Wozu Identität?

von Götz Eisenberg, „Streifzüge“
Jeder Charakter ist ein Irrtum.“
(Friedrich Hebbel)
Ich kenne durchaus keine ‚Identitätsprobleme‘. Dass ich ‚Ungar‘ bin, ist um nichts absurder, als dass ich ‚Jude‘ bin, ist nicht ein Stück absurder, als dass ich überhaupt bin.“
(Imre Kertész)
Alle Welt ist auf der Suche nach Identität. Das Bedürfnis nach ihr hat sich in den letzten Jahren zu einer wahren Besessenheit entwickelt. Ständig „erfinden sich die Leute neu“, „leben ihre Träume“ und kommen dabei nie zur Ruhe. Die Ränder der Wege, welche die Leute auf ihrer rastlosen Suchbewegung beschritten haben, sind von Identitätsfragmenten übersät, die sie abwerfen wie Schlangen ihre Häute. Die Frage „Wer bin ich doch gleich?“ treibt Linke und Rechte, Homo- und Heterosexuelle, Alte und Junge gleichermaßen um und wird auf unterschiedlichste Weisen beantwortet. Firmen bieten ihren Mitarbeitern eine „corporate identity“ an, um sie mit dem Betriebsganzen zu verzahnen und das Letzte aus ihnen herauszuholen. Die politische Rechte legt die Leimrute einer „nationalen Identität“ aus. Diese vermittelt das vage Gefühl der Zugehörigkeit zu einem imaginären Ganzen, das man seit rund zweihundert Jahren „Nation“ nennt. „Ich bin wenigstens ein Deutscher“, können sich jene sagen, die sonst nichts mehr haben. Alle diese Antworten sind partikular und vorläufig und werden bald von neuen Zweifeln angenagt. Aus der Verbannung dieses Zweifels rührt der Fanatismus, der den prekären Identitäten innewohnt.
Reparaturkategorien
Alles ist in der Schwebe und in Auflösung begriffen. Mit der Identität ist es wie mit den „Werten“: Wenn über sie stark geredet wird, ist es eigentlich bereits zu spät. Begriffe wie Sinn, Werte und Identität sind Reparaturkategorien, die auf einen Mangel antworten. Eine intakte, stark integrierte Gesellschaft muss nicht über das diskutieren, was sie zusammenhält. Der Zusammenhalt ist einfach da – wie die Luft, die man atmet. Ein mit sich identischer Mensch wird nicht von permanenten Sinnfragen heimgesucht und muss sich nicht von den Wühltischen der Identitätshändler bedienen. Er lebt sein Leben, das ist alles. Ich stimme Michel Houellebecq zu, wenn er in einem Interview sagt: „Wenn es eine Idee gibt, die all meine Romane durchzieht, dann ist es die Idee von der absoluten Unumkehrbarkeit von Zerfallsprozessen, wenn sie einmal begonnen haben.“ Die Moral wird von der wertzynischen Motorik des Geldes zerrieben und kann nicht synthetisch nachproduziert werden wie Kautschuk. „Erst jetzt tritt ein Problem ins Bewusstsein“, schrieb der inzwischen verstorbene Soziologe Helmut Dubiel, „welches der kapitalistischen Modernisierung zwar seit ihren Ursprüngen immanent ist, das aber im Restschatten einer traditionalistischen Kultur für Jahrhunderte verborgen blieb. Eine auf die Zwecksetzungen des Marktes und der politischen Administration bezogene Modernisierung der Gesellschaft nährt sich – quasi parasitär – von den Beständen einer gesellschaftlichen Moral, die sie innerhalb ihrer Funktionsgesetzlichkeiten nicht mit produziert. Die Organisation ihrer Rationalität stützt sich zwar auf die Fundamente einer Moral, die den Respekt vertraglicher Abmachungen gebietet, die zu Wahrhaftigkeit, Schutz der Schwächeren und Friedfertigkeit auffordert, trägt aber zur Stabilisierung dieser Fundamente selbst nichts bei. Zu diesen Moralbeständen verhalten sich Markt und Administration wie die große Industrie zu den fossilen Brennstoffen: sie werden im Zuge ihrer Expansion verbrannt.“
Mangels fester, kristalliner Bezugspunkte verflüssigt sich alles, die Menschen büßen ihre Gewissheiten und ordnenden Gefüge ein. Es gibt keinen gemeinsamen Nenner mehr, auf den man etwas bringen könnte. Was bleibt, ist der Konsum, der aber seinem Wesen nach nihilistisch ist, keinen Zusammenhalt herstellt und keine stabile moralische Ordnung stiftet. Die einzigen Lösungen für das Individuum ohne Bezugspunkte sind das Auffallen um jeden Preis, die Jagd nach „Distinktionsgewinnen“, wie Pierre Bourdieu die Suche nach immer neuen Selbstinszenierungen genannt hat. Dabei werden sich die Individuen in dem Bemühen, sich unterscheiden zu wollen, immer ähnlicher. Das zeitgenössische Konsumverhalten zielt nicht auf den Besitz von Objekten der Begierde, um sich daran zu erfreuen, sondern macht die Objekte sofort nach dem Kauf obsolet. Der Reiz liegt im Akt des Kaufes, nicht im Besitz und der Pflege des Erworbenen. Der eilige Konsument taumelt, wie Umberto Eco in einer seiner Kolumnen schrieb, „in einer ziellosen Bulimie von einem Kaufrausch zum anderen“. Was eben gekauft und einverleibt wurde, wird gleich darauf erbrochen und weggeworfen. Das ist der Kitt, der die zerbröselnde Gesellschaft notdürftig zusammenhält.
Dabei „kommt’s am Rande des Abgrunds auf Haltung an“, wie man früher an Häuserwänden lesen konnte. Nun könnte man als Linker den Zerfall des libidinösen Kitts der Klassengesellschaft ja begrüßen. Aber das Lachen darüber bleibt uns im Halse stecken, wenn wir gewahr werden, dass die Flüchtigkeit von allem und jedem auch die Widerstandskräfte erfasst und schwächt. Die sozialen Bewegungen der jüngsten Zeit lodern auf wie ein trockenes Reisigbündel, wenn man ein Streichholz dranhält und hineinbläst, und sinken dann ganz schnell wieder in sich zusammen. Die Leute gehen nach Hause und machen weiter wie zuvor. Die Flüchtigkeit weist sie als heutige Bewegungen von heutigen Menschen aus, die von klein auf an die Flüchtigkeit gewöhnt sind. Sie haben nicht die richtige Innenausstattung und das psychische Fundament für die Verfolgung langfristiger Ziele. Seltsamerweise scheint es so zu sein, dass mit dem Zerfall der bürgerlichen Subjektstrukturen sich auch die Tugenden des Widerstands auflösen. Ohne ein Mindestmaß an Ich-Stärke, Symbolisierungs- und Sublimierungsfähigkeit, Geduld und Disziplin – also an Identität – ist eine Veränderung der Gesellschaft nicht zu bewerkstelligen. Vor allem die gute, alte Anstrengung des Begriffs scheint jene zu überfordern, die ihre Hausarbeiten aus Wikipedia-Passagen zusammenmontieren und sich per Twitter und Whatsapp austauschen.
Peter Brückner hat in seinem autobiographischen Buch Das Abseits als sicherer Ort die Dialektik des Begriffs Disziplin mit folgenden, sich scheinbar widersprechenden Sätzen beschrieben: „Nur wer zu nichts Bürgerlichem taugt, taugt auch nicht zum Faschisten“ und: „Wer nicht wenigstens etwas zum Faschisten taugt, taugt auch nicht zum Widerstand gegen den Faschismus.“ Selbstdisziplin ist eine Fähigkeit, die uns von unseren leibseelischen Zuständen unabhängig macht – von Ermüdung, von Schmerz, von Angst, von der Lust und Zerstreuung des Augenblicks. Sie gestattet es uns, an Plänen, Entwürfen, Hoffnungen auch dann festzuhalten, wenn wir zu Umwegen genötigt sind oder hart auf Hindernisse stoßen. „Ein jugendlicher Dissident und Anarchist, der begeistert auf den Pfiff seines Turnherrn reagiert, ist ein überaus peinlicher Anblick; aber wartet nur ab, er wird dabei ‚Herr über sich selbst‘ und über gewisse herrschende Verhältnisse – anders würde er später kein leidlicher Antifaschist.“ Aufgaben erledigen zu können ist auch eine Qualität des Revolutionärs, und zwar unabhängig von der eigenen Motivation, unabhängig davon, wie man sich gerade fühlt, unabhängig von der biographischen Situation und davon, ob es mir gerade Spaß macht.
 Die „gut integrierte Persönlichkeit“
Der Begriff Identität ist von Erik H. Erikson der Philosophie entrissen und in die psychoanalytische Theorie eingeführt worden und dann von dort aus peu à peu in die Alltagssprache eingedrungen, wo er zum verschwommenen Allerweltsbegriff wurde. Er ist einer der Kernbegriffe der sogenannten Ich-Psychologie und weist insofern von Anfang an etwas Affirmatives, auf Anpassung und Integration Abzielendes auf. Der Mensch durchläuft Erikson zufolge in seinem Lebenszyklus verschiedene Etappen, deren Übergänge durchaus mit Krisen verbunden sein können, bis er schließlich den Zustand der Ich-Identität erreicht und den reifen Erwachsenhabitus angenommen hat. Die von Erikson als Endstadium gepriesene „gesunde Persönlichkeit“ weist eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem durchschnittlichen Mittelschichtsamerikaner auf. Eine Identität zu besitzen heißt, sich nach einer Phase des Umherschweifens festzulegen und dann trotz Wandel von Zeit und Gelegenheit grundsätzlich derselbe zu bleiben: einheitlich, handlungsfähig und in die vorgefundene Gesellschaft „gut integriert“. Das Ideal der gut integrierten Persönlichkeit ist illusorisch und ideologisch zugleich, weil die Risse, die durch die äußere Welt verlaufen, auch durch die Individuen gehen.
Eriksons Buch Identität und Lebenszyklus erschien 1959. Wenig später beschäftigte sich der amerikanische Soziologe Daniel Bell mit dem Auftauchen des Massenkonsums, der Zerstörung einer homogenen Wertsphäre und der damit einhergehenden Fragmentierung des Alltags. Wie hängt das zusammen? Warum beginnt man in der Wissenschaft zu diesem Zeitpunkt verstärkt, über Identität und die Probleme des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu diskutieren? Nachgedacht wurde über individuelle und gesellschaftliche Identität erst, als sie in die Krise geraten und von der Furie des Verschwindens erfasst war. Rückblickend erweisen sich die Studien von Daniel Bell als ausgesprochen hellsichtig. Er konstatiert, dass die Einheitlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft zerfällt, die für Bell in ihren Anfängen gegeben war: „In den Anfängen der Moderne verschmolzen bürgerliche Kultur und bürgerliche Sozialstruktur mit einer besonderen, von den Themen Ordnung und Arbeit geprägten Charakterstruktur zu einer klaren Einheit.“ Die Gegenwartsgesellschaft besteht zunehmend aus „disjunktiven“ Bereichen, die jeweils von entgegengesetzten „axialen Prinzipien“ gesteuert werden. Diese Bereiche sind im Wesentlichen: die techno-ökonomische Struktur, die politische Ordnung und die Sphäre der Kultur. Zwischen diesen Bereichen existieren Unstimmigkeiten, die für Widersprüche und Konflikte verantwortlich sind, die Gesellschaft und Individuen zerreißen. Der Bereich der Arbeit und der Produktion basiert auf Effizienz und Nützlichkeit, der Bereich der Politik auf der Idee der Gleichheit und der Teilhabe, der Bereich der Kultur auf Selbstverwirklichung. Politik und Ökonomie, die für den Puritaner und nach seinem Verständnis von Beruf verbunden waren, treten auseinander. Das Sparen war der wichtigste Zug des frühen Kapitalismus. Mit dem Aufkommen des Kreditwesens und der Teilzahlung im Alltag wandelt sich die puritanische Moral des Anfangs und weicht einem kämpferischen Hedonismus: „Erst kaufen, später zahlen!“, propagierten die Kaufhäuser, und die ersten Geldautomaten lockten mit der Parole „Wo ihr wollt, wann ihr wollt“. Das Gefühl des carpe diem griff um sich. Der Kredit hat alles, was Warten, Aufschub von Befriedigung, Reifung und Zurückhaltung erfordert, außer Kraft gesetzt und die Generationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ungeduldig gemacht. Welche Sinngebung soll nun den Fortbestand der Gesellschaft sichern? Die traditionale Charakterstruktur mit ihrem Akzent auf Selbstdisziplin, Aufschub von Befriedigung und Enthaltsamkeit gerät mit den Imperativen des kulturellen und ökonomischen Systems in Konflikt. Gefordert ist nicht länger der „asketisch produzierende Knecht“ (Marx), sondern der süchtige Konsument. Man hat, mit den Worten Daniel Bells, „am Tag ‚korrekt‘ und am Abend ein ‚Herumtreiber‘ zu sein.“ Obwohl Bell ein eher konservativer Mann war, kommt er nicht umhin zu konstatieren, dass es die Dynamik des Kapitalismus selbst ist, die diese Erosionsprozesse hervorruft. Die ständig alles umwälzende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise verschont nichts und macht vor nichts halt. Das ist es, was man Moderne nennt: Übergang als Dauerzustand. Wie sollen Lebensläufe unter solchen Bedingungen eine Identität haben, wenn die Menschen in einer Gesellschaft leben, die aus lauter Trennungen zusammengesetzt ist? Ich komme am Schluss auf diese Frage zurück.
Identität als Kontrollinstanz
Gegen das Konzept des Stillstellens und Einfrierens des Lebensprozesses zu einer Identität regte sich früh Widerstand. Die Bourgeoisie hatte ein starkes Interesse an Normen für das Volk, die das Eigentum der Wenigen sichern, und an Werten, von denen es virtuell eingezäunt wird. Identität erweist sich als hegemoniales Konzept des Bürgertums, das Brückenköpfe im Inneren der Beherrschten errichten möchte. Die neue Klasse der Lohnarbeiter sollte berechenbar und zuverlässig sein, regelmäßig arbeiten gehen und sich das Produkt ihrer Arbeit widerstandslos wegnehmen lassen. Der industrielle Kapitalismus benötigt das Konzept der Identität, das sich uns als Teil eines nach innen gewendeten Kolonialismus erschließt. Oder mit den Worten von Michel Foucault: „Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bedürfnisse, Zufälle, Begierden, Gewalttätigkeiten, Räubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie muss das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren.“
Identität ist zunächst einmal ein Polizeibegriff gewesen. Die Herrschenden möchten wissen, wer die Leute sind und wo sie wohnen, damit man sie im Falle ihrer Auflehnung sistieren kann. Sie erhalten eine carte d’identité, wie der Ausweis in Frankreich bis heute heißt. Längerfristig ging es um die Integration der plebejischen Unterschichten in die sich konstituierende bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und die Sicherung der Hegemonie der bürgerlichen Klasse. Im Interesse eines beschleunigten und möglichst reibungslosen Waren- und Geldverkehrs wurden Münzen, Maße und Gewichte, Raum und Zeit, Sprachen und Identitäten vereinheitlicht, regionale oder lokale Unterschiede eingeebnet. Bürgerliche Herrschaft bedarf darüber hinaus eines Mindestmaßes an Homogenität in der neuen Massenbevölkerung. Die Fähigkeit, unter Bedingungen der Entfremdung und Verdinglichung zu leben, wird nicht erst im Erwachsenenalter und dem Eintritt ins Erwerbsleben erworben. Die Voraussetzungen dazu werden in der frühen Kindheit durch die Implantation eines heteronomen Über-Ichs geschaffen, das wie ein Zahnrad die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft bewerkstelligt und die Unmöglichkeit des Lebens unter kapitalistischen Bedingungen für die Menschen möglich macht. In Peter Brückners Buch Psychologie und Geschichte heißt es: „Eine zureichende Ordnung und Stabilität des Systems der Gesellschaft und des Staats kann nur gewährleistet sein, wenn die Funktionen und Gefüge der Person, wenn Psyche, Bewusstsein, Gefühl, Affekt, Triebgewohnheit, Körperlichkeit, Denkneigungen und -formen der Individuen in die Funktionen und Gefüge des Systems partiell einbezogen sind. Was geschieht, wenn diese Verzahnung, wenn der Transfer von Kultur nicht mehr gewährleistet ist?“ Eine Gesellschaft geht in Auflösung über und alles muss mehr oder weniger künstlich und gestützt und gewaltsam aufrechterhalten werden.
Es gab und gibt Menschen – und sie bilden in unseren Gesellschaften die Mehrheit –, denen ihre Identität kostbar ist. Sie möchten für sich selbst und andere berechenbar sein. Ihr Ehrgeiz besteht darin, ihr Leben erwartungssicher und enttäuschungsfest zu machen und gegen alle Unwägbarkeiten perfekt abzuschirmen. Sie leben in einem mürrischen Realismus vor sich hin und bemühen sich, wie Sloterdijk bissig anmerkte, „bei lebendigem Leib so tot wie möglich“ zu sein. Andere Menschen – eher wenige – fühlen sich durch den Identitätszwang ihrer Lebendigkeit beraubt und aufgespießt wie Schmetterlinge. Aus ihrer Sicht werden Menschen in Identitätskäfige gesperrt, aus denen heraus sie alles anknurren und verbellen, was nicht sichtlich ihresgleichen ist und denselben Stall- und Gefängnisgeruch aufweist. Die Aufforderung, erwachsen und mit sich identisch zu werden, bedeutet in den Augen von Künstlern, Schriftstellern, Anarchisten das Ende des Umherschweifens, eine Restriktion des Provozierenden und die Umformung der vagen, begierigen, vielfältigen Emotionen zur Zwangsneurose. „Ich – das ist ein anderer“, heißt es zum Beispiel bei Arthur Rimbaud. Der Dichter fühlt sich bei lebendigem Leib eingesargt, will dem Zwangszusammenhang des bürgerlichen Ich entrinnen, seine „Sinne entregeln“ und sich sehend und sensibel machen. Die Verregelung aller Sinne ist mit der Reduzierung ihrer schöpferischen Vielfalt auf den einen „Sinn des Habens“ verflochten, als die der junge Marx die sinnliche Deformation in der warenerzeugenden Gesellschaft beschrieb. Zu viele Bestandteile des Ich erweisen sich als Nicht-Ich, als verinnerlichtes Äußeres, als Stützpunkte der Herrschaft. Von Rimbaud bis Nizan und Sartre gibt es in der künstlerischen Linken einen Konsens: Eine Identität anzunehmen, gilt als Akt der Anpassung und Unterwerfung. Wem ist es denn außerhalb gewisser privilegierter bürgerlicher Kreise beschieden, seinen Reifungsprozess als glückliche Kontinuität des „ich, ich selbst …“ zu erleben? Die Aufforderung zur Reife enthält etwas Zweideutiges, solange Repression noch zum Herzstück der Kultur gehört. Alles, was ins Prokrustesbett der bürgerlichen Ordnung nicht hineinpasst, wird auf dem Weg ins dunkle Zeitalter des Erwachsenseins abgeschnitten. „Wir ersticken; von Kindheit an werden wir verstümmelt: es gibt nur Monstren!“, formuliert Paul Nizan seinen Protest gegen die bürgerlichen Verkehrsformen und fährt fort: „Polizei, Regierung, Moral, Sünde und Sanktion bewegen ihr [der Menschen, G. E.] Denken. Seele ist, was nicht der Mensch selbst ist, sondern von außen kommt und in ihm lebt. Die Seele ist ein Besitz. Es ist Zeit, von diesen Dämonen befreit zu werden.“ Sein Jugendfreund Sartre stellt lakonisch fest: „Eine Identität haben heißt, sich ein Gefängnis ohne Gitter zu geben.“ Von den zahlreichen Teilpersonen, aus denen wir eingangs des Lebens bestehen, überlebt auf dem Weg zur erwachsenen Identität oft nur eine: das verwertbare Arbeitswesen. Peter Brückner hat diese Erfahrung in seinem autobiographischen Buch Das Abseits als sicherer Ort so ausgedrückt: „Eines Tages schwindet unser Vertrauen in das ‚Verschieden‘, das wir sind; das offene Gelände, unser Atlantis, versinkt.“
Wir leben in einer Kultur, in der, wer als Mensch ernst genommen werden will, sich als Kind zum Verschwinden bringen muss. Wir werden als Viele geboren und sterben als Einer. Das vor allem bedeutet in dieser Gesellschaft Identität.
Anlässlich seines sechsunddreißigsten Geburtstages notierte Eugène Ionesco in sein Tagebuch: „Ich kann mir nicht erklären, wie ich es zulassen konnte, dreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig Jahre alt zu werden. Ich begreife nicht, wie ich an mich halten konnte, um nicht den Versuch zu unternehmen, diese Katastrophe zu verhindern. Ist das im Schlaf über mich gekommen, war ich bewusstlos? Hat man mich betrunken gemacht? Umgekehrte Metamorphose: Ich werde zur Raupe. Wohin ist wohl derjenige verschwunden, der ich war, der ich noch sein muss, das zarte Kind, das neue Wesen, ja der Heranwachsende, der noch etwas von seiner Kindheit bewahrte? Wohin bin ich verschwunden? … Wie hat der liebe Gott zulassen können, dass so etwas aus mir wird! Ich stecke in der Haut eines andern, in den Häuten und den Hautfalten eines andern. Ich habe diese Erfahrung gemacht: Man kann ein anderer werden. Das mag absurd scheinen. Mir bleibt nur das Bedauern, ein anderer zu sein. Und dieses Bedauern macht, dass ich noch immer ich selbst bin oder das Kind, das ich war, das ich bin, oh, meine Farben, die Farben der Welt, mein anderer Himmel, meine andere Welt, meine anderen Meere, mein Kontinent von ehemals!
Alles hat sich verflüchtigt. Ich bin auf einem anderen Planeten, ich gleiche einem Wesen von einem anderen Planeten, ich war ein Mann, ein Kind – und eine böse Fee oder ein übler Zauberer hat mich in einen Bären, in ein Wildschwein, in ein Krokodil verwandelt. Weshalb hat er mich so bestraft? Vielleicht, weil ich an den Nägeln kaute oder in der Nase bohrte. Die Strafe ist unverhältnismäßig hart. Es ist ein Irrtum, ein Alptraum, ich will wieder ich selbst werden, ich bin das Kind … Was tun? Ich ringe die Hände, ich weine, ich heule, vergeblich. Sie sind wirklich bösartig …!
Fern von uns die Gestirne, das unendliche Himmelsblau, die grenzenlose Freude, das Fest.“
Wie viele Vertreter der künstlerischen Avantgarde erlebt Ionesco das Erwachsenwerden nicht nur als Reifung, sondern als Wunschvernichtung, Icheinschränkung und Verinnerlichung von Repression. Unnachahmlich prägnant hat Martin Walser das Resultat der Selbstentfremdung in den Satz gefasst: „Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die schwächste.“
Dialektik der Identität
„Was bloß identisch ist mit sich, ist ohne Glück“, lautet ein Satz Adornos, der gewissermaßen in Pillenform alles enthält, was es zum Thema Identität zu sagen gibt. Das unscheinbare Wörtchen „bloß“ in ihm verweist darauf, dass es einen dialektischen Gegen-Satz gibt, der lauten könnte: Was bloß nicht-identisch ist mit sich, ist ohne Glück. Auf der bisher von mir betonten Seite dieses widersprüchlichen Zusammenhangs erscheinen die Verluste an Lebendigkeit und Glück, die der mit sich identische Mensch erleidet. Die andere Seite ist die: Wir benötigen als Menschen eine psychische Struktur. Als Menschen? Ich muss einschränkend sagen: Als Menschen, wie sie die Vorgeschichte, die eine Abfolge von klassengespaltenen Herrschaftskulturen gewesen ist, hervorgebracht hat. Wie wahrhaft freie Menschen beschaffen sein werden und was sie benötigen, können wir nicht wissen. Noch eine Einschränkung: Unser Bild vom Menschen und das, was wir unter Identität verstehen, ist weitgehend männlich geprägt. Aus weiblicher Perspektive wird sich die Geschichte der Identität als Kolonialgeschichte darstellen: Das von Freud als „dunkler Kontinent“ gefasste Weibliche wurde mit männlichen Ich-Kolonien überzogen. Die Frau galt als auf den Mann bezogenes, relatives Wesen und hatte ihm den Rücken freizuhalten. In schockierender Offenheit bekennt Jean-Paul Sartre im Gespräch mit Simone de Beauvoir: „Was mich im Grunde an Frauen interessierte, war, meine Intelligenz wieder mit Sensibilität zu durchtränken.“ Der Mann, der auf der Jagd nach Erfolg einen Teil seiner Sensibilität eingebüßt hat, beansprucht die Sensibilität und Sinnlichkeit der Frau.
Horkheimer und Adorno haben in der Dialektik der Aufklärung das Gewaltsame männlicher Identitätsbildungsprozesse hervorgehoben: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Verlockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart.“
Die Kosten des Identitätsprinzips bestehen in Ausgrenzungen. Das Gros der Gewalt ist bis heute männlich und dient der Aufrechterhaltung und Absicherung dieser Ausgrenzungen.
Für den bis heute vorherrschenden Menschentypus, der ein Noch-nicht-Mensch ist, gilt: Ganz ins Offene gestellt, droht er sich zu verlieren und „verrückt“ zu werden. Sogar Eichendorffs Taugenichts kennt diese Angst: „Da kam mir die Welt auf einmal so entsetzlich weit und groß vor und ich so ganz allein darin, dass ich aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.“ Gleich darauf fängt er sich wieder und der Leichtsinn kehrt zurück. Die Auflösung der Ich-Grenzen, die Identitätsdiffusion, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Manch einem scheint es leichter, sein Leben aufzugeben als seine Identität. Wir brauchen Begrenzungen im Raum und Markierungen in der Zeit. Wir brauchen so etwas wie Identität, etwas, das unseren Trieben Dauer und Form gibt. Aus uns muss eines Tages einer werden, wir können nicht im anfänglichen Stadium der Nicht-Integration verharren. Wir müssen die Phase der fließenden und neugierigen Unentschiedenheit und der prinzipienlosen Suche nach Lust hinter uns lassen und uns auf den Weg der Reifung und des Erwachsenwerdens begeben. Wenn wir nur genauer wüssten, wie man die Einheit der Person produzieren kann, ohne die oben beschriebenen Folgen des Verlustes der Erfahrungs- und Glücksfähigkeit.
Nietzsche hat die Dialektik dessen, was später als Identität gefasst wird, früh erkannt und in der Fröhlichen Wissenschaft so beschrieben: „Dagegen hasse ich die dauernden Gewohnheiten und meine, dass ein Tyrann in meine Nähe kommt und dass meine Lebensluft sich verdickt, wo die Ereignisse sich so gestalten, dass dauernde Gewohnheiten daraus mit Notwendigkeit zu wachsen scheinen: zum Beispiel durch ein Amt, durch ein beständiges Zusammensein mit denselben Menschen, durch einen festen Wohnsitz, durch eine einmalige Art Gesundheit. Ja, ich bin allem meinem Elend und Kranksein, und was nur immer unvollkommen an mir ist – im untersten Grunde meiner Seele erkenntlich gesinnt, weil dergleichen mir hundert Hintertüren lässt, durch die ich den dauernden Gewohnheiten entrinnen kann. – Das Unerträglichste freilich, das eigentlich Fürchterliche, wäre mir ein Leben ganz ohne Gewohnheiten, ein Leben, das fortwährend die Improvisation verlangt – dies wäre meine Verbannung und mein Sibirien.“
Identität ist einerseits ein Gefängnis, andererseits brauchen wir ein Gerüst, an dem wir uns entlanghangeln und orientieren können. Beides stimmt, und aus diesem sich verfilzenden Zusammenhang findet man nur heraus, wenn man die Kraft für eine lebenslange Balancearbeit aufbringt und der Versuchung widersteht, Ordnung durch Weglassen zu schaffen. Die Kunst bestünde darin, eine Balance zu finden „zwischen dem erstarrten und dem rasenden Affekt“, wie es der Psychoanalytiker Bernd Nitzschke ausgedrückt hat. Dazu würde die Fähigkeit gehören, den gesellschaftlich geforderten Zwang, eine einheitlich und geschlossene Persönlichkeit und eine darauf beruhende Vernunft hervorzubringen, vorübergehend außer Kraft zu setzen und sich, wie es bei Nietzsche heißt, „auf Zeiten verlieren“ zu können. Auf dieser Basis könnte sich die Identität eines nicht-faschistischen Bürgers herausbilden, der nicht genötigt wäre, seine verdrängten Triebregungen auf andere zu projizieren und an ihnen zu verfolgen. Jeder starren Identität wohnt eine Tendenz inne, sich gegen andere Identitäten gereizt und streitbar abzugrenzen und im Sinne des „Narzissmus der kleinsten Differenz“ (Sigmund Freud) an der Grenze zur Nachbaridentität die Unterschiede stark zu betonen. Dieser nicht-faschistische Bürger besäße eine dialektische Identitätsstruktur, die man hegelianisch als „Identität von Identität und Nichtidentität“ fassen könnte. In einem emphatischen Sinne reife, dialektische Ich-Funktionen würden ihn instand setzen, Ambivalenzen und Differenzen zu ertragen und nicht lösbare Widersprüche in ihrer Widersprüchlichkeit prüfend bestehen zu lassen. Seine Identität wäre die widersprüchliche Einheit des Vielen, eine lebendige Instanz, durch deren Balancearbeit das psychische mit dem gesellschaftlichen und das gesellschaftliche mit dem psychischen Leben vermittelt wird. Identität wäre also eher die Kontinuität der Brüche als etwas, das ein für allemal bleibt, was und wie es ist. Franz Fühmann hat den „gestockten Widerspruch“ dieser Form von Identität in seinem Trakl-Buch Vor Feuerschlünden so beschrieben: „… doch Kontinuität liegt ja schon in der Person: der sich da wandelt, bleibt auch er selbst; eben: nur auch; aber: doch auch.“
Die Verfechter eines starren Identitätszwangs erinnerte Lothar Baier in seinem Essay Unlust an der Identität zu Recht daran, dass „die wahre Identität früh genug und ganz von allein kommt, und zwar mit dem Tod. Dann ist der Prozess Mensch zu Ende, dann ist er glücklich mit sich selbst identisch. Nur hat er nichts mehr davon.“ Alle, die an die Möglichkeit eines Lebens vor dem Tod glauben, seien an folgende Sätze Robert Walsers erinnert: „Was gibt es für Gründe, sich auf die Reifheit viel einzubilden? … Vielmehr ist uns, die wir leben, recht viel nette, fröhliche Unreife zu wünschen. Reife ist doch der Zustand vor der Fäulnis.“
Der Schauspieler Daniel Minetti schickte mir nach der Lektüre dieses Textes – als Berliner Beitrag zum Thema „Identität“ – ein Gedicht zu, das aus den 1920er-Jahren stammt und das sein Großvater Bernhard Minetti immer wieder mit Genuss vorgetragen hat. Es ist mit Jean de Bourgeois unterzeichnet und heißt „Icke“:
Ick sitze da
und esse Klops,
uff eenmal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
uff eenmal jeht se uff, de Tür.
Nanu denk’ ick, ick denk’ nanu,
Jetzt is se uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und kieke,
und wer steht draußen? – Icke!
 Schlechte Aufhebung
Statt der Geburt eines nicht-faschistischen Bürgers erleben wir gegenwärtig die schlechte Aufhebung des Identitätszwangs und die Herausbildung eines Menschentyps, der den Anforderungen des „flexiblen Kapitalismus“ entspricht. Identität und charakterliche Prägungen werden als dysfunktional abgeschafft, weil sie die grenzenlose Fungibilität und Anpassungsfähigkeit der Menschen einschränken. Der „innengeleitete Mensch“ (David Riesman), auf den die bürgerliche Gesellschaft über weite Strecken ihrer Geschichte gesetzt hatte, war im günstigen Fall durch Urteilskraft, Bildung, Widerstandsfähigkeit und einen gewissen Eigensinn gekennzeichnet. Heute wird dieser innengeleitete Mensch aus dem Verkehr gezogen und durch den flexiblen, außengeleiteten Menschen ersetzt, dessen Lebensgestaltung darauf reduziert werden soll, sich wie Taumelkraut wechselnden Marktwinden zu überlassen und sich den Imperativen des Marktes willenlos und fatalistisch zu beugen. Es herrscht eine durch und durch ökonomistische Denkweise: Die Menschen sollen „wie Trabanten die Sonne des Kapitals umkreisen“, wie der Soziologe Oskar Negt es ausgedrückt hat. Sie sollen nirgends mehr Wurzeln schlagen, ihr Herz an nichts hängen. Stabile Bindungen an Orte und Menschen gelten als eine Art von Behinderung. Rimbauds einst skandalöse Behauptung „Ich ist ein anderer“ gehört heute zur psychischen Grundausstattung des zeitgenössischen Subjekts und könnte von jeder Internetfirma als Werbeslogan verwendet werden. Der „flüssigen Moderne“ (Zygmunt Bauman) entspricht eine fluide psychische Struktur der Individuen, Ich-Schwäche ist zeitgemäß und funktional. Der neue Sozialcharakter erinnert an den Axolotl, eine Art Lurch, der in Mexiko beheimatet ist und dessen Besonderheit darin besteht, dass er nie richtig erwachsen wird, sondern sein ganzes Leben in einem Zwischen- und Schwebezustand verbringt. Der späte Kapitalismus bringt ein gefräßiges, ungeduldiges, auf seinen Spaß bedachtes Erwachsenen-Kind hervor, das sich genüsslich die Flasche geben lässt und für ständige Veränderungen offen ist. Widerstand ist von ihm schwerlich zu erwarten, denn Menschen, die über keine innere Vorratshaltung und Erinnerung verfügen, können keine Vorstellungen von dem entwickeln, wie es sein sollte und wie es anders sein könnte. Der Konjunktiv verschwindet aus ihrem reduzierten Sprachschatz, sie drohen vollkommen „in die Funktionale“ zu rutschen, wie es bei Brecht heißt.
Linke als Modernisierungsgehilfen
Die 68er-Bewegung ist, ohne es zu wollen, zum Vorreiter der flüssigen Phase der kapitalistischen Moderne geworden. Sie hat – ihre eigenen hochfliegenden sozialistischen Ziele verfehlend – Entwicklungen angeschoben, die historisch ohnehin auf der Tagesordnung standen, und so zur Modernisierung archaisch verfasster gesellschaftlicher Teilbereiche beigetragen. Hans Peter Duerr hat dazu angemerkt: „Paradoxerweise hat eben jene Linke, die in den sechziger Jahren für eine Gesellschaft gekämpft hat, in der Sehnsüchte und Lüste ungezügelt ausgelebt werden dürfen, eigentlich ahnungslos für den Klassenfeind gearbeitet. Hegel hätte gesagt, der kapitalistische Profitgedanke hat sich dieser Alternativbewegung bedient, um zu sich selber zu kommen.“
Wie so oft in der Geschichte des Sozialismus vertrat die neue Linke gegen das Bürgertum dessen eigene fortgeschrittenere Phase und verhalf diesem so zu einer fälligen Modernisierung seiner Herrschafts- und Ausbeutungsmethoden. Sie machte sich, wie Adorno früh bemerkte, „zum Sprachrohr der schlechteren Welt gegen die schlechte“. Dass Linke für die Aufhebung des Tanzverbots am Karfreitag eintreten und sogenannte Nachttanzdemos veranstalten, trägt dazu bei, die letzten Barrieren abzuräumen, die dem „hündischen Kommerz“ (Friedrich Engels) noch gesetzt sind, und liefert ein Beispiel für das Einrennen offener Türen. Ein anderes ist die Teilnahme großer Firmen an der Berliner Christopher-Street-Day-Parade. Die Linke hat dem Kapital beigebracht, dass das Festhalten an tradierten Geschlechterrollen dumm und geschäftsschädigend ist. Diesen Typus der Kritik hat Adorno „realitätsgerechte Empörung“ genannt: „Realitätsgerechte Empörung wird zur Warenmarke dessen, der dem Betrieb eine neue Idee zuzuführen hat.“
Gegen die Gesellschaft des konsumistischen Hedonismus hat Adorno letztlich recht behalten, als er darauf hinwies, dass „asketische Ideale heute ein größeres Maß an Widerstand einschließen“ als das „sich Ausleben“ gegen die Repression. Die gegenwärtige Gesellschaft leidet nicht an einem Übermaß an Hemmungen, sondern daran, dass sie gar keine mehr kennt. Angesichts der beschriebenen Tendenzen zur Selbstzerstörung bürgerlichen Verkehrs und kapitalkonformen Abschaffung von Identität nimmt das Festhalten an ihr beinahe rebellische Züge an. Dialektische Identität und Ich-Stärke könnten zu Kampfbegriffen gegen eine Gesellschaft werden, die auf den allseits anschlussfähigen und kompatiblen Menschen setzt.
Dennoch sollten wir, solange rechte Populisten den verstörten und verunsicherten Menschen eine „nationale Identität“ als Lösung anpreisen, an unserer Kritik am Identitätsprinzip festhalten und nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass die Idee nationaler Identität in der Regel mit dem Phantasma der ethnischen Reinheit verknüpft ist, in deren Namen die schlimmsten Barbareien begangen wurden und werden.
Originaltext
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Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | 3 Kommentare

Mondo Plastico?

Alexander Klose,“Berliner Gazette“
Wie der Kunststoff in die Welt kam und sie grundlegend verändert hat
Wir leben in einer Zeit, in der synthetische Kunststoffe die Vorherrschaft übernommen haben: Behälter, Werkzeuge, Oberflächen – der Großteil der Gegenstände des täglichen Lebens werden seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Plastik überzogen, aus Plastik nachgeschaffen, oder traten als gänzlich neues, aus Kunststoff geformtes Phänomen erstmals in die Welt. Kann man tatsächlich von einem neuen Zeitalter sprechen? Der Kulturphilosoph Alexander Klose begibt sich auf eine Spurensuche.
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In fast demselben Umfang, in dem Plastikgegenstände in die Kultur gelangen, treten sie aus dieser auch wieder heraus, und zwar als Plastikmüll, der seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in enormen, mit dem globalen Anwachsen materiellen Wohlstands kontinuierlich sich steigernden Mengen in die Ökokreisläufe eingespeist wird. Dort zerfällt er zwar durch mechanische Einwirkungen, wird aber nicht oder jedenfalls in kaum nennenswertem Umfang zum Gegenstand organischer Zersetzungsprozesse. Obwohl organischen Ursprungs verhält sich das Plastik vielmehr wie ein Mineral. Von Tieren und Strömungen transportiert und von Naturgewalten zerrieben, zirkuliert es in Mikropartikeln und lagert sich als Sedimentschicht ab.
Aufgrund seiner langen Dauer und nachhaltigen Auswirkungen liegt es nahe, dieses Nachleben der Kunststoffe als Phänomen im Zusammenhang mit dem neuen menschengemachten Erdzeitalter zu betrachten, in das wir nach Auffassung führender Experten eingetreten sind. Ob die Akkumulation von Plastikpartikeln in der planetaren Ökosphäre geohistorische Dimensionen aufweist, sei dahingestellt. So wie die Frage, ob es sich bei den unter der Bezeichnung Anthropozän zusammengefassten Phänomenen tatsächlich um eine geohistorische Zäsur handelt, weiter Gegenstand von geologischen Fachdiskussionen bleibt. Kulturgeschichtlich soll an dieser Stelle nur die Behauptung festhalten werden: Wenn mit der Jungsteinzeit (dem Neolithikum) vor etwa 12.000 Jahren das begonnen hat, was wir als Kultur be- und aufzeichnen, gefolgt von Bronze- und Eisenzeit (an die man materialgeschichtlich noch eine moderne Stahlzeit anfügen könnte), dann befinden wir uns heute in der Plastikzeit.
Wie aber lässt sich diese Plastikzeit oder Zeit des Plastiks einordnen? Und welchen zeitlichen Gesetzen gehorcht sie selbst? Sie als (vorläufigen) Höhepunkt des Zivilisationsprozesses und der mit ihm einhergehenden Beherrschung der Natur zu feiern, wie es die euphorischen Diskurse um das neue Material in der Mitte des letzten Jahrhunderts nahelegten, scheint vor dem Hintergrund heutiger Gewissheiten wissenschaftlich und vor allem moralisch untragbar (obgleich vielleicht genau deswegen ein zweites Hindenken wert). Aber sie als einen Fehler zu behandeln, den es lediglich, im Rahmen des Möglichen zu korrigieren gelte, wird ihrer Realität ebenso wenig gerecht. Zudem evoziert diese reparierende Haltung gegenüber den Exzessen der Moderne, man habe die Dinge weiterhin so in der Hand wie man das in ihren Hochzeiten annahm, man befände sich also weiterhin in demselben, prinzipiell progressiven Geschichtsprozess. Vor dem Hintergrund der heutigen Diskussionen um einen Epochenwechsel und dessen Folgen scheint es vielmehr nahezuliegen, das plastic age als Teil dieses epochalen Bruchs zu begreifen. Eines Bruches, der zu neuen Ontologien und Mythologien, zu neuen Materialien und zu einem neuen Verständnis ihrer Verhältnisse zueinander führt.
Geomimetik: Neue Materialien erschaffen
Im Glauben an die gestalterischen Chancen und Verantwortungen der Gegenwart plädiert die Künstlerin Yesenia Thibault-Picazo dafür, unsere Zeit als Beginn „einer neuen Welt mit neuen Materialien“ zu verstehen und fragt, ob „diese neue geologische Gegenwart vielleicht als moderner Mythos, als Kosmologie betrachtet werden“ kann. In ihrem materialforschenden Vorgehen lässt sie sich inspirieren von der Geomimetik. Unter diesem Begriff fasst man Verfahren aus Industrie und Wissenschaft zusammen, mit denen man das Einwirken geologischer Kräfte imitiert, um „neue Materialien nach dem Vorbild der Mineralwelt herzustellen“.
Die Geste, sich an den Anfang einer neuen Zeit zu setzen und diesen Anfang mit neuen Technologien und Materialien zu begründen ist nicht sonderlich neu, man denke an den Aufbruch der klassischen Modernen in bildender Kunst und Architektur in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts. Ebenso wenig ist es neu, spekulative Gedanken über eine mögliche oder gewünschte Zukunft zum (bisweilen sogar staatstragenden) Fundament der Gegenwart zu erklären. Sehr wohl neu erscheint aber eine Herangehensweise, die auch Materialien zum Gegenstand einer Zukunftsspekulation werden lässt, die zudem nicht nur die Zeit von deren Entstehung sondern auch die von deren Verfall mit einbezieht. Das ist die Herangehensweise und zeitliche Perspektive der Geomimetik.
„Was bedeutet es, dass wir durch unsere kollektiven Handlungen mit der Zeit zu einer geophysischen Kraft geworden sind (…)?“, fragt Yesenia Thibaut-Picazo in einem Katalogbeitrag zur Ausstellung Willkommen im Anthropozän des Deutschen Museums in München. „Dass wir bestimmte Elemente (…) in so großen Mengen in die Natur einbringen, dass sie sich in neuen Sedimentschichten ablagern und so zu einem Teil der Erdoberfläche werden? Diese langsame geologische Entwicklung erweckte mein Interesse und führte dazu, dass ich aus den am weitesten verbreiteten Materialien unseres Zeitalters Mineralien herstellen wollte – ein Prozess, der sonst der Natur überlassen bleibt.“
Im Rahmen des Programms Textile Futures des College of Art and Design, London, entwickelte Thibaut-Picazo das Projekt „Handwerk im Anthropozän“. Unterstützt wurde sie dabei von dem Geologen Jan Zalasiewicz, einem der führenden Vertreter des internationalen Anthropozän-Diskurses. Im Labor ahmte sie Prozesse natürlicher Erosion und geologischer Transformation nach. Dabei arbeitete sie mit Knochenmehl, Aluminium und Plastik, die sie als Rückstände menschlicher Tätigkeiten in der Natur fand. Es entstand eine Reihe von spekulativen Materialproben, welche die Künstlerin zu einem Tableau anordnete, dem „Kabinett der anthropogenen Materialien“.
Die pazifische Plastikkruste
In einem zweiten Schritt entwickelte die Künstlerin für die von ihr untersuchten und bearbeiteten Materialien Szenarien für deren Gebrauch in einer weit in der Zukunft liegenden Kultur. Über das zukünftige Schicksal des Plastiks malte sie sich das Entstehen einer Pacific Plastic Crust (PPC) aus: Als Resultat der Sedimentation der in unserer Zeit in gigantischen Mengen in die Meere eingebrachten Plastikpartikel werde sich diese flächendeckend über Teilen des Meeresgrundes gebildet haben und im Zuge langwieriger geologischer Umwandlungsprozesse zu einem der wertvollsten Mineralienreservoirs geworden sein.
Auch in der Reflektion der Herkünfte und Konsequenzen menschlicher Entwicklung und menschlichen Handelns haben sich die zeitlichen Horizonte in den letzten Jahren deutlich vergrößert und vervielfältigt, insofern die Eigenzeiten der Dinge und Materialitäten, die unsere Lebenswelten formen, einen größeren Stellenwert im Denken erhalten. Bis zu dem Punkt, dass der menschliche Körper nicht mehr als abgeschlossen gegenüber seinen Umwelten gedacht wird, sondern als Komposition aus den Prozessen und Entwicklungszeiten all der Materialien, die ihn bilden: „der Mineralität unserer Knochen, dem Metall unseres Blutes oder der Elektrizität unserer Neuronen“, wie es die Sozialwissenschaftlerin Jane Bennett ausdrückt; und als Zusammenspiel all der Organismen, die seine komplexen Organe formen und ihr Funktionieren ermöglichen: Bakterien, Viren, Pilzen. So reicht eine evolutionäre Zeit des Organischen und sogar des Anorganischen in die jüngeren anthropologischen Selbstbeschreibungen hinein. Der Philosoph Manuel De Landa beschreibt diesen Vorgang in seinem Buch A Thousand Years of Nonlinear History als Mineralisierung:
„In the organic world (…), soft tissue (gels and aerosols, muscle and nerve) reigned supreme until 500 million years ago. At that point, some of the conglomerations of fleshy matter-energy that made up life underwent a sudden mineralization, and a new material for constructing living creatures emerged: bone. It is almost as if the mineral world that had served as a substratum for the emergence of biological creatures, was reasserting itself, confirming that geology, far from having been left behind as a primitive stage of the earth’s evolution, fully coexisted with the soft, gelatinous newcomers. Primitive bone, a stiff, calcified central rod that would later become the vertebral column, made new forms of movement control possible among animals, freeing them from many constraints and literally setting them into motion to conquer every available niche in the air, in water, and on land. And yet, while bone allowed the complexification of the animal phylum to which we, as vertebrates, belong, it never forgot its mineral origins: it is the living material that most easily petrifies, that most readily crosses the threshold back into the world of rocks.“
Die Frage nach der Materialität von Plastik, wie sie in den nachfolgenden Überlegungen gestellt wird, verortet sich auf den von De Landa heraufbeschworenen Prozessen, die im Verlauf der Geschichte des Lebens zwischen dem Bereich des Organischen und des Anorganischen abgelaufen sind (und die die Gültigkeit dieser kategorischen Unterscheidung selbst infrage stellen): Vitalisierung des Steins, Mineralisierung des Fleisches. „Walking, talking minerals,“ schreibt Jane Bennett in Reaktion auf de Landas Theorien. De-Mineralisierung und Re-Mineralisierung des Organischen: Erdöl, die prima materia unserer Zeit, ist ein in geologischen Prozessen über hunderte Millionen Jahre komprimiertes Archiv vormenschheitsgeschichtlichen organischen Lebens. Die chemische Vielfalt der Pflanzen und Tiere dieser Vorzeit, deren Molekülketten „vergleichsweise reich geschmückt und dekoriert“ waren, wie es in einem Einführungstext in die Polymerchemie auf der Website der TU Braunschweig heißt, wurde im Laufe des langen Transformationsprozesses zu (sehr vielen verschiedenen) Kohlenwasserstoffketten reduziert (und zugleich energetisch konzentriert). Nimmt man aus jenen neuen Verbindungen auch noch den Wasserstoff weg, erhält man Kohle oder Diamant.
Plastik als Alien matter
Einige der Kohlenwasserstoffverbindungen des Erdöls bilden die Ausgangssubstanzen der synthetischen Kunststoffe. In zeitlicher Hinsicht sind diese eine ziemlich vertrackte Sache, die voller Widersprüche und Extreme steckt: Plastik ist zugleich ein Stoff für den schnellen Gebrauch und einer, der nicht vergeht, als ob in ihm das vorsintflutliche Alter seines Herkunftsmaterials insistieren würde. Plastik ist von unschätzbarem Wert für die modernen Gesellschaften, weil es den Konsum dessen schnell und einfach verfügbar gemacht und allen Schichten zugänglich gemacht hat, was vorher der Sphäre des Luxus vorbehalten war: der Ästhetik, des Funktionalismus, des schönen Spiels. Zugleich ist es als Material fast nichts wert, denn es kann so billig in Massen hergestellt werden, dass seine Materialkosten praktisch nicht ins Gewicht fallen. Darum kann, ja muss man dieses Material so leichthändig wegwerfen.
1958 entsteht unter der Regie von Alain Resnais, der nur ein Jahr später als einer der radikalsten Filmer der Nouvelle Vague berühmt werden sollte, ein Film, der versucht, diesem Mechanismus entgegenzuwirken, indem er die kulturelle Leistung der Plastikherstellung in den Vordergrund stellt. Es handelt sich um einen dreizehnminütigen Dokumentarfilm über Wesen und Herkunft des Plastiks, der im Auftrag eines französischen Industriekonsortiums entstand. Sein Titel, Le chant du styrène (Der Gesang des Styrols), verweist auf den ebenso schönen wie gefährlichen Gesang der Sirenen (Le chant de sirènes) im antiken Mythos des Odysseus. Den begleitenden Text in Reimform dichtet Raymond Queneau, der sich in den Zwanzigerjahren im Umfeld der Surrealisten bewegt hatte. Der Film verfolgt eine Art mythogenetischer Rückwärtsbewegung: von den neuen, phantastischen und verführerischen Welten aus Plastik, mit denen er beginnt, über den demiurgischen Prozess der Formungen und Pressungen in der Kunststofffabrik bis in die Herstellung der Grundbestandteile des synthetischen Materials aus dem Rohstoff Öl in der Raffinerie.
Alltäglich und magisch
Plastik sei „die erste magische Materie, die zur Alltäglichkeit bereit ist“ hatte der Kulturtheoretiker Roland Barthes bereits einige Jahre vorher in einem Text mit der schlichten Überschrift „Plastik“ geschrieben und 1957 in dem einflussreichen Essayband „Mythen des Alltags“ veröffentlicht.
„Ein Luxusgegenstand ist immer mit der Erde verbunden und erinnert stets auf eine besonders kostbare Weise an seinen mineralischen oder animalischen Ursprung, das natürliche Thema, von dem er nur eine Aktualität ist. Das Plastik geht gänzlich in seinem Gebrauch auf; im äußersten Fall würde man Gegenstände erfinden um des Vergnügens willen, Plastik zu verwenden.“
Bekanntlich hat man dies seit jener Anfangszeit in großem Stile getan, und tut es noch. Heute sehen wir die Misere, die aus der Erdunverbundenheit des Plastiks erwächst: Der Wunderstoff der fortschrittsfrohen Nachkriegsjahrzehnte hat sich in eine alien matter verwandelt, die den Planeten heimsucht mit ihren fremden Zeitlichkeiten. So wunderbar bereitwillig und magisch anmutend sie in die Welt gekommen ist und fast jede gewünschte Form angenommen hat, so hartnäckig hält sie sich jetzt darin fest. Sie kehrt als Wiedergänger der Konsumkultur zurück und bewirkt als Kollateraleffekte ihrer Sedimentations- und Diffusionsprozesse Veränderungen, über deren Ausmaß und Qualität wir erst langsam Klarheit erlangen. Der österreichische Dokumentarfilmer Werner Boote zeigt dies in seinem Film Plastic Planet. Die dunkle Seite der Kunststoffe auf eindrückliche Weise. Ebenfalls aufschlussreich in diesem Zusammenhang der Film Plastik – Fluch der Meere der investigativen Journalisten Friedemann Hottenbacher und Max Mönch.
Plastik zirkuliert in allen Flüssen, Seen und Meeren der von der Konsumkultur erfassten Zonen der Erde, wie vermutlich im Blut fast jedes Menschen dieser Gegenden. Es findet sich aber auch in den abgelegensten Winkeln wie in der Antarktis oder auf dem Himalaya. Ein Ozean gilt heute als sauber, wenn sich im Magen der dort gefundenen Vögel durchschnittlich weniger als zehn Plastikteilchen befinden. Plastik bildet eine hydrophobe Umwelt, das heißt, es verbindet sich nicht mit dem Wasser sondern es stößt es ab. Dafür wirken Plastikmikroteilchen „wie Magneten“ auf im Wasser gelöste Schadstoffe. Die Meeresbewohner, die diese kontaminierten Plastikteilchen fressen, scheiden das Plastik zwar wieder aus. Ihre Organismen aber nehmen die Schadstoffe auf, die über die Nahrungskette vielfach angereichert letztlich auf unseren Tellern landen.
Eine weitere unheimliche Qualität der synthetischen Kunststoffe und der mit ihnen verarbeiteten Substanzen (Weichmacher, etc.) ist, dass manche von ihnen als „falsche Boten“ agieren. Sie geben Informationen an die mit ihnen in Berührung kommenden Organismen ab und greifen so in deren Hormon- oder Zentrales Nervensystem ein, obwohl sie dazu gar nicht befugt sind. Für eine derartige, xenobiotisch genannte Wirkung reichen schon geringste Dosierungen aus. Plastik ist also eine Substanz, die – obgleich aus Kohlenstoffmolekülen synthetisiert und in makromolekularen Strukturen aufgebaut wie Pflanzen und Tiere – zugleich zu wenig organisch ist, um sich in die bestehende Ordnung des Lebens einzufügen und noch zu viel organisch, um klar als Angehörige einer anderen Materialgattung erkannt und behandelt zu werden.
Die Arbeit der Zeit
Der sehr langen Zeitdauer der Entstehung seines Ausgangsmaterials Erdöl korrespondiert im modernen petrochemischen Prozess eine nie dagewesene Beschleunigung: Mit Hilfe von Katalysatoren setzt die industrielle Chemie stoffliche Umwandlungsprozesse, die geogeschichtliche Zeitdimensionen von Hunderttausenden oder gar Millionen Jahren beanspruchten, in Vorgängen fort, die in Tagen, Stunden oder sogar nur Minuten gemessen werden. Menschliche Technik vollendet oder übernimmt das Werk der Geologie. Eine kurz getaktete Zeit der Herstellung durch technische Verfahren tritt an die Stelle der langen Dauern der Entwicklung und der Umwandlung. Folgt man den Analysen des vergleichenden Religionswissenschaftlers und Mythenforschers Mircea Eliade, ist der Wunsch, Kontrolle über die Dauer organischer und mineralischer Prozesse zu erlangen mitnichten eine moderne Erfindung. Bereits die Schmiede der Eisen- und Bronzezeit hätten ihrem Selbstverständnis gemäß in den Rhythmus natürlicher Entstehungsprozesse beschleunigend eingegriffen, wenn sie die „im Leib der Erdmutter“ „wachsenden“ Mineralerze als Embryonen begriffen und sich selber als Geburtshelfer, die der Erde dabei behilflich wurden „schneller niederzukommen“.
Nimmt man diese Perspektive der vor- und frühzeitlichen Metallurgen ein, scheint es nahe zu liegen, auch die im Erdinneren reifenden Erdölreservoirs als Früchte der Erde zu begreifen, die einem mineralischen Umwandlungsprozess unterliegen, und denen heute, mit den Mitteln moderner Technik, zu einer beschleunigten Niederkunft verholfen wird. Im Widerspruch zu der geläufigen Fortschrittserzählung, nach der die modernen Wissenschaften der Chemie und Physik mit den auf mythischen und religiösen Wissensformen aufbauenden Theoremen ihrer Vorläufer restlos gebrochen haben, setzt nach Eliade die Ideologie des modernen Fortschrittsglauben zentrale Elemente des Projekts der Alchemie fort, namentlich den Wunsch, die Zeit selbst zu beherrschen, indem man die Arbeit der Natur übernimmt. In seiner 1956 erstveröffentlichten klassischen Studie Forgerons et Alchimistes (hier zitiert nach der 1980 in zweiter Auflage auf Deutsch erschienenen Übersetzung) führt Eliade aus:
„In diesem, von den physikalisch-chemischen Wissenschaften und vom industriellen Aufschwung beherrschten 19. Jahrhundert, gelingt es dem Menschen, sich in seinem Verhältnis zur Natur an die Stelle der Zeit zu setzen. Damit erfüllt sich, in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß, sein Wunsch, den zeitlichen Rhythmus durch eine immer schnellere und wirksamere Nutzung der Bergwerke, Steinkohlengruben und Ölvorkommen zu beschleunigen. Vor allem aber macht die restlos mobilisierte organische Chemie, im Bestreben, das Geheimnis der mineralischen Grundlagen des Lebens zu erforschen, die Bahn frei für unzählige „synthetische“ Produkte, und man kann nicht anders, als gewahr zu werden, daß diese zum ersten Mal die Möglichkeit bieten, die Zeit aufzuheben und im Laboratorium oder in der Fabrik Stoffe in Mengen herzustellen, für welche die Natur Jahrtausende gebraucht hätte.“
Die erfolgreiche Übernahme des Werks der Naturkräfte durch die technologisch aufgerüsteten Menschen der Moderne aber hat einen Preis. Mit dem Vermögen wechselt auch die Verantwortung für die angeeigneten Prozesse. Um noch ein letzesmal Eliade zu Wort kommen zu lassen: „Es war unmöglich, sich an die Stelle der Zeit zu setzen, ohne zwangsläufig dazu verurteilt zu sein, (…) ihr Werk selbst dann zu tun, wenn man kein Verlangen mehr danach hatte.“ Die dunklen Seiten des plastic age sind Ausdruck dieser neuen, weder hinreichend bedachten noch übernommenen Verantwortung für die nachkulturelle Existenz der Kunststoffe, für ihr von keines Menschen Verlangen (und offensichtlich auch von zu wenig anderen Organismen) getragenes Nachleben als Abfall, Mikropartikel und Sediment.
Die Plastikzeit ist eine alchemistische Zeit. Weder ihre Erfolge noch die durch sie hervorgebrachten Probleme lassen sich auf eine Dimension technischer Machbarkeit reduzieren. Alte Mythen lehren uns, dass neue Wesen leichter in die Welt gebracht sind als sie aus ihr wieder heraus befördert werden. Schöpfung ist eine schnelle Angelegenheit, ihre Eingliederung obliegt der Zeit – des Mythos, der Geschichte, der Evolution, der Erosion und der Sedimentierung. Gehört Plastik zu einer Geschichte des Organischen oder des Mineralischen? Vermutlich beides. Vielleicht wird man in Zukunft das geologische Alter des Öls wertschätzen lernen müssen. Vielleicht wird man eine neue Kategorie finden, die das Soziale, das Organische und das Mineralische ineinander verschränkt, um der organisch-mineralischen KulturNatur des Plastiks gerecht zu werden.
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Schöne neue Welt: Mutmassungen über Zukünftiges

Hans Steiger, „infosperber“
Seit 100 Jahren geht das Abendland unter. Zukunft heisst neue Ängste. Droht die Apokalypse jetzt? Drei differenzierte Diagnosen.
Manchmal ärgere ich mich selbst, dass mich das Thema nicht loslässt – die Furcht vor vermeintlichem Fortschritt, der mit Zerstörung von Gegenwart und Zukunft erkauft wird. Durch kleine praktische Konsequenzen sowie das tagtägliche mediale Gerede über sie rückt die Digitalisierung zunehmend ins Zentrum. Vielleicht zu Unrecht. Doch wir haben uns hier derzeit wohl alle am spürbarsten in technischen Netzen verfangen.
100 Jahre «Untergang» – aktuell?
Ausgangspunkt der zu beschreibenden Lesetour war ein neues Buch von Arno Bammé: «Die Apokalypse denken, um den Ernstfall zu verhindern». Der vielseitige Publizist leitete lange das Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität, war in einem «Ökotopia-Projekt» beteiligt, gibt die Buchreihe «Nordfriesland im Roman» mit heraus. Auch an der von Bazon Brock in Berlin gegründete «Denkerei» mit ihrem «Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen» ist er beteiligt. Die dort erarbeiteten Texte klingen keineswegs unernst: «Warum Gesellschaften kollabieren», «Schöpfer der zweiten Natur. Der Mensch im Anthropozän». Als der emeritierte Professor gebeten wurde, sich mit Blick auf 2018 intensiver mit Oswald Spengler und der «epochemachenden Schrift» über den «Untergang des Abendlandes» zu befassen, sagte er interessiert zu. Geprüft werden sollte, ob in ihr noch Aktuelles stecke. Daraus wurde ein Essay, der weit über die Frage hinausreicht, was der noch 100 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes bekannte Titel in unseren Köpfen auslöst und wer seitdem solche Visionen gesellschaftlicher Zusammenbrüche weiter verfolgt hat.
Schon auf dem Umschlag steht, derartige Untergangsprophetien – bereits die biblische Apokalypse von Johannes war eine – sowie Hinweise auf «ungeheure Gefahren» seien «aktueller denn je, auch wenn sie heute etwas völlig Anderes bedeuten». Nicht nur der im Untertitel erwähnte Peter Sloterdijk kommt als ein neuerer Denker vor, der sich mit verdrängten Zukunftsszenarien befasst. Eindrücklich erinnert wird an Günther Anders und dessen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Atomzeitalters. Ein ganzes Kapitel befasst sich mit ihm und unserer «Apokalypse-Blindheit». Der nach der Exilzeit wieder in Wien lebende Philosoph prägte den treffenden Begriff in den 1950er-Jahren «angesichts der Tatsache, dass die Menschheit einerseits über die technische Möglichkeit verfüge, sich selbst auszulöschen, diesem gattungsgeschichtlichen Novum andererseits aber mental in keinerlei Weise gerecht werde». Bei der Atombombe und andern Nutzungen der Kernenergie merkten inzwischen viele, «dass wir der Perfektion unserer Produkte immer weniger gewachsen seien» und «mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können». Auch in den medialen Bereich stiess Anders in seiner Studie über die «Antiquiertheit des Menschen» früh vor. Gern läse ich von ihm ergänzende Notizen zur aktuellen Entwicklung der Digitalisierung! Er starb 1992.
Bedenken, nicht alles glauben
Was die rosa Version der schönen neuen Silicon Valley-Welt betrifft, reichten mir die Zitate zu den Visionen von Ray Kurzweil, sein «Homo S@piens» und auch «Menschheit 2.0: Die Singularität naht» muss ich nicht lesen. Er gestaltet unsere Zukunft bei Google mit und rechnet für sich bereits mit ewigem Leben. Das vergleichend daneben oder eher dagegen gestellte Buch aber beschaffte ich mir: «Homo Deus» von Yuval Harari. Bammé merkte an, dass es nicht nur «in einer angenehm lesbaren, auch für Laien verständlichen Sprache» teils «sehr komplizierte Sachverhalte» darstellt, sondern auch zentrale Fragen formuliert. Etwa die: «Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir selbst?» Das beschäftigt offensichtlich viele. Der immerhin 500 Seiten starke, im besten Sinn populärwissenschaftliche Wälzer, dessen deutsche Ausgabe zu Beginn des vergangenen Jahres erschien, hatte im Dezember bereits die 12. Auflage erreicht.
Der an der Oxford University promovierte, nun in Israel wirkende Historiker hatte schon zuvor einen in fast 40 Sprachen übersetzten Bestseller verfasst: «Eine kurze Geschichte der Menschheit». Diese zu lesen ist keine Voraussetzung für das Verständnis der jetzt vorgelegten Mutmassungen zur Zukunft, denn der Weg in unsere Gegenwart wird im Schnelldurchgang skizziert, locker und anschaulich, mit oft überraschenden Bildern illustriert. So findet sich neben dem hehren Gott, der ein Pharao im alten Ägypten für seine Untergebenen eben auch war, ein Foto von Elvis Presley. «Marken sind keine Erfindung der Neuzeit.» Dass der Autor ein freier Denker sein will, markiert er gern mit Provokationen auf alle Seiten: «Liberale, Kommunisten und Anhänger anderer moderner Glaubensrichtungen mögen es nicht gerne, wenn man ihr eigenes System als Religion bezeichnet, denn sie setzen Religionen mit Aberglauben und übernatürlichen Mächten gleich.» Dabei stünden sie einfach für je eigene Systeme moralischer Gesetze. Daran wird sich vielleicht erinnern, wer beim letzten Kapitel angelangt ist, in dem es um «die Datenreligion» geht, den Dataismus. Dieser habe, nachdem die Beliebtheit und Macht der Moralreligionen schwinde, beste Aussichten, die Welt zu übernehmen. Derzeit breite er sich auf alle wissenschaftlichen Disziplinen aus. «Ein einheitliches Paradigma kann leicht zu einem unangreifbaren Dogma werden.» Dessen kritische Überprüfung werde vermutlich die grösste intellektuelle Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Digital getriebene Globalisierung
Auf den ersten Seiten wird der Anbruch des dritten Jahrtausends noch als Illusion des Aufbruchs in eine heilere Welt beschrieben. Es schien gelungen, Hunger, Krankheit und Krieg im Zaum zu halten. Vorbei die Zeit der politischen Polarisierung. Höchstens ferne Erinnerungen trübten das Traumbild: «Da war irgendwas mit Stacheldraht und riesigen Wolken, die aussahen wie Pilze.» Eine neue globale Agenda lag vor uns. Fortschritte in allen Bereichen machten alte Probleme lösbar, dank Bio- und Informationstechnologien rückten auch Unsterblichkeit und künstliche Intelligenz in die Nähe des Realen. «Homo Deus» eben. Viele fanden das allerdings nicht geheuer: «Kann bitte mal jemand auf die Bremse treten?» 2001 dann der terroristische Schock. 2008 offensichtliche Krisen. Die existenziellen Ängste kehrten zurück.
Bei der Klimafrage kam es in Paris zum erhofften internationalen Konsens, doch viele der Entscheide, die es zur Erreichung der Ziele braucht, reichte die Politik mit den dazu gesetzten Fristen gleich an die nächste Generation weiter. Wachstumsgläubige hoffen dabei nicht nur auf ein Wunder, «sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass dieses Wunder geschieht». Erwartet wird es in der Regel im Bereich von Wissenschaft und Technik. Irgendwann. «Die meisten Präsidenten, Minister und CEOs, die die Welt regieren, sind ausgesprochen rationale Menschen. Warum sind sie bereit, sich auf ein solches Vabanquespiel einzulassen?» Weil es nicht mehr um ihre persönliche Zukunft geht? Weil sie im Notfall auf Hightech-Archen für die Oberschicht setzen? «Und was ist mit den Armen? Warum protestieren sie nicht?» Weil sie mit im Hamsterrad sind.
Nebenwirkungen im Vordergrund
Ergänzend möchte ich «Internetgott» von Joël Luc Cachelin empfehlen. Darin wird nicht nur «die Religion des Silicon Valley» auf sehr eigenwillige Art vorgeführt, auch unsere vielfältige Verstricktheit mit dieser ist ein Thema, wenn nicht gar das zentrale. Sie wird Leserinnen und Lesern aus der Schweiz mit oft unheimlich anheimelnden Wendungen bewusst gemacht. «Google sieht mehr als die Migros und diese mehr als die Bäckerei am Dorfplatz.» Doch natürlich bin ich mit meiner Cumulus-Card längst in jenem roten Bereich, dem ich mich durch den Verzicht auf ein Smartphone zu entziehen versuche. Gerade als Verweigerer käme ich künftig voll ins Visier smarter Kontrolle. Wenn «die Digitalisierung als Megaerzählung» alle «politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technologischen Realitäten» prägt, rückt ein Ausscheren in die Nähe des Terrors. Bei meinem Jahrgang würde es wahrscheinlich noch als Altersstarrsinn, nicht als Akt der Rebellion taxiert. Darum kann ich mich über die Zwänge rundum nur ärgern, muss mich nicht fürchten. Doch es geht schnell voran. «Wir erleben Zeiten der Verunsicherung und des Misstrauens. Diffuse Ängste machen sich breit.» Speziell bei Angehörigen des unteren Mittelstandes, zu dem der Autor etwa Verkäufer und Buchhalterinnen, auch das mittlere Management zählt. Hier wachsen Wutbürger heran. «Die Bedrohten sind vom Tempo der Veränderung überfordert, sie finden keine stabilisierenden Netzwerke.» Was sich in einer Vielfalt der Lebensstile entwickelt, nehmen sie als Sittenzerfall wahr. Wieder ein Untergang des Abendlandes?
Mehr als in früheren, inhaltlich ähnlichen Schriften von Cachelin, die für mein Gefühl zu oberflächlich im Chancen/Risiko-Muster verblieben, sind hier auch Nebenwirkungen in den Vordergrund gerückt, die für ein bedrängendes Gesamtklima sorgen. «Nicht jeder will eine intelligente Kontaktlinse, nicht jede einen Roboter zum Freund, nicht alle sehen das Heil im Fortschritt.» Der aber ist in seiner digitalen Ausprägung weltweit anerkannte Religion, mit dem Internet als Gott. Nach alter christlicher Vorstellung sah Gottes Auge alles. «Er verfolgt uns auf Schritt und Tritt, bewertet jede unserer Handlungen – je nach Perspektive, um uns kennenzulernen, beizustehen oder zu kontrollieren.» An die «totale Beobachtungskapazität» konnte einst glauben, wer wollte – «nun ist sie eine technische Realität.» Der nie um eine weitere Drehung verlegene Schreiber bringt hier auch den Teufel ins böse Gedankenspiel. Und der «betreibt Social Engineering»…
Natürlich wäre moderne Technologie auch für eine gute Gestaltung der Gesellschaft zu nutzen. Die «nachhaltige Bewirtschaftung des Planeten» zum Beispiel liesse sich befördern. Allerdings müssten wir uns dann als Menschen einig werden, «was wir wollen und was uns wichtig ist». Von dominanten Anwendungen und ökonomischer Steigerungslogik ist eher Selbstzerstörung zu erwarten als menschliche Solidarität. Aber ein Prophet, «ein verkappter Kleriker» will der in St. Gallen ausgebildete Betriebswirt nicht sein. Nur fällige Fragen stellen, reflektieren, «eigene Visionen der vernetzten Zukunft definieren». Eine von ihm betriebene «Wissensfabrik» bietet zudem an, die «digitale Transformation» von Unternehmen zu begleiten.
Ahnungen ohne böse Prognosen
Auch die zwei davor gewürdigten Bücher lassen das Feld für neue Hoffnungen offen. Bammé setzt das Verhindern des befürchteten Ernstfalls bereits in den Titel. Das habe ja auch Spengler vor hundert Jahren gewollt. Er sah «die Technik in ihrer Eigendynamik als das charakteristische Element der Zivilisation», rief «die abendländische Intelligenz» zu mehr Aufmerksamkeit für diese Triebkraft auf. Um sie zu beherrschen, sich ihrer zu bedienen hat der – allerdings antidemokratisch argumentierende – Geschichtsphilosoph dem Politischen die Priorität gegenüber der Ökonomie einräumen wollen. «In mittlerer Perspektive betrachtet, ist es anders gekommen.» Von ihm gewollte «charismatische» Formen von Herrschaft führten in katastrophale Kriege und «die profitorientierte Wirtschaftsform des Kapitalismus» blieb.
Harari, der den Sozialismus einmal als Alternative des 19. Jahrhunderts beschreibt, «weil niemand sonst eine Antwort auf die ganz neuen Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste» der Arbeiterklasse hatte, sieht nun eine vergleichbare Herausforderung im drohenden Entstehen einer «Nichtarbeiterklasse». Massen von nutzlos gemachten Menschen, die bestenfalls materiell mit dem Nötigsten versorgt und mit künstlichen Erlebnissen in virtuellen 3-D-Welten befriedet sind. «Dem liberalen Glauben an die Heiligkeit menschlichen Lebens und menschlicher Erfahrungen» würde das «einen tödlichen Schlag versetzen». Doch auch da: «keine Prognose», nur eines von vielen möglichen Szenarien. Zwar erlaube es uns der Kapitalismus nicht, «uns eine nicht-kapitalistische Alternative vorzustellen», aber die Demokratie ermuntere uns, «an eine demokratische Zukunft zu glauben». Sicher sei in dieser sich so schnell wie noch nie verändernden Welt nur, «dass es ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten gibt.»
Arno Bammé: Die Apokalypse denken, um den Ernstfall zu verhindern. Unheilsprophetie von Spengler bis Sloterdijk. Metropolis, Marburg 2017, 239 Seiten,
Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. Beck, München 2017, 576 Seiten mit 57 Abbildungen,
Joël Luc Cachelin: Internetgott. Die Religion des Silicon Valley. Stämpfli Verlag, Bern 2017, 156 Seiten,
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Die «Russenpeitsche»

Helmut Scheben, „infosperber“
Über die «Russenpeitsche» und die linguistische Kreativität der Ideologen.
Man könnte darüber lachen. Wie man über die Kinderzeiten lacht, als der Welterklärung genüge getan war, wenn die Schotten knauserig, die Italiener faul und die Franzosen gegen Seife resistent waren. Aber wenn man die Karikatur auf der Cover-Seite des Zürcher «Tagesanzeigers» vom 27. Februar sieht, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. «Die Russenpeitsche» heisst es da, und man sieht Zürich im Frost, Rom im Schnee und Raketen, die auf Ost-Ghuta fliegen.
Karikatur im «Tagesanzeiger» vom 27. Februar 2018
Den Ausdruck «Russenpeitsche» soll ein deutscher Wetterdienst erfunden haben, um einen sibirische Kälte-Einbruch zu charakterisieren. Die Medien greifen den Ausdruck eifrig auf. Natürlich ist alles ironisch gemeint, sauglatt, Humor eben.
Wirklich? Den Krieg in Ost-Ghutha humorvoll zu sehen, das wäre meines Erachtens doch ein wenig zu viel der Lustigkeit. In der Karikatur wird mit heiterer Nonchalance suggeriert, was derzeit täglich von den grossen westlichen Medien als Mainstream Opinion konstruiert wird: Die Russen seien für den Krieg in Syrien verantwortlich, sie seien die Angreifer, die anderen die Opfer.
Ost-Ghuta ist in der Hand von aufständischen Milizen, darunter radikale Islamisten, die Damaskus seit 2011/2012 mit punktuellen Raketenangriffen terrorisieren. Die Bevölkerung in Damaskus ist nicht «amused». Die syrische Regierung hat jahrelang Verhandlungsbereitschaft gezeigt, um die Aufständischen zum Niederlegen der Waffen zu bewegen. Sie haben sich geweigert, sie wollten diesen Krieg, um die Regierung Assad zu stürzen, und sie werden dabei seit Kriegsbeginn vom Westen unterstützt.
Ein beliebter Textbaustein in den Nachrichten lautet derzeit: «das von Assad-Truppen belagerte Ost-Ghuta». Der Versuch einer Annäherung an die Realität müsste umgekehrt lauten: das von Assad-Gegnern eingenommene und besetzte Ost-Ghuta, in dem brutale politische und ethnische Säuberungen stattgefunden haben.
Oder glaubt jemand im Ernst, bei der Einnahme von Ost-Ghuta hätten die Milizen mehr Zartgefühl an den Tag gelegt als bei der Einnahme von Mossul? Mossul wurde in allen Medien als Befreiung von den Henkern des «Islamischen Staates» gefeiert. Ohne Luftbombardierungen «hätte das Leiden noch Jahrzehnte lang gedauert» befand «Der Spiegel» am 20.12.2017. Zivile Opfer hin oder her. In Mossul bombardierte eine Allianz unter Führung der USA. Also waren die Islamisten die Bösen. In Ost-Ghuta dagegen sind die Islamisten die Guten, denn die Russen sind die Bösen. In der Weltpolitik ist eben differenziert zu urteilen: mal so und mal so.
Der ehemalige Premier und Aussenminister von Katar, Scheich Hamad bin Jassim bin Jaber al Thani, sagte Ende Oktober 2017 im katarischen Fernsehen, man habe Waffen an die «moderate Opposition» geschickt. Möglicherweise auch an Al-Nusra und andere Extremisten. Die Waffenlieferungen seien mit Saudiarabien, der Türkei und den USA vereinbart worden:
«All distribution was done through the US and the Turks and us and everyone else that was involved, the military people.» (1)
Im Januar 2017 veröffentlichte die Internetplattform Wikileaks die Audioaufnahme eines Gesprächs zwischen dem damaligen US-Aussenminister John Kerry und syrischen Oppositionellen vom 22. September 2016 in New York. Kerry sagt darin in aller Offenheit, die USA hätten der Ausbreitung des Islamischen Staates absichtlich untätig zugesehen, um den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu Verhandlungen zu zwingen. Und er fügt hinzu, es habe keine Verhandlungen gegeben, «stattdessen kam ihm Putin zu Hilfe.» (2)
Assad hatte das Recht und die Pflicht, die syrischen Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Er hätte Ost-Ghuta spätestens nach dem Giftgasangriff von 2013, der mit hoher Wahrscheinlichkeit von Dschihadisten begangen wurde,  zurückerobern müssen.  Die syrische Regierung hat zu Beginn des Krieges die UNO um Schutz und Beistand ersucht, weil sie von radikal-islamischen Terrorgruppen angegriffen wurde. Die UNO wäre verpflichtet gewesen, einem angegriffenen Mitgliedstaat zu Hilfe zu kommen. Der UN-Sicherheitsrat hat diesen Beistand nicht gewährt. Selbstverständlich nicht: weil es ja Sicherheitsratsmitglieder wie die USA waren, welche die aufständischen Milizen finanzierten, trainierten und propagandistisch lancierten, um in Syrien Regime Change zu erreichen. Also hat Syrien – völkerrechtlich legitimiert – Russland um Hilfe gebeten.
Doch die unter dem PR-wirksamen Wording «Freunde Syriens» vereinigten NATO-Staaten und ihre Freunde am Golf versuchen seit Kriegsbeginn, Putin den Krieg in Syrien in die Schuhe zu schieben. Die Klischees aus der Mottenkiste der Kaiser-Wilhelm-Epoche sind wirksam und virulent wie eh und jeh.
Und wie die «Russenpeitsche» zeigt: Keine Metapher ist zu billig und zu dumm, wenn es gilt, dem zerstreuten Publikum auf die Sprünge zu helfen. Die Russen-Phobie ist wieder trendy, mit dem bösen Russen lässt sich wieder Politik machen. Er riecht nach Gulag, Wodka und Kampfpanzer. Er manipuliert unsere Wahlen, er untergräbt die freiheitliche Gesellschaft der USA und er bombardiert mit Vorliebe Spitäler und unschuldige Kinder. Momentan in Ost-Ghuta.
Die SRF-Tagesschau vom 26. Februar ist ein klassisches Beispiel für die manipulative Nachrichtenverbreitung im Syrienkonflikt. In der «umklammerten Rebellenhochburg» Ost-Ghuta werde weiter bombardiert, heisst es dort. Zivilisten suchten verzweifelt Schutz vor den Bomben. Es gibt nach dieser Darstellung nur zwei Akteure: die russisch-syrischen Angreifer und ihre Opfer, die Zivilbevölkerung. Präsident Putin habe aber eine Waffenpause angekündigt, wird vermeldet. Das will heissen: Das Leben der schutzlosen Opfer hängt von der Gnade der Angreifer ab. Die Dschihaddisten, die sich kaum an eine Waffenruhe halten, kommen in diesem Schema nicht vor. Es gibt nur Aggressoren und wehrlose Opfer.
Dabei wird die Emotionalisierung der Nachricht über Bilder ins Extreme getrieben: Gezeigt werden nur Kinder als Opfer. Die syrisch-russischen Angreifer hätten Chlorgas eingesetzt, heisst es weiter. Ein Helfer hält ein totes Kind in den Armen und erklärt: «Dieses Kind wurde durch Giftgas getötet. Wir fragen alle Kriegsparteinen und alle Organisationen der Welt: Welches Verbrechen hat dieses Kind begangen?»
Sicher eine gute Frage. Man sollte sie indessen denjenigen stellen, die seit 2011 Milizen finanzieren und bewaffnen, um die syrische Regierung zu stürzen. Ohne ihre logistische, militärische und politische Hilfe wäre der Bürgerkrieg in Syrien seit langem beendet. Die «Financial Times» schätze schon 2013 die Summe, die Katar zum Sturz der Regierung Assad ausgegeben hatte, auf drei Milliarden Dollar.
Es scheint aber im News Business mehr und mehr nach der Devise zu laufen: Was kümmern uns politische Hintergründe und differenzierte Analysen, wenn wir nur starke Bilder und starke Emotionen haben? Denn damit macht man auch starke Einschaltquoten.
«Nichts gelesen, nichts kapiert, aber mitten im Elend und voll im Bild», nannte das einst in einem «Spiegel»-Interview der Journalist Hans Joachim Friedrichs (Jahrgang 1927). Der Fernsehmoderator Ulrich Wickert sprach von «Apokalypse statt Aufklärung». (3)
Dieser Betroffenheitsjournalismus, der Erklärung durch Erregung ersetzt, ist einer der Gründe für die Vertrauenskrise, unter der unsere grossen meinungsführenden Medien leiden.
Wenn die Situation auf dem Gefechtsfeld zu unübersichtlich wird und von den «Kriegsfronten» nicht viel Klares zu erkennen ist, rekurrieren Journalisten seit jeher auf das fruchtbare Terrain der Flüchtlingslager, der betroffenen Zivilbevölkerung, auf die Ebene des allgemeinen menschlichen Leidens. Das ist richtig, doch die wenigsten News-Macherinnen und News-Macher scheinen sich darüber im Klaren zu sein, dass Kriegsparteien aller Kriege ihre Bevölkerungen mit emotionalen Bildern von menschlichem Leiden auf ihre Seite bringen wollen. Und dass diejenigen, die Krieg führen, das nur allzu gut wissen und nutzen.
In Syrien liefern hauptsächlich die Weisshelme die nötigen Bilder. Dass diese Organisation von denselben westlichen Staaten aufgestellt wurde und finanziert wird, die den Sturz Assads betreiben, scheint ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch zu tun. Und die Tatsache, dass diese Helfer nur mit den Aufständischen gegen Assad zusammenarbeiten, stört offenbar ebenso wenig. Die Weisshelme und einige andere Hilfswerke im Dienste der syrischen Opposition liefern stets pünktlich Dokumentarmaterial, wenn es gilt, Putin oder Assad für Giftgasattacken oder Bombenangriffe auf Spitäler zu beschuldigen. Dementis aus Damaskus oder Moskau werden, wenn überhaupt, in einem Nebensatz erwähnt. Weitere Recherchen dazu sind niemals der Mühe wert: Man glaubt ja zu wissen, dass aus Damaskus und Moskau nichts Vertrauenwürdiges kommen kann.
Ich mag mich nicht erinnern, in westlichen Fernsehsendern Bilder gesehen zu haben, die vom syrischen Roten Halbmond oder anderen regierungsnahen syrischen Hilfsorganisationen stammten. Von den Raketenangriffen, Sprengstoffattentaten und Massenerschiessungen der aufständischen Milizen gab und gibt es keine Bilder in unserem Fernsehen. Verletzte Kinder gibt es nur auf Seiten der sogenannten Rebellen und Freiheitskämpfer. Man bekommt den Eindruck, die Regierungstruppen und die Russen bombardierten grundlos ein wehrloses Land namens Syrien.
Das blutige Handwerk der Milizen, die gegen Assad kämpfen, wäre in unseren Medien kaum vorgekommen, wären da nicht die Videos, die die Kopfabschneider selbst mit Stolz ins Netz stellten. Zahlen und Fakten beziehen unsere Nachrichtensendungen mit Vorliebe von der sogenannten «Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte». Es hat lange gedauert, bis die Redaktionen sich gezwungen sahen zu bemerken, dass selbige «der syrischen Opposition nahesteht.» Sie steht aber nicht nur nahe, sie ist eine vom Westen finanzierte Propagandastelle der Assad-Opposition. Nicht mehr und nicht weniger.
Der syrische Journalist und Islamwissenschafter Aktham Suliman leitete das Berliner Büro des arabischen Senders Al Jazeera. Im Oktober 2012 trat er aus Protest gegen die Bevormundung des Senders durch die katarische Regierung zurück. In seinem Buch «Krieg und Chaos in Nahost» schildert er eindrücklich, wie im sogenannten arabischen Frühling in der Öffentlichkeit eine Atmosphäre entstand, in der es Journalisten nicht mehr wagen durften, sich den Rufen des Westens nach Regime Change und militärischer Intervention zu widersetzen.
Suliman fragt sich, «warum moderne Staaten wie Irak, Libyen oder Syrien zerstört wurden, während Monarchien ohne Parlamente, aber mit massivem religiösen Fundamentalismus ausgestattet, wie die Golfstaaten, nicht nur geduldet, sondern unterstützt werden.»
Man könne das oberflächlich nur mit «Bosheit oder Dummheit» erklären, meint Suliman. In den Kategorien vernünftigen politischen Denkens sei dieser Widerspruch nicht erklärbar.
Doch in der arabischen Welt gewinne man mehr und mehr den Eindruck, dass mit der Umgestaltung des Nahen und Mittleren Ostens, dem «New Middle East», von dem Strategen in Washington sprechen, ein Dritter Weltkrieg begonnen habe, ohne dass die breite Öffentlichkeit dies wahrnehme.
Im syrischen Szenario ist jedenfalls die Einseitigkeit unserer Leitmedien perfekt und beinah autistisch. Man beruft sich in der Regel auf Washington und die Assad-Opposition und lässt es damit gut sein. Man ist von sich überzeugt und findet das in Ordnung. Wer dieses Bild stört und mit Fakten kommt, die betonierte Überzeugungen stören, wird als Verschwörungstheoretiker beschimpft, mit dem man sich nicht auseinanderzusetzen braucht.
Doch allzuviel «mauvaise foi» könnte gefährlich werden für die Glaubwürdigkeit. Denn im Laufe der Zeit merkt das Publikum, dass wesentliche Fakten unterschlagen werden.
Und dass es nicht der Russe ist, der im Nahen und Mittleren Osten seit einem Vierteljahrhundert ein Land nach dem anderen militärisch angegriffen und dabei ein heilloses Chaos angerichtet hat. Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien wurden destabilisiert, sie werden auf Jahrzehnte hinaus als gescheiterte Staaten schwelende Brandherde und Nährboden für die Entstehung von Terrorismus sein. Und derzeit sieht die westliche Öffentlichkeit ungerührt zu, wie das mit USA verbündete Saudiarabien den Jemen zerstört.
FUSSNOTEN:
1. http://www.middleeasteye.net/news/qatar-maybe-supported-al-qaeda-syria-says-former-pm-1280907406
2. Aktham Suliman: Krieg und Chaos in Nahost. 2017. S. 223
3. Michael Meyen: Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren. 2018. S.16
Weiterführende Informationen
Karin Leukefeld, eine Beobachterin vor Ort, auf den NDS
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Hohe Zeit für Pharisäer


Von Gisbert Kuhn, „Journal 21“
Es gibt zwei Arten von „gutem Gewissen“. Das eine ist das wahrscheinlich den meisten vertraute „sanfte Ruhekissen“. Also jenes Gefühl einer weitgehenden inneren Zufriedenheit.
Man ist sich zwar bewusst, nicht perfekt zu sein und hie und da (vielleicht bei der Steuerehrlichkeit?) auch schon mal nicht ganz den geraden Weg gegangen zu sein. Aber im Grossen und Ganzen ist man doch mit sich und der Welt im Reinen.
Dann ist da jedoch auch noch das andere, dieses unheimlich gute Gewissen. Dieses lässt selbst die kleinsten Selbstzweifel an der absoluten Richtigkeit und Moralität des eigenen Denkens und Handelns gar nicht erst aufkommen.

Entsprechend leiten die Träger (und – politisch korrekt – natürlich auch Trägerinnen) dieses Banners der Vollkommenheit für sich das Recht ab, ihre Umwelt ständig und allumfassend darüber zu belehren, was allein richtig oder falsch, moralisch oder nicht, gerecht oder ungerecht, erlaubt oder verboten, benennbar oder unsagbar sei. Kurz: Sie sie erheben den Anspruch, dass ausschliesslich ihre Sicht der Dinge als Richtschnur des allgemeinen Verhaltens zu gelten habe.

Das nennt man „Meinungsdiktatur“
In einfachen Worten nennt man so etwas Meinungsdiktatur. Und eine solche geht in aller Regel Hand in Hand mit einem ziemlich unerträglichen Pharisäertum. Das ist, weiss Gott, kein neues Phänomen. Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei sind wahrscheinlich so alt wie die Fähigkeit des Menschen zum Denken. Aber sie spielten sich früher halt eher im Kleinen, auf jeden Fall in überschaubaren Räumen ab. Das hat sich mit den neuen, digitalen Medien radikal verändert. Ob Facebook, Twitter, WhatsApp oder wie auch immer sie heissen mögen – hier kann jeder alles in die Welt hinaustrompeten. Und tut das auch. Egal ob überlegt, geprüft, richtig und vernünftig oder ganz einfach absurd, nicht selten sogar von vornherein als falsch erkennbar, bewusst beleidigend, mehr oder weniger unsinnig und einem blossen Hörensagen folgend.
Gerade aktuell herrscht in deutschen Landen – wieder einmal – Hochkonjunktur für Pharisäer, Weltverbesserer und Heuchler. Nehmen wir als Beispiel das aufgeregte Geschrei um die höchst nachvollziehbare Massnahme der Essener „Tafel“, für eine gewisse überschaubare Zeit nur noch bedürftige Deutsche mit Lebensmitteln zu versorgen. Allgemeiner Tenor: Empörung! Diskriminierung von Ausländern! Rassismus! Dass dieser Beschluss der freiwilligen (!) Helfer bereits im Dezember – und zwar aus guten Gründen – getroffen worden war, fiel bis vor kurzem niemandem auf. Der Entrüstung speiende Vulkan der bis dahin uninteressierten Verbal-Wohltäter brach erst unlängst, nach einem Zeitungsbericht, aus. Dabei ging völlig unter (und fand lange auch keine Erwähnung in den meisten der darauf folgenden TV- und Rundfunk-Nachrichten sowie Printartikeln), dass die Essener Verteiler ganz einfach verzweifelt die Reissleine ziehen mussten, weil dort offensichtlich ein gnadenloser Verdrängungs-Wettbewerb Platz gegriffen hatte, bei dem vor allem jugendliche Flüchtlinge und Asylbewerber die eigentlich Berechtigten so brachial beiseite drängten, dass diese gar nicht mehr zu kommen wagten: Alte Menschen, Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende …
Skandal im Skandal
War allein das schon ein Skandal, so gebar dieser gleich auch noch einen zweiten, sozusagen aus sich heraus. Nämlich den der Medien. Damit sind hier – ausnahmsweise – nicht die so genannten „sozialen“ gemeint, sondern die traditionellen. Zeitungen mithin und (auch) die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Denn in deren Redaktionsstuben (so hatte man es jedenfalls einstmals gelernt) sollte doch noch jenes journalistische Ethos vorhanden sein, wonach der Veröffentlichung eine gründliche Recherche voranzugehen hat. Nun muss man ja nicht gleich wieder nach dem berühmten Objektivitäts-Dogma des einstigen Star-Fernsehmodertors Hans-Joachim Friedrichs greifen, wonach man einen guten Journalisten daran erkenne, „dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten“. Selbstverständlich dürfen sich Journalisten für eine Sache einsetzen. Aber sie müssen in der Berichterstattung alle Facetten mit in Betracht ziehen. Und das heisst: auch (und gerade) solche, die nicht in ein vielleicht schon vorgefasstes Bild passen wollen.
Dass im hier behandelten Fall wieder einmal gegen Grundprinzipien des Journalismus verstossen wurde, ist ausserordentlich ärgerlich. Geradezu empörend jedoch ist, was an Reaktionen auf die Essener Vorgänge aus der Politik kam. Das sei „nicht gut“, zensierte im fernen Berlin die Bundeskanzlerin von der CDU; man solle „nicht solche Kategorisierungen vornehmen“. Noch vorwurfsvoller der Kommentar der kommissarischen Familien- und Sozialministerin Katharina Barley (SPD): „Eine Gruppe pauschal auszuschliessen, passt nicht zu den Grundwerten einer solidarischen Gemeinschaft.“ Nordrhein-Westfalens CDU-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann schliesslich weckte mit seinem Bannstrahl in Richtung Essener „Tafel“ Erinnerungen an jene einstige Truppe bei den Christdemokraten, die man einst ironisch „Herz-Jesu-Sozialisten“ nannte: „Nächstenliebe und Barmherzigkeit  kennen keine Staatsangehörigkeiten.“
Das raubt einem den Atem
Das ist unverfroren und raubt einem schier den Atem. Welch ein Pharisäertum! Welche Heuchelei! Was für eine Selbstgerechtigkeit spricht aus diesen Worten! Da erkühnen sich – ohne auch nur einmal nach den Ursachen gefragt zu haben – Politiker, moralisch über freiwillige Helfer zu richten, die mit äusserstem Engagement wenigstens ein wenig die Folgen zu lindern versuchen, welche – zum Beispiel und nicht zuletzt – die regierungsamtliche Flüchtlingspolitik mit der viel zu lang unkontrollierten Grenzöffnung ausgelöst hat. Mit ihrer Kritik tun sie zudem gerade so, als ob sie die Schöpfer und Wohltäter der „Tafeln“ wären.
Nein, das sind sie nicht! Vielmehr handelt es sich um Vereine und um Freiwillige, die sich mit Eigeninitiative und bewundernswertem Einsatz um jene Menschen sorgen, die von unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden. Und manchmal auch darüber hinaus. Hätten doch die Pharisäer in Berlin und Düsseldorf und wo auch immer zumindest den Mund gehalten.
Stattdessen müssen ausgerechnet jene, die anpacken, um existentielle Not zu lindern, erlebeben, wie ihre Stände und Autos mit Beschimpfungen wie „Nazis“ beschmiert werden. Wo bleibt denn hier der Aufschrei aus dem politischen Bereich und dem Chor der blossen Solidaritäts-Prediger aus Grünen, Linken, Pro Asyl und den diversen Sozialverbänden? Offensichtlich passt so etwas nicht in das Heileweltwunschbild all jener, in deren persönlichem Lebenskreis es solche Probleme halt nicht gibt.
„Nazi“ als normales Schimpfwort
Dazu: Wie kommt es eigentlich, dass der Begriff „Nazi“ in diesem Land mittlerweile offensichtlich schon die Qualität eines „normalen“ Schimpfworts wie etwa „Idiot“ angenommen hat? Er also anscheinend gar nicht mehr in gedankliche Verbindung gebracht wird mit den verbrecherischen Ungeheuerlichkeiten, die sich mit ihm verbinden? Die Leute von der Essener „Tafel“ haben das jedenfalls nicht verdient. Ebenso wenig wie den Vorwurf „Rassisten“ zu sein.
Es ist beunruhigend, wohin sich unsere Sprache entwickelt hat. Auch – und gerade – unter dem Einfluss der Kreuzritter einer „politischen Korrektheit“, die zwar als „rassistisch“ verbieten möchte, dass in polizeilichen Fahndungsaufrufen die Hautfarbe mutmasslicher Täter erwähnt wird, aber nichts davon hören wollen, wenn auf Schulhöfen Kinder von Zuwanderern mit diesem Begriff ziemlich aggressiv sogar gegen Lehrer zur Sache gehen.
Der für Alles sorgende Staat
Die Gesellschaft im Land zwischen Rhein und Oder, Flensburg und Konstanz ist ziemlich schnell zur Hand mit moralischen Verdikten. Zumindest Teile von ihr sind es. Ganz oben steht dabei das Thema Gerechtigkeit. Es gehe nicht gerecht zu, heisst es gleichlautend. Im Allgemeinen. Wer wollte das auch bestreiten? Man braucht ja nur einmal die Liste derer durchzugehen, die sich alle ungerecht behandelt fühlen – Rentner, Raucher, Fahrrad- und Autofahrer, Patienten, Versicherte, Pendler usw, usw.
Keine Frage, sie haben sämtlich Gründe für ihre Unzufriedenheit. Und, in der Tat, hungern und frieren zu müssen und auf Einrichtungen wie die „Tafeln“ angewiesen zu sein, das ist eine schreiende Ungerechtigkeit, die es – so gut wie möglich – zu beseitigen gilt. Aber eben: So gut wie möglich. Natürlich kann man jede Forderung danach „beim Staat“ abladen. Ebenso wie das Verlangen nach innerer und äusserer Sicherheit, nach überall reibungslos funktionierender Infrastruktur, nach höheren Renten, schlaglochfreien Strassen, einer Rundumversicherung, kostenfreien Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder und Alte, erstklassigen Schulen und Unis, einen möglichst kostenlosen Öffentlichen Personen-Nahverkehr … Schliesslich schallt es ja allenthalben: Wir sind doch ein reiches Land. Es ist eine Schande, dass man überhaupt darüber reden muss. Und schliesslich zahlen wir ja auch Steuern!
Daran ist manches richtig. Aber trotzdem muss man einmal wieder an die alte Binsenweisheit erinnern, dass der Staat nicht alles regeln kann. Und schon gar nicht mit Massnahmen, die von allen gleichermassen als „gerecht“ empfunden werden. Der irische Dichter Oscar Wilde hat einmal treffend geschrieben, es gebe zwei Klassen von Menschen – die Gerechten und die Ungerechten. Und die Einteilung werde von den Gerechten vorgenommen. Dazu passt der satirische Spruch: „Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich. Nur ich bin gerecht – ich denke an mich.“
Eine ganz tiefe Weisheit erkannte, in diesem Zusammenhang, Gustav Stresemann, der Aussenminister der Weimarer Republik: „Es gibt ein unfehlbares Rezept, eine Sache gerecht unter zwei Menschen aufzuteilen. Einer darf die Grösse der Portionen bestimmen, der andere hat die Wahl.“ Was das alles heissen soll? Ganz einfach – es wird nie gelingen, in einer so vielschichtigen Gesellschaft eine allseits zufrieden stellende Gerechtigkeit herzustellen. Dazu sind die Menschen, ihre Wünsche, Lebensvorstellungen und die entsprechenden Bedürfnisse viel zu verschieden.
Wer daher vorgibt, seine Vorstellungen seien allein gültig und gerecht, ist nicht nur ein Pharisäer, sondern ein Scharlatan. Dies müsste – nach der Erfahrung mit zwei Diktaturen – eigentlich gerade bei den Deutschen zum unauslöschbaren Allgemeinwissen gehören: Wer den Himmel auf Erden verspricht, wird am Ende die Hölle schaffen.
Unverzichtbar: Bürgerliches Engagement  
Womit wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt wären, den „Tafeln“. Und zwar diese als ein überzeugendes Beispiel für bürgerlichen Einsatz zugunsten der Allgemeinheit. Man mag, zu Recht, beklagen, dass solche Einrichtungen überhaupt nötig sind. Aber die Gesellschaft wird dennoch immer auf diese oder ähnliche tatkräftigen Bekundungen von Solidarität angewiesen sein. Und gerade jetzt, wo so viele verbal-vergiftete Pfeile auf die Helfer von Essen abgeschossen werden, wäre es für gewiss nicht Wenige besonders angebracht, sich einmal vor Augen zu führen, welche Mengen an Lebensmittel nicht zuletzt von ihnen tagtäglich weggeworfen werden in diesem ehrenwerten Haus namens Deutschland.
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Grosshistoriker mit „kurzen“ Geschichten

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Ein später, aber nötiger Blick auf „Homo deus“
Kurze Geschichten sind in. Stephen Hawking schrieb eine „Kurze Geschichte der Zeit“, Ken Wilber „Eine kurze Geschichte des Kosmos“, Bill Brysen eine „Kurze Geschichte von fast allem“, Harald Lesch und Harald Zaun „Die kürzeste Geschichte allen Lebens“ und so weiter. Man könnte vom Genre der Grossgeschichtsschreibung sprechen, die Zeitspannen von gewaltigem Ausmass ins Visier nimmt, allerdings in den Titeln ihrer Bücher kokett „kleine“ oder „kurze“ Geschichten ankündigt. Vom israelischen Historiker Yuval Harari gibt es neuerdings zwei Proben dieses Genres: „Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus: Eine (kurze) Geschichte der Zukunft“ (englisch: „A Brief History of Tomorrow“). Natürlich ist das ironisch gemeint. Keines der Bücher ist kurz. Und keines der Bücher liefert eine seriöse Geschichte, sondern ein als Geschichte aufgemachtes Fresko des Gegenwarts- und Zukunftsmenschen.
Der „Humanismus“ als Illusion
Grossgeschichtsschreibung bedient sich eines simplen Tricks: Suche ein Grossthema, bausche es auf und posaune eine möglichst dramatische Zukunftsprognose hinaus. Das Grossthema in Hararis zweitem Buch: der Algorithmus; das Aufbauschen: Alles ist Algorithmus; die Prognose: Algorithmen werden den Menschen überwinden. Das lieferte durchaus Stoff für einen konzisen Essay, aber das Konzise ist nicht Hararis Stärke und Stil, sondern das schlenkernde Erzählen – sagen wir es: das Flunkern.
Hararis Buch könnte den Untertitel tragen „Die Zukunft einer Illusion“. Nur ist der Titel bereits besetzt von Sigmund Freud, der 1927 in seiner fulminanten Schrift die Religion als Illusion entzauberte. Als Illusion des gegenwärtigen Zeitalters macht Harari den sogenannten „Humanismus“ aus, den Glauben an die Einzigartigkeit und intelligente Überlegenheit des Menschen. Naturwissenschaften und Künstliche Intelligenz strafen diesen Glauben Lügen, und zwar mittels zweier Prinzipien:
1) Organismen sind Algorithmen.
2) Algorithmen funktionieren stoffunabhängig; das Material, in dem sie implementiert sind, kann auf Kohlenstoff, Blech, Silizium oder was auch immer basieren.
Die simple und falsche Konsequenz daraus:
3) Alles was Organismen können, können Algorithmen in anderen materiellen Medien simulieren oder emulieren. Und sie können es zunehmend besser als Organismen.
Abgang des Homo sapiens
Die These ist nicht neu, sie hat in einschlägigen Kreisen zu intensiven Disputen geführt und sie ist höchst umstritten. Harari verarbeitet sie im letzten Drittel seines Buches geschickt zu einer eingängigen Vision, die den Titel „Homo deus“ rechtfertigt (die ersten beiden Drittel handeln immer noch vom Homo sapiens, sind also in dieser Hinsicht redundant). „Homo deus“ meint ja den Abgang des Homo sapiens von der geschichtlichen Bühne, den Bruch mit der Hegemonie des „Fleisches“, der organischen Materie; das Abzeichnen einer posthumanen Zukunft nicht-organischer Materie, die den Ausnahmestatus des Menschen als Illusion entlarvt. Das ist eine dramatische Aussicht, gewiss, aber sie hängt entscheidend von den Prämissen ab. Und diese Prämissen sind schwachbrüstig.
Organismen als Algorithmen
Zunächst die erste Prämisse. Sie wurde von Daniel Dennett schon vor einiger Zeit mit Verve und Eloquenz vertreten (ein zumindest kursorischer Hinweis wäre angebracht gewesen). Dennett ist Philosoph, mit einem starken Hang zu darwinistischem Missionieren. Unter Biologen ist die Gleichung „Organismus = Algorithmus“ bestenfalls eine diskutierbare heuristische Analogie. Nichtsdestoweniger schlägt Hariri gewaltig auf die Pauke, mit dem Schlüsselbegriff des Dataismus:
„Am festesten verankert ist der Dataismus in seinen beiden Mutterdisziplinen: der Computerwissenschaft und der Biologie. Die wichtigere der beiden ist die Biologie. Es war schliesslich die biologische Überzeugung des Dataismus (sic), die aus einem begrenzten Durchbruch in der Computerwissenschaft eine welterschütternde Umwälzung machte, die womöglich die Natur des Lebens vollkommen verändert. Vielleicht lehnen Sie die Vorstellung ab, dass Organismen Algorithmen sind und Giraffen, Tomaten und Menschen nur unterschiedliche Methoden der Datenverarbeitung. Aber Sie sollten wissen, dass das die gängige wissenschaftliche Lehre ist“. (499)
Wirklich? – Was die Biologen auch tun mögen, so dürfte der kleinste Teil unter ihnen vom Dataismus infiziert sein. Gewisse physiologische und biochemische Prozesse lassen sich durchaus als Schrittfolgen interpretieren, wie wir sie von Programmen her kennen, aber es wäre eine masslose Übertreibung, die ganze biologische Arbeit aufs Erkennen von algorithmischen Abläufen einzudampfen. Zugegeben, das kann faszinieren. Wer aber den Mund voll nimmt mit Thesen wie „Homo sapiens ist ein obsoleter Algorithmus“, müsste vor allem genauer abklären, ob und inwieweit in biologischen Systemen gleiche oder ähnliche Schritt-für-Schritt-Prozesse ablaufen wie in künstlichen Systemen.
Gehirn als Algorithmus – riskante Analogien
Die Frage stellt sich akut für das biologische System Gehirn. In den letzten drei Dekaden verzeichnen die Neurowissenschaften einen enormen Zuwachs an Wissen über die Vorgänge auf neuronaler Ebene. Leicht kann allerdings ein Analogie-Unfall passieren. Hier das Beispiel des Physikers Stephen Wolfram: „Die Operationen des menschlichen Gehirns oder die Entwicklung eines Wettersystems können im Prinzip die gleichen Dinge berechnen wie ein Computer.“ Bedeutet das, dass das Gehirn ein meteorologisches System ist? Natürlich nicht. Das „im Prinzip“ bezieht sich auf eine hochabstrakte Ebene. Und auf dieser Ebene, so hat Alan Turing gezeigt, kann man sehr viele Vorgänge als Operationen eines abstrakten Computers beschreiben: „im Prinzip“ als eine Berechnung. Wenn man aber sagt „Das Gehirn arbeitet WIE ein Computer“, heisst das nicht „Das Gehirn IST ein Computer“.
Hirnforscher – Esel am Berg
In Voltaires „Wörterbuch der Philosophie“ (Willensfreiheit) lesen wir den formidablen Satz: „Von der Entstehung der Ideen weiss ich ebensowenig wie von der Entstehung der Welt.“ Noch heute stehen die Hirnforscher wie der Esel am Berg, wenn es um die Frage geht, wie die Neurophysiologie Bewusstsein erzeugt. In einem dunklen Raum, sagt das Bonmot, sind schwarze Katzen schwierig zu erkennen – besonders wenn es darin keine Katzen hat. Es kommt einem mitunter so vor, als befänden sich die Hirnforscher im dunklen Raum ihrer Disziplin und suchten nach der schwarzen Katze des Bewusstseins, ohne sich über deren Existenz sicher zu sein. Der Philosoph David Chalmers hat deshalb vom „harten Problem“ des Bewusstseins gesprochen: Wie entsteht Bewusstsein aus den komplexen Algorithmen unserer Gehirnprozesse? Handelt es sich überhaupt um Algorithmen? Denn wenn man dermassen Mühe bekundet, das Gehirn als Rechenmaschine zu begreifen, könnte das nicht daran liegen, dass es gar keine solche Maschine ist? Die Neurowissenschafter verwerfen die Hände. Niemand weiss es. Ganz am Schluss des Buches schreibt Harari verstohlen: „Vielleicht finden wir aber auch heraus, dass Organismen gar keine Algorithmen sind.“ Wer hätte sich das gedacht? Wie aber bringt Harari das in Einklang mit der vollmundigen Behauptung, dass „jedes Tier – einschliesslich der Homo sapiens – eine Sammlung organischer Algorithmen ist, geformt durch natürliche Selektion über Jahrmillionen der Evolution“?
Neuronale Netzwerke – zuviele Verheissungen
Damit sprechen wir die zweite Prämisse und die Konklusion an. Wir können immer mehr menschliche Kompetenzen an künstliche Systeme delegieren, welche uns in begrenzten Bereichen auch schon übertreffen. Künstliche Intelligenz ist eine hochgradig beschränkte, eine „autistische“ Intelligenz. Seit über einem halben Jahrhundert suchen Computerwissenschafter, Informatiker und Kognitionstheoretiker nach dem „General Problem Solver“, einem universellen Lern-Algorithmus, der künstliche Systeme befähigen würde, wie Kleinkinder auf der Basis vorgängiger Erfahrungen Neues zu lernen. Dabei nehmen sie sich auch das organische Gehirn zum Muster. Zurzeit sind Deep Learning und neuronale Netzwerke die Hotspots. Was sie auch schon zustande bringen, ihre Algorithmen sind beschränkt lernfähig, ihre Lösungen sehr aufgabenspezifisch. Einer der heute führenden Forscher auf diesem Gebiet, der Informatiker Michael Jordan, schreibt:
„Es gibt durchaus Fortschritte in den untersten Stufen der Neurowissenschaften. Aber was das Thema höherer Kognition betrifft – Wahrnehmung, Erinnerung, Handeln – , so haben wir keine Idee, wie die Neuronen Information speichern, berechnen, repräsentieren (…), welche Algorithmen im Spiel sind (…). Wir befinden uns also noch nicht in einer Ära, in der das Verständnis des Gehirns uns in den Konstruktionen künstlicher Intelligenz leiten könnte.“
Ein verführerischer Plot
Ich stelle mir vor, Harari hatte die Eingebung für ein Szenario: Was wäre, wenn die Methoden der Computerwissenschaften und Statistik zu erkenntnistheoretischer Hegemonie gelangen und uns als Forschungsdogma beherrschen würden? Es ist eine fesselnde Eingebung, die bestehende Tendenzen extrapoliert. Für einen Erzähler also ein reizvolles Fressen, einen fiktiven Plot in die Zukunft zu verfolgen. Aber Harari geht es nicht einfach um eine Fiktion, er schreibt – so paradox das klingen mag – eine noch nicht geschehene Geschichte der Zukunft. Einem Historiker aber, der um der Überzeugungskraft seiner Vision willen so viel festmacht am Schlüsselbegriff des Algorithmus, stünde die kritische Frage gut an, wie weit denn die Metapher des Algorithmus überhaupt tragfähig sei.
Die neue „Religion“
Man weiss bei Hariri nicht so recht, ob er selber nun an die Verheissungen des Dataismus glaubt. Er warnt vor der „Religion“ des Dataismus, scheint aber dessen Maulheldentum unkritisch für bare Münze zu nehmen:
„Für viele Wissenschaftler und Intellektuelle verspricht (der Dataismus) (…) den Heiligen Gral zu liefern, der uns seit Jahrhunderten versagt bleibt: eine einzige übergreifende Theorie, die alle wissenschaftlichen Disziplinen von der Musikwissenschaft über die Ökonomie bis zur Biologie vereint. Glaubt man dem Dataismus, so sind Beethovens Fünfte Symphonie, König Lear und das Grippevirus nur drei Muster des Datenstroms, die sich mit den gleichen Grundbegriffen und Instrumenten analysieren lassen. Diese Vorstellung ist ungeheuer attraktiv. Sie verschafft allen Wissenschaftlern eine gemeinsame Sprache, überbrückt akademische Gräben und erleichtert den Export von Erkenntnissen über Fächergrenzen hinweg. Musikwissenschaftler, Ökonomen und Zellbiologen können sich endlich gegenseitig verstehen.“
Dataismus ist keine Theorie, sondern eine konfuse Verheissung
Wenn das nicht satirisch gemeint ist, dann fragt man sich, aus welcher Quelle des Dataismus Hariri solchen Unsinn denn abzapft. Und der Verdacht richtet sich auf eine ganz bestimmte Quelle: Hariri selbst. Als Historiker hätte er besser daran getan, einen Blick in die letzten fünf oder sechs Jahrzehnte intensiver wissenschaftstheoretischer Diskussion und wissenschaftshistorischer Forschung zu werfen; einen Blick, der ihn schnell aufgeklärt hätte, dass der Traum einer einheitlichen Theorie doch eher „ungeheuer“ naiv als attraktiv ist, selbst unter Physikern, wo er nach wie vor seine Anhänger hat. Natürlich finden sich heute praktisch in allen Disziplinen „dataistische“ Ansätze – in den einen ausgeprägter als in den anderen. Daraus die Entwicklung eines universellen „Paradigmas“ zu folgern, verrät wenig Verständnis für die Vielfalt wissenschaftlicher Disziplinen. Dataismus ist nicht der Heilige Gral. (Wer, sapperlot, hat Hariri diesen Floh ins Ohr gesetzt?) Zudem ist Datenanalyse eine Methode, nicht eine Theorie.
Historiker, bleib bei deinem Leisten
„Homo deus“ weist auf ein tiefes Grundproblem unserer Ära hin: das Überhandnehmen des rechnerischen Geistes – eine Epidemie der Beschränktheit. Eine Kritik der algorithmischen Vernunft wäre deshalb an der Zeit. Gewiss, Dataismus ist nur ein mögliches Zukunftsszenario, und Harari beeilt sich am Schluss, dies zu betonen. Aber vielleicht ist es hier schon zu spät. „Statt unsere Horizonte durch die Prophezeihung eines einzigen definitiven Szenarios einzuengen, will dieses Buch sie erweitern und uns vor Augen führen, dass es ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten gibt.“ – Ach ja? Und welche Möglichkeiten? Wenn man uns über 500 Seiten lang das Szenario vom unaufhaltsamen Vormarsch der Algorithmen ausgemalt hat, dann klingt eine solche Bemerkung einigermassen verwedelnd, um nicht zu sagen widersprüchlich. Hariri ist Historiker, nicht Naturwissenschafter, Informatiker oder Philosoph. Aber mit seinem Thema bleibt er unweigerlich in den verzwicktesten Problemnestern dieser Gebiete hängen. Und er hätte sich besser von den wirklich ernstzunehmenden Denkern informieren lassen, statt von Big-Data-Grossmäulern. Aber dann wäre sein Popanz des Dataismus schnell in sich zusammengefallen. – Und aus der Traum eines Bestsellers.
Originaltext
Zur Ergänzung: „Wir werden Götter“
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Sein, Staub und Zeit

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Der erste und der letzte Dreck
Wir kennen die altehrwürdige philosophische Frage „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ – Aus einer alltäglichen Perspektive müsste man erwidern: Aber es gab doch mal etwas und jetzt ist vielmehr nichts! Dieses Nichts ist der Staub. Ein unscheinbares und allgegenwärtiges Medium, das uns umhüllt, in dem wir alle leben. Aus Staub wird bekanntlich alles, zu Staub wird alles. Staub ist der erste und der letzte Dreck. Gemäss einer Hypothese entstand Leben aus kosmischem Staub. „Im Schweisse deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück“, sagt uns das erste Buch Mose. Staub ist sozusagen der Inbegriff der Endlichkeit allen Seins. Und er verdient deshalb etwas mehr philosophischen Respekt.
Staub und Geschichte
Staub, das ist Materie, die nicht mehr ist, was sie einmal war: Partikel, die ehedem teilhatten an einem zeitweilig beständigen, kohärenten, strukturierten Stück Welt – und die jetzt, verstreut und verweht, als diffuse Erinnerungsspuren zurückbleiben. „Staub, an die Luft verschwendet / Zeigt den Ort, wo die Erzählung endet. / Staub, den man atmet, war einmal ein Haus – / War Wand, war Täfelung, war Maus“ , heisst es in T. S. Eliots „Liddle Gidding“. Wir alle, ob lebendig oder nicht, sind Zulieferer in der universellen Staubproduktion. Und durch den Staub spricht die Zeit zu uns, die entropische Geschichte von allem: Ordnung zu Unordnung, Zusammensetzung zu Zersetzung, Ding zu Staub. Von selbst wird der Staub nicht mehr zu den Dingen, die er einmal war. Aus dem Staub lesen wir zumindest dies: Alle Vorgänge sind unumkehrbar, geschichtlich (oder vorsichtiger: sind nicht vollständig umkehrbar).
Materie am falschen Ort
Staub ist zunächst natürlich eine Belästigung. Er stört die ideale Ordnung unseres Hauses, unserer Wohnung, überzieht Möbel, Lampen, Utensilien, Fensterbretter, Bilder, Wände mit seinen Schichten, kriecht als Wollmaus in Ecken, Ritzen und unters Bett, verkrallt sich als Flusen in Teppich und Kleidung, klebt an Radiatoren, verursacht Allergien, Krankheiten und vor allem: er hat die Selbstsammeltendenz; Staub zieht Staub an, elektrostatisch.
Staub ist Materie am falschen Ort, sagt man. Aber wo ist der richtige Ort? Im Abfallkübel, im Staubsaugerbeutel, in Gruben, Deponien, Brachen, verwüsteten Teilen der Erde? Die Verstaubung der Erde nehme zu, liest man. So eifrig wir den Staub an einem Ort entfernen, so unvermeidlich häuft er sich an einem anderen. Wir bekommen es offenbar mit einer Dialektik der staubfreien Zivilisiertheit zu tun. Die Zahl der Allergien soll gerade in „entwickelten“ Gesellschaften steigen. Der staub- und dreckentwöhnte Mensch reagiert umso empfindlicher auf Immissionen, weil die natürlichen Abwehrmechanismen verkümmern. Wir scheinen uns durch Entstaubung dermassen aus natürlichen Zyklen ausgeklinkt zu haben, dass schon elementare Lebensfunktionen wie Atmen und Essen problematisch werden. Allergische Reaktionen zeigen uns an, dass wir selbst mitten im Leben „am falschen Ort“ sind.
Eine metaphysische Allergie
Staub stellt uns vor metaphysische Fragen. Eine betrifft die Materialität unserer Existenz. Dass wir körperliche Wesen sind und an der körperlichen Welt teilhaben, ist kaum zu leugnen. Es gab und gibt aber Menschen, die sich damit nicht anfreunden können. Staub stellt für sie quasi das Symbol einer Existenzform dar, die es zu überwinden gilt. Diese Leute sind beseelt vom Wunsch, sich quasi vom Staub der ganzen Körperlichkeit zu befreien. So wie wir allergisch gegen Hausstaub sein können, so können wir auch eine metaphysische Allergie gegen „Existenzstaub“ entwickeln, gegen unser Materiesein schlechthin. Wir kennen die Tradition der frühchristlichen Gnosis. Ihrer Lehre zufolge birgt dieser vergängliche „Staubklumpen“ Mensch einen unvergänglichen Kern, den Glauben nämlich an eine staubfreie Existenz. Dieser alte Glaube lebt heute fort in einer Art von Techno-Gnosis, die Cyber-Evangelisten als das machbare Reich des Fortbestehens in den „elysischen“ Gefilden des Daten-Universums verkünden. Ein Fortleben im Datenstaub. –
Der „zerstäubte“ Mensch
Man spricht in der Physik von dissipierter, „wertloser“ Energie: Energie, die in Form von Wärme nicht mehr nutzbar gemacht werden kann. Staub ist analog zur Wärme eine Form von dissipierter, in alle Richtungen zerstreuter und verflüchtigter Materie. Und er bietet sich als weitere Analogie an, nämlich für den „dissipierten“ Menschen im 21. Jahrhundert, dessen Lebensformen immer „staubförmiger“ werden. Kein Schriftsteller hat diesen Prozess der Zerstreuung eindrücklicher geschildert als das unglückliche Junggenie David Foster Wallace, der sich 2008, im Alter von 46 Jahren, das Leben nahm. Sein ungeschlachtes Opus magnum „Unendlicher Spass“ dreht sich im Grunde um die unendliche Zerstreuung des Menschen im Konsumuniversum, die unendliche Zersplitterung unserer Aufmerksamkeit, ein buchstäbliches Zerstäuben unserer Existenz, welche im Fall von Wallace, in Depression mündete. Staub, so liesse sich sagen, ist ein Geisteszustand.
Eat My Dust!
Wenn unser heutiger Lebensstil viel Staub aufwirbelt, dann muss man den Blick auf eine innere Ursache werfen. Staub ist ein Beiprodukt unserer entfesselten Unrast, unserer Unfähigkeit – wie Martin Heidegger gesagt hätte – zu wohnen. Sie manifestiert sich nicht nur in der Manie einer Hypermobilität auf Strassen, in der Luft und auf dem Wasser, einer globalen Hyperproduktion von Waren, sie infiziert auch unsere Psychen. Symptomatisch ist die Mentalität des Rattenrennens, in Wirtschaft, Politik, Erziehung, Kultur; einer Geisteshaltung, die nur darauf abzielt, den anderen hinter sich zu lassen. Die grenzdebile Devise lautet: Eat my dust! – Friss meinen Staub! Es gibt bloss Gewinner und Verlierer. Aber der Sieg in dieser ganzen irren Rivalität kann nur Niederlage bedeuten. Denn es wird immer weniger Gewinner geben und am Ende werden die Gewinner sich selbst hinter sich gelassen haben und den eigenen Dreck fressen.
Entstauben von Sprache und Denken
Man kann, so wie man Haushaltsgegenstände abstaubt, auch Wörter und Ideen vom Staub des gewöhnlichen Gebrauchs befreien. Poesie lässt sich in diesem Sinn als Sprachentstaubung interpretieren. Man holt  aus „verstaubten“ Wörtern eine Bedeutung hervor, die sie vielleicht im Laufe der Zeit verloren haben, einen ursprünglichen, unverfälschten  Klang. Wie man zum Beispiel eine Tischplatte wieder zum Glänzen bringt, so bringt man ein Wort zum Glänzen. Es wird dann nicht nur gebraucht, es „erscheint“ buchstäblich im ursprünglichen Sinn des „Phänomens“. Poetische Worte sind Phänomene gewordene Worte.
Das sollte aber nicht zum Missverständnis führen, dass in entstaubten Wörtern und Dingen ein zu „entbergender“ Wesenskern an Unverfälschtheit oder Ursprünglichkeit schlummern würde. Etwas unter dem Staub zum Vorschein bringen erinnert eher an die Neugier des Kindes, an die Art, wie es am Entdecken Geschmack findet, mit einer Mischung aus Erregung, keimendem Verständnis und Unsicherheit. Indem sie Gemeinplätze abstauben, können Poesie und Denken eine magische Allianz eingehen, der eine Einstellung zur Welt erwächst, als sähen wir sie zum ersten Mal. Abstauben erinnert an den alten alchimistischen Prozess der Transmutation: Selbstverständliches, Routinemässiges, Banales erscheinen plötzlich im Alembik der Sprache in glanzvolle Juwelen verwandelt.
Die unendliche Aufgabe
Staub verschleiert die Sicht auf die Dinge. Entstauben hat also zweifellos einen aufklärenden Impetus. Aber zugleich macht es uns auch auf die Vergeblichkeit des Wunsches aufmerksam, ein für allemal unsere Voreingenommenheiten und Vorurteile von uns „abwischen“ zu können. So wie im Haushalt der Staub sich immer wieder ansammelt, wenn wir ihn entfernt haben, werden Vorurteile auch nach so gründlicher kritischer „Entstaubung“ nicht verschwunden sein. Die Anstrengung kritischen Denkens muss wie Staubwischen stets wieder von vorne ansetzen. Das gehört zu unserer Condition humaine: Wir stecken tief im Staub, im materiellen wie geistigen, und Entstauben – im buchstäblichen und übertragenen Sinn –  ist eine unendliche Aufgabe. Wie die Philosophie.
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Erneuerung des „Weiter so“?

Gisbert Kuhn, „Journal21“
Drei Wahrverlierer versprechen eine „stabile Regierung“ in Berlin. Gemeinsames Motto: „Kein Weiter so“. Was aber steckt denn hinter „Erneuerung“?
Totgesagte, weiss der ja häufig kluge Volksmund, leben länger. Auf diese Erkenntnis gestützt, könnten die Chef- und Sachverhandlungsführer von CDU, CSU und SPD ihr gegenwärtiges Ringen um eine tragfähige Plattform für ein neues gemeinsames Regierungsbündnis in Berlin eigentlich beruhigt führen. Denn,  glaubt man dem aufgeregten Geraune im medialen deutschen Blätterwald, dann sollte einer Neuauflage der bisherigen schwarz-roten Koalition keine lange Dauer beschieden sein. Normalerweise sind solche pessimistischen Vorhersagen kein sonderlich gutes Omen für ohnehin schon genügend schwierige Vorhaben. Aber noch einmal: Totgesagte usw.
Drei Verlierer üben Muskelspiele
Dabei entbehrt das, was sich zurzeit an der Spree vollzieht, wirklich nicht einer gewissen Skurrilität. Da sitzen mit Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz ausgerechnet drei Wahlverlierer vereint im einstimmig postulierten Ziel, dem bundesdeutschen Staat und seinen Bürgern für die nächsten vier Jahre eine „stabile Regierung“ zu präsentieren. Bloss Wahlverlierer? Beileibe nicht. Bayerns Noch-Ministerpräsident Seehofer muss – gezwungen von seiner CSU – schon in wenigen Wochen dieses Amt aufgeben und wird dann (wie lange?) nur noch Parteichef sein. Der vor genau einem Jahr von den Genossen wie ein Heilsbringer hoch gejazzte und auf dem anschliessenden Parteitag mit 100 (!) Prozent zum SPD-Vorsitzenden erhobene Martin Schulz wird von den damaligen Jublern längst mehr als Belastung denn als politischer Heerführer empfunden. Und vom einstigen Glanz der Bundeskanzlerin und CDU-Oberin Angela Merkel ist ebenfalls nur noch wenig zu erkennen. Drei „Loser“ also, die sich in Muskelspielen üben.
Nun werden wahrscheinlich nur Tagträumer und politische Spielernaturen ernsthaft bestreiten, dass die Bundesrepublik eine starke (und das heisst: stabile) Regierung braucht. Deutschland in seiner geopolitischen und wirtschaftlichen Position ist eben nicht Belgien, dessen öffentliches Leben  sogar ein Jahr lang ohne erkennbare Nachteile „kommissarisch“ in Gang gehalten werden konnte. Nach dem Scheitern des Versuchs, eine Koalition aus CDU/CSU, FPD und Grünen zu basteln, wächst bei den Bürgern zwischen Rhein und Oder, Flensburg und Konstanz spürbar die Ungeduld, dass die im September Gewählten fast ein halbes Jahr danach endlich das Staatswohl über die Parteiinteressen stellen und ihren Lenkungsaufgaben nachkommen. Dies, freilich, ist leichter gefordert als umgesetzt. Denn die kommenden Zeiten verlangen weit mehr als nur die personelle Besetzung von Ministerien.
Eine gespaltene Nation
Gewiss nicht nur, aber auch Deutschland steht vor einer schwierigen, vielleicht sogar dramatischen Zeitenwende. Das gilt gleichermassen für die Politik als auch die so genannte Zivilgesellschaft. Hier wie dort tun sich Klüfte auf – Spaltungen zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, gebildet und wissensmässig abgehängt, weltoffen-liberal-optimistisch und ängstlich-pessimistisch  gegenüber neuen und daher vielfach unbekannten Herausforderungen. Wie tief dieser Riss bereits geht, war vor wenigen Tagen auf dem Bonner SPD-Sonderparteitag geradezu exemplarisch zu beobachten, bei dem der Parteispitze von den Delegierten mit denkbar knapper Mehrheit erlaubt wurde, in Koalitionsverhandlungen mit den Unionsparteien einzutreten. Es war ein fast schon erbarmungswürdiges Bild, wie praktisch die gesamte Kaste der Obergenossen vor einem (ohne Zweifel sprachlich und argumentativ hoch begabten) Endzwanziger und dessen jugendlicher Gefolgschaft zitterte.
Dabei steht den Sozialdemokraten die eigentliche Nagelprobe sogar erst noch bevor. Nämlich dann, wenn die rund 450’000 Parteimitglieder über die etwaigen Ergebnisse der jetzt laufenden Koalitionsverhandlungen bindend abstimmen dürfen. Was sich hier in der SPD abspielt, vollzieht sich im Prinzip auch in den anderen Parteien – wenn auch nicht ganz so laut und heftig. Zumindest in den traditionellen. Überall bahnt sich ein umfassender Generationswechsel an. Personell ebenso wie inhaltlich. Das wird selbst die von Wahlerfolgen in der Vergangenheit verwöhnte bayerische CSU zu spüren bekommen; vermutlich schon bei den Landtagswahlen im kommenden Herbst. Die alten, treuen, noch eher ländlich-traditionell geprägten Wähler werden weniger, dafür drängen junge Jahrgänge mit anderem Bildungshintergrund und unterschiedlichen Lebensvorstellungen auch im weiss-blauen Alpenland nach vorn. Nicht anders stellt sich die Herausforderung auch für die CDU.
An der Zukunft vorbei?
Und die Reaktion darauf? Was gab es nach den Wahl-Klatschen im Herbst nicht für Schwüre. Nie mehr Grosse Koalition, hiess es trotzig bei den „Sozis“. „Wir haben verstanden“, trompeteten CDU und CSU, „deshalb auch kein ‚Weiter so‘“. Und die Genossen ergänzten, die Oppositionszeit werde genutzt, um sich und die Partei „neu aufzustellen“. Mit anderen Worten: Von Grund auf erneuern. Und die Wähler? Sie vernahmen wohl die Botschaften. Allein, es fehlte ihnen von vornherein der Glaube. Wie könnte es denn auch anders sein? Will die Mehrheit denn überhaupt wirklich Veränderungen? Kaum hatte das Bundesfinanzministerium bekannt gegeben, dass aufgrund der anhaltend guten Wirtschaftslage rund 45 Milliarden Euro über Plan in der Kasse klimpern, geschah, was bei so etwas immer passiert – sofort meldeten sich vor allem die mächtigen Lobbygruppen von den Wirtschaftsverbänden und  Gewerkschaften bis zu den diversen Wohlfahrts-Organisationen. Und weil alle von dem Finanzkuchen ein möglichst grosses Stück abkriegen möchten und natürlich auch ihre Interessenvertreter in den jeweiligen Parteien platziert sind, wird am Ende kaum etwas anderes herauskommen als eben genau ein „Weiter so“.
Man braucht sich ja nur die vor Beginn der Koalitionsverhandlungen lauthals postulierten Forderungen zu vergegenwärtigen, um schnell zu dem deprimierenden Schluss zu kommen: Mit Neuanfang und auf die Zukunft ausgerichteter Politik hat das wirklich kaum etwas zu tun. Die SPD strebt ganz offensichtlich Ergebnisse an, die der Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow als TVöD karikiert – als „Tarifvertrag im öffentlichen Dienst“. Anders ausgedrückt, es geht in erster Linie um Verteilung, um soziale Wohltaten. Dabei hat die inzwischen auf 20 Prozent Wählerstimmen geschrumpfte, einstige stolze Volkspartei natürlich die Mehrheit der Gewerkschaften auf ihrer Seite, die freilich ebenfalls (sagen wir es wohlwollend) „traditionell“ weniger den Herausforderungen der Zukunft zugewandt sind. Das findet – logisch – Anklang bei den öffentlich Bediensteten und auch den Autobauern mit ihrer IG-Metall.
Bildung, Bildung, Bildung
Natürlich wird die Sozialpolitik immer eine zentrale Rolle spielen. Schon gar in einer alternden Gesellschaft, in der die Alterspyramide längst auf dem Kopf steht und sich damit die Fragen von Alters- und Gesundheitsversorgung zunehmend dramatisch stellen. Umso unverständlicher ist es, dass jenen Themen in den Koalitionspapieren so wenig Beachtung geschenkt wird, die mit Sicherheit unsere Zukunft bestimmen werden. Das heisst, ganz zuvorderst, Bildung, Bildung, Bildung. Man muss sich ja nicht von Horrorszenarien und -zahlen in Angst und Schrecken versetzen lassen – von apokalyptischen Bildern mit leer stehenden Fabriken und Arbeitslosenschlangen. Aber dass im Zuge der rasend voranschreitenden Digitalisierung viele klassische Arbeitsplätze wegfallen, weil zum Beispiel Autobusse oder Personen- wie Güterzüge ohne Fahrer unterwegs sein werden, ist kein Schreckensgespenst. Das ist unausweichlich. Und zwar schon in absehbarer Zeit.
Klar, es werden auch völlig neue Arbeitsplätze entstehen; man sieht das schliesslich heute schon. Aber ganz sicher keine riesigen Produktionsstätten mit zigtausenden von Beschäftigten, wie wir sie noch gewohnt sind. Das wird Gesellschaft wie Politik vor bislang ungekannte Probleme stellen – arbeitsmarktpolitisch, sozialpolitisch, gesundheitspolitisch, gesellschaftspolitisch. Der Politik (Bevölkerung eingeschlossen) wird kein „Weiter so“ gestattet sein. Wer das nicht erkennt, sollte sich nicht an der Weichenstellung beteiligen. Denn der setzt nicht auf Zukunft, sondern allein auf ein Durchwursteln, irgendwie. Dann wird in anderen Regionen der Erde die Musik spielen.
In wenigen Tagen wissen wir mehr.
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Wie Politiker ihre Verantwortung verleugnen und damit Sabotage betreiben an ihren Parteien, am Wähler und am ganzen Land

Von Peter Haisenko, „Anderwelt“
Können Sie sich noch erinnern, wer Philipp Rösler ist? Ja, das war der Mann, der die FDP aus dem Bundestag katapultiert hatte. In vollkommen falscher Einschätzung seines Werts für seine Partei hat er sich an seinen Posten geklammert, bis die FDP beinahe in der Bedeutungslosigkeit verendet ist. Es war nicht allein seine Schuld. Die amorphen, feigen Speichellecker in der zweiten Reihe haben ihren Beitrag dazu geleistet. Von Rösler redet heute niemand mehr, die Hauptakteure jetzt heißen Merkel, Schulz und Lindner. In ihrer Hybris stehen sie dem Ex-FDP-Chef jedoch nichts nach.
Als vor fünf Jahren die FDP auf einem steten Weg unter die Fünfprozenthürde war – mit Rösler als Chef – konnte sich der Beobachter nur verwundert die Augen reiben, wie intelligente Menschen seine Auftritte ertragen konnten. Angesichts dessen konnte die Frage aufkommen, ob es überhaupt noch intelligente Menschen in der FDP gab. Einige wohl schon, denn kurz vor der Niedersachsenwahl wurde die Parole ausgegeben, dass Rösler spätestens nach dieser Wahl sein Amt als Parteivorsitzender aufgeben wird. Die FDP erreichte daraufhin fast zehn Prozent und das war die Ouvertüre zum Untergang. Rösler interpretierte dieses Ergebnis vollkommen falsch.
Was mag diesen farblosen, unfähigen Möchtegern-Politiker damals wohl bewogen haben, den unerwarteten Erfolg bei der Niedersachsenwahl als Erfolg für sich zu reklamieren? Pure Dummheit? Unsägliche Arroganz? – Wahrscheinlich beides, denn die Realität erwies sich als eine ganz andere. Die FDP bekam die Stimmen, weil es das Versprechen gab, dass Rösler endlich von seinem Posten entfernt wird. Als dieser dann den Rückzug vom Rückzug erklärte, erfolgte der Absturz. Dann kam die Stunde des Herrn Lindner, der bislang aber auch nicht unbedingt als Lichtgestalt geglänzt hat. Geschickt hat er sich als Erneuerer präsentiert, der er nicht ist, denn wirklich neue Ideen hat er nicht eingebracht. Ohne den sympathisch-honorigen Kubicki, der durch die Talkshows getingelt ist, wäre Lindners Erfolg nicht möglich gewesen.
Posttraumatische Euphorie bei FDP und SPD
Ein weiterer Faktor für den Erfolg der FDP bei der letzten Bundestagswahl war die AfD. Sie hat die brennenden Themen aufgemacht und Lindner hat gnadenlos in deren Kielwasser gefischt. Er hat so die unzufriedenen Wähler eingefangen, die zwar protestieren wollten, aber vor einem Kreuz bei der AfD wegen der allgemeinen Stigmatisierung der jungen Partei zurückschreckten. Ich stelle fest, dass auch Lindner einer Fehleinschätzung unterliegt, wenn er die jüngsten Erfolge seiner Partei allein seiner Person zuschreibt. Nach Rösler hätte es jeder sein können, Hauptsache diese Fehlbesetzung war weg. Lindner ist gleichsam auf der Welle einer posttraumatischen Euphorie geschwommen und damit bin ich direkt beim SPD-Schulz.
Das historische 100-Prozentergebnis des Martin Schulz war keineswegs seiner Persönlichkeit geschuldet, sondern vielmehr Ausdruck dafür, wie sehr die SPD unter dem Niedergang gelitten hat, den Herr Gabriel verursacht hatte. Posttraumatische Euphorie. Das folgende Drama war unausweichlich. Dass das ewig wiederholte Geschwätz vom „hart arbeitenden Fünfzigjährigen“ nicht mit dem zusammen passte, dass Schulz zu den Architekten von Hartz IV gehörte, zeigte der Absturz der SPD bei der Bundestagswahl. Schulz hat das historisch verheerendste Ergebnis für die einst stolze Partei eingefahren und wenn er auch nur einen Funken Verstand hätte, von Ehre will ich gar nicht reden, hätte er am Abend des 24. September seinen Rücktritt erklären müssen.
Auch Merkel hätte nach der Wahl abdanken müssen
Ja, er hat verstanden, dass der Wähler ihm, und vielleicht nur ihm, keinen Regierungsauftrag erteilt hat. Folgerichtig hat er erklärt, nicht in eine neue Regierung eintreten zu wollen – um jetzt genau dafür zu werben. Und nach dieser Rolle rückwärts entblödet er sich nicht zu sagen, er habe dafür einen Auftrag. Nein, Herr Schulz, SIE haben diesen Auftrag nicht! Bestenfalls ihre Partei. Sie, Herr Schulz, tragen die Verantwortung für das schlechte Ergebnis der SPD! Ihre Partei hat gerade mal noch zwanzig Prozent bekommen, obwohl sie an der Spitze stehen, nicht weil sie an der Spitze stehen. Das hat Schulz eben nicht verstanden oder verstehen wollen und deswegen verweigert er die Verantwortung für das Debakel und seinen Rücktritt, der die Partei retten könnte – siehe Rösler und damit bin ich direkt bei Frau Merkel.
Bei Plasberg hat Herr Altmaier allen Ernstes behauptet, der Wähler hätte Frau Merkel einen Regierungsauftrag gegeben. Der Wähler hätte die CDU zur stärksten Partei gemacht, weil Merkel an der Spitze steht. Was für eine Fehleinschätzung! Die CDU ist stärkste Partei geblieben, mit dem größten Verlust aller Zeiten, obwohl sich Merkel nicht von der Macht trennen will. Wo sonst hätte der konservative Wähler sein Kreuz machen können, der nun gar nicht eine Grün-Linke Regierung haben will und dem Hexentreiben gegen die AfD Glauben geschenkt hat? Nein, es ist nur eine kleine Minderheit, die CDU und noch weniger CSU gewählt haben, weil sie unbedingt Merkels „weiter so“ haben wollte. Auch Merkel hätte am 24. September ihren Rücktritt erklären müssen. Alles andere ist Realitätsverweigerung und mit diesem Wahlergebnis nicht zu erklären.
Postengeschachere ist vielen wichtiger als das Wohl des Landes
Herr Schulz spricht jetzt angesichts der GroKo-Verhandlungen von Verantwortung für das Land und weniger für die Partei. Das Problem sind aber die parteiinternen Karriereplanungen. Sowohl in der SPD als auch in der CDU ist der Unmut über die Führungsspitze unübersehbar, vom Wähler gar nicht zu reden. Nun dürfte aber der gesamten abgenutzten Führungsriege in beiden Parteien klar sein, dass ein Rücktritt der Spitzenkandidaten eine Lawine auslösen würde, die sie alle mit in den Abgrund reißt. Folglich ist das Wohl des Landes sekundär, und nur wer noch keinen lukrativen Posten ergattert hat, wagt aufzumucken. Wer aber bereits einen sicheren Listenplatz oder einen anderen Posten hat, fürchtet diesen zu verlieren, wenn er denjenigen die Stirn zeigt, die – noch – über die Vergabe derselben bestimmen können. Jämmerliche Feiglinge, die ihre Karriere über ihre Überzeugung und das Wohl des Landes stellen.
Die Frage ist nun, ob Merkel und Schulz – wie damals Rösler – wirklich glauben, dass sie so genial und unersetzlich sind, dass Deutschland und ihre Parteien nur mit ihnen existieren können. Man könnte es befürchten. Ich aber tendiere mehr in die Richtung, dass sie entweder so ignorant, von derart arroganter Hybris zerfressen, ja sogar dumm sind, dass sie nicht erkennen können oder wollen, dass es sie selbst sind, ihre Person und ihr Handeln, die den Absturz ihrer Parteien verursacht haben. Die Beispiele Rösler und Gabriel haben doch unübersehbar aufgezeigt, wie Parteien aufblühen können, auch wenn es nur von kurzer Dauer ist, wenn verbrauchte oder unfähige Köpfe ihren Hut nehmen.
Hoffnungsvolle Nachwuchspolitiker wurden weggebissen
Mehrfach hat Merkel erklärt, sie wolle sich nicht vor der Verantwortung drücken und deswegen stehe sie weiterhin zur Verfügung. Was für eine Fehleinschätzung! Mit ihrem Kleben am Sessel der Macht demonstriert sie, dass sie nicht Willens ist, die Verantwortung für den Absturz ihrer Partei zu übernehmen. Dasselbe gilt für Schulz. Dass sie mit ihrem Verhalten auch noch dafür verantwortlich zu machen sind, dass es unmöglich erscheint, in Deutschland eine stabile Regierung zu bilden, kommt ihnen schon gar nicht in den Sinn. Wenn es Frau Merkel wirklich um das Wohl Deutschlands ginge, hätte sie bereits vor Jahresfrist ihren Abschied nehmen müssen. Mit ihrem „wir schaffen das“, das mit ihr zusammen zum Treppenwitz geworden ist, war unübersehbar, dass „Mutti“ kein Zugpferd mehr ist. Bleibt wieder die Frage, ob es Dummheit ist oder schlimmstenfalls daran liegt, dass sowohl Merkel als auch Schulz einer ganz anderen Autorität gehorchen als ihrem eigentlichen Souverän, dem deutschen Wähler.
Wer wie Merkel nach einer verlorenen Wahl sagt, sie wüsste nicht, was sie besser hätte machen können oder jetzt machen sollte, kann Angesichts dieser Ratlosigkeit nicht beanspruchen, weiterhin eine Führungsposition zu behalten. Dass sie dennoch daran festhält, grenzt schon an Sabotage. Sabotage an ihrer Partei und an unserem Land. Die große Angst der etablierten Parteien vor Neuwahlen ist ebenfalls diesem Umstand geschuldet. Dass es sowohl in der CDU als auch in der SPD keine vermittelbaren Nachfolger gibt, ist auch den Führungspersonen zuzuordnen, die – und hier vor allem Merkel – viel Energie dafür aufgewendet haben, hoffnungsvolle Persönlichkeiten wegzubeißen.
Wenn also Merkel und Schulz weiterhin ihre Verantwortung für die katastrophalen Wahlergebnisse verleugnen und nicht abtreten, werden sie die Totengräber ihrer Parteien sein. Aber sie können sich des Danks ihrer Parteigenossen in den Führungsrängen sicher sein, die ihre Pfründe behalten dürfen, auch wenn ihre Parteien auf einstellige Wahlergebnisse abrutschen. All das hat nichts mit Verantwortungsbewusstsein zu tun, es ist nur noch ekelhafte Macht- und Postenkungelei. Es ist Sabotage an Deutschland, am deutschen Volk.
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Alles Alte ist besser als alles Neue?

Reflexionen über die voranschreitende Auflösung des politischen Koordinatensystems
von Tomasz Konicz, „Streifzüge“
Das allgegenwärtige krisenbedingte Gefühl, dass etwas in Auflösung übergeht, dass verfestigte Strukturen und Lager in Bewegung übergehen und sich verflüssigen, hat längst auch die Sphäre des Politischen erfasst. Das etablierte politische Koordinatensystem rechts- und linksgerichteter politischer Parteien und Kräfte scheint hohl und kaum noch mit Substanz aufgeladen. Immer mehr Menschen sehen keine nennenswerten Unterschiede zwischen den einzelnen Parlamentsparteien. Im Internet und seinen in den sozialen Netzwerken herumirrenden Schwärmen werden etablierte politische Begriffe wie bloße Labels behandelt und, je nach Situation und Interesse, mit neuen Bedeutungen aufgeladen. Die Ansicht darüber, was nun politisch links oder rechts ist, kann in den ausgedehnten Wahnräumen des Netzes, wo die Neue Rechte ihre digitale Heimat hat, mitunter täglich, ja stündlich wechseln, was ja letztendlich nur auf die beginnende Auflösung des politischen Koordinatensystems hinweist.
Zum einen ist es die längerfristig wirkende neoliberale Hegemonie, die im Rahmen des „Sachzwang-Diskurses“ den politischen Spielraum immer weiter einengte, sodass in den vergangenen drei Dekaden de facto eine ganz große neoliberale Koalition durchregierte – was zur Unterschiedslosigkeit im Parlament beitrug. Doch eigentlich war der sozioökonomische Spielraum bürgerlicher Politik im Nachkriegszeitalter schon immer begrenzt. Auch von den 1950er- bis in die 70er-Jahre hielten sich alle Regierungsparteien, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, an die damals hegemonialen keynesianischen Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Aktuell kommt noch die Taktik der Neuen Rechten hinzu, insbesondere in den sozialen Netzwerken gezielt die Grenzen zwischen links und rechts zu verwischen („Linksfaschisten“, „Rote SA“ etc.), um so die Akzeptanz der populistischen und extremen Rechten zu erhöhen. Dennoch sollten hierbei Ursache und Wirkung nicht verwechselt werden: Die Rechte instrumentalisiert unbewusst eine gegebene Dynamik im Überbau spätkapitalistischer Gesellschaften.
Linker Egalitarismus und rechte Eliten
Ihren Ursprung hat die Einteilung der politischen Kräfte in linke und rechte Parteien – wie so vieles – in der Französischen Revolution. Schon die Sitzordnung der ersten französischen Nationalversammlung von 1789 bis 1791 war gekennzeichnet durch eine grobe Teilung in revolutionär und/oder republikanisch gesinnte Kräfte, die auf der linken Seite Platz nahmen, und konservative, monarchistische Kräfte, die auf der rechten Seite der Nationalversammlung beheimatet waren. Diese räumliche Bezeichnung verselbstständigte sich mit der Zeit: Diejenigen Kräfte, die die Dynamik der Französischen Revolution weiter anfachen wollten, wurden als die Linke bezeichnet, während die bremsenden, konservativen oder restaurativen Kräfte als die Rechte benannt wurden. Und diese Unterscheidung zwischen progressiven und konservativen Kräften bildet auch die zentrale Achse des seit dem 19. Jahrhundert etablierten politischen Koordinatensystems: Die Linke agierte politisch progressiv, fortschrittlich, vorwärtsdrängend, während die Rechte konservativ ist, den Status quo bewahrend, oder gar reaktionär. Die Linke betont das Werden, das Gemeinsame der Menschheit, die Zivilisation; die Rechte hält am bestehenden Sein fest, am Besonderen, an den Unterschieden, an der Kultur.
Der Kampf zwischen linkem Egalitarismus und rechten Eliten kennzeichnet nach der Ausrufung der allgemeinen Menschenrechte die Geschichte des politischen Systems seit dem „Zeitalter der Revolutionen“ (Hobsbawm) im 19. Jahrhundert. Etablierte Machtstrukturen, die von der Rechten verteidigt wurden, sind von der Linken um der intendierten Emanzipation immer größerer Bevölkerungsteile willen bekämpft worden. In ihrer radikalen Avantgarde galten den Linken diese politischen Kämpfe auch als ein Mittel zur Überwindung des kapitalistischen Systems, insbesondere der Arbeiterklasse wurde dabei eine objektive historische Funktion als ein „revolutionäres Subjekt“ zugesprochen. In der Praxis lief aber dieser Emanzipationsprozess auf die rechtliche Gleichstellung und soziale Verbesserungen für zuvor marginalisierte oder verfolgte Gruppen innerhalb des kapitalistischen Systems hinaus. Die Hoffnung auf ein revolutionäres Subjekt innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft hat mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus einen historischen Rückschlag erlitten. Bei der Gleichstellung zuvor marginalisierter Gesellschaftsgruppen innerhalb des Kapitalismus wurden aber tatsächlich – zeitweilige – Erfolge erzielt: von der Arbeiterklasse, die spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg im Kapitalismus vollauf integriert wurde, über die Frauenemanzipation bis zu dem weiterhin andauernden Kampf gegen die Diskriminierung ethnischer oder sexueller Minderheiten.
Vollauf verständlich wird dieser historische – wenn auch unvollendete – politische und rechtliche „Emanzipationsprozess“, den die Linke binnenkapitalistisch geleistet hat, nur bei Berücksichtigung seiner Wechselwirkung mit der Sphäre der kapitalistischen Ökonomie. Die rechtliche Gleichstellung immer neuer Gesellschaftsgruppen ging mit deren Integration in das expandierende System der Lohnarbeit einher – solange auch das Kapital expandierte und immer größere Quanta Lohnarbeit verwertete. Die Linke brachte zumindest in den Zentren des Weltsystems somit Überbau und Basis in Einklang, indem sie überall dort die politischen und sozialen Rechte von Gruppen erkämpfte, die in der historischen Aufstiegsbewegung des Kapitals in das System der Lohnarbeit integriert wurden. Die Rechte hingegen wollte Ausbeutung ohne Rechte, ohne Gleichstellung, ohne soziale Teilhabe – sie wirkte zunehmend kontraproduktiv, vor allem im Nachkriegszeitalter, der goldenen Ära des Sozialdemokratismus, als Massennachfrage die extreme Expansion der Kapitalverwertung ermöglichte. Für das globalisierte Kapital sind somit alle gleich – als „Humankapital“, das im Optimalfall unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sonstigen Nebensächlichkeiten möglichst effektiv ausgebeutet werden soll.
Krisenideologien
Doch zugleich ist es inzwischen evident, wie prekär diese „Fortschritte“ gewesen sind, die im Rahmen der widerspruchsgetriebenen fetischistischen Verwertungsbewegung des Kapitals erkämpft wurden. Die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft, die in der Tendenz eine ökonomisch überflüssige Menschheit fabriziert, macht die etablierte politische „Rollenverteilung“ unmöglich. Die rechtliche Gleichstellung von Minderheiten geht seit der neoliberalen Wende ja einher mit krisenbedingter sozialer Zerrüttung, mit massenhafter Prekarisierung. Sobald die historische Expansionsbewegung des Kapitals aufgrund ihrer inneren Widersprüche zu stocken begann, das Aufsaugen von Lohnarbeit in der Warenproduktion in deren Abschmelzen umschlug, brach die ökonomische Basis dieser linken binnenkapitalistischen Scheinemanzipation zusammen. Dasselbe widerspruchszerfressene Kapitalverhältnis, das keine Unterschiede bei der Ausbeutung von Menschen machen muss, heizt in seiner Krise die Konkurrenz und entsprechende Krisenideologien an, die sich gegen Minderheiten richten, die als Konkurrenten auf den Märkten wahrgenommen werden.
Die Rechte identifiziert sich mit dieser Krisenkonkurrenz, indem sie sie mit Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Kulturalismus etc. auflädt und der Mehrheitsgesellschaft die ideologischen Legitimationen für die krisenbedingte Marginalisierung von Minderheiten liefert. Die Inklusion schlägt in ihr Gegenteil, die Exklusion, um (der rechte Hass auf „Gutmenschen“ speist sich aus dem auch in der Krise von aufrechten Linken betriebenen Kampf um Gleichstellung von Minderheiten). Die reell ins Barbarische treibende Krisendynamik erzeugt somit den Anschein, als ob die Rechte jetzt vorwärtsdränge, als ob sie voranschreite – sie tut es nur auf den Abgrund zu. Weite Teile der Linken, die den Krisenprozess weiterhin nicht in seiner Tiefe erfassen wollen, sind jetzt rückwärtsgewandt, konservativ; sie wollen entweder zurück in die „heile“ kapitalistische Welt der keynesianischen Nationalstaaten der 50er- oder 70er-Jahre oder zurück in die DDR und Sowjetunion. Die Uhren sollen – ein absurder, unrealisierbarer und letztendlich selbstmörderischer Anachronismus – zurückgedreht werden. Schon der Zusammenbruch des real existierenden Staatssozialismus – der eigentlich nur der Vorschein der gegenwärtigen Krisenära war – hat eine regelrecht konservative Linke hervorgebracht, die angesichts der neoliberalen Offensive eine bekannte Brecht’sche Maxime einfach umkehrte. Frei nach dem Motto: „Alles Alte ist besser als alles Neue“. Da der anachronistische Zug in eine idealisierte Vergangenheit an der Krisenrealität zerschellen muss, drohen diese konservativ-linken Kräfte ähnliche Krisenideologien auszubilden, wie sie innerhalb der Rechten ausgebrütet werden: wo die Personifizierung der Krisenursachen (Ausländer, Juden, Muslime, Russen, Amis, Außerirdische etc.) mit einer Naturalisierung der Strukturen, Formen und Vermittlungsebenen des Kapitalismus einhergeht. Zumeist wird in dieser nach „rechts“ umfallenden, postsozialdemokratischen Linken argumentiert, dass der Sozialstaat nur im nationalen Rahmen, bei geschlossenen Grenzen, aufrechterhalten oder ausgebaut werden könne.
Notwendige Transformation
Der Krisenprozess lässt keinen sozialen „Fortschritt“ im Rahmen des Kapitalismus mehr zu – deswegen bricht diese politische Frontstellung auseinander, deswegen müsste die Linke zu einer kategorialen Kritik des Kapitalismus, zu einer transformatorischen Praxis übergehen. Der direkte oder vermittelte Terror gegen eine beständig anwachsende, ökonomisch überflüssige Menschheit ist der einzig gangbare barbarische Weg innerhalb des im Zerfall begriffenen Systems. Dessen zivilisatorisch überlebensnotwendige Überwindung ist somit kein linker „Radikalismus“, sondern blanke praktische Notwendigkeit, die sich aufgrund der Eigendynamik der eskalierenden Widersprüche unabhängig vom Bewusstseinsstand der Massen oder den konkreten politischen Kräfteverhältnissen quasi von selbst stellt. Nicht der Blick zurück, sondern der Blick nach vorn, über den Kapitalismus hinaus, könnte noch den tiefen Absturz in die Barbarei verhindern. Die Linke müsste also vor allem in Reaktion auf die zunehmenden ökonomischen und ökologischen Krisentendenzen eine breite Debatte über eine postkapitalistische Gesellschaft initiieren, anstatt an den überkommenen, ohnehin in Auflösung befindlichen Gesellschaftsformen festzuhalten. Nicht weil es radikal wäre, sondern weil es objektiv notwendig ist, weil das System seiner Krisendynamik gemäß in die Barbarei führt – aus der ins Extrem getriebenen Systemlogik heraus.
Von Tomasz Konicz erschien zum Thema Krise zuletzt im Konkret-Verlag das Buch „Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft“.
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