Die Gesellschaft ist das Labor

Eduard Kaeser, „journal21“

Die Suche nach den Ursachen der Corona-Pandemie ergibt mehr Fragen als Antworten. Das Problem hat «tückischen» Charakter.

Stammt das SARS-CoV-2-Virus aus einem Labor in Wuhan oder wurde es von einem Tier – mutmasslich von einer Fledermaus – auf den Menschen übertragen? Die Frage erscheint klar, und intuitiv neigt man dazu, den Hypothesenstreit in einem Entweder-oder-Raster zu beantworten. Die Fachgemeinschaft gab eher der Hypothese der Zoonose – also der Übertragung durch ein Tier – den Vorzug, und obwohl man keinen Zwischenwirt gefunden hatte, herrschte ein Konsens, der andere Hypothesen ausschloss. 

Im März 2021 publizierte die WHO einen Bericht über die Ursachen der Pandemie. Ein Team von Wissenschaftern war eigens nach China gereist, und basierend auf Interviews und Untersuchungen im Wuhan Institute of Virology kam es zum Schluss, dass die Hypothese der Zoonose «wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich» und die Laborhypothese «sehr unwahrscheinlich» sei. 

Keine einfachen Kausalketten

Das weckt Skepsis, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zunächst sollte man nicht erwarten, einfache Kausalketten zu finden, die von der Wirkung – also der Ausbreitung – eindeutig zurück zu einer Ursache – also etwa zu einem «Leck» im Labor – führen. Die Rückschlüsse in der Epidemiologie liefern keine «Kausalkette», wohl aber mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen. 

In der Statistik hat sich schon seit einiger Zeit die sogenante Bayes-Methode durchgesetzt, um von Daten auf Hypothesen zurückzuschliessen. Gerade sie mahnt uns zu besonderer Vorsicht im Umgang mit dem Etikett «unwahrscheinliche Hypothese». Es ist keine Disqualifizierung, sondern Ansporn zu echter Forschung. Häufig verwandeln sich nämlich unwahrscheinliche Hypothesen, die der Intuition oder fixen Meinung widersprechen, bei neuer Datenlage in ziemlich wahrscheinliche.

Fehlende Datenevidenz

Und damit stossen wir auf ein zweites Problem: Fehlende Datenevidenz sowohl für die Laborhypothese wie für die Tiermarkthypothese. Das nächste verwandte Virus zum SARS-CoV-2-Virus wurde in einer Fledermausart, der Hufeisennase, identifiziert. Aber der Übertragungsweg zum Menschen, sollte er existieren, ist unbekannt. 

Andererseits, so ein Virologe, habe man SARS-CoV-2-Viren nirgendwo sonst als beim Menschen gefunden. Zudem befinde sich im Wuhan-Institut eine der grössten Sammlungen von Fledermaus-Coronaviren. Im Übrigen, so hört man ebenfalls, würde man nicht nur in China Forschungen über «Funktionsgewinne» bei Viren betreiben, also Viren gentechnisch zu ganz bestimmten Zwecken umrüsten. Laborlecks seien ohnehin weitaus häufiger als allgemein angenommen. 

Diese Gemengelage der Daten ist alles andere als eine sichere Evidenzbasis, und sie rechtfertigt keineswegs die Wendung «wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich». Das ist Communiqué-Phraseologie. Der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, gab kürzlich zu: «Ich glaube nicht, dass die Untersuchung umfassend genug war.» 

Tückische Probleme

Und wenn die Frage nach den Ursachen der Corona-Pandemie trotz hinreichender Untersuchung unbeantwortet bleibt? Man muss das Scheitern nicht unbedingt der Forschung anlasten. Vielmehr könnte das an der Problemsituation selbst liegen. Und hier stossen wir auf eine dritte Schwierigkeit. Das Virus ist ein grosses Problem. Grosse Probleme wachsen uns über den Kopf. Was wir dabei weniger bemerken: Der Charakter dieser Probleme wandelt sich. Sie werden „tückisch“. 

Den Begriff führten die Planungsforscher Horst Rittel und Melvin Webber 1973 ein, um gewisse Dilemmata in der Sozialpolitik zu beschreiben. Er erscheint wie massgeschneidert für die gegenwärtige pandemische Situation. Das Virus hebt uns quasi auf ein neues Problemniveau. Es unterliegt durchaus Naturgesetzen, aber mit Naturwissenschaft allein kommen wir ihm nicht bei. Es ist ein Studienobjekt, das sich aus natürlichen, gesellschaftlichen, politischen, ideologischen Komponenten zusammensetzt: ein molekular materialisiertes Rezept zur Selbstkopierung, das uns immer wieder epidemisch bedroht, Schutzmassnahmen nötig macht, Wirtschaftszweige austrocknet, Gewohnheiten und soziale Verhältnisse aufmischt, die Glaubwürdigkeit altbewährter demokratischer Institutionen unterminiert. 

Murks happens

Tückische Probleme «löst» man nicht, man behebt sie, wie Rittel und Weber schreiben. Man könnte auch sagen: Tückische Probleme führen zu Murks-Lösungen. Im englischen Ingenieurjargon existiert der Ausdruck Kludge oder Kluge (ausgesprochen «kladsch» oder «kluudsch»): eine zusammengeflickte, behelfsmässige, temporäre, mitunter unnötig komplizierte Behebung eines technischen Defekts oder Problems, kurz: ein Murks. Formulieren wir daraus hypothetisch das Murks-Prinzip: Von einem kritischen Komplexitätsgrad an arbeiten natürliche und künstliche Systeme zwangsläufig im Murks-Modus. 

Daraus folgt ein viertes Problem im Umgang mit dem Virus. Wiegen wir uns nicht in der falschen Zuversicht, Murks liesse sich quasi «von Null auf sauber» beheben. Man missachtete so das «Gall’sche Gesetz», eine in Designerkreisen bekannte Maxime. Salopp ausgedrückt lautet sie: Versuche nicht, ein Murks-System auseinanderzunehmen und von Null auf zu revidieren. Baue auf funktionierenden Murks und versuche, ihn schrittweise zu verbessern. Mit John Gall ausgedrückt: Murks-Systeme sind wie Babys; wenn man eins kriegt, hat man es. Nicht nur kann man es nicht entsorgen, es wächst auch. Es gibt eine Art von Murks-Entropie. In diesem Sinn werden wir uns wahrscheinlich auch in der Behebung der Coronakrise mit epidemiologischem Murks abfinden müssen. Schlechte Zeiten ziehen Kreise.

«Mehr Forschung» nützt der Politik nicht

Das beschert uns ein fünftes Problem. In der «Esoterik» wissenschaftlicher Forschung ist das Denken in Wahrscheinlichkeiten, das Abwägen von Ungewissheiten, die Skepsis gang und gäbe. In der «Exoterik» der Politik mit Ungewissheiten zu handeln, ist vielleicht ehrlich, aber paradoxerweise irreführend, wenn nicht riskant. Das liegt in der Natur der politischen Auseinandersetzung. 

Wissenschafter können die Annahmen von Konkurrenten in Zweifel ziehen. Aber Politiker repräsentieren bestimmte Wählergruppen und -interessen. Sie müssen die Annahmen ihrer Wähler – vielleicht contre coeur – vertreten. Ansonsten riskieren sie, nicht mehr gewählt zu werden. Sie sehen sich in gewissen Situationen womöglich zum Tun-als-ob gezwungen: Ja, wir kennen die Sachlage nicht genügend, aber wir müssen so handeln, als ob wir sie kennten. Entscheidungen in der Politik können nicht auf «mehr Forschung» warten. «Mehr Forschung» ist oft eine redundante Beschwichtigungsfloskel, welche nur die Ratlosigkeit der Politiker kaschiert.

Das Syndrom der Postnormalität

Diese fünf Probleme – es gibt noch mehr davon, zum Beispiel die geopolitische Komponente – lassen sich als ein Charakteristikum der Wissenschaft im 21. Jahrhundert interpretieren. Ich nenne es das Syndrom der Postnormalität. Den Begriff prägten die Wissenschaftsphilosophen Jerome Ravetz und Silvio Funtowicz schon in den 1990er Jahren mit Blick vor allem auf die Klimakrise und auf Megatechnologien. 

Nun gesellt sich dazu noch die Coronakrise. Und vermutlich werden weitere planetarische folgen. Postnormalität heisst in Kürze: Lösungen sind dringend, die Fakten ungewiss oder uneindeutig, die Theorien fragmentarisch, die Risiken hoch und die Interessen vielfältig. Der «normale» Ansatz der Forschung, komplexe Probleme mittels Leittheorien oder Paradigmen in fachinterne, disziplinäre «Rätsel» zu übersetzen und sie dergestalt behandelbar und lösbar zu machen, greift heute auf vielen neuralgischen Feldern zu kurz. Zur «Lösung» einer Epidemie gibt es kein Paradigma. 

Erkenntnistheoretische Demut

Direkter noch als das Klima drängt das Virus zu einem Mentalitätswandel: Die Wissenschaft muss sich von der «neutralen» Laborsituation verabschieden. Das Labor ist jetzt die Gesellschaft, die lokale und die globale. Bedeutet dies Abschied von der Objektivität? Mitnichten. Es bedeutet, dass die Wissenschaft sich in den kommenden Problemsituationen neu positionieren muss. Wir sind abhängiger denn je von ihren Problemlösungen, aber machen wir uns zugleich den tückischen Charakter der Probleme bewusst! Verfallen wir also nicht der Illusion, sie zu «zähmen», sei dies mittels Daniel-Düsentrieb-Erfindungen oder wissenschaftlichen Grossvisionen! Man könnte das erkenntnistheoretische Demut nennen.

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Das grosse Tabu bei der deutschen Regierungsbildung

Jürg Müller-Muralt, „infosperber“

Statt einer Dreierkoalition wäre auch eine Minderheitsregierung möglich. Doch das ist in Berlin keiner Debatte wert.

Es wird in parlamentarischen Demokratien immer schwieriger, nach Wahlen eine Regierung zu bilden. Jüngstes Beispiel ist Deutschland: Das Politdrama nach den Bundestagswahlen vom 26. September 2021 wird noch einige Zeit auf dem Spielplan stehen und wohl noch viele spannende Szenen zu bieten haben. Dabei hat Deutschland, verglichen mit anderen westlichen Staaten, noch halbwegs intakte Traditionsparteien. Doch auch da leiden die einstigen Volksparteien (SPD und CDU/CSU) unter Auszehrung, auch wenn die SPD bei den jüngsten Wahlen mit einem Zugewinn von 5,2 Prozentpunkten und einer Parteistärke von 25,7 Prozent als Wahlsiegerin gilt. Von der absoluten Mehrheit sind beide weiter entfernt denn je. Und die Grosse Koalition wird gar nicht mehr diskutiert, weil sie derart verbraucht ist, dass sie demokratiepolitisch nicht mehr zu legitimieren wäre.

Minderheitsregierung keine Seltenheit

Der allgemeine bundesrepublikanische Konsens lautet derzeit: Für eine stabile Regierung braucht es drei Parteien, entweder SPD, FDP und Grüne (Ampel-Koalition), oder CDU/CSU, FDP und Grüne (Jamaika-Koalition). Theoretisch gäbe es durchaus eine andere Lösung: eine Minderheitsregierung, eine Regierung also, die keine eigene Mehrheit im Parlament hat. Völlig exotisch wäre das nicht. Minderheitsregierungen sind zwar in Mitteleuropa kaum verbreitet, doch sie sind in Kanada und in Skandinavien gar nicht so selten. Am meisten Minderheitsregierungen hat Dänemark hervorgebracht. Von den 32 seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gebildeten Regierungen waren gemäss Wikipedia lediglich vier mit einer eigenen Mehrheit ausgestattet. 28 Regierungen waren auf die Unterstützung einer oder mehrerer Oppositionsparteien angewiesen. Begünstigt wird dies durch die dänische Verfassung, die bloss verlangt, dass eine Regierung nicht gegen den erkennbaren Willen der Parlamentsmehrheit regiert.

2013 wurde das Thema diskutiert

In Deutschland kennt man nur auf Länderebene einige Minderheitsregierungen, die länger als ein paar Monate im Amt waren. Auf Bundesebene gab es das bisher noch nie – abgesehen von kurzen Phasen nach dem Zusammenbruch einer Koalition. Nur einmal wurde das Thema in der Öffentlichkeit als mögliche Alternative zu einer Koalition diskutiert, als die Unionsparteien unter Angela Merkel in den Wahlen von 2013 mit 311 von 630 Bundestagsmandaten nur knapp an der Mandatsmehrheit vorbeigeschrammt sind.

Klimaforscher für Minderheitsregierung

Doch im neu gewählten Bundestag ist eine Minderheitsregierung realpolitisch kaum möglich, eine Debatte darüber wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Und trotzdem gibt es vereinzelt Stimmen, die diese Möglichkeit nicht ganz unter den Tisch fallen lassen wollen. Für den Klimaforscher Mojib Latif, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, könnte eine rot-grüne Minderheitsregierung «einen Versuch wert sein: Beim Klimaschutz sollte es ohnehin einen parteiübergreifenden Konsens geben. Es handelt sich schliesslich um eine existenzielle Frage, es geht um unsere Zukunft», sagt er in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Wieder aktiv um Mehrheiten ringen

In der Tat besteht die Gefahr, dass ein Dreierbündnis eher für Stillstand sorgen könnte als für frischen Wind. Denn die weit auseinanderliegenden Positionen, vor allem zwischen FDP und Grünen, werden wohl zu einem Koalitionsvertrag des kleinsten gemeinsamen Nenners führen. Gerade deshalb plädiert Stephan Hebel in der Wochenzeitung Freitag für eine rot-grüne Minderheitsregierung; sie würde der Demokratie guttun, findet er. «Die neue Unübersichtlichkeit des Parteiensystems, in dem kein ‘Lager’ mehr die Mehrheit hat, legt den Gedanken einer Minderheitsregierung erst richtig nahe.» Natürlich würde das mehr Unberechenbarkeit im Politbetrieb erzeugen. Die Regierung müsste wieder aktiv um Mehrheiten für Gesetze ringen, «was zwar in diesem Land allgemein als unzumutbar gilt, aber eigentlich zu den Kernelementen parlamentarischer Demokratien gehört.»

Kritik am parlamentarischen Automatismus

Stephan Hebel kritisiert die Automatismen im Parlament, auf welche sich Mehrheitsregierungen stützen können. In Wahrheit würden dadurch die Fundamente des parlamentarischen Systems ausgehöhlt. «Ein Bundestag, der zwar heftig debattiert, allerdings meistens über Ergebnisse, die schon vorher feststehen», gefährde die Wirksamkeit demokratischer Kontrolle. «Der Parlamentarismus hat dringenden Bedarf, lebendiger zu werden. Er muss wieder lernen, Entscheidungen aufgrund offener Debatten statt nach Vorgaben einer von Lobbys und Interessen beeinflussten Exekutive zu fällen. Er muss sich die Aufgabe stellen, mit krisenhaften Entwicklungen oder Impulsen aus der Zivilgesellschaft ohne Angst vor ‹wechselnden Mehrheiten› umzugehen. Er muss sich, kurz gesagt, demokratisieren. Geschieht das nicht und verharrt das politische Personal in einer als ‹Stabilität› missverstandenen Bewegungslosigkeit, wird sich die jetzt schon klaffende ‹Repräsentationslücke› vergrössern, und die Akzeptanz für parlamentarische Entscheidungen wird weiter schwinden – eine Steilvorlage für die rechtsextremen Kräfte, die genau das wollen.»

Keine einbetonierten Kompromisse

Natürlich braucht es gerade bei Minderheitsregierungen eine hohe Flexibilität und die Fähigkeit, Kompromisse von Fall zu Fall und mit wechselnden Parteien auszuhandeln. Aber diese Kompromisse würden dann wenigstens nicht in Koalitionsverträgen einbetoniert, bevor überhaupt der Bundeskanzler gewählt ist. Übrigens: Auch für die Wahl eines Kanzlers oder einer Kanzlerin braucht es nicht zwingend die absolute Mehrheit im Bundestag, wie immer wieder stillschweigend vorausgesetzt wird. Absolute Mehrheiten sind zwar in den ersten beiden Wahlgängen nötig, aber im dritten Wahlgang reicht das relative Mehr; es gilt also jene Person als gewählt, die die meisten Stimmen auf sich vereinigt.

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Das System als Szenarist

Virologie einer Groteske
von Emmerich Nyikos1.
1.
Wird ein Ball geworfen, so ist es klar, dass ein Werfer für den Wurf verantwortlich ist, also ein Akteur. Denn ohne Akteure – und dies ist trivial – gibt es keine Aktionen, von welcher Art diese immer auch seien. Das ist so selbstverständlich, dass immer, in welchem Bereich es auch sei, davon ausgegangen wird, dass hinter jedem Geschehen in der Gesellschaft Handelnde stehen.Nun, in gewisser Weise ist das auch richtig. Allein, nicht alles, was sich tatsächlich ergibt, war auch geplant oder intentional. Oder sagen wir es auf andere Weise: Die Konsequenzen des Tuns korrespondieren meist nicht mit dem, was zuvor bewusst beabsichtigt wurde, und dies trifft insbesondere auf gesellschaftliche Abläufe zu, die zwar nicht ohne Handelnde (mit all ihren Intentionen) ablaufen können, die aber nichtsdestotrotz spontan zu erfolgen pflegen (nicht anders als in der Natur) – unter anderem deshalb, weil sie das Produkt, die Resultante der Handlungen aller Beteiligten sind, die in Gesellschaften, die auf dem Austausch beruhen – auf dem Privateigentum –, unabhängig voneinander und oft gegeneinander agieren, so dass das Resultat dieser Handlungen als einer Gesamtheit gar nicht geplant oder beabsichtigt gewesen sein kann. In Wirklichkeit kann immer nur das Wenigste von dem, was intendiert wird – sofern es sich um mehr als um Triviales handelt, also um Dinge, deren Tragweite als beträchtlich eingestuft werden muss, sowie um Projekte, die sich allein schon dadurch ihrer Verwirklichung nähern, dass sie sich von der Strömung treiben lassen, d.h. sich in den herrschenden Trend inserieren –, in die Realität, in ein Faktum, in ein Gemachtes, umgesetzt werden, auch wenn es im Prinzip durchaus als realisierbar erscheint. Deshalb wird auf langfristige Planung über Banalitäten hinaus in der Regel auch von vornherein verzichtet.Hinzu kommt, dass, den breiteren Kontext der Praxis in Rechnung gestellt – die historische „Umgebung“ –, nicht alles, was man sich vornimmt, nicht alles, was beabsichtigt ist, auch realisiert werden kann: Es ist prinzipiell nicht realisierbar. Wie sehr man es auch herbeisehnen mag, das Athen des Perikles oder das römische Reich sind beim besten Willen als ein solches nicht zu restituieren. Für das meiste fehlt einfach die historische Basis. Realisieren kann man immer nur das, wofür die Grundlagen schon gelegt worden sind, wofür also das existiert, was von Marx die „Umstände“ genannt worden ist.Deshalb und aus den vorgenannten Gründen sind Intentionen, wenn es um die Analyse gesellschaftlicher Prozesse zu tun ist, durchaus vernachlässigbar. Man muss gar nicht wissen, was gedacht, es genügt zu wissen, was getan worden ist. Handeln impliziert zwar immer Intentionen, es ist ein integrales Paket, im Endeffekt spaltet sich dieses Handeln jedoch in das, was beabsichtigt, und das, was tatsächlich bewirkt wurde, auf, es sind zwei verschiedene Dinge.Dies ist so wahr, dass es erstaunt, wie es immer noch geschehen kann, dass man gesellschaftliche Prozesse auf intendierte Aktionen von Personen, Personenaggregaten oder, im Speziellen, von Kapital-Korporationen zurückführt. Diese Prozesse ergeben sich schlicht und einfach spontan, man kann sie nicht steuern und noch weniger kann man sie bewusst induzieren, auch wenn es klar sein dürfte, dass man dies bisweilen trotz allem versucht. Ja man kann sogar sagen, dass dieses Rhema sogar für eher punktuelles Geschehen, wie es Handelskonflikte, Kriege oder Krisen sind, gilt.
2.
Nun, die Annahmen bezüglich des intendierten Charakters gesellschaftlicher Prozesse dürften einen ihrer Gründe ganz sicher darin haben, dass die Akteure, die man dafür üblicherweise namhaft zu machen versucht, über Machtmittel verfügen – nämlich vor allem das Geld –, die alle anderen ermangeln, so dass sie auch in der Lage erscheinen, das Geschehen in ihrem Sinne zu steuern. Das Potential, es zu tun, wird kurzerhand für die Tatsächlichkeit dessen genommen, was gar nicht passiert ist, was man eben nur unterstellt.Hier kommt hinzu, dass die Resultate des spontanen Geschehens scheinbar paradoxerweise mit dem, was der Elite zuträglich ist – der Klasse der Bourgeoisie –, durchaus korrespondieren – zumindest zumeist –, was dazu verleitet zu glauben, dass alles von dieser im Vorhinein auch geplant worden ist: dass es einen Masterplan hinter dem Geschehen gibt. Die Konkordanz, der Einklang mithin von Resultat und Basis-Belangen derjenigen, die als Drahtzieher ausgemacht werden, wird dahingehend interpretiert, dass dieses Resultat bewusst herbeigeführt wurde.Schließlich: Das, was sich als Faktum ergibt, ist meistens so strukturiert, dass es so aussieht, als ob es der Ausfluss eines Masterplans wäre. Es fügt sich alles derart zwanglos zusammen, dass man gar nicht umhin kann, einen Plan, eine Intention hinter dem, was geschieht, zu vermuten. Das ist so wie mit der „Schöpfung“, deren Kohärenz und „Schönheit“, eben weil alles, wie es scheint, wunderbar zusammenstimmt, Theologen dann zum Ausgangspunkt nehmen, um ein Höheres Wesen, einen „Schöpfer“ hinter und jenseits der Welt zu vermuten.Dies ist aber eine Täuschung, denn Masterpläne von gesellschaftsrelevantem Format kann es in einer Gesellschaft, die auf dem Privateigentum und dem Austausch beruht, schlicht und einfach nicht geben. Oder, wenn man so will: Es mag Masterpläne hinter den Kulissen geben, die aber nicht resultatfähig sind. Vornehmen kann man sich alles, realisieren aber, wenn überhaupt, immer nur wenig.
3.
Es gibt demnach keinen Plan, der dem Geschehen zugrunde liegen würde. Was wir indessen als ein Handeln ansehen müssen, dessen Ergebnis als durchaus geplant durchgehen kann, das ist die Reaktion auf Prozesse und Fakten, die sich zuvor auf spontane Weise ergaben. Diese Reaktion auf ein spontanes Geschehen – auf Prozesse, die schon lange in Gang, die gerichtet und daher irreversibel sind – weist alle Merkmale einer bewussten Problembehandlung und eines planmäßigen Vorgehens auf und besteht gerade darin, das, was sich ganz von alleine ergab, im Sinne des Reagenten optimal zu nutzen.Hier haben wir dann oft eine Handlungsstruktur, in welcher sich spontane „Aktion“ (das, worauf reagiert wird) und bewusste Reaktion miteinander verflechten, oder genauer: aus den Reaktionen ergeben sich spontane Prozesse, auf die wiederum bewusst reagiert wird – immer freilich in der Richtung, die der Prozess (der Modus operandi mithin des Systems) schon festgelegt hat –, und so unendlich fort.
4.
Es wird reagiert, und diese Reaktion ruft dann, in Ergänzung zu den vorgenannten Gründen, den bestimmten Eindruck hervor – oder bestärkt ihn –, als ob auch das, worauf reagiert wird, schon geplant worden wäre: als ob von allem Anfang an ein Masterplan dahintersteckte. Die Intention wird rückprojiziert, denn der ganze Geschehensablauf scheint ja aus einem Guss, scheint eine Einheit zu sein, insofern die Reaktion, als die zweite Phase, kongenial zur und kongruent mit der ersten Phase ist – zum und mit dem spontanen Geschehen –, so dass man verführt wird, dem Ganzen Berechnung, Absicht, kurz: eine „Idee“, einen Plan unterzuschieben. In Wirklichkeit aber wird nur die Gunst der Stunde genutzt.
5.
Wir sahen: Es fügt sich alles zwanglos zusammen, so dass es den Eindruck erweckt, man hätte es mit einem Plan hinter den Kulissen zu tun. In der Tat ist die Kohärenz des Geschehens jedoch nichts anderem als der Logik des Systems selbst geschuldet, das den allgemeinen Rahmen abzustecken pflegt, innerhalb dessen die Handlung des Dramas ablaufen kann, eines Dramas, das freilich oft eine Farce ist. Es ist das System, welches sich als Demiurg des Geschehens erweist, die Akteure, wie mächtig sie auch immer scheinen mögen, sind nur Exekutoren dessen, was der Modus operandi dieses Systems allen vorgibt, ja kategorisch oktroyiert.
6.
Wie ist nun dies konkret zu verstehen? Nehmen wir, zur Exemplifizierung, den Prozess der Zentralisation des Kapitals in seiner klassischen Phase, der innerhalb einer Branche auf lange Sicht in den monopolistischen Aggregatzustand mündet. Nun, es scheint so zu sein, als ob der Umstand, „dass ein Kapitalist viele totschlägt“, wie Marx sich ausgedrückt hat, der Ausfluss der persönlichen Gier der Kapitaleigner wäre, deren Absicht es ist, alle anderen ihrer Art kannibalistisch zu fressen, um so ihr „Verlangen nach Wachstum“ zu stillen und dergestalt einen Zustand herzustellen, wo sie unbehelligt ihren Profit zu maximieren vermögen.Oder anders gesagt: Der Grund für den Zentralisierungsprozess scheint ein Plan, scheint die Absicht einiger Kapital-Akteure zu sein, sich eine monopolistische Stellung innerhalb ihrer Branche zu schaffen. In Wirklichkeit aber folgt das Geschehen nur dem immanenten Gesetz des Systems, dass nur die Firma als aparte Kapitalentität zu überleben vermag, die sich in der Lage befindet, billiger zu produzieren als ihre Konkurrenten, denn gekauft wird, was, ceteris paribus, billiger ist. Dies erreicht man unter anderem durch den Einsatz innovativer Methoden. Setzt man diese Methoden dann ein, so wird man offenbar in der Konkurrenz auch bestehen (nicht zuletzt in Zeiten der Krise). Die Folge davon ist, dass, wenn es einigen Firmen wirklich gelingt, durch die Anwendung von innovativer Technologie den Preis ihrer Ware zu senken, die übrigen dann ihre Kundschaft verlieren und so als Konkurrenten von der Bühne verschwinden. Dass die erfolgreichen Firmen sich unter Umständen dann die Konkursmasse von denen, die in der Konkurrenzschlacht versagten, einzuverleiben bestrebt sind, ist desgleichen eine Handlungsweise, die systembedingt ist, denn der Umfang des produktiven Kapitals, der so ad hoc erweitert werden kann, ist ein Faktor, der die Masse des Profits und so auf lange Sicht auch den Spielraum für Innovationen erhöht. Denn diese können, wie wir sahen, gleichsam als Überlebenselixier dienen. Dass Kapitalakteure auch von sich aus gerne „wachsen“, steht auf einem anderen Blatt, ist aber nur der subjektive Reflex des systembedingten Zwangs.Demnach ist das System der Szenarist der Zentralisierung, nicht die Akteure, die lediglich exekutieren, wozu der Modus operandi des Systems das Drehbuch verfasst hat. Würde man sich weigern, in diesem Spiel mitzuspielen, so verschwände man als Akteur – also spielt man mit, ob man will oder nicht. Was man will, spielt hier indessen gar keine Rolle.
7.
Der Eindruck also ist: Es läuft „alles nach Plan“, den es aber, wie wir sahen, als solchen nicht gibt. Oder wenn man so will: Die Annahme eines Plans ist die imaginäre retrospektive Extrapolation von Resultaten, die sich aus der Funktionsweise des Systems zwanglos ergeben.
8.
Deutlich wird dieser Zusammenhang, wenn wir die kindische Farce, die unter dem Label „Corona-Krise“ gespielt worden ist, symptomatisch analysieren. Das alles ist derart absurd, d.h. faktenkonträr, dass man gar nicht glauben mag, dass die Akteure – Chef-Virologen, Staatspersonal und Medienmacher – hier nicht einem Masterplan folgten, um die Belange des Global-Kapitals, welche diese immer auch sind, zu bedienen. Ansonsten müsste man nämlich vermuten, dass man es bei diesen Akteuren mit veritablen Idioten zu tun hat (wobei der Ausdruck idiotes ursprünglich ja nichts anderes als Unwissenheit indizierte), die nicht nur völlig hirnverbrannt auf eine Situation reagierten, die sich jedes Jahr im Winter und Frühjahr ergibt – periodische Wellen von akuten Atemwegsinfektionen, die von den unterschiedlichsten Viren ausgelöst werden, worunter sich, neben Influenza-, Rhino-, Adeno- und anderen Viren, immer auch schon Corona-Viren befanden und die für Risikogruppen durchaus nicht ungefährlich sind –, sondern mit ihren „Maßnahmen“ auch „Kollateralschäden“ herbeiführen sollten, deren Tragweite den Schaden, den dieser Repräsentant des Coronaviren-Ensembles, der nur eine der Komponenten des Infektionsgeschehens ist, anrichten kann, bei weitem übertrifft, nicht zuletzt mit Bezug auf die Gesundheit und die Sterberate: Weltweit wurden etwa während des Lockdowns rund 28 Millionen medizinische Operationen abgesagt oder verschoben, um Platz für Corona-Patienten zu schaffen (die es dann gar nicht gab, so dass ironischerweise in manchen Spitälern Kurzarbeit angemeldet wurde), was, für jeden leicht nachzuvollziehen, nur fatale Folgen haben kann. Hinzu kommt, dass das Chaos und die Kopflosigkeit, die man durch das Schüren der Panik erzeugt hat, wahrscheinlich für einen nicht unerheblichen Teil der „Corona-Toten“ verantwortlich sind, vor allem in den Pflegeheimen, wo es aufgrund der Hysterie zu einem akuten Mangel an Personal kommen sollte (das en masse in seine Heimatländer floh) und wohin man Corona-Infizierte aus dem Spitälern ausgelagert hat, was natürlich für die betreffende Risikogruppe letal enden musste. Ganz einmal abgesehen von falschen Behandlungsmethoden (Intubationen), die man aus Angst vor der Ansteckung mit Sars-CoV2 eingesetzt hat,und falscher Medikation (womöglich hat hier Hydroxycloroquin in exorbitant hohen Dosen eine gewisse Rolle gespielt). Die Schwächung des Immunsystems dadurch, dass man die Leute praktisch zu Hause eingesperrt hat, dürfte sich darüber hinaus, mit Bezug auf die Gesundheit und die Sterberate, auch nicht gerade positiv ausgewirkt haben. – Dass der Lockdown an der Peripherie des globalen Systems die wirklich großen Verheerungen anrichten wird, sei hier nur nebenbei bemerkt.
Es muss also einen Masterplan geben, es muss eine Inszenierung sein, es muss um Profite und deren Maximierung gehen. Denn nur das ergibt Sinn. Es sei denn, man geht tatsächlich davon aus, dass die Akteure – blödsinnig sind. Und genau das ist auch wirklich der Fall.
9.
Denn erinnern wir uns: Das Geschehen in einem Gesellschaftssystem, das auf dem Privateigentum und dem Austausch beruht, ist durchaus nicht planbar. Und wenn es nicht planbar ist, dann helfen alle Masterpläne, die es vielleicht in der Tat geben mag, nichts. Das Geschehen ergibt sich spontan. Und so im Grunde auch hier.
Wie hat es sich aber ergeben? Ein Virus aus China (nicht aus den USA wohlgemerkt, wobei man noch hinzufügen muss: nicht aus den USA des Barack Obama), ein Virus, das neu, ein Virus, das unbekannt ist: So wird es zumindest ganz zu Beginn kolportiert. Das ist der Ausgangspunkt dieser Farce. Es gibt Tote, zuerst in Wuhan, dann auch woanders, in Bergamo, in Madrid, in New York. Passanten brechen mitten auf der Straße zusammen, gestapelte Särge, Militärtransporter, die diese Särge abtransportieren, das Chaos in den Spitälern und was es dergleichen noch mehr geben mag. Eine Sensation! Für die Medien daher ein gefundenes Fressen: Denn je sensationeller die Nachricht, desto mehr Konsumenten der medialen Ware, desto größer das Werbevolumen, desto größer auch der Profit, sofern es sich um private Medien handelt. Und die staatlichen Anstalten ziehen da mit, sie müssen es tun, die Konkurrenz der Privaten lässt ihnen gar keine Chance. Bilder demnach. Schockbilder aus allen Teilen der Welt. Und so ergreift alle das nackte Entsetzen, ob oben, ob unten, ob „rechts“ oder „links“: Ein Killervirus, das den Sensenmann spielt, das ist ehrfurchtgebietend, das führt zur Panik, das führt zur Hysterie. Das ist durchaus verständlich: Denn, wie man weiß, ist die Angst umso größer, je unsichtbarer der Feind. Und Viren sind unsichtbar, so dass diese Angst sich grenzenlos steigert. Man kennt das aus Hollywood-Filmen. Allen ist klar: Man muss etwas tun. Von allen Seiten fordert man entschlossenes Handeln. Das Staatspersonal (die WHO inklusive) kann daher, selbst wenn es wollte, auch gar nicht anders, als sich zum Retter vor dem sicheren Seuchen-Tod aufzuschwingen. Wer sonst als der Staat (der ansonsten eher verpönt ist) könnte hier auch die nötigen Maßnahmen setzen? Und die Regierungscrew nimmt diese Rolle an, hier sofort, dort nach einigem Zögern, schließlich aber (fast) überall enthusiastisch. Selbst vor Angst schlotternd, dekretiert sie Maßnahmen der verschiedensten Art, Schlag auf Schlag. Man verbietet, gebietet, schränkt ein und sagt ab. Und am Schluss wird der Lockdown verhängt, um, wie es hieß, die Kurve zu „flatten“, damit das Spitalssystem nicht überlastet würde: Alles, was nicht als „systemrelevant“ eingestuft wird, wird auf den Nullpunkt heruntergefahren. Die Welt wird zum Dornröschenschloss, in dem nur der „König“ aktiv ist, und dieser rotiert dann nur um so mehr.
10.
Nun, sehr früh hat sich herausgestellt, schon im März, schon vor dem Lockdown – mit den ersten belastbaren Daten aus China (über die „milden Verläufe“ und das Durchschnittsalter der Toten) –, dass die „Corona-Seuche“ eigentlich überhaupt keine Maßnahmen über solche hinaus, die jedes Jahr in der Grippe-Saison vernünftigerweise gesetzt werden sollten (die Kranken bleiben zuhause und die Risiko-Gruppen werden geschützt), notwendig machte. Ja noch mehr: Die „Welle“ der akuten Atemwegsinfektionen war schon vor dem Lockdown dabei abzuklingen, wie alle relevanten Zahlen zeigen und wie das jedes Jahr im Frühling der Fall ist. Seit April waren, by the way, keine Corona-Viren mehr in den Sentinel-Proben des RKI nachzuweisen. Alle Kurven fielen somit, nur die der Testaktivitäten konnte einen „exponentiellen“ Anstieg verzeichnen – und somit auch die Zahl der „positiven Fälle“, die man fälschlicherweise mit Infektionen oder sogar mit Erkrankungen gleichgesetzt hat. Die Positivenrate ging demgegenüber kontinuierlich zurück. Hier muss man wissen, dass bei diesen Tests eben nur das Fragment einer Nukleinsäuresequenz nachweisbar ist, eine Infektion im eigentlichen Sinn (die Virenaktivität über eine bestimmte Schwelle hinaus), d.h. eine Krankheit, hingegen nicht unbedingt. Der PCR-Test ist für diagnostische Zwecke schlicht und einfach ungeeignet und dafür auch gar nicht zugelassen. Hinzu kommt, dass die Fehlerquote dieser Tests bei rund einem Prozent liegt (hier vielleicht mehr, dort vielleicht weniger), so dass (fast) alle „neuen Fälle“ seit Mai 2020 damit erklärt werden können, dass sie „falsch-positive“ sind. Last, but not least, war (und ist) die Zählung der „Corona-Toten“ doch sehr kreativ. Es genügte ein positiver Test, und schon kam man auf die Liste, selbst wenn man bei einem Verkehrsunfall oder sonstwie das Leben verlor. Mancherorts (wie in Belgien etwa) wurden Tote bloß „auf Verdacht“ als „Corona-Opfer“ registriert. Obduktionen, um genau festzustellen, woran man denn nun wirklich verstarb, wurden anfangs fast nie durchgeführt (auf Anordnung oder „Empfehlung“ von höherer Stelle), und wo sie durchgeführt wurden (so wie in Hamburg), hat sich herausgestellt, dass niemand von denen, die gemäß den Richtlinien als „Corona-Tote“ gezählt werden mussten, an dem Virus, sondern vielmehr mit ihm verstarb, wobei diese Personen an (oft multiplen) Vorerkrankungen litten und zumeist schon mit einem Bein im Grab gestanden sind.Was die Übersterblichkeit (in den ersten Wochen nach dem Shutdown) in einigen Ländern (aber bei weitem nicht in allen) betrifft, wird sich womöglich erweisen, dass sie dort, wo es sie tatsächlich gab, nicht auf das Virus, sondern auf die hysterischen Behandlungsmethoden (und die sonstigen kontraproduktiven Maßnahmen) während des Lockdowns zurückgeht. Wie dem auch sei: Eine „Pandemie“, sofern es sie überhaupt gab, findet seit langem schon nicht mehr statt. Wohl aber eine Panphobie.
11.
Dennoch machte man weiter: Die Angst war nun einmal da, und Angst löst sich nicht so ohne weiteres auf. Es war indessen vor allem die Angst der akademischen, staatlichen und medialen „Elite“, derer also, von denen man erwartet hat, dass sie die „Herde“ führen: die Virologen, das Staatspersonal und die Medienleute. Daß, wenn sich die „Hirten“ fürchten, sich auch die „Herde“ fürchten wird, dürfte nun aber klar sein. Der „Herde“ kann man das auch gar nicht verübeln. Wie und woher auch soll sie denn wissen, was wirklich der Fall ist? Aus den Medien etwa, die alle unisono dasselbe Lied sangen?
Schließlich haben wir es hier mit einem positiven Feedback zu tun, mit einem Teufelskreis: Die Medien bringen Bilder des Schreckens, die Konsumenten verfallen in Angst, die Regierungen reagieren mit drastischem Handeln, worüber die Medien auf allen Kanälen berichten, was wiederum die Angst an der Basis schürt: Denn es muss schlimm sein, wenn die Regierung einmal so reagiert. Und diese agiert dann auch immer „konsequenter“, um diese Angst an der Basis mit „Rettungsmaßnahmen“ der verschiedensten Art zu bedienen. Und so unendlich fort. Die Sache nimmt Fahrt auf und sie gewinnt eine Eigendynamik, die alles niederwalzt – zuallererst aber das kritische Denken.
12.
Da ist die Angst, aber zugleich auch die Einsicht auf Seiten des Staatspersonals, dass man mit aktionistischem Getue sich profilieren kann – dass man punkten kann, wenn man sich als eine Art „Hirten der Völker“ (wie Homer sagen würde) geriert. Wenn die Umfragewerte unaufhaltsam steigen (und sie steigen phänomenal), dann gibt es auch kein Halten mehr. Man hat Blut gerochen. Man überschlägt sich, man wetteifert miteinander in olympischen Dimensionen, wer „härtere“ Maßnahmen setzt und „konsequenter“ dabei ist, „Menschenleben zu retten“. Und es schmeichelt natürlich, wenn man als „Retter“, als Tausendsassa sogar, dargestellt wird: als Akteur, der alles im Griff hat. Die Rolle der Eitelkeit darf man hier keineswegs unterschätzen. Und die Rolle des Machtrauschs ebenfalls nicht.
Aber selbst in den Fall, wo der eine oder die andere bei diesem Theater anfänglich gar nicht mitspielen mochte, ließ der Druck der Medien und der verängstigten Basis (der urbanen Mittelklasse, die sich hier, es überrascht nicht, besonders hervortut), gar keine Chance. Da macht man lieber gleich selbst an vorderster Front mit, indem man sich dem, was einer Gehirnwäsche gleichkommt, selbst unterzieht und, wie es bei Proselyten oft der Fall zu sein pflegt (man denke an Saulus), zu einem Scharfmacher wird.
Die Medien wiederum haben sehr schnell realisiert, dass der Sensationswert von“Corona“ nicht so bald absinken wird, ganz im Gegenteil. Das ist natürlich ein Glücksfall: The death sells – und eine „Dauerseuche“ (deren Präsenz, nachdem alles vorbei ist, durch die steigende Zahl von „Infektionen“, die aber bloß positive Testergebnisse sind, scheinbar bestätigt wird) bedeutet nun eben, dass der Tod überall lauert, oder zumindest, wenn er ausbleiben sollte, dass die Bedrohung damit als permanent präsentiert werden kann.
Und dass diese „Bedrohung“ letztendlich als permanent präsentiert werden konnte – als „wissenschaftlich begründetes Faktum“ –, dafür sorgten die Star-Virologen, die, verständlicherweise, ihre Warholsche Viertelstunde Berühmtheit auskosten wollten. Und es ist ihnen auch wirklich gelungen, das Bedrohungsszenario am Leben zu halten – in Kombination mit den Designern von Computer-Modellen, die Millionen von „Corona-Toten“ prophezeiten sollten und in weiterer Folge die „Maßnahmen“ dafür verantwortlich machten, dass es dazu eben nicht kam, was, die Letalitätsrate in Rechnung gestellt (und man wusste sehr früh, dass sie nicht über 0,4 Prozent liegen konnte, in Wirklichkeit liegt sie aller Wahrscheinlichkeit nach bei plus/ minus 0,2, im Bereich der Influenza mithin), epidemiologisch unmöglich war. Bei 560.000 Personen, welche in Deutschland laut einem Computer-Modell des Imperial College durch den Lockdown angeblich vor dem sicheren Seuchen-Tod bewahrt worden sind, hätte man (wenn man realistischerweise von einer Letalität von 0,2 Prozent ausgeht) fast 200 Millionen potentielle Antragsteller aus anderen Ländern im Schnellverfahren einbürgern müssen, um auf diese Anzahl zu kommen – ganz abgesehen davon, dass sich alle 280 Millionen (83 Millionen Alt- und 197 Millionen Neubürger zusammen) mit dem Virus hätten anstecken müssen. Es hätte also klappen können bei einer Infektionsrate von hundert Prozent, die allerdings nur erreicht werden kann, wenn alle wirklich Erkrankten ohne Unterlass in der Öffentlichkeit niesen und husten (ohne „Abstand“ und „Maske“ natürlich, welche letztere aber sowieso nichts bringt) und man das Immunsystem der Population dazu noch flächendeckend schwächt (was aufgrund der „Maßnahmen“ freilich wirklich der Fall war, denn ohne Sonne und somit Vitamin D, ohne Bewegung und unter Stress liegen die körpereigenen Abwehrkräfte automatisch am Boden).
Da war es völlig egal, dass, zumeist unbemerkt, immer mehr Studien veröffentlicht wurden, die der „Seuche“ bescheinigen sollten, dass sie als eine der Komponenten zu einer ganz normalen Welle akuter Atemwegsinfektionen gehörte, die zudem schon Mitte April, wie jedes Jahr, abgeebbt war. Hätte man dieses Jahr nicht auf SARS-CoV2 getestet, so hätte man, worauf John Ioannidis von der Stanford University (der weltweit führende Forscher auf dem Gebiet der evidenzbasierten Medizin) schon sehr früh aufmerksam machte, gar nichts bemerkt, zumindest nicht mehr als das, was nicht auch in den vorangegangenen Jahren während den Grippewellen gang und gäbe war, inklusive Todesraten und Chaos in den Spitälern, dort, wo sich das Gesundheitssystem in einem lamentablen Zustand befindet. Die rund 25.000 Grippe-Toten in Deutschland in der Saison 2017/18 haben im übrigen damals niemanden schockiert, ja man hat davon, außerhalb von Expertenkreisen, auch keinerlei Notiz genommen.
13.
Gegenstimmen hat es gegeben, von allem Anfang an. Indessen wurden und werden sie nicht zur Kenntnis genommen, man diffamiert sie vielmehr auf die übelste Weise. Es herrschen Propaganda und Agitation, in einem Ausmaß, das bis dahin als unvorstellbar galt, und von einer Wirksamkeit, von der die Propagandisten des „Ostblocks“ nur hätten träumen können. Wie auch soll man es nennen, wenn man den Kindern beizubringen versucht, dass sie für den qualvollen Tod ihrer Großeltern verantwortlich sind – die nach Luft ringend elend zugrunde gehen würden –, wenn sie nicht „Abstand halten“?
Dass man die Daten nicht zur Kenntnis nehmen will, dass man am „Narrativ“ eisern festhält, hängt freilich damit zusammen, dass man schon ahnt, dass man ohne Gesichtsverlust aus dieser Farce nicht mehr herauskommen wird. Und da man dies ahnt, wird alles unternommen, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass man sich gründlich geirrt hat. Das erreicht man am besten dadurch, dass man die Aufmerksamkeit auf eine „zweite Welle“ lenkt. Die Ablenkung auf das, was kommen wird, lässt das, was war, aus dem Fokus verschwinden. Man sucht diese „Welle“ verzweifelt (irgendwo muss sie ja sein), und das Mittel, diese zu finden, sind logischerweise die Tests. Und indem man die Testzahlen hochschraubt, erhält man die „Welle“ ganz unproblematisch, denn je mehr man sucht, desto mehr findet man auch, ganz nach dem Motto: „Wer suchet, der findet.“ Man findet indessen lediglich „Fälle“, keine Erkrankten, doch das allein schon genügt, um sich selbst davon überzeugen zu können, dass man richtig agiert und agiert hat. Man will weiterträumen, denn das Aufwachen wäre fatal – es wäre ein Alptraum.
14.
Hier machen wir halt, um zu fragen: Warum überhaupt ist es zu dieser Groteske gekommen? Was liegt diesem Hype de facto zugrunde? Oder anders gefragt: Welcher Tiefenprozess ist der Hintergrund dieser lachhaften Farce? Um es mit wenigen Worten zu sagen: Auch diese „Krise“ ist aus der Funktionsweise des Systems hervorgegangen, aus systemischen Prozessen, die niemand steuern kann. Paradoxerweise ging sie aus einer, wie man es nennen kann, post-modernen (fiktiv-kapitalistisch induzierten) ökonomischen Krise hervor, die noch nicht manifest war, die erst noch bevorstand, auch wenn sie im Untergrund schon vernehmbar rumorte. Sie war im Anmarsch, wie die Propheten des Systems, die „Analysten“, allenthalben vorausgesagt hatten. Alle relevanten System-Kennziffern wiesen darauf hin. Und da dies so war, ist es durchaus vertretbar, die „Corona-Krise“ als, metaphorisch gesprochen, passive Reaktion beziehungsweise als eine (vom System) autorisierte Aktion einzuschätzen: Es gab keine Hemmung. Man hat sich von der Angst treiben lassen, und da es keinerlei Widerstand gab, ist man hineingeschlittert.
Der Punkt ist der: Ist es schlechterdings denkbar, dass, wenn die globale Ökonomie (die Produktion von Profit) eine veritable Aufschwungphase durchgemacht hätte, mit den schönsten Gewinnen, dass man sie dann, mittels Lockdowns, mutwillig abgewürgt hätte? Ganz sicher nicht. Man hätte jeden, wer es auch sei, der dies, um „Menschenleben zu retten“, versucht haben würde, einfach zurückgepfiffen. Und nichts leichter als das. Denn es hätte genügt, Experten mit anderer Meinung, die es von Anfang an gab, zu Rate zu ziehen und sie in den Fokus zu rücken, so dass es zu diesem Hysterie-Exzess erst gar nicht gekommen wäre. Und die Bilder aus der Lombardei? Nun, man hätte, als Gegengewicht, auch andere Bilder gezeigt, Bilder aus früheren Jahren, Bilder von den Grippe-Wellen aus den Jahren davor, wo das Chaos im Gesundheitssystem dort genauso groß war. Und die gestapelten Särge? Die hätte es gar nicht gegeben, denn ohne Hysterie hätte man nicht dekretiert, dass die Corona-Leichen verbrannt werden müssen, was, in einem Land, wo die Brandbestattung unüblich ist und es daher nur wenige Krematorien gibt, natürlich zu Engpässen führt. Und ohne Hysterie hätten sich viele Bestatter auch nicht geweigert, die Toten zu begraben, aus Angst vor Corona. Man hätte zudem auf Krankenhauskeime verwiesen, auf Antibiotikaresistenzen, auf die Altersstruktur, auf Impfkampagnen mitten im Winter (was sich unter Umständen fatal auswirken kann) und, last, but not least, auf die Luftverschmutzung, die dort (wie in Wuhan) extrem hoch ist. Alles in allem: Es würden hundert Bergamos nicht ausgereicht haben, um den Startschuss zu geben, eine phantastische Aufschwungphase des Systems abzuwürgen. Schließlich hätte man darauf verweisen können, dass es Corona-Viren immer schon gab, dass die „Schweinegrippe“ sich als Fehlalarm herausgestellt hatte, dass das Durchschnittsalter der Verstorbenen rund 80 Jahre beträgt (also in etwa der Lebenserwartung entspricht), kurz: dass die Situation alles, nur nicht dramatisch ist.
15.
Es ist also davon auszugehen, dass der Hintergrund des Lockdowns die spezifische Lage des globalen Kapitalsystems war, der Umstand, dass es sich am Abgrund einer Krise befand. Daß dem so war, dies anzunehmen wird dadurch nahegelegt, dass es in den Zeiten der Vogel- und der Schweinegrippe (welche letztere von der WHO ja auch als Pandemie eingestuft worden war) keinerlei Anstalten gab, einen Shutdown der Weltökonomie anzuordnen. Daß dies nicht geschah, hatte offenbar seinen Grund gerade darin, dass im Falle der Schweinegrippe das System kurz davor einen Krisenprozess durchgemacht hatte (die Krise von 2008) und dabei war, sich allmählich zu erholen, so dass man wahnsinnig hätte sein müssen, hier einen Lockdown zu verhängen. Und er wurde dann auch mitnichten verhängt, obwohl es in gewisser Weise auch damals schon zu einer Gesundheitspanik kam, die zu gewaltigen Impfkampagnen gegen einen Erreger führte, der sich als vergleichsweise harmlos erwies – d.h., um genauer zu sein, zu einem staatlichen Ankauf von Impfstoff mit Riesenprofiten für die Pharma-Konzerne, eines Impfstoffs, welcher dann, weil er sich als schädlich erwies (cf. Narkolepsie), für einen Haufen Geld verbrannt werden musste. Die Todes-Propheten von damals (Imperial Collage, Drosten und Co.) sind übrigens dieselben wie heute.
Dass hier nichts ab ovo geplant war, dass der Corona-Wahn mit seinen Konsequenzen spontane Ursprünge hat, darauf deutet im übrigen hin, dass ganz am Anfang der Epidemie durchaus nicht alle der späteren Akteure sich als begeisterte „Retter von Menschenleben“ gerierten, viele (wenn nicht die Mehrheit) waren vielmehr durchaus gelassen und hielten sich zurück. Sie hatten offenbar nicht die Intention, ja sie zogen es nicht einmal in Betracht, einen Lockdown zu verhängen. Ja noch mehr: „Warner vor der Virusgefahr“ sind anfangs als Spinner und „Fake-News-Spreader“ abgetan worden. Bis sich das Blatt gewendet hat, so dass die Spinner und „Fake-News-Spreader“ auf einmal dann die gewesen sind, die vor der Panphobie und vor der Panik warnten.
16.
Die Maßnahmen erfolgten spontan. Sie haben sich ganz aus der Situation heraus ergeben. Nichts war geplant. Indessen, indem man die Maßnahmen setzt, schafft man ad hoc eine Lage, in der von Seiten des Groß-Kapitals und seiner Repräsentanten reagiert werden kann – im Sinne ihrer Belange. Und es wird reagiert, unmittelbar: Home-Office, Kartenzahlung und Online-Verkauf erleben Höhenflüge, Internet, Computer und Smartphone werden nur noch mehr zum Drehpunkt des Alltags, Restrukturierungsprozesse beginnen (mit dem Kernstück Personalabbau) und es schnellt die Produktion von Thermometern, Masken und Tests in die Höhe, die, wenn auch Peanuts, auch zu den Kollateralfrüchten zählen. Und nicht zuletzt: Das Große Geschäft der Pharma-Konzerne mit dem Impfstoff läuft an, die Verträge sind schon geschlossen, die Haftung für Schäden, mit denen man rechnet und auch rechnen muss, wenn man die Testphasen abkürzt oder sogar überspringt – und dies umso mehr bei einem neuen gen-basierten Verfahren –, übernimmt großzügigerweise der Staat. Muss man hier extra, mit Blick auf die Staatsverschuldung, die globalen Kreditoren erwähnen? Was allerdings noch wichtiger ist: Der Prozess der Zentralisierung des Global-Kapitals erfährt einen gigantischen Schub, so wie dies in jeder Krise der Fall ist. Viele gehen zugrunde, wenige verleiben sich deren Konkursmasse ein. Das Monopolkapital feiert ein rauschendes Fest.
Es ist kein Witz, dass mitten in der „Krise“ die Aktienkurse von Google, Amazon, Apple, Microsoft, Facebook und ähnlichen Giganten in luftigen Höhen notieren und das Vermögen der Reichsten der Reichen (darunter William Gates, Philanthrop, oder besser gesagt: Euerget und Apostel der Vakzine, der mit seiner „Foundation“ auch in der Pharma-Branche aktiv ist) steil nach oben geht.
Für das System als System erweist sich die „Krise“ darüber hinaus auch als ein Segen: Man durchlebt eine Krise, eine Krise jedoch, von der man sagen kann, dass nicht das System, der Modus operandi desselben, nicht die Gesellschaft, die auf dem Privateigentum und dem Austausch basiert, sondern ein Virus, eine „höhere Macht“ oder das Schicksal, sie zu verantworten hat. Das System wäscht sich dabei, so wie Pilatus, die Hände in Unschuld. Es liegt auf der Hand, dass es dies bei einer (unverfälschten) second edition von 2008 nicht vermocht hätte.
Der Staat wiederum kann die Kapitalentitäten, welche too big to fail sind,nach Lust und Laune mit Subventionen („Rettungsgeldern“) bedenken, die es ohne das Virus, in einer „normalen“ Krise mithin, so – ohne das neoliberale Credo ad absurdum zu führen, zudem ohne Gegenwind und in dieser gigantischen Höhe – niemals austeilen könnte. Jetzt aber kann man guten Gewissens durch die öffentliche Hand den Profitverlust kompensieren – es ist ja ein Virus, das uns das alles eingebrockt hat. Das muss man verstehen, man konnte nicht anders. Der Rest, die große Masse mithin, muss sich, wie immer, damit begnügen, dass er mit Brosamen abgespeist wird.
Schließlich wurde infolge des Lockdowns der Boden dafür bereitet, dass man das neoliberale Programm (Manchester 2.0 sozusagen) jetzt konsequent durchziehen kann: Man musste. ja nicht nur „Menschenleben retten“, sondern auch die „Ökonomie“. Es war alternativlos – so kann man dem Publikum ungeniert sagen –, dem Kapital Milliarden in den Rachen zu werfen, das Virus (und eben das Virus) nötigte förmlich dazu. Genau das hat aber zur unvermeidlichen Folge, dass später, wenn sich die Nebelschwaden lichten, kein Geld mehr vorhanden sein wird. Man wird demnach „reformieren“ und noch mehr „reformieren“ müssen – in allen Bereichen. Hier sind der Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt: Privatisierung (von dem, was noch nicht privatisiert worden ist, unter anderem die Pensionsvorsorge und das Gesundheitswesen), Gebühren (für Bildung), Kürzung von Ansprüchen aus der Sozialversicherung (Pensionen und Arbeitslosengeld), Reduktion der staatlichen Leistungen, wo es sie immer noch gibt, die Rente mit 67 (oder mit 70), und was es dergleichen noch mehr geben kann. Wie gesagt, der Phantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt.
17.
Vergegenwärtigt man sich den ganzen Geschehensablauf mit all diesen „kollateralen Gewinnen“, so scheint es in der Tat so zu sein, dass es einen Masterplan gibt: dass dies von allem Anfang an geplant worden ist.
Und in der Tat: Die Akteure verfügen theoretisch über die Macht und die Mittel, die Welt nach ihrem Gusto zu formen, die Resultate sind für das Establishment überaus günstig, wenn nicht phänomenal, alles passt auf wunderbare Weise zusammen und der Ablauf mit seinen verschiedenen Phasen scheint aus einem Guss zu sein.
Und dennoch war all dies, wie wir sahen, nur eine Reaktion auf Prozesse, die spontan sich ergaben, die, mit anderen Worten, aus der Funktionsweise des Systems hervorgegangen sind. Man hat es, alles in allem, mit nichts anderem als mit dem zu tun, was Lévi-Strauss bricolage genannt hat: ein Basteln mit Material, das zur Hand war.
Noch einmal: Es hat durchaus den Anschein, als ob ein Masterplan hinter all dem, was sich ereignet hat, stecken würde, weil alles, was das System aufgrund seiner inneren Logik herbeiführt, als bewusste Aktion interpretiert werden kann. Szenarist ist indes das System, die Akteure dagegen sind Marionetten – in diesem Fall das Schauspielpersonal einer Farce.
Originaltext
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Hinweise:
Zusammenfassungen:
Deutsches Netzwerk für evidenzbasierte Medizin:
Swiss Policy Research:
Artikelsammlungen:
Corona Transition:
Expertenmeinungen:
Hinweise zu einzelnen Themen (kleine Auswahl):
(1) Letaliltät:
Swiss Policy Research:
Global Research:
John Ioannidis: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.05.13.20101253v3.full.pdf+html
Klaus Püschel/ Jens Sperhake:
(2) Masken:
Global Research:
(3) Immunität:
Sucharit Bhakdi/ Karina Reiss:
(4) Italien:
Pasquale Aiese:
Albrecht Goeschel:
Teseo La Marca:
Wolfgang Wodarg:
(5) Maßnahmen und Pandemie-Verlauf:
Pietro Vernazza:
Thorsten Wiethölter:
(6) Krankenhauskeime:
RKI:
(7) Symptomlosigkeit:
SZ:
(8) Pflegeheime:
Thilo Spahl: https://www.novo-argumente.com/artikel/corona_in_der_allgemeinbevoelkerung_gab_es_nie_eine_ernste_lage
(9) Fehlprognosen:
Rainer Johannes Klement:
(10) RKI Sentinel-System:
Oliver Märtens:
(11) Zählweise der Corona-Toten:
SZ:
Jens Bernert:
Jens Berger:
Marcus Glöckner:
(12) PCR-Test:
Oliver Märtens:
Martin Haditsch:
Lex europa:
(13) R-Wert:
Klaus Pfaffelmoser:
Florian Nill:
(14) Abflauen der „Welle“ schon vor dem Lockdown:
Florian Nill:
Christof Kuhbandner:
(15) Falsche medizinische Maßnahmen:
Jens Bernert:
Konstantin Demeter/ Torsten Engelbrecht:
(16) Modell Imperial College:
Redaktionsnetzwerk:
Statista:
(17) Schweinegrippe:
Europarat: https://assembly.coe.int/CommitteeDocs/2010/20100329_MemorandumPandemie_E.pdf
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Ökotechnokratie – „Smarte“ Ökologie von oben 

ab/ub
Die Klimafrage beherrscht immer noch die öffentliche Debatte. Die Bewegung Fridays for Future hat den durch die viel zu hohen CO2-Emissionen verursachten Klimawandel endlich zum weltweiten Gesprächsthema gemacht.
Die ökologische RetortenVorzeigestadt Masdar City in der Wüste Abu Dhabis.
Die ökologische Retorten-Vorzeigestadt Masdar City in der Wüste Abu Dhabis.
Als Hauptursache für die steigenden CO2-Emissionen gelten der weltweit steigende Energiehunger in Wirtschaft und Gesellschaft und seine Sättigung mit fossiler Energieerzeugung. Wenn sich nichts Grundlegendes ändert, so warnt der Weltklimarat, werde sich die Erde in den nächsten 20 Jahren um mindestens 1,5 Grad erwärmen (im Vergleich zum vorindustriellen Klima). Hungersnöte, Waldbrände, Unwetter und Artensterben würde sich bereits bis zum Jahr 2040 drastisch verschlimmern.
Jenseits der 1,5 Grad droht sogar eine Hitzespirale: Biomasse in auftauenden Permafrostböden in Nordkanada, Alaska, Grönland und Ostsibirien würden Milliarden Tonnen zusätzliches CO2 freisetzen, genau wie Waldbrände in der Tundra oder den Tropen. Schmelzendes Eis in der Arktis könnte mittelbar den Golfstrom versiegen lassen. Wie Dominosteine könnten sogenannte „Kippelemente des Klimas“ eine Krise nach der anderen auslösen. Auf der Erde würde es immer heisser werden. Was dann genau passieren wird, kann die Wissenschaft nicht vorhersagen.
Dagegen versprechen Technologiegläubige mit einer Digitalisierung sämtlicher Lebensprozesse über Big-Data-Techniken und Künstlicher Intelligenz (KI) Lösungen für das Klimaproblem zu liefern – u. a. durch KI-gestützte Prozessoptimierung. Dummerweise hat die Informationstechnik für ihre zahllosen Rechner und Geräte, ihre ungeheuren Datenmengen in Rechenzentren und weltumspannenden Netze einen immensen Energiebedarf, für dessen Bereitstellung schon jetzt mehr CO2 freigesetzt wird, als durch den gesamten Flugverkehr weltweit. Der rasante Anstieg dieses Ressourcenverbrauchs wird vor allem von Cloud- und Streamingdiensten sowie Online-Gaming und neuesten KI-Anwendungen getrieben.

Das Grundmuster der herrschafts- und profitorientierten „Technokratie-Falle“ ist in allen der im Folgenden diskutierten technologischen Innovationen gleich: Technologie-zentrierte Antworten befeuern das Technologie-induzierte Problem des wachsenden Energiehungers. Sie sind damit vielmehr Teil des Problems als dessen Lösung. Statt die Ursachen der Zerstörung des Planeten ergebnisoffen zu beforschen und dann radikal zu bekämpfen, wird „fortschrittsblind“ nach Technologien gesucht, die (vergeblich) versuchen, die Konsequenzen eines weiter-wie-bisher einzuhegen.

Der Klimawandel trifft dabei nicht alle gleichermassen – die Bedrohung „der Menschheit“ als Ganzes ist eine wenig hilfreiche Unterschlagung der unterschiedlichen sozialen Konsequenzen. Reiche trifft der Klimawandel weniger als Arme, ältere weniger als jüngere. Wenn mensch in die Chefetagen der IT-Konzerne schaut, dann sitzt da die wohl am wenigsten gefährdete Bevölkerungsgruppe an den Hebeln. Das hat durchaus Einfluss darauf, was für „Lösungsvorschläge“ von dort kommen.

Besonders eindrücklich versinnbildlichen riesige CO2-Staubsauger des Startups Climeworks der ETH Zürich das Dilemma der Technokratie: Die Anlage, die aussieht wie ein Raketentriebwerk, soll das CO2-Problem lösen, indem sie das klimaschädliche Gas mit riesigen Turbinen aus der Luft filtert und bindet. Tatsächlich erzeugt sie aber ein massives Energieproblem, denn: Um auch nur ein Prozent des jährlichen, weltweiten CO2-Ausstosses aus der Luft zu filtern, bräuchte es 250.000 dieser Anlagen. Deren Betrieb frässe so viel Strom wie alle bundesdeutschen Haushalte zusammen – und emittiert darüber zusätzliches CO2.

Digitaler Energiehunger lässt sich nicht weg-virtualisieren
Die Virtualisierung von Anwendungen in der cloud verschleiert zwar ihren ökologischen Fussabdruck, aber sie vergrössert ihn in der Regel: Das einstündige Videostreaming über youtube verbraucht über die involvierte Server- und Netzinfrastruktur so viel Strom, wie die halbstündige Nutzung der Heizplatte eines E-Herds. Die Herstellung und der Vertrieb von DVDs waren deutlich ressourcenschonender! Wir sehen keinerlei Anzeichen für eine tatsächliche „Dematerialisierung“ durch Digitalisierung. Im Gegenteil: die Digitalisierung wirke als „Brandbeschleuniger von Wachstumsmustern, die planetarische Leitplanken durchbrechen“1.

Die Digitalisierung hat eine klare materielle Basis, die unausweichlich mit unserem Ökosystem zu tun hat. Deshalb können wir nicht nur über Zukunftstechnologie und Mensch reden, sondern müssen Umwelt dazunehmen. Alles andere gibt keine Zukunft. <<

Laut der französischen Umweltorganisation The Shift Project steigt der Energieverbrauch digitaler Technologien am schnellsten an. Weltweit waren digitale Dienste noch 2015 für rund zwei Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich, ähnlich viel wie der CO2-Ausstoss aller weltweiten Urlaubsflieger. Bereits 2018 galt das Verhältnis nicht mehr. Derzeit liege ihr Anteil bei vier Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, heisst es: Das sei mehr, als der gesamte weltweite Flugverkehr ausmache. Zwar ist der Schaden durch Flugzeuge immer noch deutlich höher – sie pusten ihre Schadstoffe direkt in die Atmosphäre – doch der Strombedarf der Informations- und Kommunikationstechnologie wird weiter steigen: Bis zum Jahr 2025 könnte sich der Anteil auf insgesamt acht Prozent verdoppeln, so die Umweltorganisation. „Wenn wir uns überlegen, dass der weltweite Datenverkehr jedes Jahr um 25 Prozent ansteigt, dann müssen wir ganz offensichtlich dringend darüber nachdenken, welche Inhalte wir über die Netzwerke schicken“, sagt Zeynep Kahraman-Clause (Project Managerin des „Shift Project“).

Der sogenannte Rebound-Effekt ist das eigentliche Problem: Die steigende Energieeffizienz neuer digitaler Technologien führt eben nicht dazu, dass weniger Strom verbraucht werde. Ganz im Gegenteil: Die Möglichkeiten werden immer komplett ausgereizt; der Gesamtstromverbrauch steigt weiter an. Der Rebound-Effekt ist seit 150 Jahre bekannt: Dem britischen Ökonomen William Stanley Jevons war 1865 aufgefallen, dass die Dampfmaschine von James Watt zwar effizienter Kohle verbrannte als zuvor, aber damit nahm die Industrialisierung erst richtig Fahrt auf. Insgesamt wurde viel mehr Kohle verbraucht als vor der Erfindung der sparsameren Dampfmaschine. In dieses Muster reihen sich viele der alltagstauglichen technischen Innovationen ein: Onlinezeitung statt Printausgabe, Emails statt Briefe, Musikstreaming statt CD, … .

Bei einem Grossteil der Verbraucher sorgt vor allem die Produktionsphase für eine schlechte Umweltbilanz. Knapp die Hälfte der Emissionen entstehen bei der Herstellung. Bei einem Smartphone sei die Energiebilanz besonders verheerend: Ausgehend von einer zweijährigen Nutzung sind bereits 90 Prozent der Energie im Lebenszyklus eines solchen Telefons verbraucht, bevor ein Kunde das Gerät überhaupt gekauft habe.

Stromhungrige KI soll das Klimaproblem lösen
Zum Energiebedarf der KI errechnet eine Studie des MIT, dass der CO2-Fussabdruck für das Training eines einzigen modernen „neuronalen Netzes“ (einer derzeit besonders erfolgversprechenden Art „künstlich-intelligenter“ Algorithmen) dem fünffachen CO2-Fussabdruck des Lebenszyklus‘ eines Kraftfahrzeugs inklusive seines Verbrauchs entspricht. Oder anders verglichen: Anstelle eines KI-Trainings kann man über 300 Mal von San Francisco nach New York und zurück fliegen.

Die Wissenschaftler betrachten dabei Modelle aus der Verarbeitung natürlicher Sprache. Für eine einzelne Berechnung eines sogenannten Deep-Learning-Modells (einer populären Variante künstlicher neuronaler Netze) sind die Stromkosten vergleichsweise gering. Was aber viel Energie verbraucht, ist das Einstellen optimaler Parameter.

Da es sich um ein hochdimensionales Optimierungsproblem mit vielen verschiedenen Parametern handelt und da aus der Wahl nicht direkt auf eine Verbesserung oder Verschlechterung geschlossen werden kann sondern erst das „neuronale Netz“ neu trainiert werden muss, ist es üblich, die Parameter zu erraten und verschiedene Konfigurationen durchzuprobieren, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Der Parameterraum ist allerdings zu gross um sämtliche Möglichkeiten durchzuprobieren.

Bislang sind Prognosen des Hasso-Plattner-Instituts, „Clean IT“ könnte zu Energieeinsparungen im Bereich der KI-Anwendungen um den Faktor 20 führen, einen Beweis schuldig geblieben. Neben dem reinen Stromverbrauch ist für die ökologischen Folgen natürlich auch relevant, wo die Betreiber der Infrastruktur ihren Strom beziehen. Die MIT-Wissenschaftler zitieren dabei einen Vergleich von Greenpeace. Während in Googles Rechenzentren angeblich „immerhin die Hälfte“ des Stroms aus erneuerbaren Energien stammt, entspricht Amazons Strommix trotz ökologischer Versprechen immer noch dem US-amerikanischen Durchschnitt – grösstenteils fossile Energieträger mit sogar einem Drittel aus Kohlekraftwerken.

Elektromobilität
Das E-Auto ist ein Alptraum. Der angesagte Plugin-Hybrid (Elektro+Verbrennungsmotor) ist besonders unsinnig: er dient nur den Auto-Herstellern beim Weiterverkauf einer Fahrzeugflotte mit übergewichtigen und hoch-motorisierten SUV. Zum einen lassen sich Milliarden an EU-Fördergeldern kassieren, zum anderen bewahren Hybrid-Autos die grossen Hersteller vor Strafzahlungen wegen Nichterreichens der europäischen Klimavorgaben, da sie mit angeblichen Zero-Emissionsmodellen den Ausstoss im Flottenmix nach unten drücken. Es geht selbstredend auch um ein „grünes“ Markenimage und um Technologiekontrolle. Man baut Hybrid-Autos im Wissen, dass sie alles andere als die automobile Zukunft sein werden.

Aber auch reine Elektro-Fahrzeuge lösen keine Klimaprobleme: Der Bau eines Akkus für einen Tesla ist so umweltschädlich wie acht Jahre Betrieb eines Verbrennungsmotors. Und dieser Akku hat wegen der begrenzten Ladezyklen nach acht Jahren nur noch Schrottwert. Aus diesem Grund fällt die Öko-Bilanz für E-Scooter (Elektro-Tretroller) mit deren noch geringerer Akku-Haltbarkeit von nur wenigen Monaten besonders katastrophal aus.

Die Fertigung von Elektro-Autos stösst zudem an Ressourcengrenzen, wenn es um die benötigten Rohstoffe für den Bau von Akkus geht. Deren Abbau in Chile (Lithium) und Zentralafrika (Kobalt) ist nicht nur extrem umweltunverträglich, sondern geht in weiten Teilen mit unvertretbarer Kinderarbeit einher. Der Bedarf an Lithium allein in der E-Mobilit steigt bis 2030 auf das 20-40fache. Daran ändert auch die zukünftig anvisierte Feststoff-Batterie nichts – auch sie benötigt Lithium.

Für Kobalt sieht die derzeitige Prognose sogar noch dramatischer aus: »Würde Audi den A4 in grosser Serie rein elektrisch bauen, müssten sie den halben Weltmarkt an Kobalt leer kaufen.« (Professor Jörg Wellnitz von TH Ingolstadt). Bei VW – so Wellnitz – habe man so eine Rechnung schon mal aufgemacht und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Konzern für seine Produktion von E-Autos rund 130 000 Tonnen Kobalt benötigen würde. Die Weltproduktion liegt derzeit bei 123 000 Tonnen.

Wenn uns nun auch noch das E-Flugtaxi als Mobilitätskonzept der Zukunft verkauft wird (um dem Problem der zu hohen Verkehrsdichte am Boden zu begegnen), dann klingt das wie ein Rückfall in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals wie heute war und ist klar, dass jegliche Art des Fliegens einen deutlich höheren Energieaufwand bedeutet, als die gleiche Strecke am Boden zurückzulegen. Dennoch bekommen wir nun 70 Jahre später erneut Drohnen-ähnliche Flugtaxis als moderne und vermeintlich ökologische Form der Fortbewegung angepriesen.

Selbst optisch haben sie sich nur wenig von den futuristischen Männerfantasien der technokratischen Blütezeit entfernt (siehe Abbildungen) – Retro-Futurismus der primitiven und rückschrittlichen Sorte. Die damalige, blinde Fortschrittsgläubigkeit halluzinierte übrigens atomgetriebene Fahrzeuge herbei, die sich im Jahr 2000(!) innerstädtisch mit bis zu 300km/h und ausserhalb geschlossener Ortschaften mit bis zu 1000 km/h schnell bewegen würden. Eine nicht ganz treffende Prognose für einen Individualverkehr, der in den Ballungsgebieten täglich mehrere hundert Kilometer Stau produziert.

Die Technokratie gibt sich hier äusserst konservativ. Sie versucht den Automobilismus einfach fortzusetzen, indem sie vom Verbrenner- auf den E-Antrieb umsteigt und ansonsten die Verkehrskonzepte aus dem letzten Jahrhundert unverändert beibehält. Ein zweieinhalb Tonnen schwerer 600-PS-Elektro-Porsche muss als trotzig-zynische Antwort der deutschen Automobil-Branche auf die Klima- und Mobilitätskrise verstanden werden.

Ohne eine grundlegende Abkehr von den derzeitigen, völlig überkommenen Mobilitätsvorstellungen des automobilen Individualverkehrs wird es nicht möglich sein, den Klimawandel auf ein langfristig überlebbares Mass zu reduzieren. Wer an einer Expansion des Welthandels und des Tourismus festhält und dabei glaubt, unser Lebensstandard liesse sich (technologisch innovativ) auf den restlichen Teil der Weltbevölkerung verallgemeinern, beraubt sich jeglicher Chance, diesen Planeten vor dem Kollaps zu bewahren. In vielen Bereichen werden vermeintlich innovative Energie-Effizienz-Steigerungen durch den „Rebound-Effekt“ aufgefressen.

Renaissance der Atomkraft?
Als Anfang der 1950er Jahre der Wohlstand spürbar zunahm, begann eine Phase eines geradezu euphorischen Fortschritts- und Technikglaubens. Konzeptfahrzeuge von atomkraftbetriebenen Autos wurden vorgestellt. Die Genfer Atomkonferenz (1955), das Bundesministerium für Atomfragen (ab Oktober 1955; erster Minister: Franz Josef Strauss) und die Deutsche Atomkommission (1956) brachten den politischen Durchbruch der Kernenergie in Westdeutschland.

Rund 50 Jahre ist es her, dass sich erstmals überregional Widerstand gegen die atomare Stromerzeugung regte. Riskant, gesundheitsschädlich, zerstörerisch und zentral herrschaftssichernd – diese Aspekte sind mit der Atomenergie verbunden. In den vergangenen Jahrzehnten stieg mit den grossen atomaren Unfällen in Tschernobyl 1986 sowie Fukushima 2011 die Skepsis gegenüber dieser Form der Energieerzeugung.

In Deutschland wurde nach dem Super-GAU in Japan der „endgültige Ausstieg“ aus der Atomkraft besiegelt. 2022 sollen die letzten Meiler abgeschaltet werden. Jetzt im Zuge des (halbherzigen) „Kohleausstiegs“ scheinen einige in der CDU den Rückwärtsgang einlegen zu wollen. Ein Positionspapier erwägt die Rückkehr zur Kernkraft.

Erstellt hat das Dokument der Bundesfachausschuss Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern. Wasser auf die Mühlen des konservativen Flügels: Man wolle „Technologieoffen“ bleiben. Auf der Liste der Unterstützer*innen dieser Idee steht unter anderem die internationale Energieagentur IEA, die Subventionen für die nukleare Energieerzeugung fordern. In ihren Analysen wird Atomenergie in einem Zug mit Erneuerbaren Energien als klimafreundliche Energiequelle genannt.

Das ist nachweisbar grober Unfug. Nur wer den Blick auf den Reaktorbetrieb einschränkt, kann ein AKW klimagas-frei nennen – wenn die gesamte Kette Bergbau, Aufbereitung, Anreicherung, Transport, Kernspaltung berücksichtigt wird, entspricht der Klimagasausstoss eines AKW dem eines Gaskraftwerks – das ungelöste Entsorgungsproblem noch nicht mal eingerechnet. Um Kohle, Öl und Gas zu ersetzen, müssten hunderte AKW gebaut werden.

Beim derzeitigen Verbrauch von Uran beträgt dessen Reichweite nur ein paar Jahrzehnte. Kommen hunderte neuer Anlagen dazu entsprechend weniger. AKW werden für Laufzeiten von etwa 40 Jahren kalkuliert – wenn viele neue Anlagen hinzukommen, geht diese Rechnung nicht mehr auf. Der sogenannte „energy cliff“ beschreibt den Moment, bei dem zur Herstellung eines Brennstoffes gleich viel Energie reingesteckt wird, wie dieser dann freisetzen kann.

Bei Uran ist die kritische Stelle der Abbau. Ab einer Konzentration von 0.04 % Uran im Erz ist der „cliff“ erreicht: Bei niedrigerer Konzentration ist es wirtschaftlicher die Energie, die in den Abbau gesteckt wird, direkt zu nutzen und das Uran in der Erde zu lassen. Aktuelle (neue) Minen bauen bereits Erz mit weniger als 1% Urangehalt ab – der Cliff ist nicht mehr weit. Ergo: Atomenergie als Lösung des Klimawandels zu propagieren ist Augenwischerei.

Die EU-Kommission hat im Dezember 2019 einen Plan vorgestellt, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt zu machen. Darin spielt die Kernenergie keine Rolle, allerdings steht das Vorhaben noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Mitgliedstaaten. Diese streiten noch über die Frage der Atomkraft. Auf Druck osteuropäischer Länder und Frankreichs nannte der EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs Atomkraft als mögliche Energiequelle auf dem Weg zur Klimaneutralität. Eine politisch geförderte Rückkehr der Dinosaurier wäre ein GAU für die Umweltbewegung. Diese muss nun unmissverständlich deutlich machen, dass jede nukleare Option an ihrem heftigen und breiten Widerstand scheitern würde.

Ökologische Verhaltenslenkung – Smarter Behaviorismus
Die Glaubwürdigkeit der Technokraten, das Klimaproblem rein technologisch in den Griff zu kriegen, schwindet zusehends. Selbst in einer Ingenieurs-geprägten Gesellschaft wie der französischen, die zudem nicht auf ein besonders ausgeprägtes Umweltbewusstsein zurückgreifen kann, schwindet seit den beiden unerträglich heissen bzw. extrem trockenen Sommern 2018 und 2019 der Fortschrittsglaube der Bevölkerung an die Fähigkeiten der Technokratie. Im Gegenteil, die „Kollapsologen“ sind in der öffentlichen Debatte immer stärker vetreten.

Die „Kollapsologie“ als interdisziplinärer Wissenschaftsansatz – weit über die engen Grenzen der Umweltwissenschaften hinaus – gibt es seit dem 2015 von Pablo Servigne und Raphaël Stevens erschienen Essay „Wie alles zusammenbrechen kann – kleines Kollapsologie-Handbuch für gegenwärtige Generationen“. Darin gehen die Autoren von einer höchst wahrscheinlichen Unfähigkeit des Kapitalismus aus, den ökologischen Zusammenbruch verhindern zu können.

Mit einem weiter schwindenen Vertrauen in den technologischen „Fortschritt“ versucht der Kapitalismus seine „Nachhaltigkeits“-Glaubwürdigkeit anders herzustellen und gleichzeitig die Ressource Mensch besser inwertsetzen zu können. Smarte (algorithmische) Verhaltenslenkung, basierend auf einer eher rückschrittlichen Auslegung des „Behaviorismus“, steht (nicht nur in China!) hoch im Kurs.

John B. Watson beschrieb 1913 in seiner Antrittsvorlesung an der Columbia University die „Psychologie aus der Sicht des Behavioristen“ als Disziplin mit dem „theoretischen Ziel, Verhalten vorherzusagen und zu steuern“. Indem Watson die Tätigkeit des Gehirns oder „innere Zustände“ als Blackbox aussen vor liess, konnte er allein mit dem beobachtbaren Verhalten lebendiger Wesen arbeiten und davon ausgehend eine Psychologie ohne jegliche Subjektivität entwerfen.

B.F. Skinner erforschte mit einer Methode, die er „operante Konditionierung“ nannte, wie bestimmte äussere Reize das Lernen beeinflussen. Während die klassische (Pawlow‘sche) Konditionierung einen Reiz schlicht mit einer Reaktion koppelt, ist bei der operanten Konditionierung das Verhalten anfangs spontan, doch die davon ausgelöste Rückkopplung bestärkt oder hemmt die Wiederkehr bestimmter Handlungen. Es ist interessant zu beobachten, wie eng verbandelt der von Watson und Skinner geprägte Behaviorismus mit der Disziplin der Kybernetik war.

Die Zukunftsvision vieler Tech-Giganten einer paternalistisch geführten Welt fusst auf der Idee dieses Behaviorismus. Ein persönliches Journal „sämtlicher Handlungen, Entscheidungen, Vorlieben, Aufenthaltsorte und Beziehungen“ soll die Grundlage sein für ein System digitaler Assistenz, das KI-basiert auf jeden Einzelnen zugeschnittene „Handlungsempfehlungen“ ausspricht. Angesichts „zu komplexer Lebensverhältnisse“ gehen z. B. die Visionäre von Google von einer notwendigen Verhaltenssteuerung andernfalls nicht-rational handelnder Individuen aus – ein paternalistisches und rückschrittliches Menschenbild. Mehr Retrotopie, als technologie-affine Utopie.

Smart-City als Durchsetzungsrahmen
Realisiert sehen wir die teilweise geradezu „totalitär“ anmutende Rückbesinnung auf den Behaviorismus derzeit in vielen Smart-City Ansätzen – vorgeblich zugunsten einer vermeintlich besseren und ökologischeren Lebensweise:

In einem Pilotprojekt in der als ökologische Vorzeigestadt in der Wüste Abu Dhabis konzipierte Retorten-Stadt Masdar City unter der Leitung von Professor Scott Kennedy (Masdar Institute) wurde bereits vor mehr als zehn Jahren der individuelle Energie- und Wasserverbrauch überwacht und verschiedene Anreizmechanismen zum Einsparen getestet. Grundvoraussetzung für das System war, dass in jeder Wohnung der Verbrauch von Strom sowie kaltem und warmem Wasser minutengenau gemessen wurde. Heute sind wir mit der Einführung der Smart Meter und zeitvariabler Stromtarife diesem Prototyp der ökologischen Verhaltenslenkung sehr nah.

Die „grüne“ Stadt“ Songdo in Südkorea findet in ihrem „technologisch deterministischen Ansatz“ als geschlossen gedachtes System keine Antworten auf die „komplexen Herausforderungen“ urbanen Lebens. Mit ihren rigide formalisierten Steuerungsparametern wird der grüne Smart City-Ansatz den unterschiedlichen Möglichkeiten verschiedener Bevölkerungsschichten beim Zugang zu städtischen Dienstleistungen nicht gerecht. „Die Stadt wurde derart vorrangig als technologisches System gedacht, dass soziale Dimensionen in Songdo‘s Smart-City-Vokabular gar nicht erst vorkamen.“ (Paul D. Mullins) 2

In mehreren Grossstädten Chinas wurde 2017 auf öffentlichen Toiletten eine Gesichtserkennung eingeführt, um den übermässigen Verbrauch an Toilettenpapier einzudämmen. Ein Automat händigt eine fest kontingentierte maximale Tagesmenge Toilettenpapier aus. Das klingt fast unglaubwürdig absurd: Ökologie-Erziehung mit schwerem Geschütz oder aber die gewöhnende Einübung einer permanenten Präsenz digitaler „Assistenz“? Beides sind gleichermassen ernst zu nehmende Motive. Jetzt mag mensch einwenden, dass China in Alleinstellung ja doch eh sämtliche Lebensäusserungen nutzt, um die KI-Algorithmen seiner „Sozialen-Punkte-Systeme“ mit möglichst vielen Alltags-Datensätzen zu füttern.

Das stimmt – bis auf die Alleinstellung. Manche europäische Smart-City-Projekte zur „Ökologisierung“ erscheinen da nur unwesentlich sinnvoller: Ein Pilotprojekt zur personalisierten Abfallentsorgung in den Niederlanden sollte RFID-gesteuert erkennen, wer berechtigt ist welche Mülltonne zu befüllen – angeblich um Missbrauch zu verhindern bzw. zu detektieren. Der Überwachungseifer zugunsten der Quantifizierbarkeit vermeintlich relevanter Parameter scheint auch ausserhalb Chinas extrem zu sein. Das Projekt wurde jedoch durch Verweigerung und Sabotage der Probanden (zunächst) wieder zu Fall gebracht.

Auch in Deutschland schätzen Technokraten die Möglichkeit einer versteckten top-down-Bevormundug zu umweltbewussterem Verhalten. So schreibt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einer Bestandsaufnahme unterschiedlicher Smart-City-Ansätze: „Um den Nutzer der städtischen Infrastrukturen zu bestimmten, zum Beispiel ökologisch wertvollen Verhaltensweisen zu motivieren, (…) testen die Städte verschiedene Anreiz- und Aktivierungsmodelle. Hier werden mithin neue Formen des städtischen Regierens in Form einer gewollten Steuerung von Verhaltensformen erprobt.“ (Smart Cities International, Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR))

Es ist skurril: Wir erleben aktuell einen „postfaktischen“ Zerfall der Realität in konkurrierende „Wahrheiten“ und gleichzeitig wird DIE Wahrheit – als faktisch verbindliche Lebensrealität – algorithmisch durchgesetzt, ohne wahrnehmbaren Expertenstreit und ohne gesellschaftlich ausgehandelte, transparente Regeln. Der nicht einsehbare Code einer Smartifizierung urbanen Lebens bestimmt schleichend und schwer angreifbar unser Verhalten.

Hierzu benötigt die Technokratie nicht einmal mehr einen Vertrauensvorschuss. Angesichts der Dringlichkeit eines irreversiblen Klima-wandels erscheint es überlebensnotwendig, sich von der Technokratie aktiv abzuwenden und anzuerkennen, dass eine grundsätzliche und einschneidende Änderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise notwendig .

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ost-covid 19: Was in Kosmologie und Ethik zu berücksichtigen ist (IV)

von Leonardo Boff
Eine Lebensweise der Nachhaltigkeit wird durch tugendhafte Praktiken im Einklang mit einer nachhaltigen Lebensführung herbeigeführt. Es gibt viele Tugenden in einer anderen möglichen Welt. Ich werde mich kurzfassen, denn ich habe bereits drei Bände mit dem Titel “Tugenden für eine bessere Welt“ (Butzon & Bercker; 1., Auflage 2009) veröffentlicht. Ich erwähne hier 10 Tugenden, ohne ins Detail zu gehen, denn das würde uns zu weit bringen.
Tugenden einer anderen möglichen und notwendigen Welt
Die erste Tugend ist essenzielle Fürsorge. Ich nenne sie essenziell, weil nach einer philosophischen Tradition, die von den Römern stammt, durch die Jahrhunderte weitergegeben wurde, was am besten von mehreren Autoren zum Ausdruck gebracht wird, besonders in Heideggers zentralem Kern von Zeit und Sein. Fürsorge wird als das Wesen des Menschen angesehen. Es ist eine Voraussetzung für die Gruppe der Faktoren, die für das Leben notwendig sind. Ohne Fürsorge wäre das Leben nie entstanden und könnte es auch nicht überleben. Einige Kosmologen, wie Brian Swimme und Stephan Hawking, betrachteten die Fürsorge als die wesentliche Dynamik des Universums. Hätten es den vier Grundenergien an der subtilen Fürsorge gemangelt, um synergistisch zu handeln, hätten wir nicht die Welt, die wir haben. Alles Leben hängt von der Fürsorge ab. Weil wir biologisch unvollkommene Wesen sind, hätten wir ohne spezialisierte Organe und ohne die unendliche Fürsorge unserer Mütter aus unseren Wiegen herauskommen und Nahrung suchen können. Wir brauchen die Fürsorge durch andere. Für alles, das wir lieben, sorgen wir auch, und wir lieben alles, wofür wir sorgen. In Bezug auf die Natur erfordert dies eine freundschaftliche, nicht aggressive Beziehung, welche die Grenzen der Natur achtet.
Die zweite Tugend ist das Gewahrsein unserer Zugehörigkeit zur Natur, zur Erde und zum Universum. Wir sind Teil eines großen Ganzen, das uns umgibt. Wir sind der bewusste und intelligente Teil der Natur; wir sind der Teil der Erde, der fühlt, denkt, liebt und verehrt. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit erfüllt uns mit Respekt, wunderbarem Staunen und Sicherheit.
Die dritte Tugend ist Solidarität und Kooperation. Wir sind soziale Wesen, die nicht nur leben, sondern mit anderen koexistieren. Wir wissen aus der Bioanthropologie, dass es die Solidarität und Zusammenarbeit unserer anthropoiden Vorfahren war, die es ihnen ermöglichten, durch die Suche nach Nahrung und deren gemeinsame Nutzung an die Spitze des Tierreichs aufzusteigen und die menschliche Welt einzuläuten. Was uns heute in Bezug auf das Coronavirus retten kann, ist diese Solidarität und universelle Zusammenarbeit. Solidarität muss mit den Geringsten unter uns beginnen und mit denen, die nicht gesehen werden. Andernfalls ist sie nicht universell integrativ.
Die vierte Tugend ist die kollektive Verantwortung. Wir haben weiter oben über ihre Bedeutung gesprochen. Es ist der Moment des Bewusstseins, in dem jedes Mitglied der Gesellschaft die guten und schlechten Auswirkungen seiner Entscheidungen und Handlungen versteht. Die unkontrollierte Abholzung des Amazonas-Regenwalds wäre absolut unverantwortlich, weil sie das Gleichgewicht der Regenfälle für weite Regionen zerstören und die biologische Vielfalt beseitigen würde, die für die Zukunft des Lebens unverzichtbar ist. Den Atomkrieg brauchen wir nicht zu erwähnen, dessen tödliche Auswirkungen alles Leben, insbesondere das menschliche Leben, bedeuten würde.
Die fünfte Tugend ist Gastfreundschaft, sowohl als Pflicht als auch als Recht. Immanuel Kant war der erste, der Gastfreundschaft als Pflicht und Recht in seinem berühmten Werk “Zum ewigen Frieden” (1795) darlegte. Kant verstand, dass die Erde allen gehört, weil Gott niemandem einen Teil der Erde geschenkt hat. Die Erde gehört all ihren Bewohnern, die frei sind, dorthin zu gehen, wo sie wollen. Wo immer jemand angetroffen wird, ist es jedermanns Pflicht, Gastfreundschaft anzubieten als Zeichen der gemeinsamen Zugehörigkeit zur Erde; und wir alle haben das Recht, ohne Unterschied willkommen geheißen zu werden. Für Kant wären Gastfreundschaft und die Achtung der Menschenrechte die Säulen einer Weltrepublik. Angesichts der Zahl der Flüchtlinge und der weit verbreiteten Diskriminierung verschiedener Gruppen ist dieses Thema sehr aktuell. Gastfreundschaft ist vielleicht eine der dringendsten Tugenden für den Prozess der Globalisierung, auch wenn sie eine der am wenigsten praktizierten ist.
Die sechste Tugend ist das universelle Zusammenleben. Das Zusammenleben ist ein primärer Faktor, weil wir alle das Resultat der Koexistenz unserer Eltern sind. Wir sind Wesen von Beziehungen, das heißt, wir existieren nicht einfach, sondern wir ko-existieren durch unser Leben. Wir nehmen am Leben anderer teil, an ihren Freuden und ihrer Traurigkeit. Für viele ist es jedoch schwierig, mit denen zusammenzuleben, die anders sind, sei es in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit, Religion oder politische Ideen. Wichtig ist, offen für den Austausch zu sein. Das Andere bringt uns immer etwas Neues, das uns entweder nützt oder uns herausfordert. Was wir niemals tun dürfen, ist, Anderssein in Ungleichheit zu verwandeln. Wir können Menschen unterschiedlichster Herkunft sein: Brasilianer, Kechua, Italiener, Aymara, Japaner, Peruaner, Azteken oder Yanomami. Jede Herkunft ist menschlich und besitzt ihre Würde. Heute öffnen sich uns durch die kybernetischen Massenkommunikationsmedien die Türen zu allen Völkern und Kulturen. Zu wissen, wie man mit diesen Unterschieden koexistieren kann, eröffnet neue Horizonte und führt uns in eine Gemeinschaft mit allen. Diese Koexistenz betrifft auch die Natur. Wir koexistieren mit der Landschaft, dem Urwald, den Vögeln und allen anderen Tieren. Es geht nicht nur darum, den sternengefüllten Himmel zu sehen, sondern um mit den Sternen in Gemeinschaft zu treten, weil wir von ihnen kommen und mit ihnen Teil des großen Ganzen sind. In der Tat sind wir Teil einer Gemeinschaft und teilen ein gemeinsames Schicksal mit der ganzen Schöpfung.
Die siebte Tugend ist bedingungsloser Respekt. Jedes Wesen, wie klein es auch sein mag, hat einen Wert an sich, unabhängig von seiner Nützlichkeit für den Menschen. Albert Schweitzer, der große schweizerische Arzt, der nach Gabun in Afrika ging, um sich um die Leprakranken zu kümmern, hat dieses Thema tiefgreifend entwickelt. Für Schweitzer ist Respekt die wichtigste Grundlage der Ethik, denn er beinhaltet Willkommenskultur, Solidarität und Liebe. Wir müssen damit beginnen, uns selbst zu respektieren, würdevolle Haltung und Manieren aufrechtzuerhalten, die andere dazu bewegen, uns zu respektieren. Es ist wichtig, alle Wesen der Schöpfung zu respektieren, denn sie haben einen Wert an sich. Sie existieren oder leben und verdienen es zu existieren oder zu leben. Es ist besonders wertvoll, alle Menschen zu respektieren, denn ein Mensch ist Träger der Würde, ein heiliges Wesen mit unveräußerlichen Rechten, unabhängig von seiner Herkunft. Wir schulden dem Heiligen und Gott, dem innersten Geheimnis aller Dinge, höchsten Respekt. Wir dürfen unsere Knie nur vor Gott beugen und nur Ihn verehren, denn nur Gott verdient diese Haltung.
Die achte Tugend sind soziale Gerechtigkeit und grundlegende Gleichheit für alle. Gerechtigkeit ist mehr als nur jedem das Seine oder Ihre zu geben. Unter den Menschen ist Gerechtigkeit Liebe und der minimale Respekt, den wir allen anderen schulden. Soziale Gerechtigkeit erfordert, allen Menschen das Minimum zu garantieren, ohne Privilegien zu schaffen und ihre Rechte gleichermaßen zu achten, denn wir sind alle Menschen und verdienen es, menschlich behandelt zu werden. Soziale Ungleichheit bedeutet soziale Ungerechtigkeit und ist theologisch eine Beleidigung des Schöpfers und Seiner Söhne und Töchter. Die vielleicht größte Perversität unserer Zeit besteht darin, Millionen von Menschen im Elend zu belassen, die dazu verurteilt sind, vor ihrer Zeit zu sterben. Die Gewalt der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit zeigt ihr Gesicht im Zeitalter dieses Coronavirus. Während einige Menschen sicher in ihren Häusern oder Wohnungen unter Quarantäne leben können, ist die überwiegende Mehrheit der Armen der Infektionsgefahr und oftmals dem Tod ausgesetzt.
Die neunte Tugend ist das unermüdliche Streben nach dem Frieden. Der Frieden ist eine der am meisten ersehnten Zustände, denn angesichts der Art von Gesellschaft, die wir aufgebaut haben, leben wir in ständigem Wettbewerb und sind zum Konsum und übersteigerter Produktivität aufgerufen. Frieden gibt es nicht von selbst. Frieden ist die Frucht von Werten, die gelebt werden müssen und dadurch Frieden bringen müssen. Einer der sichersten Wege, den Frieden zu verstehen, kommt uns von der Erdcharta, in der es heißt: “Anerkennen, dass Frieden die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört” (n.16 f). Wie man sieht, ist Frieden das Ergebnis angemessener Beziehungen und die Frucht sozialer Gerechtigkeit. Ohne diese Beziehungen und diese Gerechtigkeit werden wir nur einen Waffenstillstand kennen, aber niemals einen dauerhaften Frieden.
Die zehnte Tugend ist die Entwicklung des spirituellen Lebenssinns. Der Mensch hat ein körperliches Äußeres, durch das wir mit der Welt und anderen Menschen in Beziehung stehen. Wir haben auch ein psychisches Inneres, in dem unsere Leidenschaften, großen Träume und unsere Engel und Dämonen in der Architektur des Begehrens zu finden sind. Wir müssen unsere Dämonen kontrollieren und unsere Engel liebevoll kultivieren. Nur so können wir uns des Gleichgewichts erfreuen, das für das Leben notwendig ist.
Aber wir besitzen auch eine Tiefe, die Dimension, in der sich die großen Fragen des Lebens befinden: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Worauf können wir nach diesem Erdenleben freuen? Was ist die Höchste Energie, die den Himmel erhält und unser Gemeinsames Haus die Sonne umkreisen lässt und es am Leben hält, damit wir leben können? Das ist die spirituelle Dimension des Menschen, mit immateriellen Werten wie bedingungsloser Liebe, Vertrauen in das Leben und dem Mut, sich den unvermeidlichen Herausforderungen zu stellen. Wir erkennen, dass die Welt voller Bedeutung ist, dass Dinge mehr sind als Dinge, dass sie Boten sind und eine andere unsichtbare Seite haben. Wir erahnen intuitiv eine mysteriöse Präsenz, die alle Dinge durchdringt. Die spirituellen und religiösen Traditionen haben diese Präsenz mit tausend Namen benannt, ohne sie jemals vollständig entschlüsseln zu können. Es ist das Geheimnis der Welt, das zum abgrundtiefen Mysterium geschickt wird, das alles zu dem macht, was es ist. Die Kultivierung dieses Raumes macht uns menschlicher, demütiger und verwurzelt uns in einer transzendenten Realität, die unserem unendlichen Verlangen angemessen ist.
Fazit: einfach menschlich sein
Die Schlussfolgerung, die wir aus diesen langen Reflexionen über das Coronavirus 19 ziehen, ist: Wir müssen einfach menschlich sein, verletzlich, demütig, miteinander verbunden, Teil der Natur und der bewusste und spirituelle Teil der Erde mit der Mission, uns um das heilige Erbe zu kümmern, das wir empfangen haben, Mutter Erde, für uns und künftige Generationen.
Die letzten Sätze der Erdcharta sind inspirierend: “Möge unsere Zeit durch das Erwachen einer neuen Ehrfurcht vor dem Leben, durch das feste Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und zur Intensivierung des Kampfes für Gerechtigkeit und Frieden und für die freudige Feier des Lebens in Erinnerung bleiben.”
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Überlegungen zu einer notwendigen anderen Welt

Marco Bersani, „Tlaxcala“
1. Aus einem Modell aussteigen, das keinen Schutz bietet
Das einbrechende Element, das uns die dramatische gesundheitliche und soziale Notlage übergibt, ist das Bewusstsein, dass ein Modell, das auf der einseitigen Marktideologie und der Priorisierung der Gewinne basiert, keinen Schutz bietet.
Die Privatisierung der Gesundheitssysteme, die drakonischen Kürzungen auf dem Altar der Haushaltszwänge und die Merkantilisierung der wissenschaftlichen Forschung haben ein ernstes Gesundheitsproblem in einen dramatischen Notfall verwandelt, der die gesamte Gesellschaft, das Leben der Menschen und ihre sozialen Beziehungen verzerrt und auf diese Weise die Prekarität zu einer verallgemeinerten existenziellen Dimension gemacht hat.
Wenn die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2007-2008 das Ende des Märchens des Marktes verordnete, einen „Durchsickereffekt“ des Wohlstandes für Alle hervorgebracht hätte, so hat die Covid19-Epidemie die „souveränistische“ Illusion in Luft aufgelöst, nach der das bestehende Wohlbefinden einigen sozialen Gruppen bzw. wirtschaftlich fortgeschrittenen Gebieten vorbehalten wäre.
Die systemisch-ökonomische, ökologische, soziale und gesundheitliche Krise des kapitalistischen Modells hat deutlich gemacht, dass dieses keinen Schutz gewährleisten kann. Der Konflikt wird inzwischen buchstäblich zwischen der Börse oder dem Leben ausgetragen. Sich fürs Leben zu entscheiden, bedeutet, einen allgemeinen Kampf zwecks Ausstiegs aus dem Kapitalismus zu eröffnen.
2. Die Pandemie bekämpft man mit der Ökologie
Wir befinden uns nicht vor einem Ereignis, das sich außerhalb des ökonomisch-sozialen Modells abspielt. Die derzeitige Covid19-Pandemie ist weder extern noch ist sie auf eine unbekannte Herkunft zurückzuführen. Unsere wachsende Anfälligkeit für Viren ist in der fortschreitenden Zerstörung natürlicher Ökosysteme zu suchen. Die fortschreitende Entwaldung, der drastische Rückgang der biologischen Vielfalt, die chemische Landwirtschaft, die Monokulturen, die Industrialisierung, die Verstädterung und die Umweltverschmutzung haben zu einer plötzlichen Veränderung der Lebensräume zahlreicher Tier- und Pflanzenarten geführt und die seit Jahrhunderten konsolidierten Ökosysteme untergraben. Dies hat dazu geführt, dass diese Ökosysteme ihre Funktionsweise verändern und eine größere Konnektivität zwischen den Arten ermöglichen.
Unter diesem Gesichtspunkt ist die derzeitige Epidemie bereits Teil der allgemeineren Klimakrise, die alle, aufgrund des gesundheitlichen Notfalls, offensichtlich verdrängt oder entschieden haben, zu vertagen.
Die Dringlichkeit eines Richtungswechsels weg vom kapitalistischen Modell, das an sich gleichgültig gegenüber dem „Was, Wie und Warum“ ist, erhält eine noch entscheidendere Bedeutung.
Es sind zahlreiche wirtschaftliche Ressourcen erforderlich, um die derzeitige Pandemie und die sich daraus ergebende tiefgreifende Wirtschaftskrise zu überwinden. Es muss von Anfang an verlangt werden, dass diese ausschließlich auf den Aufbau eines anderen Modells mit sozialer und ökologischer Ausrichtung fokussieren.
3. Die soziale Reproduktion schlägt die wirtschaftliche Produktion
Während des derzeitigen Gesundheitsnotstand offenbart sich der grundsätzliche Widerspruch des kapitalistischen Modells zwischen der wirtschaftlichen Produktion und der sozialen Reproduktion. Die ausschließliche Berücksichtigung der ersteren und die daraus resultierende Abwertung der zweiten zeigen sich in den Maßnahmen der Regierungen zwecks Bekämpfung der Epidemie: der Schutz der Produktion und die Vermeidung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs wurden als Priorität angesehen. Dies hatte zur Folge, dass ein ernsthaftes gesundheitliches Problem in eine Massentragödie der Hauptindustriegebiete des Landes umgewandelt wurde.
Die von den Arbeitern selbstorganisierten Streiks waren Streiks fürs Leben (für die soziale Reproduktion) und gegen das Profitdenken (die wirtschaftliche Produktion). Die Pandemie zeigt, dass keine wirtschaftliche Produktion möglich ist, ohne die soziale Reproduktion zu gewährleisten. Das ist ein Aspekt, auf den das feministische Denken immer schon hingewiesen hat. Und wenn die soziale Reproduktion bedeutet, für sich selbst, andere und die Umwelt Fürsorge zu tragen, dann muss mit dem Fokus auf diese Themen das gesamte ökonomisch-soziale Modell überdacht werden, um eine Gesellschaft der Fürsorge aufzubauen, die sich der Wirtschaft der Ausbeutung und des Profits widersetzt.
4. Wiederaneignung des sozialen Reichtums
Die Pandemie offenbarte uns die künstlich konstruierte Falle rund um das Thema der Staatsverschuldung, die als Erpressung eingesetzt wurde, um soziale und Arbeitsrechte zu liberalisieren und gemeinschaftliche Güter und öffentliche Dienstleistungen einfach zu vermarkten.
Es sind auch dieselben Vorläufer der Priorisierung der Haushaltszwänge, die heute besagen, man könnte und müsste ausgeben, man sollte dies umgehend und ohne jegliche Höchstgrenze tun. Dies zeigt uns die bisherige politische Manipulation der Staatsverschuldung.
Wenn der Schutz der Menschen die Überwindung des Stabilitätspakts, des Fiskalpakts, der von Maastricht auferlegten Parameter mit sich bringt, so bedeutet dies, dass diese Einschränkungen nicht nur nicht notwendig sind, sondern dank der drastischen Kürzungen bei den öffentlichen Gesundheitsausgaben auch die Hauptursache für die Umwandlung eines ernsthaften Gesundheitsproblems in eine Massentragödie darstellen.
Es ist an der Zeit, sich den sozialen Reichtum erneut anzueignen, der durch die bedingungslose Freiheit des Kapitalverkehrs, durch die finanztechnische Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft, durch die Privatisierung von Bank- und Finanzsystemen und durch den Wucher der Zinsen der Schulden enteignet wurde.
Es ist erforderlich, die Kontrolle über den Kapitalverkehr, die öffentliche Funktion der Europäischen Zentralbank und ihre Rolle als uneingeschränkter Garant für die Staatsverschuldung der Staaten sowie die Sozialisierung des Bankensystems ausgehend von der italienischen Kasse der Rücklagen und Darlehen (Cassa Depositi e Prestiti) zu beanspruchen.
Um zu verhindern, dass sich die Verschuldungsfreiheiten, die man sich heute nimmt, nicht zu noch strengere Sparketten in der Zukunft werden, müssen wir die Finanzen endlich in den Dienst der Gesellschaft stellen und nicht umgekehrt.
5. Gemeinschaftsgüter und öffentliche Dienstleistungen außerhalb des Marktes
Es ist kein Schutz möglich, wenn die Grundrechte auf Leben und Lebensqualität nicht gewährleistet werden. Die gemeinschaftlichen – natürlichen, sozialen, aufstrebenden und für den bürgerlichen Gebrauch vorgesehenen – Güter müssen als Grundelemente des territorialen Zusammenhalts und einer ökologisch und sozial orientierten Gesellschaft anerkannt werden. Dies bedeutet, sich das Ziel zu setzen, alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen darauf auszurichten, um ein soziales, ökologisches und Geschlechtergleichgewicht zu erreichen. Die Wahrung des Gemeinschaftsgutes und der öffentlichen Dienstleistungen, die seine Zugänglichkeit und Nutzbarkeit gewährleisten, muss vorsehen, dass dieses umgehend dem Markt entzogen wird.  Denn das Gemeinschaftsgut muss Gegenstand einer dezentralen, gemeinschaftlichen und partizipativen Verwaltung sowie einer angemessenen und keinesfalls unbeschränkten Ausgabekapazität sein.
6. Raus aus dem Prekariat/Grundeinkommen für Alle
Im Rahmen dieses gesundheitlichen und sozialen Notfalls haben wir erlebt, was Prekarität im existenziellen Sinne bedeutet: Unsere Gewissheiten, unsere täglichen Rituale, unsere Beziehungsuniversen wurden auf den Kopf gestellt und wir sind uns zwangsweise der intrinsischen Fragilität des menschlichen und sozialen Lebens bewusst geworden. Aber viele Frauen und Männer haben noch konkreter und dramatischer dargelegt, was es bedeutet, kein Einkommen zu haben, weil sie immer schon einen prekären und ungesicherten Arbeitsplatz hatten. Oder sie können, obwohl sie ein Einkommen haben, ihre Rechte auf Leben und Gesundheit nicht geltend machen, um sich nicht erpressen zu lassen, unter Bedingungen zu arbeiten, bei denen die Sicherheitsvorschriften offensichtlich nicht eingehalten werden.
All dies macht deutlich, dass kein Horizont ohne die Entscheidungen, die im Jetzt unmittelbar die Überwindung aller prekären Bedingungen angehen, ernsthaft umsetzbar ist.
Auf dem Planeten reicht der erzeugte Reichtum vollkommen aus, um allen seinen Bewohnern eine würdige Existenz zu gewährleisten. Die Umwelt- und Klimakrise ist zum ersten Mal eine Krise, die auf Überproduktion und nicht auf Knappheit zurückzuführen ist. Diese beiden Elemente erfordern ein Überdenken der Bedeutung der Arbeit an sich und spornen uns dazu an, umgehend den Weg des bedingungslosen Grundeinkommens einzuschlagen, das für Alle gewährleistet werden muss.
7. Wiederaneignung der Allmende
Die Covid19-Epidemie legt uns die Verpflichtung auf, das Paradigma der Suche nach dem maßlosen Wachstum in Frage zu stellen, das ausschließlich auf der Geschwindigkeit des Waren-, Personen- und Kapitalflusses und der daraus resultierenden Hyperverbindung der Finanz-, Produktions- und Sozialsysteme beruht. Genau diese Kanäle haben das Covid19-Virus in die Lage versetzt, die Infektion mit noch nie zuvor erlebten Geschwindigkeiten auf dem gesamten Planeten zu verbreiten. Sie reisen in den Körpern von Managern, Geschäftsführern, hochspezialisierten Technikern sowie Transport- und Logistikmitarbeitern und Touristen.
Die Organisation der Gesellschaft zu überdenken bedeutet eine Neulokalisierung der Produktionstätigkeiten ausgehend von den territorialen Gemeinschaften. Diese müssen zum Fokus einer neuen ökologisch und sozial orientierten Transformationswirtschaft werden.
Es geht darum, sich das „Gemeinschaftsgut“ als einen fruchtbaren und lebenswichtigen Raum und als Terrain der sozialen Wiederaneignung zurückzuholen, die ausschließlich auf der Verfolgung des Allgemeininteresses beruht und alle Branchen der Produktion von Gütern und Hauptdienstleistungen für die Bedürfnisse der Bevölkerung, die materiellen und digitalen Infrastrukturen und alle Formen der Forschung dem Privaten und der Ideologie der Privatisierung entzieht.
Es geht aber auch darum, die führungsorientierte und bürokratisierte „Öffentlichkeit“ zu überwinden, um das „Gemeinschaftsgut“ als potenziellen Raum für die Selbstverwaltung territorialer, unterstützender und in Föderationen zusammengeschlossener Gemeinschaften aufzubauen.
Wenn man in diese Richtung sieht, muss man den Begriff der „Wiederaneignung des Gemeinschaftsgutes“ auch auf der Grundlage der konkreten Bedeutung der Wiederaneignung der Institutionen der direkten Demokratie auslegen, die von jahrzehntelanger Sparpolitik betroffen sind und das Ziel verfolgen, das öffentliche Vermögen, die örtlichen öffentlichen Dienstleistungen und das Territorium, das heißt die Gemeinschaftsgüter, zu vermarkten, die einer Menge von Menschen die Möglichkeit bieten, sich als Gemeinschaft zu definieren.
8. Die Demokratie verwirklichen
Die Frage der Demokratie ist zentraler denn je. Alle oben beschriebenen Aspekte können nur in einem Kontext einer wahren Demokratie umgesetzt werden, die als die bewusste Beteiligung der höchstmöglichen Anzahl von Menschen an den Entscheidungen, die uns alle betreffen, zu verstehen ist.
Dieser Kontext ist zu diesem Zeitpunkt noch notwendiger, weil wir einerseits alle gemeinsam den wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Mächten, die bisher Entscheidungen getroffen haben, ohne jemals über irgendeine Form der Beteiligung der Bevölkerung jenseits der förmlichen Beteiligung an den regelmäßigen Wahlen nachzudenken, eine radikale Wende auferlegen müssen; und weil andererseits individuelle und soziale Freiheiten, die in Zeiten der Pandemie aus außerordentlicher Notwendigkeit heraus eingeschränkt wurden, die Gefahr laufen, selbst im Falle einer Rückkehr zur Normalität in Frage gestellt zu werden.
Angesichts der Menge und tiefgründigen Beschaffenheit der erforderlichen Umwandlungen, um wirklich „Nie wieder“ sagen zu können, ist es vielleicht an der Zeit, von unten einen breiten und „konstituierenden“ Diskussionsablauf für den endgültigen Ausstieg aus der liberalen Politik und dem kapitalistischen Modell einzuleiten.
Der studierte Philosoph Marco Bersani ist städtischer Direktor der Sozialdienste und psychopädagogischer Berater für soziale Kooperativen. Als Gründungsmitglied von Attac Italien war er einer der Förderer des italienischen Forums der Wasserbewegungen und der Kampagne „Stop TTIP Italia“. Er ist ein Gründungsmitglied vom CADTM Italien. Er schlägt seit mehr als zehn Jahren die Tobin-Steuer auf Finanztransaktionen vor. Autor zahlreicher Bücher über Wasser und Gemeingüter, Schulden, die Atomindustrie, die Diktatur der Märkte und Privatisierungen.
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Post-covid-19: was in Kosmologie und Ethik zu berücksichtigen ist (III)

Leonardo Boff
Lassen Sie uns den nachdenklichen Kommentar des Textes der Erdcharta vervollständigen, der besagt, dass wir einen Neuanfang suchen müssen, um eine nachhaltige Lebensweise auf dem Planeten Erde führen zu können. Dazu sei “ein neues Gefühl globaler Interdependenz erforderlich“. Die Beziehung von allem mit allem und damit zur globalen Interdependenz stellt eine kosmologische Konstante dar.  Alles im Universum ist Beziehung. Es ist auch ein quantenphysikalisches Axiom, nach dem alle Wesen interretro-verknüpft sind. Wir selbst, die Menschen, sind ein Rhizom (Wurzelzwiebel) von Beziehungen, die sich in alle Richtungen ausstrecken. Dies impliziert das Verständnis, dass alle Probleme: ökologisch, ökonomisch, politisch und spirituell, miteinander verbunden sind. Wir werden Leben nur retten, wenn wir uns nach dieser universellen Logik, der Logik des Universums und der Natur, ausrichten
Die Erdcharta fährt fort: “Universelle Verantwortung ist erforderlich.” Verantwortung bedeutet, sich der Folgen unseres Handelns bewusst zu sein, ob sie anderen Wesen nützen oder schaden. Hans Jonas schrieb ein klassisches Buch über das Prinzip Verantwortung, das die Prinzipien der Prävention und Vorsorge behandelt. Durch Prävention können wir die Auswirkungen berechnen, wenn wir in die Natur eingreifen. Der Grundsatz der Vorsorge sagt uns, dass wir, wenn wir die Folgen nicht ermessen können, nicht riskieren dürfen, bestimmte Maßnahmen und Interventionen zu ergreifen, weil sie sehr schädliche Auswirkungen auf das Leben haben können.
Wir sehen das Fehlen einer solchen kollektiven Verantwortung in der gegenwärtigen Pandemie. Sie verlangt eine strikte soziale Isolation, um eine Ausbreitung in der Gesellschaft zu verhindern, aber die überwiegende Mehrheit der Menschen hält sich nicht an diesen Grundsatz. Er muss universell sein.
Darüber hinaus fordert uns die Erdcharta auf “die Vision (einer nachhaltigen Lebensweise) kreativ zu entwickeln und anzuwenden“. Nichts Großes wird auf der Erde erreicht, ohne sich die neuen Gesellschaften und Formen des Seins vorzustellen und zu erschaffen, die man sich vorgestellt hat. Das ist die Funktion lebensfähiger Utopien.  Alle Utopien erweitern unseren Horizont und fordern unsere Kreativität heraus.  Im heiteren Ausdruck von Eduardo Galeano “führt uns die Utopie von Horizont zu Horizont und veranlasst uns immer zum Gehen.
Um die üblichen Methoden, das Gemeinsame Haus zu bewohnen, zu überwinden, welche in einer utilitaristischen Beziehung bestehen, müssen wir von unserem Planeten als der großen Mutter träumen, “Die Erde der guten Hoffnung” (Ignace Sachs und Ladislau Dowbor). Die Menschheit kann diese Utopie verwirklichen, wenn sie sich der Dringlichkeit der Notwendigkeit einer anderen Welt bewusst wird.
Eine nachhaltige Lebensweise
Die Erdcharta bekräftigt auch “eine Vision einer nachhaltigen Lebensweise“. Wir sind den Ausdruck “nachhaltige Entwicklung” gewohnt.  Er ist präsent in allen offiziellen Dokumenten und auf den Lippen der vorherrschenden Ökologie. Alle seriösen Studien haben jedoch gezeigt, dass unsere Form der Produktion, Verteilung und des Konsums nicht nachhaltig ist, weil es unmöglich ist, ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten zwischen dem, was wir von der Natur nehmen, und dem, was wir ihr lassen, um zu ermöglichen, dass sich die Natur stets reproduzieren und sich kontinuierlich weiterentwickeln kann. Unsere Gier hat den Planeten nicht-nachhaltig gemacht, denn selbst wenn die reichen Länder ihren Wohlstand auf die gesamte Menschheit ausdehnen wollten, würde es mindestens drei Erden wie unsere gegenwärtige erfordern, was absolut unmöglich ist.
Die aktuelle Entwicklung, die das Wirtschaftswachstum des Bruttosozialprodukts, des BSP, misst, zeigt erstaunliche Ungleichheiten, zu dem Ausmaß, dass die NGO Oxfam in ihrem Bericht von 2019 feststellt, dass 1 % der Menschheit die Hälfte des Reichtums der Welt besitzt und dass 20 % der Menschen 95 % dieses Reichtums kontrollieren, während die restlichen 80 % mit nur 5 % des Reichtums auskommen müssen. Diese Daten legen offen, dass die Welt, in der wir leben, völlig unhaltbar ist.
Die Erdcharta wird nicht vom Profit, sondern vom Leben geleitet. Deshalb besteht die große Herausforderung darin, eine nachhaltige Lebensweise in allen Lebensbereichen zu schaffen: in den Bereichen Persönliches Leben, Familie, Soziales, auf nationaler und internationaler Ebene.
Die Bedeutung des Bio-Regionalismus
Schließlich muss diese nachhaltige Lebensweise auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene verwirklicht werden. Natürlich geht es um ein Weltprojekt, das durch einen Prozess umgesetzt werden muss. Heute findet der fortgeschrittenere Teil dieser Suche auf lokaler und regionaler Ebene statt, so dass Bio-Regionalisierung als die wirklich lebensfähige Form der Verwirklichung der Nachhaltigkeit angesehen wird. Wir nehmen die Region als Referenz, nicht nach den willkürlichen Grenzziehungen, die immer noch bestehen, sondern diejenige, die von der Natur selbst geschaffen wurde, mit ihren Flüssen, Bergen, Dschungeln, Wäldern und allem, was ein regionales Ökosystem ausmacht. In diesem Rahmen kann eine authentische Nachhaltigkeit erreicht werden, einschließlich der natürlichen Güter, der Kultur und der lokalen Traditionen, der Persönlichkeiten, die diese Geschichte geprägt haben, die kleine Unternehmen und ökologische Landwirtschaft mit möglichst breiter Beteiligung in einem demokratischen Geist begünstigen. Auf diese Weise wird “gute Lebensführung und gutes Leben” (das ökologische Ideal der Anden) entstehen, ausreichend, anständig und nachhaltig mit der Verringerung der Ungleichheiten.
Diese Vision, die von der Erdcharta formuliert wurde, ist sowohl grandios als auch machbar. Was wir brauchen, ist mehr guten Willen, die einzige Tugend, die für Kant weder Mängel noch Grenzen sieht, denn wenn sie diese hätte, wäre sie nicht gut. Dieser gute Wille würde die Gemeinschaften motivieren und am Ende die ganze Menschheit dazu bringen, wirklich “einen Neuanfang” zu wagen
(Fortsetzung folgt).
Leonardo Boff  Ökologe, Theologe und Philosoph, der geschrieben hat „To Protect the Earth-Care for Life: How to Avoid the End of the World“, Record, Rio, 2010.
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Post-covid-19: Welche Kosmologie und Ethik sind einzubeziehen (II)

Leonardo Boff
Viele Analysten prognostizieren, dass die Postpandemie eine extreme Radikalisierung der vorherigen Situation einleiten könnte, eine Rückkehr zum System des Kapitals und des Neoliberalismus, das versucht, die Welt durch elektronische Überwachung (Big Data) jeder Person weltweit zu dominieren, wie es bereits in China und den Vereinigten Staaten geschieht. Wir würden dann in eine Ära der Dunkelheit eintreten und unsere eigene Zerstörung riskieren, wie Rachel Carson in ihrem berühmten Buch “Silent Spring” vermutete. Daher die Forderung nach einer radikalen ökologischen Umkehr, deren Mittelpunkt aus der Erde, dem Leben und der menschlichen Zivilisation bestehen muss: einer Biozivilisation.
                 Die möglichen Risiken in der Post-Covid-19-Periode:
Wir dürfen jedoch die Macht systemischer Gewalt nicht unterschätzen. Sigmund Freud antwortete auf einen Brief von Albert Einstein aus dem Jahr 1932, in dem Einstein fragte, ob es möglich sei, Gewalt und Krieg zu überwinden, und hinterließ eine Aporie. Freud antwortete, er könne nicht sagen, welche Tendenz vorherrschen würde: der Instinkt des Todes (Thanatos) oder der Instinkt des Lebens (Eros). Sie stehen immer in Spannung zueinander, und wir können nicht sicher sein, wer am Ende triumphieren wird. Und er schloss resigniert: “Verhungernd denken wir an die Windmühle, die so langsam mahlt, dass wir verhungern könnten, bevor wir das Mehl bekommen”.
Es gibt die nicht-optimistische Meinung von Noam Chomsky, einem der größten nordamerikanischen Intellektuellen und scharfem Kritiker des imperialistischen Systems, der sagt: “Das Coronavirus ist in der Tat sehr ernst, aber es lohnt sich, daran zu erinnern, dass etwas noch Schrecklicheres nahe ist. Wir steuern auf eine Katastrophe zu, etwas Schlimmeres als alles, was jemals in der Geschichte der Menschheit geschehen ist, und Trump und seine Lakaien führen uns in den Abgrund. Wir stehen vor zwei immensen Bedrohungen. Die eine ist die ständig wachsende Bedrohung durch einen Atomkrieg, der durch die Spannungen der Militärregime noch verschärft wird; und das andere ist natürlich die globale Erwärmung. Die beiden Bedrohungen könnten gelöst werden, aber es ist nicht genug Zeit; das Coronavirus ist schrecklich und kann schreckliche Folgen haben, aber es wird überwunden werden, die anderen Bedrohungen jedoch nicht. Wenn wir sie nicht lösen, sind wir verdammt.”
Chomsky hat bestätigt, dass Präsident Trump wahnsinnig genug ist, einen Atomkrieg zu entfesseln, ohne sich darum zu kümmern, was mit der ganzen Menschheit geschehen würde.
Ungeachtet dieser dramatischen Vision des angesehenen Linguisten und Denkers hoffen wir, dass, wenn die Menschheit eine wirklich ernste Gefahr der Selbstzerstörung laufen würde, der Lebensinstinkt siegen würde. Aber das setzt voraus, dass wir eine neue Form des Bewohnens des Gemeinsamen Hauses errichtet hätten, auf Grundlagen, die weder die der Vergangenheit noch der Gegenwart sind.
              Einige gute Lehren aus der Covid-19-Pandemie
Zumindest hat das Coronavirus uns gezeigt, dass wir nicht die “kleinen Götter” sind, die behaupten, irgendetwas tun zu können; es hat uns gezeigt, dass wir zerbrechlich und begrenzt sind; dass die Anhäufung materieller Güter kein Leben rettet; dass die finanzielle Globalisierung allein in der kompetitiven Form des Kapitalismus die Schaffung einer von den Chinesen vorgeschlagenen “Gemeinschaft des gemeinsamen Schicksals für die ganze Menschheit” ausschließt; dass wir ein globales pluralistisches Zentrum schaffen müssen, um über Weltprobleme zu diskutieren; dass Zusammenarbeit und Solidarität aller und nicht Individualismus die zentralen Werte einer Weltgesellschaft sind.
Die Grenzen des Erdsystems, das ein Projekt unbegrenzten Wachstums nicht toleriert, müssen erkannt und respektiert werden; wir müssen uns genauso gut um die Natur kümmern wie um uns selbst, denn wir sind Teil der Natur und sie gibt uns alle Güter und Dienstleistungen, die wir für das Leben brauchen. Wir müssen eine Kreislaufwirtschaft anstreben, die die berühmten “3-Rs” erfüllt; reduzieren, wiederverwenden (re-use) und alles recyceln, was in den Produktionsprozess eingetreten ist.
Die Wirtschaft muss von würdevoller und universeller Existenz sein und nicht auf Akkumulation Einiger auf Kosten aller anderen und der Natur beruhen. Eine Subsistenzwirtschaft reduziert unsere Bedürfnisse und führt zu Bescheidenheit und reduziert damit in hohem Maße die sozialen Ungleichheiten. Die neue Wirtschaftsordnung wird nicht vom Profit beherrscht, sondern von wirtschaftlicher Rationalität mit ökologischer und sozialer Vernunft.
Es wäre höchst rational und humanitär, ein allgemeines Mindesteinkommen einzuführen, damit die medizinische Versorgung ein universelles Menschenrecht (One World-One Health) würde, das nicht unbeachtet sein sollte. Es ist wichtig sicherzustellen, dass der Staat den Markt reguliert, die notwendige Entwicklung fördert und die Bedürfnisse der Allgemeinheit stillt, sei es bei Gesundheits- oder Naturkatastrophen.
Wir müssen das stets unbegrenzte human-spirituelle Kapital fördern, das auf Liebe basiert, auf Solidarität, der Suche nach dem rechten Maß, der Geschwisterlichkeit, dem Mitgefühl, dem Gefühl der Verzauberung der Welt und der unermüdlichen Suche nach Frieden.
             Ein Fahrplan zur Rettung von Leben: Die Erdcharta
Dies sind unter anderem einige der Lehren, die wir aus dem Coronavirus ziehen können. Unter Berufung auf die Erdcharta (UNESCO), eines der inspirierendsten offiziellen Dokumente für die Transformation unserer Lebensform auf dem Planeten Erde, “sind grundlegende Veränderungen unserer Werte, Institutionen und Lebensformen erforderlich… Unsere ökologischen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen und spirituellen Herausforderungen sind miteinander verbunden, und gemeinsam können wir inklusive Lösungen finden» (Präambel c).
Welche Weltsicht und welche Veränderungen sollten einbezogen werden?
Wissen und Kenntnis der Informationen über die Realität zu haben, heißt noch nicht zu handeln. Was bewegt uns zum Handeln? Welche Weltsicht (Kosmologie) und welche Werte (Ethik) sollten wir einbeziehen? Ein wichtiger Text im letzten Teil der Erdcharta, an dessen Verfassung ich ebenfalls mitgewirkt habe, kann uns anleiten.
“Wie nie zuvor in der Geschichte ruft uns das gemeinsame Schicksal dazu auf, nach einem Neuanfang zu suchen. Dies erfordert einen Sinnes- und Herzenswandel. Es verlangt nach einem neuen Gefühl globaler Interdependenz und universeller Verantwortung. Wir müssen die Vision eines nachhaltigen Lebens auf lokaler, nationaler, regionaler und weltumspannender Ebene entwickeln und mit Fantasie anwenden” (Der Weg, der vor uns liegt)
Lasst uns feststellen, dass es nicht nur darum geht, den bereits eingeschlagenen Weg zu verbessern. Dies würde uns zu den zyklischen Krisen führen, die wir bereits kennen, und schließlich in eine Katastrophe. Es geht um die “Suche nach einem Neuanfang”. Wir sind berufen, die “Erde, unser Zuhause, das lebendig ist mit einer einzigartigen Lebensgemeinschaft” wieder aufzubauen (Erdcharta, Präambel a). Es wäre trügerisch, die Wunden der Erde mit Bandagen zu bedecken, in der Annahme, wir könnten sie auf diese Weise heilen. Wir müssen sie wiederbeleben und neugestalten, damit sie unser gemeinsames Zuhause sein kann.
“Das erfordert einen Sinneswandel.” Ein Sinneswandel bedeutet eine neue Blickweise auf die Erde gemäß der neuen Kosmologie und Biologie. Sie befindet sich in einem Moment des Evolutionsprozesses, der 13,7 Milliarden Jahre alt ist, und für die Erde, 4,3 Milliarden Jahre. Nach dem Urknall wurden alle physikalisch-chemischen Elemente über mehr als drei Milliarden Jahre im Herzen der großen roten Sterne geschmiedet. Bei der Explosion wurden die Elemente in alle Richtungen geschleudert, die die Galaxien, die Sterne wie die Sonne, die Planeten und die Erde bildeten.
Die Erde wimmelt von Leben, das vor etwa 3,8 Milliarden Jahren begann, ein sich beständig selbst schaffender und selbst organisierender systemischer Superorganismus. In einem fortgeschrittenen Moment ihrer Komplexität, vor etwa 8-10 Millionen Jahren, begann ein Teil der Erde zu fühlen, zu denken, zu lieben und anzubeten. Der Mensch tauchte auf, Mann und Frau. Sie sind Erde, bewusst und intelligent, deshalb werden sie Homo genannt, aus Humus gemacht.
Diese Weltsicht verändert unsere Vorstellung von der Erde. Die UNO hat sie am 22. April 2009 offiziell als Mutter Erde anerkannt, weil sie alles schafft und uns gibt. Deshalb ruft uns die Erdcharta auf: “Die Erde und das Leben in all ihrer Vielfalt zu respektieren und sich mit Verständnis, Mitgefühl und Liebe um die Gemeinschaft des Lebens zu kümmern” (Erdcharta 1 und 2). Wir können die Erde als Land kaufen und verkaufen. Wie jedoch Suquamish-Duwamish Grandfather Sealth, alias Seattle, feststellte: “Weder kaufen noch verkaufen wir unsere Mutter; wir lieben und verehren sie.” Diese Haltung zur Erde, unserer Mutter, muss wiederhergestellt werden. Das ist die neue Denkweise, die wir uns zu eigen machen müssen.
“Es erfordert einen Sinneswandel des Herzens.” Das Herz ist die Dimension tiefer Gefühle (Pathos), der Sensibilität, der Liebe, des Mitgefühls und der Werte, die unser Leben leiten. Besonders im Herzen findet man Fürsorge, die freundliche und liebevolle Form der Beziehung mit der Natur und ihren Lebewesen. Es hat mit der vernünftigen oder herzlichen Vernunft zu tun, mit dem limbischen Gehirn, das vor etwa 220 Millionen Jahren entstand, als Säugetiere in der Evolution auftauchten. Sie alle, ebenso wie der Mensch, haben Gefühle, sie lieben und kümmern sich um ihre Nachkommen. Das ist Pathos, die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden, die tiefste Dimension des Menschen.
Die Vernunft (Logos), der Geist, den wir zuvor erwähnt haben, erschien erst vor etwa 8-10 Millionen Jahren, mit dem neokortikalen Gehirn, und in fortgeschrittener Form als Homo sapiens (heutige Menschen) vor etwa hunderttausend Jahren. In der Neuzeit hat sie sich exponentiell entwickelt, beherrscht unsere Gesellschaften und schafft die Techno-Wissenschaft, die großen Herrschaftsinstrumente und die Transformation des Antlitzes der Erde, einschließlich einer Todesmaschine in Form von Atomwaffen und anderen Dingen, die das menschliche Leben und das Leben der Natur beenden können.
Die Inflazion der Vernunft, der Rationalismus, hat eine Art Lobotomie geschaffen: Der Mensch hat Schwierigkeiten, den Anderen und sein Leiden zu fühlen. Wir müssen die rationale Intelligenz ergänzen, die notwendig ist, um die Überlebensbedürfnisse unseres Lebens zu stillen. Wir müssen sie mit emotionaler und vernünftiger Intelligenz ergänzen. damit wir vollständiger werden und mit Leidenschaft für die Verteidigung der Erde und des Lebens eintreten.
Wir brauchen das Herz, um sowohl den Schrei der Erde als auch den Schrei der Armen hören zu können und um, wie der chinesische Ministerpräsident Xi Jinping sagt: “eine Gesellschaft zu schmieden, die moderat versorgt ist” oder wie wir sagen: eine Gesellschaft mit nüchternem, sparsamem und solidarischem Konsum.
(Fortsetzung folgt)
Übersetzung von Bettina Goldharnack
*Leonardo Boff ist ein Ökologe, Theologe und Philosoph, von dem u. a. stammt: Mark Hathaway/Leonardo Boff,Befreite Schöpfung:Kosmologie-*Okologie-Spiritualität, Butzon&Bercker, Kevelaer 2016.
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Post-Covid-19: Wie sollten Kosmologie und Ethik integriert werden (I)

Leonardo Boff
Es gibt etwas Schreckliches, den systemischen Angriff der Natur auf die Menschheit, durch ein mikroskopisches und unsichtbares Virus, das große Besorgnis hervorruft und Tausende von Menschen tötet.
Angesichts dieser wahren menschlichen Tragödie müssen wir unsere Reaktion auf die Pandemie verstehen. Wie wirkt sich die Pandemie auf uns aus? Welche Lektion lehrt sie uns? Welche Kosmologie (Weltsicht) und welche Art von Ethik (Werte und Prinzipien) fordert sie uns auf zu entwickeln? Sicherlich müssen wir jetzt alles lernen, was wir hätten lernen sollen, aber vorher nicht gelernt haben. Wir hätten lernen müssen, dass wir Teil der Natur sind und nicht ihre “Herren und Besitzer” (Descartes). Es besteht eine Nabelschnurverbindung zwischen Mensch und Natur. Wir stammen vom selben kosmischen Staub wie alle anderen Wesen. Wir sind das bewusste Glied der Lebenskette.
            Die Aushöhlung des Bildes, “kleiner Gott der Erde
Der moderne Mythos wurde zerstört, dass wir “der kleine Gott” der Erde seien und dass wir sie nach Lust und Laune über sie verfügen könnten, weil sie ein inertes Objekt ohne Zweck sei. Einer der Väter der modernen wissenschaftlichen Methode, Francis Bacon, sagte, dass wir die Natur so behandeln müssten, wie die Handlanger der Inquisition ihre Opfer behandelten und sie quälten, bis sie alle ihre Geheimnisse preisgaben.
Durch die Techno-Wissenschaft haben wir diese Methode auf die Spitze getrieben und den Kern der Materie und des Lebens erreicht. Dies geschah mit beispiellosem Furor, bis hin zur Zerstörung der Nachhaltigkeit der Natur und damit des Planeten und des Lebens. Wir haben den natürlichen Vertrag, der mit der lebendigen Erde besteht, gebrochen: Sie gibt alles, was wir zum Leben brauchen, und im Gegenzug müssen wir uns um sie kümmern, ihre Güter und Dienstleistungen bewahren und ihr die Ruhe gönnen, um das aufzufüllen, was wir für unser Leben und unseren Fortschritt genommen haben. Nichts davon haben wir getan.
Wegen Nichtbeachtung des biblischen Gebots des “Schutzes und der Fürsorge für den Garten Eden, die Erde (Genesis 2,15)” und der Bedrohung der ökologischen Grundlagen, die alles Leben erhalten, hat sie mit einer mächtigen Waffe, dem Coronavirus 19, zurückgeschlagen. Angesichts dessen sind wir zur Methodik des Mittelalters zurückgekehrt, die ihre Pandemien mit strikter sozialer Isolation überwand. Damit die verängstigten Menschen die Straßen verlassen, wurde im Münchner Rathaus (Marienplatz) eine geniale Uhr mit Tänzern und Kuckucken gebaut, damit alle sie bewundern kommen, was auch heute noch der Fall ist.
Die Pandemie, die nicht nur eine Krise ist, sondern Forderung nach einem Wandel der Kosmologie (Weltsicht) und der Einbeziehung einer Ethik mit neuen Werten, stellt uns diese Frage: Wollen wir wirklich vermeiden, dass die Natur uns noch mehr tödliche Viren schickt, welche sogar die menschliche Spezies dezimieren könnten? Wir wären eine der zehn Arten, die jeden Tag für immer verschwinden. Wollen wir dieses Risiko eingehen?
         Allgemeiner Mangel an Bewusstsein für den ökologischen Aspekt
Bereits im Jahr 1962 warnte die nordamerikanische Biologin und Schriftstellerin Rachel Carson, Autorin von The Silent Spring: “Es ist unwahrscheinlich, dass zukünftige Generationen uns verzeihen werden, dass wir uns nicht um die Integrität der Natur-Welt kümmern, die das ganze Leben aufrecht erhält … Die Frage ist, ob irgendeine Zivilisation einen unerbittlichen Krieg gegen das Leben fortsetzen kann, ohne sich selbst zu zerstören und ohne das Recht zu verlieren, als Zivilisation bezeichnet zu werden.”
Es scheint eine Prophezeiung der Situation zu sein, die wir gerade weltweit erleben. Es sieht so aus als zeigte die Mehrheit der Menschheit, einschließlich ihrer politischen Führer, nicht genug Bewusstsein für die Gefahren, denen wir durch die globale Erwärmung ausgesetzt sind, einschließlich der übermäßigen Dichte unserer Städte und vor allem des massiven Agro-Business, das über die jungfräulichen Ländereien im Urwald vorrückt, die abgeholzt werden. Wir zerstören die Lebensräume von Millionen von Viren und Bakterien, die sich schließlich auf den Menschen übertragen. Seriösen Wissenschaftlern zufolge brauchte das Corona-Virus gar nicht durch eine Fledermaus von einem chinesischen Markt zu kommen, sondern einfach aus der Natur.
Im besten Fall wird uns das Coronavirus zwingen, uns als Menschheit neu zu erfinden und das einzigartige Gemeinsame Zuhause, das wir teilen, in einer nachhaltigen und integrativen Form umzugestalten. Wenn das, was zuvor dominiert hat, zum Äußersten getrieben wird und vorherrscht, dann müssen wir uns auf das Schlimmste gefasst machen.
Viele sagen eine neue, destruktive Sparpolitik in der Post-Corona-Ära voraus. Die Geier der Vergangenheit sammeln sich bereits, um zur gleichen Sichtweise der Vergangenheit zurückzukehren und bedeutende Veränderungen zu verhindern. Die Interessen des Finanzkapitals und das mangelnde Bewusstsein der Machthaber und selbst in weiten Teilen der Wissenschaft über den Schweregrad der Schädigung der Natur erlauben es ihnen nicht, etwas von den Tausenden und Abertausenden von Todesopfern weltweit zu lernen, die durch die Corona gestorben sind.
Sie wollen zu der Sparpolitik zurückkehren, die die Politik der Opportunisten ist, die von Opportunisten zum Nutzen der Opportunisten betrieben wird. CEPAL hat errechnet, dass wegen Covid-19 die Politik der Austerität, die schlimmer ist als zuvor, zu weiteren 215 Millionen Armen in Lateinamerika führen wird (vgl. Carta Maior 13/05/2020). Es ist jedoch erwähnenswert, dass das Lebenssystem durch mehrere Massensterben gegangen ist (wir befinden uns im sechsten), aber es hat immer überlebt.
Das Leben scheint – erlaubt mir diese sonderbare Metapher – eine “Plage”, die bisher niemand ausrotten konnte. Denn das Leben ist eine gesegnete “Plage”, verbunden mit dem Geheimnis der Kosmogenese und jener geheimnisvollen und liebevollen Grundenergie, die über allen kosmischen Prozessen und auch über unserem steht.
Es ist zwingend notwendig, dass wir das alte Paradigma des Willens zur Macht und zur Herrschaft über alles (die geschlossene Faust) aufgeben zugunsten eines Paradigmas der Fürsorge für alles, was existiert und lebt (die ausgestreckte Hand), und der kollektiven Mitverantwortung.
Eric Hobsbawn schrieb im letzten Absatz seines 1995 erschienenen Buches „The Era of the Extremes“: “Eines ist klar: Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben will, kann sie nicht die Vergangenheit oder die Gegenwart verlängern. Wir werden scheitern, wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen. Mit anderen Worten, der Preis des Scheiterns, die Alternative zum gesellschaftlichen Wandel, ist Obskurität.” (S.506).
Das bedeutet, dass wir nicht einfach zur Situation von vor dem Coronavirus zurückkehren können. Es ist auch nicht möglich, zur Vergangenheit vor der Aufklärung zurückzukehren, wie es die gegenwärtige brasilianische Regierung und andere der extremen Rechten wollen.
(Fortsetzung folgt)
Leonardo Boff ist ein Ökologe, Theologe und Philosoph, Autor von u. a.: „Tugenden für eine bessere Welt, Butzon&Berker, Kevelaer 2008.
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Lost in Information

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Informiertheit kann Ignoranz verstärken.
Information, so lautet die klassische Kurzdefinition aus der Kommunikationstheorie, ist Beseitigung von Ungewissheit. Damit ist Folgendes gemeint: Wenn ich zum Beispiel über den aktuellen Wochentag im Ungewissen bin, dann habe ich die Wahl zwischen sieben Möglichkeiten. Informiert bin ich, wenn diese Palette von Alternativen auf eine einzige reduziert ist. Jemand sagt mir zum Beispiel „Mittwoch“. Er hat mich informiert: die sieben Alternativen auf idealerweise eine reduziert. Je mehr Alternativen, desto höher der Informiertheitsgrad. Wenn nur zwei Alternativen existieren, kann diese Reduktion durch eine einzige Frage erfolgen: „Ist heute Mittwoch oder nicht?“, „Ist der Schalter ein oder aus?“, „Zeigt die Münze Kopf oder Zahl?“, „Ist der Virentest positiv oder negativ?“. Eine Antwort genügt und ich bin informiert. Eine solche Antwort ist das „Atom“ der Information: das Bit.
Information braucht ein Modell
Die Definition hat ihre Tücke. Wenn ich informiert bin, dass heute Mittwoch ist, dann bedeutet dies noch nicht, dass tatsächlich Mittwoch ist. Meine Ungewissheit über die sieben möglichen Alternativen ist einfach beseitigt. Aber der Informant könnte sich getäuscht haben oder lügen. Das heisst, die scheinbar einfache Ein-Bit-Antwort ist im Grunde eingebettet in ein Modell, das gewisse Annahmen trifft, zum Beispiel, dass mein Informant wahrheitsgetreu antwortet. Das Atom der Information existiert also nicht „an sich“, sondern immer nur relativ zu einem Modell. Die Frage „Ist der Schalter ein oder aus?“ geht vom Modell einer elektrischen Vorrichtung aus, die genau zwei Zustände kennt. Das ist der Transistor. Leicht denkbar wäre eine Vorrichtung mit kontinuierlichem Übergang von Ein zu Aus. Dann genügte eine Antwort – ein Bit – nicht mehr.
Das Modell ist nicht die Realität
Daraus folgt sogleich eine zweite Tücke. Das Modell ist nicht die Realität, die es modelliert. Wir müssen also Information und Wahrheit auseinanderhalten. Bin ich darüber informiert, dass heute Mittwoch ist, dann weiss ich noch nicht, ob die Information stimmt. Meine anfängliche Ungewissheit ist jetzt einfach beseitigt. Beseitigte Ungewissheit bedeutet nicht Wahrheit. Die Situation könnte komplizierter sein. Zum Beispiel könnte  es nicht genügen, zu fragen „Ist heute Mittwoch?“, sondern vielleicht auch „Kenne ich meinen Informanten?“, „Hält er sich an die Fakten?“ und so weiter … Dieses Spiel des Zweifels liesse sich ins paranoide Extrem treiben. Modellabhängigkeit der Information bedeutet also, dass wir, soll die Information uns etwas über die Wirklichkeit sagen, irgendwann einmal diesen skeptischen Regress abbrechen müssen. Anders gesagt: Der Wirklichkeitsbezug unserer Informationen basiert auf dem Vertrauen in ein Modell, oder wie man heute auch sagt: in einen oft impliziten „Frame“.
Das Ein-Bit-Denken
Eine dritte Tücke ist jene des Ein-Bit-Denkens. Je simpler das Modell, desto geringer der Informationsgehalt, man könnte auch sagen: desto schneller ist man informiert, und trotzdem ignorant. Auch Falschinformation ist Information, und in einem medialen Universum, wie wir es heute kennen, hat Information Priorität, ungeachtet, ob sie wahr oder falsch ist. Das heisst, die Ungewissheit ist beseitigt, man kann sich komfortabel in Gewissheit einmauern und weiss nichts über die Welt.
Das Ein-Bit-Denken zeitigt also das paradoxe Resultat, dass Informiertheit Ignoranz verstärken kann. Und zwar geschieht dies genau dann, wenn wir unserem Denken sozusagen die binäre Kappe überstülpen, unsere Weltsicht in zwei gegensätzliche Raster aufteilen: Einheimische oder Fremde, Freunde oder Feinde, Linke oder Rechte, Gläubige oder Ungläubige. Wer diese binäre Kappe trägt, ist schnell informiert: Ein Bit genügt. Das Merkmal ignoranter Informiertheit.
Newsfeed – überfressen an Information
Verstärkt wird diese Ignoranz überdies durch einseitige Diät. Dafür sorgen primär die Algorithmen der Nachrichtenbeschaffung: der Newsfeed. Sie sind so konzipiert, dass sie mir „persönliche“ Informationen liefern, und das heisst dann häufig: Sie liefern Nachrichten, die in meinen Ein-Bit-Raster passen, die mein Bescheidwissen verstärken. Information aber, wir erinnern uns, setzt Ungewissheit voraus. Wo keine Ungewissheit ist, gibt es keine Information.
Noch ein anderer kontinuierlicher Wandel zeichnet sich hier ab. In den frühen Tagen des Netzes „surfte“ man primär. Man suchte also aktiv nach anderen Websites und entsprechenden Informationen. Der Nutzer bewegte sich auf die Information zu. Heute kommt die Information zum Nutzer. Er wird „gefüttert“. Das verdanken wir grösstenteils der zunehmenden Raffinesse der Algorithmen, die aus dem „lernen“, was der Nutzer mit ihnen tut.
Menschliche Kollektive – kleine oder grosse – können ein „Wissen“ kultivieren, das man sich gegenseitig immer wieder bestätigt; dem man huldigt wie einer Devotionalie. Kein Zweifel steckt einen an. Man weiss im Grunde schon, was man zu hören bekommt. Die News sind nichts Neues. Man braucht gar nicht mehr informiert zu werden, weil man sich schon im Zustand informativ überfressener Gewissheit befindet.
Desinfodemie
Verschwörungstheorien sind ein typisches – ein malignes – Symptom für diesen Zustand. Das zeigt sich gerade in der gegenwärtigen Pandemie. Alle hungern nach Information, und die wenigsten verfügen über die Kompetenz, Information von Desinformation zu trennen. Die Leute befinden sich in einem Schwellenraum: Man weiss nicht, wohin das Ganze führt, zurück in die alte, oder vorwärts in eine neue Normalität. Um Klarheit in das umgepflügte Alltagsleben zu bringen, versucht man, möglichst viele Informationen zu sammeln. Dadurch gerät man möglicherweise in ein zwangshaftes Informationshamstern, bei dem auch immer mehr Desinformation anfällt. Und hyperinformiert versinken wir zusehends tiefer in Unwissenheit, die sich als Wissen tarnt. Es entsteht eine Desinfodemie.
Der Appell an die Autorität
Wissen ist bekanntlich Macht und Informiertheit lässt uns unabhängiger werden. Unsere hyperinformierte, hypervernetzte Gesellschaft deutet freilich das Gegenteil an: Die Überinformiertheit macht uns nicht kognitiv autonomer, sondern vielmehr abhängiger vom Urteil anderer Leute oder auch künstlicher Ratingsysteme. Der alte Appell an die Autorität erstarkt. Aber an welche?
Fragt man jemanden, warum er an den Klimawandel glaube (oder nicht glaube), dann dürfte die häufigste Antwort lauten: Weil ich den einschlägigen Berichten aus den Medien vertraue, Zeitungen, Magazinen, Fernsehkanälen, Websites. In der Regel lesen wir nicht Artikel im „International Journal of Climatology“, sondern lesetaugliche Abstracts von verlässlichen Journalisten. Unser Vertrauen ist also, genau besehen, bereits zweiter Ordnung: Wir vertrauen Journalisten, die Forschern vertrauen. Wir sind als Laien kaum in der Lage, die wissenschaftliche Debatte aus erster Hand zu verfolgen. Deshalb beruft man sich nicht so sehr auf die Information als auf die Reputation der Informanten. Reputation ist das Gütesiegel von Information. Längst haben journalistische Schlauberger und Schlitzohren mitgekriegt, dass man eine Information entwerten kann, indem man den Informanten entwertet.
Kreditwürdigkeit des Wissens
Wir Bürger hochtechnisierter Gesellschaften sind sensibel und vital auf „kreditwürdige“ Informationsquellen angewiesen. Ohne Vertrauensbasis lässt sich das prekäre Kollektivgut Wissen mit blosser Information zerstören. In den Meinungskloaken von Facebook und Twitter ist informierte Ignoranz bereits endemisch.
Wir alle besitzen zwar durchaus individuelles Wissen, Wissen aus Erfahrung, eigener Nachforschung, Lektüre, Reisen, Bekanntschaften, Beziehungen. Aber ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist immer Wissen, das nicht „je meines“ ist. „Zivilisation beruht auf der Tatsache, dass wir alle von einem Wissen profitieren, das wir nicht besitzen“, schrieb Friedrich Hayek in seinem Buch „Gesetz, Recht und Freiheit“. Wissen, das wir nicht besitzen, beruht auf Vertrauen. So gesehen müssen wir erst das ABC des Vertrauens neu lernen.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen