Das elementare Geheimwissen und wie man es erfolgreich umsetzt …

von Legitim.ch
Inzwischen ist den meisten Menschen aufgefallen, dass etwas schief läuft und unsere freie Gesellschaft eigentlich gar nicht so frei ist, wie es immer heisst. Die Überwachung der Bevölkerung hat massiv zugenommen, die Polizei wird zunehmend militarisiert, erfolgreiche Heilpraktiker werden verklagt, gesellschaftskritisches Gedankengut wird zunehmend zensiert und das wahre Gesicht der Regierungen wird immer deutlicher erkennbar. Diese Entwicklungen spitzten sich ausgerechnet in jener Zeit zu, in der unsere vermeintlichen Leader eigentlich das Gegenteil versprachen. Ganz egal ob „Change“, „Yes, we can!“ oder „Wir schaffen das“; der Schuss ging immer nach hinten los. Obwohl sich weltweit eine erdrückende Mehrheit seit eh und je immer nur das eine wünscht, nämlich Frieden, Sicherheit und Freiheit, scheint sich die Gesellschaft trotzdem stets in die andere Richtung zu entwickeln. Wie können wir diesen ungewollten Trend umkehren?
Die Menschheit hat es schon so oft versucht und ist dennoch immer wieder gescheitert. Ganz egal ob die Französische Revolution, die 68er Bewegung, der Fall des Eisernen Vorhangs oder der Arabische Frühling; die Menschen schafften es leider nie weiter als bis in den nächsten Käfig. Warum?
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Weil Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind.
Die herrschende Klasse weiss das ganz genau und deswegen lässt sie sich auch immer wieder auf diese Spielchen ein. Während sie jedes Mal wie ein Phönix aus der Asche wieder aufersteht, scheinen wir nur Bahnhof zu verstehen. Der Phönix-Adler ist übrigens auch ihr Markenzeichen, ganz egal ob im Römischen, im Napoleonischen, im Dritten oder im Amerikanischen Reich.
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Das Wissen, das die Welt bzw. uns verändern wird, ist die Wahrheit über unsere geistigen Fähigkeiten:
Die Zirbeldrüse wandelt das am Tage im Gehirn gebildete Serotonin in der Dunkelheit der Nacht in Melatonin um und befindet sich in der Nähe des Gehirn-Zentrums zwischen beiden Hemisphären. Dieses winzige kieferzapfenförmige Organ bildet die Verbindung zwischen Körper und Geist. Dieses uralte Wissen hat das Potenzial alles zu verändern und genau deswegen, sollen wir nichts davon wissen.
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Die Sumerer, die Ägypter, die Griechen, der Vatikan, die Freimaurer, die Templer und selbst Cablecom; alle wussten Bescheid, nur wir tappen im Dunkeln.
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Es ging immer nur darum, dein Bewusstsein zu kontollieren:
Heutzutage wird Trinkwasser, Zahnpasta und Kochsalz systematisch mit Fluorid „angereichert“, weil es die Zirbeldrüse bzw. dein Bewusstsein angreift. Abgesehen davon ist Fluorid auch eine der stärksten anti-psychotischen Substanzen. In 25 Pro­zent aller bekannten Be­ru­hi­gungs­mit­tel ist Fluo­rid ent­hal­ten. So er­scheint es wenig über­ra­schend, dass das Kon­zept der Bewusstseinss­kon­trol­le auch im Dritten Reich mit Hilfe von Fluorid umgesetzt wurde. Zucker greift die Zirbeldrüse übrigens auch an. Deswegen legen die elitären Nahrungsmittelkonzerne wohl so grossen Wert darauf, dass die Nahrung exzessiv gesüsst wird. Bereits 1961 wurden in Harvard Forscher bestochen um die gesundheitlichen Risiken von Zucker unter den Teppich zu kehren.
Vergiss die Polizisten in Vollmontur, die Überwachungskameras und alles drum und dran! Lass dich von den Vogelscheuchen weder provozieren noch einschüchtern! Es geht einzig und allein um dein Denken, um deine Gedanken. Wer bestimmt was du denkst, bestimmt was du tust bzw. was du nicht tust.
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George Orwell war ein Insider aus der Fabian Society. Ich dachte lange, dass er uns vor einem totalitären Polizeistaat warnen wollte. Inzwischen frage ich mich, ob der Sinn und Zweck seiner Offenbarung nicht eher die Konditionierung der Massen war. 1984 gewährt uns zwar den entscheidenden Blick hinter die Kulisse, gleichzeitig suggeriert es uns aber auch ein, dass wir dagegen ankämpfen müssten, während es eigentlich viel weiser wäre den Fokus auf sich selbst zu richten. Das System ist bloss eine tote Hülse, die nur existieren kann, wenn wir ihr Beachtung schenken. Ohne uns hat das System keinen Bestand, wir ohne es jedoch schon.
„Change yourself and you change the world!“
kette
Der grösste Angriff auf dein Bewusstsein findet jedoch subtil und unterschwellig in den Medien statt:
Du wirst täglich mit Fake News manipuliert. Der Zweck der Manipulation ist Spaltung, Ablenkung vom Wesentlichen und die Zerstörung deiner Selbstliebe. Damit legen sie den Grundstein ihrer Vorherrschaft bzw. unserer Unterwerfung. Indem sie uns permanent ihre gezüchteten Superstars, Top-Models und Spitzensportler unter die Nase reiben, erschaffen sie ein irreales Menschenbild, einen Mythos, der in uns das Gefühl von Zweitklassigkeit erzeugen soll. Sie wollen, dass wir uns schwach, dumm, hässlich und unbedeutend fühlen, damit wir ja nicht von unserem unendlichen Potenzial Gebrauch machen. Das wäre nämlich deren Untergang. Das System lebt einzig und allein von desinformierten, unsicheren Menschen. Gut informierte Menschen, die selbst denken, sind selbstbewusst, gesund und frei! Das ist die einzige Grundlage um wahres Glück zu erfahren.

„Die Grossen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.“ (Friedrich Schiller)

Fazit:
Statt gegen Windmühlen zu kämpfen, sollten wir lernen unsere Gedanken zu meistern um ein gesundes Bewusstsein zu erlangen. Es liegt in unserer Macht die negative Gehirnwäsche umzukehren. Erfolgreiche Menschen schaffen das mit autogenem Training; oft wird auch von mentalem Training oder Hypnosestrategien gesprochen. Damit lernen sie die mentalen Schranken zu überwinden und negative Denkmuster zu durchbrechen. Wer seine Gedanken meistert, bestimmt über seinen Erfolg, seine Gesundheit und sein Glück; ganz egal ob beruflich oder privat. Wer diese Technik entdeckt, wird neugeboren und erfährt, dass das menschliche Potenzial grenzenlos ist. Kein Wunder, dass dieses Wissen unterdrückt wird. Zum Glück gibt es aber immer mehr Menschen, die uns geniales Wissen wie dieses zugänglich machen. Im Bereich der Hypnosestrategie sind beispielsweise die Unibee Institute führend. Sie bieten für jedes Anliegen eine optimale Strategie, die man einzeln oder im Paket herunterladen und gemütlich zuhause einwirken lassen kann.
Die Washington Times (2014) und das American Health Magazine (2007) veröffentlichten die Ergebnisse einer vergessenen Vergleichsstudie über verschiedene Therapieformen, die eindeutig zeigt, dass Hypnosetherapie nicht nur wirksam, sondern auch signifikant effizienter ist.
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(Quelle: American Health Magazine; Barrios, Alfred A. „Hypnotherapy: A Reappraisal,“ Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 1970)
Inzwischen gibt übrigens auch schon die Mainstream-Wissenschaft zu, dass Planck und Young recht hatten: „Zum ersten Mal konnten wir menschliche Gehirnwellen anzapfen, drahtlos in ein Gen-Netzwerk transferieren und die Expression eines Gens je nach Art des Gedankens regulieren. Die Fähigkeit, die Genexpression über die Kraft des Denkens zu kontrollieren, ist ein Traum, den wir seit über einem Jahrzehnt verfolgen.“ (vgl. Professor Martin Fussenegger der ETH-Zürich)
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Max Planck
Plancks Haupterkenntnis lautet:

„Es gibt keine Materie, sondern nur ein Gewebe von Energien, dem durch intelligenten Geist Form gegeben wurde.

Dieser Geist ist Urgrund aller Materie.“

Originaltext

 

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Wenn es stimmt, ist es DIE Sensation!

Nicht zum ersten Mal wird Fortschritt beim Bau von Fusionsreaktoren gemeldet. Die neue Information stammt aus Militär-naher Quelle.

Christian Müller, „infosperber“

Für den Laien ein Bildrätsel, für den Wissenschaftler ein Zukunftstraum

Für den Laien ein Bildrätsel, für den Wissenschaftler ein Zukunftstraum
Anlass für neue Erfindungen war schon oft der Krieg. Wie wird man überlegen, um den Feind zu schlagen? Was braucht es dazu an neuer Technik? Auch die Atomenergie wäre nicht so schnell nutzbar geworden, wäre nicht der Zweite Weltkrieg gewesen und mit ihm die Forschungsarbeit an neuen Techniken.
Vielleicht ist es auch jetzt wieder so: Die US-amerikanische Lockheed Martin Corporation ist mit über 47 Milliarden Dollar Jahresumsatz und rund 100’000 Mitarbeitenden einer der weltgrössten Rüstungs- und Technologie-Konzerne. 80 Prozent seiner industriellen Produktion gehen an die USA, also an den Staat, vor allem an die Streitkräfte und in die Weltraumforschung. So etwa stammen die F-16 (nicht zu verwechseln mit dem F/A-18 der Schweizer Luftwaffe) oder der seit 2015 kampfeinsatzbereite F-35 oder auch die gigantische Transportmaschine Lockheed C-130 Herkules von Lockheed Martin.
Und es ist diesmal auch eine kriegsnahe Institution, die auf ein neues Patent von Lockheed Martin aufmerksam macht: Das BESA Center in Israel. Dieses mit der Bar-Ilan Universität in Tel Aviv verbundene Zentrum für Strategische Studien hat am Sonntag, 29. Juli 2018, folgende Informationen verbreitet:
«Lockheed Martin hat kürzlich ein Patent für einen revolutionären Compact Fusion Reactor CFR, einen Kernfusions-Reaktor, angemeldet, ein Gerät, das klein genug ist, um auf einem Lastkraftwagen transportiert zu werden. Eine Version davon ist konzipiert für die Produktion von 100 Megawatts, gross genug, um eine Stadt mit 100’000 Einwohnern mit Energie zu versorgen. Der CFR, der saubere Energie ohne radioaktiven Abfall liefert, hat zivile und auch militärische Einsatzmöglichkeiten. Er kann auf einem Flugzeugträger montiert werden, in einem Unterseeboot, in einem Langstrecken-Flugzeug und voraussichtlich auch auf Kampfjets und Drohnen. Wenn Lockheeds Hoffnungen realisiert werden, gehört die Angst vor einem globalen Energie-Engpass der Vergangenheit an. Und die Menschheit wird in den Genuss einer umweltverträglichen Energiequelle kommen.»
Die grosse Hoffnung – und die notwendige Skepsis
Tatsächlich ist der Kernfusionsreaktor – oder vereinfacht der Fusionsreaktor – eine der grossen Hoffnungen der Menschheit. Oder, um Wikipedia zu zitieren: «Mit der Entwicklung von Kernfusionsreaktoren erhofft man sich die Erschliessung einer praktisch unerschöpflichen Energiequelle ohne das Risiko katastrophaler Störfälle und ohne die Notwendigkeit der Endlagerung langlebiger radioaktiver Abfälle.»
Einmal mehr eine sensationelle Meldung, die sich hinterher als Medienblase entpuppt, wie schon mehrere Male? Das ist nicht auszuschliessen. Der Name Lockheed Martin aber lässt aufhorchen. Denn wo für zivile Forschung oft das Geld fehlt, fliesst es im militärischen Bereich fast ungehindert, nicht zuletzt in den USA. Und dass Lockheed Martin fähige Köpfe beschäftigt, steht ausser Zweifel. Nicht zufällig spielt dieser Konzern auch ganz vorne mit in der Raumfahrt und Weltraum-Forschung. Und auch der jetzige Informant, das BESA Center, ist ja nicht eine kleine Tageszeitung mit newsgeilen Allerwelts- und hechelnden Lokaljournalisten. Gerade die sehr engen Beziehungen zwischen Israel und den USA, insbesondere auch zwischen der israelischen Luftwaffe und Lockheed Martin – auch die Israel Air Force IAF fliegt den F-35 – könnten durchaus ein Grund sein, warum man am BESA Center in Tel Aviv etwas mehr weiss als anderswo. Einmal mehr: Wenn es um Krieg geht – und das BESA Center ist alles Andere als ein den Frieden suchendes Institut! – sind bahnbrechende technische Errungenschaften keine Seltenheit.
Vorsicht ist angebracht. Warten wir’s ab.
Der BESA-Bericht im Wortlaut als PDF
Originaltext
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Je weniger Flüchtlinge, desto größer die Hysterie

Deutsche Medien berichten zurzeit täglich ausführlich über die dramatische Rettungsaktion von elf thailändischen Jugendfußballern. Aber wo bleiben Berichte über hunderte Flüchtlinge, die allein im Juni im Mittelmeer ertrunken sind?
Von Franz Alt, „Sonnenseite“
Die Zahl der Flüchtlinge geht zurück, doch die Zahl der Ertrinkenden steigt. Flüchtlingshelfer werden kriminalisiert und Rettungsboote mit Freiwilligen werden in Häfen festgehalten, sie dürfen nicht mehr retten. Und die meisten von uns wollen das Thema Flüchtlinge gar nicht mehr hören. Fußball ist ohnehin viel wichtiger als Ertrinkende.
Die Flüchtlingsdiskussion in Deutschland hat mit der Realität schon lange nichts mehr zu tun. (…) Die Großmannsucht, das Ego und die Rechthaberei einiger CSU-Politiker sind viel wichtiger als das Schicksal von Menschen in Not.
(…)
Getrieben von Angst, Egoismus und Machtgier zerstören Politiker, in deren Parteinamen das „C“ steht, jedes Vertrauen in unser demokratisches System. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1 Grundgesetz) gilt nicht für Flüchtlinge. Welch ein Hohn  auf unsere Werte!
Volltext
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Transfers

Von Christoph Kuhn, „Journal21“
Flüchtlingskrise mit absurden Folgen
Zum Lebensinhalt eines an gesellschaftlichen Phänomenen und Entwicklungen interessierten Zeitgenossen gehört es gegenwärtig, sich kontinuierlich mit der Flüchtlingsproblematik zu beschäftigen. Was nicht leicht fällt. Zum einen ist das Problem überaus komplex und infolge dessen denkbar ungeeignet, um in absehbarer Zeit, mit schnell greifenden Massnahmen gelöst zu werden. Das wissen alle. Zum andern überbieten sich Politikerinnen und Politiker aller Couleur darin, abstruse Lösungsvorschläge machtvoll in die Welt hinauszuposaunen, Wunschvorstellungen zumeist, die mit der Wirklichkeit wenig bis nichts zu tun haben, was einem Teil der Posaunisten durchaus bewusst sein wird.
Was dabei erstaunt und schwer zu verstehen ist: Alle Statistiken zeigen, dass wir es mit dem, was in den Medien als „akute Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird, gar nicht zu tun haben. Die Zahl der Menschen, die nach Europa flüchten, nimmt markant ab, die brutalen, teilweise menschenverachtenden Massnahmen, die zu diesem Ergebnis führen, scheinen zu greifen. Was die Vertreter der CDU und der CSU in Deutschland nicht daran hindern konnte, sich über der nicht akuten Flüchtlingsproblematik derart in die Haare zu geraten, dass sie darob das Regieren vergassen. Es ist, als ob die Hysterie in der öffentlichen Auseinandersetzung umgekehrt proportional zu den belegten Fakten steigen würde.
Was weiter auffällt, ist der Eifer, mit dem die Classe politique sich müht, laufend neue Begriffe zu finden, um das, was sie anordnen möchte, schönzureden. So sollen die Gebäude in Deutschland, in denen Grenzüberquerer überprüft werden und die je nach demjenigen, der sie propagiert, mehr einem Ferienlager oder mehr einem Gefängnis gleichen, nach jüngster Sprachregelung „Transferzentren“ heissen, was harmlos tönt, an Fussballtrainingslager denken lässt.
Man spürt beim Versuch, sich ein Bild zu machen, die Informationen zu sortieren, dass man selber die banalsten, die einfachsten Tatsachen aus den Augen zu verlieren droht. Mag es auch pathetisch tönen, man muss es sich doch stetig wieder sagen: Wer da zu uns kommt, als Flüchtling, Migrant, Asylsuchender, Zugewanderter oder wie immer er bezeichnet wird, ist unseresgleichen, ein Mensch, dem mit Respekt zu begegnen ist.
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Töten mit der Technologie von Google

Tobias Tscherrig, „infosperber“
«Google» schmeisst das Motto «Don’t be evil» über Bord und verhilft der US-Armee zu einer Steigerung ihrer «Tödlichkeit».
Aus Protest kündigten kürzlich einige Mitarbeiter von «Google» ihre Arbeitsstelle, andere verfassten ein wütendes Protestschreiben. Die Angestellten, welche die Steuerpraktiken, die Datensammelwut und andere unschöne Google-Praktiken in der Vergangenheit meistens unkommentiert liessen, haben ihr Gewissen entdeckt. Sie befürchten, dass ihre Arbeit zum Töten von Menschen benutzt werden könnte.
Es braucht viel, bis Google-Angestellte protestieren oder ihr Unternehmen verlassen. In Umfragen über die beliebtesten Arbeitgeber landet der Internetkonzern regelmässig auf dem ersten Platz. «Google» lässt sich seine Mitarbeiter einiges kosten: In den extravaganten und stylischen Büros gibt es Billardtische, Flipperkästen, Nintendo-Wii-Konsolen und Hängemattenzimmer. Weiter bezahlt das Unternehmen gute Sozialleistungen und bietet seinen Mitarbeitenden zusätzliche Angebote wie Kinderkrippen und Ähnliches.
Die Firma gilt als trendy und innovativ. Ausserdem macht Erfolg sexy, er zieht vor allem die jüngere Generation an. So führte auch eine Befragung an 100 europäischen Hochschulen überall zum gleichen Ergebnis: «Google» ist der beliebteste Arbeitgeber.
Google spannt mit US-Militär zusammen
Wie der Internetkonzern vor einiger Zeit bekannt gab, stellt er seine künstliche Intelligenz nun auch dem US-Militär zur Verfügung. «Project Maven» heisst die Zusammenarbeit, bei welcher der Konzern dem Militär hilft, die Auswertung von Drohnenaufnahmen mit künstlicher Intelligenz zu beschleunigen und deren Inhalte automatisiert zu klassifizieren. Das ist zu viel für etliche Google-Mitarbeiter: Sie befürchten, dass aufgrund ihrer Arbeit automatische Waffen den Entscheid zum Angriff treffen – und Menschen töten.
Die Zusammenarbeit zwischen «Google» und dem Pentagon kratzt am Image des Konzerns, der «die Informationen der Welt organisieren und allgemein zugänglich und nützlich machen» will. Doch schon Ende 2015 änderte «Alphabet», die Mutterfirma von «Google», ihr Motto «Don’t be evil» («Sei nicht böse») in «Do the right thing» («Tu das Richtige»).
Wegen der Zusammenarbeit mit dem Militär haben gemäss der US-Techseite «Gizmodo» inzwischen ungefähr zwölf Google-Angestellte ihren Job gekündigt. Über 3100 weitere Mitarbeitende haben einen Protestbrief unterschrieben, worin der Konzern unter anderem aufgefordert wird, keine Kriegstechnologien zu entwickeln.
Lukrative Aufträge für Technologieunternehmen
Die Zusammenarbeit mit dem Militär ist nicht der einzige Grund, weshalb «Google»-Mitarbeitende ihre heissgeliebten und begehrten Stellen kündigen. Der Konzern, der seine offene Diskussionskultur in der Vergangenheit oft genug betont und seine Firmenpolitik nach Einwänden von Angestellten auch schon geändert hat, zeigt sich von der Kritik unbeeindruckt.
Statt die Kritik anzunehmen, verteidigte «Google» das Projekt «Maven» als «nicht offensiv». Ausserdem handle es sich bei der Software, die dem Militär zur Verfügung gestellt werde, um Open-Source-Software, auf welche das Pentagon auch ohne Zahlungen an «Google» Zugriff habe.
Die Argumentation, «Maven» sei nicht offensiv, ist falsch. Das Ziel des Projekts ist eine gesteigerte Effizienz bei Drohnenschlägen im Ausland. Das soll erreicht werden, weil – dank der Zusammenarbeit mit «Google» – ein «Analyst künftig zwei, möglicherweise sogar drei Mal so viel Arbeit erledigen kann wie bisher», heisst es in der offiziellen Darstellung des US-Verteidigungsministeriums. Zusätzlich betonte US-Verteidigungsminister James Mattis in der Vergangenheit mehrmals, das Ziel des Projekts sei die Steigerung der Tötungsrate des US-Militärs.
«Google» will aber noch mehr. Der Internetkonzern versucht, weitere Aufträge des Pentagons an Land zu ziehen. Etwa beim Projekt «Joint Enterprise Defense Infrastructure (JEDI)». Dabei geht es darum, dem US-Militär Dienste im Cloud-Bereich zur Verfügung zu stellen. Auch «Microsoft» und «Amazon» – die bereits in einigen Fällen mit dem US-Militär zusammenarbeiten und daraus auch kein Geheimnis machen – bemühen sich um den milliardenschweren Auftrag. Sie alle gehören unterdessen zum einflussreichen militärisch-industriellen Komplex.
Ethik und Moral verschwinden aus dem Silicon Valley
«Google» ist bei Weitem nicht der einzige Konzern aus dem Silicon Valley, der sich auf Geschäfte mit der US-Armee einlässt. Das ist aber nicht das einzige Problem der Konzerne, die sich so gerne einen idealistischen und verantwortungsvollen Anstrich geben. Facebook startete etwa mit dem Ziel, Menschen auf der ganzen Welt zu verbinden. Stattdessen hat es die «Fake News» nicht im Griff und verbreitet unkontrollierte Wahlpropaganda.
Projekt «Maven» ist der nächste Schritt zu einer verhängnisvollen Zusammenarbeit zwischen Technologiekonzernen und Armee: US-Militärs wollen die Erforschung von neuen Technologien, sie wollen den Krieg mithilfe von neuen Waffen und künstlicher Intelligenz revolutionieren. Davon erhoffen sie sich Vorteile auf den Kriegsschauplätzen. Also investieren sie Milliarden und ködern damit Technologieunternehmen.
Originaltext
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Wozu Identität?

von Götz Eisenberg, „Streifzüge“
Jeder Charakter ist ein Irrtum.“
(Friedrich Hebbel)
Ich kenne durchaus keine ‚Identitätsprobleme‘. Dass ich ‚Ungar‘ bin, ist um nichts absurder, als dass ich ‚Jude‘ bin, ist nicht ein Stück absurder, als dass ich überhaupt bin.“
(Imre Kertész)
Alle Welt ist auf der Suche nach Identität. Das Bedürfnis nach ihr hat sich in den letzten Jahren zu einer wahren Besessenheit entwickelt. Ständig „erfinden sich die Leute neu“, „leben ihre Träume“ und kommen dabei nie zur Ruhe. Die Ränder der Wege, welche die Leute auf ihrer rastlosen Suchbewegung beschritten haben, sind von Identitätsfragmenten übersät, die sie abwerfen wie Schlangen ihre Häute. Die Frage „Wer bin ich doch gleich?“ treibt Linke und Rechte, Homo- und Heterosexuelle, Alte und Junge gleichermaßen um und wird auf unterschiedlichste Weisen beantwortet. Firmen bieten ihren Mitarbeitern eine „corporate identity“ an, um sie mit dem Betriebsganzen zu verzahnen und das Letzte aus ihnen herauszuholen. Die politische Rechte legt die Leimrute einer „nationalen Identität“ aus. Diese vermittelt das vage Gefühl der Zugehörigkeit zu einem imaginären Ganzen, das man seit rund zweihundert Jahren „Nation“ nennt. „Ich bin wenigstens ein Deutscher“, können sich jene sagen, die sonst nichts mehr haben. Alle diese Antworten sind partikular und vorläufig und werden bald von neuen Zweifeln angenagt. Aus der Verbannung dieses Zweifels rührt der Fanatismus, der den prekären Identitäten innewohnt.
Reparaturkategorien
Alles ist in der Schwebe und in Auflösung begriffen. Mit der Identität ist es wie mit den „Werten“: Wenn über sie stark geredet wird, ist es eigentlich bereits zu spät. Begriffe wie Sinn, Werte und Identität sind Reparaturkategorien, die auf einen Mangel antworten. Eine intakte, stark integrierte Gesellschaft muss nicht über das diskutieren, was sie zusammenhält. Der Zusammenhalt ist einfach da – wie die Luft, die man atmet. Ein mit sich identischer Mensch wird nicht von permanenten Sinnfragen heimgesucht und muss sich nicht von den Wühltischen der Identitätshändler bedienen. Er lebt sein Leben, das ist alles. Ich stimme Michel Houellebecq zu, wenn er in einem Interview sagt: „Wenn es eine Idee gibt, die all meine Romane durchzieht, dann ist es die Idee von der absoluten Unumkehrbarkeit von Zerfallsprozessen, wenn sie einmal begonnen haben.“ Die Moral wird von der wertzynischen Motorik des Geldes zerrieben und kann nicht synthetisch nachproduziert werden wie Kautschuk. „Erst jetzt tritt ein Problem ins Bewusstsein“, schrieb der inzwischen verstorbene Soziologe Helmut Dubiel, „welches der kapitalistischen Modernisierung zwar seit ihren Ursprüngen immanent ist, das aber im Restschatten einer traditionalistischen Kultur für Jahrhunderte verborgen blieb. Eine auf die Zwecksetzungen des Marktes und der politischen Administration bezogene Modernisierung der Gesellschaft nährt sich – quasi parasitär – von den Beständen einer gesellschaftlichen Moral, die sie innerhalb ihrer Funktionsgesetzlichkeiten nicht mit produziert. Die Organisation ihrer Rationalität stützt sich zwar auf die Fundamente einer Moral, die den Respekt vertraglicher Abmachungen gebietet, die zu Wahrhaftigkeit, Schutz der Schwächeren und Friedfertigkeit auffordert, trägt aber zur Stabilisierung dieser Fundamente selbst nichts bei. Zu diesen Moralbeständen verhalten sich Markt und Administration wie die große Industrie zu den fossilen Brennstoffen: sie werden im Zuge ihrer Expansion verbrannt.“
Mangels fester, kristalliner Bezugspunkte verflüssigt sich alles, die Menschen büßen ihre Gewissheiten und ordnenden Gefüge ein. Es gibt keinen gemeinsamen Nenner mehr, auf den man etwas bringen könnte. Was bleibt, ist der Konsum, der aber seinem Wesen nach nihilistisch ist, keinen Zusammenhalt herstellt und keine stabile moralische Ordnung stiftet. Die einzigen Lösungen für das Individuum ohne Bezugspunkte sind das Auffallen um jeden Preis, die Jagd nach „Distinktionsgewinnen“, wie Pierre Bourdieu die Suche nach immer neuen Selbstinszenierungen genannt hat. Dabei werden sich die Individuen in dem Bemühen, sich unterscheiden zu wollen, immer ähnlicher. Das zeitgenössische Konsumverhalten zielt nicht auf den Besitz von Objekten der Begierde, um sich daran zu erfreuen, sondern macht die Objekte sofort nach dem Kauf obsolet. Der Reiz liegt im Akt des Kaufes, nicht im Besitz und der Pflege des Erworbenen. Der eilige Konsument taumelt, wie Umberto Eco in einer seiner Kolumnen schrieb, „in einer ziellosen Bulimie von einem Kaufrausch zum anderen“. Was eben gekauft und einverleibt wurde, wird gleich darauf erbrochen und weggeworfen. Das ist der Kitt, der die zerbröselnde Gesellschaft notdürftig zusammenhält.
Dabei „kommt’s am Rande des Abgrunds auf Haltung an“, wie man früher an Häuserwänden lesen konnte. Nun könnte man als Linker den Zerfall des libidinösen Kitts der Klassengesellschaft ja begrüßen. Aber das Lachen darüber bleibt uns im Halse stecken, wenn wir gewahr werden, dass die Flüchtigkeit von allem und jedem auch die Widerstandskräfte erfasst und schwächt. Die sozialen Bewegungen der jüngsten Zeit lodern auf wie ein trockenes Reisigbündel, wenn man ein Streichholz dranhält und hineinbläst, und sinken dann ganz schnell wieder in sich zusammen. Die Leute gehen nach Hause und machen weiter wie zuvor. Die Flüchtigkeit weist sie als heutige Bewegungen von heutigen Menschen aus, die von klein auf an die Flüchtigkeit gewöhnt sind. Sie haben nicht die richtige Innenausstattung und das psychische Fundament für die Verfolgung langfristiger Ziele. Seltsamerweise scheint es so zu sein, dass mit dem Zerfall der bürgerlichen Subjektstrukturen sich auch die Tugenden des Widerstands auflösen. Ohne ein Mindestmaß an Ich-Stärke, Symbolisierungs- und Sublimierungsfähigkeit, Geduld und Disziplin – also an Identität – ist eine Veränderung der Gesellschaft nicht zu bewerkstelligen. Vor allem die gute, alte Anstrengung des Begriffs scheint jene zu überfordern, die ihre Hausarbeiten aus Wikipedia-Passagen zusammenmontieren und sich per Twitter und Whatsapp austauschen.
Peter Brückner hat in seinem autobiographischen Buch Das Abseits als sicherer Ort die Dialektik des Begriffs Disziplin mit folgenden, sich scheinbar widersprechenden Sätzen beschrieben: „Nur wer zu nichts Bürgerlichem taugt, taugt auch nicht zum Faschisten“ und: „Wer nicht wenigstens etwas zum Faschisten taugt, taugt auch nicht zum Widerstand gegen den Faschismus.“ Selbstdisziplin ist eine Fähigkeit, die uns von unseren leibseelischen Zuständen unabhängig macht – von Ermüdung, von Schmerz, von Angst, von der Lust und Zerstreuung des Augenblicks. Sie gestattet es uns, an Plänen, Entwürfen, Hoffnungen auch dann festzuhalten, wenn wir zu Umwegen genötigt sind oder hart auf Hindernisse stoßen. „Ein jugendlicher Dissident und Anarchist, der begeistert auf den Pfiff seines Turnherrn reagiert, ist ein überaus peinlicher Anblick; aber wartet nur ab, er wird dabei ‚Herr über sich selbst‘ und über gewisse herrschende Verhältnisse – anders würde er später kein leidlicher Antifaschist.“ Aufgaben erledigen zu können ist auch eine Qualität des Revolutionärs, und zwar unabhängig von der eigenen Motivation, unabhängig davon, wie man sich gerade fühlt, unabhängig von der biographischen Situation und davon, ob es mir gerade Spaß macht.
 Die „gut integrierte Persönlichkeit“
Der Begriff Identität ist von Erik H. Erikson der Philosophie entrissen und in die psychoanalytische Theorie eingeführt worden und dann von dort aus peu à peu in die Alltagssprache eingedrungen, wo er zum verschwommenen Allerweltsbegriff wurde. Er ist einer der Kernbegriffe der sogenannten Ich-Psychologie und weist insofern von Anfang an etwas Affirmatives, auf Anpassung und Integration Abzielendes auf. Der Mensch durchläuft Erikson zufolge in seinem Lebenszyklus verschiedene Etappen, deren Übergänge durchaus mit Krisen verbunden sein können, bis er schließlich den Zustand der Ich-Identität erreicht und den reifen Erwachsenhabitus angenommen hat. Die von Erikson als Endstadium gepriesene „gesunde Persönlichkeit“ weist eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem durchschnittlichen Mittelschichtsamerikaner auf. Eine Identität zu besitzen heißt, sich nach einer Phase des Umherschweifens festzulegen und dann trotz Wandel von Zeit und Gelegenheit grundsätzlich derselbe zu bleiben: einheitlich, handlungsfähig und in die vorgefundene Gesellschaft „gut integriert“. Das Ideal der gut integrierten Persönlichkeit ist illusorisch und ideologisch zugleich, weil die Risse, die durch die äußere Welt verlaufen, auch durch die Individuen gehen.
Eriksons Buch Identität und Lebenszyklus erschien 1959. Wenig später beschäftigte sich der amerikanische Soziologe Daniel Bell mit dem Auftauchen des Massenkonsums, der Zerstörung einer homogenen Wertsphäre und der damit einhergehenden Fragmentierung des Alltags. Wie hängt das zusammen? Warum beginnt man in der Wissenschaft zu diesem Zeitpunkt verstärkt, über Identität und die Probleme des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu diskutieren? Nachgedacht wurde über individuelle und gesellschaftliche Identität erst, als sie in die Krise geraten und von der Furie des Verschwindens erfasst war. Rückblickend erweisen sich die Studien von Daniel Bell als ausgesprochen hellsichtig. Er konstatiert, dass die Einheitlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft zerfällt, die für Bell in ihren Anfängen gegeben war: „In den Anfängen der Moderne verschmolzen bürgerliche Kultur und bürgerliche Sozialstruktur mit einer besonderen, von den Themen Ordnung und Arbeit geprägten Charakterstruktur zu einer klaren Einheit.“ Die Gegenwartsgesellschaft besteht zunehmend aus „disjunktiven“ Bereichen, die jeweils von entgegengesetzten „axialen Prinzipien“ gesteuert werden. Diese Bereiche sind im Wesentlichen: die techno-ökonomische Struktur, die politische Ordnung und die Sphäre der Kultur. Zwischen diesen Bereichen existieren Unstimmigkeiten, die für Widersprüche und Konflikte verantwortlich sind, die Gesellschaft und Individuen zerreißen. Der Bereich der Arbeit und der Produktion basiert auf Effizienz und Nützlichkeit, der Bereich der Politik auf der Idee der Gleichheit und der Teilhabe, der Bereich der Kultur auf Selbstverwirklichung. Politik und Ökonomie, die für den Puritaner und nach seinem Verständnis von Beruf verbunden waren, treten auseinander. Das Sparen war der wichtigste Zug des frühen Kapitalismus. Mit dem Aufkommen des Kreditwesens und der Teilzahlung im Alltag wandelt sich die puritanische Moral des Anfangs und weicht einem kämpferischen Hedonismus: „Erst kaufen, später zahlen!“, propagierten die Kaufhäuser, und die ersten Geldautomaten lockten mit der Parole „Wo ihr wollt, wann ihr wollt“. Das Gefühl des carpe diem griff um sich. Der Kredit hat alles, was Warten, Aufschub von Befriedigung, Reifung und Zurückhaltung erfordert, außer Kraft gesetzt und die Generationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ungeduldig gemacht. Welche Sinngebung soll nun den Fortbestand der Gesellschaft sichern? Die traditionale Charakterstruktur mit ihrem Akzent auf Selbstdisziplin, Aufschub von Befriedigung und Enthaltsamkeit gerät mit den Imperativen des kulturellen und ökonomischen Systems in Konflikt. Gefordert ist nicht länger der „asketisch produzierende Knecht“ (Marx), sondern der süchtige Konsument. Man hat, mit den Worten Daniel Bells, „am Tag ‚korrekt‘ und am Abend ein ‚Herumtreiber‘ zu sein.“ Obwohl Bell ein eher konservativer Mann war, kommt er nicht umhin zu konstatieren, dass es die Dynamik des Kapitalismus selbst ist, die diese Erosionsprozesse hervorruft. Die ständig alles umwälzende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise verschont nichts und macht vor nichts halt. Das ist es, was man Moderne nennt: Übergang als Dauerzustand. Wie sollen Lebensläufe unter solchen Bedingungen eine Identität haben, wenn die Menschen in einer Gesellschaft leben, die aus lauter Trennungen zusammengesetzt ist? Ich komme am Schluss auf diese Frage zurück.
Identität als Kontrollinstanz
Gegen das Konzept des Stillstellens und Einfrierens des Lebensprozesses zu einer Identität regte sich früh Widerstand. Die Bourgeoisie hatte ein starkes Interesse an Normen für das Volk, die das Eigentum der Wenigen sichern, und an Werten, von denen es virtuell eingezäunt wird. Identität erweist sich als hegemoniales Konzept des Bürgertums, das Brückenköpfe im Inneren der Beherrschten errichten möchte. Die neue Klasse der Lohnarbeiter sollte berechenbar und zuverlässig sein, regelmäßig arbeiten gehen und sich das Produkt ihrer Arbeit widerstandslos wegnehmen lassen. Der industrielle Kapitalismus benötigt das Konzept der Identität, das sich uns als Teil eines nach innen gewendeten Kolonialismus erschließt. Oder mit den Worten von Michel Foucault: „Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren.“
Identität ist zunächst einmal ein Polizeibegriff gewesen. Die Herrschenden möchten wissen, wer die Leute sind und wo sie wohnen, damit man sie im Falle ihrer Auflehnung sistieren kann. Sie erhalten eine carte d’identité, wie der Ausweis in Frankreich bis heute heißt. Längerfristig ging es um die Integration der plebejischen Unterschichten in die sich konstituierende bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und die Sicherung der Hegemonie der bürgerlichen Klasse. Im Interesse eines beschleunigten und möglichst reibungslosen Waren- und Geldverkehrs wurden Münzen, Maße und Gewichte, Raum und Zeit, Sprachen und Identitäten vereinheitlicht, regionale oder lokale Unterschiede eingeebnet. Bürgerliche Herrschaft bedarf darüber hinaus eines Mindestmaßes an Homogenität in der neuen Massenbevölkerung. Die Fähigkeit, unter Bedingungen der Entfremdung und Verdinglichung zu leben, wird nicht erst im Erwachsenenalter und dem Eintritt ins Erwerbsleben erworben. Die Voraussetzungen dazu werden in der frühen Kindheit durch die Implantation eines heteronomen Über-Ichs geschaffen, das wie ein Zahnrad die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft bewerkstelligt und die Unmöglichkeit des Lebens unter kapitalistischen Bedingungen für die Menschen möglich macht. In Peter Brückners Buch Psychologie und Geschichte heißt es: „Eine zureichende Ordnung und Stabilität des Systems der Gesellschaft und des Staats kann nur gewährleistet sein, wenn die Funktionen und Gefüge der Person, wenn Psyche, Bewusstsein, Gefühl, Affekt, Triebgewohnheit, Körperlichkeit, Denkneigungen und -formen der Individuen in die Funktionen und Gefüge des Systems partiell einbezogen sind. Was geschieht, wenn diese Verzahnung, wenn der Transfer von Kultur nicht mehr gewährleistet ist?“ Eine Gesellschaft geht in Auflösung über und alles muss mehr oder weniger künstlich und gestützt und gewaltsam aufrechterhalten werden.
Es gab und gibt Menschen – und sie bilden in unseren Gesellschaften die Mehrheit –, denen ihre Identität kostbar ist. Sie möchten für sich selbst und andere berechenbar sein. Ihr Ehrgeiz besteht darin, ihr Leben erwartungssicher und enttäuschungsfest zu machen und gegen alle Unwägbarkeiten perfekt abzuschirmen. Sie leben in einem mürrischen Realismus vor sich hin und bemühen sich, wie Sloterdijk bissig anmerkte, „bei lebendigem Leib so tot wie möglich“ zu sein. Andere Menschen – eher wenige – fühlen sich durch den Identitätszwang ihrer Lebendigkeit beraubt und aufgespießt wie Schmetterlinge. Aus ihrer Sicht werden Menschen in Identitätskäfige gesperrt, aus denen heraus sie alles anknurren und verbellen, was nicht sichtlich ihresgleichen ist und denselben Stall- und Gefängnisgeruch aufweist. Die Aufforderung, erwachsen und mit sich identisch zu werden, bedeutet in den Augen von Künstlern, Schriftstellern, Anarchisten das Ende des Umherschweifens, eine Restriktion des Provozierenden und die Umformung der vagen, begierigen, vielfältigen Emotionen zur Zwangsneurose. „Ich – das ist ein anderer“, heißt es zum Beispiel bei Arthur Rimbaud. Der Dichter fühlt sich bei lebendigem Leib eingesargt, will dem Zwangszusammenhang des bürgerlichen Ich entrinnen, seine „Sinne entregeln“ und sich sehend und sensibel machen. Die Verregelung aller Sinne ist mit der Reduzierung ihrer schöpferischen Vielfalt auf den einen „Sinn des Habens“ verflochten, als die der junge Marx die sinnliche Deformation in der warenerzeugenden Gesellschaft beschrieb. Zu viele Bestandteile des Ich erweisen sich als Nicht-Ich, als verinnerlichtes Äußeres, als Stützpunkte der Herrschaft. Von Rimbaud bis Nizan und Sartre gibt es in der künstlerischen Linken einen Konsens: Eine Identität anzunehmen, gilt als Akt der Anpassung und Unterwerfung. Wem ist es denn außerhalb gewisser privilegierter bürgerlicher Kreise beschieden, seinen Reifungsprozess als glückliche Kontinuität des „ich, ich selbst …“ zu erleben? Die Aufforderung zur Reife enthält etwas Zweideutiges, solange Repression noch zum Herzstück der Kultur gehört. Alles, was ins Prokrustesbett der bürgerlichen Ordnung nicht hineinpasst, wird auf dem Weg ins dunkle Zeitalter des Erwachsenseins abgeschnitten. „Wir ersticken; von Kindheit an werden wir verstümmelt: es gibt nur Monstren!“, formuliert Paul Nizan seinen Protest gegen die bürgerlichen Verkehrsformen und fährt fort: „Polizei, Regierung, Moral, Sünde und Sanktion bewegen ihr [der Menschen, G. E.] Denken. Seele ist, was nicht der Mensch selbst ist, sondern von außen kommt und in ihm lebt. Die Seele ist ein Besitz. Es ist Zeit, von diesen Dämonen befreit zu werden.“ Sein Jugendfreund Sartre stellt lakonisch fest: „Eine Identität haben heißt, sich ein Gefängnis ohne Gitter zu geben.“ Von den zahlreichen Teilpersonen, aus denen wir eingangs des Lebens bestehen, überlebt auf dem Weg zur erwachsenen Identität oft nur eine: das verwertbare Arbeitswesen. Peter Brückner hat diese Erfahrung in seinem autobiographischen Buch Das Abseits als sicherer Ort so ausgedrückt: „Eines Tages schwindet unser Vertrauen in das ‚Verschieden‘, das wir sind; das offene Gelände, unser Atlantis, versinkt.“
Wir leben in einer Kultur, in der, wer als Mensch ernst genommen werden will, sich als Kind zum Verschwinden bringen muss. Wir werden als Viele geboren und sterben als Einer. Das vor allem bedeutet in dieser Gesellschaft Identität.
Anlässlich seines sechsunddreißigsten Geburtstages notierte Eugène Ionesco in sein Tagebuch: „Ich kann mir nicht erklären, wie ich es zulassen konnte, dreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig Jahre alt zu werden. Ich begreife nicht, wie ich an mich halten konnte, um nicht den Versuch zu unternehmen, diese Katastrophe zu verhindern. Ist das im Schlaf über mich gekommen, war ich bewusstlos? Hat man mich betrunken gemacht? Umgekehrte Metamorphose: Ich werde zur Raupe. Wohin ist wohl derjenige verschwunden, der ich war, der ich noch sein muss, das zarte Kind, das neue Wesen, ja der Heranwachsende, der noch etwas von seiner Kindheit bewahrte? Wohin bin ich verschwunden? … Wie hat der liebe Gott zulassen können, dass so etwas aus mir wird! Ich stecke in der Haut eines andern, in den Häuten und den Hautfalten eines andern. Ich habe diese Erfahrung gemacht: Man kann ein anderer werden. Das mag absurd scheinen. Mir bleibt nur das Bedauern, ein anderer zu sein. Und dieses Bedauern macht, dass ich noch immer ich selbst bin oder das Kind, das ich war, das ich bin, oh, meine Farben, die Farben der Welt, mein anderer Himmel, meine andere Welt, meine anderen Meere, mein Kontinent von ehemals!
Alles hat sich verflüchtigt. Ich bin auf einem anderen Planeten, ich gleiche einem Wesen von einem anderen Planeten, ich war ein Mann, ein Kind – und eine böse Fee oder ein übler Zauberer hat mich in einen Bären, in ein Wildschwein, in ein Krokodil verwandelt. Weshalb hat er mich so bestraft? Vielleicht, weil ich an den Nägeln kaute oder in der Nase bohrte. Die Strafe ist unverhältnismäßig hart. Es ist ein Irrtum, ein Alptraum, ich will wieder ich selbst werden, ich bin das Kind … Was tun? Ich ringe die Hände, ich weine, ich heule, vergeblich. Sie sind wirklich bösartig …!
Fern von uns die Gestirne, das unendliche Himmelsblau, die grenzenlose Freude, das Fest.“
Wie viele Vertreter der künstlerischen Avantgarde erlebt Ionesco das Erwachsenwerden nicht nur als Reifung, sondern als Wunschvernichtung, Icheinschränkung und Verinnerlichung von Repression. Unnachahmlich prägnant hat Martin Walser das Resultat der Selbstentfremdung in den Satz gefasst: „Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die schwächste.“
Dialektik der Identität
„Was bloß identisch ist mit sich, ist ohne Glück“, lautet ein Satz Adornos, der gewissermaßen in Pillenform alles enthält, was es zum Thema Identität zu sagen gibt. Das unscheinbare Wörtchen „bloß“ in ihm verweist darauf, dass es einen dialektischen Gegen-Satz gibt, der lauten könnte: Was bloß nicht-identisch ist mit sich, ist ohne Glück. Auf der bisher von mir betonten Seite dieses widersprüchlichen Zusammenhangs erscheinen die Verluste an Lebendigkeit und Glück, die der mit sich identische Mensch erleidet. Die andere Seite ist die: Wir benötigen als Menschen eine psychische Struktur. Als Menschen? Ich muss einschränkend sagen: Als Menschen, wie sie die Vorgeschichte, die eine Abfolge von klassengespaltenen Herrschaftskulturen gewesen ist, hervorgebracht hat. Wie wahrhaft freie Menschen beschaffen sein werden und was sie benötigen, können wir nicht wissen. Noch eine Einschränkung: Unser Bild vom Menschen und das, was wir unter Identität verstehen, ist weitgehend männlich geprägt. Aus weiblicher Perspektive wird sich die Geschichte der Identität als Kolonialgeschichte darstellen: Das von Freud als „dunkler Kontinent“ gefasste Weibliche wurde mit männlichen Ich-Kolonien überzogen. Die Frau galt als auf den Mann bezogenes, relatives Wesen und hatte ihm den Rücken freizuhalten. In schockierender Offenheit bekennt Jean-Paul Sartre im Gespräch mit Simone de Beauvoir: „Was mich im Grunde an Frauen interessierte, war, meine Intelligenz wieder mit Sensibilität zu durchtränken.“ Der Mann, der auf der Jagd nach Erfolg einen Teil seiner Sensibilität eingebüßt hat, beansprucht die Sensibilität und Sinnlichkeit der Frau.
Horkheimer und Adorno haben in der Dialektik der Aufklärung das Gewaltsame männlicher Identitätsbildungsprozesse hervorgehoben: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Verlockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart.“
Die Kosten des Identitätsprinzips bestehen in Ausgrenzungen. Das Gros der Gewalt ist bis heute männlich und dient der Aufrechterhaltung und Absicherung dieser Ausgrenzungen.
Für den bis heute vorherrschenden Menschentypus, der ein Noch-nicht-Mensch ist, gilt: Ganz ins Offene gestellt, droht er sich zu verlieren und „verrückt“ zu werden. Sogar Eichendorffs Taugenichts kennt diese Angst: „Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor und ich so ganz allein darin, dass ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.“ Gleich darauf fängt er sich wieder und der Leichtsinn kehrt zurück. Die Auflösung der Ich-Grenzen, die Identitätsdiffusion, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Manch einem scheint es leichter, sein Leben aufzugeben als seine Identität. Wir brauchen Begrenzungen im Raum und Markierungen in der Zeit. Wir brauchen so etwas wie Identität, etwas, das unseren Trieben Dauer und Form gibt. Aus uns muss eines Tages einer werden, wir können nicht im anfänglichen Stadium der Nicht-Integration verharren. Wir müssen die Phase der fließenden und neugierigen Unentschiedenheit und der prinzipienlosen Suche nach Lust hinter uns lassen und uns auf den Weg der Reifung und des Erwachsenwerdens begeben. Wenn wir nur genauer wüssten, wie man die Einheit der Person produzieren kann, ohne die oben beschriebenen Folgen des Verlustes der Erfahrungs- und Glücksfähigkeit.
Nietzsche hat die Dialektik dessen, was später als Identität gefasst wird, früh erkannt und in der Fröhlichen Wissenschaft so beschrieben: „Dagegen hasse ich die dauernden Gewohnheiten und meine, dass ein Tyrann in meine Nähe kommt und dass meine Lebensluft sich verdickt, wo die Ereignisse sich so gestalten, dass dauernde Gewohnheiten daraus mit Notwendigkeit zu wachsen scheinen: zum Beispiel durch ein Amt, durch ein beständiges Zusammensein mit denselben Menschen, durch einen festen Wohnsitz, durch eine einmalige Art Gesundheit. Ja, ich bin allem meinem Elend und Kranksein, und was nur immer unvollkommen an mir ist – im untersten Grunde meiner Seele erkenntlich gesinnt, weil dergleichen mir hundert Hintertüren lässt, durch die ich den dauernden Gewohnheiten entrinnen kann. – Das Unerträglichste freilich, das eigentlich Fürchterliche, wäre mir ein Leben ganz ohne Gewohnheiten, ein Leben, das fortwährend die Improvisation verlangt – dies wäre meine Verbannung und mein Sibirien.“
Identität ist einerseits ein Gefängnis, andererseits brauchen wir ein Gerüst, an dem wir uns entlanghangeln und orientieren können. Beides stimmt, und aus diesem sich verfilzenden Zusammenhang findet man nur heraus, wenn man die Kraft für eine lebenslange Balancearbeit aufbringt und der Versuchung widersteht, Ordnung durch Weglassen zu schaffen. Die Kunst bestünde darin, eine Balance zu finden „zwischen dem erstarrten und dem rasenden Affekt“, wie es der Psychoanalytiker Bernd Nitzschke ausgedrückt hat. Dazu würde die Fähigkeit gehören, den gesellschaftlich geforderten Zwang, eine einheitlich und geschlossene Persönlichkeit und eine darauf beruhende Vernunft hervorzubringen, vorübergehend außer Kraft zu setzen und sich, wie es bei Nietzsche heißt, „auf Zeiten verlieren“ zu können. Auf dieser Basis könnte sich die Identität eines nicht-faschistischen Bürgers herausbilden, der nicht genötigt wäre, seine verdrängten Triebregungen auf andere zu projizieren und an ihnen zu verfolgen. Jeder starren Identität wohnt eine Tendenz inne, sich gegen andere Identitäten gereizt und streitbar abzugrenzen und im Sinne des „Narzissmus der kleinsten Differenz“ (Sigmund Freud) an der Grenze zur Nachbaridentität die Unterschiede stark zu betonen. Dieser nicht-faschistische Bürger besäße eine dialektische Identitätsstruktur, die man hegelianisch als „Identität von Identität und Nichtidentität“ fassen könnte. In einem emphatischen Sinne reife, dialektische Ich-Funktionen würden ihn instand setzen, Ambivalenzen und Differenzen zu ertragen und nicht lösbare Widersprüche in ihrer Widersprüchlichkeit prüfend bestehen zu lassen. Seine Identität wäre die widersprüchliche Einheit des Vielen, eine lebendige Instanz, durch deren Balancearbeit das psychische mit dem gesellschaftlichen und das gesellschaftliche mit dem psychischen Leben vermittelt wird. Identität wäre also eher die Kontinuität der Brüche als etwas, das ein für allemal bleibt, was und wie es ist. Franz Fühmann hat den „gestockten Widerspruch“ dieser Form von Identität in seinem Trakl-Buch Vor Feuerschlünden so beschrieben: „… doch Kontinuität liegt ja schon in der Person: der sich da wandelt, bleibt auch er selbst; eben: nur auch; aber: doch auch.“
Die Verfechter eines starren Identitätszwangs erinnerte Lothar Baier in seinem Essay Unlust an der Identität zu Recht daran, dass „die wahre Identität früh genug und ganz von allein kommt, und zwar mit dem Tod. Dann ist der Prozess Mensch zu Ende, dann ist er glücklich mit sich selbst identisch. Nur hat er nichts mehr davon.“ Alle, die an die Möglichkeit eines Lebens vor dem Tod glauben, seien an folgende Sätze Robert Walsers erinnert: „Was gibt es für Gründe, sich auf die Reifheit viel einzubilden? … Vielmehr ist uns, die wir leben, recht viel nette, fröhliche Unreife zu wünschen. Reife ist doch der Zustand vor der Fäulnis.“
Der Schauspieler Daniel Minetti schickte mir nach der Lektüre dieses Textes – als Berliner Beitrag zum Thema „Identität“ – ein Gedicht zu, das aus den 1920er-Jahren stammt und das sein Großvater Bernhard Minetti immer wieder mit Genuss vorgetragen hat. Es ist mit Jean de Bourgeois unterzeichnet und heißt „Icke“:
Ick sitze da
und esse Klops,
uff eenmal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
uff eenmal jeht se uff, de Tür.
Nanu denk’ ick, ick denk’ nanu,
Jetzt is se uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und kieke,
und wer steht draußen? – Icke!
 Schlechte Aufhebung
Statt der Geburt eines nicht-faschistischen Bürgers erleben wir gegenwärtig die schlechte Aufhebung des Identitätszwangs und die Herausbildung eines Menschentyps, der den Anforderungen des „flexiblen Kapitalismus“ entspricht. Identität und charakterliche Prägungen werden als dysfunktional abgeschafft, weil sie die grenzenlose Fungibilität und Anpassungsfähigkeit der Menschen einschränken. Der „innengeleitete Mensch“ (David Riesman), auf den die bürgerliche Gesellschaft über weite Strecken ihrer Geschichte gesetzt hatte, war im günstigen Fall durch Urteilskraft, Bildung, Widerstandsfähigkeit und einen gewissen Eigensinn gekennzeichnet. Heute wird dieser innengeleitete Mensch aus dem Verkehr gezogen und durch den flexiblen, außengeleiteten Menschen ersetzt, dessen Lebensgestaltung darauf reduziert werden soll, sich wie Taumelkraut wechselnden Marktwinden zu überlassen und sich den Imperativen des Marktes willenlos und fatalistisch zu beugen. Es herrscht eine durch und durch ökonomistische Denkweise: Die Menschen sollen „wie Trabanten die Sonne des Kapitals umkreisen“, wie der Soziologe Oskar Negt es ausgedrückt hat. Sie sollen nirgends mehr Wurzeln schlagen, ihr Herz an nichts hängen. Stabile Bindungen an Orte und Menschen gelten als eine Art von Behinderung. Rimbauds einst skandalöse Behauptung „Ich ist ein anderer“ gehört heute zur psychischen Grundausstattung des zeitgenössischen Subjekts und könnte von jeder Internetfirma als Werbeslogan verwendet werden. Der „flüssigen Moderne“ (Zygmunt Bauman) entspricht eine fluide psychische Struktur der Individuen, Ich-Schwäche ist zeitgemäß und funktional. Der neue Sozialcharakter erinnert an den Axolotl, eine Art Lurch, der in Mexiko beheimatet ist und dessen Besonderheit darin besteht, dass er nie richtig erwachsen wird, sondern sein ganzes Leben in einem Zwischen- und Schwebezustand verbringt. Der späte Kapitalismus bringt ein gefräßiges, ungeduldiges, auf seinen Spaß bedachtes Erwachsenen-Kind hervor, das sich genüsslich die Flasche geben lässt und für ständige Veränderungen offen ist. Widerstand ist von ihm schwerlich zu erwarten, denn Menschen, die über keine innere Vorratshaltung und Erinnerung verfügen, können keine Vorstellungen von dem entwickeln, wie es sein sollte und wie es anders sein könnte. Der Konjunktiv verschwindet aus ihrem reduzierten Sprachschatz, sie drohen vollkommen „in die Funktionale“ zu rutschen, wie es bei Brecht heißt.
Linke als Modernisierungsgehilfen
Die 68er-Bewegung ist, ohne es zu wollen, zum Vorreiter der flüssigen Phase der kapitalistischen Moderne geworden. Sie hat – ihre eigenen hochfliegenden sozialistischen Ziele verfehlend – Entwicklungen angeschoben, die historisch ohnehin auf der Tagesordnung standen, und so zur Modernisierung archaisch verfasster gesellschaftlicher Teilbereiche beigetragen. Hans Peter Duerr hat dazu angemerkt: „Paradoxerweise hat eben jene Linke, die in den sechziger Jahren für eine Gesellschaft gekämpft hat, in der Sehnsüchte und Lüste ungezügelt ausgelebt werden dürfen, eigentlich ahnungslos für den Klassenfeind gearbeitet. Hegel hätte gesagt, der kapitalistische Profitgedanke hat sich dieser Alternativbewegung bedient, um zu sich selber zu kommen.“
Wie so oft in der Geschichte des Sozialismus vertrat die neue Linke gegen das Bürgertum dessen eigene fortgeschrittenere Phase und verhalf diesem so zu einer fälligen Modernisierung seiner Herrschafts- und Ausbeutungsmethoden. Sie machte sich, wie Adorno früh bemerkte, „zum Sprachrohr der schlechteren Welt gegen die schlechte“. Dass Linke für die Aufhebung des Tanzverbots am Karfreitag eintreten und sogenannte Nachttanzdemos veranstalten, trägt dazu bei, die letzten Barrieren abzuräumen, die dem „hündischen Kommerz“ (Friedrich Engels) noch gesetzt sind, und liefert ein Beispiel für das Einrennen offener Türen. Ein anderes ist die Teilnahme großer Firmen an der Berliner Christopher-Street-Day-Parade. Die Linke hat dem Kapital beigebracht, dass das Festhalten an tradierten Geschlechterrollen dumm und geschäftsschädigend ist. Diesen Typus der Kritik hat Adorno „realitätsgerechte Empörung“ genannt: „Realitätsgerechte Empörung wird zur Warenmarke dessen, der dem Betrieb eine neue Idee zuzuführen hat.“
Gegen die Gesellschaft des konsumistischen Hedonismus hat Adorno letztlich recht behalten, als er darauf hinwies, dass „asketische Ideale heute ein größeres Maß an Widerstand einschließen“ als das „sich Ausleben“ gegen die Repression. Die gegenwärtige Gesellschaft leidet nicht an einem Übermaß an Hemmungen, sondern daran, dass sie gar keine mehr kennt. Angesichts der beschriebenen Tendenzen zur Selbstzerstörung bürgerlichen Verkehrs und kapitalkonformen Abschaffung von Identität nimmt das Festhalten an ihr beinahe rebellische Züge an. Dialektische Identität und Ich-Stärke könnten zu Kampfbegriffen gegen eine Gesellschaft werden, die auf den allseits anschlussfähigen und kompatiblen Menschen setzt.
Dennoch sollten wir, solange rechte Populisten den verstörten und verunsicherten Menschen eine „nationale Identität“ als Lösung anpreisen, an unserer Kritik am Identitätsprinzip festhalten und nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass die Idee nationaler Identität in der Regel mit dem Phantasma der ethnischen Reinheit verknüpft ist, in deren Namen die schlimmsten Barbareien begangen wurden und werden.
Originaltext
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Mondo Plastico?

Alexander Klose,“Berliner Gazette“
Wie der Kunststoff in die Welt kam und sie grundlegend verändert hat
Wir leben in einer Zeit, in der synthetische Kunststoffe die Vorherrschaft übernommen haben: Behälter, Werkzeuge, Oberflächen – der Großteil der Gegenstände des täglichen Lebens werden seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Plastik überzogen, aus Plastik nachgeschaffen, oder traten als gänzlich neues, aus Kunststoff geformtes Phänomen erstmals in die Welt. Kann man tatsächlich von einem neuen Zeitalter sprechen? Der Kulturphilosoph Alexander Klose begibt sich auf eine Spurensuche.
*
In fast demselben Umfang, in dem Plastikgegenstände in die Kultur gelangen, treten sie aus dieser auch wieder heraus, und zwar als Plastikmüll, der seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in enormen, mit dem globalen Anwachsen materiellen Wohlstands kontinuierlich sich steigernden Mengen in die Ökokreisläufe eingespeist wird. Dort zerfällt er zwar durch mechanische Einwirkungen, wird aber nicht oder jedenfalls in kaum nennenswertem Umfang zum Gegenstand organischer Zersetzungsprozesse. Obwohl organischen Ursprungs verhält sich das Plastik vielmehr wie ein Mineral. Von Tieren und Strömungen transportiert und von Naturgewalten zerrieben, zirkuliert es in Mikropartikeln und lagert sich als Sedimentschicht ab.
Aufgrund seiner langen Dauer und nachhaltigen Auswirkungen liegt es nahe, dieses Nachleben der Kunststoffe als Phänomen im Zusammenhang mit dem neuen menschengemachten Erdzeitalter zu betrachten, in das wir nach Auffassung führender Experten eingetreten sind. Ob die Akkumulation von Plastikpartikeln in der planetaren Ökosphäre geohistorische Dimensionen aufweist, sei dahingestellt. So wie die Frage, ob es sich bei den unter der Bezeichnung Anthropozän zusammengefassten Phänomenen tatsächlich um eine geohistorische Zäsur handelt, weiter Gegenstand von geologischen Fachdiskussionen bleibt. Kulturgeschichtlich soll an dieser Stelle nur die Behauptung festhalten werden: Wenn mit der Jungsteinzeit (dem Neolithikum) vor etwa 12.000 Jahren das begonnen hat, was wir als Kultur be- und aufzeichnen, gefolgt von Bronze- und Eisenzeit (an die man materialgeschichtlich noch eine moderne Stahlzeit anfügen könnte), dann befinden wir uns heute in der Plastikzeit.
Wie aber lässt sich diese Plastikzeit oder Zeit des Plastiks einordnen? Und welchen zeitlichen Gesetzen gehorcht sie selbst? Sie als (vorläufigen) Höhepunkt des Zivilisationsprozesses und der mit ihm einhergehenden Beherrschung der Natur zu feiern, wie es die euphorischen Diskurse um das neue Material in der Mitte des letzten Jahrhunderts nahelegten, scheint vor dem Hintergrund heutiger Gewissheiten wissenschaftlich und vor allem moralisch untragbar (obgleich vielleicht genau deswegen ein zweites Hindenken wert). Aber sie als einen Fehler zu behandeln, den es lediglich, im Rahmen des Möglichen zu korrigieren gelte, wird ihrer Realität ebenso wenig gerecht. Zudem evoziert diese reparierende Haltung gegenüber den Exzessen der Moderne, man habe die Dinge weiterhin so in der Hand wie man das in ihren Hochzeiten annahm, man befände sich also weiterhin in demselben, prinzipiell progressiven Geschichtsprozess. Vor dem Hintergrund der heutigen Diskussionen um einen Epochenwechsel und dessen Folgen scheint es vielmehr nahezuliegen, das plastic age als Teil dieses epochalen Bruchs zu begreifen. Eines Bruches, der zu neuen Ontologien und Mythologien, zu neuen Materialien und zu einem neuen Verständnis ihrer Verhältnisse zueinander führt.
Geomimetik: Neue Materialien erschaffen
Im Glauben an die gestalterischen Chancen und Verantwortungen der Gegenwart plädiert die Künstlerin Yesenia Thibault-Picazo dafür, unsere Zeit als Beginn „einer neuen Welt mit neuen Materialien“ zu verstehen und fragt, ob „diese neue geologische Gegenwart vielleicht als moderner Mythos, als Kosmologie betrachtet werden“ kann. In ihrem materialforschenden Vorgehen lässt sie sich inspirieren von der Geomimetik. Unter diesem Begriff fasst man Verfahren aus Industrie und Wissenschaft zusammen, mit denen man das Einwirken geologischer Kräfte imitiert, um „neue Materialien nach dem Vorbild der Mineralwelt herzustellen“.
Die Geste, sich an den Anfang einer neuen Zeit zu setzen und diesen Anfang mit neuen Technologien und Materialien zu begründen ist nicht sonderlich neu, man denke an den Aufbruch der klassischen Modernen in bildender Kunst und Architektur in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts. Ebenso wenig ist es neu, spekulative Gedanken über eine mögliche oder gewünschte Zukunft zum (bisweilen sogar staatstragenden) Fundament der Gegenwart zu erklären. Sehr wohl neu erscheint aber eine Herangehensweise, die auch Materialien zum Gegenstand einer Zukunftsspekulation werden lässt, die zudem nicht nur die Zeit von deren Entstehung sondern auch die von deren Verfall mit einbezieht. Das ist die Herangehensweise und zeitliche Perspektive der Geomimetik.
„Was bedeutet es, dass wir durch unsere kollektiven Handlungen mit der Zeit zu einer geophysischen Kraft geworden sind (…)?“, fragt Yesenia Thibaut-Picazo in einem Katalogbeitrag zur Ausstellung Willkommen im Anthropozän des Deutschen Museums in München. „Dass wir bestimmte Elemente (…) in so großen Mengen in die Natur einbringen, dass sie sich in neuen Sedimentschichten ablagern und so zu einem Teil der Erdoberfläche werden? Diese langsame geologische Entwicklung erweckte mein Interesse und führte dazu, dass ich aus den am weitesten verbreiteten Materialien unseres Zeitalters Mineralien herstellen wollte – ein Prozess, der sonst der Natur überlassen bleibt.“
Im Rahmen des Programms Textile Futures des College of Art and Design, London, entwickelte Thibaut-Picazo das Projekt „Handwerk im Anthropozän“. Unterstützt wurde sie dabei von dem Geologen Jan Zalasiewicz, einem der führenden Vertreter des internationalen Anthropozän-Diskurses. Im Labor ahmte sie Prozesse natürlicher Erosion und geologischer Transformation nach. Dabei arbeitete sie mit Knochenmehl, Aluminium und Plastik, die sie als Rückstände menschlicher Tätigkeiten in der Natur fand. Es entstand eine Reihe von spekulativen Materialproben, welche die Künstlerin zu einem Tableau anordnete, dem „Kabinett der anthropogenen Materialien“.
Die pazifische Plastikkruste
In einem zweiten Schritt entwickelte die Künstlerin für die von ihr untersuchten und bearbeiteten Materialien Szenarien für deren Gebrauch in einer weit in der Zukunft liegenden Kultur. Über das zukünftige Schicksal des Plastiks malte sie sich das Entstehen einer Pacific Plastic Crust (PPC) aus: Als Resultat der Sedimentation der in unserer Zeit in gigantischen Mengen in die Meere eingebrachten Plastikpartikel werde sich diese flächendeckend über Teilen des Meeresgrundes gebildet haben und im Zuge langwieriger geologischer Umwandlungsprozesse zu einem der wertvollsten Mineralienreservoirs geworden sein.
Auch in der Reflektion der Herkünfte und Konsequenzen menschlicher Entwicklung und menschlichen Handelns haben sich die zeitlichen Horizonte in den letzten Jahren deutlich vergrößert und vervielfältigt, insofern die Eigenzeiten der Dinge und Materialitäten, die unsere Lebenswelten formen, einen größeren Stellenwert im Denken erhalten. Bis zu dem Punkt, dass der menschliche Körper nicht mehr als abgeschlossen gegenüber seinen Umwelten gedacht wird, sondern als Komposition aus den Prozessen und Entwicklungszeiten all der Materialien, die ihn bilden: „der Mineralität unserer Knochen, dem Metall unseres Blutes oder der Elektrizität unserer Neuronen“, wie es die Sozialwissenschaftlerin Jane Bennett ausdrückt; und als Zusammenspiel all der Organismen, die seine komplexen Organe formen und ihr Funktionieren ermöglichen: Bakterien, Viren, Pilzen. So reicht eine evolutionäre Zeit des Organischen und sogar des Anorganischen in die jüngeren anthropologischen Selbstbeschreibungen hinein. Der Philosoph Manuel De Landa beschreibt diesen Vorgang in seinem Buch A Thousand Years of Nonlinear History als Mineralisierung:
„In the organic world (…), soft tissue (gels and aerosols, muscle and nerve) reigned supreme until 500 million years ago. At that point, some of the conglomerations of fleshy matter-energy that made up life underwent a sudden mineralization, and a new material for constructing living creatures emerged: bone. It is almost as if the mineral world that had served as a substratum for the emergence of biological creatures, was reasserting itself, confirming that geology, far from having been left behind as a primitive stage of the earth’s evolution, fully coexisted with the soft, gelatinous newcomers. Primitive bone, a stiff, calcified central rod that would later become the vertebral column, made new forms of movement control possible among animals, freeing them from many constraints and literally setting them into motion to conquer every available niche in the air, in water, and on land. And yet, while bone allowed the complexification of the animal phylum to which we, as vertebrates, belong, it never forgot its mineral origins: it is the living material that most easily petrifies, that most readily crosses the threshold back into the world of rocks.“
Die Frage nach der Materialität von Plastik, wie sie in den nachfolgenden Überlegungen gestellt wird, verortet sich auf den von De Landa heraufbeschworenen Prozessen, die im Verlauf der Geschichte des Lebens zwischen dem Bereich des Organischen und des Anorganischen abgelaufen sind (und die die Gültigkeit dieser kategorischen Unterscheidung selbst infrage stellen): Vitalisierung des Steins, Mineralisierung des Fleisches. „Walking, talking minerals,“ schreibt Jane Bennett in Reaktion auf de Landas Theorien. De-Mineralisierung und Re-Mineralisierung des Organischen: Erdöl, die prima materia unserer Zeit, ist ein in geologischen Prozessen über hunderte Millionen Jahre komprimiertes Archiv vormenschheitsgeschichtlichen organischen Lebens. Die chemische Vielfalt der Pflanzen und Tiere dieser Vorzeit, deren Molekülketten „vergleichsweise reich geschmückt und dekoriert“ waren, wie es in einem Einführungstext in die Polymerchemie auf der Website der TU Braunschweig heißt, wurde im Laufe des langen Transformationsprozesses zu (sehr vielen verschiedenen) Kohlenwasserstoffketten reduziert (und zugleich energetisch konzentriert). Nimmt man aus jenen neuen Verbindungen auch noch den Wasserstoff weg, erhält man Kohle oder Diamant.
Plastik als Alien matter
Einige der Kohlenwasserstoffverbindungen des Erdöls bilden die Ausgangssubstanzen der synthetischen Kunststoffe. In zeitlicher Hinsicht sind diese eine ziemlich vertrackte Sache, die voller Widersprüche und Extreme steckt: Plastik ist zugleich ein Stoff für den schnellen Gebrauch und einer, der nicht vergeht, als ob in ihm das vorsintflutliche Alter seines Herkunftsmaterials insistieren würde. Plastik ist von unschätzbarem Wert für die modernen Gesellschaften, weil es den Konsum dessen schnell und einfach verfügbar gemacht und allen Schichten zugänglich gemacht hat, was vorher der Sphäre des Luxus vorbehalten war: der Ästhetik, des Funktionalismus, des schönen Spiels. Zugleich ist es als Material fast nichts wert, denn es kann so billig in Massen hergestellt werden, dass seine Materialkosten praktisch nicht ins Gewicht fallen. Darum kann, ja muss man dieses Material so leichthändig wegwerfen.
1958 entsteht unter der Regie von Alain Resnais, der nur ein Jahr später als einer der radikalsten Filmer der Nouvelle Vague berühmt werden sollte, ein Film, der versucht, diesem Mechanismus entgegenzuwirken, indem er die kulturelle Leistung der Plastikherstellung in den Vordergrund stellt. Es handelt sich um einen dreizehnminütigen Dokumentarfilm über Wesen und Herkunft des Plastiks, der im Auftrag eines französischen Industriekonsortiums entstand. Sein Titel, Le chant du styrène (Der Gesang des Styrols), verweist auf den ebenso schönen wie gefährlichen Gesang der Sirenen (Le chant de sirènes) im antiken Mythos des Odysseus. Den begleitenden Text in Reimform dichtet Raymond Queneau, der sich in den Zwanzigerjahren im Umfeld der Surrealisten bewegt hatte. Der Film verfolgt eine Art mythogenetischer Rückwärtsbewegung: von den neuen, phantastischen und verführerischen Welten aus Plastik, mit denen er beginnt, über den demiurgischen Prozess der Formungen und Pressungen in der Kunststofffabrik bis in die Herstellung der Grundbestandteile des synthetischen Materials aus dem Rohstoff Öl in der Raffinerie.
Alltäglich und magisch
Plastik sei „die erste magische Materie, die zur Alltäglichkeit bereit ist“ hatte der Kulturtheoretiker Roland Barthes bereits einige Jahre vorher in einem Text mit der schlichten Überschrift „Plastik“ geschrieben und 1957 in dem einflussreichen Essayband „Mythen des Alltags“ veröffentlicht.
„Ein Luxusgegenstand ist immer mit der Erde verbunden und erinnert stets auf eine besonders kostbare Weise an seinen mineralischen oder animalischen Ursprung, das natürliche Thema, von dem er nur eine Aktualität ist. Das Plastik geht gänzlich in seinem Gebrauch auf; im äußersten Fall würde man Gegenstände erfinden um des Vergnügens willen, Plastik zu verwenden.“
Bekanntlich hat man dies seit jener Anfangszeit in großem Stile getan, und tut es noch. Heute sehen wir die Misere, die aus der Erdunverbundenheit des Plastiks erwächst: Der Wunderstoff der fortschrittsfrohen Nachkriegsjahrzehnte hat sich in eine alien matter verwandelt, die den Planeten heimsucht mit ihren fremden Zeitlichkeiten. So wunderbar bereitwillig und magisch anmutend sie in die Welt gekommen ist und fast jede gewünschte Form angenommen hat, so hartnäckig hält sie sich jetzt darin fest. Sie kehrt als Wiedergänger der Konsumkultur zurück und bewirkt als Kollateraleffekte ihrer Sedimentations- und Diffusionsprozesse Veränderungen, über deren Ausmaß und Qualität wir erst langsam Klarheit erlangen. Der österreichische Dokumentarfilmer Werner Boote zeigt dies in seinem Film Plastic Planet. Die dunkle Seite der Kunststoffe auf eindrückliche Weise. Ebenfalls aufschlussreich in diesem Zusammenhang der Film Plastik – Fluch der Meere der investigativen Journalisten Friedemann Hottenbacher und Max Mönch.
Plastik zirkuliert in allen Flüssen, Seen und Meeren der von der Konsumkultur erfassten Zonen der Erde, wie vermutlich im Blut fast jedes Menschen dieser Gegenden. Es findet sich aber auch in den abgelegensten Winkeln wie in der Antarktis oder auf dem Himalaya. Ein Ozean gilt heute als sauber, wenn sich im Magen der dort gefundenen Vögel durchschnittlich weniger als zehn Plastikteilchen befinden. Plastik bildet eine hydrophobe Umwelt, das heißt, es verbindet sich nicht mit dem Wasser sondern es stößt es ab. Dafür wirken Plastikmikroteilchen „wie Magneten“ auf im Wasser gelöste Schadstoffe. Die Meeresbewohner, die diese kontaminierten Plastikteilchen fressen, scheiden das Plastik zwar wieder aus. Ihre Organismen aber nehmen die Schadstoffe auf, die über die Nahrungskette vielfach angereichert letztlich auf unseren Tellern landen.
Eine weitere unheimliche Qualität der synthetischen Kunststoffe und der mit ihnen verarbeiteten Substanzen (Weichmacher, etc.) ist, dass manche von ihnen als „falsche Boten“ agieren. Sie geben Informationen an die mit ihnen in Berührung kommenden Organismen ab und greifen so in deren Hormon- oder Zentrales Nervensystem ein, obwohl sie dazu gar nicht befugt sind. Für eine derartige, xenobiotisch genannte Wirkung reichen schon geringste Dosierungen aus. Plastik ist also eine Substanz, die – obgleich aus Kohlenstoffmolekülen synthetisiert und in makromolekularen Strukturen aufgebaut wie Pflanzen und Tiere – zugleich zu wenig organisch ist, um sich in die bestehende Ordnung des Lebens einzufügen und noch zu viel organisch, um klar als Angehörige einer anderen Materialgattung erkannt und behandelt zu werden.
Die Arbeit der Zeit
Der sehr langen Zeitdauer der Entstehung seines Ausgangsmaterials Erdöl korrespondiert im modernen petrochemischen Prozess eine nie dagewesene Beschleunigung: Mit Hilfe von Katalysatoren setzt die industrielle Chemie stoffliche Umwandlungsprozesse, die geogeschichtliche Zeitdimensionen von Hunderttausenden oder gar Millionen Jahren beanspruchten, in Vorgängen fort, die in Tagen, Stunden oder sogar nur Minuten gemessen werden. Menschliche Technik vollendet oder übernimmt das Werk der Geologie. Eine kurz getaktete Zeit der Herstellung durch technische Verfahren tritt an die Stelle der langen Dauern der Entwicklung und der Umwandlung. Folgt man den Analysen des vergleichenden Religionswissenschaftlers und Mythenforschers Mircea Eliade, ist der Wunsch, Kontrolle über die Dauer organischer und mineralischer Prozesse zu erlangen mitnichten eine moderne Erfindung. Bereits die Schmiede der Eisen- und Bronzezeit hätten ihrem Selbstverständnis gemäß in den Rhythmus natürlicher Entstehungsprozesse beschleunigend eingegriffen, wenn sie die „im Leib der Erdmutter“ „wachsenden“ Mineralerze als Embryonen begriffen und sich selber als Geburtshelfer, die der Erde dabei behilflich wurden „schneller niederzukommen“.
Nimmt man diese Perspektive der vor- und frühzeitlichen Metallurgen ein, scheint es nahe zu liegen, auch die im Erdinneren reifenden Erdölreservoirs als Früchte der Erde zu begreifen, die einem mineralischen Umwandlungsprozess unterliegen, und denen heute, mit den Mitteln moderner Technik, zu einer beschleunigten Niederkunft verholfen wird. Im Widerspruch zu der geläufigen Fortschrittserzählung, nach der die modernen Wissenschaften der Chemie und Physik mit den auf mythischen und religiösen Wissensformen aufbauenden Theoremen ihrer Vorläufer restlos gebrochen haben, setzt nach Eliade die Ideologie des modernen Fortschrittsglauben zentrale Elemente des Projekts der Alchemie fort, namentlich den Wunsch, die Zeit selbst zu beherrschen, indem man die Arbeit der Natur übernimmt. In seiner 1956 erstveröffentlichten klassischen Studie Forgerons et Alchimistes (hier zitiert nach der 1980 in zweiter Auflage auf Deutsch erschienenen Übersetzung) führt Eliade aus:
„In diesem, von den physikalisch-chemischen Wissenschaften und vom industriellen Aufschwung beherrschten 19. Jahrhundert, gelingt es dem Menschen, sich in seinem Verhältnis zur Natur an die Stelle der Zeit zu setzen. Damit erfüllt sich, in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß, sein Wunsch, den zeitlichen Rhythmus durch eine immer schnellere und wirksamere Nutzung der Bergwerke, Steinkohlengruben und Ölvorkommen zu beschleunigen. Vor allem aber macht die restlos mobilisierte organische Chemie, im Bestreben, das Geheimnis der mineralischen Grundlagen des Lebens zu erforschen, die Bahn frei für unzählige „synthetische“ Produkte, und man kann nicht anders, als gewahr zu werden, daß diese zum ersten Mal die Möglichkeit bieten, die Zeit aufzuheben und im Laboratorium oder in der Fabrik Stoffe in Mengen herzustellen, für welche die Natur Jahrtausende gebraucht hätte.“
Die erfolgreiche Übernahme des Werks der Naturkräfte durch die technologisch aufgerüsteten Menschen der Moderne aber hat einen Preis. Mit dem Vermögen wechselt auch die Verantwortung für die angeeigneten Prozesse. Um noch ein letzesmal Eliade zu Wort kommen zu lassen: „Es war unmöglich, sich an die Stelle der Zeit zu setzen, ohne zwangsläufig dazu verurteilt zu sein, (…) ihr Werk selbst dann zu tun, wenn man kein Verlangen mehr danach hatte.“ Die dunklen Seiten des plastic age sind Ausdruck dieser neuen, weder hinreichend bedachten noch übernommenen Verantwortung für die nachkulturelle Existenz der Kunststoffe, für ihr von keines Menschen Verlangen (und offensichtlich auch von zu wenig anderen Organismen) getragenes Nachleben als Abfall, Mikropartikel und Sediment.
Die Plastikzeit ist eine alchemistische Zeit. Weder ihre Erfolge noch die durch sie hervorgebrachten Probleme lassen sich auf eine Dimension technischer Machbarkeit reduzieren. Alte Mythen lehren uns, dass neue Wesen leichter in die Welt gebracht sind als sie aus ihr wieder heraus befördert werden. Schöpfung ist eine schnelle Angelegenheit, ihre Eingliederung obliegt der Zeit – des Mythos, der Geschichte, der Evolution, der Erosion und der Sedimentierung. Gehört Plastik zu einer Geschichte des Organischen oder des Mineralischen? Vermutlich beides. Vielleicht wird man in Zukunft das geologische Alter des Öls wertschätzen lernen müssen. Vielleicht wird man eine neue Kategorie finden, die das Soziale, das Organische und das Mineralische ineinander verschränkt, um der organisch-mineralischen KulturNatur des Plastiks gerecht zu werden.
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Schöne neue Welt: Mutmassungen über Zukünftiges

Hans Steiger, „infosperber“
Seit 100 Jahren geht das Abendland unter. Zukunft heisst neue Ängste. Droht die Apokalypse jetzt? Drei differenzierte Diagnosen.
Manchmal ärgere ich mich selbst, dass mich das Thema nicht loslässt – die Furcht vor vermeintlichem Fortschritt, der mit Zerstörung von Gegenwart und Zukunft erkauft wird. Durch kleine praktische Konsequenzen sowie das tagtägliche mediale Gerede über sie rückt die Digitalisierung zunehmend ins Zentrum. Vielleicht zu Unrecht. Doch wir haben uns hier derzeit wohl alle am spürbarsten in technischen Netzen verfangen.
100 Jahre «Untergang» – aktuell?
Ausgangspunkt der zu beschreibenden Lesetour war ein neues Buch von Arno Bammé: «Die Apokalypse denken, um den Ernstfall zu verhindern». Der vielseitige Publizist leitete lange das Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität, war in einem «Ökotopia-Projekt» beteiligt, gibt die Buchreihe «Nordfriesland im Roman» mit heraus. Auch an der von Bazon Brock in Berlin gegründete «Denkerei» mit ihrem «Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen» ist er beteiligt. Die dort erarbeiteten Texte klingen keineswegs unernst: «Warum Gesellschaften kollabieren», «Schöpfer der zweiten Natur. Der Mensch im Anthropozän». Als der emeritierte Professor gebeten wurde, sich mit Blick auf 2018 intensiver mit Oswald Spengler und der «epochemachenden Schrift» über den «Untergang des Abendlandes» zu befassen, sagte er interessiert zu. Geprüft werden sollte, ob in ihr noch Aktuelles stecke. Daraus wurde ein Essay, der weit über die Frage hinausreicht, was der noch 100 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes bekannte Titel in unseren Köpfen auslöst und wer seitdem solche Visionen gesellschaftlicher Zusammenbrüche weiter verfolgt hat.
Schon auf dem Umschlag steht, derartige Untergangsprophetien – bereits die biblische Apokalypse von Johannes war eine – sowie Hinweise auf «ungeheure Gefahren» seien «aktueller denn je, auch wenn sie heute etwas völlig Anderes bedeuten». Nicht nur der im Untertitel erwähnte Peter Sloterdijk kommt als ein neuerer Denker vor, der sich mit verdrängten Zukunftsszenarien befasst. Eindrücklich erinnert wird an Günther Anders und dessen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Atomzeitalters. Ein ganzes Kapitel befasst sich mit ihm und unserer «Apokalypse-Blindheit». Der nach der Exilzeit wieder in Wien lebende Philosoph prägte den treffenden Begriff in den 1950er-Jahren «angesichts der Tatsache, dass die Menschheit einerseits über die technische Möglichkeit verfüge, sich selbst auszulöschen, diesem gattungsgeschichtlichen Novum andererseits aber mental in keinerlei Weise gerecht werde». Bei der Atombombe und andern Nutzungen der Kernenergie merkten inzwischen viele, «dass wir der Perfektion unserer Produkte immer weniger gewachsen seien» und «mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können». Auch in den medialen Bereich stiess Anders in seiner Studie über die «Antiquiertheit des Menschen» früh vor. Gern läse ich von ihm ergänzende Notizen zur aktuellen Entwicklung der Digitalisierung! Er starb 1992.
Bedenken, nicht alles glauben
Was die rosa Version der schönen neuen Silicon Valley-Welt betrifft, reichten mir die Zitate zu den Visionen von Ray Kurzweil, sein «Homo S@piens» und auch «Menschheit 2.0: Die Singularität naht» muss ich nicht lesen. Er gestaltet unsere Zukunft bei Google mit und rechnet für sich bereits mit ewigem Leben. Das vergleichend daneben oder eher dagegen gestellte Buch aber beschaffte ich mir: «Homo Deus» von Yuval Harari. Bammé merkte an, dass es nicht nur «in einer angenehm lesbaren, auch für Laien verständlichen Sprache» teils «sehr komplizierte Sachverhalte» darstellt, sondern auch zentrale Fragen formuliert. Etwa die: «Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir selbst?» Das beschäftigt offensichtlich viele. Der immerhin 500 Seiten starke, im besten Sinn populärwissenschaftliche Wälzer, dessen deutsche Ausgabe zu Beginn des vergangenen Jahres erschien, hatte im Dezember bereits die 12. Auflage erreicht.
Der an der Oxford University promovierte, nun in Israel wirkende Historiker hatte schon zuvor einen in fast 40 Sprachen übersetzten Bestseller verfasst: «Eine kurze Geschichte der Menschheit». Diese zu lesen ist keine Voraussetzung für das Verständnis der jetzt vorgelegten Mutmassungen zur Zukunft, denn der Weg in unsere Gegenwart wird im Schnelldurchgang skizziert, locker und anschaulich, mit oft überraschenden Bildern illustriert. So findet sich neben dem hehren Gott, der ein Pharao im alten Ägypten für seine Untergebenen eben auch war, ein Foto von Elvis Presley. «Marken sind keine Erfindung der Neuzeit.» Dass der Autor ein freier Denker sein will, markiert er gern mit Provokationen auf alle Seiten: «Liberale, Kommunisten und Anhänger anderer moderner Glaubensrichtungen mögen es nicht gerne, wenn man ihr eigenes System als Religion bezeichnet, denn sie setzen Religionen mit Aberglauben und übernatürlichen Mächten gleich.» Dabei stünden sie einfach für je eigene Systeme moralischer Gesetze. Daran wird sich vielleicht erinnern, wer beim letzten Kapitel angelangt ist, in dem es um «die Datenreligion» geht, den Dataismus. Dieser habe, nachdem die Beliebtheit und Macht der Moralreligionen schwinde, beste Aussichten, die Welt zu übernehmen. Derzeit breite er sich auf alle wissenschaftlichen Disziplinen aus. «Ein einheitliches Paradigma kann leicht zu einem unangreifbaren Dogma werden.» Dessen kritische Überprüfung werde vermutlich die grösste intellektuelle Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Digital getriebene Globalisierung
Auf den ersten Seiten wird der Anbruch des dritten Jahrtausends noch als Illusion des Aufbruchs in eine heilere Welt beschrieben. Es schien gelungen, Hunger, Krankheit und Krieg im Zaum zu halten. Vorbei die Zeit der politischen Polarisierung. Höchstens ferne Erinnerungen trübten das Traumbild: «Da war irgendwas mit Stacheldraht und riesigen Wolken, die aussahen wie Pilze.» Eine neue globale Agenda lag vor uns. Fortschritte in allen Bereichen machten alte Probleme lösbar, dank Bio- und Informationstechnologien rückten auch Unsterblichkeit und künstliche Intelligenz in die Nähe des Realen. «Homo Deus» eben. Viele fanden das allerdings nicht geheuer: «Kann bitte mal jemand auf die Bremse treten?» 2001 dann der terroristische Schock. 2008 offensichtliche Krisen. Die existenziellen Ängste kehrten zurück.
Bei der Klimafrage kam es in Paris zum erhofften internationalen Konsens, doch viele der Entscheide, die es zur Erreichung der Ziele braucht, reichte die Politik mit den dazu gesetzten Fristen gleich an die nächste Generation weiter. Wachstumsgläubige hoffen dabei nicht nur auf ein Wunder, «sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass dieses Wunder geschieht». Erwartet wird es in der Regel im Bereich von Wissenschaft und Technik. Irgendwann. «Die meisten Präsidenten, Minister und CEOs, die die Welt regieren, sind ausgesprochen rationale Menschen. Warum sind sie bereit, sich auf ein solches Vabanquespiel einzulassen?» Weil es nicht mehr um ihre persönliche Zukunft geht? Weil sie im Notfall auf Hightech-Archen für die Oberschicht setzen? «Und was ist mit den Armen? Warum protestieren sie nicht?» Weil sie mit im Hamsterrad sind.
Nebenwirkungen im Vordergrund
Ergänzend möchte ich «Internetgott» von Joël Luc Cachelin empfehlen. Darin wird nicht nur «die Religion des Silicon Valley» auf sehr eigenwillige Art vorgeführt, auch unsere vielfältige Verstricktheit mit dieser ist ein Thema, wenn nicht gar das zentrale. Sie wird Leserinnen und Lesern aus der Schweiz mit oft unheimlich anheimelnden Wendungen bewusst gemacht. «Google sieht mehr als die Migros und diese mehr als die Bäckerei am Dorfplatz.» Doch natürlich bin ich mit meiner Cumulus-Card längst in jenem roten Bereich, dem ich mich durch den Verzicht auf ein Smartphone zu entziehen versuche. Gerade als Verweigerer käme ich künftig voll ins Visier smarter Kontrolle. Wenn «die Digitalisierung als Megaerzählung» alle «politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technologischen Realitäten» prägt, rückt ein Ausscheren in die Nähe des Terrors. Bei meinem Jahrgang würde es wahrscheinlich noch als Altersstarrsinn, nicht als Akt der Rebellion taxiert. Darum kann ich mich über die Zwänge rundum nur ärgern, muss mich nicht fürchten. Doch es geht schnell voran. «Wir erleben Zeiten der Verunsicherung und des Misstrauens. Diffuse Ängste machen sich breit.» Speziell bei Angehörigen des unteren Mittelstandes, zu dem der Autor etwa Verkäufer und Buchhalterinnen, auch das mittlere Management zählt. Hier wachsen Wutbürger heran. «Die Bedrohten sind vom Tempo der Veränderung überfordert, sie finden keine stabilisierenden Netzwerke.» Was sich in einer Vielfalt der Lebensstile entwickelt, nehmen sie als Sittenzerfall wahr. Wieder ein Untergang des Abendlandes?
Mehr als in früheren, inhaltlich ähnlichen Schriften von Cachelin, die für mein Gefühl zu oberflächlich im Chancen/Risiko-Muster verblieben, sind hier auch Nebenwirkungen in den Vordergrund gerückt, die für ein bedrängendes Gesamtklima sorgen. «Nicht jeder will eine intelligente Kontaktlinse, nicht jede einen Roboter zum Freund, nicht alle sehen das Heil im Fortschritt.» Der aber ist in seiner digitalen Ausprägung weltweit anerkannte Religion, mit dem Internet als Gott. Nach alter christlicher Vorstellung sah Gottes Auge alles. «Er verfolgt uns auf Schritt und Tritt, bewertet jede unserer Handlungen – je nach Perspektive, um uns kennenzulernen, beizustehen oder zu kontrollieren.» An die «totale Beobachtungskapazität» konnte einst glauben, wer wollte – «nun ist sie eine technische Realität.» Der nie um eine weitere Drehung verlegene Schreiber bringt hier auch den Teufel ins böse Gedankenspiel. Und der «betreibt Social Engineering»…
Natürlich wäre moderne Technologie auch für eine gute Gestaltung der Gesellschaft zu nutzen. Die «nachhaltige Bewirtschaftung des Planeten» zum Beispiel liesse sich befördern. Allerdings müssten wir uns dann als Menschen einig werden, «was wir wollen und was uns wichtig ist». Von dominanten Anwendungen und ökonomischer Steigerungslogik ist eher Selbstzerstörung zu erwarten als menschliche Solidarität. Aber ein Prophet, «ein verkappter Kleriker» will der in St. Gallen ausgebildete Betriebswirt nicht sein. Nur fällige Fragen stellen, reflektieren, «eigene Visionen der vernetzten Zukunft definieren». Eine von ihm betriebene «Wissensfabrik» bietet zudem an, die «digitale Transformation» von Unternehmen zu begleiten.
Ahnungen ohne böse Prognosen
Auch die zwei davor gewürdigten Bücher lassen das Feld für neue Hoffnungen offen. Bammé setzt das Verhindern des befürchteten Ernstfalls bereits in den Titel. Das habe ja auch Spengler vor hundert Jahren gewollt. Er sah «die Technik in ihrer Eigendynamik als das charakteristische Element der Zivilisation», rief «die abendländische Intelligenz» zu mehr Aufmerksamkeit für diese Triebkraft auf. Um sie zu beherrschen, sich ihrer zu bedienen hat der – allerdings antidemokratisch argumentierende – Geschichtsphilosoph dem Politischen die Priorität gegenüber der Ökonomie einräumen wollen. «In mittlerer Perspektive betrachtet, ist es anders gekommen.» Von ihm gewollte «charismatische» Formen von Herrschaft führten in katastrophale Kriege und «die profitorientierte Wirtschaftsform des Kapitalismus» blieb.
Harari, der den Sozialismus einmal als Alternative des 19. Jahrhunderts beschreibt, «weil niemand sonst eine Antwort auf die ganz neuen Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste» der Arbeiterklasse hatte, sieht nun eine vergleichbare Herausforderung im drohenden Entstehen einer «Nichtarbeiterklasse». Massen von nutzlos gemachten Menschen, die bestenfalls materiell mit dem Nötigsten versorgt und mit künstlichen Erlebnissen in virtuellen 3-D-Welten befriedet sind. «Dem liberalen Glauben an die Heiligkeit menschlichen Lebens und menschlicher Erfahrungen» würde das «einen tödlichen Schlag versetzen». Doch auch da: «keine Prognose», nur eines von vielen möglichen Szenarien. Zwar erlaube es uns der Kapitalismus nicht, «uns eine nicht-kapitalistische Alternative vorzustellen», aber die Demokratie ermuntere uns, «an eine demokratische Zukunft zu glauben». Sicher sei in dieser sich so schnell wie noch nie verändernden Welt nur, «dass es ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten gibt.»
Arno Bammé: Die Apokalypse denken, um den Ernstfall zu verhindern. Unheilsprophetie von Spengler bis Sloterdijk. Metropolis, Marburg 2017, 239 Seiten,
Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. Beck, München 2017, 576 Seiten mit 57 Abbildungen,
Joël Luc Cachelin: Internetgott. Die Religion des Silicon Valley. Stämpfli Verlag, Bern 2017, 156 Seiten,
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Die «Russenpeitsche»

Helmut Scheben, „infosperber“
Über die «Russenpeitsche» und die linguistische Kreativität der Ideologen.
Man könnte darüber lachen. Wie man über die Kinderzeiten lacht, als der Welterklärung genüge getan war, wenn die Schotten knauserig, die Italiener faul und die Franzosen gegen Seife resistent waren. Aber wenn man die Karikatur auf der Cover-Seite des Zürcher «Tagesanzeigers» vom 27. Februar sieht, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. «Die Russenpeitsche» heisst es da, und man sieht Zürich im Frost, Rom im Schnee und Raketen, die auf Ost-Ghuta fliegen.
Karikatur im «Tagesanzeiger» vom 27. Februar 2018
Den Ausdruck «Russenpeitsche» soll ein deutscher Wetterdienst erfunden haben, um einen sibirische Kälte-Einbruch zu charakterisieren. Die Medien greifen den Ausdruck eifrig auf. Natürlich ist alles ironisch gemeint, sauglatt, Humor eben.
Wirklich? Den Krieg in Ost-Ghutha humorvoll zu sehen, das wäre meines Erachtens doch ein wenig zu viel der Lustigkeit. In der Karikatur wird mit heiterer Nonchalance suggeriert, was derzeit täglich von den grossen westlichen Medien als Mainstream Opinion konstruiert wird: Die Russen seien für den Krieg in Syrien verantwortlich, sie seien die Angreifer, die anderen die Opfer.
Ost-Ghuta ist in der Hand von aufständischen Milizen, darunter radikale Islamisten, die Damaskus seit 2011/2012 mit punktuellen Raketenangriffen terrorisieren. Die Bevölkerung in Damaskus ist nicht «amused». Die syrische Regierung hat jahrelang Verhandlungsbereitschaft gezeigt, um die Aufständischen zum Niederlegen der Waffen zu bewegen. Sie haben sich geweigert, sie wollten diesen Krieg, um die Regierung Assad zu stürzen, und sie werden dabei seit Kriegsbeginn vom Westen unterstützt.
Ein beliebter Textbaustein in den Nachrichten lautet derzeit: «das von Assad-Truppen belagerte Ost-Ghuta». Der Versuch einer Annäherung an die Realität müsste umgekehrt lauten: das von Assad-Gegnern eingenommene und besetzte Ost-Ghuta, in dem brutale politische und ethnische Säuberungen stattgefunden haben.
Oder glaubt jemand im Ernst, bei der Einnahme von Ost-Ghuta hätten die Milizen mehr Zartgefühl an den Tag gelegt als bei der Einnahme von Mossul? Mossul wurde in allen Medien als Befreiung von den Henkern des «Islamischen Staates» gefeiert. Ohne Luftbombardierungen «hätte das Leiden noch Jahrzehnte lang gedauert» befand «Der Spiegel» am 20.12.2017. Zivile Opfer hin oder her. In Mossul bombardierte eine Allianz unter Führung der USA. Also waren die Islamisten die Bösen. In Ost-Ghuta dagegen sind die Islamisten die Guten, denn die Russen sind die Bösen. In der Weltpolitik ist eben differenziert zu urteilen: mal so und mal so.
Der ehemalige Premier und Aussenminister von Katar, Scheich Hamad bin Jassim bin Jaber al Thani, sagte Ende Oktober 2017 im katarischen Fernsehen, man habe Waffen an die «moderate Opposition» geschickt. Möglicherweise auch an Al-Nusra und andere Extremisten. Die Waffenlieferungen seien mit Saudiarabien, der Türkei und den USA vereinbart worden:
«All distribution was done through the US and the Turks and us and everyone else that was involved, the military people.» (1)
Im Januar 2017 veröffentlichte die Internetplattform Wikileaks die Audioaufnahme eines Gesprächs zwischen dem damaligen US-Aussenminister John Kerry und syrischen Oppositionellen vom 22. September 2016 in New York. Kerry sagt darin in aller Offenheit, die USA hätten der Ausbreitung des Islamischen Staates absichtlich untätig zugesehen, um den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu Verhandlungen zu zwingen. Und er fügt hinzu, es habe keine Verhandlungen gegeben, «stattdessen kam ihm Putin zu Hilfe.» (2)
Assad hatte das Recht und die Pflicht, die syrischen Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Er hätte Ost-Ghuta spätestens nach dem Giftgasangriff von 2013, der mit hoher Wahrscheinlichkeit von Dschihadisten begangen wurde,  zurückerobern müssen.  Die syrische Regierung hat zu Beginn des Krieges die UNO um Schutz und Beistand ersucht, weil sie von radikal-islamischen Terrorgruppen angegriffen wurde. Die UNO wäre verpflichtet gewesen, einem angegriffenen Mitgliedstaat zu Hilfe zu kommen. Der UN-Sicherheitsrat hat diesen Beistand nicht gewährt. Selbstverständlich nicht: weil es ja Sicherheitsratsmitglieder wie die USA waren, welche die aufständischen Milizen finanzierten, trainierten und propagandistisch lancierten, um in Syrien Regime Change zu erreichen. Also hat Syrien – völkerrechtlich legitimiert – Russland um Hilfe gebeten.
Doch die unter dem PR-wirksamen Wording «Freunde Syriens» vereinigten NATO-Staaten und ihre Freunde am Golf versuchen seit Kriegsbeginn, Putin den Krieg in Syrien in die Schuhe zu schieben. Die Klischees aus der Mottenkiste der Kaiser-Wilhelm-Epoche sind wirksam und virulent wie eh und jeh.
Und wie die «Russenpeitsche» zeigt: Keine Metapher ist zu billig und zu dumm, wenn es gilt, dem zerstreuten Publikum auf die Sprünge zu helfen. Die Russen-Phobie ist wieder trendy, mit dem bösen Russen lässt sich wieder Politik machen. Er riecht nach Gulag, Wodka und Kampfpanzer. Er manipuliert unsere Wahlen, er untergräbt die freiheitliche Gesellschaft der USA und er bombardiert mit Vorliebe Spitäler und unschuldige Kinder. Momentan in Ost-Ghuta.
Die SRF-Tagesschau vom 26. Februar ist ein klassisches Beispiel für die manipulative Nachrichtenverbreitung im Syrienkonflikt. In der «umklammerten Rebellenhochburg» Ost-Ghuta werde weiter bombardiert, heisst es dort. Zivilisten suchten verzweifelt Schutz vor den Bomben. Es gibt nach dieser Darstellung nur zwei Akteure: die russisch-syrischen Angreifer und ihre Opfer, die Zivilbevölkerung. Präsident Putin habe aber eine Waffenpause angekündigt, wird vermeldet. Das will heissen: Das Leben der schutzlosen Opfer hängt von der Gnade der Angreifer ab. Die Dschihaddisten, die sich kaum an eine Waffenruhe halten, kommen in diesem Schema nicht vor. Es gibt nur Aggressoren und wehrlose Opfer.
Dabei wird die Emotionalisierung der Nachricht über Bilder ins Extreme getrieben: Gezeigt werden nur Kinder als Opfer. Die syrisch-russischen Angreifer hätten Chlorgas eingesetzt, heisst es weiter. Ein Helfer hält ein totes Kind in den Armen und erklärt: «Dieses Kind wurde durch Giftgas getötet. Wir fragen alle Kriegsparteinen und alle Organisationen der Welt: Welches Verbrechen hat dieses Kind begangen?»
Sicher eine gute Frage. Man sollte sie indessen denjenigen stellen, die seit 2011 Milizen finanzieren und bewaffnen, um die syrische Regierung zu stürzen. Ohne ihre logistische, militärische und politische Hilfe wäre der Bürgerkrieg in Syrien seit langem beendet. Die «Financial Times» schätze schon 2013 die Summe, die Katar zum Sturz der Regierung Assad ausgegeben hatte, auf drei Milliarden Dollar.
Es scheint aber im News Business mehr und mehr nach der Devise zu laufen: Was kümmern uns politische Hintergründe und differenzierte Analysen, wenn wir nur starke Bilder und starke Emotionen haben? Denn damit macht man auch starke Einschaltquoten.
«Nichts gelesen, nichts kapiert, aber mitten im Elend und voll im Bild», nannte das einst in einem «Spiegel»-Interview der Journalist Hans Joachim Friedrichs (Jahrgang 1927). Der Fernsehmoderator Ulrich Wickert sprach von «Apokalypse statt Aufklärung». (3)
Dieser Betroffenheitsjournalismus, der Erklärung durch Erregung ersetzt, ist einer der Gründe für die Vertrauenskrise, unter der unsere grossen meinungsführenden Medien leiden.
Wenn die Situation auf dem Gefechtsfeld zu unübersichtlich wird und von den «Kriegsfronten» nicht viel Klares zu erkennen ist, rekurrieren Journalisten seit jeher auf das fruchtbare Terrain der Flüchtlingslager, der betroffenen Zivilbevölkerung, auf die Ebene des allgemeinen menschlichen Leidens. Das ist richtig, doch die wenigsten News-Macherinnen und News-Macher scheinen sich darüber im Klaren zu sein, dass Kriegsparteien aller Kriege ihre Bevölkerungen mit emotionalen Bildern von menschlichem Leiden auf ihre Seite bringen wollen. Und dass diejenigen, die Krieg führen, das nur allzu gut wissen und nutzen.
In Syrien liefern hauptsächlich die Weisshelme die nötigen Bilder. Dass diese Organisation von denselben westlichen Staaten aufgestellt wurde und finanziert wird, die den Sturz Assads betreiben, scheint ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch zu tun. Und die Tatsache, dass diese Helfer nur mit den Aufständischen gegen Assad zusammenarbeiten, stört offenbar ebenso wenig. Die Weisshelme und einige andere Hilfswerke im Dienste der syrischen Opposition liefern stets pünktlich Dokumentarmaterial, wenn es gilt, Putin oder Assad für Giftgasattacken oder Bombenangriffe auf Spitäler zu beschuldigen. Dementis aus Damaskus oder Moskau werden, wenn überhaupt, in einem Nebensatz erwähnt. Weitere Recherchen dazu sind niemals der Mühe wert: Man glaubt ja zu wissen, dass aus Damaskus und Moskau nichts Vertrauenwürdiges kommen kann.
Ich mag mich nicht erinnern, in westlichen Fernsehsendern Bilder gesehen zu haben, die vom syrischen Roten Halbmond oder anderen regierungsnahen syrischen Hilfsorganisationen stammten. Von den Raketenangriffen, Sprengstoffattentaten und Massenerschiessungen der aufständischen Milizen gab und gibt es keine Bilder in unserem Fernsehen. Verletzte Kinder gibt es nur auf Seiten der sogenannten Rebellen und Freiheitskämpfer. Man bekommt den Eindruck, die Regierungstruppen und die Russen bombardierten grundlos ein wehrloses Land namens Syrien.
Das blutige Handwerk der Milizen, die gegen Assad kämpfen, wäre in unseren Medien kaum vorgekommen, wären da nicht die Videos, die die Kopfabschneider selbst mit Stolz ins Netz stellten. Zahlen und Fakten beziehen unsere Nachrichtensendungen mit Vorliebe von der sogenannten «Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte». Es hat lange gedauert, bis die Redaktionen sich gezwungen sahen zu bemerken, dass selbige «der syrischen Opposition nahesteht.» Sie steht aber nicht nur nahe, sie ist eine vom Westen finanzierte Propagandastelle der Assad-Opposition. Nicht mehr und nicht weniger.
Der syrische Journalist und Islamwissenschafter Aktham Suliman leitete das Berliner Büro des arabischen Senders Al Jazeera. Im Oktober 2012 trat er aus Protest gegen die Bevormundung des Senders durch die katarische Regierung zurück. In seinem Buch «Krieg und Chaos in Nahost» schildert er eindrücklich, wie im sogenannten arabischen Frühling in der Öffentlichkeit eine Atmosphäre entstand, in der es Journalisten nicht mehr wagen durften, sich den Rufen des Westens nach Regime Change und militärischer Intervention zu widersetzen.
Suliman fragt sich, «warum moderne Staaten wie Irak, Libyen oder Syrien zerstört wurden, während Monarchien ohne Parlamente, aber mit massivem religiösen Fundamentalismus ausgestattet, wie die Golfstaaten, nicht nur geduldet, sondern unterstützt werden.»
Man könne das oberflächlich nur mit «Bosheit oder Dummheit» erklären, meint Suliman. In den Kategorien vernünftigen politischen Denkens sei dieser Widerspruch nicht erklärbar.
Doch in der arabischen Welt gewinne man mehr und mehr den Eindruck, dass mit der Umgestaltung des Nahen und Mittleren Ostens, dem «New Middle East», von dem Strategen in Washington sprechen, ein Dritter Weltkrieg begonnen habe, ohne dass die breite Öffentlichkeit dies wahrnehme.
Im syrischen Szenario ist jedenfalls die Einseitigkeit unserer Leitmedien perfekt und beinah autistisch. Man beruft sich in der Regel auf Washington und die Assad-Opposition und lässt es damit gut sein. Man ist von sich überzeugt und findet das in Ordnung. Wer dieses Bild stört und mit Fakten kommt, die betonierte Überzeugungen stören, wird als Verschwörungstheoretiker beschimpft, mit dem man sich nicht auseinanderzusetzen braucht.
Doch allzuviel «mauvaise foi» könnte gefährlich werden für die Glaubwürdigkeit. Denn im Laufe der Zeit merkt das Publikum, dass wesentliche Fakten unterschlagen werden.
Und dass es nicht der Russe ist, der im Nahen und Mittleren Osten seit einem Vierteljahrhundert ein Land nach dem anderen militärisch angegriffen und dabei ein heilloses Chaos angerichtet hat. Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien wurden destabilisiert, sie werden auf Jahrzehnte hinaus als gescheiterte Staaten schwelende Brandherde und Nährboden für die Entstehung von Terrorismus sein. Und derzeit sieht die westliche Öffentlichkeit ungerührt zu, wie das mit USA verbündete Saudiarabien den Jemen zerstört.
FUSSNOTEN:
1. http://www.middleeasteye.net/news/qatar-maybe-supported-al-qaeda-syria-says-former-pm-1280907406
2. Aktham Suliman: Krieg und Chaos in Nahost. 2017. S. 223
3. Michael Meyen: Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren. 2018. S.16
Weiterführende Informationen
Karin Leukefeld, eine Beobachterin vor Ort, auf den NDS
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Hohe Zeit für Pharisäer


Von Gisbert Kuhn, „Journal 21“
Es gibt zwei Arten von „gutem Gewissen“. Das eine ist das wahrscheinlich den meisten vertraute „sanfte Ruhekissen“. Also jenes Gefühl einer weitgehenden inneren Zufriedenheit.
Man ist sich zwar bewusst, nicht perfekt zu sein und hie und da (vielleicht bei der Steuerehrlichkeit?) auch schon mal nicht ganz den geraden Weg gegangen zu sein. Aber im Grossen und Ganzen ist man doch mit sich und der Welt im Reinen.
Dann ist da jedoch auch noch das andere, dieses unheimlich gute Gewissen. Dieses lässt selbst die kleinsten Selbstzweifel an der absoluten Richtigkeit und Moralität des eigenen Denkens und Handelns gar nicht erst aufkommen.

Entsprechend leiten die Träger (und – politisch korrekt – natürlich auch Trägerinnen) dieses Banners der Vollkommenheit für sich das Recht ab, ihre Umwelt ständig und allumfassend darüber zu belehren, was allein richtig oder falsch, moralisch oder nicht, gerecht oder ungerecht, erlaubt oder verboten, benennbar oder unsagbar sei. Kurz: Sie sie erheben den Anspruch, dass ausschliesslich ihre Sicht der Dinge als Richtschnur des allgemeinen Verhaltens zu gelten habe.

Das nennt man „Meinungsdiktatur“
In einfachen Worten nennt man so etwas Meinungsdiktatur. Und eine solche geht in aller Regel Hand in Hand mit einem ziemlich unerträglichen Pharisäertum. Das ist, weiss Gott, kein neues Phänomen. Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei sind wahrscheinlich so alt wie die Fähigkeit des Menschen zum Denken. Aber sie spielten sich früher halt eher im Kleinen, auf jeden Fall in überschaubaren Räumen ab. Das hat sich mit den neuen, digitalen Medien radikal verändert. Ob Facebook, Twitter, WhatsApp oder wie auch immer sie heissen mögen – hier kann jeder alles in die Welt hinaustrompeten. Und tut das auch. Egal ob überlegt, geprüft, richtig und vernünftig oder ganz einfach absurd, nicht selten sogar von vornherein als falsch erkennbar, bewusst beleidigend, mehr oder weniger unsinnig und einem blossen Hörensagen folgend.
Gerade aktuell herrscht in deutschen Landen – wieder einmal – Hochkonjunktur für Pharisäer, Weltverbesserer und Heuchler. Nehmen wir als Beispiel das aufgeregte Geschrei um die höchst nachvollziehbare Massnahme der Essener „Tafel“, für eine gewisse überschaubare Zeit nur noch bedürftige Deutsche mit Lebensmitteln zu versorgen. Allgemeiner Tenor: Empörung! Diskriminierung von Ausländern! Rassismus! Dass dieser Beschluss der freiwilligen (!) Helfer bereits im Dezember – und zwar aus guten Gründen – getroffen worden war, fiel bis vor kurzem niemandem auf. Der Entrüstung speiende Vulkan der bis dahin uninteressierten Verbal-Wohltäter brach erst unlängst, nach einem Zeitungsbericht, aus. Dabei ging völlig unter (und fand lange auch keine Erwähnung in den meisten der darauf folgenden TV- und Rundfunk-Nachrichten sowie Printartikeln), dass die Essener Verteiler ganz einfach verzweifelt die Reissleine ziehen mussten, weil dort offensichtlich ein gnadenloser Verdrängungs-Wettbewerb Platz gegriffen hatte, bei dem vor allem jugendliche Flüchtlinge und Asylbewerber die eigentlich Berechtigten so brachial beiseite drängten, dass diese gar nicht mehr zu kommen wagten: Alte Menschen, Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende …
Skandal im Skandal
War allein das schon ein Skandal, so gebar dieser gleich auch noch einen zweiten, sozusagen aus sich heraus. Nämlich den der Medien. Damit sind hier – ausnahmsweise – nicht die so genannten „sozialen“ gemeint, sondern die traditionellen. Zeitungen mithin und (auch) die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Denn in deren Redaktionsstuben (so hatte man es jedenfalls einstmals gelernt) sollte doch noch jenes journalistische Ethos vorhanden sein, wonach der Veröffentlichung eine gründliche Recherche voranzugehen hat. Nun muss man ja nicht gleich wieder nach dem berühmten Objektivitäts-Dogma des einstigen Star-Fernsehmodertors Hans-Joachim Friedrichs greifen, wonach man einen guten Journalisten daran erkenne, „dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten“. Selbstverständlich dürfen sich Journalisten für eine Sache einsetzen. Aber sie müssen in der Berichterstattung alle Facetten mit in Betracht ziehen. Und das heisst: auch (und gerade) solche, die nicht in ein vielleicht schon vorgefasstes Bild passen wollen.
Dass im hier behandelten Fall wieder einmal gegen Grundprinzipien des Journalismus verstossen wurde, ist ausserordentlich ärgerlich. Geradezu empörend jedoch ist, was an Reaktionen auf die Essener Vorgänge aus der Politik kam. Das sei „nicht gut“, zensierte im fernen Berlin die Bundeskanzlerin von der CDU; man solle „nicht solche Kategorisierungen vornehmen“. Noch vorwurfsvoller der Kommentar der kommissarischen Familien- und Sozialministerin Katharina Barley (SPD): „Eine Gruppe pauschal auszuschliessen, passt nicht zu den Grundwerten einer solidarischen Gemeinschaft.“ Nordrhein-Westfalens CDU-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann schliesslich weckte mit seinem Bannstrahl in Richtung Essener „Tafel“ Erinnerungen an jene einstige Truppe bei den Christdemokraten, die man einst ironisch „Herz-Jesu-Sozialisten“ nannte: „Nächstenliebe und Barmherzigkeit  kennen keine Staatsangehörigkeiten.“
Das raubt einem den Atem
Das ist unverfroren und raubt einem schier den Atem. Welch ein Pharisäertum! Welche Heuchelei! Was für eine Selbstgerechtigkeit spricht aus diesen Worten! Da erkühnen sich – ohne auch nur einmal nach den Ursachen gefragt zu haben – Politiker, moralisch über freiwillige Helfer zu richten, die mit äusserstem Engagement wenigstens ein wenig die Folgen zu lindern versuchen, welche – zum Beispiel und nicht zuletzt – die regierungsamtliche Flüchtlingspolitik mit der viel zu lang unkontrollierten Grenzöffnung ausgelöst hat. Mit ihrer Kritik tun sie zudem gerade so, als ob sie die Schöpfer und Wohltäter der „Tafeln“ wären.
Nein, das sind sie nicht! Vielmehr handelt es sich um Vereine und um Freiwillige, die sich mit Eigeninitiative und bewundernswertem Einsatz um jene Menschen sorgen, die von unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Und manchmal auch darüber hinaus. Hätten doch die Pharisäer in Berlin und Düsseldorf und wo auch immer zumindest den Mund gehalten.
Stattdessen müssen ausgerechnet jene, die anpacken, um existentielle Not zu lindern, erlebeben, wie ihre Stände und Autos mit Beschimpfungen wie „Nazis“ beschmiert werden. Wo bleibt denn hier der Aufschrei aus dem politischen Bereich und dem Chor der blossen Solidaritäts-Prediger aus Grünen, Linken, Pro Asyl und den diversen Sozialverbänden? Offensichtlich passt so etwas nicht in das Heileweltwunschbild all jener, in deren persönlichem Lebenskreis es solche Probleme halt nicht gibt.
„Nazi“ als normales Schimpfwort
Dazu: Wie kommt es eigentlich, dass der Begriff „Nazi“ in diesem Land mittlerweile offensichtlich schon die Qualität eines „normalen“ Schimpfworts wie etwa „Idiot“ angenommen hat? Er also anscheinend gar nicht mehr in gedankliche Verbindung gebracht wird mit den verbrecherischen Ungeheuerlichkeiten, die sich mit ihm verbinden? Die Leute von der Essener „Tafel“ haben das jedenfalls nicht verdient. Ebenso wenig wie den Vorwurf „Rassisten“ zu sein.
Es ist beunruhigend, wohin sich unsere Sprache entwickelt hat. Auch – und gerade – unter dem Einfluss der Kreuzritter einer „politischen Korrektheit“, die zwar als „rassistisch“ verbieten möchte, dass in polizeilichen Fahndungsaufrufen die Hautfarbe mutmasslicher Täter erwähnt wird, aber nichts davon hören wollen, wenn auf Schulhöfen Kinder von Zuwanderern mit diesem Begriff ziemlich aggressiv sogar gegen Lehrer zur Sache gehen.
Der für Alles sorgende Staat
Die Gesellschaft im Land zwischen Rhein und Oder, Flensburg und Konstanz ist ziemlich schnell zur Hand mit moralischen Verdikten. Zumindest Teile von ihr sind es. Ganz oben steht dabei das Thema Gerechtigkeit. Es gehe nicht gerecht zu, heisst es gleichlautend. Im Allgemeinen. Wer wollte das auch bestreiten? Man braucht ja nur einmal die Liste derer durchzugehen, die sich alle ungerecht behandelt fühlen – Rentner, Raucher, Fahrrad- und Autofahrer, Patienten, Versicherte, Pendler usw, usw.
Keine Frage, sie haben sämtlich Gründe für ihre Unzufriedenheit. Und, in der Tat, hungern und frieren zu müssen und auf Einrichtungen wie die „Tafeln“ angewiesen zu sein, das ist eine schreiende Ungerechtigkeit, die es – so gut wie möglich – zu beseitigen gilt. Aber eben: So gut wie möglich. Natürlich kann man jede Forderung danach „beim Staat“ abladen. Ebenso wie das Verlangen nach innerer und äusserer Sicherheit, nach überall reibungslos funktionierender Infrastruktur, nach höheren Renten, schlaglochfreien Strassen, einer Rundumversicherung, kostenfreien Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder und Alte, erstklassigen Schulen und Unis, einen möglichst kostenlosen Öffentlichen Personen-Nahverkehr … Schliesslich schallt es ja allenthalben: Wir sind doch ein reiches Land. Es ist eine Schande, dass man überhaupt darüber reden muss. Und schliesslich zahlen wir ja auch Steuern!
Daran ist manches richtig. Aber trotzdem muss man einmal wieder an die alte Binsenweisheit erinnern, dass der Staat nicht alles regeln kann. Und schon gar nicht mit Massnahmen, die von allen gleichermassen als „gerecht“ empfunden werden. Der irische Dichter Oscar Wilde hat einmal treffend geschrieben, es gebe zwei Klassen von Menschen – die Gerechten und die Ungerechten. Und die Einteilung werde von den Gerechten vorgenommen. Dazu passt der satirische Spruch: „Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich. Nur ich bin gerecht – ich denke an mich.“
Eine ganz tiefe Weisheit erkannte, in diesem Zusammenhang, Gustav Stresemann, der Aussenminister der Weimarer Republik: „Es gibt ein unfehlbares Rezept, eine Sache gerecht unter zwei Menschen aufzuteilen. Einer darf die Grösse der Portionen bestimmen, der andere hat die Wahl.“ Was das alles heissen soll? Ganz einfach – es wird nie gelingen, in einer so vielschichtigen Gesellschaft eine allseits zufrieden stellende Gerechtigkeit herzustellen. Dazu sind die Menschen, ihre Wünsche, Lebensvorstellungen und die entsprechenden Bedürfnisse viel zu verschieden.
Wer daher vorgibt, seine Vorstellungen seien allein gültig und gerecht, ist nicht nur ein Pharisäer, sondern ein Scharlatan. Dies müsste – nach der Erfahrung mit zwei Diktaturen – eigentlich gerade bei den Deutschen zum unauslöschbaren Allgemeinwissen gehören: Wer den Himmel auf Erden verspricht, wird am Ende die Hölle schaffen.
Unverzichtbar: Bürgerliches Engagement  
Womit wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt wären, den „Tafeln“. Und zwar diese als ein überzeugendes Beispiel für bürgerlichen Einsatz zugunsten der Allgemeinheit. Man mag, zu Recht, beklagen, dass solche Einrichtungen überhaupt nötig sind. Aber die Gesellschaft wird dennoch immer auf diese oder ähnliche tatkräftigen Bekundungen von Solidarität angewiesen sein. Und gerade jetzt, wo so viele verbal-vergiftete Pfeile auf die Helfer von Essen abgeschossen werden, wäre es für gewiss nicht Wenige besonders angebracht, sich einmal vor Augen zu führen, welche Mengen an Lebensmittel nicht zuletzt von ihnen tagtäglich weggeworfen werden in diesem ehrenwerten Haus namens Deutschland.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | 1 Kommentar

Grosshistoriker mit „kurzen“ Geschichten

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Ein später, aber nötiger Blick auf „Homo deus“
Kurze Geschichten sind in. Stephen Hawking schrieb eine „Kurze Geschichte der Zeit“, Ken Wilber „Eine kurze Geschichte des Kosmos“, Bill Brysen eine „Kurze Geschichte von fast allem“, Harald Lesch und Harald Zaun „Die kürzeste Geschichte allen Lebens“ und so weiter. Man könnte vom Genre der Grossgeschichtsschreibung sprechen, die Zeitspannen von gewaltigem Ausmass ins Visier nimmt, allerdings in den Titeln ihrer Bücher kokett „kleine“ oder „kurze“ Geschichten ankündigt. Vom israelischen Historiker Yuval Harari gibt es neuerdings zwei Proben dieses Genres: „Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus: Eine (kurze) Geschichte der Zukunft“ (englisch: „A Brief History of Tomorrow“). Natürlich ist das ironisch gemeint. Keines der Bücher ist kurz. Und keines der Bücher liefert eine seriöse Geschichte, sondern ein als Geschichte aufgemachtes Fresko des Gegenwarts- und Zukunftsmenschen.
Der „Humanismus“ als Illusion
Grossgeschichtsschreibung bedient sich eines simplen Tricks: Suche ein Grossthema, bausche es auf und posaune eine möglichst dramatische Zukunftsprognose hinaus. Das Grossthema in Hararis zweitem Buch: der Algorithmus; das Aufbauschen: Alles ist Algorithmus; die Prognose: Algorithmen werden den Menschen überwinden. Das lieferte durchaus Stoff für einen konzisen Essay, aber das Konzise ist nicht Hararis Stärke und Stil, sondern das schlenkernde Erzählen – sagen wir es: das Flunkern.
Hararis Buch könnte den Untertitel tragen „Die Zukunft einer Illusion“. Nur ist der Titel bereits besetzt von Sigmund Freud, der 1927 in seiner fulminanten Schrift die Religion als Illusion entzauberte. Als Illusion des gegenwärtigen Zeitalters macht Harari den sogenannten „Humanismus“ aus, den Glauben an die Einzigartigkeit und intelligente Überlegenheit des Menschen. Naturwissenschaften und Künstliche Intelligenz strafen diesen Glauben Lügen, und zwar mittels zweier Prinzipien:
1) Organismen sind Algorithmen.
2) Algorithmen funktionieren stoffunabhängig; das Material, in dem sie implementiert sind, kann auf Kohlenstoff, Blech, Silizium oder was auch immer basieren.
Die simple und falsche Konsequenz daraus:
3) Alles was Organismen können, können Algorithmen in anderen materiellen Medien simulieren oder emulieren. Und sie können es zunehmend besser als Organismen.
Abgang des Homo sapiens
Die These ist nicht neu, sie hat in einschlägigen Kreisen zu intensiven Disputen geführt und sie ist höchst umstritten. Harari verarbeitet sie im letzten Drittel seines Buches geschickt zu einer eingängigen Vision, die den Titel „Homo deus“ rechtfertigt (die ersten beiden Drittel handeln immer noch vom Homo sapiens, sind also in dieser Hinsicht redundant). „Homo deus“ meint ja den Abgang des Homo sapiens von der geschichtlichen Bühne, den Bruch mit der Hegemonie des „Fleisches“, der organischen Materie; das Abzeichnen einer posthumanen Zukunft nicht-organischer Materie, die den Ausnahmestatus des Menschen als Illusion entlarvt. Das ist eine dramatische Aussicht, gewiss, aber sie hängt entscheidend von den Prämissen ab. Und diese Prämissen sind schwachbrüstig.
Organismen als Algorithmen
Zunächst die erste Prämisse. Sie wurde von Daniel Dennett schon vor einiger Zeit mit Verve und Eloquenz vertreten (ein zumindest kursorischer Hinweis wäre angebracht gewesen). Dennett ist Philosoph, mit einem starken Hang zu darwinistischem Missionieren. Unter Biologen ist die Gleichung „Organismus = Algorithmus“ bestenfalls eine diskutierbare heuristische Analogie. Nichtsdestoweniger schlägt Hariri gewaltig auf die Pauke, mit dem Schlüsselbegriff des Dataismus:
„Am festesten verankert ist der Dataismus in seinen beiden Mutterdisziplinen: der Computerwissenschaft und der Biologie. Die wichtigere der beiden ist die Biologie. Es war schliesslich die biologische Überzeugung des Dataismus (sic), die aus einem begrenzten Durchbruch in der Computerwissenschaft eine welterschütternde Umwälzung machte, die womöglich die Natur des Lebens vollkommen verändert. Vielleicht lehnen Sie die Vorstellung ab, dass Organismen Algorithmen sind und Giraffen, Tomaten und Menschen nur unterschiedliche Methoden der Datenverarbeitung. Aber Sie sollten wissen, dass das die gängige wissenschaftliche Lehre ist“. (499)
Wirklich? – Was die Biologen auch tun mögen, so dürfte der kleinste Teil unter ihnen vom Dataismus infiziert sein. Gewisse physiologische und biochemische Prozesse lassen sich durchaus als Schrittfolgen interpretieren, wie wir sie von Programmen her kennen, aber es wäre eine masslose Übertreibung, die ganze biologische Arbeit aufs Erkennen von algorithmischen Abläufen einzudampfen. Zugegeben, das kann faszinieren. Wer aber den Mund voll nimmt mit Thesen wie „Homo sapiens ist ein obsoleter Algorithmus“, müsste vor allem genauer abklären, ob und inwieweit in biologischen Systemen gleiche oder ähnliche Schritt-für-Schritt-Prozesse ablaufen wie in künstlichen Systemen.
Gehirn als Algorithmus – riskante Analogien
Die Frage stellt sich akut für das biologische System Gehirn. In den letzten drei Dekaden verzeichnen die Neurowissenschaften einen enormen Zuwachs an Wissen über die Vorgänge auf neuronaler Ebene. Leicht kann allerdings ein Analogie-Unfall passieren. Hier das Beispiel des Physikers Stephen Wolfram: „Die Operationen des menschlichen Gehirns oder die Entwicklung eines Wettersystems können im Prinzip die gleichen Dinge berechnen wie ein Computer.“ Bedeutet das, dass das Gehirn ein meteorologisches System ist? Natürlich nicht. Das „im Prinzip“ bezieht sich auf eine hochabstrakte Ebene. Und auf dieser Ebene, so hat Alan Turing gezeigt, kann man sehr viele Vorgänge als Operationen eines abstrakten Computers beschreiben: „im Prinzip“ als eine Berechnung. Wenn man aber sagt „Das Gehirn arbeitet WIE ein Computer“, heisst das nicht „Das Gehirn IST ein Computer“.
Hirnforscher – Esel am Berg
In Voltaires „Wörterbuch der Philosophie“ (Willensfreiheit) lesen wir den formidablen Satz: „Von der Entstehung der Ideen weiss ich ebensowenig wie von der Entstehung der Welt.“ Noch heute stehen die Hirnforscher wie der Esel am Berg, wenn es um die Frage geht, wie die Neurophysiologie Bewusstsein erzeugt. In einem dunklen Raum, sagt das Bonmot, sind schwarze Katzen schwierig zu erkennen – besonders wenn es darin keine Katzen hat. Es kommt einem mitunter so vor, als befänden sich die Hirnforscher im dunklen Raum ihrer Disziplin und suchten nach der schwarzen Katze des Bewusstseins, ohne sich über deren Existenz sicher zu sein. Der Philosoph David Chalmers hat deshalb vom „harten Problem“ des Bewusstseins gesprochen: Wie entsteht Bewusstsein aus den komplexen Algorithmen unserer Gehirnprozesse? Handelt es sich überhaupt um Algorithmen? Denn wenn man dermassen Mühe bekundet, das Gehirn als Rechenmaschine zu begreifen, könnte das nicht daran liegen, dass es gar keine solche Maschine ist? Die Neurowissenschafter verwerfen die Hände. Niemand weiss es. Ganz am Schluss des Buches schreibt Harari verstohlen: „Vielleicht finden wir aber auch heraus, dass Organismen gar keine Algorithmen sind.“ Wer hätte sich das gedacht? Wie aber bringt Harari das in Einklang mit der vollmundigen Behauptung, dass „jedes Tier – einschliesslich der Homo sapiens – eine Sammlung organischer Algorithmen ist, geformt durch natürliche Selektion über Jahrmillionen der Evolution“?
Neuronale Netzwerke – zuviele Verheissungen
Damit sprechen wir die zweite Prämisse und die Konklusion an. Wir können immer mehr menschliche Kompetenzen an künstliche Systeme delegieren, welche uns in begrenzten Bereichen auch schon übertreffen. Künstliche Intelligenz ist eine hochgradig beschränkte, eine „autistische“ Intelligenz. Seit über einem halben Jahrhundert suchen Computerwissenschafter, Informatiker und Kognitionstheoretiker nach dem „General Problem Solver“, einem universellen Lern-Algorithmus, der künstliche Systeme befähigen würde, wie Kleinkinder auf der Basis vorgängiger Erfahrungen Neues zu lernen. Dabei nehmen sie sich auch das organische Gehirn zum Muster. Zurzeit sind Deep Learning und neuronale Netzwerke die Hotspots. Was sie auch schon zustande bringen, ihre Algorithmen sind beschränkt lernfähig, ihre Lösungen sehr aufgabenspezifisch. Einer der heute führenden Forscher auf diesem Gebiet, der Informatiker Michael Jordan, schreibt:
„Es gibt durchaus Fortschritte in den untersten Stufen der Neurowissenschaften. Aber was das Thema höherer Kognition betrifft – Wahrnehmung, Erinnerung, Handeln – , so haben wir keine Idee, wie die Neuronen Information speichern, berechnen, repräsentieren (…), welche Algorithmen im Spiel sind (…). Wir befinden uns also noch nicht in einer Ära, in der das Verständnis des Gehirns uns in den Konstruktionen künstlicher Intelligenz leiten könnte.“
Ein verführerischer Plot
Ich stelle mir vor, Harari hatte die Eingebung für ein Szenario: Was wäre, wenn die Methoden der Computerwissenschaften und Statistik zu erkenntnistheoretischer Hegemonie gelangen und uns als Forschungsdogma beherrschen würden? Es ist eine fesselnde Eingebung, die bestehende Tendenzen extrapoliert. Für einen Erzähler also ein reizvolles Fressen, einen fiktiven Plot in die Zukunft zu verfolgen. Aber Harari geht es nicht einfach um eine Fiktion, er schreibt – so paradox das klingen mag – eine noch nicht geschehene Geschichte der Zukunft. Einem Historiker aber, der um der Überzeugungskraft seiner Vision willen so viel festmacht am Schlüsselbegriff des Algorithmus, stünde die kritische Frage gut an, wie weit denn die Metapher des Algorithmus überhaupt tragfähig sei.
Die neue „Religion“
Man weiss bei Hariri nicht so recht, ob er selber nun an die Verheissungen des Dataismus glaubt. Er warnt vor der „Religion“ des Dataismus, scheint aber dessen Maulheldentum unkritisch für bare Münze zu nehmen:
„Für viele Wissenschaftler und Intellektuelle verspricht (der Dataismus) (…) den Heiligen Gral zu liefern, der uns seit Jahrhunderten versagt bleibt: eine einzige übergreifende Theorie, die alle wissenschaftlichen Disziplinen von der Musikwissenschaft über die Ökonomie bis zur Biologie vereint. Glaubt man dem Dataismus, so sind Beethovens Fünfte Symphonie, König Lear und das Grippevirus nur drei Muster des Datenstroms, die sich mit den gleichen Grundbegriffen und Instrumenten analysieren lassen. Diese Vorstellung ist ungeheuer attraktiv. Sie verschafft allen Wissenschaftlern eine gemeinsame Sprache, überbrückt akademische Gräben und erleichtert den Export von Erkenntnissen über Fächergrenzen hinweg. Musikwissenschaftler, Ökonomen und Zellbiologen können sich endlich gegenseitig verstehen.“
Dataismus ist keine Theorie, sondern eine konfuse Verheissung
Wenn das nicht satirisch gemeint ist, dann fragt man sich, aus welcher Quelle des Dataismus Hariri solchen Unsinn denn abzapft. Und der Verdacht richtet sich auf eine ganz bestimmte Quelle: Hariri selbst. Als Historiker hätte er besser daran getan, einen Blick in die letzten fünf oder sechs Jahrzehnte intensiver wissenschaftstheoretischer Diskussion und wissenschaftshistorischer Forschung zu werfen; einen Blick, der ihn schnell aufgeklärt hätte, dass der Traum einer einheitlichen Theorie doch eher „ungeheuer“ naiv als attraktiv ist, selbst unter Physikern, wo er nach wie vor seine Anhänger hat. Natürlich finden sich heute praktisch in allen Disziplinen „dataistische“ Ansätze – in den einen ausgeprägter als in den anderen. Daraus die Entwicklung eines universellen „Paradigmas“ zu folgern, verrät wenig Verständnis für die Vielfalt wissenschaftlicher Disziplinen. Dataismus ist nicht der Heilige Gral. (Wer, sapperlot, hat Hariri diesen Floh ins Ohr gesetzt?) Zudem ist Datenanalyse eine Methode, nicht eine Theorie.
Historiker, bleib bei deinem Leisten
„Homo deus“ weist auf ein tiefes Grundproblem unserer Ära hin: das Überhandnehmen des rechnerischen Geistes – eine Epidemie der Beschränktheit. Eine Kritik der algorithmischen Vernunft wäre deshalb an der Zeit. Gewiss, Dataismus ist nur ein mögliches Zukunftsszenario, und Harari beeilt sich am Schluss, dies zu betonen. Aber vielleicht ist es hier schon zu spät. „Statt unsere Horizonte durch die Prophezeihung eines einzigen definitiven Szenarios einzuengen, will dieses Buch sie erweitern und uns vor Augen führen, dass es ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten gibt.“ – Ach ja? Und welche Möglichkeiten? Wenn man uns über 500 Seiten lang das Szenario vom unaufhaltsamen Vormarsch der Algorithmen ausgemalt hat, dann klingt eine solche Bemerkung einigermassen verwedelnd, um nicht zu sagen widersprüchlich. Hariri ist Historiker, nicht Naturwissenschafter, Informatiker oder Philosoph. Aber mit seinem Thema bleibt er unweigerlich in den verzwicktesten Problemnestern dieser Gebiete hängen. Und er hätte sich besser von den wirklich ernstzunehmenden Denkern informieren lassen, statt von Big-Data-Grossmäulern. Aber dann wäre sein Popanz des Dataismus schnell in sich zusammengefallen. – Und aus der Traum eines Bestsellers.
Originaltext
Zur Ergänzung: „Wir werden Götter“
Veröffentlicht unter Éthnos, Bücher, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Soziales Leben, Zukunfts-Wegweiser, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen