Computer-Menschen

Von Prof. Dr. Peter Kern, “Haus des Verstehens”
ET-Spezialisten sind dabei, den Computer zum Menschen zu machen.
Dabei sehen sie nicht, dass sie den Menschen zum Computer machen.
Wer das Mensch-Sein als Maschine-Sein ansetzt, kann dann den Menschen einem Computer gleichsetzen,
ja mehr noch: Der Computer ist unter dieser anthropologisch nicht haltbaren Prämisse dem Menschen überlegen.

Sprache und Intelligenz in der Computerwelt

„High Tech“ und „High Chem“ haben in Finanz-, Wirtschafts- und Politikerkreisen eine Wissenschafts-Gläubigkeit und Technik-Euphorie wieder belebt, der man sich nur um den Preis entziehen kann, als fortschritts- und technikfeindlich zu gelten. „Optimismus“ ist gefragt; wer Kritik übt, gilt als rückwärtsgewandter alternativer Spinner, als Schwarzmaler, als Pessimist, der von der „German Angst“ infiziert wurde.
Doch mit dem Einsatz der Informationstechnologien und mit dem technisch-ökonomischen Fortschrittsglauben  wird unterstellt, dass diese Auslegung von „Fortschritt“ massgebend für den Menschen in unseren Gesellschaften sei. Technisch-ökonomischer Fortschritt ist im Blick auf seine Ziele jedoch mehr als ambivalent. Dient dieser technisch-ökonomische Fortschritt wirklich einem gelingenden Leben?
Die Anwendung der Kategorien des anthropologischen Dreischritts hätte mindestens drei Fortschrittsbegriffe zu unterscheiden: Fortschritt im „Werk der Natur“ als Wachstum physischer Stärke im Horizont der menschlichen Leiblichkeit. Fortschritt im „Werk der Gesellschaft“ als technisch-ökonomischer Fortschritt im Horizont funktionierender Politik- und Sozialsysteme. Da ist es durchaus denkbar, dass beispielsweise eine formal-rechtlich funktionierende Demokratie dennoch als Gesamtsystem Zielen folgt, die Entfremdungsprozesse des Einzelnen beschleunigen und die vor allem mit ihren luxurierenden Lebensstilen in gar keiner Weise zukunftsfähig ist. Dies zu beurteilen kommt erst im dritten Fortschrittbegriff in den Blick. Fortschritt im „Werk seiner selbst“ ist das Fortschreiten im Sinne der Emporbildung des einzelnen Menschen. Dann erst macht der Einzelne die Erfahrung, dass wir nur um den Preis der Zerstörung der Lebensbedingungen auf dieser Erde fortfahren können wie bisher. Die Computerwelt dient in dieser Optik der Wahrnehmung dann möglicherweise keinen zukunftsfähigen Lebensstilen.
Wenn Fortschritt nur das Weitergehen in den alten Denkstilen von „Mehr“ und „Haben“ bedeutet, dann betreiben wir nur immer effizienter den kollektiven Exitus. Erst aus dem dritten Fortschrittsbegriff können wir uns aus dieser fatalen Spirale in den selbst verursachten Untergang herausdrehen. Es ist ein Fortschritt anzustreben, der die Frage
beantwortet, wie wir sinnvoll und darin zukunftsfähig auf dieser Erde leben können. Dieser dritte Fortschritt macht sich auf den Weg nach einer Ökologie als Wohnheilkunde. Grundbildung als ethisch legitimierte Bildung, die Nachhaltigkeit ermöglicht, wird dann zur Endzeitbildung, die es uns erlauben könnte, das heute jederzeit mögliche Zeitenende zu verhindern. Die fortschrittliche Vision einer solchen Endzeitbildung ist „Herzensbildung“, éducation sentimentale. Sie zielt auf moralische Sensibilität. Sie überwindet die krankmachenden und todbringenden Leidenschaften wie Masslosigkeit und Gier. Sie versteht sich auf Gabe und Gegengabe.
Reflektiert man vor diesem Hintergrund die Frage nach der Bedeutung von Sprache und (künstlicher) Intelligenz für das Leben, dann erscheint der Umgang mit Sprache und Intelligenz in der Computerwelt recht naiv.
Nun trifft es sich, dass einer der führenden Computerwissenschaftler der Welt, einer ihrer Pioniere, Joseph Weizenbaum, schon früh vor der Hybris der modernen Naturwissenschaften in der Computerwelt warnte: „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“, deutsch 1978. 1984 liess er diesem gewichtigen Einspruch noch einen Warnschrei folgen: „Kurs auf den Eisberg“. Seine Einlassungen blieben weitgehend ungehört; seine Befürchtungen haben sich weitgehend bestätigt. Es ist deshalb an die Kritik von Joseph Weizenbaum, der am 5. März 2008 verstarb, zu erinnern.
Zunächst: War Weizenbaum auch nur einer dieser verirrten Aussteiger, die das Establishment damals wie heute als zukunftsfeindlichen Irrationalisten abzutun versuchte? Nun, wer wissenschaftlich und ökonomisch vom Boom der neuen Leittechnik „Computers and Communications“ profitiert, der sollte es sich nicht zu leicht machen mit Joseph Weizenbaums Kritik an einem zügellosen Szientismus, der wieder einmal seinen Markt gefunden hat. Die Konsequenzen der Umwandlung der Industriegesellschaften in Informationsgesellschaften können nicht nur in die Richtung der von John Naisbitt beschriebenen „Megatrends“ gehen, sondern, wie Weizenbaum urteilte,  in kulturellen, politischen und schliesslich ökologischen Katastrophen enden. Jedenfalls haben die inzwischen etablierten Industriegesellschaften weder zu mehr Gerechtigkeit, noch zu mehr Frieden, weder zu mehr Humanität noch zu mehr Zukunftsfähigkeit geführt.
Den Grund für die Kritik an der Computerwelt sah der renommierte Computerwissenschaftler, der als Professor am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) arbeitete, in der Umdefinition der alteuropäischen Vorstellung vom Menschen durch viele seiner Kollegen. Diesen erscheine der Mensch im Prinzip als nichts anderes als ein informationsverarbeitendes System, das vollständig mit einem hinreichend leistungsfähigen Computer simuliert werden könne.
Der Streit entzündete sich vor allem am Thema „Künstliche Intelligenz“. Vielen, die von der Arbeit über künstliche Intelligenz beseelt waren und es immer noch sind, geht es um nichts weniger als um die „Konstruktion einer Maschine nach dem Bilde des Menschen, eines Roboters, der seine eigene Kindheit hat, Sprache wie ein Kind lernen und sein Wissen von der Welt dadurch erlangen soll, dass er die Welt durch seine eigenen Sinnesorgane erfährt und schliesslich zu Betrachtungen über den gesamten Bereich menschlichen Daseins imstande ist.“ Joseph Weizenbaum hielt diesem ehrgeizigen Programm die immer noch gültige Frage entgegen: Alles hänge davon ab, ob der Mensch tatsächlich nur eine Spezies der Gattung „informationsverarbeitendes System“ sei oder ob er qualitativ mehr als das ist.
Bevor eine Maschine nach dem Bilde des Menschen konstruiert wird, ist zunächst nach eben diesem Menschenbild selbst zu fragen. Wer das Menschenbild von vornherein einer anthropologischen Reduktion unterzieht (der Mensch ist nichts anderes als…), bis die maschinelle Nachkonstruktion möglich wird, ist möglicherweise längst in die Fallstricke der self-fulfilling-prophecy geraten: Der Mensch ist nichts mehr und nichts anderes als das, was sich maschinell nachkonstruieren lässt. In der Auffassung der Vertreter der Clans der „Artificial Intelligentsia“, wie sie Weizenbaum spöttisch nannte, formuliert: Es wird behauptet, dass es keinen Bereich des menschlichen Denkens gebe, der nicht maschinell erfassbar sei.
Das ist das Credo eines mechanistischen Menschenbildes, wie es aus der entzauberten Welt der positivistischen Wissenschaften hervorgeht.
Dagegen steht die These, dass Computer und Menschen eben gerade nicht verschiedene Arten derselben Gattung seien. Der Mensch komme im positivistischen Wissenschaftsverständnis nur als Fragment seiner selbst in den Blick. Erst die Veränderung und Erweiterung der Optik der Wahrnehmung, erst ein mehrperspektivisches Wahrnehmen und die Fähigkeit des integralen Blickes lassen den qualitativen Unterschied von Computer und Mensch wieder verständlich werden.
Weizenbaums Kritik, es sei nochmals betont, wurde aus keiner technikfeindlichen Haltung heraus formuliert, und schon gar nicht aus wissenschaftlich-technischem Unverstand, den man mancher theologischen oder philosophischen Verurteilung von Technik nachsagen mag. Im Gegenteil. Joseph Weizenbaum war schliesslich derjenige, der den ersten „sprechenden“ Computer der Welt mit dem Sprach-Analyse-Programm „Eliza“ entwickelt hatte. Er wusste also aus eigener Erfahrung, dass moderne Computersysteme hinreichend komplex und autonom sind, so dass sie für ihn immerhin, fragwürdig genug, als „Organismus“ gelten konnten. Er wusste, dass solche Systeme die Umwelt sensorisch erfassen und beeinflussen können. Er wusste, dass es Computer geben werde, die sich selbst zum Thema werden können – und dennoch war der Computer für Weizenbaum bestenfalls, wie er sagte, „eine Art Tier“.
Künstliche Intelligenz bleibe, so sein Urteil, prinzipiell von der menschlichen Intelligenz unterschieden. Der Nachweis und die Begründung dieser Behauptung wurden überzeugend geführt im Blick auf  kategorial unterschiedliche Phänomene: Mechanische Akte werden von menschlichen Akten abgehoben. Funktionale Entscheidungen werden von verantworteten Wahl-Handlungen sauber getrennt. Dem vereinfachten, reduktionistisch gefassten Intelligenzbegriff der Computerwissenschaftler wird ein differenzierter, mehrdimensionaler Intelligenzbegriff entgegengehalten, in dem Wirklichkeiten wie Gedächtnis, Sprache und dialogische Bezugssysteme ganzheitlich erfasst werden. Das menschliche Gedächtnis ist dann mehr und qualitativ anderes als der Speicher eines Computers, schon deshalb, weil die „gespeicherten Daten“ in Grundgestimmtheiten wie Angst, Liebe, Glück, Freude, Hoffnung eingebettet sind. Der menschliche Gebrauch von Sprache erscheint dann nicht in demselben Sinne funktional, wie Computersprachen funktional sind. Die Informationstheorie begreift das Natürliche der menschlichen Sprache als Mangel an Formalisierung und übersieht, dass natürliche  Sprache nur um den Preis von Realitätsverlust formalisiert werden kann.
Letztlich gilt: Natürliche Sprache ist nicht formalisierbare Sprache, denn natürliche Sprache ist geschichtlich, kinästhetisch vermittelt, von den unterschiedlichen Modalitäten des Denkens in beiden Hirnhälften bestimmt, vom Unbewussten mit gesteuert. Intelligenz und damit auch Sprache sind keine linear messbaren Erscheinungen, die unabhängig von jeglichem Bezugssystem sind, denn auch der menschliche Gebrauch von Sprache ist nicht in demselben Sinne funktional, wie Computersprachen funktional sind.
Gerade im Blick auf die Auffassung von Sprache unterscheidet sich das mechanistische Menschenbild der „Artificial Intelligentsia“ von einem nicht-mechanistischen, ganzheitlichen Bild des Menschen. Für die Verfechter der künstlichen Intelligenz ist die Formalisierung der Sprache das massgebende Ziel. Mehrdeutigkeit der Sprache auf der lexikalisch-semantischen Wortebene und die Mehrdeutigkeit auf der syntaktischen Satzebene müssen durch eine formalisierte und kontextfreie Grammatik schrittweise reduziert werden, bis eindeutige Aussagen möglich sind. Sprache wird in solchem Vorgehen auf ihre blosse Berechenbarkeit hin herausgefordert. Allein der quantifizierbare Aspekt der Sprache zählt. Künstliche Intelligenz denkt nicht, sie rechnet bloss. Denken als Rechnen, so urteilte Martin Heidegger bereits 1959, treibt mit einer steigenden Geschwindigkeit und Besessenheit der Eroberung des kosmischen Raumes zu. Dieses rechnende Denken selber sei schon die Explosion jener Gewalt, die alles ins Nichtige jagen könnte: Nagasaki, Hiroshima, Tschernoby, Fukushima sind Zeichen dieser todbringenden Gewalt.
Gegen dieses rechnende Denken stellt Heidegger das besinnende Denken. Im besinnenden Denken erscheint die Sprache dann als „Haus des Seins“, in dem wir Menschen zu wohnen vermöchten. Von den existentiell und ontologisch bedeutsamen Gehalten, die in dieser metaphorischen Formel aufgehoben sind, weiss die Computersprache nichts.
Operationalisierte und berechenbar gemachte Computersprache hat die wissenschaftstheoretische Verstocktheit jener hinter sich, die sich auf objektive Tatsachen berufen, ohne Verständnis dafür, dass jede „Tatsache“ bereits durch eine Auslegung hindurchgegangen ist. Was eine Tatsache ist, ist immer nur in Bezug auf die von Menschen gedeutete Welt zu verstehen. Insofern kann auch kein Begriff einer Theorie vollständig „verstanden“ werden. Das gilt vor allem für Begriffe wie Vertrauen, Freundschaft, Hoffnung, Liebe, Glück, Angst, aber eben auch für den Begriff „Intelligenz“. Solche Worte haben ihre Bedeutung aus biographischen und gattungsgeschichtlichen Grunderfahrungen; sie sind deshalb selbst metaphorisch. Insofern nun Weltverständnis überhaupt über Sprache vermittelt wird, ist dieses als Ganzes auch metaphorisch.
Durch den berechnenden Umgang mit der Sprache ist das Verhältnis des Menschen zur Sprache in einer tief greifenden Wandlung begriffen, in deren Prozess das allmähliche Verschwinden von Wirklichkeit (Hartmut von Hentig) auszumachen ist.
Es war eine der wichtigsten Stationen in der Evolutionsgeschichte der Menschheit, als unsere Vorfahren aufrecht zu gehen begannen und dadurch die Hände freibekamen. Im sinnlichen Begreifen und im damit verbundenen Verstehen ihrer selbst und der sie tragenden Natur wurde der Mensch zum „homo faber“, zum Werkzeuge schaffenden Menschen. Fortan definierte sich unsere Gattung in dem strukturellen Verhältnis von „Natur-Werkzeug-Mensch“ durch Arbeit. Im Stoffwechsel mit der Natur blieb der Mensch eingebunden in die Natur. Er begriff sie und sich in sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten, die stets das Ganze von Mensch, Welt und „Gott“ umgriffen.
Erst in der europäischen Neuzeit macht der Mensch die Natur zum rein berechenbaren „Gegen-Stand“ für sein willengesteuertes Vorstellen, Herstellen und Bestellen als den Parametern der technischen Weltauslegung. Arbeit erscheint jetzt als eine abstrakt-allgemeine Disziplinierung der Natur. Sie gilt nur dann als real, wenn sie für das Vorstellen als ein berechenbarer Gegenstand sichergestellt ist.
In diesem Prozess wird heute die natürliche Sprache zur künstlichen Sprache als „Information“ umgesetzt. Sprache als Information bleibt an die praktisch-technische Dienstbarkeit ausgeliefert und damit rückgebunden an die Machtförmigkeit neuzeitlicher Naturwissenschaft überhaupt. In einem Gang beispielloser Verarmung der sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten betreibt der europäisch ausgebildete, wissenschaftsorientierte Mensch der Gegenwart die Zerstörung der menschlichen, natürlichen und kosmischen Welt. Neuzeitliche, vor allem mathematisierende Naturwissenschaft und moderne Technik, unter anderem in Form der „Künstlichen Intelligenz“ (KI), sind Ausdruck dieses Abstraktionsprozesses.
Das wechselseitige Aufeinander-Angewiesen-Sein alles Lebendigen als Erfahrung, die das Leben trägt und erhält, erlischt zunehmend, weil alles Natürliche, also auch die natürliche Intelligenz und die natürliche Sprache, nur noch in ihrer berechenbaren Abstraktion erscheint, die kein Mit-Leben und Mit-Leiden mehr ermöglicht. Empathie entzieht sich eben der Berechenbarkeit, sie ist kein quantitatives, sondern ein qualitatives Phänomen.
Künstliche Operationen der formalen Logik ohne Finalität lassen das Natürliche nur noch in der Optik der Berechenbarkeit zu, die sich, sofern kompetent gerechnet wurde, als „richtig“ erweist. Der berechenbare Umgang auch mit Sprache und Intelligenz erlaubt schliesslich prognostisches Wissen und bestätigt sich selbst im Funktionieren der neuzeitlichen Technik.
Verbirgt sich in der „Richtigkeit“ dieser Technik auch „Wahrheit“? Das Richtige ist längst noch nicht das Wahre. Das Richtige ist immer nur richtig in Bezug auf methodisch ausgegrenzte Wirklichkeiten, in Bezug auf Teile, aber nicht mit Blick auf das existenztragende Ganze.
Was aus der Perspektive neuzeitlicher Computersysteme richtig sein mag, ist im Blick auf ganzheitlich erfahrene Weltprobleme oft tief unwahr. Denken wir aus dem Geist der natürlichen Sprache das Wort „Erdreich“, so klingt es ganzheitlicher als das vom neuzeitlichen Menschen herausgeforderte Erdreich als „Kohlerevier“. „Mensch“ ist mehr und qualitativ anders als das neuzeitliche „Menschenmaterial“. Das bäuerliche Tun im Umfeld der natürlichen Sprache gedacht, fordert als „Ackerbau“ die Natur nicht heraus, wohl aber als motorisierte und chemisch betriebene „Ernährungsindustrie“. „Künstliche Intelligenz“ mag einmal funktionieren. Sie wird auch gewinnmaximierend verwertbar sein. Man wird auf sie zählen, man wird mit ihr rechnen können. In der berechenbaren Optik der positivistischen Weltauslegung erscheint sie als „richtig“ – und dennoch kann sie im Blick auf die Wahrheit des Ganzen tief dysfunktional sein und sich letztlich zerstörerisch für Mensch und Natur auswirken. Ist es dann noch Zufall, dass der Computer „ganz eigentlich für militärische Zwecke entwickelt wurde“, wie Joseph Weizenbaum ausdrücklich festhält?
Wer menschlich-natürliche Intelligenz zur künstlichen Intelligenz umdefiniert, der betreibt nach dem Urteil des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker „Erkenntnis ohne Liebe“. Und Martin Heidegger fragt: „Ob man die radikale Unmenschlichkeit der jetzt bestaunten Wissenschaft einmal einsieht und noch rechtzeitig zugibt?“ Und er notiert auch dieses: „Die Übermacht des rechnenden Denkens schlägt täglich entschiedener auf den Menschen selbst zurück und entwürdigt ihn zum bestellbaren Bestandstück eines masslosen operationalen Modelldenkens. Durch die Wissenschaft wird die Flucht vor dem nichtrechnenden Denken organisiert und zur Institution verfestigt.“
Der neuzeitliche Mensch, der mit der modernen Naturwissenschaft die Herrschaft über die ganze Erde angetreten hat, ist für diese Aufgabe überhaupt noch nicht vorbereitet. Ihm mangelt es nicht an Wissen und Können, wohl aber an Weisheit, an „sophia“. Und so war es der Mensch selbst, der die systemökologisch erforderliche Balance zwischen „Mensch-Werkzeug-Natur“ zerstörte. Die Folge: Möglicher atomarer Holocaust, Einsatz letztlich unbeherrschbarer Kernkraftwerke zur Energiegewinnung, ökonomische Wucherungsprozesse mit ungeheuren Belastungen der uns alle tragenden Natur, das Elend von Armut, Unterdrückung und Ausbeutung, inzwischen in allen Gesellschaften.
Die technologisch organisierte Friedlosigkeit trifft uns auch im 21. Jahrhundert unvermindert. Es gilt also, die selbst verschuldeten Nöte zu wenden.
Das aber vermögen nicht Computer, und seien sie noch so „intelligent“. Bei der Auseinandersetzung um die künstliche Intelligenz geht es deshalb letztlich nicht um mathematische oder technische, sondern um ethische Probleme.
Die natürlich Intelligenz umschliesst im Logos-Begriff beides: den instrumentalen Verstand und die vernehmende Vernunft. Während der Verstand lediglich an der toten Richtigkeit der Dinge orientiert bleibt, vernehmen wir in der Vernunft die lebendige Wahrheit der Dinge. Der Verstand denkt instrumental, er sucht Kausalzusammenhänge und wendet sie technisch an, er fragt nach den Ursachen von Wirkungen und setzt sie ein als Mittel zu Zwecken, auf deren Sinn er nicht mehr reflektiert. Auf Zwecke und Ziele reflektiert die Vernunft: Sie denkt integrativ, indem sie versucht, das Ganze wahrzunehmen, von dem ihr eigener Träger nur ein Teil ist. Vernunft ist nicht nur theoretisch, sondern sie hat auch unsere Praxis zu leiten, sie ist also zugleich Wahrnehmung des Gesamtinteresses, das es dann durchzusetzen gilt.
Als Menschen sind wir, um leben zu können, auf Wahrheit angewiesen. Um diese möglichst unverzerrt durch eigene Partikularinteressen und Ideologien wahrnehmen zu können, müssen wir die Ich-Befangenheit überwinden und preisgeben, in der wir gewöhnlich leben. So hängt der kognitive Aspekt der Vernunft mit einer bestimmten Grundhaltung oder „Gestimmtheit“ zusammen. Vernunft setzt die Gestimmtheit der Gelöstheit, der Gelassenheit voraus, ja Carl Friedrich von Weizsäcker formuliert sogar: „Vernunft, als Wahrnehmung, hat etwas mit den Affekten gemeinsam… In der Sprache der christlichen Tradition ist der Affekt, der die Vernunft ermöglicht, die Liebe. Glaube… ist… ein Offensein für die Liebe, das die Angst überwindet.“ Diese Vernunft kommt aber nie zur Vollendung. Sie kann ihren Blick immer weiter ausdehnen und zu immer höheren Reflexionsstufen aufsteigen, aber als Vernunft unterliegt sie nicht mehr der Ambivalenz des blossen Verstandes, sondern stellt im Gegenteil die einzige Möglichkeit dar, damit der Mensch Frieden mit sich selbst und den Einklang mit der Natur findet. Vernunft ist also Wahrnehmung des Ganzen, mit einbegriffen sind dabei auch Wahrnehmung und Durchsetzung des Gesamtinteresses.
Diese Formen der Vernunft weisen auf jenen sachnotwendigen Zusammenhang hin, der bei Kant durch die Termini „theoretische Vernunft“ und „praktische Vernunft“ bezeichnet wird. Die Wahrnehmung des Ganzen gehört auf die Seite der theoretischen, erkennenden Vernunft, die Durchsetzung des Gesamtinteresses auf die Seite der praktischen, das Handeln leitenden Vernunft. Die Wahrnehmung des Gesamtinteresses verknüpft beide Seiten.
Vor dem Hintergrund solcher Einsichten stellt sich nicht länger die theoretische Frage, was der Computer kann, sondern die praktische, was er soll. Der Vernunft-Aspekt der natürlichen Intelligenz unterliegt nun nicht mehr der quantifizierenden Berechenbarkeit. Intelligente Computer sind also lediglich verstandesorientierte, nie aber kluge oder gar weise Computer. Folglich kam auch Joseph Weizenbaum zu dem Schluss, „dass, auch wenn Computer jetzt oder künftig noch soviel Intelligenz (als auf Richtigkeit orientierten Verstand) erweben, diese Intelligenz jedoch stets gegenüber menschlichen Problemen und Anliegen (als in vernehmender Vernunft zu lösende) fremd bleiben muss.“
Die unbekümmerte Anthropomorphisierung des Computers birgt also tödliche Gefahren in sich. Der Apologet der künstlichen Intelligenz lässt sich nämlich gar nicht so weit erschüttern, um die entsprechende Blickweite zu bekommen für das Ungeheure und zugleich Elementare der ablaufenden Entwicklung.
Mit solchen Hinweisen ist noch nichts gesagt über den Umgang mit dem Computer in der Informationsgesellschaft – hier wurde lediglich die problematische und verhängnisvolle Gleichsetzung von „natürlicher Intelligenz“ und „künstlicher Intelligenz“ nachgewiesen.
Ob sich damit das instrumentelle Verständnis von Technik überhaupt verbietet, wäre gesondert zu diskutieren. Immerhin häufen sich die Stimmen derer, die es ablehnen, Technik inhaltlich als invariant zu beurteilen, die bezweifeln, dass Technik nicht determinierend wirke, und die Gründe beibringen, dass Technik mehr sei als ein blosses neutrales Instrument, mit dem der Mensch „vernünftig“ oder „unvernünftig“ umgehen könne. Sollte Technik selbst eine Art der Weltauslegung sein, etwa im Sinne des Heideggerschen „Ge-stells“, dann wäre unsere Einstellung zur modernen Technik, auch und gerade zur Computertechnik, neu zu überdenken unter dem Anspruch einer Wiederverzauberung der Welt.
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Gegen CETA auf die Straßen

Nur wer den Widerstand übt, wird den Aufstand wagen

von U. Gellermann, „Rationalgalerie“
Ein heiteres Konzerne-Raten wird zur Zeit auf offener Bühne gespielt: Wer ist noch dreister, noch brutaler, noch mächtiger? Traditionell wird der Macht-Preis Jahr für Jahr an die Finanzoligarchie vergeben, die, unmittelbar gefolgt von der Waffenindustrie, wie eine Krake in allen Branchen ihre Tentakel hat. Doch in den Disziplinen Dreist und Brutal gibt es in diesen Tagen einen echten Konkurrenzkampf. Die Automobil-Industrie, an deren Spitze mit der Volkswagen AG ein deutscher Konzern steht, ist in ihrem frechen Abgasbetrug in der Disziplin Dreistigkeit kaum zu überbieten: Sitzt bisher einer der Abgas-Betrüger im Gefängnis? Die Automobil-Chefs machen nicht mal den Hoeneß, das Symbol-Sitzen, obwohl es um Beträge geht, die der Fußball-Uli höchstens träumt. Im Windschatten von VW schiebt sich in diesen Tagen ein anderer Konzern an die Spitze: Die Bayer AG kauft bald für etwa 64 Milliarden Euro die Monsanto AG und mendelt sich so zur größten Chemie-Keule der Erde. Als gäbe es keine gesellschaftliche Debatte über die Brutalität der Umweltgifte, der Genmanipulation und die Verletzung der Menschenrechte. Ethik? So nennen die Konzernspitzen das Papier in den Vorstands-Toiletten.
Das alles ist nicht genug. Denn obwohl den Konzernen der Staat in Kriegsfällen schon komplett gehört – und spätestes seit Ausrufung der Anti-Terror-Kriege ist immer und überall Krieg – gibt es in Friedensfällen tatsächlich schon mal ein ziviles Aufmucken: Manchmal sagt dieser oder jener Staat, ihm seien die schwarzen Raucherlungen zu teuer, jetzt sei Schluss mit Werbung dafür. Auch gibt es Länder, in denen die friedliche Verpestung der Umwelt durch dreckige Fördermethoden von Rohstoffen per Gesetz verboten werden kann. Da spielen manche Regierungen doch glatt Demokratie und die jeweiligen nationalen Gerichte brüsten sich wirklich mit ihrer relativen Unabhängigkeit. Das kann lästig und teuer werden. Und weil die Götter des Profits nicht mit der begrenzten Souveränität von Nationalstaaten behelligt werden möchten, haben sie sich CETA ausgedacht, das Zwillings-Abkommen des TTIP. Ein Freihandelsabkommen, in dem das Wort „frei“ die Freiheit der Konzerne symbolisiert, den Rest der Welt gefangen zu nehmen. Monsanto (demnächst Bayer AG) zum Beispiel, wollte auch in Deutschland seinen Gen-Mais anbauen. So ein kleines Verwaltungsgericht in Braunschweig hat das doch glatt verboten. Was wäre wenn ein deutsches Gericht den VW-Betrug zu einem Offizial-Delikt erklären würde? Kaum auszudenken.
Denn wenn CETA kommt, werden die Konzerne für diese Fälle eigene Schiedsgerichte haben. Wie jenes in Den Haag – das so tut als wäre es eine internationale, völkerrechtlich legitimierte Institution – das jüngst dem Steuerbetrüger Chodorkowski 50 Milliarden Dollar gegen den russischen Staat zusprach. Und weil es die Russen waren, haben die westlichen Medien schnell und heftig Beifall geklatscht. Der wird nicht leiser werden, wenn die Energie-Konzerne vor dem selben Gericht demnächst Schadenersatzforderungen wegen des Atom-Ausstieges einklagen: Hat doch Geld gekostet, der Ausstieg, siehste. Und so wie der blöde Bürger den Aufbau der Atomindustrie in den 50er Jahren durch seine Steuern subventioniert hat, so soll er gefälligst, nachdem die Gewinne eingesackt und verbucht sind, nun auch den Abbau bezahlen. Weltweit, schreibt die Organisation „campact!“, sind schon 700 solcher Konzernklagen aufgrund ähnlicher Abkommen bekannt. Und damit auch wirklich alles glatt geht, plant die EU-Kommission – nach Artikel 218 Absatz 5 des Lissabon-Vertrags – das CETA-Abkommen auch ohne Zustimmung der nationalen Parlamente „vorläufig“ anzuwenden. Da meldet sich die Sachwalterin der Konzerninteressen, die Placebo-Angela: „Egal, wie das Ganze endet, wir werden den Bundestag um eine Meinungsbildung bitten, damit wir sozusagen auch die Partizipation des Bundestages haben.“ Die Sozusagen-Demokratie erklimmt strahlende Höhen, weil auch die Pseudo-Sozialdemokraten Gabriel und Schulz für CETA sind: „Die kanadische Regierung hat in der umstrittenen Frage der Schiedsgerichte große Zugeständnisse gemacht, und sie hat die Normen der Internationalen Arbeitsorganisation anerkannt.“ Ja, ja, und das nächste Schiedsgericht um die Ecke kann das alles wieder rückgängig machen.
Es gibt sie noch, die Menschen, die sich wehren: Mehr als 100.000 Bürger haben mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht den Rechtsweg gegen CETA beschritten. Der protestierende Linksweg wird am
17. September gegen CETA und TTIP gegangen: In Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Stuttgart gehen die Demonstrationen zeitgleich los.
Gewerkschaften haben dazu aufgerufen. GRÜNE und LINKE auch. Von „attac“ bis zum Schriftstellerverband sind alle dabei. Wer sich nicht im Widerstand übt, wird nie den Aufstand wagen. Nicht mehr bitten, fordern.

Am 17. September 2016:
Bundesweiter Aktionstag gegen TTIP und CETA

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Chaos und Ordnung

CHAOS & ORDNUNG

Kongress

Was bestimmt die Zukunft der Menschheit?

am 17.+ 18. September 2016
Wien – Sofiensäle

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Das Potential des Chaos

Albert Einstein
Die Ordnung der Natur ist Folge der Zeitrichtung in unserer Existenzsphäre. Die Chaostheorie ist ein Beispiel dafür, wie ein zunächst linearer Vorgang in seiner zeitlichen Strukur eine Zerstreuung und anschliessend eine Beschleunigung erfährt, um schließlich auf einer neu geschaffenen Ebene wieder relativ linear weiterzuführen. Sprünge liegen immer ausserhalb der Zeit, weil an diesen Bifokationspunkten intensive Verbindungen zu Informationsströmen außerhalb des materiellen Weltrahmens bestehen und sich erst daraus eine für uns überraschende neue Richtung ergibt.
Das Schöpferische am Chaos ist, dass es Verbindung zu uns aufnimmt und so seine intuitiven und kreativen Möglichkeiten verwirklicht.
Von der Wandlung, die ein schrittweise linearer Prozess ist, der schließlich zu neuen Formen führt, ist es ein großer Schritt. Verwandlung setzt immer einen unsichtbaren Moment vorraus, in dem das Alte nicht mehr ist und das Neue noch nicht ist. Das ist der Sprung aus dem linearen Zeitablauf, die Turbulenz, der chaotische Moment, wo die Zeitfunktionen über einen Knick im Weltgefüge abkippt, bis sie sich auf der nächsten Ebene wieder gefangen hat. Darin liegt auch die Bedeutung des Rauschens. Es gibt nichts Empflindlicheres und Labileres als ein wirklich chaotisches Rauschen, das durch die Bewegung einer unendlich großen Zahl infinitesimal kleiner Einzelelemente ausgelöst wird. Ein solches System ist geradzu gierig auf ordnende Gedankenimpulse ausgerichtet.
Quelle: Ernst Senkowski, Instrumentelle Transkommunikation, 1995, R.G. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., Seite 263

Ein weltweiter Auf- und Weckruf

Dieter Broers
Es gibt Ereignisse im Leben, da spürt man bereits bei ihrer Entstehung, dass sie von besonderer Bedeutung sind. In solchen Momenten scheinen die Ereignisse wie von einer unsichtbaren Macht gelenkt. Auf scheinbar wundersame Weise funktionieren selbst für unmöglich gehaltene Dinge auf einmal wie selbstverständlich. In seltenen Fällen sind wir sogar selber der Initiator solcher Sternstunden. Das letzte Mal, als ich einen solchen erhabenen Moment erlebte, ist noch nicht einmal zwei Jahre her. Es war zu Beginn der Entstehungsgeschichte meines Buches „Der verratene Himmel – Rückkehr nach Eden“. Vor etwa einer Woche stieg diese untrügliche Gewissheit wieder in mir auf, an etwas ganz Besonderem mitwirken zu dürfen.
Dieses besondere Gefühl entstand aus einem längeren Wunsch die wichtigsten Wissenschaftler zum meinem Thema „Erwachen der Menschheit“ zusammenzuführen, damit sie ihre Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit vortragen können. Aus meinen langjährigen Forschungen hatte ich mir einen guten Überblick darüber verschaffen können, welche Wissenschaftler hierfür infrage kommen würden. Gerade über die sich zunehmend abschwächenden Erdmagnetfelder – die nachweislich unsere geistigen Fähigkeiten beein-flussen – sollte die breite Öffentlichkeit klar und verständlich aufgeklärt werden. Natürlich wusste ich wie außerordentlich schwer es sein würde, diese Spezialisten zu einem gemeinsamen Kongress zusammenzubringen um über ihre speziellen – teilweise hoch brisanten Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit zu berichten. Aber ­jeder Referent aus meinem Dream-Team, dem ich von meiner Idee eines internationalen Kongresses berichtete, stimmte sofort zu! Jeder von ihnen erkannte, wie wichtig es ist, über ihre jüngsten Erkenntnisse aufzuklären! Ihre Studien belegen in überzeugender Deutlichkeit unsere bisher überwiegend ungenutzten geistigen Fähigkeiten und wie sie u.a. durch Veränderungen der Erdmagnetfelder erheblich erweitert werden.
Ein gegenwärtiger Blick in die Zukunft der Menschheit sieht nicht sehr verheißungsvoll aus. Oberflächlich betrachtet scheint das (organisierte?) Chaos alles in den Abgrund zu ziehen. Eine sinnvolle Erklärung dieser Beobachtung wird erst möglich, wenn wir die genaueren Zusammenhänge des Zusammenspiels zwischen Chaos und Ordnung verstehen. Wir müssen begreifen, dass die Entstehung und die „Baugesetze“ des Kosmos geistigen Ursprungs sind. Der Physiker Burkhard Heim leitete diese „Baugesetze“ aus seinen Berechnungen her, er schlussfolgert: „Das, was wir als Materie bezeichnen, unterliegt einem Wirkprozess, der von den geistigen Dimensionen gesteuert wird. 
Von der Entstehung bis zur Steuerung der materiellen Welt entspringt alles den geistigen Dimensionen.“ Aus unseren persönlichen Erfahrungen wissen wir bereits von den Wechselwirkungen von Psyche (Geist) und Soma (Körper) – also das, was wir als Psychosomatik bezeichnen. Tatsächlich reduziert sich dieses Prinzip nicht nur auf unsere gesundheitlichen körperlichen Belange. Ganz offenbar zählt genau dieses Baugesetz zu den elementarsten kosmischen Gesetzen überhaupt. So reflektiert unser Körper – wie alle Materie im Kosmos – unserer geistigen Haltungen. Mit einfachen Worten: unsere wahrgenommene Welt ist das Resultat unserer geistigen Haltung.
Wir „sehen“ was wir Erwarten. Nach John Archibald Wheeler sind „Beobachter notwendig, um das Universum zu erzeugen“.Aus unserer unaufgeklärten Sicht ist das, was wir sehen und das, was wir sind getrennt. Könnten wir – in Analogie zum oberen Bild – unsere „Augen“ nach „unten“ bewegen, würden wir erkennen, dass wir uns nur selbst reflektieren. Die aktuellen Veränderungen der Erdmagnetfelder sind in der Lage, uns in den Zustand der fundamentalen Selbsterkenntnis zu führen. Die Referenten des internationalen Kongresses im September werden ihre Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit in einer Form vortragen, die es ermöglicht, dass diese Vorgänge verstanden und in ihrer großen Bedeutung erkannt und umgesetzt werden können!
Die Welt und mit ihr die Menschheit scheint an ihre Grenzen zu stoßen. Ein System in einem begrenzten Raum kann auf Dauer nicht auf grenzloser Expansion aufgebaut sein. Folgt man Albert Einstein, wird deutlich, wir können die Probleme nicht mit dem gleichen Denken beheben, das sie verursacht hat.
Seit Beginn der Zivilisation sucht der Mensch nach der Erklärung für das, was er ist. Ist die Menschheit am Ende ein Bienenvolk, folgen ihr Streben und  ihre Geschicke einer unsichtbaren Ordnung, die dem einzelnen Wesen verborgen bleibt? Oder gibt es Möglichkeiten, die Kräfte zu begreifen, die auf unsere sichtbare Wirklichkeit einwirken und dahinter einen Sinn zu erkennen?
In welchem Zusammenhang stehen die aktuellen Veränderungen des Erdmagnetfeldes mit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen, seinem individuellen Bewusststein und der kollektiven Schwarmintelligenz?
Sind es vielleicht ganz einfach nachvollziehbare Mechanismen, die dazu führen, dass wir die bisher ungenutzten Ressourcen unserer Fähigkeiten aktivieren können und unser Vermögen auf neue, noch nicht dagewesene Weisen vergrößern – unser Vermögen zu denken, zu erkennen und zu fühlen?
Dieter Broers steht in der Tradition der Wissenschaftler, die über den Tellerrand ihres Fachgebietes geschaut und neue Modelle für ein übergreifendes Verständnis der Zusammenhänge entwickelt haben. In seinen Filmen hat er Forscher und Denker zu Wort kommen lassen, die das begrenzte Bild der Schulwissenschaft herausfordern und mit ihren Erkenntnissen einen eindrucksvollen Einstieg zum Verständnis der Prinzipien bieten, um die es dabei geht.
Dieter Broers  ist der Schirmherr des Wiener Kongresses CHAOS & ORDNUNG am 17.+ 18. September 2016, zu dem er namhafte Wissenschaftler und Vortragende zum einem interdisziplinären Dialog eingeladen hat. Aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven ihrer Fachgebiete (Biophysik, Astrophysik, Neurowissenschaften, Zufallsforschung, Wirtschaftswissenschaften, Medizin, Psychologie und Philosophie) geben sie Auskunft auf die Frage:

Was bestimmt die Zukunft der Menschheit?

Die Welt scheint ins Chaos zu versinken. Politik, Klima, Finanzen – nichts ist mehr so, wie es einmal war und vieles kann auch nicht so bleiben wie es ist, denn wir steuern auf Verhältnisse zu, die sich niemand wünscht. Die Rufe nach einer grundsätzlichen Neuausrichtung werden immer lauter. Bevor deutlich wird, wie diese aussehen könnte, kommt es zu Turbulenzen und Verwerfungen auf allen Ebenen, an deren Ende die Menschheit – als Kollektiv und individuell – an anderen Werten orientiert sein wird, als bisher. Dass dieser Prozess bereits in vollem Gange ist, beweisen die Statistiken, denn entgegen der – von den Interessen weniger Kräfte gesteuerten – militärischen Auseinandersetzungen nimmt aktuellen Statistiken zufolge die allgemeine Kriminalitätsrate nicht zu, sondern ab. Die Terroranschläge der vergangenen Monate haben großes Leid und Angst ausgelöst – auf der anderen Seite waren Sie Anlaß für Solidarität in vorher nicht erlebtem Ausmaß. Grundlegende Veränderungen des Denkens bewirken einen Wandel des Handelns. Die Menschheit steht vor einem Bewusstseinssprung, der dazu führen wird, dass wir über die aktuellen Verhältnisse der spätkapitalistischen Ära der ‚zivilisierten’ Welt denken werden, wie die Menschen vergangener Jahrhunderte über die Steinzeit. Welche Kräfte hierbei zusammenwirken, beleuchten in diesem Kongress auf Initiative von Dieter Broers Wissenschaftler und Philosophen aus sechs Ländern in faszinierenden Einzelheiten.
„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“
(Max Frisch, schweizer Schriftsteller *15.05.1911 – †04.04.1991)
Die Zukunft der Menschheit sieht nicht erfreulich aus. Glaubt man den Aussagen des prominenten australischen Mikrobiologen Frank Fenner ist es bereits zu spät : „Wir werden aussterben. Was auch immer wir machen, es ist zu spät.“ sagte er in einem Interview der Tageszeitung „The Australian“. Grund für die trüben Aussichten seien Bevölkerungsexplosion, unkontrollierter Konsum und der Klimawandel. Ganz anderer Ansicht ist Stephen Hawking. Das englische Nachrichtenmagazin „The Independent“ berichtet am 19. November 2015: „Stephen Hawking: Aggression could destroy us – It may have had survival advantage in caveman days, but now it threatens to destroy us all.” (Übersetzung: Aggression könnte uns zerstören. Sie mag für Menschen aus der Steinzeit Überlebensvorteile gehabt haben, aber jetzt droht sie uns alle zu zerstören.“ Seiner Ansicht nach wäre es die „Empathie“ die die Zukunft der Menschheit sichern könnte.
Der am 17. und 18. September 2016 stattfindende Wiener Kongress „Chaos und Ordnung“ stellt zwei Ziele in den Vordergrund. Eine Reflektion des aktuellen Status quo und Lösungsvorschläge auf der Grundlage der Nutzung der bereits latent vorhandenen Potenziale der Menschen. Im Gegensatz zu einer palliativen Haltung, die versucht, die negativen Auswirkungen von Fehlentwicklungen einzuschränken, soll aus einer Ursachenerkennung langfristig brauchbare Lösungen aufgezeigt werden.
Von dem Nobelpreisträger Ilya Prigogine wissen wir um die konstruktive Bedeutung von Chaos. Prigogine sieht im dissipativen Chaos eine Schlüsselrolle, „ … [es] ist nämlich ein Mittelding zwischen dem reinen Zufall und der redundanten Ordnung“, und damit die Bedingung zur Entstehung von Information in biologischen Systemen.“
Auf diesem Kongress in Wien werden es Wissenschaftler aus sechs Nationen sein, die ihre wertvollen Erkenntnisse und Lösungsmodelle anbieten. Im Kern wird es darum gehen, die in uns latent angelegten Eigenschaften zu erkennen und zu nutzen. Es ist das Maß der Bewusstheit, welches darüber entscheidet, ob wir lediglich auf äußere Reize und Konditionierungen reagieren, oder souveränen agieren. Schon Sokrates konstatierte eine Grundhaltung, die noch heute philosophische Grundlage des humanistischen Menschbildes ist: Verantwortlichkeit ist abhängig von Bewusstsein. Seine Lehre besagt im Grundsatz: „Niemand fügt sich, oder anderen, bewusst etwas Böses zu. Alles, was der Mensch in seinem halbschlafähnlichen Zustand anstellt, tut er aus dem Maß seiner Unbewusstheit heraus. In einem erwachten Zustand – in dem er voll bewusst wäre -, würde er zu keiner bösen Handlung fähig sein.“
Hier schließt sich der Kreis zu Stephen Hawking, der darauf zählt, dass ein Mehr an Empathie die beste Heilung von Aggression sei und die Menschheit in einen friedvollen und liebenden Zusammenhalt bringt. Erkenntnisfähigkeit als Voraussetzung für ein größeres Bewusstsein erfordert die Bildung des Intellekts auf mehreren Ebenen und geht einher mit der Zunahme verfügbarer und integrierbarer Informationen.
Hierzu Alexander Trofimov: „Der Intellekt kann als ein kosmoplanetarisches Ereignis angesehen werden, der auf der Erde als ein explosiver Prozess auftauchte. Man kann tatsächlich davon ausgehen, dass er spontan von entsprechenden Strukturen des Bewusstseins geformt wurde.“ Nach seiner Auffassung entstehen immer wieder neue Informationsfelder intellektueller Organisation, die das Bewusstsein verändern und zur Entstehung neuer Kulturen führt. „Die Zunahme oder Abnahme des Typus der Feldbeziehungen auf der Stufe der gesamten Menschheit, auf nationaler oder ethnischer Ebene sind von größter Bedeutung für die Geschichte dieser Gruppen oder Nationen und für die Sozialhistorie des Planeten!“
Auch Michael Persinger sieht in Feldphänomenen die Auslöser von Entwicklungsschritten der Menschheit: “Stellen Sie sich einmal das große Ereignis vor, was auch immer es gewesen sein mag, als alle Kulturen mehr oder weniger zur gleichen Zeit begannen Sprache zu verwenden: Das passierte durch einer Punktmutuation, die sich durch unsere gesamte Spezies gezogen hat. Was könnte der Auslöser dafür gewesen sein? Es muss etwas gewesen sein, dass uns alle miteinander verbindet, etwas dem alle menschlichen Wesen ausgesetzt gewesen sein müssen. Und das ist das Erdmagnetfeld. Wenn Sie das alles historisch betrachten, werden Sie sehen, dass alle diese massiven globalen Veränderungen, die wir revitalisierende Bewegungen nennen, also revolutionäre Bewegungen, oder Phasen in denen es massive Bewegungen einer bestimmten Idee gibt, oft auftreten in Zeiten mit bestimmter geomagnetischer Aktivität.“
„Es sollte nicht überraschen, dass revitalisierende Bewegungen am Anfang gewöhnlich das Schwergewicht auf expressive Befriedigungen und vage oder pragmatische soziale Ziele legen… Solche Bewegungen entstehen aus diffuser Unzufriedenheit durch Unterdrückung, Diskriminierung und Benachteiligung… Die emotionale Zufriedenheit der beginnenden Bewegungen, manchmal richtiger „Kulte“ oder sogar „soziale Epidemien“ genannt, bindet Anhänger an die Gemeinschaft, die fähig ist, verständliche Bilder der Zukunft zu entwerfen, die dazu beitragen, die Gemeinschaft zu verstärken und zu aktivieren.“
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Alltägliche Befangenheit

von Petra Ziegler, „Streifzüge“
Veränderungen machen Angst. Allein der Gedanke daran stresst, versetzt uns in Abwehrhaltung. Haben wir uns einmal an etwas gewöhnt, bleiben wir gerne dabei – kein pausenloses Abwägen, kein ständiges Für und Wider, wir laufen bei alltäglichen Verrichtungen in einer Art Energiesparmodus. Routinen geben Sicherheit, sie entlasten uns, regeln unseren Umgang untereinander, bestimmen Abläufe, lassen die Dinge an „ihrem Platz“.
Alltag ist das, was wir kennen, so wie wir es kennen. „‚Alltag‘, das sind ‚Wir‘, d.h. die, die man ‚kennt‘, die eigentlich immer ‚da‘ sind und ‚dazugehören‘; und es sind erst einmal nicht die ‚Anderen‘, die ‚Fremden‘ und erst recht nicht die ‚Auffälligen‘, ‚Absonderlichen‘ und ‚Gefährlichen‘.“ (G. Günter Voß: „Alltag. Annäherungen an eine diffuse Kategorie“, http://www.arbeitenundleben.de/downloads/alltag-kurz.doc)
„Alles, was ich kenne, gibt mir ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit“, so formuliert es die Psychotherapeutin Sara Malik, „selbst dann, wenn es mich unzufrieden oder gar unglücklich macht. Weil ich weiß, wie ich handeln muss. Und niemand kann mir garantieren, dass es anschließend besser wird. Es könnte ja noch schlechter werden.“ Der Wunsch nach Stabilität scheint das Bedürfnis nach Neuem bei weitem zu überwiegen. Dabei werden selbst offensichtlich negative Auswirkungen des Gegebenen individualisiert oder auf andere Weise relativiert. Weniger um die Ursachen von Belastungen kreisen die Gedanken, um das „Warum“, sondern darum, wie wir uns der „Realität“ stellen, wie wir ihren Anforderungen gerecht werden, uns ins „Notwendige“ fügen und dabei möglichst viel für uns herausholen. „In der subjektivierenden Herangehensweise stehen nicht die gesellschaftlich abschaffbaren oder minimierbaren Zumutungen kapitalistischer Erwerbsarbeit im Vordergrund der Aufmerksamkeit, sondern die quasi sportliche Herausforderung, die eigene Tüchtigkeit, Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.“ (Meinhard Creydt: „Stufen der Subjektivierung“ in Streifzüge 60)
Der Psychologe Rainer Mausfeld (Universität Kiel) charakterisiert den status quo bias als „unsere natürliche Neigung, den jeweiligen Zustand der Gesellschaft, in der wir leben, als gut, gerecht, moralisch erstrebenswert usw. anzusehen“. Diese Voreingenommenheit geht parallel mit einer Tendenz, den Benachteiligten die Verantwortung für ihr Scheitern und ihre missliche Lage selbst zuzuschreiben, ebenso wie mit einer Abneigung gegenüber allem und allen, die offensiv Veränderungen anstreben. In ökonomisch krisenhaften Zeiten verstärkt sich das. Wer Sorge hat, „in jedem Moment mit seinem ganzen Leben zur Disposition zu stehen“ (Heinz Bude: „Gesellschaft der Angst“), fühlt sich ohnmächtig und wenig Herr seiner selbst. Im Zweifel wählen wir das bekannte Leiden.
Änderungsresistent
Zwar passen wir uns ständig an, aber eher notgedrungen, der Umstände halber. Im Rhythmus des Geldes laufen wir, so gut es eben geht. Wir laufen mit, ein wenig schneller eben, wenn die Vorgaben erhöht, irgendwelche Sollzahlen neu bestimmt werden, oder wir tun uns ein wenig hervor, gelegentlich. Die Konkurrenz schläft nicht. Wir sind MitläuferInnen, mindestens, sonst machen es andere.
Gewohnheiten abzustreifen verlangt einiges an Ausdauer und Willenskraft. Das weiß nicht nur, wer sich von irgendwelchen kleineren oder größeren Lastern verabschieden oder irgendwas Anerzogenes, nunmehr die Persönlichkeit Belastendes loswerden möchte. Dabei sind das noch leichte Übungen, verglichen mit unseren vom marktwirtschaftlichen Getriebe geprägten Handlungen, Herangehensweisen und Wertungen. Wir sind geeicht als Kauf- und Verkaufssubjekte, konkurrierend, nutzenmaximierend, kalkulierend. Selbst „Alternativen“ lassen sich scheinbar nur nach monetären Maßgaben denken. Das hört sich dann zum Beispiel so an: „Wenn Menschen keine Arbeit mehr haben, brauchen sie ja dennoch ein Einkommen – erstens, damit sie überleben können, und zweitens, damit sie die Wirtschaft am Leben halten.“ (Martin Ford, Autor des von Forbes 2015 zum Wirtschaftsbuch des Jahres gekürten „Rise of the Robots“, der sich im Interview mit derstandard.at für ein Grundeinkommen einsetzt)
Um loszuwerden, was uns längst in Fleisch und Blut übergegangen ist, müsste zuerst der Wunsch nach etwas anderem wach werden, und darüber hinaus müsste, was ist, als überhaupt veränderbar erkannt werden. Allzu selbstverständlich, „normal“ eben, ganz „natürlich“ erscheint uns unser Verhalten, es gehört eben dazu. Es gehört dazu, wenn eins Erfolg haben will im Beruf, im Freundeskreis mithalten will, ein bisschen was haben möchte vom Leben, Kinder hat …
Verlustängstlich
Bevor wir uns auf fremdes Gebiet wagen, brauchen die meisten von uns erst einmal ziemlich festen Boden unter den Füßen. Davon findet sich immer weniger. Auf rutschigem Gelände, in unruhigen Zeiten, klammern wir uns eher fest. Sobald uns Erreichtes verloren gehen könnte, bleiben die Verlockungen des Neuen recht widerstehlich. Oder wir zögern aus purer Bequemlichkeit.
Wir neigen zur Vorsicht, wittern Bedrohung und sehen, was wir haben, in Gefahr, allem Gelaber von Chancen und unendlichen Möglichkeiten zum Trotz. Risikogeilheit ist was für adrenalinsüchtige Halbstarke und fürs bonifixierte Management. Beide zweifellos verzichtbare Erscheinungen der jüngeren Geschichte.
Kleine Fluchten aus dem Alltag sind freilich willkommen: Zerstreuungen, Ablenkung, Luftschlösserbauen. Vom Fliegen träumen mögen viele, vor dem wirklichen Abheben leuchtet ihnen grellrot: Absturzgefahr! Vielleicht kommen wir auch einfach nicht weg vom Sofa. Am Boden geblieben, beklagen wir dann, was uns an täglichen Verpflichtungen niederdrückt. Vom ersehnten Höhenrausch bleibt nur ein grauer Kater. Und damit der wenigstens dekorative Streifen bekommt, wenden wir uns irgendeinem normkompatibleren Zeitvertreib zu. Die einen gestalten das Wohnzimmer um und malen aus, die anderen malen nach vorgegebenen Linien (vgl. etwa „Adult Coloring: Das bunte Leben im falschen“, http://www.zeit.de/kultur/2016-04/adult-coloring-malbuecher-trend-buntstifte), die Dritten stylen ihr Äußeres immer wieder neu oder perfektionieren das eigene „Selbst“. Die „Ausarbeitung des eigenen Lebens als eines persönlichen Kunstwerks“ (Michel Foucault) absorbiert Aufmerksamkeit wie Geschicklichkeit umfassend. Eine Diät vielleicht, den Lebensstil umkrempeln, damit „haben auf einmal vorher routinisierte Einkaufs-, Haushalts- und Küchentätigkeiten wieder einen tieferen Sinn, über den man sich stundenlang unterhalten kann“ (Klaus Ottomeyer). Ein paar wenige betreiben auch die Kritik der Verhältnisse, so denn die Zeit dafür bleibt.
Das nagende Gefühl, (schon wieder) zu kurz zu kommen, zu verlieren oder umsonst so viel investiert zu haben – Gefühle, Geld, Geduld –, regiert auch und gerade im Zwischenmenschlichen. Selbst wo Größeres in der Luft liegt, kriegen wir es klein. Da bringen wir es in der Liebe zu wenig mehr als einem „Egoismus zu zweit“ (Erich Fromm), beherrschen uns Eifersucht und Besitzdenken. Mein Heim, meine Frau, mein Kind, mein Auto, mein Gartenzwerg. Mein. Mein. Mein! Der exklusive Anspruch will verteidigt werden, machen die anderen ja auch so. Nur niemanden zu nahe rankommen lassen an den Gespons, es könnte eine Diebin sein.
Everyday Life
In kleinkrämerischen Endlosschleifen, in latent stressiger Atmosphäre ziehen die Tage dahin. Wir funktionieren so recht und schlecht, zumeist aber doch ziemlich gut – wir haben ja gute Gründe dafür. Fast wie in Trance spulen wir unsere tägliche Routine ab, manche sind buchstäblich vom frühmorgendlichen Weckerläuten bis zum Einnicken vor dem Fernseher dicht verplant. Bis über den Hals zugeschüttet könnte man es auch nennen. Ohne Bewegungsfreiheit. Da regt sich wenig Leben mitten im Leben, stattdessen herrscht Betriebsamkeit. Und Letztere darf nicht zum Stillstand kommen. Die kapitalistische Selbstzweckbewegung kennt allenfalls Leerlauf, aber kein Halten. Vor allem vor den Köpfen nicht.
Arbeit – Familie – Freizeit, die Sphären des Alltags bedingen einander maßgeblich. Gemeinsam sind sie wesentlich für den Selbsterhaltungsprozess der kapitalistischen Ökonomie. Produktion. Konsumtion. Reproduktion. „Die Lebenstätigkeit in der Konsumtionssphäre trägt zur Erhaltung und fortschreitenden Aufhäufung des Kapitals doppelt bei: einmal, indem sie die Arbeitskraft für den Fortgang der Mehrwertproduktion wiederherstellt, pflegt und repariert; zum anderen indem sie beständig die Gebrauchswerte der kapitalistisch produzierten Waren aufzehrt und somit – gesamtgesellschaftlich gesehen – die notwendigen Absatzmärkte für das Kapital sichert.“ (Klaus Ottomeyer: „Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten im Kapitalismus“, S. 115)
Das Dasein im Takt der Verwertung verlangt nach einem Ausgleich, die dafür nötigen Aufwendungen ketten uns alsdann erst recht an dessen Zwänge. Auf der steten Suche nach einem „gemeinsamen gegenständlichen Sinn des privaten Alltagshandelns“ (ebd.) umgeben wir uns mit unzähligen „Ersatzgegenständen“. Ein gemeinsames Projekt – der Traum vom Eigenheim (da kommt die Hypothek zu beider Lasten gleich noch obendrauf), die Brasilienreise will geplant werden oder auch nur das wiederkehrende Bemühen, die vorhandenen finanziellen Mittel und den verbleibenden Monatsrest einigermaßen in Übereinstimmung zu halten, ein neuer Kühlschrank steht an, der Kostenbeitrag für die Schulsportwoche – all das verbindet und lässt den Gesprächsstoff nicht ausgehen. Und erst recht die Kinder, wer braucht da noch nach dem Sinn des Lebens zu fragen.
Die eigene kleine Welt, sie hält ihre Demiurgen fortwährend beschäftigt und frisst einen Großteil der nach dem (nach Fortpflanzung zusätzlich) erforderlichen Broterwerb noch vorhandenen Energie. Was dann als Überschuss bleibt, ist verschwindend. Es kann kaum verwundern, dass der Drang, an den Zuständen zu rütteln, sich einerseits auf junge Menschen, vor dem Eintritt ins Berufsleben und Familiengründung, und auf der anderen Seite auf solche, die sich ein Quantum utopischer Hoffnung in ihre späteren Jahre gerettet haben, beschränkt. Die anderen haben schlicht „andere Sorgen“.
My Little World
Familie ist so ziemlich sakrosankt. Es geht ja schließlich nicht nur ums Geld oder die Karriere im Leben. Familie haben, mindestens haben wollen, gilt geradezu als der Nachweis, dass eins nicht ausschließlich egoistische und materialistische Interessen verfolgt. Erscheint sie doch gleichsam als „ein Universum, in dem die normalen Gesetze der ökonomischen Welt aufgehoben sind“ (Pierre Bourdieu: „Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns“, S. 132). Und wer darauf verweisen kann, braucht auch weiter nichts zu erklären. Wer Familie hat, hat „das Privileg, zu sein, wie es sich gehört, der Norm zu entsprechen, also den symbolischen Profit aus der Normalität zu ziehen“ (ebd.). Selbst in ihren heutigen Schrumpfformen ist sie ein wahres Konservierungsmittel und „eine der Hauptvoraussetzungen für die Akkumulation und Weitergabe von – ökonomischen, kulturellen, symbolischen – Privilegien. Die Familie spielt nämlich für den Erhalt der sozialen Ordnung, für die nicht nur biologische, sondern auch soziale Reproduktion, das heißt für die Reproduktion der Struktur des sozialen Raums und der gesellschaftlichen Verhältnisse, eine entscheidende Rolle. (…) Sie ist das wichtigste ‚Subjekt‘ der Reproduktionsstrategien.“ (Ebd.) Mit dem Kollektiv-Subjekt Familie verfestigt sich gleichzeitig die soziale Schichtung („die Großen haben große Familien“, ebd. S. 133).
Mehrheitlich bilden sie heute geschlossene Gesellschaften im Klein(st)format, versuchen sich irgendwie durchzuwurschteln und bleiben dabei isolierter denn je. Kaum mehr als eine Art erweitertes Selbst. Dritte können bereits als Störung der privaten Sphäre wahrgenommen werden, sogar Freundschaften bleiben oft erstaunlich oberflächlich. Gelegentliche Grillabende, ein gemeinsamer Urlaub ist schon viel, echte Teilhabe selten, so sie nicht als Einmischung überhaupt zurückgewiesen wird. Eins – und seien das zwei oder drei oder fünf – bestellt den je eigenen Schrebergarten und hat damit mehr als genug zu tun. Probleme bleiben individualisiert und werden im Gespräch mit der besten Freundin psychologisch schlüssig erklärt. (Aus der Beziehung zur Mutter, vermutlich.)
Das Bedürfnis nach emotionaler Geborgenheit, Vertrautheit, Füreinanderdasein, der liebevolle Blick auf den Mitmenschen, sie sind nur innerhalb der privateigentümlich ausschließenden Beziehungen gerne gesehen. Andernfalls treffen sie auf Argwohn.
Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung ist daraus nicht zu schöpfen. Umso mehr bleiben allesamt an den systemischen Irrsinn gefesselt. Den Kindern und den Enkelkindern wird es nicht besser gehen. Vielleicht fragen sie einmal, warum wir uns nicht irgendwann zusammengetan und uns gewehrt haben? Vielleicht fragen sie nicht einmal.
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Kapitalismus rettet Flüchtlinge

Ein schädliches Placebo aus dem Kanzleramt

von  U. Gellermann, „Rationalgalerie“
Er wird in die Geschichte eingehen, der 14. September 2016. Denn an diesem Tag trafen die wichtigsten deutschen Konzernchefs im Kanzleramt auf Angela Merkel, um über die Flüchtlinge und darüber, wie man die denn schaffen kann, zu beraten. Um Lehrstellen ginge es, und um Jobs, vertraute uns die BILD-Zeitung an, ein Blatt der Merkel-Freundin Friede Springer. Fraglos trafen sich hier die Richtigen: Konzerne wie Siemens, Evonik, Opel, RWE und VW gehören zu denen, die überall in der Welt Rohstoffe so billig einkaufen, dass es die heimische Bevölkerung teuer zu stehen kommt und sie lieber ihren Rohstoffen hinterher flüchtet. Natürlich wollte die Merkel nicht über die brutale Vernichtung der Lebensgrundlagen der Geflohenen reden. Auch war sie geschickt genug, keinen Vertreter der Rüstungsindustrie einzuladen, aber die Deutsche Bank am Merkel-Tisch reicht schon: „Die Deutsche Bank kennt kaum Skrupel und unterhält zu fast allen großen Rüstungskonzernen (…) Geschäftsbeziehungen: Dazu zählen auch acht der zehn weltweit größten Waffenhersteller, die allesamt in die Herstellung von Atomwaffensystemen verstrickt sind und Rüstungsgüter in Krisengebiete exportieren (…) oder an Staaten liefern, die Menschenrechte missachten.“ Das schreibt der Verein FACING FINANCE in seiner Studie „Die Waffen meiner Bank“. Eine Analyse, die Frau Merkel nicht lesen darf: Ihre Lügen über die Fluchtursachen wären nicht mehr ganz so überzeugend.
Er wird in die Geschichte eingehen, der 14. September 2016. Denn der Verein „Wir zusammen“, die Integrationsintiative der deutschen Wirtschaft, erhielt im Kanzleramt seine höheren Weihen. Genauer: Die Verursacher durften den Opfern ihres Tuns öffentlich Placebos überreichen. Denn natürlich findet sich die wesentliche Flucht-Ursache in der Spaltung der Welt in Arm und Reich. Und ebenso selbstverständlich werden die Reichen eine Medienöffentlichkeit finden, die Ihre Brosamen ehrfürchtig als große Wohltaten verkaufen wird. Ralph Dommermuth zum Beispiel, Initiator der „Integrationsintiative“ und Internet-Unternehmer – er wird auf ein Vermögen von 4,2 Milliarden Dollar geschätzt – hatte aus seiner privaten Westentasche mal 20 Millionen Euro für die Teilnahme eines deutschen Bootes beim America’s Cup auf den Protz-Tisch deutscher Unternehmer gelegt. Wer jetzt rechnet, was man für 20 Millionen alles an Flüchtlingshilfe leisten könnte, der rechnet klein. Groß gerechnet sind die Löhne, die andere Wohltäter, wie die Hugo Boss AG, an potentielle Flüchtige in ihren Heimatländern spenden: In der Türkei zum Beispiel zahlt das Modeunternehmen ganz elegant kaum die Hälfte des dort vorgeschrieben monatlichen Mindestlohnes von 1002 Euro.
Der Boss-Gründer, Hugo Ferdinand Boss, kannte sich mit Fremdarbeitern aus: Der bekennende Nationalsozialist beschäftigte während der Hitlerzeit Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa. Das musste er, sonst hätte er die vielen Uniformen für SA, SS, Wehrmacht und HJ nie pünktlich liefern können. Von solcher Vergangenheit wollen auch die Manager der Evonik Industries AG, am Tisch der Merkel, nichts wissen. Heißt ihr Konzern doch inzwischen nicht mehr „Degussa“, denn der war einst mit der Produktion von Zyklon B, beschäftigt, mit dem dem Häftlinge in Auschwitz vergast wurden. Danach wurde dann das Zahngold der Juden umgehend an die Schmelzöfen der „Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt (Degussa)“ zur Weiterverarbeitung geliefert. Zu solch brutalen Profiteuren des Nazi-Regimes gehört auch die Familie Haniel, die als Franz Haniel & Cie. GmbH in der Flüchtlingsinitiative sitzt. Rund 4.000 Zwangsarbeiter könnten das belegen, wenn sie denn noch lebten. Einer der Konzern-Gründer, der deutschnationale Karl Haniel, war ein Sponsor Hitlers und wußte über die Nazis zusagen: „Man müsse nunmehr auch die guten Seiten des Nationalsozialismus anerkennen. Für das Ruhrgebiet bedeute der Nationalsozialismus die Erlösung von dem Kommunismus.“
Erlösungen aller Art wurden am 14. September 2016 im Kanzleramt eher nicht besprochen werden. Aber vielleicht statteten die Haniel-Beauftragten der Kanzlerin ihren Dank für die Endlos-Verschleppung der Erbschafts-Steuerreform ab. Immerhin zählen die Haniels zu den zehn reichsten deutschen Unternehmerfamilien. Das Vermögen der Dynastie beläuft sich auf rund 6,5 Milliarden Euro. Die Erbengemeinschaft besitzt Anteile an 800 bis 900 Unternehmen. Ihr Gesamtumsatz wird für 2014 mit 3 944 Milliarden Euro angegeben. Da wurde ordentlich was gespart, wenn man an den schönen Erbschaftsteuer-Rabatt denkt, den CDU und SPD dieser und anderen Sippen seit Jahren gewähren. Auch die Familie Voith – sie gehört heute zu den reichsten Familien Deutschlands, das Vermögen der etwa 40 Inhaber des Weltkonzerns ist laut Schätzung des „Manager Magazins“ 2012 auf 3,2 Milliarden Euro gestiegen – durfte sich bei der Merkel bedanken und sicher sein, dass im Kanzleramt nicht über die wirklichen Fluchtursachen geredet wurde.
Rund fünf Millionen Menschen leben in Deutschland von Hartz 4. Und natürlich sehen sich viele von ihnen in Konkurrenz zu den Flüchtlingen: Auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt und auf dem Markt der Almosen. Wer Flüchtlingen und Arbeitslosen Arbeit verschaffen wollte, der müsste nur die Arbeitszeit senken. Allein die mehr als eine Milliarde an jährlichen Überstunden weisen auf ein dickes Arbeitszeitpolster hin. Längst ermöglicht die Arbeitsproduktivität eine deutlich kürzere Arbeitszeit. Und eine kürzere Arbeitszeit ergäbe deutlich mehr Stellen. Aber woher sollten dann die kostspieligen  Hochsee-Yachten kommen? Dann doch lieber Placebos, wie sie die Siemens-Personalchefin Janina Kugel anbietet: Der Elektrokonzern habe 100 Praktikums-Stellen geschaffen und 66 Flüchtlinge zur Vorbereitung auf eine mögliche Ausbildung in Förderklassen eingestellt. Allein die bekannt gewordenen schwarzen Kassen des Siemenskonzern waren mit 1,3 Milliarden Euro gut genug gefüllt, um viele weitere Stellen zu schaffen. Was Siemens die eifrige Lobby-Arbeit von Joschka Fischer und der ehemaligen US-Außenministerin, Madeleine Albright, kostet, ist unbekannt. Obwohl man deren Unterhalt durchaus folgerichtig für die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien verwenden sollte. Schließlich waren beide an der Zerschlagung des Landes erfolgreich beteiligt.
Der 14. September 2016 wird in die Geschichte eingehen. Als jener Tag, an dem im Berliner Kanzleramt eines der größten und schädlichsten Placebos Deutschlands hergestellt wurde. Die beschwichtigende Illusion des Grundgesetz-Artikels 14, der tatsächlich die Verpflichtung des Eigentums zum „Wohle der Allgemeinheit“ verspricht, wurde groß an die Wand der Republik gemalt. Dass im selben Artikel auch „eine Enteignung zum Wohle der Allgemeinheit“ für zulässig erklärt wird, ist in Vergessenheit geraten. Dabei wäre genau hier jene Rezeptur zu lesen, die Heilung statt Verklärung erreichen könnte.
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Friedensfahrt von Berlin nach Moskau

moskauDie Friedensfahrt von Berlin nach Moskau ist eine Bürgerinitiative zur Förderung der Völkerfreundschaft zwischen Deutschland und Russland.

Wir glauben an die Möglichkeit von Frieden trotz der offensichtlichen geopolitischen Agenda verschiedener Länder und Gruppierungen uns unseren europäischen Nachbarn Russland medial als Feindbild zu präsentieren.

Anstelle von Sanktionen, militärischen Drohgebärden oder gar Krieg setzen wir auf Kennenlernen und Kooperation zwischen den Bevölkerungen beider Staaten, um das alternativlose, höchste Gut, den Frieden, zu sichern.

Wir sind fest entschlossen, eine am Bedürfnis des Menschen orientierte „Geopolitik von unten“, im Sinne tragfähiger Friedenspolitik auf der Grundlage von Empathie und Völkerfreundschaft, selbst in die Hand zu nehmen.

Mit der Friedensfahrt setzen wir ein Zeichen und verbinden Menschen, Vereine, Städte, Firmen und letztlich zwei Völker miteinander.

Diese seitens der Menschen geschaffenen unumstößlichen Fakten der Völkerfreundschaft müssen seitens der Politik respektiert und weiterentwickelt werden.

Wer ein Zeichen für den Frieden setzen will, kann mitmachen,
als Teilnehmer, als Medienpartner, als finanzieller Sponsor, als Projektpartner.
Wir freuen uns über jeden Unterstützer!

Für uns ist Frieden zwischen Deutschland und Russland und die Völkerfreundschaft mit den Russen alternativlos. In allen Ländern dieser Welt …

logo-druschba
Fahrtroute:
Unter www.druschba.info und www.facebook.com/druschba.paneurasia erhält man weitere Informationen zur Friedensfahrt, die am Sonntag, den 7.8.2016 mit einer großen Auftaktkundgebung am Brandenburger Tor öffentlich verabschiedet wird. Auf den Internetseiten kann man die Fahrt auch online mitverfolgen.
KenFM am Set: Dr. Rainer Rothfuß und Owe Schattauer über die Friedensfahrt nach Moskau
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Diktatur in Köln

Die Staats-Gewalt hat Merkel-Pause

von U. Gellermann, „Rationalgalerie“
Da waren sie in Köln: Dem Pass oder dem Wohnort nach Demokraten. Dem Herzen nach Erdograten. Jene explosive Mischung von zu kurz gekommen und zu kurz gedacht. Im deutschen Gesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Was war das für eine Würde, die ihre Eltern oder Großeltern auf dem Sklavenmarkt der deutschen Industrie genießen durften: Du stark, Du Stahlwerk. Du Frau, Du putzen. Arbeit schändet nicht. Es sind die Verhältnisse, die sie schändlich macht. Für sie gab es nur die Drecksarbeit. Bis heute: Soll doch der Türke die Drecksarbeit mit den Flüchtlingen machen.
Gab es vor der Demonstration für den Diktator in Köln eine Stimme wie diese: Da geht man nicht hin! Gab es nicht. Kein bekannter Intellektueller, keiner aus der Regierung, niemand aus der mächtigen Wirtschaft wollte sich mit dem Herrn vom Bosporus anlegen. Denn der Herr ist im selben Militär-Verein wie wir. Der Herr kontrolliert den Markt, auf dem wir Waren verkaufen. Deutsche Panzer, deutsche U-Boote, auch Fregatten kauft man dort gern. Zwei Jahre lang schützten deutsche Raketen-Soldaten die Grenze der Türkei gegen einen erfundenen Feind: Die Syrer. Zu keiner Zeit hat der Staat Syrien die Türkei bedroht. Aber Diktaturen brauchen Feinde. Wie Schutzgeld-Erpresser schützen sie die Bevölkerung vor einer Bedrohung, die sie selbst erfunden haben.
„Nach den Ereignissen in der Türkei sind die Soldaten der Bundeswehr auf dem Luftwaffenstützpunkt im türkischen Incirlik wohl auf“, schreibt die Bundeswehr in ihr syrisches Kriegstagebuch. Was der Presseoffizier Ereignisse nennt, ist die Diktatur. Es sind die Ereignisse in türkischen Gefängnissen, in Zeitungsbüros unter Kriegsrecht, sind die Erlebnisse bei den Serien-Verhören von Unschuldigen. Schuldig allein, weil der Diktator es will. Jeden Morgen steigen die Airbus-Tankflugzeuge der Bundeswehr vom Flughafen Incirlik auf. Mehr als vier Millionen Liter Treibstoff haben sie schon an die Bomber am Himmel über Syrien geliefert. Man lässt bomben. Was außerhalb des NATO-Stützpunktes vor sich geht? In der Kantine des „Patriot Village“ gibt es an den deutschen Tagen Bratwurst mit Sauerkraut oder Schnitzel mit Kartoffeln.
„Wir können die Tore zu Griechenland und Bulgarien jederzeit öffnen, und wir können die Flüchtlinge in Busse setzen“, hatte der Diktator gedroht. Wenn ein Flüchtling nicht den Boden der Bundesrepublik betritt, kann seine Würde in Deutschland nicht angetastet werden. Rund 2.000 Migranten kamen vor dem Handel mit Erdogan täglich auf die griechischen Inseln. „Wenn die Türkei sich dafür entscheidet, ihre Macht zu demonstrieren, und die Schleusen öffnet, wird das System in drei Tagen zusammenbrechen“, meinte Lefteris Papagiannakis, Abteilungsleiter für Migrationspolitik bei der Athener Stadtverwaltung. Es ist die Flüchtlingswaffe, vor der das Merkel-System zittert.
Da waren sie in Köln. Auf einer Kundgebung für die Diktatur. Was sollte der deutsche Außenminister sagen? Ich war auch schon mal im Ausland auf einer Kundgebung, in Kiew. Da wurde ganz demokratisch eine gewählte Regierung durch bewaffnete Kräfte beseitigt, vielleicht? Was sollte die Verteidigungsministerin sagen? Ich war gerade erst in der Türkei auf Soldatenbesuch. Da durfte kein deutscher Parlamentarier mit. Obwohl die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist. Was aber hat sie wirklich nach dem Besuch gesagt: „Die Zusammenarbeit auch mit den türkischen Gastgebern ist sehr eng und vertrauensvoll.“. Das war noch vor dem Putsch, aber nach den Angriffen der türkischen Luftwaffe auf Kurden, nach der Aufhebung der Immunität gewählter Abgeordneter, nach den Massenanklagen gegen Journalisten. Was sollte die Kanzlerin sagen? Ich habe schon mal mit Herrn Erdogan telefoniert. Danach habe ich ein Strafverfahren gegen einen deutschen Satiriker ermöglicht. Oder was?
Ein Zeichen der Würde war weit und breit nicht zu sehen. Man überließ diejenigen, die mit der Diktatur im Land ihrer Vorfahren sympathisierten, den Handlangern der Diktatur. Man machte sie zu Ausländern, obwohl sie seit Jahrzehnten bei uns leben. Denn wären sie Inländer, dann müsste der komplette erste Artikel des Grundgesetzes zu Anwendung kommen: Die Würde des Menschen ist unantastbar, lautet nur der erste Satz, der zweite heißt: Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Wer diesem zweiten Grundsatz verpflichtet wäre, hätte sich klar und deutlich gegen eine Pro-Diktatur-Kundgebung in Köln aussprechen müssen. Aber wer, wie Merkel, die Verfassung so lange biegt bis sie bricht, der will eine Diktatur nicht mal dann erkennen, wenn er drüber stolpert. Die Staats-Gewalt hat Merkel-Pause.
Originaltext
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Europas falsche Politik gegenüber Russland

von Christian Müller, „infosperber“
Nach dem Kollaps der Sowjetunion 1990 wollten die Russen Europäer werden. Doch der Westen wollte sie die Niederlage spüren lassen.
José Manuel Barroso, Portugiese und EU-Kommissionspräsident von 2004 bis 2014, hatte keine Ahnung von Europas Osten – und war dazu stark USA-hörig. Nicht zufällig ist er jetzt in die Dienste der US-Investmentbank Goldmann Sachs getreten. Mit seiner verfehlten Politik gegenüber der Ukraine ist er mitverantwortlich für den neuen Kalten Krieg. Was allerdings erstaunlich ist: Viele Politiker und die meisten grossen Medien in Europa sind ebenfalls aufgesprungen auf den Zug der von den US-Amerikanern initiierten Russophobie. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlich, denn es ist so viel einfacher, die Welt zu erklären, wenn es einen klar definierbaren Bösewicht gibt. Man stelle sich vor, man müsste auch über die eigenen Fehler nachdenken!
Einer, der über die eigenen Fehler nachdenkt, ist der im Herbst dieses Jahres 90 Jahre alt werdende ehemalige deutsche Spitzenpolitiker Erhard Eppler. Er hat für die deutsche Vierteljahreszeitschrift DIE GAZETTE eine Analyse geschrieben, die die Hintergründe der USA- und EU-Politik gegenüber Russland besser charakterisiert als die meisten, auf Kurzzeit-Gedächtnis basierenden Kommentare in den Mainstream-Medien. Für historische Erkenntnisse kann es auch einmal ein Vorteil sein, schon betagt zu sein und entscheidende Ereignisse selber miterlebt zu haben.
Infosperber veröffentlicht Epplers Analyse hier ungekürzt.

Die verkannte Demütigung der Russen

Nach dem Ersten Weltkrieg haben die siegreichen Alliierten die unterlegenen Deutschen mit hohen Reparationsforderungen gedemütigt. Die Folgen – Hitler und der Nationalsozialismus – sind bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die wieder siegreichen Alliierten den gleichen Fehler nicht. Deutschland blühte auf und wurde friedfertig. Und was hat der Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gemacht? Hat er aus der Geschichte gelernt?
Von Erhard Eppler
I. Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis zwei Unterschiede zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert ganz in das Bewusstsein der Deutschen, auch der politisch entscheidenden, eingedrungen ist. Da ist zuerst einmal die Tatsache, dass die Ausbrüche vernichtender Gewalt zwar keineswegs seltener geworden sind, aber nicht mehr die Form des klassischen Krieges zwischen souveränen Staaten annehmen. Was im Westfälischen Frieden 1648 als Krieg definiert wurde – und wofür es schließlich ein ausgefeiltes Kriegsrecht gab, ist offenbar obsolet. Seit Jahren wird zwischen den beinahe 200 Staaten dieser Erde kein Krieg geführt, in welchem zwei – oder auch mehr als zwei – Staaten die Kräfte messen. Dass unser Jahrhundert aber keineswegs friedfertiger ist als das letzte, hat nicht damit zu tun, dass konsolidierte, kraftstrotzende Nationalstaaten – wie 1914 – sich einen Krieg zutrauen, sondern dass schwache, zerfallende Staaten ihr Gewaltmonopol nach innen verlieren und daraus Konflikte entstehen, in die sich dann staatliche wie nichtstaatliche Waffenträger einmischen. Daraus kann, wie etwa in Syrien, ein solches Gewirr von Interessen und Absichten entstehen, dass nicht einmal ein Zusammenspiel der größten Mächte den Frieden erzwingen kann. Dass man, seit George W. Bush den «war on terror» proklamiert hat, alle solchen Gewaltausbrüche «Krieg» nennt, hat die analytische Kraft derer, die Frieden schaffen wollen, nicht gerade beflügelt.
Der zweite Unterschied besteht darin, dass wir eine Form von Terror erleben, die unsere Vorfahren nicht kannten. Auch wenn in diesen Terror auch nationalistische Fanatismen eingehen, ist er ideologisch motiviert. Er bedient sich auch pseudoreligiöser Begründungen. Von den Terrorversuchen früherer Jahrhunderte unterscheidet er sich da-durch, dass er über ein ganzes Heer von Selbstmordattentätern verfügt.
Alles Denken über Sicherheit hat es über Jahrtausende für selbstver-ständlich gehalten, dass auch ein Aggressor leben will. Daher hat man ihn wissen lassen: «Wer uns angreift, riskiert sein Leben!» Daher ist der Selbstmordattentäter – und noch mehr die Selbstmordattentäterin – so etwas wie die ultimative Waffe. Wer sich selbst töten will, kann nicht abgeschreckt werden. Man kann ihn höchstens fassen, solange er die Tat vorbereitet. Und das setzt ein Maß an Wissen bei den Sicherheitsorganen voraus, das für einen freiheitlichen Rechtsstaat neu ist.
Als der jüngere Bush 2001 dem Terror den Krieg erklärte, gab es noch keinen Staat, dessen Hauptstadt man hätte bombardieren können. In den 15 Jahren des Krieges gegen den Terror ist er entstanden. Das spricht nicht dafür, dass dieser «Krieg» erfolgreich war. Dass sich zwischen den zivilisierten Staaten, in denen es eine funktionierende Rechtsordnung gibt, einer halten kann, von dem aus weltweit Mörder gedungen werden, die blindlings morden, auch sich selbst, spricht nicht für die Staaten, die für sich in Anspruch nehmen, demokratische Rechtsstaaten zu sein. Haben sie den Ernst der Lage noch nicht begriffen? Ist ihnen nicht klar, dass sich hier etwas ausbreitet, was alle anderen bedroht? Dass daher auch alle zusammenwirken müssen, die sich bedroht fühlen?
Das ist der Hintergrund, auf dem sich die Konflikte um die Ukraine oder Syrien abspielen. Natürlich geht es da auch um Großmachtinteressen. Aber nicht mehr, wie im Kalten Krieg, um zwei Ideologien, die nur siegen konnten, wenn die jeweils andere verschwand. Es handelt sich um Atommächte, die, wenn nicht alles täuscht, einen Krieg gegeneinander unbedingt vermeiden wollen. Nicht nur, weil sie wissen, was ein Atomkrieg bedeutet; sie haben inzwischen auch begriffen, dass man, sogar wenn man einen Krieg militärisch für sich entscheiden kann, am Ende ein Gewaltchaos schafft, gegen das auch der Sieger hilflos ist. Der Irakkrieg hat gezeigt, dass man einen Krieg militärisch gewinnen, aber politisch, ökonomisch und moralisch verlieren kann. Das wirkt mehr als alle pazifistischen Mahnungen.
Die NATO-Osterweiterung als Demonstration der Überlegenheit
II. Ronald Reagan wollte den Kalten Krieg nicht nur durchhalten, er wollte ihn gewinnen. Und er hat ihn gewonnen, jedenfalls finden das die Bürger der USA. Nicht nur sie, aber vor allem sie. Endete die NATO bis 1990 in der Nähe von Fulda, so reicht sie heute mit zum Bug, bis zur polnischen Ostgrenze, auch bis kurz vor St. Petersburg. Diskutiert wird nicht mehr darüber, ob auf dem Gebiet der alten DDR NATO-Verbände stationiert sein dürfen, sondern ob die deutsche Bundeswehr auch die baltischen Staaten beschützen soll. Und die Ukraine, über Jahrhunderte fester Bestandteil des Zarenreichs und der Sowjetunion, hat eine Regierung, die lieber heute als morgen der NATO beitreten möchte.
Hier geht es nicht darum, ob westliche Politiker – mündlich gegebene – Versprechen gebrochen haben, es geht lediglich um die Schilderung der Tatsachen. Dass diese Fakten in Washington oder Berlin andere Gefühle wecken als in Moskau, versteht sich von selbst. In den USA zeigen sie, dass man den Kalten Krieg gewonnen hat. In Moskau fühlt man sich etwa so, wie man sich in Washington fühlen würde, wenn Mexiko oder gar ein abtrünniges Texas ein Militärbündnis mit Russland abgeschlossen hätte. Jedenfalls ist Russland in der Defensive – wenn die Ukraine wirklich zum NATO-Land würde, in einer ziemlich hoffnungslosen. Vielleicht verfluchen manche Russen Michail Gorbatschow auch dafür, dass er diesen Deutschen die Einheit geschenkt hat, die nun ihre Soldaten im Auftrag der NATO bis an die russische Grenze schicken wollen.
Und doch: Ausgerechnet die Russen, die sich unverdient in die Defensive gedrängt fühlen, gelten als Aggressoren. Und sie werden dafür mit Sanktionen bestraft, aus den G 8 ausgeschlossen. Sie haben das Recht gebrochen, das nach dem Ende des Kalten Krieges gelten sollte, und zwar für alle. Sie sollen schuld daran sein, dass in der Ostukraine gekämpft wird. Sie haben die Krim – völkerrechtswidrig – annektiert.
Das sieht man in Russland natürlich anders. Was die beiden abtrünnigen Provinzen angeht, so sind dort ja keine russischen Regimenter einmarschiert. Dort haben Gegner der Jazenjuk-Regierung in Kiew unter den Augen einer desinteressierten Polizei die Rathäuser besetzt und ihre Unabhängigkeit von Kiew beschlossen. Zu Kämpfen kam es erst, als die ukrainische Regierung – und einige unabhängige Kampfverbände – die Separatisten vertreiben wollten. Sie nannten das Anti-Terror-Aktion. Dass ihnen dies misslang, hat sicher auch damit zu tun, dass über die junge Grenze zu Russland Waffen und auch Soldaten zu Hilfe kamen, wenn auch keine Verbände der russischen Armee. Offenbar will und wird Präsident Putin verhindern, dass die Separatisten niedergeworfen und vor Gericht gestellt werden. Ob die USA an Kiew nun Waffen liefern oder nicht, es gibt da keine militärische Lösung.
Was die Krim angeht, so fällt auf, dass nur die ukrainische Regierung die Halbinsel einfach wieder haben will, und zwar ohne neue Abstimmung. Ansonsten wird im Westen nur immer wieder betont, dass die Annexion ein Bruch des Völkerrechts war. Hinter dieser verbalen Differenz verbirgt sich eine in der Sache. Die Deutschen zum Beispiel, die über 40 Jahre auf das Recht der Selbstbestimmung gepocht haben, können nicht gut verlangen, dass hier Menschen wie Vieh verschoben werden, ohne dass man sie fragt. Dass nicht 97 Prozent der Krimbewohner für den Anschluss an Russland waren, ist höchst wahrscheinlich. Aber dass mehr als 50 Prozent für eine Rückkehr zur Ukraine votieren würden, ist höchst unwahrscheinlich. Das weiß man auch in Kiew. Dort will man sich darüber hinwegsetzen. Kann der Westen dies auch wollen? Sogar wenn Putin eine Abstimmung zuließe, die ukrainische Regierung will sie nicht. Es gibt also keine gemeinsame westliche Vorstellung davon, wie die Annexion der Krim revidiert werden könnte. Kann man dann die Krim zum ewigen irreparablen Streitpunkt erklären?
Für die Russen ging der Annexion der Krim eine Sezession voraus. Es waren Abgeordnete, die nach ukrainischem Recht gewählt waren, die sich von der Ukraine trennen und Russland anschließen wollten. Der Bruch des Völkerrechtes besteht dann nur noch darin, dass Grenzen verändert wurden ohne beiderseitige Zustimmung.
Aus der Annexion der Krim zu schließen, dass russische Soldaten demnächst in Riga oder gar Warschau einrücken, ist wohl nur Menschen erlaubt, die unter sowjetischer Herrschaft gelitten haben. Schließlich ist die russische Schwarzmeerflotte angewiesen auf einen Hafen. Dazu gab es einen Pachtvertrag bis 2042 für Sewastopol. Würde eine Regierung, deren Hass auf alles Russische weit stärker ausgeprägt ist als ihre administrativen und politischen Fähigkeiten, sich an diesen Vertrag halten? Und was sollte der russische Präsident tun, wenn diese oder die übernächste Regierung in Kiew sich nicht an diesen Vertrag gebunden fühlt?
Kurz: Für die weitaus meisten Russen war die Angliederung der Krim nicht der Start in die Rückeroberung alles dessen, was Stalin 1945 in die Hand gefallen war, sondern die angemessene Reaktion auf einen Putsch, mit dem die Ukraine zum ersten Mal seit tausend Jahren eine Gefahr für Russland geworden war. Dass dadurch die Zustimmung zum Präsidenten erheblich und nachhaltig anstieg, verdankt Putin nicht einer massiven Propaganda – die gab und gibt es auch –, sondern dem Gefühl einer großen Mehrheit, dass dieser Präsident auch aus der Defensive heraus handeln kann. Die Ächtung Russlands im Westen, Ausschluss aus den G8 und die Prügelstrafe der Sanktionen haben die meisten Russen als Demütigung empfunden. Als Demütigung durch die Verbündeten des «Großen Vaterländischen Krieges», für deren Sieg man mehr Opfer gebracht hatte als die alle zusammen, und als Demütigung auch durch die Deutschen, denen man vergeben hatte, dass sie die Russen versklaven und politisch vernichten wollten, die Deutschen, denen man sogar ihre Einheit mit einer großen, überraschenden Geste geschenkt hatte.
Dass der Westen Russland nicht demütigen wollte, dass die Russen die Warnungen des Westens missverstanden hätten, ist ein reichlich naives Argument. Große Völker entscheiden selbst, was sie als Demütigung empfinden, sie bitten dafür nicht um Erlaubnis. Auch die Deutschen haben nach Versailles niemanden gefragt, ob sie sich gedemütigt fühlen dürfen.
Hitler profitierte vom «Diktat» von Versailles
III. Der Autor dieses Aufsatzes wurde in einem der guten Jahre der Weimarer Republik geboren, kam im Frühjahr 1933 in die Grundschule, sang als Dreizehnjähriger «In den Ostwind hebe die Fahnen, denn im Ostwind stehn sie gut!», ohne zu begreifen, was damit gemeint war. Er war noch keine 17, als er seine erste Rekrutenzeit als Flakhelfer genoss und noch keine 18, als er in der feldgrauen Uniform an die Front «abgestellt» wurde. Dabei geriet er in eine Kompanie, die überwiegend aus alten Obergefreiten bestand, die, wenn sie genügend Bier getrunken hatten, vom Ostfeldzug erzählten. So weiß er bis heute, wie der Vernichtungskrieg im Osten geführt wurde, sogar von Soldaten, die keine Nazis waren. Waren es mehr die Zeitläufe oder mehr die Umgebung, die mich schon früh politisch sensibel machten? Der «Kirchenkampf», der schon 1933 begann, war oft Thema, vor allem für meine Mutter, eine bekennende Pfarrerstochter. Was mir schon als Kind auffiel, war, dass fast alle Erwachsenen ihre Einwände gegen die neuen Herren hatten: Bei den Bekannten meiner Mutter war es die Judenhetze und die Einschüchterung der Kirchen, andere vermissten die Meinungsfreiheit, fürchteten sich vor dem «Heuberg», einem KZ-Vorläufer auf der Schwäbischen Alb, den ich mir als einen riesigen Heuhaufen mit ein paar Heugabeln darin vorstellte.
Aber in einem waren alle mit Hitler einig: dass er mit dem Vertrag – alle sagten «Diktat» von Versailles – aufzuräumen begann. Und alle wunderten sich darüber, dass dieser neue «Führer» dabei Erfolg hatte. Er zeigte es den Siegern von 1918, was die Deutschen hinnehmen und was nicht. Wenn es um den Friedensvertrag von Versailles ging, waren alle einig: Er hatte alle Deutschen gedemütigt, und auch die äußeren Umstände hatten klar gemacht: Hier sollte ein Volk gedemütigt werden. Wer damit Schluss machte, konnte sich manches andere, was man nicht so gerne sah, leisten.
Was ich als Kind beobachtet habe, hat mich als Erwachsenen zu der Überzeugung gebracht: Zwar hätte es auch ohne Versailles einen Demagogen Hitler geben können, einen Reichskanzler Hitler aber nicht. Eine Mehrheit für Hitler konnte es nur nach Versailles geben. Nur ein gedemütigtes Volk spürte nicht, wohin dieser Fanatiker es führen musste.
Putin hat den Staat wieder zum Funktionieren gebracht
IV. Unsere deutschen Medien warnen in ungewohnter Eintracht zum einen vor einem unersättlich aggressiven Putin, zum anderen vor dem wachsenden Nationalismus in Russland.
Was Putin angeht, so bestimmt er seit dem Jahr 2000 die Geschicke seines Landes, erst als Präsident, dann als Ministerpräsident und nun wieder als Präsident. Er hat – und dafür sind ihm seine Landsleute dankbar – nach den Wirren der Jelzin-Zeit wieder einen funktionierenden Staat geschaffen. Das ist eine Leistung, von der wir alle profitieren. Im 21. Jahrhundert, in welchem es wenig Mühe macht, eine Gruppe von religiösen oder politischen Fanatikern zu bewaffnen, und noch weniger Mühe, gegen diese bewaffneten Fanatiker andere, feindliche Fanatiker zu bewaffnen, wäre ein Gewaltchaos im riesigen Russland – etwa wie im Irak und Syrien – für ganz Europa eine Katastrophe geworden. Wir denken darüber nicht nach, weil wir noch nicht begriffen haben, dass der Staat sich im 21. Jahrhundert nicht mehr von selbst versteht.
Russland ist noch nie so regiert worden, wie westeuropäische Demokraten regiert werden wollen; nicht durch die Zaren, erst recht nicht durch Stalin und auch nicht durch Putin. Immerhin muss der Präsident gewählt werden – und er achtet sehr auf die Prozentzahlen der Zustimmung. Dass die russische Gesellschaft sich wandelt, hat der SPIEGEL in einem erstaunlichen positiven Bericht über die Hauptstadt Moskau dargestellt, übrigens nicht ohne die Anmerkung, dass dies alles gegen den Willen des – in Moskau ansässigen – Präsidenten geschehe. Offenbar hat die angebliche Diktatur Putins doch ihre Grenzen, wenn in seiner Hauptstadt alles ganz anders verläuft, als er es für richtig hält. Oder hat er vielleicht gar nichts dagegen? Dass Putin auf den Maidan-Putsch und den Assoziationsvertrag der EU mit der Ukraine hart geantwortet hat, fanden die meisten Russen richtig. Man stelle sich vor, er würde jetzt plötzlich zu Kreuze kriechen, damit er wieder zu den G8 zugelassen würde. Das Riesenreich würde mit einem Chaos kämpfen wie zu Jelzins Zeiten, das Gefühl der Demütigung würde allgemein und der Sieger, Putins Nachfolger, wäre etwa von dem Kaliber, das man Putin nur andichtet. Putin ist ein höchst rationaler Typ, er nimmt die Realität, auch die Kräfteverhältnisse, wie sie sind, nicht, wie er sie sich wünscht, nützt die Möglichkeiten, die dem insgesamt Schwächeren bleiben, und ist zur Zusammenarbeit mit denen, die ihn kleinmachen wollen, immer bereit. Das ist nicht der Typ, der aus der Demütigung eines großen Volkes hervorgeht. Kurz: Mit Putin kann man vernünftig reden. Ob man dies mit seinem Nachfolger auch kann, entscheidet sich in der westlichen Politik der nächsten Jahre. Was ich fürchte, ist nicht der Mann, der heute noch der Freund Gerhard Schröders ist, wohl aber das, was nach ihm kommen kann: der Rächer aller Demütigungen.
Wladimir Putin hat nach dem Chaos unter Boris Jelzin den Vielvölkerstaat Russland als Staat zusammengehalten – und ist für den Westen wenigstens ein Ansprechpartner. Aber was kommt nach ihm?
V. Was uns im Westen daran hindert, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben, ist die Tatsache, dass es bei der Realisierung des Minsker Abkommens nicht vorangeht. Warum das so ist, wird nur ein sehr aufmerksamer Zeitungsleser in Deutschland sagen können. Wenn er sich nicht damit zufrieden gibt, dass «beide Seiten sich gegenseitig beschuldigen» – was natürlich immer so ist –, wenn er die seltenen Berichte über das politische Chaos in Kiew genauer liest, weiß er, dass die ukrainische Regierung am Zuge ist. Aber sie findet in ihrem Parlament keine Mehrheit, weder für eine neue föderative Verfassung noch für einen Vorschlag, wie die beiden Separatistengebiete wieder an die Ukraine angebunden werden können, ohne das große Strafgericht über die «Terroristen» in den «okkupierten Gebieten». Dabei ist von Deutschland aus gar nicht erkennbar, ob die ukrainische Regierung unglücklich ist über die Weigerung des Parlaments. Solange der Hass auf Russland so etwas wie die Staatsräson der Ukraine ist, können wir wohl lange warten, bis in Kiew geschieht, was der Präsident in Minsk versprochen hat. Und so lange bleiben die Sanktionen gegen Russland. Wie lange man dieses Spiel mit der westlichen Öffentlichkeit wohl durchhalten kann?
Es war eine Entscheidung im Westen, wohl überwiegend in Brüssel, mit der Ukraine über eine Anbindung an die Europäische Gemeinschaft zu verhandeln, ohne Russland einzubeziehen. Dass ein Portugiese wie Kommissionspräsident Barroso der Hauptverantwortliche war, deutet darauf hin, dass wohl auch ein Mangel an Sachkenntnis im Spiel war. Dass der werdende, kulturell gespaltene Staat der Ukraine mit der Wahl zwischen der EU und Russland überfordert sein würde, hätte man wissen können. Viele, auch deutsche Politiker, haben es gewusst. Wissen musste man auch, dass die Europäische Union nie daran dachte, die gewaltigen Summen aufzubringen, die nötig wären, das riesige, miserabel regierte, immer noch weit überdurchschnittlich korrupte Land allein und gegen Russland zu sanieren. Zwar ist der Internationale Währungsfonds (IWF) immer wieder eingesprungen, um einen Staatsbankrott zu vermeiden, aber der ökonomische Abstand zwischen der Ukraine und Ländern wie Polen ist immer weiter gewachsen. Wahrscheinlich ist der Ukraine nur zu helfen, wenn die EU und Russland beide dies wollen. Dem steht eine ukrainische Regierung im Wege, die in Russland nur den Feind sehen kann, gegen den man Europa und die NATO mobilisieren muss.
Wenn man sich erinnert, mit welch milliardenschweren Zugeständnissen Putin das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU verhindern wollte, kann man sich durchaus vorstellen, dass einmal Europäer, Russen und Ukrainer an einem Tisch darüber reden, wie man verhindert, dass aus der Ukraine ein «failing state» wird. Dass die Ukraine nicht als Speerspitze der NATO taugt, dürfte man inzwischen auch in Washington gemerkt haben. Auch dass die Russlandpolitik der Europäischen Union nicht in Kiew, sondern in Brüssel, Paris und Berlin gemacht werden muss, wird sich – langsam – durchsetzen.
Es geht also nicht darum, ob wieder einmal in Berlin und Moskau über das Schicksal der armen Ukrainer entschieden werden darf, sondern wie die europäische Russlandpolitik aussehen muss, damit die Ukraine eine faire Chance bekommt, sich aus ihrer Misere herauszuarbeiten.
VI. Russland ist zu groß, um einfach Mitglied der Europäischen Union zu werden. Trotzdem ist es, mehr als die Vereinigten Staaten, auf Partner angewiesen, die bei der Industrialisierung des Riesenreiches helfen. Nicht nur Deutschland, die europäischen Industriestaaten eignen sich dafür. Das wusste sogar Stalin.
Was ökonomisch vernünftig ist, läuft von alleine, sobald der politische Rahmen dazu passt. Dabei geht es zuerst um die Sicherheit. Was da in den letzten zwei Jahren geschehen ist, die Sanktionen und die Sicherung osteuropäischer NATO-Staaten durch kleine, meist deutsche Militäreinheitenund die überzogene russische Reaktion darauf, könnte zum Lachen reizen, wäre der Hintergrund nicht so traurig. Während weder der Westen noch Russland imstande sind, den islamistischen Terrorstaat zu beseitigen, ballen die beiden gegeneinander die Fäuste. Als der Kalte Krieg zu Ende war, haben die Sicherheitspolitiker versäumt, Russland einen Platz anzubieten, der diesem Land und seiner Geschichte angemessen war. Das Beste wäre ein ganz neues Sicherheitssystem gewesen. Aber vor allem die USA wollten die NATO beibehalten. Jetzt ist die konstruktive Phantasie der europäischen Außenpolitiker gefragt: Was können wir Russland anbieten, was nicht nach Katzentisch aussieht? Wie können wir Russland in die Verantwortung für die Sicherheit Europas einbinden als Partner, nicht als Schreckgespenst zur Belebung der NATO? Ich würde mich nicht wundern, wenn darüber sogar im Auswärtigen Amt zu Berlin nachgedacht würde.
Ehe wir an dieses harte Stück Arbeit gehen können, müssen wir auf eine ideologische Deutung des Ukraine-Konflikts verzichten. In der Ukraine geht es nicht um den Kampf zwischen Demokratie und Diktatur. Die Ukraine hat zwar nicht die selben Defizite in Sachen Demokratie wie Russland, aber in der Summe nicht weniger. Wenn in Russland ein Gegner des Präsidenten umgebracht wird, ist dies für Wochen ein Thema unserer Medien, nicht ohne Andeutungen, dass doch wohl der Präsident selbst dahinter stecke. Wenn in der Ukraine ein halbes Dutzend «Verräter» umgebracht werden, weil sie anmahnen, dass Russenhass noch keine Politik ist, ist dies kein Thema für unsere Medien. Tatsächlich ist hartnäckige Opposition gegen den Regierungskurs in der Ukraine nicht ungefährlicher als in Russland, zumal der Ukraine immer noch ein wirkliches Merkmal des souveränen Staates fehlt: das Gewaltmonopol. Sogar im Parlament sitzen Anführer von militärischen Verbänden, die nicht Teile der Armee sind. Meist sind es Nationalisten, die ganz allein entscheiden, was das Interesse der Nation ist. Dass das parlamentarische Geschehen immer noch von Oligarchen verwirrt wird, dass Parteien in Kiew etwas anderes sind als in Berlin, wird immer wieder sichtbar. Dass man sich im Parlament prügelt, wird einfach hingenommen. Die europäische Demokratie wird in Kiew nicht verteidigt, sie wird dort diskreditiert. Aber erst, wenn wir den Ukraine-Konflikt nicht – gegen die Realität – ideologisch aufladen, können wir tun, was nötig ist: Die Interessen der Beteiligten nüchtern analysieren.
Gestärkte NATO durch Ukraine-Konflikt
VII. Am deutlichsten zeigen sich die Interessen der Vereinigten Staaten. In seiner Botschaft zur Lage der Nation 2015 hat Präsident Obama, sicher kein Falke, drei Erfolge registriert: die NATO sei durch den Ukraine-Konflikt gestärkt, Russland isoliert und die russische Wirtschaft ruiniert worden. Eine stolze Bilanz. Kein Wunder, dass von Washington nie ein Versuch ausging, den Konflikt zu entschärfen oder gar zu beenden. Das ist und bleibt eine Aufgabe der Europäer. Das weiß man in Paris und Berlin, auch in Brüssel. Und Obama hat die Europäer bisher nicht daran gehindert. Merci! Wenn nicht alles täuscht, stehen die Europäer unter Zeitdruck, denn ein republikanischer Präsident in den USA könnte durch massive Waffenlieferungen an Kiew den Konflikt gefährlich anheizen. Das russische Interesse ist eindeutig: kein NATO-Staat in einem Gebiet, das tausend Jahre mit Russland verbunden war. Hier liegt eine rote Linie für Moskau, die auch ein erfahrener Amerikaner wie Henry Kissinger zu respektieren rät. Vielleicht zeigt sich dann, dass der Ukraine-Konflikt sich wohl nicht bereinigen lässt, wenn damit nicht so etwas wie eine Sicherheitspartnerschaft mit Russland verbunden ist. Wir Europäer haben jedenfalls kein Interesse daran, das eurasische Riesenreich in ein Bündnis mit China abzudrängen. Sollte es jemals dazu kommen – gegen den offenkundigen Willen Putins –, dann verändert sich auch unsere Beziehung zu den USA. Wir werden dann so etwas wie ein amerikanischer Brückenkopf in einem chinesisch dominierten Eurasien. Was da an europäischer oder gar nationaler Eigenständigkeit übrig bleibt, lässt sich ausrechnen. Wenn dann die Russen uns spüren lassen, dass wir sie ausgestoßen, gedemütigt und in eine Verbindung gedrängt haben, die sie lieber vermieden hätten, dann möchte ich die Generation meiner Enkel und Urenkel nicht über die heute verantwortliche Generation reden hören.
Die Weltgeschichte ist kein Amtsgericht. Was letztlich zählt, ist nicht die juristische Einordnung einer Handlung, sondern die politischen Folgen. Der – eindeutig völkerrechtswidrige – Irakkrieg des jüngeren Bush hat den Nahen Osten in ein Gewaltchaos verwandelt, das noch lange nicht gebändigt ist. Die Annexion der Krim wurde ohne Blutvergießen vollzogen und von einer Mehrheit der Bewohner gutgeheißen. Über das, was dagegen zu unternehmen wäre, gäbe es in Europa auch dann keine Einigkeit, wenn Russland bereit wäre, darüber zu reden. Wenn das so ist, kann man nicht den ungleich folgenreicheren Rechtsbruch der USA vergessen und den russischen Rechtsbruch, der nicht ohne neues Unrecht zu reparieren wäre, zum ewigen Makel erklären, und das auch noch, ohne zu sagen, wie dieser Makel zu beseitigen wäre.
Die zivilisierten und geordneten Staaten werden in den nächsten Jahrzehnten ausreichend beschäftigt sein mit einem Terror, der über unzählige Menschen verfügt, die dafür zu sterben bereit sind. Solange die zivilisierten Staaten nicht einmal imstande sind, die – jedermann bekannte – Zentrale des Terrors auszuräumen, wirkt ein neues Wettrüsten zwischen Ost und West ungewollt komisch. Ein befreiendes Lachen auf beiden Seiten könnte da helfen.
Originaltext
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Zwischenruf eines Blauäugigen: Terrorismus ist besiegbar wenn wir umdenken

 aus „Tlaxcala“

„Entscheidend wird es sein, dass wir endlich aufhören, ausschließlich in den Kategorien des Militärs und der repressiven Gewalt zu denken. Solange wir glauben, wir könnten unser Leben und unsere sogenannten westlichen Werte hauptsächlich mit Panzern, Kampfhubschraubern und Drohnen verteidigen, werden wir keine Ruhe bekommen. “

Peter Vonnahme (Richter i. R.)

Die terroristischen Anschläge seit 2015 (Charlie Hebdo, Stade de France, Bataclan-Theater, Flughafen Brüssel-Zaventem, U-Bahnhof Maalbeek, Orlando sowie zuletzt Promenade des Anglais in Nizza) gleichen sich auf eine gespenstische Art. Die Ähnlichkeit liegt nicht in der äußeren Form der Tatbegehung; diese differiert naturgemäß, abhängig vom Täter- und Opferkreis, von den Örtlichkeiten und vom Ziel der Attentate. Was sich jedoch gleicht, das sind die die öffentlichen Reaktionen, insbesondere die ritualisierte Betroffenheitsrhetorik der Politiker. Diese bekennen sich zum eigenen, „westlichen“ Lebensstil, zur europäischen Wertegemeinschaft, zur grenzüberschreitenden Solidarität und zur wachsamen Kampfbereitschaft („Wir befinden uns im Krieg“). Bei genauem Hinsehen werden wir jedoch Zeugen von tiefem Unverständnis der Problematik. Wir erleben Pathos, Patriotismus und vor allem beängstigende Ratlosigkeit.
Schlimm ist, dass sich dieses Szenario in immer kürzeren Zeitabständen wiederholt. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass auch Deutschland von großen Anschlägen nicht verschont bleiben wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. Eine kleine Vorahnung hat uns der „Axt-Attentäter“ im Regionalzug nach Würzburg vor ein paar Tagen beschert.
Und was unternimmt die Politik? Sie macht das, was sie am besten kann. Sie legt die Stirn in Falten, kondoliert, beschwört, konferiert und erweckt den Anschein, dass sie handelt. Aber sie handelt nicht wirklich.
Schnellschüsse
Die Opfer von Nizza lagen noch in Planen gehüllt auf der Strandpromenade, da waren bereits die stets gleichen Fragen im öffentlichen Raum: Wo war die Polizei? Warum ist sie nicht rechtzeitig eingeschritten? Gab es kein Sicherheitskonzept? Hat man die terroristische Bedrohung unterschätzt? Gibt es Hinweise auf einen islamistischen Täterkreis? Und vor allem: Hätte das Blutbad verhindert werden können?
Die Antwort auf die letzte Frage müsste lauten: Nein, die Gefahr von terroristischen Anschlägen ist das Restrisiko unseres Lebensstils. Aber so entwaffnend ehrlich ist kein Polizeipräsident, kein Innenminister und schon gleich gar kein Regierungschef. Es wäre nämlich das Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit. Stattdessen wird beteuert, man habe alles Menschenmögliche getan, um die Veranstaltungsbesucher, Bahnreisenden und Flugtouristen nach bestem Wissen zu beschützen und künftig werde man noch mehr tun: mehr Überwachungskameras, mehr Straßensperren, Sicherheitskräfte verstärken, ja sogar der Einsatz von Bürgerwehren werde geprüft. Kurzum: Terrorabwehr mit Hardware! Außerdem werde die internationale Zusammenarbeit intensiviert. Leider sei es unvermeidbar, den Datenschutz weiter einzuschränken – zu unserem Wohle. Es gelte, Freiheit zugunsten von mehr Sicherheit zu opfern. Doch schon Benjamin Franklin wusste, dass man bei diesem Geschäft am Ende beides verlieren wird.
Bereits wenige Stunden nach einem Terroranschlag beginnt im öffentlich-rechtlichen Infotainment-TV das Stelldichein der nimmermüden Polit-Allzweckwaffen: Altmaier, Bosbach, de Maizière, Kubicki, Oppermann bis hin zu Scheuer, Stoiber, Trittin und Wagenknecht. Erfahrene TV-Konsumenten wissen im Voraus, dass der Erkenntnisgewinn gering sein wird. Auf die immer gleichen Fragen von Anne Will & Co. folgen die immer gleichen Antworten.
Terroristische Planungen und die Antwort „war on terror“
Währenddessen bereiten junge Männer, zumeist aus dem Nahen Osten oder aus dem Maghreb, ihre nächsten Aktionen vor. Sie kennen ihr Risiko, aber es schreckt sie nicht. Sie haben keine Angst vor dem Tod. Im Gegenteil, manche suchen ihn geradezu. Sie wollen als Märtyrer sterben, um der lustvollen Verheißungen ihrer religiösen Wahnvorstellungen teilhaftig zu werden. Die Tragik dieser jungen Männer ist, dass sie sich unmerklich von den Glaubensinhalten ihrer Religion entfernt haben – verführt und fehlgeleitet von fanatisierten Gotteskriegern.
Parallel dazu räsonieren unsere Sicherheitsexperten darüber, wie man mit scheinbar rationalen Maßnahmen (Polizeieinsatz, Schusswaffengebrauch, Überwachung, Aufklärung) den Zerstörungsphantasien von verblendeten Islamisten begegnen kann. Dabei wird übersehen, dass die Logik der künftigen Attentäter mit westlichen Denkschemata nichts gemein hat. Während wir den Anspruch erheben, bedrohtes Leben zu schützen, ist ihr Sinnen darauf gerichtet, durch hundert- und tausendfachen Mord an unschuldigen Menschen größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und flächendeckend Angst zu erzeugen.
Es scheint, dass ihr Plan in den letzten Jahren aufgegangen ist: Sie bestimmen den Takt des Todes, wir betrauern und bestatten die Opfer. Allmählich beginnen wir zu begreifen, dass es nahezu unmöglich ist, aberwitzige Terrorpläne im Vorfeld zu erkennen und ihre Ausführung zu verhindern. Welcher Analytiker hat schon die Phantasie sich vorzustellen, dass es einer Handvoll junger Männer aus dem Morgenland gelingen könnte, nahezu zeitgleich vier Passagiermaschinen in ihre Gewalt zu bringen, um mit ihnen unter Hingabe des eigenen Lebens die höchsten Türme und das Verteidigungsministerium der größten Militärmacht der Erde zu zerstören? Ein solches Szenario kommt nur in Fieberträumen vor. Oder wer kommt auf die absurde Idee, dass ein bisher unauffälliger Mann am französischen Nationalfeiertag mit einem gemieteten Lastwagen die von Feiernden gesäumte Strandpromenade in Nizza entlangfahren könnte in dem alleinigen Bestreben, möglichst viele Menschen zu überfahren?
Angesichts der offensichtlichen Schwierigkeit solche Planungen rechtzeitig zu erkennen, verfiel die westliche Politik auf die Idee, das Übel von Grund auf auszurotten. Man klassifizierte missliebige Staaten als Schurkenstaaten, erklärte sie als vogelfrei und entschied sich für den war on terror. Doch bald zeigte sich, dass man terroristische Aktionen nicht mit konventionellen Kriegen bekämpfen kann. Zu groß sind die Unterschiede. Der klassische Krieg ist dadurch gekennzeichnet, dass Staaten ihre Konflikte mittels Armeen und Feldherrn auf Schlachtfeldern austragen. Terroristische Aktionen hingegen werden jedoch nicht von Armeen, sondern von im Untergrund operierenden Kommandos ausgeführt. Nicht Materialschlachten und die Eroberung von Feindesland stehen im Vordergrund, sondern die zynische Absicht, mittels massenhafter Tötung Unschuldiger weltweit Aufmerksamkeit zu erlangen und dadurch psychischen Druck auf den militärisch hoch überlegenen Feind aufzubauen. Während Soldaten überleben wollen, benützt der „moderne“ Terrorist sein eigenes Leben als Waffe. Für solche Auseinandersetzungen („asymmetrische Kriege“) eignen sich Soldatenheere und Militärtechnologie nicht, weder zur Vorbeugung noch zur Abwehr von Übergriffen.
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Irrweg
Die asymmetrischen Kriege haben zudem eine schlimme Nebenwirkung: Sie erzeugen neuen blutigen Terror. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre haben gezeigt, dass der war on terror häufig zum Terror gegen die Zivilbevölkerung mutiert. Präsident Barack Obama hat kürzlich eingeräumt, dass seit 2009 bei US-Drohneneinsätzen in Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen zwischen 64 und 116 unschuldige Zivilisten getötet worden (sog. sog. Kollateralschäden). Andere Quellen sprechen von 1147 Opfern (The Guardian), Menschenrechtsorganisationen sogar von etwa 6000. Es bedarf wenig Phantasie sich vorzustellen, dass Angehörige und Freunde von unschuldigen Drohnen- oder Bombenopfern leicht für Vergeltungsaktionen („Terroranschläge“) zu gewinnen sind. Der Journalist und ehemalige CDU-Abgeordnete Jürgen Todenhöfer sagte kürzlich in einem Gespräch mit WDR2: „Wir haben jetzt 14 Jahre lang „Krieg gegen den Terror“ geführt. Am Anfang hatten wir ein paar hundert international gefährliche Terroristen, jetzt haben wir über 100.000.“ Auch wenn diese Zahl nicht genau überprüfbar ist, zeigt sie eine gefährliche Tendenz auf. Wir befinden uns auf einem Irrweg.
So werden wir es nicht schaffen.
Wir müssen umdenken.
Wenn wir Terrorismus ernsthaft eindämmen wollen, kommen wir nicht umhin, neue Wege zu beschreiten. Sie bieten eine weitaus bessere Zukunftschance als das phantasielose Weiterlaufen auf falschen Wegen. Prinzip Hoffnung.
Es gibt allerdings keine Garantie, dass die Kursänderung geradlinig und schnell zum Ziel führt. Unsere Geduld wird gefragt sein und Rückschläge werden nicht ausbleiben. Diese Einschränkung gilt jedoch für die bisherige Sicherheitsdoktrin erst recht. Das wuchernde Krebsgeschwür des Terrorismus beweist es jeden Tag aufs Neue.
Wir müssen umdenken.
Unser bisheriges Denken geht in die falsche Richtung. Die alte gescheiterte Politik fragt immer: Wie kann man geplante Attentate im Voraus erkennen? Mit welchen Mitteln kann man Terroristen unschädlich machen? Welche Sicherheitsmaßnahmen sind zu verstärken? Das ist zu wenig! Mehr Soldaten, mehr Polizisten und mehr Überwachung sind eine unzureichende Antwort. Natürlich ist Präventionsdenken vonnöten, aber genau genommen setzt es zu spät an. Wenn ein junger Mann erst mal zum Terroristen geworden ist, ist die Schlacht fast schon verloren. Richtigerweise sollte also gefragt werden: Was kann man tun, damit junge Männer gar nicht erst zu Terroristen werden? Wie kann man den Sumpf austrocknen, auf dem Terrorismus gedeiht?
Erforderlich ist ein schonungsloser Blick auf die Hintergründe des Terrorismus, auch auf eigene Fehler der Vergangenheit.
Die „Fehlersuche“ erfordert große Offenheit und die Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten einzuräumen. Das ist kein Selbstläufer. Denn im Wortschatz der Mächtigen stehen Reflexion, Empathie, Verständigungswille, Ausgleich sowie Konfliktforschung nicht an oberster Stelle.
Feindbild Islam
In einem ersten Schritt müssen alle dogmatischen und sorgsam gepflegten Scheuklappen abgelegt werden. Wenn heute der Islam als Quelle allen Übels verdächtigt wird, dann sollten wir uns daran erinnern, dass das nicht immer so war. Es gab lange Perioden des friedlichen Zusammenlebens zwischen Muslimen, Juden und Christen. Wenn es heute anders ist, dann ist das Beweis dafür, dass sich irgendwann in der Vergangenheit etwas zum Schlechteren verändert hat. Wir müssen also ergründen, warum es heute anders ist. Die Ursachen für die Verschlechterung der Beziehungen können weit zurückliegen und sie können im Verborgenen liegen. Denkbar sind neben Kolonialismus, Ausbeutung und Hegemoniebestrebungen auch kulturelle Überheblichkeit, Ausgrenzung, Geringschätzung anderer religiöser Überzeugungen, Bevormundung, Übervorteilung, Armut, Hoffnungslosigkeit sowie tatsächliche oder vermeintliche Kränkungen und Entrechtungen.
Islamismus
Es ist an der Zeit, dass wir wohlfeile, aber vereinfachende Erklärungsmodelle hinter uns lassen. Der immer wieder gehörte Hinweis „Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime“ ist inhaltlich nicht richtig (Näheres hierzu Jürgen Todenhöfer). Doch selbst wenn die Tatsachenbehauptung stimmen würde, wäre der Satz dennoch falsch. Er hat denselben Erkenntniswert wie die Feststellung, dass alle Atombomben der Menschheitsgeschichte von Christen abgeworfen wurden und zudem alle Drohnenmorde, Kreuzzüge und Hexenverbrennungen von Christen zu verantworten seien. Ebenso wenig wie diese Verbrechen den Kern des christlichen Glaubens abbilden, ist das Phänomen des Terrorismus dem Islam zuzurechnen. Eine solche Vereinfachung verkennt, dass muslimische Terroristen längst den Boden ihres ursprünglichen Glaubens verlassen haben. Ihr Handeln hat somit mit dem Islam genauso viele Gemeinsamkeiten wie die Verbrennung von Ketzern auf dem Scheiterhaufen mit der Lehre von Jesus. Nicht die Bibel oder der Koran sind schuld an den Wahnsinnstaten, sondern die Verirrungen Fehlgeleiteter. Verantwortlich sind nicht „der Islam“ oder „das Christentum“, sondern Islamismus und christlicher Fundamentalismus. Im Übrigen übersehen die Vereinfacher völlig, dass nicht Europäer und Amerikaner die Hauptleidtragenden islamistischer Terroraktionen sind, sondern Menschen, die in islamisch geprägten Ländern leben.
Entsolidarisierung
Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich dramatisch geöffnet. Die 80 Superreichen dieser Erde haben so viel wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung und das sind immerhin 3,5 Milliarden Menschen. Ein solches System schafft Verbitterung und Hass. Die zornigen jungen Männer, die sich dagegen auflehnen, sind nicht Monster, die das Böse in sich tragen, sondern sie sind die Kehrseite einer entsolidarisierten „freien“ Gesellschaft. Wer das total entgrenzte System treffen will, hat es leicht. Er kann überall und jederzeit zuschlagen. Für Hoffnungslose ist es gleich, wen sie treffen, Hauptsache es trifft dieses System. Nur wenn es gelingt, das System in eine solidarische Gesellschaft umzubauen, besteht eine Chance. Wer es aber nicht einmal versucht, macht sich mitschuldig an den Toten der Zukunft (Staatssekretär a.D. Heiner Flassbeck).
Doppelmoral
Der auf einer „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft“ aufbauende Westen ist einer beängstigenden Selbstgefälligkeit verfallen. Wir haben keine Zweifel: Wir sind die Guten. Wer nicht mitspielt, ist der Böse.
Wir messen mit zweierlei Maßstäben. Wir beklagen den Blutzoll, den uns „der Islam“ auferlegt. Tatsache ist aber, dass Täter mit christlichem oder jüdischem Glaubenshintergrund im letzten Jahrhundert ungleich mehr Muslime getötet haben als umgekehrt Christen und Juden durch muslimische Gewalttäter umgekommen sind. Im ersteren Fall nennen wir das Selbstverteidigung oder gerechter Krieg, im letzteren Fall islamistischen Terrorismus. Zur inneren Rechtfertigung des eigenen Tuns genügt die Überzeugung, dass man selbst auf der richtigen Seite der Geschichte steht. Unsere Politik lebt von Doppelmoral. Wir haben uns verrannt. Kürzlich sprach Bundespräsident Gauck angesichts einer Bombendetonation in Istanbul, bei der mehrere Deutsche umkamen: „Wieder wurden bei einem hinterhältigen terroristischen Anschlag unschuldige Menschen ermordet“. Er hat ja recht. Aber hat man jemals Vergleichbares von ihm und Seinesgleichen gehört, wenn durch völkerrechtswidrige westliche Interventionskriege hunderttausende unschuldige Muslime ums Leben kamen wie etwa im Irak, in Libyen, in Syrien? Wo bleiben dann die Millionenaufmärsche in unseren Hauptstädten? Und wo bleibt die westliche Politprominenz wie seinerzeit beim Marche Républicaine nach dem Charlie Hebdo-Attentat? Wo sind die Sondersendungen im TV?
Solange der innere Zusammenhang zwischen rechtswidrigen Kriegen und der Zunahme bestialischer Terrormorde nicht begriffen wird, werden wir mit dem Terrorismus leben müssen und nebenbei auch mit der Millionenschar verzweifelter Kriegsflüchtlinge, die unser Land fluten.

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Terrormaschine, von Tjeerd Royaards, Niederlande
Gespaltene Zungen
Politik und Medien sprechen mit gespaltener Zunge, wenn sie terroristische Attentäter stereotyp als feige und hinterhältig bezeichnen. Ist es etwa mutiger, in einem sicheren Befehlsstand in den USA auf einen Knopf zu drücken, um einen in Afghanistan vermuteten Gotteskrieger samt seiner Entourage mittels lautlos anfliegender Drohnen zu ermorden? Das, was bei uns als feige und hinterhältig eingestuft wird, ist die Folge davon, dass die terroristischen Einzeltäter weder über Drohnen noch über Jagdflugzeuge verfügen. Es ist zu vermuten, dass viele dieser Desperados ihre zur Selbstvernichtung führenden Sprengstoffgürtel liebend gerne gegen modernes Kriegsgerät austauschen würden. Aber das ist uns keinen Gedanken wert.
Falsche Sprachbilder sind wirkmächtig. Denn entscheidend für unsere Weltsicht ist nicht, was ist, sondern woran man glaubt.
Was tun?
Mit dem Erkennen von Fehlern ist es nicht getan. Das Erkannte muss auch umgesetzt werden. Hierbei sind Begegnungen „auf Augenhöhe“ und die strenge Beachtung des Rechts unverzichtbar. Letzteres gilt auch – und gerade – dann, wenn sich die andere Seite außerhalb des Rechtsrahmens bewegt. Es mag schwerfallen, aber Rechtsstaaten dürfen sich in ihrer Reaktion auf terroristische Übergriffe unter keinen Umständen zu illegalen Handlungen hinreißen lassen. Wer glaubwürdig sein will, muss die „Stärke des Rechts“ beweisen und nicht das „Recht des Stärkeren“ praktizieren. Es ist fatal, wenn ein Staat Kriege führt mit dem Anspruch, andere Länder zu demokratisieren, und hierbei seinerseits Völkerrecht oder Menschenrechte massiv verletzt. Nicht weniger schlimm ist es, wenn wir, die Guten und Gerechten, im Umgang mit ressourcenreichen Unrechtsstaaten bei deren Rechtsbrüchen schelmenhaft beide Augen zudrücken, nur um eigene Vorteile zu erlangen. Wer so handelt, macht sich im wahrsten Sinne des Wortes angreifbar. Einer solchen Politik der Beliebigkeit wird es nicht gelingen, die Keimzellen des Terrorismus auszutrocknen. Denn es fehlt ihr am Wichtigsten, an Glaubwürdigkeit.
Wir müssen begreifen, dass nur ehrlicher Dialog zu geistiger Abrüstung, Verständnis und – am Ende eines schwierigen Prozesses – zu Befriedung führt. Das geht nicht ohne Respekt für andere Sichtweisen. Im Bereich der Religion sollte das am Ehesten möglich sein, hier gibt es kein falsch oder richtig, sondern nur glauben oder nicht glauben. Das ist die Spielwiese der Toleranz. Wenn man der muslimischen Welt mit Blick auf deren größere Verletzbarkeit in Religionsfragen mit Empathie und Nachsicht begegnen würde, wäre das nicht Ausdruck von Feigheit oder gar Kapitulation. Es wäre nur Respekt vor anderen Überzeugungen. Die Grenze des Entgegenkommens setzt in jedem Fall das, was in internationalen Konventionen verbürgt ist.
Doch auch im diesseitigen Leben muss die Einsicht reifen, dass unsere westlichen Vorstellungen nicht schlechthin für andere Kulturen maßstabbildend sind. Wir können unsere Lebensformen anbieten, sie erklären und für sie werben. Aber herbeibomben lässt sich Akzeptanz nicht. Aufgabe der Politik wird es sein, die Integration des friedfertigen echten Islam in Europa zu fördern und friedliche Muslime zu stärken. Die Grenzlinie verläuft nicht zwischen christlichen und muslimischen Gesellschaften, sondern zwischen Weltoffenheit und Verblendetheit.
Last but not least
Die Anwendung militärischer Gewalt wird auch in Zukunft nicht völlig vermeidbar sein. Aber sie muss künftig in jedem Fall ultima ratio sein und sie muss die Regeln des internationalen Rechts beachten. Nicht mehr und nicht weniger.
Entscheidend aber wird es sein, dass wir endlich aufhören, ausschließlich in den Kategorien des Militärs und der repressiven Gewalt zu denken. Solange wir glauben, wir könnten unser Leben und unsere sogenannten westlichen Werte hauptsächlich mit Panzern, Kampfhubschraubern und Drohnen verteidigen, werden wir keine Ruhe bekommen.
Tlaxcala-Text
Courtesy of Nachdenkseiten
Source: http://www.nachdenkseiten.de/?p=34333
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Das System Erdowahn

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