielt darauf, dass der Denkende noch nicht alles weiss und sich im Zuge seines Denkens verändern muss. Damit aber stehen seine Überzeugungen zur Disposition. Dagegen richtet sich der heute nicht nur im Internet grassierende Empörungsmodus. Denn da steht die Überzeugung fest und die darauf basierende Empörung auch. Es gibt nichts Heiligeres als die eigene unhinterfragbare Überzeugung. Wer es wagte, daran zu rühren, weckt keine Zweifel, sondern nur neue Empörung: Wir werden nicht ernst genommen!
Die Instrumentalisierung
Der Kulturbruch durch den modernen Empörungsmodus ist viel gravierender, als die meisten Intellektuellen ahnen. Empörung läuft heute nicht mehr wie früher über die Stufen der Zweifel, Nachfrage und der anschliessenden Rebellion. Jetzt steht die Empörung ganz am Anfang. Damit bezieht sie ihre Energie aus einer Überzeugung, die sich durch keinerlei Information irgendwie verändern würde. Die Zeit der intellektuellen Diskurse ist vorbei. Das ist kein Grund zur Empörung. Das ist eher zum Verzweifeln.
Denn inzwischen sehen wir auch, wie Politiker, denen nur an der Zementierung ihrer Macht und der Vermehrung des Reichtums ihrer im Hintergrund agierenden Klientel gelegen ist, den Empörungsmodus instrumentaliseren. Sie nehmen die Emotionen unterprivilegierter Gruppen auf und verleihen ihnen die Tonart der Empörung. Die Empörten glauben, in ihnen ihre Fürsprecher gefunden zu haben. Und sie haben kein Mittel dagegen.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | 1 Kommentar

Wenn der Populismus den Populisten in den Kopf steigt

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Populismus und Unschärferelation: Eine politische Lektion aus der Quantenphysik. Verschwommenheit als politisches Kampfmittel
Aus der Quantenphysik kennen wir die Unschärferelation: Je präziser man zum Beispiel den Ort eines Teilchens misst, desto „verschmierter“ seine Geschwindigkeit. Und umgekehrt. In der Politik existiert eine Unschärferelation zwischen Bedeutung und Wirksamkeit eines Begriffs: Je stärker die politische Wirksamkeit, desto „verschmierter“ die Bedeutung; je präziser die Bedeutung, desto schwächer die politische Wirksamkeit. Mit präzisen Begriffen lassen sich Beweise führen, aber nicht politische Siege erringen. Verschwommenheit ist ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste politische – oder sagen wir: propagandistische – Kampfmittel.
Die Bedeutungsunschärfe von „Populismus“
Auf keinen aktuellen Begriff trifft dies besser zu als auf jenen des Populismus. Um die Analogie zur Quantenphysik weiter zu strapazieren (die Physiker mögen es mir bitte nachsehen): Wenn wir am Anfang den präzisen Ort eines Teilchens kennen und es dann seiner Entwicklung überlassen, dann wird mit der Zeit die Ortsunschärfe grösser, und wir wissen immer weniger, wo genau es sich befindet. Analog verhält es sich mit der Bedeutung des Populismus. Das Wort hatte zunächst seinen präzisen „Ort“. Zum ersten Mal soll es um 1890 geäussert worden sein, und zwar gemünzt auf die sogenannten „Präriepopulisten“, amerikanische Farmer, die sich für eine robuste Regelung des Kapitalismus engagierten. Inzwischen hat sich die „Ortsunschärfe“ des Wortes derart vergrössert, dass es nahezu warme Luft geworden ist, wie zum Beispiel auch „Nazi“, „Faschist“ oder „Linker“.
„Conceptual stretching“
Man spricht von „conceptual stretching“, von Begriffsüberdehnung. 1967 fand an der London School of Economics eine erste akademische Konferenz über Populismus statt. Die Soziologen Ernest Gellner und Ghita Ionescu schrieben bereits damals: „Ein Gespenst geht um in der Welt – der Populismus.“ Die Wissenschaftler hatten ihre Mühe, einen Konsens zu finden, worüber sie eigentlich sprachen. Im Abschlussresümee steht: „Es besteht kein Zweifel über die Wichtigkeit des Populismus. Aber niemand weiss, was er ist.“ Auch hier – nur en passant – eine Parallele zur Quantenphysik: Es besteht kein Zweifel, dass die Quantentheorie die erfolgreichste Theorie der Materie ist, aber die Physiker wissen nicht, wovon sie eigentlich handelt.
Nicht den Populismus ins Visier nehmen, sondern seine Ursachen
Der Populismus ist kein Gespenst, sondern eine Realität. Und sie ist umso unheimlicher, als wir sie, wie uns gesagt wird, nicht angemessen verstehen. Auf jeden Fall lässt sich wiederum eine Unschärferelation statuieren: Je ausschliesslicher wir auf das Phänomen Populismus starren, desto mehr entschwinden uns seine Ursachen aus dem Gesichtsfeld: ökonomische Ungleichgewichte, soziale Verwerfungen, politische Instabilitäten. Dass Liberalismus heute in weiten Bereichen Freiheit der Geschäftemacherei und Finanzschieberei bedeutet, ist eine empörende Trivialität; desgleichen, dass die mass­gebenden Subjekte dieses Liberalismus – die „Eliten“ – oft nicht viel mit Demokratie am Hut haben, sei es in den Konferenzräumen der westlichen Weltkonzerne, sei es in den Schaltkammern der chinesischen Machthaber. In beiden Fällen führt im Spätestkapitalismus eine antidemokratische Mentalität das Regiment, versteckt autoritär im Westen, offen autoritär in China. Wenn Menschen unter solchen Bedingungen den diffusen Impuls zum „Aufstehen“ verspüren und sich ihrem Unbehagen und Unmut in Bewegungen „bottom up“ Luft verschaffen, kann dies nachvollzogen werden: Das ökonomische oder politische System funktioniert nicht zu unseren Gunsten, zu Gunsten der Mehrheit! So ruft der Populist in uns.
Populismus ist keine demokratische Pathologie
Natürlich löst man das Problem nicht mit Definitionen. Trotzdem, es gilt die Unschärferelation: Je offener man Populismus definiert, desto mehr Populisten wird man wahrnehmen. Fehlende Trennschärfe hat unter Umständen nichtintendierte, unliebsame Folgen. Das alte Problem der Hexenprozesse. Je unschärfer der Begriff der Hexe, desto grösser die Zahl der Hexen. So gesehen ist Populismus ein politischer Popanz, ein patenter Angsterzeuger.
Aber selbst wenn Populismus ein dünner bis leerer Begriff ist, muss man ihn ernst nehmen. Nur sollten wir das Phänomen nicht als demokratische Pathologie, sondern als Bestandteil der Demokratie betrachten. Wie der holländische Politologe Cas Mudde schreibt, ist der Populismus „die illiberale demokratische Antwort auf einen undemokratischen Liberalismus. Er stellt die richtigen Fragen und gibt die falschen Antworten.“ Eine dieser richtigen Fragen lautet: Wer ist Souverän eines demokratischen Staates?
Ich bin das „Wir“
Und die falsche Antwort lautet: das Volk. Dieser Grundbegriff des Populismus entspringt politischer Metaphysik. Denn „das“ Volk gibt es nicht, es ist empirisch unauffindbar. Und weil man es nicht auffindet, erfindet man es als Träger eines diffusen „Wir“: „unser“ Abendland, „unser“ Europa, „unsere“ Schweiz. „Es ist ein Wir, dem die Wirklichkeit nicht entspricht“, schreibt Robert Musil: „Wir Deutsche, das ist die Fiktion einer Gemeinsamkeit zwischen Handarbeitern und Professoren, Schiebern und Idealisten, Dichtern und Kinoregisseuren, die es nicht gibt. Das wahre Wir: Wir sind einander nichts.“
Die Fiktion kann in den Wahn kippen: Der Vertreter „des Volkes“ muss „das Volk“ gar nicht befragen, er weiss schon apriori, was es will – es ist ihm zu Kopf gestiegen. Ich bin das „Wir“. Robespierre soll einmal ausgerufen haben, er sei das Volk, ganz der alten absolutistischen Herrschaftslogik verpflichtet. „ER will, was WIR wollen“, lautete ein Slogan des österreichischen Freiheitlichen Heinz-Christian Strache.
„Der“ Souverän existiert nicht
Wir alle haben Bedürfnisse und Interessen, aber das „Wir“ des Volkes hat keine Bedürfnisse und Interessen. Die demokratische Realität ist der ständig neu ausgetragene Wettbewerb in der Debatte, wie ein „Standard-Wir“ sich aus Wahlausgängen formiert und reformiert. Darin liegt ja auch der Sinn etwa der Redewendung „Der Souverän hat sich mit 66.3 Prozent der Wählerstimmen gegen die Selbstbestimmungsinitiative entschieden.“ Die Prozente definieren den „Willen“ des Souveräns, nichts anderes.
Der Populismus möchte „Volkssouveränität“ als eine Art von Leviathan inthronisieren. Aber dieser Souverän ist nicht ein über den Köpfen der Bürger schwebender Akteur. Und das Ziel kann nicht eine ewige Volksseelenruhe sein. In Demokratien gibt es immer mehr oder weniger sichtbare Risse und Verwerfungslinien, freilich nicht zwischen „Volk“ und „Elite“, nicht zwischen denen „da unten“ und denen „da oben“, zwischen „gesundem Menschenverstand“ und „Expertenverstand“, et cetera pp. Es stimmt zwar durchaus, dass Experten und Eliten sich immer wieder einmal anmassen, zu wissen, wie die Welt wirklich tickt. Trotzdem bleibt Demokratie eine politische Form des permanenten Nicht-Konsenses, oder eines nicht-permanenten Konsenses: ein Zustand, in dem Opposition und Dissens als Normalfall akzeptiert sind; und in dem die Bürger die Fähigkeit pflegen und unterhalten, einander zu widersprechen, ohne sich gegenseitig zu dämonisieren oder sich die Köpfe einzuschlagen.
Den Politikern aufs Maul schauen, nicht „dem“ Volk
Ich wiederhole, der Folklore – „Volksweisheit“ – zum Trotz: „Das“ Volk ist nicht das souveräne Subjekt der Demokratie. Es sind individuelle Menschen, die sich aus verschiedensten Motiven zu verschiedensten Zielen immer wieder neu gruppieren und streiten – und die für diesen Streit einen Verfassungsrahmen beanspruchen können, der den gewaltfreien Meinungskonflikt garantiert. Das ist eigentlich schon sehr viel und muss auch immer wieder erkämpft werden. Der Begriff des Volkes gehört nicht in eine moderne heterogene Demokratie. Seine Unschärfe dient sich der heimlichen Demokratierverachtung an. Deshalb müssen wir auch schärfer jenen aufs Maul schauen – links wie rechts – , die „dem“ Volk angeblich aufs Maul schauen.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen