Diktatur des Effizienzdenkens

von Marianne Gronemeyer, „Streifzüge“
Wir leben in einer effizienzversessenen Gesellschaft, die, um möglichst viel Output in kürzestmöglicher Zeit auszuspucken, alle Lebensvollzüge bis zur Raserei auf Trab bringt. Die alte Einsicht, dass alles, was gut getan sein soll, seine Zeit braucht, dass es ein angemessenes, stimmiges Verhältnis zwischen einer Arbeitsaufgabe und der dafür benötigten Zeit gibt, ist außer Kraft gesetzt, seit es mit Maschinenkraft möglich wurde, die Dinge schneller laufen zu machen, als sie von sich aus laufen können. Die Maschinen, dazu ausersehen, den Menschen ihre Arbeit zu erleichtern und Sklaverei zu ersparen, haben im Zuge des industriellen Fortschritts die Menschen, die sie sich zunutze zu machen glaubten, versklavt. Die Instrumente, die Mittel zu Zwecken sein sollten, sind inzwischen ausschlaggebend dafür, welche Zwecke gesetzt werden. Während man vor nicht allzu langer Zeit noch darüber streiten konnte, ob der Zweck die Mittel heiligt, wird heute ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Mittel bestimmen, welche Zwecke gesetzt werden sollen.
Can implies ought: Was der Mensch kann, das soll, das muss er machen. Das war der Fortschrittsimperativ der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Darüber sind wir weit hinaus. Nicht was der Mensch kann, sondern was der Apparat, die zum System verschmolzene Maschinerie kann, dem müssen Menschen als Funktionspartikel im System dienstbar sein. Das, was ich Maschinerie nenne, ist längst nicht mehr nur das gute alte Räderwerk, in dem der Arbeitskollege von Charly Chaplin im Film „Modern Times“ durchgedreht wird. Die Maschinerie hat sich längst auch der Dienstleistungsberufe bemächtigt, die bis zu einem gewissen Grade immer noch im Stande der Unschuld geglaubt werden. Die Dienstleister in den heilenden, helfenden, lehrenden, fördernden, behandelnden, beratenden oder therapeutischen Professionen, die sich übrigens wie Pilze nach einem warmen Sommerregen vermehren, fühlen sich immer noch als Akteure, während sie tatsächlich in Verfahren, Prozeduren und getaktete Abläufe eingespannt sind, deren absolut vorrangiger Daseinszweck darin besteht, dass sie störungsfrei und hochbeschleunigt, also „effizient“ und natürlich profitabel abgewickelt werden können.
Inputs und Outputs
Gute Arbeit kann ich mir nicht leisten“, das ist ein Stoßseufzer, den insbesondere diejenigen, die in sozialen Professionen tätig sind, kaum noch unterdrücken können. Man muss hören, was da gesagt wird: Um der Effizienz, also um der Wirkung meiner Arbeit willen, muss ich darauf verzichten, gute Arbeit verrichten zu wollen. Gute Arbeit ist offenbar unbezahlbar geworden. Aber was meine ich, wenn ich „gute Arbeit“ sage? Die allgemeinste Antwort wäre: Gute Arbeit ist solche, die nützt und nicht schadet.
Das heißt also: Wenn ich feststelle, dass ich mir gute Arbeit nicht leisten kann, dann begnüge ich mich nicht nur mit weniger guter Arbeit, sondern ich nehme in Kauf, dass die Arbeit, die ich mir leisten kann, Schaden anrichtet. Und da fragt sich, wer denn nun eigentlich diesen Satz sagt. Spielen wir das einmal am Gesundheitswesen durch. Das ist immerhin ein Erfahrungsfeld, mit dem wir alle schon in der einen oder anderen Art Berührung hatten. Wir könnten auch das Bildungssystem ins Visier nehmen, denn da gelten ähnliche Spielregeln, oder das Produktions- oder Handwerkswesen oder die winzigen Reste bäuerlicher Tätigkeit, die es in modernen Gesellschaften noch gibt. Aber am Gesundheitswesen wird besonders drastisch deutlich, dass wir in einem „weltweiten Irrenhaus“ (Erich Fromm) leben. John Berger sprach kurz vor seinem Tod vom „weltweiten Gefängnis“, in das wir samt und sonders und sogar mit unserer bereitwilligen Zustimmung eingesperrt sind. Und Ivan Illich spricht von „Absurdistan“. Diese Zuschreibungen sind keine Metaphern, sondern real, wie John Berger nicht müde wird zu betonen.
Also wer sagt den Satz „Gute Arbeit kann ich mir nicht leisten.“?
– Vielleicht die Krankenschwester mit der Uhr in der Hand, aber längst auch schon im Kopf und im Herzen.
– Vielleicht der Verwaltungschef des Krankenhauses, der seinen Betrieb ökonomisch optimieren will oder soll.
– Oder die Patientin, deren Arzt ihr Zusatzleistungen empfiehlt, die er „dringend geboten“ nennt, die sie aber aus der eigenen Tasche bezahlen müsste, was sie nicht kann.
Meinen die Krankenschwester, der Verwaltungschef und die Patientin überhaupt dasselbe, wenn sie von „guter Arbeit“ sprechen?
Fraglich, ob heutzutage das, was die Patientin gern hätte, aber nicht bezahlen kann, wirklich „gute Arbeit“ ist. Fühlt sie sich nicht vielmehr benachteiligt, weil ihr bestimmte Produkte aus einer Produktpalette vorenthalten werden? Krankenhaustage zum Beispiel oder aufwendige diagnostische Verfahren, teure Medikamente oder Heilbehandlungen und alles, was in sehr unterschiedlicher Qualität im medizinischen Ersatzteillager feilgeboten wird, vom Zahnersatz über die künstliche Hüfte bis hin zum Ersatzherzen. Würde es ihr überhaupt noch einfallen, vom Arzt etwas anderes zu erwarten als eine Zugangsberechtigung zu einem dieser vielversprechenden Produkte?
Die Krankenschwester dagegen spricht wirklich von ihrer Arbeit. Ihre Klage lässt vermuten, dass sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat, was gute Arbeit in ihrem Metier wäre. Sie wäre wahrscheinlich auch bereit und fähig, sie zu tun; nur wird sie eben tagtäglich systematisch daran gehindert. Während übrigens gleichzeitig von ihr verlangt wird, dass sie perfekt funktioniert.
Und der Verwaltungschef? Ich fürchte, er würde dies Eingeständnis überhaupt nicht über die Lippen bringen, denn es ist, wie man im Verwaltungskauderwelsch sagen würde, „imageschädigend“. Er wird vielmehr – werbewirksam – darauf bestehen, dass das Krankenhaus, welches er managt, die bestmögliche Leistung (auf Kauderwelschig: „performance“) erbringt. Zu dieser vollmundigen Aussage legitimiert er sich dadurch, dass er von „guter Arbeit“, also von etwas, was Menschen tun, überhaupt nicht spricht. Gute Arbeit hat in seinem Denken ebenso wenig Platz wie schlechte Arbeit. Er hantiert seinerseits mit Produkten, mit den verdinglichten Ergebnissen von menschlichem Tun. Indem er die Produkte von der Tätigkeit abspaltet, ist er die leidige Frage nach der Arbeit los. Es geht nun nur noch um Inputs und Outputs, und alles, was dazwischenliegt, spielt sich, seiner Aufmerksamkeit gänzlich entzogen, in einer Blackbox ab und kann als qualité négligeable betrachtet werden. Ein gutes Produkt ist eines, das bei möglichst geringem Einsatz von Mitteln einen möglichst großen Effekt erzielt, wobei ganz nebenher Ziele durch Effekte ersetzt und Effekte mit Zielen verwechselt werden. Die Fragen „Was will ich?“, „Was sollte ich tun?“, „Was sollte ich unterlassen?“, „Warum?“, „Wozu ist etwas gut?“, „Wem hilft das?“, die ja öffentlich verhandelt werden müssten, verschwinden völlig zugunsten der alleinigen Frage nach dem „Wie geht das?“. Wobei dieses „das“, das da gehen soll, dezisionistisch, um nicht zu sagen selbstherrlich von einer ökonomisch interessierten, naturwissenschaftlich bornierten, technisch versierten und bürokratisch fanatisierten Expertenkaste verbindlich vorgegeben wird. Sie definiert den Output und kalkuliert den Input, und der Rest ist Verfahren, das wie geschmiert laufen muss.
Produktifizierung“ aller Verhältnisse
Wir müssen uns den Verwaltungsdirektor nicht einmal gewissenlos vorstellen. Sollte es ihm immerhin schwanen, dass das System, dem er dienstbar ist, an der Aufgabe einer guten medizinischen Versorgung scheitert, dann würde er das wahrscheinlich einem Mangel an Verteilungsgerechtigkeit zuschreiben und nicht einem Mangel an guter Arbeit. Produkte bzw. Befriedigungsmittel haben eben die fatale Neigung, knapp zu sein, also nicht für alle, die einen Anspruch darauf erheben, zu reichen. Die Konsequenz: Wenn der Vorrat an Befriedigungsmitteln nicht reicht, dann muss er eben aufgestockt werden, bis schließlich alle Ansprüche leidlich befriedigt werden können. Dieser Illusion verdanken wir die ungeheure Aufblähung des Medizinwesens, aber auch genauso des Bildungswesens, des Therapie- und Beratungswesens, deren Ende bis auf Weiteres nicht absehbar ist. Verteilungsgerechtigkeit wird in der Wachstumsökonomie unbeirrt von einer rasanten Vermehrung und Raffinierung von Produkten erwartet. Aber die Erfahrung lehrt – oder besser: Sie könnte lehren, lehrt aber tatsächlich gar nichts –, dass die Aufstockung des Angebots die Verteilungsgerechtigkeit nicht um ein Deut verbessert, sondern im Gegenteil. Nicht einmal eine halbwegs gerechte Verteilung der Befriedigungsmittel könnte irgendjemandem gerecht werden, wenn das Produkt nicht das Ergebnis guter Arbeit ist.
Was im Medizinwesen unter „Dienstleistung“ verstanden wird, hat sich im Zuge der „Produktifizierung“ aller Verhältnisse grundlegend verändert. Der geleistete Dienst besteht zunehmend nur noch im Verkauf von industriell gefertigten Waren. Folgerichtig wurden Patienten zu „Kunden“ umbenannt, während Ärzte und Pflegekräfte sich noch dagegen zu schützen wissen, als „Vertreter“ und „Verkäufer“ wahrgenommen zu werden, was sie de facto längst sind. Dass jemand einem anderen einen guten Dienst tut, ihm also dient oder dienstbar ist, diese Wortbedeutung ist aus der Dienstleistung im Allgemeinen und der medizinischen Dienstleistung im Besonderen fast völlig verschwunden. Und der oder die Hilfesuchende kann längst nicht mehr sicher sein, dass die Dienstleister ihm oder ihr wohlwollen, wenn es doch um deren Verdienst im schnöden pekuniären Sinn geht. Die Produkte, die in der Arztpraxis und im Krankenhaus verhökert werden, sind teils verfahrensförmiger, teils dinglicher Natur. Die standardisierten Verfahren, mit denen medizinische Fälle abgearbeitet werden, muss das medizinische Personal professionell liefern, die materiellen Produkte liefert die pharmazeutische und medizinisch-technische Industrie. In beiden steckt aber trotz voranschreitender Maschinierung immer noch menschliche Arbeit. Jedwedes Produkt – das ist die These – kann nur so gut sein, wie die Arbeit war, deren Resultat es ist.
Produkte, sagt der ungarische Philosoph Georg Lukács, sind der „Abdruck ihrer Handlungen“, das heißt, die Absichten und Begleitumstände, denen sie ihr Zustandekommen verdanken, kriechen in sie hinein, durchdringen sie und bestimmen ihr Wesen. Nun haben aber die Produkte nicht nur eine Entstehungsgeschichte, sondern auch eine Gebrauchsgeschichte. Ein Gegenstand sei „Abdruck von Handlungen“ meint, es werden in ihn Normen eingeschmolzen, die den Umgang mit diesem Gegenstand bestimmen oder festlegen. Gegenstände sind imprägniert mit ihren Entstehungsbedingungen, und was in sie hineingeschrieben wurde an Qual oder Leidenschaft, an Zwang oder Schöpfergeist, an offener oder geheimer Zwecksetzung, das wirkt als Gebrauchsanweisung oder als geheimes Kommando für künftige Anwender und Benutzer aus ihnen wieder heraus: Massenartikel erlauben keine individuelle Nutzung, flüchtig Hergestelltem ist keine Dauerhaftigkeit und kein Respekt beschieden, gewaltsam Abgezwungenes ermöglicht keinen freien Gebrauch, Hässliches wird den Benutzer verhässlichen, was roh gemacht wurde, erzeugt rohen Umgang. Was verschwenderisch und rücksichtslos hergestellt wurde, gebiert Verschwendungssucht und Rücksichtslosigkeit. Was auf nackte Zweckmäßigkeit und Effizienz abzielt, reduziert auch die Menschen, die damit Umgang haben, auf nackte Zweckmäßigkeit und Effizienz. Es ist mir zum Beispiel schlechterdings unmöglich zu glauben, dass ein pharmazeutisches Produkt, das einer Kampfgesinnung entspringt („Kampf dem Krebs!“) und für das zu Tode gequälte Kreaturen herhalten müssen, heilsam sein könnte. Aber natürlich gilt auch das Umgekehrte: was liebevoll, sorgsam und mit Sinn geschaffen wurde, erheischt sorgfältigen, bewahrenden und sinngemäßen Gebrauch.
Schaffenskraft
Wenn wir also nach der guten Arbeit Ausschau halten wollen, dann müssen wir unser Augenmerk nicht vorrangig darauf richten, was dabei herauskommt, sondern darauf, was in sie eingeht, und zwar eingeht nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern als Schaffenskraft, als schöpferische Kraft. Arbeit entsteht ja nicht aus dem Nichts. Sie ist angewiesen auf eine Fülle von Gegebenheiten, denen sie ihr Zustandekommen verdankt, auf Gaben der Natur ebenso wie auf das kulturelle Erbe. Jede Arbeit, die die Quellen, aus denen sie sich nährt, erschöpft, ohne etwas an sie zurückzuerstatten, ist parasitär. Und dies könnte ein brauchbares Kriterium sein, um gute von schlechter Arbeit, wirklich effiziente von pseudoeffizienter Arbeit zu unterscheiden. Arbeit, die die Rückerstattung schuldig bleibt, kann niemals gute Arbeit werden, denn sie zerstört unweigerlich ihre eigenen Existenzbedingungen.
Die industrialisierte Arbeit, die heute den Normalfall der Arbeit darstellt – wohlgemerkt, ich spreche mit voller Absicht auch von Dienstleistungsindustrie –, ist nicht nur nicht willens, sondern auch vollkommen unfähig, Rückerstattung zu leisten. Sie ist auf ihren gewinnträchtigen Hauptzweck hin vollständig durchorganisiert, Rückerstattung heißt aber, dass der Profit beschränkt wird. Moderne Arbeit schafft ein steriles Klima ökonomischer Rationalität und technischer Perfektion. Ihr Ideal sind die programmgemäßen Abläufe, die, von allem Beiläufigen und Unvorhergesehenen gereinigt, hocheffektiv zur Sache kommen. Das Agens dieser Arbeit ist nicht mehr der arbeitende, sondern der „funktionale Mensch“, dessen Person durch die Funktion, die ihm obliegt, ersetzt wurde. Arbeit und Arbeiter sind in diesen Prozessen gleichermaßen tot gestellt. Die Arbeit braucht immer weniger von dem, was menschliche Arbeitskraft beizusteuern hätte:
– Erfahrung und Lebensklugheit haben sich erledigt. Was es braucht, ist das jeweils aktuellste Funktionswissen. Aber das lässt die Erfahrung leer ausgehen. Erfahrung entsteht nicht aus Routinen und programmierten Verfahren, sondern aus Überraschungen, Besonderheiten und Unvorhergesehenem und aus Scheitern und Versagen, das vor allem.
– Zur Verständigung reicht dieser Arbeit eine kunstlose Sprache der technischen Kürzel, ein funktionales „Uniquak“ (I. Illich) mit weltweiter Geltung, das die Sprache der persönlichen Anrede, des Mitgefühls, der Verständigung, der Besinnung und Begegnung verdrängt. Die Sprache und das Tun haben sich immer gegenseitig herausgefordert und befruchtet. Von unseren Arbeitsverhältnissen gehen keine sprachschöpferischen Impulse mehr aus. Sprache wird mit Plastikwörtern durchseucht und dem Jargon der Werbeindustrie angenähert. Eine der bedrohlichsten und folgenschwersten Entwicklungen, die wir gegenwärtig beobachten können, ist die zunehmende Verwüstung unserer Sprache, die uns unfähig zur Anteilnahme macht.
– Die Geschicklichkeiten und persönlichen Fähigkeiten, derer es einmal bedurfte, um gute Arbeit zu verrichten, wurden durch technische Perfektion der Maschinen ersetzt und überboten. Aber woher soll die Freude an der Arbeit kommen, wenn ich mich in ihr nicht als fähig, als lernend und wachsend erfahren kann?
– Die persönliche Gewissenhaftigkeit im Bemühen um gute, solide Arbeit ist verzichtbar geworden, denn der funktionale Mensch qualifiziert sich nicht durch unbestechliche Gütemaßstäbe, sondern durch fraglosen Gehorsam gegenüber den Diktaten der Maschinerie.
– Noch immer unentbehrlich ist allerdings die Bereitschaft der Arbeitenden, gut und sogar hart zu arbeiten. Wenn aber die Arbeit denen, die sie tun, nichts zurückerstattet, keine Erfahrung des Gelingens nach ausgestandener Mühe, keine wohltuende Erschöpfung, keine Inspiration, keine Lernerfahrung, woher soll dann Motivation kommen? Das Geld muss besorgen, was die Arbeit selbst schuldig bleibt, damit Menschen tun, was von ihnen verlangt wird. Geld vermag scheinbar den fehlenden Enthusiasmus recht zuverlässig zu kompensieren. Eine gewisse Funktionslust und Erledigungsdrang tun ein Übriges. Aber es macht eben einen enormen Unterschied, ob die besagte Krankenschwester Freude an ihrer Arbeit hat oder ob sie die Arbeit nur als unerlässliches Übel, als ungelebte Lebenszeit in Kauf nimmt, um mit dem verdienten Geld Zwecke außerhalb ihrer realisieren zu können. Motivation kann man nun einmal nicht kaufen, obwohl ganze Heerscharen von Dienstleistern in der Motivationsindustrie genau das behaupten und an der allgemeinen Lustlosigkeit viel Geld verdienen.
Und wenn Lukács recht hat, dass das, was wir hervorbringen an Arbeitsresultaten, die Bedingungen ihres Zustandekommens repräsentiert, dann müssen wir uns vor den Produkten wirklich hüten und so wenig wie möglich davon in Gebrauch nehmen, um uns vor den toxischen Wirkungen dieser technischen Errungenschaften zu schützen.
Nein-danke-Sager“
Aber nicht nur von den Produkten, sondern auch von der Arbeitspflicht in diesem zerstörerischen System sollten wir uns, so gut es eben geht, fernhalten.
Viele tun das längst, indem sie in die Knie gehen, krank werden, wie gelähmt, leergebrannt. Andere werden von vornherein ausgemustert, werden der „Segnungen“ der Lohnknechtschaft gar nicht erst teilhaftig. Der Arbeitsmarkt erklärt immer mehr Menschen für überflüssig, er produziert massenhaft Drop-outs. Aber gerade ihnen traut Ivan Illich Enormes zu, nämlich dass sich die Drop-outs zu Refuseniks mausern, zu „Nein-danke-Sagern“, zu Systemdeserteuren, die nicht mehr reinwollen in das System aus Überproduktion, Überkonsumtion, Schulpflicht, Arbeitszwang und staatlicher Daseinsfürsorge, sondern raus aus ihm. Das ist aus vielen Gründen leichter gesagt als getan. Denn die Lohnarbeit einerseits und die Abhängigkeit von käuflichen Produkten andererseits behaupten sich als einzig mögliche Weisen, unser Dasein zu fristen. Dennoch: Es geht heute wirklich um mehr als nur um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und um mehr Lohngerechtigkeit. Es ginge darum, nach ganz anderen Weisen, uns umeinander zu kümmern, nach neuen Formen der Subsistenz, Ausschau zu halten. Peter Brückner hat an das Abseits als sicheren Ort erinnert. Es gebe immer Orte zu finden, die leer sind von Macht. Die institutionelle Umklammerung sei zu Anteilen Schein. Vielleicht sind solche Abseits im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr zu finden, sondern erst zu gründen. Dazu bedürfte es zunächst einmal einer radikalen Umkehr der Denkrichtung, von der Versorgung zur gegenseitigen Fürsorge, von den käuflichen Waren zum eigenen Tun, von der Konkurrenz zur Konvivialität, von der Effizienz zum Genüge, von der Unterwerfung unter die Diagnose von Experten zur Rückgewinnung von eigenen Fähigkeiten und Könnerschaften und vor allem: eigenen Zielen.
Expertenherrschaft
Die Experten sind die Star-Dienstleister. Sie haben sich das Recht angemaßt – es wurde ihnen freilich auch bereitwillig zugestanden –, darüber zu entscheiden, was in einer Gesellschaft Standard ist, woran sich also die Gesellschaftsmitglieder messen lassen müssen. Effizienzkalküle sind ohne Standards gar nicht möglich. Experten üben eine besondere Art von Herrschaft aus. Ihre Macht ist dreifaltig. Sie erkennen, diagnostizieren, erklären beliebige Erscheinungsformen des Lebens zum Problem, weil diese von den Standards, die sie selbst gesetzt haben, abweichen. Sie bieten sich selbst als die einzig legitimen Problemlöser an und sie bescheinigen sich selbst den Erfolg ihrer Problemlösungsstrategien. Das Erkennen des Problems schafft einen Behandlungsbedarf, die alleinige Zuständigkeit für die Problemlösung eröffnet dem Experten eine gut bezahlte Arbeit und die Effizienz, die er sich selbst bescheinigt, garantiert ihm gesellschaftliches Ansehen und Anspruch auf noch mehr Einkommen. Ivan Illich nannte dieses System „entmündigende Expertenherrschaft“. Vor den professionellen Dienstleistungen der Experten warnte Ivan Illich bereits in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. In einer Zeit also, als gerade dem Dienstleistungssektor zugetraut wurde, einen Ausweg aus einem zunächst unlösbar scheinenden Dilemma zu weisen. In kurzer Folge erschienen gerade die schockierenden Berichte des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“. Nach diesen warnenden Prognosen waren die unvermeidlich auf Wachstum angewiesenen industriellen Gesellschaften gleichzeitig durch ebendieses Wachstum in ihrem Bestand bedroht. Vom qualitativen Wachstum war auf einmal die Rede. Und der Dienstleistungssektor mit seinem geringen Rohstoffbedarf schien ungestraft unlimitiert wachsen zu können. In diese Situation also trifft Illichs fundamentale Kritik der Dienstleistungsberufe und seine Warnung vor deren Ermächtigung und Expansion.
Die Experten“, schreibt er, „konnten erst dann ihre dominierende Stellung erreichen und ihre entmündigende Funktion ausüben, als die Menschen bereit waren, tatsächlich als Mangel zu empfinden, was der Experte ihnen als Bedürfnis dekretiert.“ (Ivan Illich: Entmündigende Expertenherrschaft, in: ders. e. a. :Entmündigung durch Experten. Zur Kritik der Dienstleistungsberufe, Reinbek 1979, S. 20f.) Keine menschliche Befindlichkeit, die unter diesen Umständen nicht zum Übelstand erklärt werden könnte. Immer neue Defizite lassen sich diagnostizieren und durch darauf spezialisierte Dienstleistungen scheinbar beheben; Dienstleistungen genau jener Spezialisten, die die Missstände „entdeckt“ und als Problem „erkannt“ haben.
Die neuen Spezialisten kommen gern im Namen der Liebe daher und bieten irgendeine Form der Fürsorge an. … Die Erzieher zum Beispiel schreiben der Gesellschaft heute vor, was gelernt werden soll, und erklären das, was früher außerhalb der Schule gelernt wurde, als nichtig. Der Ernährungswissenschaftler schreibt die ‚richtige‘ Kost für den Säugling vor, der Psychiater verschreibt das ‚richtige‘ Antidepressivum, und der Schulmeister – mit inzwischen unumschränkter Erziehungsgewalt – fühlt sich berechtigt, seine Methode zwischen dich und alles was du lernen willst, zu schieben. … Die Ärzte hatten zwar immer bestimmt, was Krankheit ist und was nicht; heute aber bestimmt die dominierende Medizinzunft, welche Krankheiten die Gesellschaft tolerieren darf und welche nicht.“ (I. Illich a. a. O. S. 14/17/19)
Was einzig zählt, ist die Vollmacht des Experten, einen Menschen als Klienten oder Patienten zu definieren, die Bedürfnisse dieses Menschen zu bestimmen und ihm ein Rezept auszuhändigen, das seine neue gesellschaftliche Rolle definiert. Während die Höker und Hehler in alter Zeit verkauften, was andere verschenkten, maßen die modernen Experten sich an zu entscheiden, was verkauft werden muss und nicht verschenkt werden darf.“ (Ebd. S. 15) Die „Klientelisierung“ aller Gesellschaftsmitglieder ist das wachstumsgenerierende Geschäft der Experten. Aber Vorsicht: Der Begriff ist verräterisch. „Klient“ ist ein Begriff des alten römischen Rechts. Er bezeichnet einen Bürger niederen Standes, der einem Patrizier zu Diensten verpflichtet ist. Das taugt gut zur Entlarvung des Dienstleistungsschwindels. Nicht der Dienstleister dient dem Klienten, sondern umgekehrt, der Klient dient dem Dienstleister, der „gern im Namen der Liebe daherkommt“ (ebd. S. 14).
Die Expansion der Dienstleistungsindustrie ist also keineswegs unbedenklich.
Sie bewirkt dreierlei:
– Sie bringt den Liebesdienst zugunsten der käuflichen Dienstleistung zum Verschwinden.
– Sie schürt „die gierige Unersättlichkeit ihrer Opfer“ (ebd. S. 7).
– Sie entfähigt die Menschen; und gerade darauf beruhen ihr stetes Anwachsen und ihre Rechtfertigung. Denn anders als die Warenproduktion, die auf den „hedonistischen Konsumismus“ (P. P. Pasolini) der Käufer zielt, „reagiert“ die Dienstleistungsproduktion scheinbar auf eine wachsende Hilflosigkeit der Menschen.
Der Hedonismus ist immerhin kritisierbar, die Hilfsbedürftigkeit nicht.
social engineering“
Lassen Sie mich zum Schluss noch ein paar Bemerkungen zu einer Ideologie machen, die mit der Ideologie der Effizienz unauflöslich verknüpft ist. Ich meine die Ideologie von der Weltrettung durch Innovation.
Der Begriff der Innovation wird heute zwar vorwiegend mit der Technik und der Warenproduktion in Verbindung gebracht, er spielt aber im Bereich des Sozialen eine ebenso gewichtige Rolle. Dort aber, so wird behauptet, gelte eine andere Logik, die Logik der Humanisierung der Verhältnisse. Wie aber, wenn das Wesen der sogenannten sozialen Innovationen gerade darin bestünde, die menschlichen Verhältnisse zu maschinieren, sie den Gesetzen des Maschinellen zu unterwerfen, nicht nur im Sinne einer Analogie, sondern faktisch. Im Englischen werden „soziale Innovationen“ ziemlich ungeschminkt als „social engineering“ annonciert, und damit ist klar gesagt, dass es dabei um die Produktion von Verfahren geht, die dem Maschinenwesen nicht nur vergleichbar, sondern mit ihm vollständig kompatibel sind. Ins Auge springend steckt ja im Wort „engineering“ das Grundwort „engine“, und das heißt laut Oxford-Wörterbuch „Motor“ und „Lokomotive“. Der „engineer“ ist der Ingenieur. Aber während Ersterer sich zu seiner Liaison mit der Maschine bekennt, ist es im Deutschen möglich, den Ingenieur als Künstler zu betrachten. Wir sprechen durchaus von Ingenieurskunst. Und das hängt wohl damit zusammen, dass im deutschen Begriff, trotz seiner offenkundigen Verwandtschaft mit dem englischen, nicht die Maschine, sondern das „Ingenium“ mitschwingt. Trotzdem wäre es heute sprachlich sehr drastisch und verräterisch vom „Sozialingenieur“ zu sprechen. Soziale Innovation klingt wirklich viel freundlicher, meint aber dasselbe.
Soziale Neuerungen müssen – wie die technischen – in schneller Folge Neuerungen weichen, je nachdem, welche Arbeits- und Konsumenten„tugenden“ die Maschinerie des Marktes, ihrem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend, verlangt. Wer sich heute um einen anspruchsvollen Job bewirbt, kommt kaum daran vorbei, sich als innovativ und flexibel anzupreisen. Und Flexibilität besteht in moderner Lesart gerade darin, sich das gestern noch Gültige abzutrainieren, am besten, es völlig zu verlernen, zu nichten, um sich „frei“ zu machen für das, was jetzt – vorläufig – im Schwange und opportun ist. „Die Fähigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen und Fragmentierung zu akzeptieren, ist der herausragende Charakterzug der flexiblen Persönlichkeit …“ (Vgl.: Richard Sennett: Der flexible Mensch, Berlin 1998, S. 79f.) Im technischen wie im sozialen Milieu gilt Innovation der Auslöschung des Alten: „… in allen (Hervorhebung M. G.) Bereichen des Lebens (beriefen sich) sogenannte Neuerer auf das Ansehen der Naturwissenschaft, um ihre Sichtweise zu fördern, besonders auf politischem und sozialem Gebiet. Die gesellschaftliche Organisation galt nun als etwas Geschaffenes“ (René Girard: Die verkannte Stimme des Realen, München 2002, S. 207), das folglich immer neu zur Disposition stand.
Unverkennbar ist Innovation ein Begriff der technokratischen Gesellschaft, die einem linearen technischen Fortschritt huldigt und deren Ziel es ist, ein technogenes Milieu herzustellen, in dem allem, „was nicht wissenschaftlich entwickelt, fabriziert, geplant und irgendjemandem verkauft worden ist“ (Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft, 4. Auflage, München 1994, S. 147), das Daseinsrecht abgesprochen wird.
Worüber sich die Innovationspropaganda jedoch vornehm ausschweigt, das ist der ultimative Zweck all dieser innovativen Anstrengungen. In letzter Instanz geht es, worauf Günther Anders in seinen beiden Werken zur „Antiquiertheit des Menschen“ schon seit den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts scharfsichtig und unüberhörbar (er wurde trotzdem nicht gehört) hingewiesen hat, um den Menschenersatz bis hin zum Ersatzmenschen. Da der Mensch zur Perfektion nicht taugt, muss er durch Maschinenhilfe erst verbessert und dann überflüssig gemacht und schließlich gegen Maschinen ausgetauscht werden. Innovateure träumen ganz ungeniert von menschenbereinigten Verhältnissen: Schulen ohne Lehrer, Lastwagen ohne Fahrer und Pflegeheime mit Fütterungsautomaten gibt es bereits. Die hochfliegenden Träume gehen indes viel weiter.
Facit
Heißt das nun, dass moderne Gesellschaften keine Erneuerung brauchen? Soll alles beim Alten bleiben? Ist es gut so, wie es ist? Keineswegs: Ivan Illich plädierte schon vor beinahe fünfzig Jahren für eine „konviviale Erneuerung“. Die Hypothese, auf der die industrielle Gesellschaft fußte, „besagte, dass die Sklaverei mit Hilfe von Maschinen abgeschafft werden kann. Es hat sich gezeigt, dass Maschinen die Menschen versklaven. … Nicht Werkzeuge, die ihnen die Arbeit abnehmen, brauchen die Menschen, sondern neue (Hervorhebung M. G.) Werkzeuge, mit denen sie arbeiten können. Nicht weitere gut programmierte Energiesklaven brauchen sie, sondern eine Technologie, die ihnen dabei hilft, das Beste zu machen aus der Kraft und Phantasie, die jeder besitzt. … Ich wähle den Begriff ‚Konvivialität‘, um das Gegenteil der industriellen Produktivität bezeichnen zu können. Er soll für den autonomen und zwischenmenschlichen Umgang und den Umgang von Menschen mit ihrer Umwelt als Gegensatz zu den konditionierten Reaktionen von Menschen auf Anforderungen durch andere und Anforderungen durch eine künstliche Umwelt stehen.“ (Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, München 1998 (1975 zuerst auf Deutsch erschienen), S. 27f.)
Und was die Zukunftsorientierung, auf die sich die Innovateure so viel zugutehalten, betrifft: Was wäre, wenn wir uns einmal für die Gegenwart interessieren würden, denn sie brütet die Zukunft aus? In einer befriedeten Gegenwart müssten wir uns um die Planung einer lebbaren, friedvollen Zukunft nicht viel Gedanken oder gar Sorgen machen.
Epochale Umbrüche hießen früher Renaissancen, Reformationen, Revisionen und Revolutionen. Ihnen allen ist die Vorsilbe re- gemeinsam, das heißt: Der „Neuanfang“ ist nicht als „Stunde null“ zu denken, nicht als creatio ex nihilo. Jede Erneuerung erfordert demnach eine Rückbesinnung auf das Vergangene. Wenn ich einen Weg zurückverfolge, treffe ich auf jene Wegscheiden, an denen die Entscheidungen zugunsten des dann tatsächlich beschrittenen Weges gefallen sind. Dort könnten sich noch Spuren der verworfenen, nicht realisierten Möglichkeiten finden, die uns erlauben, die modernen Selbstverständlichkeiten als historisch gewordene und nicht naturgegebene zu erfahren, was ja die Voraussetzung dafür ist, sie in Zweifel zu ziehen. „Es ist ein großer Unterschied, ob man die Geschichte dessen schreiben will, worauf unsere Welt aufbaut, oder die Geschichte dessen, was verlorengegangen ist, erzählen will.“ (Ivan Illich: Genus, Reinbek 1983, S. 119) Das Bild der Vergangenheit droht für immer zu verschwinden, „wenn sich die Gegenwart nicht mehr in ihm erkennt“, sagt Walter Benjamin, aber es gilt auch das Umgekehrte: Die Gegenwart läuft sich tot, wenn sie sich nur auf sich selbst verlässt, sich nur aus sich selbst erschafft und das andere ihrer selbst ignoriert.
Innovation ist die unbußfertige Erneuerung. Ihr erscheint jede Rück-Sicht als ein Rück-Fall. Unter dem Imperativ der Innovation werden Gegenwartskrisen niemals aus begangenen Irrtümern oder Fehlentscheidungen erklärt. Krisen sind in dieser Lesart immer und ausschließlich Resultat eines Novitätsmankos. Wer oder was in der Krise steckt, ist nicht modern genug, ist folglich innovationsbedürftig.
Originaltext
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Streit um Leitkultur

Von Urs Meier, „Journal21“
Viele finden sie notwendig, um Einwanderer auf bestimmte Werte und Verhaltensweisen zu verpflichten. Andere lehnen sie als nicht zeitgemässe Anmassung ab.
Vor zwei Jahrzehnten hat der Politologe Bassam Tibi einen Begriff geprägt, um den bis heute stets von neuem gestritten wird: Leitkultur. Tibi meinte damit einen Wertekonsens, auf dessen Grundlage sich ein Zusammenleben von Ansässigen und Zugewanderten entwickeln könne. Als Pfeiler einer solchen Übereinkunft nannte er die Begriffe Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.
Mit seinem neu eingeführten Terminus zielte Bassam Tibi auf eine Vorstellung von Identität, die gerade nicht auf deren herkömmliche Bestandteile der Nation, Ethnizität oder Religion zurückgreift. Ihm als Deutschem syrischer Herkunft war aufgefallen, dass besonders die wenig gebildeten muslimischen Migranten – nicht zuletzt als Reaktion auf die für sie fremde Welt – sich überaus stark mit ihrer ethnischen und religiösen Herkunft identifizierten. Sind diese Menschen nun mit einer Gesellschaft konfrontiert, in der nicht Ethnie oder Religion zuoberst stehen, sondern Normen der westlichen Zivilisation, so ist dies für beide Seiten schwierig und konfliktträchtig. Es treffen nämlich zwei völlig verschiedenartige Konzepte von Identität aufeinander.
Die Konstellation ist auf der einen Seite anspruchsvoll, bietet andererseits aber auch die Chance, unterschiedliche Selbstverständnisse in einen liberalen, pluralistischen Rahmen hinein zu integrieren. Indem die aufnehmende Gesellschaft den muslimischen Migranten diesen westlichen Wertezusammenhang als europäische Leitkultur vorstellt, hilft sie ihnen – so damals Tibis Hoffnung –, eine weiter gefasste, die multiplen Pluralitäten der westlichen Zivilisation akzeptierende Identität zu entwickeln.
Umdeutung zum Kampfbegriff
Was der Sozialwissenschafter Bassam Tibi mit seiner Leitkultur-Formel gerade nicht beabsichtigte, machte dann postwendend die Politik daraus: einen Kampfbegriff. Die so verstandene Leitkultur-Parole richtet sich gegen die Idee (die Rechten sagen verschärfend: die Ideologie) der Multikulturalität und fordert stattdessen von den Zugewanderten Assimilation. Bald war denn auch von „deutscher Leitkultur“ die Rede. Die links-grüne Seite wollte damit nichts zu tun haben. Sie argwöhnte, im Leitkultur-Begriff wirkten bloss die alten imperialistischen Reflexe.
Und da der Streit einmal entfacht war, geriet der ursprüngliche Zusammenhang des Leitkultur-Begriffs in Vergessenheit. Als politische Parole steht er zumeist für einen doppelten Anspruch (den man jeweils entweder vehement verfechten oder zurückweisen kann): den auf kulturelle Suprematie der aufnehmenden Gesellschaft und den auf Anpassung der Fremden. Die sich entgegenstehenden Positionen generieren fortwährend Stoff für epische Debatten. Das beobachten wir nun seit bald zwanzig Jahren.
Obschon mit anderen Absichten lanciert, ist Bassam Tibis Begriffskreation an diesem sich perpetuierenden Disput nicht ganz unschuldig. Wer Leitkultur sagt, provoziert unausweichlich die Frage, worin denn diese genau bestehe. Und selbstverständlich kann jede Umschreibung ihres Inhalts je nach Standpunkt als unzulässig verengt – etwa weil sie LGBTI-Rechte unterschlägt – oder aber als vereinnahmend – etwa weil sie das Christentum als Bestandteil der Leitkultur erwähnt – zurückgewiesen werden.
Gescheiterter Versuch zur Rehabilitation
Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière hat vor einigen Monaten – mithin schon im Vorfeld der Bundestagswahl – den Versuch gewagt, eine neue Leitkultur-Debatte anzuzetteln. Zehn Punkte stellte er zur Diskussion. Offenbar bemüht, die alten starren Fronten aufzuweichen, schickte er seinem Leitkultur-Katalog die ausführliche Anleitung für eine temperierte Lesart des Begriffs voraus: Leiten sei ja etwas Freundlicheres als das autoritative Anordnen, und Kultur meine etwas Fluideres als das eherne Normieren. Um dies zu unterstreichen, entwarf de Maizière seine in der „Bild am Sonntag“ vom 30. April 2017 veröffentlichten Zehn Punkte zur Leitkultur als lockere Sammlung von Konventionen, Bildungszielen, politischen Leitlinien und allgemeinen Wertvorstellungen. Es ist der Mühe wert, de Maizières Überlegungen in geraffter Form zu vergegenwärtigen:
Zur für Deutschland massgeblichen Leitkultur gehören
  1. der Handschlag und das offen gezeigte Gesicht;
  2. ein Verständnis von Bildung als Wert und nicht nur als Mittel zum Zweck;
  3. die Bereitschaft zur individuellen und sozialen Leistung;
  4. ein kritisches Geschichtsbewusstsein;
  5. die Lebendigkeit des grossen kulturellen Erbes Deutschlands und eine breite kulturelle Praxis;
  6. die christliche Prägung des Landes und eine faktische Pluralität von Religionen (Kirchen, Synagogen, Moscheen), die der Gesellschaft dienen und friedlich zusammenleben;
  7. zivile Konfliktregelung ohne Gewalt;
  8. aufgeklärter Patriotismus und überwundener Nationalismus;
  9. Zugehörigkeit zum Westen und Integration in Europa;
  10. kollektive Erinnerungen und verbindende symbolische Orte in Deutschland, unterschiedliche heimatliche Verwurzelungen.
Im Wahlkampf kommt den Parteien jede Gelegenheit zum Streit zupass, der Pro-bono-Versuch des Innenministers selbstverständlich nicht ausgenommen. Die alten Fronten stehen auch bei dieser neuerlichen Diskussion unverrückt. Stimmen für eine Leitkultur-Debatte kommen von der CDU-CSU sowie von der AfD; SPD, Grüne, Linke und FDP lehnen ein solches Ansinnen ab.
Aus liberaler Sicht ist eine Leitkultur-Debatte unnütz und schädlich. Das Grundgesetz genüge als Anleitung zur Integration; darüber hinausgehende Bestimmungen brauche es nicht. Die Kritik von Rot-Grün begründet sich vornehmlich mit der Meinung, wer „Leitkultur“ sage, äussere eine Herr-im-Haus-Haltung, welche die Rechte und Sensibilitäten der Zugewanderten missachte.
Auf der Befürworterseite sind die Gründe und Motive ebenfalls uneinheitlich. Den einen geht es offensichtlich darum, wenig integrationswilligen oder -fähigen Zugewanderten den Tarif zu erklären. Andere Unterstützer der Leitkultur-Idee wiederum glauben (darin der ursprünglichen Intention des Begriffs nahe), mit einem entsprechenden Konzept die Integration voranbringen zu können. Man wird Thomas de Maizières Diskussionsvorstoss in diesem Sinn verstehen dürfen.
In den Zehn Punkten kann man bei wohlwollender Interpretation durchaus den Versuch sehen, mit einer konsensfähigen Beschreibung von Integrationszielen die Grundlage für einen erfolgreichen Integrationsprozess zu liefern. Adressaten dieses Konsensversuchs sind die Akteure der aufnehmenden Gesellschaft und die Zugewanderten gleichermassen. Vieles, was de Maizières Programm als Diskussionsbasis vorschlägt, erscheint für sich genommen durchaus sinnvoll und tauglich.
Schwierigkeiten mit dem Kulturbegriff
Der Grund, weshalb auch dieser Versuch offensichtlich gescheitert ist – scheitern musste –, hat mit der Unfassbarkeit des Wortes Kultur zu tun. Diese einst vom Sprachalltag etwas abgehobene, eine Sphäre des Höheren beschreibende Vokabel wurde ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts vom Sockel geholt und zum gewöhnlichen Wort herabgestuft. Dafür zahlt die Sprache allerdings einen Preis, der nicht vorgesehen war: den der fast grenzenlosen Beliebigkeit und weitgehenden Unklarheit des Wortes Kultur. Sein Bedeutungsgehalt verliert sich auf der einen Seite in immer abstrakteren, entleerteren Begrifflichkeiten. Kultur meint in diesem sozialwissenschaftlich inspirierten Wortgebrauch am Ende lediglich „ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Verhalten und Zusammenleben von Menschen leiten“ (Wikipedia). Gleichzeitig lebt im Sprachgebrauch auf der anderen Seite ein älteres, kulturphilosophisch unterlegtes Verständnis des Begriffs. Es meint mit Kultur eine auf reflektierten Haltungen und ästhetischen Formungen beruhende geistige Welt.
Im Begriff der Leitkultur kippt der Wortbestandteil „Kultur“ zwischen diesen beiden Verständnissen hin und her, ohne sich klar auf eine Seite zu schlagen. So schwankt der Ausdruck zwischen einer nicht wertenden Erfassung der „Regeln und Gewohnheiten, die das Verhalten und Zusammenleben von Menschen leiten“ und einer normativen Beschreibung dessen, was „reflektierte Haltung und ästhetische Formung“ ausmachen. Im ersten Sinn kann Leitkultur als eine Art sozialpädagogische Anregung oder Anleitung zur Integration erscheinen; im zweiten erhebt sie wertende Ansprüche, an denen Integrationsbemühungen zu messen sind.
Mechanismen der sozialen Integration
Angesichts sich mehrender Anzeichen unzureichender, teils auch offen verweigerter Integration hat das Thema politische Brisanz. Im sozialpolitischen Kontext ist der Begriff der Integration allerdings gefährlich unklar: Wie weit sollen Zugewanderte sich integrieren? Sollen die Ansprüche möglichst tief oder bewusst hoch angesetzt werden (etwa beim Erlernen der Sprache)? Setzt die Vorstellung des Integrierens den Akzent beim Sich-Einfügen der Zugewanderten, oder geht es primär um die Offenheit der aufnehmenden Gesellschaft? Leitkultur oder Willkommenskultur? Oder ist beides gemeint? Wenn ja, in welchen Gewichtungen und Bedingungsverhältnissen?
Operiert man in den komplizierten Mechanismen der sozialen Integration mit dem Begriff der Leitkultur, so verschiebt man die Gewichte auf die Seite der Anpassungsforderungen. Natürlich darf man das. Doch wer eine Leitkultur postuliert, sollte deren Zusammenhang mit der Vorstellung einer Unterordnung der Zugewanderten nicht vertuschen. Dieser Gedanke steht zwar dem entgegen, was ein Bassam Tibi und ein Thomas de Maizière unter Leitkultur erklärtermassen verstehen wollen. Doch der Leitkultur-Begriff funktioniert nun mal direktiv und lässt sich nicht auf partnerschaftlich frisieren.
Schade um die guten Absichten! Denn es ist wohl klar, dass Integration – als Leistung sowohl der aufnehmenden Gesellschaft wie auch der Zugewanderten – von allen Beteiligten Anstrengungen und Anpassungen verlangt. Gelänge es, sich hierfür auf gemeinsame Leitvorstellungen zu verständigen, wäre dies zweifellos von Nutzen. Die Suche danach sollte man sich allerdings besser nicht als harmonischen Diskurs vorstellen, der nach einem ruhigen Meinungsaustausch rasch ein klares und allseits gutgeheissenes Ergebnis hervorbrächte – womöglich gar eines, das dann gleich für mehrere Jahre Bestand hätte.
Permanente, nicht steuerbare Aufgabe
Nein, das wird ein bisschen schwieriger werden mit der Konsenssuche. Realistisch gesehen ist eine solche Verständigung eine permanente Aufgabe. Läuft es gut damit, so gelingt es, ein paar gemeinsame Orientierungspunkte herauszuschälen und im Übrigen bei strittigen Fragen im Gespräch zu bleiben. Und da ein solcher Prozess nicht hierarchisch-zentral durchgeführt werden kann, muss er überall da stattfinden, wo es Konflikte gibt. Die Ergebnisse werden – abhängig von den jeweils Beteiligten und den jeweiligen Umständen – keinesfalls einheitlich ausfallen.
Die Vorstellung einer Leitkultur wird diesem Pluralismus der Situationen nicht gerecht. Trotzdem ist es gut, wenn Orientierungsangebote wie de Maizières Zehn Punkte zur Diskussion gestellt werden. Die daraus hervorgehenden Anregungen können von Betroffenen übernommen oder verworfen werden. Sie tragen darüber hinaus zur allgemeinen Meinungsbildung bei und fördern in einem schwierigen Themenfeld eine Kultur des Diskurses.
Diskussionsvorstösse zur Identifizierung von Integrationszielen sind also zu begrüssen; sie sollten aber nicht den Anspruch erheben, eine Leitkultur zu definieren. In der Idee einer Leitkultur steckt die Versuchung, die schwierige Verständigung abzukürzen. Wie sich zeigt, klappt das schon deshalb nicht, weil es nicht gelingt, den Begriff der Leitkultur einvernehmlich zu füllen. Und selbst wenn dies doch irgendwann zu schaffen wäre, so brächte der mit Inhalten gefüllte Kulturbegriff die erstrebte Verständigung zwischen ungleichen Partnern von Anfang an in Schieflage. Denn wie soll das gehen, wenn die eine Seite zum vornherein das Ergebnis kennt? Einen solchen Dialog kann man sich schenken. Da schreitet man besser gleich zur Befehlsausgabe.
Der Begriff einer Leitkultur ist nicht zu retten. Er funktioniert im Kontext der sozialen Integration ganz einfach nicht. Weder ist er in konsensfähiger Weise konkretisierbar, noch taugt er zur Leitung der intendierten Verständigung. Dieses Scheitern auf der ganzen Linie kann nicht verwundern. Denn Kultur ist keine normative Grösse, kein strategisch verrechenbarer Faktor, keine Handhabe zur Erreichung vorgegebener Ziele. Was Kultur ist, wohin sie sich entwickelt, womit sie sich auseinandersetzt, welches neue Denken und Fühlen sie hervorbringt, das weiss man immer nur im Nachhinein. Das Kompositum aus Leiten und Kultur ist ein Widerspruch in sich selbst. Nun sind zwar Widersprüche in der Kultur immer wieder eminent fruchtbar. In der Politik sind sie es nicht.
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Falsch gelaufen

Christoph Zollinger, „Journal21“
Wer bedroht unser freiheitliches Gedankengut? Neben den politischen Potentaten sind es auch einige Top-Manager.
Die Kartellvorwürfe gegen VW, Daimler, BMW, Porsche und Audi sind happig. Die Autoindustrie, das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft steht – noch sind die Trümmer des Abgasskandals nicht weggeräumt – erneut im Verdacht betrügerischen Verhaltens. Der freien Marktwirtschaft, die auf den Ideen des Liberalismus basiert, droht gewaltiger Schaden.
Skandal folgt auf Skandal
Wer meinte, der Skandal um manipulierte Abgaswerte hätte ein Umdenken in den Top-Etagen der Automobilindustrie bewirkt, lag falsch. Der „Umweltgipfel“ von Anfang August 2017 der Regierung mit den Branchenchefs brachte keine Anzeichen eines Richtungswechsels. Vielmehr konstatierte die Wochenzeitung „Die Zeit“, dass „das Kanzleramt den Konzernen half, die Grenzwerte anzupassen“. Die teuren Massnahmen, die nötig gewesen wären zur Sanierung der Diesel-Dreckschleudern, konnten mit gütiger Mithilfe eben dieses Amtes vermieden werden.
Es ist die Skandalgeschichte der „Autokanzlerin“, die da abläuft. Politiker haben den Autoherstellern seit Jahren strenge Abgaswerte der EU vom Leib gehalten und sie mit Subventionen unterstützt. Die Quittung folgt scheibchenweise. Einzelne Nationen und Städte haben bereits Fahrverbote für Dieselfahrzeuge ins Auge gefasst.
Angesichts des Schlamassels empfiehlt VW seinen Kunden ungerührt: Kauft euch doch einfach bei uns ein neues Auto! Vor dem Hintergrund möglicher Kosten von zwanzig Milliarden Euro für die Umrüstung der Dieselflotte eine typische „geniale“ Idee des Konzerns! Oder, wie andere Beobachter meinen, eine weitere Geste der Arroganz.
Wir erleben tatsächlich turbulente Zeiten. Alte Gewissheiten werden weggespült, politische und wirtschaftliche Regeln entsorgt. Unter dem Deckel der überlegenen liberalen Wirtschaftsordnung sind in der globalisierten Welt Machenschaften an der Tagesordnung, die Beobachter in höchster Frustration zurücklassen könnten.
Verbotene Kartelle
In der Schweiz gilt seit 1995: „Das Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen (Kartellgesetz, KG) bezweckt, volkswirtschaftlich oder sozial schädliche Auswirkungen von Kartellen und anderen Wettbewerbsbeschränkungen zu verhindern und damit den Wettbewerb im Interesse einer freiheitlichen marktwirtschaftlichen Ordnung zu fördern. Die Sicherstellung des wirksamen Wettbewerbs in der Schweiz basiert dabei auf drei Säulen: Erstens untersagt das Kartellgesetz Abreden zwischen Unternehmen, die den Wettbewerb erheblich beschränken und nicht durch volkswirtschaftliche Effizienzgründe gerechtfertigt sind. Zweitens ist der Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung durch ein oder mehrere Unternehmen verboten. Drittens sieht das Kartellgesetz vor, dass bei Fusionen, an denen grosse Unternehmen beteiligt sind, durch die Wettbewerbskommission (WEKO) zu untersuchen ist, ob durch die Fusion eine marktbeherrschende Stellung begründet oder verstärkt wird, durch die wirksamer Wettbewerb beseitigt werden kann.“ (Seco – Staatssekretariat für Wirtschaft)
Das war nicht immer so. Tatsächlich war die Schweiz früher eines der kartellfreundlichsten Länder Europas. Unvergessen das Bierkartell des Schweizerischen Bierbrauervereins, dem mit spektakulären Aktionen des Karl Schweri (Denner) 1969 der Kampf angesagt wurde und das dadurch letztlich pulverisiert wurde.
Man kann daraus schliessen, dass ein Meinungsumschwung in der Bevölkerung der Politik die neuen Regeln diktiert hatte: Absprachen sind nicht mehr zeitgemäss, umso weniger, als die neuen Regeln der Transparenz geheime Abkommen früher oder später offenlegen. Datentransfers im Internet bringen Licht ins Dunkel, wo früher geheime Vereinbarungen zulasten des Endverbrauchers oder des Staates ein Wirtschaften nach ganz eigene Regeln ermöglichten.
Wenn die Europäische Kommission im Juli 2017 bestätigt hat, dass sie Informationen über ein mutmassliches Kartell deutscher Autobauer prüft, so kann davon ausgegangen werden, dass hier jahrelang Absprachen getätigt wurden, von denen zumindest einzelne gegen das EU-Kartellrecht verstiessen.
Bedrohte Freiheiten
Antiliberale Kräfte bedrohten den westlichen Liberalismus, diagnostizierte kürzlich Timothy Garton Ash, der bekannte britische Historiker („Schweizer Monat“). Er macht dafür auf der politischen Ebene auch die „terribles simplificateurs“ verantwortlich, jene wortgewaltigen populistischen Heilsverkünder.
Diese Thesen in Ehren, doch sie ignorieren die hausgemachten Bedrohungen, wie sie aus dem inneren Kreis der Wirtschaftseliten je länger, je offensichtlicher zu Tage treten. Die Art, wie manche Top-Managements gegen das liberale Credo verstossen, versteht sich zwar nicht als „antiliberale Konterrevolution, als bewusste Reaktion auf den Vorwärtsmarsch der Freiheit und des Liberalismus“ (so Timothy Garton Ash im genannten Artikel). Sie hat aber auf weite Strecken die gleiche Wirkung wie der freiheitsfeindliche Populismus.
Was uns innerhalb eines Jahres an Skandalnachrichten aus der deutschen Schlüsselindustrie erreicht, ist unerträglich. Dass inzwischen eine weltweite Fahndung nach VW-Managern angelaufen ist, die in die Abgasaffäre verwickelt sein sollen, spricht Bände. Dass es bei jenem umweltschädlichen Verhalten nicht ohne Absprachen unter den grossen Herstellern ging, erscheint einleuchtend. Dass jetzt noch ein umfassenderer Kartellverdacht dazukommt, eine krasse Verletzung der offiziell hochgelobten marktwirtschaftlichen Regeln, ist schon ein starkes Stück.
Wurden hier etwa die Ideen des Adam Smith gezielt „optimiert“? Smith sah bekanntlich die Orientierung am wirtschaftlichen Eigennutzen der Marktteilnehmer als Garanten für den Gesamterfolg des wirtschaftlichen Systems. Allerdings ist es bei ihm die „spontane Ordnung“ und die „unsichtbare Hand“ des Marktes, welche die Interessen des Individuums und der Gesellschaft in Einklang bringen. Im Falle von Absprachen durch Kartelle wird sowohl der „unsichtbaren Hand“ als auch der „spontanen Ordnung“ in strafbarer Weise nachgeholfen. Notwendigerweise gerät solches Verhalten nun ins grelle Scheinwerferlicht eben jener staatlichen Behörden, die doch eigentlich in der Wirtschaft möglichst abwesend sein sollten für eine gedeihliche Entwicklung ohne Staatszwangsjacke.
Totengräber eines Erfolgsmodells
Was immer die konzerneigenen Kommunikationsstrategen uns jetzt weismachen wollen, es bliebt der Kollateralschaden an einem Wirtschaftssystem, das auf freiheitlichen Ideen basiert. Geschädigt werden die Mehrzahl ehrlicher und gradliniger Chefs anderer Branchen sowie Tausende von Patrons der KMUs. Waren schon die exzessiven Gehaltsbezüge in den Top-Etagen der Konzerne Auslöser von Ärgernis, Wut und Kopfschütteln, so lassen die neuesten Kapriolen immer deutlicher werden, dass es eine globale Clique von Machtmenschen gar nicht interessiert, was Gesellschaft und Politik von ihnen halten. Sie bewegen sich in ihrer selbstinszenierten Welt, als ginge es dabei um ein Monopoly-Spiel.
Sollte sich bewahrheiten, dass tatsächlich langjährige illegale Absprachen zwischen den grossen deutschen Autobauern stattfanden, drohen diesen Konzernen ein weiteres Mal Milliardenstrafen (das kennen wir aus der Bankenwelt). Und einmal mehr sähen sich jene Kritiker bestätigt, die schon seit langem in der Marktwirtschaft eine Lizenz zu unlauterer Selbstbereicherung sehen.
Solche Überlegungen führen zum Schluss, dass die Bedrohungen liberaler Freiheiten – und folgerichtig auch der demokratischen Errungenschaften – nicht nur von aussen, sondern ebenso wirkungsvoll von innnen kommen. Es mag das Tempo der Globalisierung viele Menschen verunsichern und für Populismen anfällig machen. Ebenso abträglich für unser demokratisches Gesellschaftssystem, das unseren Wohlstand erst ermöglicht, sind jedoch die missbräuchlichen Auslegungen dieses hart erkämpften Gedankenguts durch skrupellose Wirtschafskapitäne.
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Zu Hause bleiben

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Der etwas andere Reise-Ratgeber
„Raum für alle hat die Erde“ konnte Friedrich Schiller vor über zwei Jahrhunderten in seinem Gedicht „Der Alpenjäger“ noch zuversichtlich dichten. Er meinte damals mit „alle“ Mensch und Tier. Diese Zuversicht weicht heute einer globalen Beklemmung. Ein engmaschiges Verkehrs- und Kommunikationsnetz überzieht die physische Geografie mit einer artifiziellen. Wer es sich leisten kann, verschiebt sich darin mühelos von Ort zu Ort – wofern man es überhaupt für nötig hält, sich zu bewegen. Denn für den modernen Technologiekonsumenten ist die Welt inzwischen auf Tastendruck zuhanden – oder vielmehr: ist sie zusammengeschrumpft auf das, was sich mittels Tastendruck heranholen lässt. Wir sind Zeugen einer paradoxen Mutation: Die Hypermobilität bringt einen neuen Zustand der Unbeweglichkeit hervor.
Wir Migranten
Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite reisst eine weltweite Dynamik die Menschen aus den Halterungen ihrer Traditionen und spült sie als Treibgut über die Oberfläche des Planeten. Wir beobachten diese Dynamik in der Richtung von Entwicklungsländern zu Industrieländern als Flüchtlingsströme. Schon seit längerem bewegen sich in umgekehrter Richtung die Touristenströme.
Beide haben etwas gemeinsam: eine Zwangslage. Während die einen der äusseren Zwangslage von politischer Instabilität, wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit, Krieg entkommen wollen, tun dies die andern aus der inneren Zwangslage von Langeweile, Sinnkrise, Burnout heraus. Eine tiefe Ironie liegt darin, dass gleichzeitig viele Menschen jener Regionen, die der europäische Tourist bereist, nun ihrerseits nach Europa kommen wollen. Bereits zynisch mutet an, wie sich die Existenznöte der Notstandsflüchtlinge und Luxusnöte der Wohlstandsflüchtlinge begegnen.
Reisen heisst Weggewesen-Sein
Der Tourist reist auf der Basis eines Privilegs, nämlich ein Zuhause zu haben. Und um das Zuhause dreht sich das Reisen ja eigentlich. Der Tourist ist ein Rückkehrer, er macht eine „Tour“. Er braucht das Ferne, Fremde als Exkurs, als Passage, die zurückführen zum Nahen, Heimischen. Man reist auch für die Daheimgebliebenen. Man bringt ihnen Trophäen in der Gestalt von Geschichten, Bildern, Souvenirs, vielleicht auch Bekanntschaften. Und darin konserviert der Tourismus ein Stück Atavismus. Auch der Frühmensch „tourte“ auf seinen Beutezügen, um Hab und Gut fremder Stämme zu erobern, Kriegsgefangene, Sklaven, und vor allem junge Frauen nach Hause zu bringen.
Wenn ein solcher materieller Erbeutungsaspekt des Reisens heute nicht mehr dominant sein mag, so manifestiert er sich dennoch implizit in einer generellen Haltung zum Reisen: Wir reisen, wie sich sagen liesse, eigentlich im Perfekt. Wir reisen nicht, um weg zu sein, sondern um weg gewesen zu sein, nicht, um etwas zu erfahren, sondern um etwas erfahren zu haben. Wie wenn die Gegenwart des Reisens immer schon ein wenig überschattet wäre von der Finalität der Heimkehr. Man halte sich nur die Pulks von Touristen vor Augen, die eigentlich gar nicht „da“ sind, sondern mit ihren Selfiesticks in der Welt herumstochern, um eine möglichst grosse Ausbeute an Weggewesen-Sein zuhause präsentieren zu können.
Reisen ist Unverweilen
Wenn Tourismus Rückkehr bedeutet, dann gefährdet er sich in seiner industrialisierten Form selbst. Das heisst, die Tourismus-Maschine braucht den überreizten, im Grunde unbefriedigten, gelangweilten Konsumenten als universellen Treibstoff. Denn wie der Konsum einer beliebigen Ware soll ja auch der Konsum einer Reise Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass neue Bedürfnisse genährt werden. Soll aber der Tourist auf Touren gehalten, die Tretmühle durch Abhängigmachen in Gang gehalten werden, gibt es in diesem Sinn keine Rückkehr mehr, nur das Immer-weiter-so im existenziellen Laufkäfig. Das Fernweh wird zum Wirtschaftsfaktor par excellence.
Die heutige „durchgedrehte“ Reiseindustrie gibt eine tiefe Unbehaustheit des Menschen zu erkennen. Das Weg-von-hier-wollen kommt nirgendwo mehr an, weder dort noch hier, weder im Fernen noch im Zuhause. Martin Heidegger, dieser philosophische Beschwörer fundamentalontologischer Sesshaftigkeit, sprach zwar nicht direkt vom Reisen, sondern von der „Aufenthaltslosigkeit“ des Menschen, der nicht mehr beim Nahen und Nächsten „verweilen“ könne. Reisen ist ein „Unverweilen“. In der Aufenthaltslosigkeit des Reisens manifestiert sich die innere Haltlosigkeit – ein anderer Name für Sucht.
Verlust der Aura
Wir halten uns die Welt vom Leib mit Bildern von der Welt. Durch dieses millionenfach repetierte Verhalten drohen heute touristische Destinationen gerade das zu verlieren, was ursprünglich ihr Kapital ausmachte: ihre Bereisenswürdigkeit, Einmaligkeit, Einzigartigkeit. Walter Benjamin hat es unter dem Begriff der Aura in die Diskussion gebracht. Es verhält sich ja nicht nur so, dass die Reiseindustrie weite Landstriche mit der ewiggleichen stumpfen Architektur zubaut, unsere Wahrnehmung stumpft in dem Masse ab, in dem sie nicht gebraucht wird.
Der Verfall der Aura, so Benjamin, „beruht auf zwei Umständen, welche beide mit der zunehmenden Ausbreitung und Intensität der Massenbewegungen auf das Engste zusammenhängen. Der eine ist das leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen, sich die Dinge „näherzubringen“; der andere zeigt sich in der Tendenz zur Überwindung des Einmaligen durch die Reproduzierbarkeit jeder Gegebenheit. Tagtäglich macht sich unabweisbarer das Bedürfnis geltend, des Gegenstandes aus nächster Nähe im Bild, genauer: im Abbild, in der Reproduktion habhaft zu werden.“
Gewiss, an den Klicks der Apparate nimmt die Welt keinen Schaden. Aber wir tragen durch unser technisch aufgerüstetes Wahrnehmungsverhalten beim Reisen dazu bei, dass das „Einmalige jeder Gegebenheit“ erodiert und so zum „Zeug“ fürs Ablichten mutiert. Die uns begleitenden Wahrnehmungsapparate erweisen sich ja grössenteils als Instrumente der Anästhesierung. Etwas zum Sehenswürdigen erklären heisst im Grunde, es nicht mehr sehen zu müssen.
„Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was verzählen“
Man reist im Grunde immer mit sich selbst. Man nimmt seine Marotten mit sich. Die eigenen Gewohnheiten sind die treuesten Reisebegleiter. Und sie können einem das Reiseerlebnis gehörig vergällen. Schon im 18  Jahrhundert begegnen zum Beispiel Romantiker wie Matthias Claudius dem aufkommenden Reisetrend und der Reiseschriftstellerei mit ironisierender Ernüchterung. Im Gedicht „Urians Reise um die Welt mit Anmerkungen“ bricht Herr Urian – eine landläufige Bezeichnung für Tölpel –  auf, um den ganzen Globus kennenzulernen, denn „wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen“.
Nur muss Herr Urian am Ende feststellen, dass es anderswo gar nicht so anders ist als zu Hause: „Und fand es überall wie hier/ Fand überall n’ Sparren (Spleen, Anm .E.K.)/Die Menschen grade so wie wir/ Und ebensolche Narren.“ Die Welt ist heute voller Urians.
Zimmerreisen
Der literarische Sonderling Xavier de Meistre schrieb 1790 während eines 42-tägigen Zimmerarrests in Turin eine „Reise um mein Zimmer“. In der Zwangsabgeschiedenheit „bereiste“ er, von Diener und Hund begleitet, seinen Armsessel, seinen Schreibtisch, sein Bett, seine Bibliothek, seine Verwandten, Bekannten und Freunde auf den Portäts an den Wänden, die Reise führte ihn durch Betrachtungen von Gemälden und Kupferstichen zu kunsttheoretischen Exkursen und sie trug ihn bis in die metaphysischen Höhen des Leib-Seele-Problems. Im Zimmer, wo er den Arrest absass, sah de Maistre eine „paradiesische Gegend, die alle Güter und Schätze der Welt in sich birgt.“ Der Reisebericht wurde zu einem Klassiker der französischen Literatur und begründete ein eigenes Genre, jenes der Zimmerabenteuers. In zahlreichen Nachdichtungen wurden immer wieder neue derartige Reisen unternommen, oft im Kontrast zu den extravaganten Expeditionen etwa eines Thomas Cook, des Erfinders der Pauschalarrangements.
Die Ironie ist nicht zu übersehen. Ausgerechnet der arretierte Zustand befreit den Menschen zu imaginären Reisen, wohingegen der Reisezustand dem Touristen die Imagination austreibt und in standardisierten Verhaltensweisen zu arretieren droht. Er möchte Abstand vom „Gefängnis“ des Alltags gewinnen, manövriert sich aber oft gerade durch die zähe Verbissenenheit der Suche – wie beim Treten im Sumpf –  tiefer in diesen Alltag hinein.
Alles ist sehenswürdig
In Kierkegaards Erzählung „Die Wiederholung“ sinniert die Erzählfigur Constantin Constantius über den „Berufsreisenden“, der alles  „beschnuppert, was andere beschnuppert haben“. Und er stellt sich die Frage: „Was, wenn ein Mensch nach Rom kam, sich in einen kleinen Stadtteil verliebte, der ihm ein unerschöpflicher Stoff der Freude war, und Rom verliess, ohne eine einzige Sehenswürdigkeit gesehen zu haben?“
Und was wäre, wenn wir überhaupt nicht nach Rom reisen würden? Wenn wir, sagen wir, am heimischen Flussufer in Bern oder Zürich auf einmal jene Atmosphäre entdecken würden, die uns die Prospekte der fernen Paradiese verheissen? Was, wenn die eigene Stadt zum Gebiet einer reisenden Durchquerung würde, ja, der eigene Garten, das Wohnhaus, das Zimmer, der Keller, der Schreibtisch, ein Text? Hier der Vorschlag für ein kleines Experiment mit sich selbst: „Reisen“ Sie an einen völlig unscheinbaren, nichtssagenden, ja, vielleicht hässlichen Ort in Ihrer nahen Umgebung und versuchen Sie, indem Sie ihre Aufmerksamkeit „verweilen“ lassen, so etwas wie eine Aura dieses Ortes wahrzunehmen. Wenn Ihnen dies gelingt, haben Sie das Zeug zum Experten des Reisens. Sie können aus dem Gewohnten „ausbrechen“, „aussteigen“.
Die eigenen Augen entdecken
Der Tourismus hat die Welt von Grund auf verändert; nun kommt es darauf an, ihn neu zu interpretieren. Wie? „Panama ist überall“, schrieb der Kinderbuchautor Janosch – eine wunderbare Losung. Wenn ich zu Beginn schrieb, der Tourist kehre nach Hause zurück, dann liesse sich jetzt anfügen: Die gelungenste Art des Tourismus besteht darin, in einen kindlichen Zustand zurückzukehren, in dem es mir glückt, Panama überall zu sehen. Die Kindheit „verwandelnd einholen“ nannte das Adorno. Man könnte auch sagen: Man entdeckt nicht die Welt, man entdeckt den eigenen Blick auf die Welt. Und dieser Blick gibt Orten und Dingen wieder etwas von ihrem fremden, unverbrauchten, zauberhaften, kindlichen Charakter zurück.
Kurz: Wer reisen kann, kann genausogut zu Hause bleiben.
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Raus aus dem Hamsterrad

Prof. Achim Walter, „ETH Zürich“
Technik öffnet Türen zu neuen Welten. Aber sie ist Fluch und Segen zugleich – gerade wir Wissenschaftler sollten darauf achten, das Rad der Entwicklung nur so schnell anzutreiben, wie es Sinn macht. Vielleicht ist der Sommer die ideale Zeit, um sich das mit etwas Humor vor Augen zu führen.
Rad
Kreativer Freiraum und Zeit für Reflexion entfalten sich heute nicht mehr von alleine; man muss sie sich herbeiführen. (Bild: iStock / alphaspirit)
Die Erfindung des Rades war eine der frühesten kulturellen Leistungen des Menschen. Eine weitere war die Domestikation von Tieren. Deren Synthese, also das Hamsterrad, kann daher sicher als Ideotyp vieler komplexer kultureller Entwicklungen dienen: Die Technik ermöglicht dem Menschen, eine Kreatur zu unterjochen, deren Instinkte anzusprechen und ihr eine neue Beschäftigung zu geben. Einmal auf Touren gebracht, scheint ein Stillstand undenkbar. Die Kreatur würde straucheln und den unkontrollierbaren Auswirkungen der Fliehkraft anheimfallen.
Der Mensch im Rad der Entwicklung
Vom Rad zum Hamsterrad war es ein weiter Weg. Vom Pflug zum Glyphosat, von der Dampfmaschine zum Fliessband und von der ersten Rechenmaschine zum Smartphone ging es schneller. Zunehmend schneller. Es blieb nicht einmal Zeit, Hamster zu suchen; der Mensch hat sich einfach gleich selbst unterjocht.
Technik hat uns ein längeres, mit Sinn erfülltes und von Erkenntnis bereichertes Leben beschert. Aber sie hat auch Fliehkräfte kreiert. Fliehkräfte, die uns an den Rand des Rades zwängen; die uns suggerieren, dass die Welt mindestens kopfstehen würde, wenn wir aufhörten, weiterzulaufen.
Die Hamsterräder der Wissenschaft
Das grosse Hamsterrad des Wissenschaftsbetriebes besteht aus technischen Entwicklungen, Publikationen, Anträgen, Wettbewerben und dergleichen mehr. Kürzlich wurde es in einem PNAS-Artikel sehr prägnant analysiert (Science in the age of selfies): Wir haben zwar mehr Technik und Information als jemals zuvor – aber unsere Kreativität scheint paralysiert zu sein ob all der Bewegung um uns herum, die wir selbst stets befeuern.
Wir erfinden und kommunizieren; wir publizieren Artikel in immer höherer Kadenz, erstellen Videos und sind nonstop online. Aber wie neu sind unsere Erkenntnisse wirklich? Wie revolutionär sind unsere Ideen? Sind wir vielleicht zu beschäftigt und derart mit Informationen und Reizen aus der eigenen Informationsblase überflutet, dass wir gar nicht mehr merken, dass wir eigentlich kaum Neues kreieren, sondern uns vor allem um uns selbst drehen?
Fortschritt braucht auch Stillstand
Neues zu schaffen, Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, dafür zu sorgen, dass es weniger Hunger, Krankheiten oder Leiden gibt: All das braucht Zeit. Zeit für harte Entwicklungsarbeit – und Zeit für Reflexion. Neue Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln oder Medikamenten werden in oft jahrelangen Testreihen geprüft. Bevor neue Pflanzensorten auf den Markt kommen, benötigt es ebenso langwierige Zulassungsverfahren.
Jedem ist klar, dass es diese Zeit und dieses Prüfen der Nebenwirkungen braucht. Wieso sollte das bei radikal neuen Ideen anders sein? Ein Geistesblitz elektrisiert, aber er kann auch verletzen. Eine nicht vernünftig replizierte Studie kann ein falsches Bild ergeben. Eine schnell gepostete Info kann einen Shitstorm auslösen.
In unserer Epoche der ständig verfügbaren Information ist man das Warten nicht mehr gewohnt. Aber Warten, Prüfen und Hinterfragen sind notwendig. Bei der Zulassung von möglicherweise problematischen Chemikalien genauso wie beim Entwickeln von Ideen. Erst dadurch kann man sich in die Haut eines anderen hineinversetzen, Gegenentwürfe prüfen, Positionen gründlich durchdenken. Kreativer Freiraum entfaltet sich heute nicht mehr ganz von selbst; man muss ihn herbeiführen: Der Hamster in uns muss lernen, sein Rad zu kontrollieren.
Das Rad zur Ruhe bringen
Unsere Hamsterräder zu nutzen, ist toll – aber sie zur rechten Zeit zum Stillstand zu bringen, ist genauso wichtig. Das kostet vielleicht Überwindung, verletzt unseren persönlichen Stolz und scheint uns vor dem Beobachter zu blamieren – aber es lohnt sich langfristig und ist weniger gefährlich als gedacht. Aus dem Physikunterricht sollten wir wissen: Die Fliehkraft ist eine Scheinkraft. Aus der Beobachtung des Hamsterrades sollten wir wissen: Die Kreatur bricht sich beim Stoppen nicht den Hals. Sondern kommt lediglich zum Stillstand, schont die Pfoten und kann endlich das tun, was sie schon immer antrieb: Einfach in Ruhe was futtern.
In diesem Sinne mache ich mich als Agrarwissenschaftler nun vom Acker, versuche, die Ferien zu geniessen und sinniere dort über Kreativität und Hamsterräder weiter. Allerdings mit den Gezeiten des Meeres und dem Schwingen der Hängematte als einzigen zulässigen Erscheinungsformen der Fliehkräfte.
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Wie wir falsch denken

Eduard Kaeser, „Journal21“
En Marche für die Wissenschaft!
Nun geht man also für die Wissenschaft auf die Strasse: gegen Klimawandel-Abstreiter, Evolutionsleugner, Impfgegner, Gentech-Kritiker und überhaupt gegen das ganze antiaufklärerische Gesocks, das sich mit Ideen aus der Rumpelkammer dem wissenschaftlichen Fortschritt entgegenstemmt. Ein Knirps hält auf einer Demonstration das Plakat „Science is Fun“ hoch. Rührend ist er, und Recht hat er, der Kleine, und man will hoffen, dass seine Generation den gegenwärtigen Backlash überwunden haben wird. Nun ist zwar für die Wissenschaft Marschieren gut gemeint, aber die Initiative marschiert am Kernproblem vorbei, das lautet: Haben wir eigentlich das Zeug zum wissenschaftlichen Denken?
Haken kausalen Denkens
Wir sind kausale Denker. Wir geben uns nicht zufrieden mit einer Welt, in der ein verdammtes Ding nach dem andern geschieht, wir fragen sehr schnell nach den Ursachen des Geschehens. Wir erzählen uns Geschichten, suchen nach Zusammenhängen, mutmassen über Gründe, wir basteln uns ein Gedankengerüst – oft ein ziemlich windschiefes –, in dem wir diese Gründe verorten und Schlüsse daraus ziehen können. Oft die falschen.
Kausales Denken hat viele Haken. Einer liegt in der Orientierung an vertrauten Modellen, die aber, auf unvertraute Gebiete übertragen, in die Irre führen. Betrachten wir das Beispiel einer energiespendenden Pille. Konsumenten, so hat eine Studie gezeigt, neigen zur Ansicht, dass ihre Wirkung umso eher nachlässt, je intensiver man arbeitet. Die Analogie zu einem physikalischen Vorgang ist unschwer zu erkennen. Je mehr Energie ich von einer Batterie beziehe, desto schneller ist die Batterie leer. Die Wirkungsdauer eines Mittels steht aber in keinem nachweislichen Zusammenhang mit der ausgeführten Arbeit. Dieses falsche Kausalmodell kann übrigens den Konsumenten unter Umständen dazu verführen, mehr Pharmaka einzunehmen, als ihm zuträglich ist. Immer zuträglich ist das Modell allerdings der Pharmaindustrie.
Dubiose Analogien
Aber nicht nur Laien, sondern auch Fachleute bleiben an überzogenen Analogien hängen. Zu einiger Notorietät brachte es der Fall des britischen Chirurgen Sir Arbuthnot Lane zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er war von der fixen Idee eines Zusammenhangs von Selbstvergiftung und Krankheit beherrscht. Dabei inspirierte ihn die Toilette zu einer fragwürdigen Analogie. So wie eine gute WC-Spülung die Verstopfung verhindert, so würde auch eine speditive „Dickdarmspülung“ den Abfall schnell entsorgen und den Körper vor Vergiftung schützen. Lane glaubte, im Kolon einen besonders träge arbeitenden Abschnitt entdeckt zu haben. Deshalb empfahl er dessen operative Entfernung – eine in Fachkreisen als völlig ineffektiv taxierte Massnahme. Die Psychiaterin Ann Dally bezeichnet sie als „Phantasie-Chirurgie“. Bernard Shaw karikierte sie in seiner Komödie „Arzt am Scheideweg“. Sir Arbuthnot operierte nichtdestoweniger eine Hundertschaft von unglückseligen Patienten.
Die Trägheit des Vertrauten
Analogien solcher Art sind Legion. In ihnen spielt ein psychologischer Faktor eine wichtige Rolle: Kausaldenken wirkt tendenziell zementierend. Haben wir erst einmal ein Zufallsmuster als ein kausales gedeutet (oder missdeutet), so der Psychologe Thomas Gilovich, „wird es (…) ohne weiteres in das schon vorhandene Weltbild der Person integriert“. Daraus resultiert ein Trägheitsprinzip des Vertrauten. Wir neigen dazu, neue Information im Licht vertrauter Kausalmodelle zu evaluieren. Das hat durchaus plausible Gründe: Solche Kausalmodelle erlauben uns, schnell und wirkungsvoll auf unsere Umwelt zu reagieren, zum Beispiel auf Gefahren. Das gebrannte Kind meidet bekanntlich das Feuer.
Das kann freilich zu falschem Alarm führen. Wir kennen Radioaktivität als Ursache von fatalen Schäden im unserem Organismus. Radioaktivität wird auch in der Technologie der Lebensmittelbestrahlung verwendet. Sie ist seit 50 Jahren gründlich erforscht. Man setzt Lebensmittel Röntgen-, Elektronen- oder Gammastrahlung aus, um Krankheitserreger abzutöten und so unter anderem die Haltbarkeit zu erhöhen. Die Lebensmittel selbst werden dadurch nicht radioaktiv. Trotzdem äussern viele Befragte Bedenken, dass die Strahlung im Lebensmittel „stecken bleibe“ und es kontaminiere. Hier hüllt ein vertrautes Kausalmodell einen logisch falschen Schluss in psychologische Plausibilität. Die Bedenken verschwinden übrigens, wenn man die Lebensmittelbestrahlung „kalte Pasteurisierung“ nennt.
Das Defizitmodell des Wissens
Der Biochemiker Walter Bodmer leitete 1985 ein Team von Forschern, das die Aufgabe hatte, die antiwissenschaftliche Stimmung zu analysieren, die sich bereits vor dreissig Jahren manifestierte. Die Analyse ist als Bodmer Report der Royal Society bekannt geworden und stellte sozusagen die Initialzündung dessen dar, was man heute „Public Understanding of Science“ nennt. Ein Schluss aus der Studie war intuitiv einleuchtend: Antiwissenschaftliche Haltung lässt sich auf Wissensdefizit zurückführen. Gemäss diesem Defizitmodell wäre also die optimale Lösung mehr Wissen.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die dem Modell widersprechen. Die Wissensbestände wachsen zwar stetig. Wir finden auch, wenn wir nur wollen, besseren Zugang zu ihnen. Wir können uns über die rezenten Debatten in der Quantentheorie oder über die neuesten Entwicklungen in der Nanotechnologie informieren; aber wir müssen diese Informationen in unser vertrautes Weltbild einbauen. Und dieser Einbau schafft grosse Probleme, weil das Neue oft nicht verträglich ist mit dem Vertrauten. Wir denken dann lieber falsch in einem ausbalancierten vertrauten Weltbild, als dass wir richtig denken und unser Weltbild in Schieflage bringen. Die Psychologen sprechen vom „Rückschlageffekt“ („backfire effect“): Eine verwurzelte Überzeugung wird von widersprechenden Fakten umso mehr bestärkt.
Weltanschauung steht über Wissen
So fand zum Beispiel der Psychologe Dan Kahan von der Yale Law School in seinen inzwischen vielzitierten Befragungen von 1500 Amerikanern heraus, dass die Haltung zum Klimawandel sehr viel mehr vom weltanschaulich-politischen Hintergrund der Befragten abhing als von deren Wissensstand. Die Probanden Kahans lagen auf einem Spektrum von rechtskonservativ bis linksliberal. Je höher der wissenschaftliche Bildungsstand, desto weniger spielte das Wissen eine Rolle, und desto stärker trat der weltanschaulich-politische Stand der Befragten in den Vordergrund. Konservative, die sich im Übrigen durch den besten Kenntnisstand der Fakten auszeichneten, schätzten das Risiko des Klimawandels als eher klein ein. Womöglich, weil sie gebildet und clever genug waren, abzuschätzen, wo die Wissenschafter falsch liegen könnten.
Die Eichung des Wissensstandes
Wir wissen vieles, wir wissen immer mehr; aber wir wissen viel zu wenig darüber, was und wie wir nicht wissen, wie wir falsch denken. Nicht das Wissensdefizit ist also das Problem, sondern unser Umgang mit dem Nichtwissen. Wir denken zwar in Kausalmodellen, aber wir haben in der Regel schlechte Kenntnis von den Grenzen dieser Modelle. Das zahlt sich besonders bei ökonomischen Modellen verhängnisvoll aus, wie die rezente Geschichte zeigt – etwa in der Theorie, dass alle Länder vom globalen Handel profitieren. Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik warnte schon vor zwanzig Jahren vor den Folgen enthemmter Globalisierung. Der Grossteil der Ökonomen nahm ihn nicht ernst. Paul Krugman machte Rodrik privatim darauf aufmerksam, dass seine Theorie „Munition für die Barbaren“ sei.
Wir sind inkompetent in der realistischen Erfassung unserer Erklärungskompetenzen. Wir schätzen fehlerhaftes Denken falsch ein. Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger haben dieses Phänomen einlässlich erforscht, und es ist nunmehr unter dem Namen „Dunning-Kruger-Effekt“ in Fachkreisen bekannt. Was Dunning und Kruger irritierte, war der Umstand, dass viele Leute von ihrer Ignoranz nicht irritiert sind – im Gegenteil: sie richten sich darin quasi häuslich ein mit einer aufgepumpten, fallweise auch lachhaften Selbstgewissheit. Das Problem, so Dunning, liegt in der Eichung des eigenen Wissensstandes: es entsteht, wenn man als einzigen Massstab zur Einschätzung seines Wissens das eigene Wissen anlegt.
Eine Wissenschaft des Unwissens: Agnotologie
Seit Daniel Kahnemans und Amos Tverskys Pionierarbeiten studieren Sozialpsychologen, Kognitionsforscher und Historiker Formen der Ignoranz. Es gibt sogar einen überdachenden Terminus dafür: Agnotologie. Wir finden Formen des Nichtwissens nicht nur in den Tücken unserer Kausalmodelle, sondern auch in der soziokulturellen Vorgeprägtheit unserer Ideen, im „Groupthink“, in unserer Wert- und Glaubenshaltung, in unserer Emotionalität: zu grossen Teilen eine Terra incognita. Womöglich könnte uns Aufklärung über unsere Unwissenheit nicht nur für eigene Schwachstellen sensibilisieren, sondern auch für die falschen Töne von antiwissenschaftlichen Wind- und Scharfmachern, welche die Unwissenheit mit professionellem Zynismus auszuschlachten verstehen. Vielleicht lässt sich dadurch auch verhindern, dass der Graben zwischen „elitärer“ Wissenschaft und „ignorantem“ Volksverstand weiter aufgerissen wird. Wiegen wir uns nur nicht in naiver Zuversicht. Noch gibt es die Dummheit: Ignoranz, die sich selber beglückwünscht. Und sie erstarkt.
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G20 – Epilog

 

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Wir werden Götter

Prof. Dr. Peter Kern
Was ist der Mensch?
Ein biotischer, beseelter Organismus.
Wer ist der Mensch?
Ein verwirrtes verdorbenes Mittelding zwischen Tier und Engel auf dem Wege zum Homo Deus.
So jedenfalls sieht es Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch
„Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“. München 2017.
Erst eroberte der Homo sapiens die Welt, dann habe er ihr einen Sinn gegeben, bis er schließlich die Kontrolle über sich und die Welt verloren habe.
Notwendig sei deshalb ein „Upgrade“ von den Menschen hin zu Göttern.
Harari, S.64:
„Das Upgrade von Menschen zu Göttern kann auf drei Wegen erfolgen:
durch Biotechnologie,
durch Cyborg-Technologie und
durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen.“
Es gehe darum, dass die Menschheit „für sich göttliche Schöpfungs- und Zerstörungsmacht erwirbt und den Homo sapiens zum Homo deus erhebt.“, S.69.
Dieser Weg sei nicht mehr zu stoppen, „weil niemand mehr das System versteht“. „Wir können nicht mehr auf die Bremse treten“, S.75. Und wenn es uns doch irgendwie gelingen sollte, die Verwandlung des Menschen zum Gott durch Biotechnologie, Cyberborg-Technologie und durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen aufzuhalten, dann werde unsere Wirtschaft samt unserer Gesellschaft zusammenbrechen, denn die moderne Wirtschaft brauche, „um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum. Sollte das Wachstum einmal ein Ende haben, wird es sich die Wirtschaft nicht in irgendeinem Gleichgewichtszustand bequem machen; sie wird auseinanderfallen. Deshalb ermuntert der Kapitalismus uns dazu, nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit zu streben… Eine Ökonomie, die auf immerwährendem Wachstum gründet, braucht grenzenlose Projekte – wie eben das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit“, S.75.
In seinem Kultbuch Eine kurze Geschichte der Menschheit erklärte Yuval Noah Harari, wie unsere Spezies die Erde erobern konnte. In Homo Deus stößt er vor in eine noch verborgene Welt: die Zukunft. Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen – schöpferische wie zerstörerische – und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben? Wie wird es dem Homo Sapiens ergehen, wenn er einen technikverstärkten Homo Deus erschafft, der sich vom heutigen Menschen deutlicher unterscheidet als dieser vom Neandertaler? Was bleibt von uns und der modernen Religion des Humanismus, wenn wir Maschinen konstruieren, die alles besser können als wir? In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns ganz allmählich so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.
Das alles habe ich schon einmal kenntnisreicher, durchdachter, besonnener und philosophisch-anthropologisch besser fundiert  gelesen, ohne das der Autor der Machermentalität der modernen Naturwissenschaft und Technik verfallen ist:
Ken Wilber: Halbzeit der Evolution.
Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein.
Wir haben erst die Hälfte der Evolution hinter uns. „Der Einstein der Bewusstseinsforschung“ zeigt den Weg der Menschheit vom animalischen zum transpersonalen Bewusstsein der Zukunft. Gelingt es dem Menschen die Krisen der Gegenwart zu bestehen, steht ihm eine vielversprechende Entwicklung bevor, die ihn so weit über den gegenwärtigen Stand hinausführen wird, wie er heute mental über dem Affen steht
Sollten die bei Harari zusammengetragenen Fakten der Biotechnologie, Cyborg-Technologie und der Erzeugung nicht-organischer Lebewesen in der Tat für die Umgestaltung des Homo sapiens bestimmend werden, dann werden wir es nicht mit göttlicher Schöpfungsmacht, sondern mit einer durch uns verursachten Zerstörungsmacht zu tun haben, die die heutigen Krisen alt aussehen lassen.
Vgl. Michael Habecker: Halbzeit der Evolution, Zusammenfassung.
Yuval Noah Harari
Ken Wilber
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Sind diejenigen, die die Demokratie exportieren wollen, selbst Demokraten?

Die Lügen hinter dem Krieg des Westens gegen Libyen

Jean-Paul Pougala, „antikrieg
Professor Jean-Paul Pougala hat den folgenden Artikel vor sechs Jahren verfasst. Wer einen Durchblick bekommen will, was in Afrika läuft oder auch nicht und warum, der sollte sich damit eingehend beschäftigen.
Die Afrikaner sollten an die wirklichen Gründe denken, aus denen Länder des Westens Krieg gegen Libyen führen, schreibt Jean-Paul Pougala in einer Analyse, die die Rolle dieses Landes bei der Formung der Afrikanischen Union und der Entwicklung des Kontinents aufzeigt.
Es war Gaddafis Libyen, das ganz Afrika seine erste Revolution in modernen Zeiten bescherte – die Vernetzung des gesamten Kontinents durch Telefon, Fernsehen, Rundfunk und verschiedene weitere technische Anwendungen wie etwa Telemedizin und Fernunterricht. Dank der WMAX-Plattform wurde über den ganzen Kontinent hinweg eine kostengünstige Verbindung möglich, die auch die ländlichen Gebiete einschloss.
Es begann 1992, als 45 afrikanische Länder RASCOM (Regional African Satellite Communication Organization – Organisation für die regionale afrikanische Satellitenkommunikation) gründeten, damit Afrika seinen eigenen Satelliten bekommen und die Kosten für die Kommunikation auf dem Kontinent gesenkt werden konnten. Das geschah in einer Zeit, in der Telefonate von und nach Afrika die teuersten der Welt waren aufgrund der jährlichen Kosten von US$ 500 Millionen, die Europa für die Benutzung seiner Satelliten wie z.B. Intelsat für Telefongspräche, einschließlich der Telefonate innerhalb des selben Landes, einsteckte.
Ein afrikanischer Satellit hätte eine einmalige Zahlung von US$ 400 Millionen erfordert, und dem Kontinent wären dadurch die US$ 500 Millionen Mietkosten pro Jahr erspart geblieben. Welcher Banker würde nicht ein derartiges Projekt finanzieren? Aber das Problem war weiterhin da – wie können Sklaven, die sich aus der Ausbeutung ihrer Herren befreien wollen, die Hilfe der Herren bei der Erreichung dieser Freiheit bekommen? Es überrascht nicht, dass die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa 14 Jahre lang nur vage Versprechungen abgaben. Gaddafi bereitete diesen nutzlosen Bitten an die westlichen „Wohltäter“ mit ihren exorbitanten Zinssätzen ein Ende. Der libysche Lenker legte US$ 300 Millionen auf den Tisch, die Afrikanische Entwicklungsbank legte US$ 50 dazu und die Westafrikanische Entwicklungsbank weitere US$ 27 Millionen – und so bekam Afrika am 26. Dezember 2007 seinen ersten Kommunikationssatelliten.
China und Russland zogen nach, brachten ihre Technologie ein und halfen, Satelliten für Südafrika, Nigeria, Angola, Algerien zu starten, ein zweiter afrikanischer Satellit wurde im Juli 2010 ins All gebracht. Der erste zur Gänze eigenständig und auf afrikanischem Boden gebaute Satellit ist für 2020 vorgesehen. Dieser Satellit soll mit den besten der Welt konkurrieren können, aber zu einem Zehntel der Kosten – eine wirkliche Herausforderung.
So hat also eine symbolische Geste von nur US$ 300 Millionen das Leben eines ganzen Kontinentes geändert. Gaddafis Libyen kostete den Westen nicht nur die US$ 500 im Jahr, sondern Milliarden von Dollars an Schulden und Zinsen, die der ursprüngliche Kredit für die kommenden Jahre generiert hätte, mit exponentiellen Steigerungen, und dazu beigetragen hätte, das verborgene System zur Ausplünderung des Kontinentes aufrecht zu erhalten.
Afrikanischer Währungsfonds, Afrikanische Zentralbank, Afrikanische Investmentbank
Die von Herrn Obama eingefrorenen US$ 30 Milliarden gehören der libyschen Zentralbank und waren vorgesehen als der libysche Beitrag zu drei Schlüsselprojekten, die die Bildung der afrikanischen Föderation vervollkommnen sollten – die Afrikanische Investmentbank in Syrte in Libyen, die Einrichtung des Afrikanischen Währungsfonds 2011 in Yaounde mit einem Kapital von US$ 42 Milliarden und der Afrikanischen Zentralbank in Abuja in Nigeria, die, wenn sie mit der Herausgabe von afrikanischem Geld beginnt, die Sterbeglocke für den CFA-Franc läuten wird, durch den Paris in der Lage war, seinen Zugriff auf einige afrikanische Länder in den letzten 50 Jahren zu behalten. Es ist leicht, die Wut Frankreichs gegen Gaddafi zu begreifen.
Vom Afrikanischen Währungsfonds wird erwartet, dass er die Aktivitäten des Internationalen Währungsfonds in Afrika zur Gänze ersetzt, der mit nur US$ 25 Milliarden in der Lage war, einen ganzen Kontinent auf die Knie zu bringen und ihn zu zwingen, fragwürdige Privatisierungen zu schlucken und afrikanische Länder zu zwingen, öffentliche Einrichtungen an private Monopole zu übertragen. Kein Wunder, dass am 16./17. Dezember 2010 die Afrikaner einhellig Versuche von Ländern des Westens zurückwiesen, Mitglieder beim Afrikanischen Währungsfonds zu werden und sagten, dieser stehe nur afrikanischen Ländern offen.
Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die westliche Koalition nach Libyen gegen Algerien losgehen wird, da dieses Land abgesehen von seinen großen Energieressourcen über Geldreserven von rund € 150 Milliarden verfügt. Das ist es, was die Länder lockt, die Libyen bombardieren, und die allesamt eines gemeinsam haben – sie sind praktisch pleite. Die Vereinigten Staaten von Amerika allein haben Schulden in der atemberaubenden Höhe von US$ 14.000 Milliarden, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien haben je rund US$ 2.000 Milliarden Budgetdefizit, im Vergleich zu weniger als US$ 400 Milliarden an öffentlichen Schulden aller 46 afrikanischen Staaten zusammen genommen.
Die Entfachung unberechtigter Kriege in Afrika in der Hoffnung, dadurch ihre Wirtschaften zu revitalisieren, die immer weiter in die Flaute sinken, wird letztlich den Niedergang des Westens beschleunigen, der eigentlich schon 1884 während der berüchtigten Berliner Konferenz begann. Der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith sagte: „die Wirtschaft eines Landes, die auf der Versklavung von Schwarzen beruht, ist zum Absturz in die Hölle an dem Tag bestimmt, an dem alle anderen Länder aufwachen.“
Regionale Einheiten als Hindernis für die Schaffung von Vereinigten Staaten von Afrika
Um die Afrikanische Union, die bereits Vereinigten Staaten von Afrika (für den Westen) gefährlich nahe gekommen war unter der lenkenden Hand Gaddafis, zu destabilisieren und zu zerstören, versuchte die Europäische Union zuerst, ohne Erfolg, die Mittelmeer-Union (UPM) zu schaffen. Nordafrika musste irgendwie vom Rest Afrikas abgeschnitten werden, ausgehend von den alten ausgelutschten rassistischen Klischees, welche behaupten, dass die Afrikaner arabischer Abstammung entwickelter und zivilisierter sind als der Rest des Kontinents. Das ging schief, weil Gaddafi sich weigerte mitzumachen. Er verstand bald, was für ein Spiel gespielt wurde, nachdem nur eine Handvoll afrikanische Länder eingeladen wurde, der Mittelmeer-Union beizutreten, ohne dass die Afrikanische Union informiert, aber alle 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union eingeladen wurden.
Ohne die treibende Kraft hinter der Afrikanischen Föderation ging die UPM baden, noch ehe sie beginnen konnte, obwohl bereits ausgestattet mit Sarkozy als Präsident und Mubarak als Vizepräsident. Der französische Außenminister Alain Juppe versucht jetzt, die Idee noch einmal auf die Füße zu bringen, zweifelsohne rechnet er dabei mit dem Sturz Gaddafis. Die afrikanischen Führer können nicht verstehen, dass, solange die Europäische Union weiterhin die Afrikanische Union finanziert, der Status Quo der gleiche bleiben wird, da es so keine wirkliche Unabhängigkeit gibt. Das ist es, warum die Europäische Union die Bildung regionaler Gruppierungen in Afrika ermutigt und finanziert hat.
Es liegt auf der Hand, dass die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS), die eine Botschaft in Brüssel unterhält und hinsichtlich des größten Teils ihrer Finanzierung von der Europäischen Union abhängig ist, ein lautstarker Gegner der Afrikanischen Föderation ist. Lincoln führte den Sezessionskrieg in den Vereinigten Staaten von Amerika, weil es die Hauptgruppe schwächt, wenn eine Gruppe von Ländern sich zu einer regionalen politischen Organisation zusammentut. Das ist es, was die Europäer haben wollen, wobei die Afrikaner nie den Plan des Spiels verstanden haben, einen Schwall von regionalen Gruppierungen zu schaffen, COMESA, UDEAC, SADC, und den Großmaghreb, der nie das Tageslicht erblickte, dank Gaddafi, der verstand, was da betrieben wurde.
Gaddafi, der Afrikaner, der den Kontinent von der Demütigung der Apartheid säuberte
Für die meisten Afrikaner ist Gaddafi ein großzügiger Mann, ein Humanist, bekannt für seine selbstlose Unterstützung des Kampfes gegen das rassistische Regime in Südafrika. Wäre er ein Egoist gewesen, hätte er nicht den Zorn des Westens riskiert, als er dem ANC sowohl militärisch als auch finanziell im Kampf gegen die Apartheid half. Das ist auch der Grund, warum sich Mandela kurz nach seiner Entlassung nach 27 Jahren im Gefängnis entschloss, das UNO-Embargo zu brechen und am 23. Oktober 1997 nach Libyen zu reisen. Fünf lange Jahre lang durfte wegen des Embargos kein Flugzeug in Libyen landen. Man musste den Flug in die tunesische Stadt Jerba nehmen und benötigte fünf Stunden, um Ben Gardane zu erreichen, wo man die Grenze überschritt und auf einer Wüstenstraße weitere drei Stunden unterwegs war, bis man Tripoli erreichte. Die andere Möglichkeit war, über Malta zu reisen und eine Nachtfähre auf schlecht gewarteten Schiffen zur libyschen Küste zu nehmen. Eine höllische Reise für ein ganzes Volk, einfach nur um einen Mann zu bestrafen.
Mandela legte seine Worte nicht auf die Goldwaage, als der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Bill Clinton sagte, der Besuch sei „nicht willkommen” – „Kein Land kann beanspruchen, der Polizist der Welt zu sein, und kein Staat kann einem anderen befehlen, was er tun soll.” Und weiter – „Diejenigen, die gestern die Freunde unserer Feinde waren, und die Frechheit haben, mir heute zu sagen, ich solle meinen Bruder Gaddafi nicht besuchen, diejenigen raten uns, undankbar zu sein und unsere alten Freunde zu vergessen.“
In der Tat betrachtete der Westen noch immer die südafrikanischen Rassisten als seine Brüder, die beschützt werden müssen. Aus diesem Grund wurden die Mitglieder des ANC, darunter Nelson Mandela, als gefährliche Terroristen angesehen. Erst am 2. Juli 2008 verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika ein Gesetz, um den Namen Nelson Mandelas und seiner ANC-Genossen von seiner Schwarzen Liste zu tilgen, aber nicht, weil er draufkam, wie dumm diese Liste war, sondern zum 90. Geburtstag Mandelas. Wenn der Westen wirklich seine ehemalige Unterstützung der Feinde Mandelas bereut und es ehrlich meint, wenn Straßen und Plätze nach ihm benannt werden, wie kann er dann weiter Krieg führen gegen einen, der Mandela und seinem Volk dazu verhalf, den Sieg zu erringen, nämlich Muammar Gaddafi?
Sind diejenigen, die Demokratie exportieren wollen, selbst Demokraten?
Und was, wenn Gaddafis Libyen demokratischer wäre als die VereinigtenStaaten von Amerika, Frankreich, das Vereinigte Königreich und andere Staaten, die Krieg führen, um Demokratie nach Libyen zu exportieren? Am 19. März 2011 begann Präsident George Bush mit der Bombardierung des Irak unter dem Vorwand, Demokratie zu bringen. Am 19. März 2011, genau acht Jahre danach, war der französische Präsident an der Reihe, Bomben auf Libyen zu werfen, einmal mehr behauptend, das geschähe, um Demokratie zu bringen. Der Friedensnobelpreisträger und Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Obama sagt, der Abschuss von Cruise Missiles von Unterseebooten diene dem Sturz des Diktators und der Einführung von Demokratie.
Die Frage, die jeder stellen wird, der auch nur mit minimaler Intelligenz ausgestattet ist, ist die folgende: Sind Staaten wie Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten von Amerika, Italien, Norwegen, Dänemark, Polen, die für sich das Recht beanspruchen, aufgrund ihres selbsterklärten demokratischen Status Libyen zu bombardieren, wirklich demokratisch? Falls ja, sind sie demokratischer als Gaddafis Libyen? Die Antwort ist ein deutliches NEIN, schon aus dem klaren und einfachen Grund, dass es keine Demokratie gibt. Das ist keine private Meinung, sondern stammt von einem, dessen Geburtsstadt Genf den Großteil der UNO-Einrichtungen beherbergt. Das Zitat stammt von Jean Jaques Rousseau, 1712 in Genf geboren, der in Kapitel vier des dritten Teils des berühmten „Vom Gesellschaftsvertrag” schreibt, dass „es nie eine wirkliche Demokratie gegeben hat und es nie eine geben wird.”
Rousseau legt die folgenden vier Bedingungen fest, die ein Land erfüllen muss, um als Demokratie bezeichnet zu werden, und nach denen Gaddafis Libyen viel demokratischer ist als die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich und die anderen, die behaupten, dass sie Demokratie exportieren:
1. Der Staat: je größer ein Land ist, desto weniger demokratisch kann es sein. Nach Rousseau muss der Staat so extrem klein sein, dass die Menschen zusammenkommen können und sich gegenseitig kennenlernen. Bevor die Menschen die Stimmen abgeben, muss sicher gestellt sein, dass jeder jeden kennt, andernfalls wird Wählen zu einem Akt ohne jegliche demokratische Grundlage, ein Scheinbild der Demokratie, um einen Diktator zu wählen.
Der libysche Staat beruht auf einem System von verbündeten Stämmen, die per definitionem Menschen in kleinen Einheiten zusammenfassen. Der demokratische Geist lebt viel eher in einem Stamm, in einem Dorf, als in einem großen Land, einfach schon deshalb, weil die Menschen sich gegenseitig kennen und einen gemeinsamen Lebensrhytmus teilen, der eine Art Selbstregulierung oder sogar Selbstzensur insofern mit sich bringt, als die Reaktionen und Gegenreaktionen der Gruppenmitglieder sich auf die gesamte Gruppe auswirken.
Aus dieser Perspektive sieht es so aus, dass Libyen Rousseaus Bedingungen besser entspricht als die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich und das Vereinigte Königreich, alles hoch urbanisierte Gesellschaften, wo die meisten Nachbarn sich nicht einmal grüßen und auch nichts von einander wissen, auch wenn sie zwanzig Jahre lang Seite an Seite gelebt haben. Diese Länder sprangen in einem Bocksprung in die nächste Stufe – „die Stimme“ – die klugerweise geheiligt wurde, um die Tatsache zu verschleiern, dass für die Zukunft des Landes zu stimmen nutzlos ist, wenn der Wähler die anderen Bürger nicht kennt. Das wurde bis in so lächerliche Bereiche ausgedehnt wie das Wahlrecht für Leute, die im Ausland leben. Kommunikation miteinander und untereinander ist eine Voraussetzung für jede demokratische Diskussion vor einer Wahl.
2. Einfachheit von Sitten und Verhaltensmustern ist ebenfalls wesentlich, wenn man nicht den Großteil der Zeit für die Diskussion gesetzlicher und gerichtlicher Vorgangsweisen verwenden will, um mit der Vielfalt von Interessenskonflikten umzugehen, die in einer großen und komplexen Gesellschaft unvermeidlich sind. Die Länder des Westens definieren sich als zivilisierte Nationen mit einer komplexeren sozialen Struktur, während Libyen beschrieben wird als primitives Land mit einem einfachen Regelsystem. Dieser Aspekt weist ebenfalls darauf hin, dass Libyen besser Rousseaus Kriterien für Demokratie entspricht als all diejenigen, die versuchen, sich als Schulmeister in Sachen Demokratie aufzuspielen. Konflikte in komplexen Gesellschaften werden meistens von den Mächtigeren gewonnen, die Reichen schaffen es, das Gefängnis zu vermeiden, weil sie Spitzenanwälte beschäftigen und die staatliche Repression so gestalten, dass diese sich gegen den richtet, der Bananen in einem Supermarkt gestohlen hat, und nicht gegen einen Finanzverbrecher, der eine Bank ruiniert hat. In der Stadt New York zum Beispiel, wo 75% der Einwohner Weiße sind, werden 80% der Managementposten von Weißen bekleidet, der Anteil von Weißen an den Insassen der Gefängnisse beträgt hingegen nur 20%.
3. Gleichheit in Status und Reichtum: Ein Blick in die Forbesliste 2010 zeigt, wer die reichsten Leute in den Ländern sind, die zur Zeit Libyen bombardieren, weiters den Unterschied zwischen diesen und denjenigen, die die niedrigsten Einkommen in diesen Ländern haben; eine gleiche Untersuchung über Libyen wird enthüllen, dass in Bezug auf die Verteilung des Reichtums von Libyen viel mehr gelernt werden kann als von denen, die es jetzt bekämpfen, und nicht umgekehrt. Auch hier ist nach den Kriterien Rousseaus Libyen demokratischer als die Länder, die großkotzig vorgeben, Demokratie zu bringen. In den Vereinigten Staaten von Amerika besitzen fünf Prozent der Bevölkerung 60 % des nationalen Reichtums, was diese zur ungleichsten und am wenigsten ausgeglichenen Gesellschaft auf der Erde macht.
4. Keine Luxusgüter: nach Rousseau kann es keinen Luxus geben, wenn es Demokratie geben soll. Luxus, so sagt er, macht Reichtum zu einer Notwendigkeit, die dann selbst zu einer Tugend wird, indem dieser, und nicht das Wohlergehen des Volkes, zum Ziel wird, das um jeden Preis erreicht werden muss. „Luxus korrumpiert beide, die Reichen wie die Armen, die einen durch Besitz und die anderen durch Neid, er weicht die Nation auf und gibt sie der Eitelkeit preis, er bringt die Menschen in eine Distanz zum Staat und versklavt sie, indem er sie zum Sklaven der Meinung macht.“
Gibt es in Frankreich mehr Luxus als in Libyen? Die Berichte über Angestellte, die Selbstmord begehen aufgrund aufreibender Arbeitsbedingungen sogar in öffentlichen oder halböffentlichen Firmen, alles im Namen der Profitmaximierung für eine Minderheit, um diese im Luxus zu halten, gibt es im Westen, nicht in Libyen.
Der amerikanische Soziologe C. Wright Mills schrieb 1956, die amerikanische Demokratie sei eine „Diktatur der Elite.” Laut Mills sind die Vereinigten Staaten von Amerika keine Demokratie, weil es das Geld ist, das während den Wahlen spricht, und nicht die Menschen. Nach Bush senior und Bush junior reden sie schon von einem jüngeren Bush für die republikanischen Vorwahlen 2012. Darüber hinaus, wie Max Weber ausführte, ist die politische Macht auf die Bürokratie angewiesen, und verfügen die Vereinigten Staaten von Amerika über 43 Millionen Bürokraten und Militärpersonal, die effektiv das Land beherrschen, aber ohne gewählt zu sein, und ohne den Leuten gegenüber für ihre Handlungen verantwortlich zu sein. Eine Person (eine reiche) wird gewählt, aber die wirkliche Macht liegt bei der Kaste der Reichen, die dann zu Botschaftern, Generälen etc. gemacht werden.
Wieviele Leute in diesen selbsternannten Demokratien wissen, dass die Verfassung Perus verbietet, dass der Präsident nach der Amtszeit neuerlich zur Wahl antritt? Wieviele wissen, dass in Guatemala der Präsident nach seiner Amtszeit nicht nur nicht wieder gewählt werden darf, sondern auch niemand aus dessen Familie? Oder dass Ruanda das einzige Land der Welt ist, in dem Frauen 56 % der Parlamentsabgeordneten stellen? Wieviele Menschen wissen, dass im CIA-Weltindex 2007 vier der am besten regierten Länder in Afrika liegen? Dass der Spitzenpreis an Äquatorialguinea geht, dessen Staatsschulden nur 1,14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen?
Rousseau bleibt dabei, dass Bürgerkriege, Aufstände und Rebellionen zum Beginn der Demokratie dazugehören. Weil nämlich Demokratie kein Endstadium ist, sondern ein ständiger Prozess der neuerlichen Bekräftigung der natürlichen Rechte der Menschen, auf denen in allen Staaten der Erde (ohne Ausnahme) von einer Handvoll von Männern und Frauen herumgetrampelt wird, die die Macht den Menschen entrissen haben, um ihre eigene Vorherrschaft zu perpetuieren. Hier und dort gibt es Gruppen von Leuten, die den Begriff „Demokratie“ für sich vereinnahmt haben – anstatt ein Ideal zu sein, das man anstrebt, wurde er zu einem Aufkleber oder zu einem Slogan, der von Leuten benutzt wird, die lauter schreien können als andere. Wenn ein Land ruhig ist, wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten von Amerika, wenn es dort keine Rebellionen gibt, dann bedeutet das nur, vom Standpunkt Rousseaus aus gesehen, dass das diktatorische System repressiv genug ist, um jede Rebellion zu verhindern.
Es wäre nicht schlimm, wenn die Libyer revoltieren. Schlecht ist es, daran festzuhalten, dass Menschen stur ein System akzeptieren, das sie auf der ganzen Welt unterdrückt, ohne darauf zu reagieren. Und Rousseau schließt: „Malo periculosam libertatem quam quietum servitium – wenn Götter Menschen wären, würden sie sich selbst demokratisch regieren. Eine derart vollkommene Regierung ist nicht anwendbar auf Menschen.“ Die Behauptung, dass es ein Vorteil für die Libyer ist, wenn man sie umbringt, schlägt alles.
Welche Lehren für Afrika?
Nach 500 Jahren einer durch und durch ungleichen Beziehung zum Westen ist klar, dass wir nicht die gleichen Kriterien haben, was gut ist und was schlecht. Wir haben zutiefst auseinandergehende Interessen. Wie kann jemand die „Ja“-Stimmen von drei südlich der Sahara gelegenen Länder (Nigeria, Südafrika und Gabun) für die Resolution 1973 nicht verurteilen, die der neuesten Form des Kolonialismus unter dem Titel “der Schutz der Zivilbevölkerung” den Weg bereiteten, die die rassistischen Theorien bestätigen, die den Europäern seit dem 18. Jahrhundert aufs Auge gedrückt wurden und denen zufolge Nordafrika nichts zu tun hat mit dem Afrika südlich der Sahara und Nordafrika entwickelter und zivilisierter ist als der Rest Afrikas?
Es ist, als gehörten Tunesien, Ägypten, Libyen und Algerien nicht zu Afrika. Sogar die Vereinten Nationen scheinen die Rolle der Afrikanischen Union in den Angelegenheiten von Mitgliedsstaaten zu ignorieren. Das zielt darauf ab, die afrikanischen Länder südlich der Sahara besser zu isolieren und zu kontrollieren. Tatsächlich tragen Algerien (US$ 16 Milliarden) und Libyen (US$ 10 Milliarden) gemeinsam 62 Prozent zu den US$ 42 Milliarden bei, die das Kapital des Afrikanischen Währungsfonds (AMF) bilden. Das größte und bevölkerungsreichste Land im südlich der Sahara gelegenen Afrika, Nigeria, gefolgt von Südafrika, liegen mit je nur US$ 3 Milliarden weit dahinter.
Es ist bestürzend, um es milde auszudrücken, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen Krieg gegen ein Volk erklärt worden ist, ohne dass auch nur im leisesten die Möglichkeit einer friedlichen Lösung der Krise erkundet worden ist. Gehört Afrika wirklich noch zu dieser Organisation? Nigeria und Südafrika sind bereit, für alles zu stimmen, was der Westen verlangt, weil sie so naiv sind und den vagen Versprechungen glauben, dass sie einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat mit ähnlichen Vetorechten bekommen werden. Beide vergessen, dass Frankreich nicht über die Macht verfügt, auch nur irgend etwas anzubieten. Hätte es diese, hätte Mitterand diesen Wunsch schon lange für Helmut Kohls Deutschlands erfüllt.
Eine Reform der Vereinten Nationen steht nicht auf der Tagesordnung. Der einzige Weg, etwas zu erreichen, besteht darin, die chinesische Methode einzusetzen – alle 50 afrikanischen Länder sollten aus den Vereinten Nationen austreten und nur zurückkehren, wenn ihre seit langem bestehende Forderung erfüllt wird, nämlich ein Sitz für die gesamte Afrikanische Föderation. Diese gewaltfreie Methode ist die einzige Waffe, die rechtmäßig den Armen und Schwachen zusteht, die wir sind. Wir sollten einfach aus den Vereinten Nationen austreten, weil diese Organisation schon aufgrund ihrer Struktur und Hierarchie den Mächtigsten zur Verfügung steht.
Wir sollten aus den Vereinten Nationen austreten, um unsere Zurückweisung einer Weltanschauung zu dokumentieren, die auf der Vernichtung der Schwächeren beruht. Sie können weitermachen wie zuvor, aber wir werden uns nicht daran beteiligen und sagen, dass wir dafür sind, ohne nach unserer Meinung gefragt worden zu sein. Und sogar als wir unseren Standpunkt bekannt gaben, wie am Samstag 19. März in Nouakchott, als wir gegen die militärische Vorgangsweise waren, wurde unsere Meinung einfach ignoriert und die Bomben begannen auf die afrikanischen Menschen zu fallen.
Die heutigen Ereignisse erinnern daran, was mit China in der Vergangenheit geschah. Heute anerkennt man die Regierung Outtara, die Rebellenregierung in Libyen, wie man es zu Ende des Zweiten Weltkrieges mit China machte. Die so genannte internationale Gemeinschaft bestimmte Taiwan zur alleinigen Vertretung des chinesischen Volkes anstatt Mao Tsetungs China. Es dauerte 26 Jahre, bis am 25. Oktober 1971 die UNO die Resolution 2758 beschloss, welche alle Afrikaner lesen sollten, um dieser Narretei ein Ende zu bereiten. China wurde aufgenommen, und zwar zu seinen Bedingungen – es weigerte sich, Mitglied zu werden, wenn es kein Vetorecht hatte. Nachdem die Forderung erfüllt war und die Resolution eingebracht, dauerte es noch ein Jahr, bis der chinesische Außenminister in einem Schreiben an den UN-Generalsekretär am 29. September 1972 darauf reagierte, in einem Brief, der weder Zustimmung noch Dank enthielt, sondern die Garantien einforderte, die China für die Respektierung seiner Würde verlangte.
Was hofft Afrika von den Vereinten Nationen zu erreichen, ohne mit harten Bandagen zu kämpfen? Wir sahen, wie in Elfenbeinküste ein UNO-Bürokrat sich selbst als über der Verfassung des Landes stehend betrachtet. Wir traten dieser Organisation bei, indem wir zustimmten, Sklaven zu sein, und zu glauben, dass wir zum Mahl am gleichen Tisch und zum Essen von den Tellern eingeladen werden, die wir selbst gewaschen haben, ist nicht nur leichtgläubig, sondern dumm.
Nachdem die Afrikanische Union Outtaras Sieg bestätigte und widersprechende Berichte ihrer eigenen Wahlbeobachter niederbügelte, einfach um unseren früheren Herren zu gefallen, wie können wir da erwarten, respektiert zu werden? Wenn der südafrikanische Präsident Zuma erklärt, dass Outtara die Wahlen nicht gewonnen hat und dann bei einem Aufenthalt in Paris das genaue Gegenteil sagt, ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit dieser Anführer berechtigt, die behaupten, eine Milliarde Afrikaner zu vertreten und für diese zu sprechen.
Afrikas Stärke und wahre Freiheit wird sich nur entfalten, wenn es gut durchdachte Handlungen setzt und die Konsequenzen im Auge behält. Würde und Respekt kommen mit einem Preisschild. Sind wir bereit, den Preis zu bezahlen? Sonst ist unser Platz in der Küche und in den Toiletten, um anderen das Leben angenehm zu machen.
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Ansprache von Papst Franziskus an der Al-Azhar-Universität

von Papst Franziskus
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]
Es ist ein großes Geschenk, heute hier zu sein und an diesem Ort zu Beginn meines Besuchs in Ägypten mich im Rahmen dieser Internationalen Friedenskonferenz an Sie zu wenden. Ich danke meinem Bruder, dem Großimam für die Planung und Organisation der Konferenz wie auch für die freundliche Einladung. Ich möchte Ihnen gerne einige Gedanken darlegen, die ich aus der ruhmreichen Geschichte dieses Landes schöpfe, das über die Jahrhunderte in der Welt als Land der Kultur und Land der Bündnisse in Erscheinung getreten ist.
Land der Kultur. Seit der Antike war die an den Ufern des Nils entstandene Kultur ein Synonym für Zivilisation: In Ägypten erreichte das Licht des Wissens einen hohen Stand und ließ ein unschätzbares kulturelles Erbe entstehen, das in Weisheit und Geist, mathematischen und astronomischen Errungenschaften sowie bewundernswerten Formen der Architektur und der bildenden Kunst bestand. Mit der Wissenssuche und dem Stellenwert der Bildung trafen die antiken Bewohner dieses Landes Entscheidungen, die sich für die weitere Entwicklung als fruchtbar erwiesen. Solche Entscheidungen sind auch für die Zukunft notwendig, Entscheidungen des Friedens und für den Frieden, weil es ohne eine angemessene Bildung der jungen Generationen keinen Frieden geben wird. Und es wird keine angemessene Bildung für die jungen Menschen von heute geben, wenn das Bildungsangebot nicht der Natur des Menschen als offenes und relationales Wesen entspricht.
Tatsächlich wird Bildung zur Lebensweisheit, wenn sie fähig ist, aus dem Menschen – der mit dem ihn transzendierenden Sein wie auch mit seiner Umgebung in Verbindung steht – sein Bestes herauszuholen und dabei Persönlichkeiten zu formen, die nicht auf sich selbst bezogen sind. Die Weisheit sucht den anderen und überwindet die Versuchung, sich zu versteifen oder zu verschließen; offen und in Bewegung, demütig und zugleich forschend, kann sie die Vergangenheit wertschätzen und diese mit der Gegenwart in Dialog setzen, ohne auf eine entsprechende Hermeneutik zu verzichten. Diese Weisheit bereitet eine Zukunft vor, in der man nicht danach strebt, dass die eigene Seite vorherrscht, sondern dass der andere als integrierender Bestandteil von sich gesehen wird; in der Gegenwart wird sie nicht müde, Gelegenheiten für Begegnung und Austausch ausfindig zu machen; von der Vergangenheit lernt sie, dass aus Bösem nur Böses und aus Gewalt nur Gewalt hervorgeht in einer Spirale, aus der es am Ende kein Entrinnen gibt. Während sie die Gier nach missbräuchlicher Macht ablehnt, stellt diese Weisheit die Würde des Menschen, der in Gottes Augen wertvoll ist, und eine des Menschen würdige Ethik in den Mittelpunkt. Dabei weist sie die Angst vor dem anderen und die Furcht vor der Erkenntnis durch die Mittel, mit denen der Schöpfer sie ausgestattet hat, zurück. [1]
Gerade im Bereich des Dialogs, vor allem des interreligiösen Dialogs, sind wir immer aufgerufen, gemeinsam zu gehen in der Überzeugung, dass die Zukunft aller auch von der Begegnung der Religionen und Kulturen abhängig ist. In diesem Sinn gibt uns die Arbeit des Gemischten Komitees für den Dialog zwischen dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Komitee von Al-Azhar für den Dialog ein konkretes und ermutigendes Beispiel. Drei grundlegende Ausrichtungen können, wenn sie gut miteinander verbunden werden, für den Dialog hilfreich sein: die Verpflichtung zur Wahrung der Identität, der Mut zur Andersheit und die Aufrichtigkeit der Absichten. Verpflichtung zur Wahrung der Identität, weil ein echter Dialog nicht auf der Basis von Zweideutigkeiten oder der Preisgabe des Guten geführt werden kann, um dem anderen zu gefallen; Mut zur Andersheit, weil derjenige, der sich – kulturell oder religiös – von mir unterscheidet, nicht als Feind angesehen und behandelt werden darf, sondern als Weggefährte aufgenommen werden soll in der echten Überzeugung, dass das Wohl eines jeden im Wohl aller besteht; die Aufrichtigkeit der Absichten, weil der Dialog als authentischer Ausdruck des Humanen nicht eine Strategie ist, um Hintergedanken zu verwirklichen, sondern ein Weg der Wahrheit, und diesen geduldig zu gehen lohnt sich, um Konkurrenz in Zusammenarbeit zu verwandeln.
Die Erziehung zur respektvollen Offenheit und zum aufrichtigen Dialog mit dem anderen in Anerkennung seiner Rechte und grundlegenden Freiheiten, vor allem der Religionsfreiheit, stellt den besten Weg dar, um gemeinsam die Zukunft aufzubauen und um Förderer von Kultur zu sein. Denn die einzige Alternative zur Kultur der Begegnung ist die Unkultur des Streits. Da gibt es keine andere. Und um der Barbarei derer, die Hass schüren und zur Gewalt aufhetzen, wirklich entgegenzutreten, ist es erforderlich, Generationen zu begleiten und heranreifen zu lassen, die auf die brandstiftende Logik des Bösen mit dem geduldigen Wachstum des Guten antworten: junge Menschen, die wie gut gepflanzte Bäume im Boden der Geschichte verwurzelt sind und nebeneinander in die Höhe wachsen und so jeden Tag die von Hass verpestete Luft in den Sauerstoff der Brüderlichkeit umwandeln.
In dieser sehr dringenden und spannenden Herausforderung der Kultur sind wir – Christen wie Muslime und alle gläubigen Menschen – gerufen, unseren Beitrag zu leisten: Wir »leben unter der Sonne des einen barmherzigen Gottes. […] So können wir uns gegenseitig […] Brüder und Schwestern […] nennen. […] Denn ohne Gott wäre das Leben des Menschen wie der Himmel ohne die Sonne«. [2] Es möge die Sonne einer neuen Brüderlichkeit im Namen Gottes aufgehen, und von dieser sonnenbeschienenen Erde steige die Morgenröte einer Kultur des Friedens und der Begegnung auf. Dafür möge der heilige Franz von Assisi Fürsprache einlegen, der vor acht Jahrhunderten nach Ägypten kam und Sultan Malik al Kamil begegnete.
Land der Bündnisse. In Ägypten ist nicht nur die Sonne der Weisheit aufgegangen; auch das vielfarbige Licht der Religionen hat dieses Land erleuchtet: Hier waren über die Jahrhunderte dieUnterschiede der Religion »eine Form gegenseitiger Bereicherung im Dienst an der einen nationalen Gemeinschaft«. [3] Verschiedene Glaubensrichtungen sind sich begegnet und unterschiedliche Kulturen sind zusammengekommen, ohne sich zu vermischen, haben aber erkannt, wie wichtig es ist, sich für das Gemeinwohl zu verbünden. Bündnisse dieser Art sind heute mehr denn je dringlich. Wenn ich darüber spreche, möchte ich dafür gerne als Symbol den „Berg des Bundes“ verwenden, der sich in diesem Land erhebt. Der Sinai erinnert uns vor allem daran, dass ein echter Bund auf Erden nicht auf den Himmel verzichten kann, dass die Menschheit nicht den Vorsatz fassen kann, sich in Frieden zu treffen, wenn sie Gott von ihrem Horizont ausschließt, und sie kann auch nicht auf den Berg steigen, um sich Gottes zu bemächtigen (vgl. Ex 19,12).
Es handelt sich um eine aktuelle Botschaft angesichts des gegenwärtigen Fortbestehens eines gefährlichen Paradoxes. Einerseits neigt man nämlich dazu, die Religion in die Privatsphäre zu verbannen, ohne sie als konstitutive Dimension des Menschen und der Gesellschaft anerkennen zu wollen; andererseits vermischt man die religiöse und die politische Sphäre, ohne diese entsprechend zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass die Religion von der Sorge um weltliche Angelegenheiten aufgesaugt und von den Schmeicheleien weltlicher Mächte in Versuchung geführt wird, die sie in Wirklichkeit instrumentalisieren. In einer Welt, die viele nützliche technische Mittel, aber gleichzeitig so viel Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit globalisiert hat und die sich in einem rasanten Fluss befindet, der schwer zu ertragen ist, nimmt man die Sehnsucht nach den großen Sinnfragen wahr, die von den Religionen aufgezeigt werden und die Erinnerung an die eigenen Ursprünge wecken: die Berufung des Menschen, der nicht dazu da ist, um sich in der Vorläufigkeit der irdischen Dinge zu erschöpfen, sondern um dem Absoluten entgegenzugehen, zu dem er unterwegs ist. Aus diesen Gründen ist die Religion besonders heutzutage nicht ein Problem, sondern Teil der Lösung: Gegen die Versuchung, uns einem oberflächlichen Leben zu überlassen, wo alles hier unten entsteht und endet, erinnert sie uns daran, dass es notwendig ist, den Geist dem Höchsten zuzuwenden, um zu lernen, wie man die Stadt der Menschen erbaut.
In diesem Sinne möchte ich mich, gleichsam nochmals im Geiste den Blick auf den Berg Sinai gerichtet, auf jene Gebote beziehen, die dort erlassen wurden, bevor sie auf Stein geschrieben wurden. [4] In der Mitte der „zehn Worte“ ertönt der Befehl an die Menschen und Völker aller Zeiten »Du sollst nicht töten« (Ex 20,13). Gott, Freund des Lebens, hört nicht auf, den Menschen zu lieben, und deswegen ermahnt er ihn, als Grundbedingung für jeden Bund auf der Erde dem Weg der Gewalt entgegenzutreten. Zur Umsetzung dieser Aufforderung sind – vor allem und heute auf besondere Weise – die Religionen gerufen. Denn während wir dringend des Absoluten bedürfen, ist es unabdingbar, jegliche Verabsolutierung auszuschließen, welche Formen von Gewalt rechtfertigen würde. Die Gewalt ist nämlich die Verneinung jeder authentischen Religiosität.
Als religiöse Verantwortungsträger sind wir also gerufen, die Gewalt zu entlarven, die sich hinter einem vermeintlichen sakralen Charakter verbirgt, während sie die Egoismen verabsolutiert anstatt die authentisch Öffnung auf das Absolute hin zu fördern. Wir sind gehalten, die Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte zu brandmarken und die Versuche aufzudecken, jegliche Form von Hass im Namen der Religion zu rechtfertigen, und sie als götzendienerische Verfälschung Gottes zu verurteilen: Sein Name ist heilig, er ist Gott des Friedens, Gott salam. [5] Deshalb ist nur der Frieden heilig und kann im Namen Gottes keine Gewalt verübt werden, weil sie seinen Namen verunehren würde.
Gemeinsam wiederholen wir von hier aus, diesem Land der Begegnung zwischen Himmel und Erde, diesem Land von Bündnissen zwischen Völkern und zwischen Gläubigen, ein deutliches und eindeutiges „Nein“ zu jeglicher Form von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder im Namen Gottes begangen werden. Gemeinsam bekräftigen wir die Unvereinbarkeit von Gewalt und Glaube, von Glauben und Hassen. Gemeinsam erklären wir die Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens gegen jegliche Form von physischer, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Gewalt. Der Glaube, der nicht aus einem aufrechten Herzen und einer echten Liebe zum Barmherzigen Gott hervorgeht, ist eine Form konventioneller oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die den Menschen nicht befreit, sondern ihn erdrückt. Sagen wir gemeinsam: Je mehr man im Glauben an Gott wächst, desto mehr wächst man in der Nächstenliebe.
Aber die Religion ist gewiss nicht nur gerufen, das Böse zu entlarven; sie trägt in sich die Berufung, den Frieden zu fördern, heute wahrscheinlich mehr denn je. [6] Ohne versöhnlichen Synkretismen [7] nachzugeben, ist es unsere Aufgabe, füreinander zu beten und dabei Gott um das Geschenk des Friedens zu bitten, einander zu begegnen, Dialog zu führen und die Eintracht im Geiste der Zusammenarbeit und der Freundschaft zu fördern. Wir als Christen – und ich bin Christ – »können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. [8] Brüder von allen. Darüber hinaus erkennen wir an, dass inmitten eines ständigen Kampfes gegen das Böse, das die Welt damit bedroht, nicht mehr »der Raum der wahren Brüderlichkeit« zu sein, Gott denen, »die der göttlichen Liebe glauben, […] die Sicherheit [gibt], dass allen Menschen der Weg der Liebe offensteht und dass der Versuch, eine allumfassende Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist«. [9] Im Gegenteil, er ist wesentlich: Denn es dient zu kaum etwas oder zu nichts, die Stimme zu erheben und eilig wieder aufzurüsten, um sich zu schützen: Heute brauchen wir Erbauer des Friedens, nicht Erbauer von Waffen, heute sind Ingenieure des Friedens nötig, nicht Aufwiegler von Konflikten; Feuerwehrleute und nicht Brandstifter; Prediger von Versöhnung und nicht Aufrufer zur Zerstörung.
Mit Befremden sehen wir die Tatsache, dass man sich einerseits im Namen von rücksichtslosen Zielsetzungen von der Realität der Völker entfernt. Andererseits treten als Reaktion darauf Arten eines demagogischen Populismus auf, die gewiss nicht hilfreich sind, den Frieden und die Stabilität zu festigen: gewaltsame Aufhetzung wird den Frieden nicht gewährleisten, und jede einseitige Handlung, die nicht konstruktive und von allen mitgetragene Entwicklungen einleitet, ist in Wahrheit ein Geschenk an die Befürworter von Radikalismen und Gewalt.
Um Konflikten vorzubeugen und Frieden aufzubauen, ist es wesentlich, sich für die Beseitigung der Situationen der Armut und der Ausbeutung einzusetzen – hier nämlich fassen Extremisten einfacher Fuß – und die Geldflüsse und Waffenlieferungen an diejenigen, die zur Gewalt anstiften, zu stoppen. Um noch tiefer an der Wurzel anzusetzen, ist es notwendig, die Verbreitung von Waffen zum Stillstand zu bringen. Wenn sie einmal hergestellt und im Umlauf sind, werden sie früher oder später auch Verwendung finden. Nur wenn wir die trüben Manöver, die das Krebsgeschwür des Kriegs nähren, transparent machen, kann man deren wahren Gründen vorbeugen. Zu dieser dringenden und schweren Aufgabe sind die Verantwortlichen der Nationen, der Institutionen und der Medien verpflichtet wie auch wir als Verantwortliche für Kultur. Wir sind nämlich von Gott, der Geschichte und der Zukunft zusammengerufen, Friedensprozesse einzuleiten – jeder in seinem Bereich. So entziehen wir uns nicht der Aufgabe, solide Grundlagen für Bündnisse zwischen den Völkern und den Staaten zu schaffen. Ich verleihe meinem Wunsch Ausdruck, dass dieses edle und geliebte Land Ägypten mit der Hilfe Gottes weiterhin seiner Berufung zur Kultur und zum Bündnis entsprechen kann, indem es dazu beiträgt, die Friedensprozesse für dieses geschätzte Volk und für den gesamten Nahen Osten zu fördern.
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]
[1] »Im Übrigen kann sich eine Ethik der Brüderlichkeit und der friedlichen Koexistenz von Menschen und von Völkern nicht auf die Logik der Angst, der Gewalt und der Verschlossenheit gründen, sondern muss auf Verantwortung, Achtung und aufrichtigem Dialog beruhen«: Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden, Botschaft zum Weltfriedenstag 2017, 5.
[2] Johannes Paul II., Ansprache an die muslimischen Autoritäten, Kaduna (Nigeria), 14. Februar 1982.
[3] Ders., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, Kairo, 24. Februar 2000.
[4] Sie waren »als immerwährendes und überall gültiges universales Sittengesetz in das menschliche Herz eingeschrieben.« Sie bieten die »wahre Grundlage für das Leben des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Nationen«. Sie sind »allein die Zukunft der menschlichen Familie.Sie bewahren den Menschen vor der zerstörenden Macht des Egoismus, Hasses und der Verlogenheit. Sie zeigen ihm alle falschen Götter, die ihn zum Sklaven machen: Gott ausschließende Eigenliebe, Machtgier und Vergnügungssucht, die die Rechtsordnung umstürzen und unsere menschliche Würde und die unseres Nächsten erniedrigen«: Ders., Homilie während des Wortgottesdienstes auf dem Berg Sinai, Katharinenkloster, 26. Februar 2000.
[5] Vgl. Ansprache in der Moschee von Koudoukou, Bangui (Zentralafrikanische Republik), 30. November 2015.
[6] »Mehr vielleicht als je zuvor in der Geschichte ist die innere Verbindung zwischen einer aufrichtigen religiösen Haltung und dem großen Gut des Friedens allen deutlich geworden«: Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen, Assisi, 27. Oktober 1986.
[7] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251.
[8] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Erklärung Nostra aetate, 5.
[9] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 37-38.
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