Bekenntnisse eines “Wirtschaftskillers”

John Perkins: „Jeder kann sich dafür einsetzen, dieses gescheiterte Wirtschaftssystem in ein erfolgreiches zu verwandeln“

von Milena Rampoldi, “Tlaxcala”
Anbei mein Interview mit dem US-Beststellerautor und ehemaligen „Wirtschaftskiller“ John Perkins. Vor kurzem habe ich einen Artikel von Perkins zum Thema der Panama Papers ins Deutsche übersetzt. Seine Art, mit der schmutzigen Vergangenheit als „Wirtschaftskiller“ umzugehen und in eine gar nicht so utopische Zukunft zu sehen, hat mich fasziniert. ProMosaik ist überzeugt, dass Wirtschaftswissenschaftler und Autoren wie John Perkins uns den Weg weisen können, wie wir unsere militarisierte Welt, in der nur Kapital, Geld, Bestechung und Macht zählen und Menschen ihre Gleichheit und Würde verloren haben, in etwas Besseres verwandeln können. John Perkins ist der Autor von neun Büchern, die mehr als siebzig Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times standen und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. Sein neues Buch mit dem Titel The New Confessions of an Economic Hit Man (Berrett-Koehler) wurde im Februar 2016 veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Autors unter www.johnperkins.org.
gal_13288Milena Rampoldi: Was bedeutet für Sie die Verwandlung der Welt?
John Perkins: Wir müssen von einem gescheiterten Wirtschaftssystem, das auf Militarismus und Ausbeutung der Ressourcen basiert, auf ein Wirtschaftssystem übergehen, das auf Umweltschutz, Regenerierung der zerstörten Umwelt und Schaffung neuer, nachhaltiger und wiederverwertbarer Technologien für Transport, Energie, Kommunikationen und viele andere Bereiche fokussiert. Wir müssen verstehen, dass wir auf einer zerbrechlichen Raumstation, der Erde, leben und keine Shuttles zur Verfügung haben. Wir müssen die Richtung dieser Raumstation ändern und uns darum kümmern.
MR: Welche sind die erforderlichen, ethischen Grundsätze für den Kampf für die Wahrheit?
JP: Wahrheit, Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber einem neuen Bewusstsein bezüglich der Bedeutung des Menschseins auf diesem Planeten und des Willens, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, damit dies auch geschieht.
MR: Welche sind die Hauptideen, die Sie in Ihren Büchern vermitteln möchten?
JP: Eine Kritik der gescheiterten Wirtschaftssysteme, die durch Menschen wie mich, d.h. durch Wirtschaftskiller, aufgebaut werden und eine Strategie, die jeder von uns umsetzen kann, um dieses gescheiterte Wirtschaftssystem in ein erfolgreiches zu verwandeln.
gal_13289MR: Was hat sich seit Ihrem letzten Buch verändert und welche sind die wichtigsten neuen Botschaften Ihres neuen Buches?
JP: Das System der Wirtschaftskiller hat sich von den Entwicklungsländern bis nach Europa, in die Vereinigten Staaten und den Rest der Welt verbreitet. Wir müssen und können dieses System verändern. Mein Buch zeigt eine Strategie auf, die wir umsetzen können, um dieses gescheiterte System zu verändern. Dank der neuen sozialen Medien gestaltet sich dies auch ziemlich einfach. Wir brauchen keine Waffen einzusetzen. Und es kann schlussendlich auch wirklich Spaß machen. Wir können auf diese Zeit als eine Zeit der höchsten Herausforderung, der maximalen Möglichkeiten und des vollständigsten Segens blicken, in der man überhaupt leben kann.
MR: Welche Hauptziele verfolgen Ihre Organisationen Dream Change und The Pachamama Alliance?
JP: Sie möchten all das umsetzen, was ich oben genannt habe. Sie möchten Menschen dazu befähigen und inspirieren, um die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.
MR: Welcher ist Ihr Traum für die Zukunft dieser Welt?
JP: Ein neues Bewusstsein, das uns alle dabei unterstützt, endlich zu begreifen, dass wir die derzeitige geoökonomische und geopolitische Systeme, die so viel Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit und geistiges Unbehagen verursacht haben, ändern können, müssen und werden. Jedes empfindsame Wesen wird in einer ökologisch nachhaltigen, geistig bereichernden und sozial gerechten Welt leben.

“bestochen, erpresst, gemordet”

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Sie erwarten Werte – Sie erhalten Worte

Von Carl Bossard, “Journal21”
Das Handy ist ihr ständiger Begleiter. Allein sind sie nie, die Digital Natives. Und doch fehlt ihnen oft etwas Wichtiges: Ein kritisch-wertschätzendes Gegenüber.
Heidi Klum und Dieter Bohlen sind bekannte Begriffe aus der Welt der Casting-Shows: „Germany‘s next Topmodel“ und „Deutschland sucht den Superstar“. Der flegelhaft ausfällige Dieter Bohlen lässt seine Jungen vor sich kriechen, verlacht, beschimpft sie. Der Pop-Titan führt diese armen Tröpfe durch die ganze Ochsentour, zieht sie durch den Kakao und erspart ihnen keine Peinlichkeit. Auch wenn sie vor ihm niederknien, schauen sie zu ihm hoch. Sie wollen schliesslich alle in den Recall.
Dieter Bohlen nimmt die Jungen wenigstens ernst
Warum tun sie das? Das fragte ich mich, als ich diese Serie sah. Ja, warum nehmen junge Leute eine solche Blamage, ja gar Häme auf sich? Sie fühlen sich von Dieter Bohlen ernst genommen. Das war meine spontane Hypothese, und das bestätigte die kluge Studie der Otto Brenner Stiftung mit dem Titel „Hohle Idole“. Die Ikonen Klum und Bohlen holen die Jugendlichen ab. Sie geben ihnen Orientierung, wie man ein vermeintlich erfolgreiches Leben erreicht.
Eine kulturell ermüdete Gesellschaft stört das wenig. Doch es muss uns zu denken geben.
Ich muss die Musik sein
Wer mit jungen Menschen spricht, wer ihre Sehnsucht kennt und ihre Erwartungen spürt, der weiss: Neugierig auf Kompetenzen sind sie nicht. Sie interessieren sich für ein menschliches Gegenüber, sie wollen ein vitales Vis-à-Vis, das sie weiterbringt und ihnen wichtige Inhalte und Werte vermittelt. Sie suchen jemanden, der sie wahrnimmt, der ihnen Resonanz ermöglicht und sie in Resonanz bringt, jemanden mit warmer Empathie, der auch Distanz wahrt und doch wohltuendes Interesse zeigt. Sie erhoffen sich ein Vorbild, suchen Sinn, wollen Inspiration. Lehrerinnen, Lehrer müssen vorleben, was sie verlangen. Oder, um es mit dem Dirigenten David Zinman zu sagen: „Ich muss die Musik sein, die ich von meinem Orchester hören will.“ Das sollte in jeder Lehrer-DNA stecken. Der Rest ergibt sich.
Doch der Zeitgeist favorisiert eine starke Selbststeuerung durch die Lernenden, verbunden mit einem radikalen Rückzug der Lehrpersonen auf „Begleitung“. Eine neue Lernkultur sieht die Lehrerin primär als Coach, den Lehrer als Lernbegleiter und Lern-Faciliator. Die moderne Didaktik propagiert das eigenverantwortliche Arbeiten und das Selbststudium. Lehrer werden didaktisch überflüssig, Lehrerinnen verschwinden. Mindestens im Pädagogenvokabular.
Keine Lehrperson „ohne Eigenschaften“
Eines wird in Gesprächen mit Jugendlichen deutlich: Junge Leute von heute wollen keine Servicekraft und keine gläserne (Gut-)Gestalt ohne Eigenschaften; sie wollen keine blutleere, identitätslose Figur, die ihnen einfach Papiere abgibt, Aufgaben verteilt und sich dann zurückzieht, die ihre Arbeiten durchwinkt und individuelles Lernen organisiert, weil das bequemer ist – und methodisch zeitgemäss.
Junge Menschen wollen auch keine Lehrkraft, die gönnerhaft auf Unterricht verzichtet und Lernen ohne Lehrer (LOL) praktiziert, die ihr Wirken auf schülerorientiertes Lernen (SOL) oder eben „stille Selbstbeschäftigung“ reduziert, die Methoden vor Inhalte setzt und lediglich Kompetenzen verwaltet.
Ein junger Studierender fasste es so zusammen: „Ich möchte geführt werden, aber nicht bevormundet, und ich möchte mich entfalten, aber nicht zurechtfalten. Ich muss die Lehrer spüren.“
Unterricht als ein „Meeting of minds“
Gute Lehrerinnen, pflichtbewusste Lehrer treten mit den Lernenden in persönlichen Dialog und Diskurs. Sie wissen: Dissenserfahrungen sind existenziell. Lernen erfolgt auch am Widerstand. Solchen Lehrpersonen ist eines klar: Junge Menschen wollen nicht einfach bestätigt werden in dem, was sie schon sind und haben. Sie wollen herausgefordert werden und auf Widerspruch stossen. Aber auf eine Art von Widersprechen, die sie ergreift und bewegt und ernst nimmt. Und nicht à la Klum und Bohlen.
In die Schule und ins Studium kommt heute eine Generation, die viel Zeit mit dem Handy und am Computer verbringt. Sie kennt kaum etwas anderes. Und wer Wirklichkeiten wahrnimmt, der erkennt schnell: Ein gewisser Narzissmus beherrscht die digitale Kommunikation. Sie ist nur bedingt ein dialogisches Medium. Im Gegenteil. Der Mausklick ersetzt den Diskurs. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zum Anderen, ja zum Zuhören wird kleiner. Die dialogische Bindungsstärke schwindet, die Selfie-Sucht nimmt zu, die Vereinzelung verstärkt sich. Socius weicht solus, resümiert der Berliner Philosoph und Essayist Byung-Chul Han.
Zwischenzeiten sind Handy-Zeiten
Man schaue sich die schulischen Pausen an. Es ist still in den Zwischenzeiten. Das Lachen ist ausgezogen, das Spielen verschwunden, das diskursive Gespräch selten geworden. In den Pausen wird gegooglet, das iPhone auf Nachrichten überprüft, einsam auf das MacBook gestarrt. Jede und jeder für sich. Doch aus den Egos ist ein Wir zu bilden. Das verlangt die Berufswelt, das erfordert das soziale Miteinander, das gebietet der gesellschaftliche Zusammenhalt.
Schulisches Lernen ist Beziehungsgeschehen, ist soziale Interaktion, ist Resonanz. Das Andere muss mir als Anderes entgegentreten. Gerade darum stellt sich eine Aufgabe immer konkreter: In Zeiten flinker Tastenklicks und schöner Oberflächen braucht es eine gegenhaltende Kraft, eine Form von Gegenwelt, die Lernende aus ihrer Eigenwelt holt. Die Generation WhatsApp braucht ein interessiertes und menschliches Du. So wie es der Religionsphilosoph Martin Buber eindrücklich formuliert hat.
Dem „Ich“ ein Gegenüber sein
Die Neurobiologie bestätigt Bubers Postulat. Jedes Werden braucht ein Du. Das Ich benötigt einen Gegenpol, jemanden, der Erwartungen formuliert, der Ziele setzt und konfrontieren kann. „Am meisten gelernt habe ich von Lehrkräften, die an mich hohe Erwartungen stellten“, schrieb mir ein Student. Und er fügte bei: „[…] die mir widersprachen, mir aber vertrauten und an mich glaubten.“
Solche Lehrerinnen, solche Ausbildner verkörpern etwas von Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik: Abstand gewinnen vom Ich, weil ein „Du“ die Aufgabe übernimmt, dem „Ich“ ein Gegenüber zu sein. Sie tun dies in aristotelischer Art: freundlich und konsequent, aufrichtig und klar. Es sind Lehrerinnen und Lehrer, die zielgerichtete Unerbittlichkeit mit mitmenschlichem Einfühlungsvermögen verbinden, die humanistische Grundverpflichtung mit unnachgiebigem Detailziehen kombinieren. Solche Lehrer haben mich am meisten geprägt. Für mein ganzes Leben.
Lehrpersonen als Expeditionsleiter ins Leben
Junge Menschen müssen ein Ich werden, ein freies Selbst, Autoren ihres Lebens. Sie brauchen darum Vorbilder, sie brauchen engagierte Lehrerinnen, sie wollen vital präsente Lehrer. Personen, die sie einerseits ernst nehmen und wertschätzen, weil sie Werte vertreten, die anderseits den Diskurs und Dissens wagen und dies klar und offen kommunizieren.
Solche Ausbildner sind Vorbilder. Doch andere als Klum und Bohlen. Sie sind – negativ formuliert – keine Puppenspieler, die Fäden ziehen, Arbeitspapiere verteilen und Kompetenzen verwalten, nein, sie sind Expeditionsleiterinnen, sozusagen Chauffeure ins Leben. Sie befähigen junge Menschen, Dinge zu leisten, von denen sie niemals glauben, dass sie sie erzielen können.
Orientiert an den Möglichkeiten
Es ist das „alte Wahre“ von Goethe: In Wilhelm Meisters Lehrjahre sagte er sinngemäss: Wenn wir die Menschen so nehmen, wie sie sind, bleiben sie stehen. Wenn wir sie aber so nehmen, wie sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wie sie sein können – nämlich zu ihren Möglichkeiten.
In die heutige Sprache übersetzt: Natürlich müssen Lehrpersonen junge Menschen mögen, sonst haben sie den Beruf verfehlt. Aber nicht partout in ihrer aktuellen Form, in ihren momentanen Launen – eher in ihrer Möglichkeitsform. Die Entwicklung von Möglichkeiten aber ist pädagogische Arbeit, nicht immer Spass. Damit junge Menschen diese Arbeit auf sich nehmen, brauchen sie ein Zugpferd, den attraktiven Lehrer, die vife Dozentin. Gerade darum taugen sie zum Idol.
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Schlachtschiffe der Imagination: Grenzen, Kapital und demokratische Bewegungskontrolle

von Max Haiven, “Berlinder Gazette”

Grenzen sind hochentwickelte Schlachtschiffe der Imagination. Um emanzipatorische Politik dagegen in Stellung zu bringen, bedarf es einer Idee der Vorstellungskraft und ihrer Krisen, die sich aus verschiedenen Formen von Bewegung ergibt – so unterschiedlich wie soziale Bewegungen und Fluchtbewegungen.

Unsere Imagination entfaltet sich nicht im Stillstand. Nehmen wir die ersten Schritte eines Kleinkindes: Sie sind kein physiologisches Zucken oder irgendeine automatische Reaktion. Vielmehr handelt es sich um einen komplexen Vorgang, bei dem das Kind Erinnerungen abrufen und vorausschauen muss. Diese Vorstellungskraft muss es in Verbindung bringen mit der Bewegung des Körpers – eine unschlagbare neurologische und physiologische Leistung des Embodiments.
Die Vorstellungskraft des Kindes nimmt Gestalt an, während es sich bewegt, lernt und fühlt. Ein Prozess, der nicht von statten gehen würde, ohne die Anwesenheit von betreuenden Personen, nennen wir sie PflegerInnen, sprich: care giver. Diese Menschen betreuen das Kind, beschützen es und trösten es, wenn es fällt. Sie bieten Unterstützung, damit es lernt, sich auf verschiedene Arten zu bewegen – wieder und immer wieder. Wer selbst einmal ein Kind beim Laufen lernen begleitet hat, weiß auch, dass man das Kind hochhält, damit es sich vorstellen kann, wie es wäre, zu laufen.
Imagination ist also von Anfang an in Bewegung, sie ist körperlich und sie ist eine kollektive Anstrengung, in die PflegerInnen involviert sind. Bewegung ist die Realisierung von Vorstellungskraft, während Imagination selbst ein Bewegungsvorgang ist. Daraus folgere ich: Wenn die Imagination nicht immer schon körperlich und kollektiv ist, sondern auch in permanenter Bewegung, dann ist die Kontrolle dieser Bewegung der Schlüssel dazu, Vorstellung zu modellieren.
Sklavenhandel und Gefängnis-Industrie
Die Art und Weise, wie die Bewegung von Körpern definiert, ausgestaltet und kontrolliert wird, prägt unsere Imagination. Gleichzeitig hängen Bewegungen von der Imagination ab. Toni Morrisons phänomenales Buch Im Dunkeln spielen: Weiße Kultur und literarische Imagination untersucht dieses Wechselverhältnis. Sie zeigt etwa, dass die US-amerikanische (und oftmals globale) kulturelle Vorstellungskraft mit dem transatlantischen Sklavenhandel und den Kulturen der schwarzen Versklavung in den USA zusammenhängt.
Eine Theorie der Imagination wird hier eng verzahnt mit einem System, das sowohl auf der Verschiebung und Verschleppung von Körpern (über den Atlantik hinweg) beruht, als auch auf der Kontrolle der Bewegung dieser Körper, um ihre Produktivität und ihre Reproduktionsfähigkeit auszubeuten. Es ist also kein Zufall, dass wir heute in einem Zeitalter der massenhaften Inhaftierung von Schwarzen in den USA leben. Und das auch andernorts, andere rassifizierte Minderheiten in den Knästen sitzen.
Soziologinnen wie Ruthie Gilmore und Angela Davis zeigen wiederum, dass die Industrien der rassifizierten Inhaftierung essentiell für den Erhalt des globalen Kapitalismus sind – ein Prozess, der sich auch in Europa beobachten lässt, wo Frontex und andere Agenturen massenhaft spekulatives Kapital generieren, indem sie die Bewegungen von Menschen kontrollieren.
Rassifizierte Kontrolle von Körpern
Die Mobilitätsforscherin Angela Mitropoulos wiederum zeigt am Beispiel von privatisierten Gefängnisinseln für Geflüchtete vor Australiens Küsten, wie Überwachungslogistik, finanzielle Akkumulation und rassifizierte Kontrolle von Körpern funktionieren.
Diese Muster, wie der Literaturwissenschaftler Ian Baucom in seiner faszinierenden Geschichte “Specters of the Atlantic: Finance Capital, Slavery, and the Philosophy of History” darstellt, reichen zurück bis zum transatlantischen Sklavenhandel. Hier wurden menschliche Körper nicht nur in Güter umgewandelt, sondern auch zu Spekulationsobjekten gemacht – “Erfindungen” der finanziellen Imagination, die nicht nur physisch bewegt wurden, sondern auch auf einer abstrakten Ebene.
An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, dass dieses imaginative Kraftfeld der erzwungenen Bewegung nicht nur die Misere der Kolonialisierten ist – wie Aime Cesaire es beschreibt. Nein, die Imagination des Kolonisierers wird davon am meisten beeinflusst. Die Art und Weise, wie der Kolonisierer die Bewegungen des Anderen definiert, begrenzt und beherrscht, prägt maßgeblich seine eigene Vorstellungskraft.
Bringt uns diese Erkenntnis dazu, die vielfach gepriesene Geschichte der westlichen Moderne anders zu erzählen? Würden wir andere Vorstellungen von den Fabeln entwickeln, die eben diese Moderne prägen? – sei es die Idee vom souveränen Nationalstaat, von der freien Zirkulation des Kapitals oder der Rechtsstaatlichkeit. Diese Fabeln sind es, die bis heute die entsetzlichen Bewegungen des globalen Systems und die brutalen Systeme der globalen Bewegungen rechtfertigen.
Technologien des Staats und des Kapitals
Wir können auch die Arbeiten von Harsha Walia, Chandra Talpade Mohanty oder Sandro Mezzadra und Brett Neilson zu Rate ziehen. Sie zeigen detailliert, wie Grenzen, die vollkommen imaginierte Konstruktionen mit solch tödlicher Macht sind, funktionieren, um sowohl Bewegungen zu kontrollieren als auch die Imagination jener zu formen, die drinnen und draußen sind (oder, wie viele von uns heute “dazwischen”).
Ich glaube, dass Geld und Grenzen sowie die primären Technologien des Staats und des Kapitals – zumindest in ihren aktuellen hegemonialen Ausprägungen – hochentwickelte Schlachtschiffe der Imagination sind.
Ich denke hierbei an die Dialektik von Bewegung und das Land, auf dem ich lebe. Jahrtausende hieß dieses Land Mi’Kma’Ki, später wurde es von französischen Siedlern in Acadia umbenannt und noch einige Zeit später prägten die Briten die Bezeichnung Nova Scotia. Es gibt mir zu denken, wie wenig ich über die politische Vorstellungskraft der indigenen Mi’Kmaq im Hinblick auf Bewegungen weiß. Einiges darüber habe ich von Historikern wie Daniel Paul gelernt oder auch von Älteren, mit denen ich gesprochen habe. Ich möchte diese Zivilisation nicht romantisieren, doch eine Auseinandersetzung damit kann uns eine Menge lehren und uns auch zeigen, wie seltsam und schrecklich brutal unsere eigene Zivilisation geworden ist.
Aufnahme und Schutz von Fremden
Die Zivilisation der Mi’Kmaq achtete sowohl die Solidarität der Gemeinschaft als auch die Autonomie des Einzelnen. Die Mi’Kmaq errichteten ihre Siedlungen an Wasserscheiden, es gab keine politischen Grenzen. Daher gab es eine große Fluidität der Einflussbereiche. Die Menschen zogen oft weiter, um die Vorteile der saisonalen Jagd, des Fischens und des Anbaus zu nutzen. Es gab Protokolle für den Fall, dass ein Reisender seine Gemeinschaft aus politischen oder persönlichen Gründen verließ – und archäologische Funde sowie mündliche Überlieferungen belegen, dass sich die indigene Bevölkerung Amerikas sehr viel bewegte und dabei große Distanzen überwand.
Außerdem verfügten und verfügen die Mi’Kmaq, wie viele andere indigene Gruppen auch, über hochentwickelte politische Prozesse, die die Aufnahme und den Schutz von Fremden regeln. Hierbei geht es nicht darum, die Bewegungen dieser Personen innerhalb des Territoriums zu kontrollieren, sondern darum, Verantwortung zu teilen. Die Verantwortung darüber, wie man sich um das Land kümmern muss, das man bewohnt. Wie der Politikwissenschaftler Glen Coulthard zeigt, geht dieses Konzept der Verantwortung viel weiter, als die brutal vereinfachten Vorstellungen von Besitz und Staatsbürgerschaft, die wir heute akzeptieren.
Diese Weltanschauung der Mi’Kmaq und anderer indigener Gruppen ist die Grundlage dafür, dass sie heute dafür eintreten, in Kanada und weltweit die Bewegungen des Kapitals anzuhalten. Dieser Versuch ist eine Form des Widerstands gegen die Zerstörung des “Lands” im Namen des Profits und richtet sich auch gegen die fortlaufende Kolonialisierung des indigenen Territoriums.
Highway-Blockaden und das Stilllegen von Pipelines
Tatsächlich sind diese beiden Ziele identisch. Highway-Blockaden, das Stilllegen von Pipelines, die Unterbrechung von Bahngleisen sowie Proteste in Stadtzentren und Shopping Malls sind kennzeichnend für diese Formen des Widerstands der Indigenen und Siedlern, die sich als ihre Verbündeten sehen. Man kann das als Versuch einer Intervention in die Bewegungen des Kapitals sehen und auch als einen Weg, sich der Matrix aus kolonialer Bewegungspolitik und artifiziellen Grenzkonstruktionen entgegenzustellen.
Entgegen meinen Versuchen, das Gegenteil zu erreichen, wird hier vermutlich dennoch zu einer Romantisierung von Vorstellungskraft beigetragen. In meiner Arbeit versuche ich herauszuarbeiten, dass Vorstellungskraft ein materielles Phänomen, tatsächlich eine Kraft ist. Sie ist etwas, das aus sozialer Kooperation und aus produktiven sowie reproduktiven Beziehungen heraus entsteht und auf diese Bereiche – also auf das politische und ökonomische System – zurückwirkt.
Was uns fehlt, ist ein Sinn für die Vorstellungskraft und ihre Krisen, die nicht nur aus spezifischen zeitlichen und örtlichen Kontexten gespeist wird, sondern sich aus den verschiedenen Formen von Bewegung ergibt.
Demokratische Bewegungskontrolle
Hier kommen wir also zu der Frage, wie eine Demokratisierung von Bewegung, beziehungsweise eine demokratische Bewegungskontrolle aussehen könnte. Für mich hat Demokratisierung wenig mit dem landäufigen Verständnis von Politik und genauso wenig mit Wahlen zu tun. Die Griechenlandkrise hat gezeigt, wer das Sagen hat: der globale Finanzkapitalismus. Insofern sehe ich es wie Rancière: Demokratie entsteht im Moment des Ergreifens. Konkret bedeutet das etwa: Jene, die Bewegungen demokratisieren, fordern durch ihre Handlungen implizit oder explizit eine Abschaffung der Grenzen.
Migranten demokratisieren Bewegung, wenn sie mit ihren Handlungen die Grenzen, wie sie allseits imaginiert werden, ablehnen. Hacker demokratisieren Bewegung, in dem sie aktiv jene Grenzen auflösen, die erschaffen wurden, um Wissen, Daten und Informationen zu monetarisieren. Jene, die versuchen Commons zu schaffen – ob innerhalb, jenseits von oder gegen den Kapitalismus – demokratisieren Bewegung, denn sie experimentieren mit neuen Möglichkeiten, wie wir uns zusammen bewegen können.
Die Demokratisierung von Bewegung entwickelt neue Formen der kollektiven Macht, die die alten Vorstellungen stören oder zerstören. Eine Gegenmacht, die darauf besteht, dass Zukunft mehr ist, als eine Aneinanderreihung von Risiken, die organisiert werden müssen. Dass Zukunft allerdings auch etwas gänzlich anderes ist, als gesellschaftliches Potenzial, das von Grenzen eingehegt werden kann, während die Welt im Chaos versinkt. Es ist die Bewegung der Vorstellungskraft, die ihre eigenen verkalkten Strukturen überwindet. Diese Kraft bezeichnet der Philosoph Cornelius Castoriadis als radikale Imagination. Für ihn ist die radikale Imagination eng verknüpft mit der Demokratiefrage – wobei Demokratie hier nicht als politisches System verstanden wird, sondern als ein Set von Handlungen, ja, als ein Kampfgebiet.
Der Pass macht einen riesigen Unterschied
Doch wofür kämpfen? Sicherlich sollte der Kampf um die Abschaffung von Grenzen nicht unter dem Banner eines falsch verstandenen Universalismus geführt werden – wie auch Chandra Talpade Mohanty argumentiert. Wir können uns nicht einfach Weltbürger nennen und glauben, dass dann alles gut wird. Wir müssen uns selbst als situierte Wesen verstehen.
Mein kanadischer Pass macht einen riesigen Unterschied hinsichtlich meines materiellen Lebens, selbst wenn ich zum “Verräter” jener Nation werden sollte, die mich für sich als Bürger beansprucht und die mich zum Patrioten des Lebens und des Friedens, des Wissens, der Liebe und der Gerechtigkeit werden lässt (tatsächlich sollten wir uns alle diesen Werten verschreiben). Selbst dann gibt es für mich kein Außen des Finanz- und Grenzkapitalismus. Die Art und Weise, wie es uns erlaubt wird, uns in diesem System zu bewegen, hat einen Einfluss auf unsere Vorstellungskraft. Als heterosexueller, weißer Angehöriger der Mittelklasse, sprich, als cis-gender-Mann mit kanadischer Staatsbürgerschaft, ist meine Vorstellungskraft davon, was möglich und wichtig ist, extrem eingeschränkt, sogar wenn ich mich auf dieser Welt relativ frei bewegen darf.
Wenn wir uns also eine Demokratisierung der Bewegung vorstellen, was vielleicht, wie die eingangs erwähnte Angela Davis sagt, die größte Herausforderung unseres Jahrhunderts ist, müssen wir mit jenen beginnen und enden, die die Grenzen und das Finanzwesen am grausamsten erfahren. Jene, die sich durch ihre Handlungen und ihr bloßes Dasein weigern, wertlos gemacht zu werden, indem sie ihre Bewegung in die eigene Hand nehmen.
Max Haiven ist derzeit Juniorprofessor am Nova Scotia College of Art and Design in Kanada. Neben seiner Lehrtätigkeit auch als Autor tätig, veröffentlichte unter anderem “Crises of Imagination, Crises of Power” (2014), “The Radical Imagination” (mit Alex Khasnabish, 2014) und “Cultures of Financialization” (2014).
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„Ein gutes Leben“ – für wen?

von Lorenz Glatz, “Streifzüge”
2013: 435.000, 2014: 626.000, 2015: 1,xxx.xxx, 1/2016: 58.600 Flüchtlinge, 3.735 Tote. – In Zahlen und Statistik wird in dieser Welt alles wahrgenommen, nur so kann bewertet, berechnet, verworfen oder verwertet werden. Menschen sind in dieser Lebensordnung generell bei allem, was zählt, wandelnde Nummern, Ziffern, Zahlen auf diversen Konten und Berechnungen. Und wer am Ende sich nicht aus-zahlt, wird als (ver)störender Rest aus der Rechnung abgeschoben. Deren Zahl steigt auch hierzulande von Jahr zu Jahr. Und jetzt sind auch noch die Flüchtlinge einzurechnen!
Was bei uns erst anläuft, ist eben anderswo schon voll im Gang: Geld lässt sich nur mit gekaufter Arbeitskraft reell vermehren. Der Weg ist von der zunehmenden, konkurrenzgepeitschten Automatisation verstopft. Die Spekulationen fiktiver Geldhochrechnung in der Hoffnung darauf, dass es schon wieder einmal auch real gehen wird, platzen eine nach der andern. Und: Die Ausbeutung der Natur untergräbt die Grundlagen unseres nackten Lebens. In Ländern, deren Wirtschaft sich nicht mehr auf den Märkten behaupten kann und wo auf den Feldern oft jahrelang kaum mehr etwas wächst, wird in einem Weltsystem Hobbes’scher Wölfe Brachialgewalt zum Mittel der Bereicherung, ja der bloßen Subsistenz, und Flucht der Weg zum Überleben. Der Prozess beginnt bei den Schwächsten an der so genannten Peripherie – und frisst sich unaufhaltsam durch ins Zentrum, von dem aus diese Lebensweise mit Gewalt über die Welt verbreitet worden ist. Im Chaos, das sie jetzt gebiert, versuchen die selbst vom Verfall im Inneren schon angenagten alten Mächte mit Politik und Militär für sich zu sichern, was an Geschäftsmöglichkeiten und Ressourcen noch verwertbar scheint. Doch sie stabilisieren nichts mehr, vertiefen im Gegenteil das Chaos nur noch weiter.
An den Schutzzäunen der zentralen Festungen erscheint in Gestalt von Millionen Flüchtlingen eine Vorhut derer, die von den katastrophalsten Auswirkungen der Welt„ordnung“ betroffen sind. Und sie bleiben nicht mehr alle demütig in den Lagern oder auf den Straßen, wo sie „hausen“ müssen, sondern marschieren los an die, um die und durch die Zäune. Die Reaktion der Inwohner teilt sich in Hilfsbereitschaft und Angst bis Ablehnung, „Willkommens-Kultur“ und „Grenzen setzen“ bis „Werft sie raus!“. Das schwankt oft bei denselben Leuten. Systemkonform umgesetzt wird das in „Integrieren“ oder „Abschrecken“ und „Abschieben“. Zweiteres wird in zunehmender Brutalität von den Staaten praktiziert. Der Mob hilft nach. Man will sie wie den Müll auswärts deponieren. Es wird auf Dauer dafür den scharfen Schuss noch brauchen. Auch diese Forderung der Rechten wird dann zur barbarischen Akzeptanz der Mitte drängen. „Integriert“ wird selektiv. Es heißt fit machen für Arbeit, anpassen an „unsere Werte“ und die „Leitkultur“. Sich dafür abmühen, dass eins hineinkommt in ein Getriebe, in dem mehr denn je die eine gegen den anderen gehetzt und das Heer der Verlierer und Überflüssigen ausgeworfen wird.
Für ein „gutes Leben“ die Welt verändern wollen viele, es kommt aber darauf an, ob kalkuliert für uns und „die eigenen Leute“, die Volksgenossen, die Rechtgläubigen, die Leistungsträger, die ehrlichen Arbeiter usf. oder unberechnet für alle und alles, was da kreucht und fleucht. Es ist der Zweck, der seine Mittel sucht. An denen lässt sich erkennen, wofür sie zu brauchen sind. Das Freundliche mag klein sein, es ist das, was Gestalt sucht für eine gute Zukunft, dem ein Weg zu bahnen ist.
Wenn etablierte Herrschaft erodiert, tut sich einmal in Hunderten von Jahren inmitten von Gewalt und Niedergang ein Zeitfenster auf von mehr Wahlfreiheit als der zwischen Pepsi oder Coca Cola, nämlich die Chance für ein Leben in einem Netzwerk von Freundschaft in allen Graden von Nähe und Verbindlichkeit, das keine Feinde braucht, um sich zu halten – oder eben der Übergang zu bloß immer neuen Arten von Kampf und Unterdrückung. Dieses Fenster gilt es offenzuhalten, wo es sich auftut. Wir brauchen Zeit, nicht bloß zum Um-denken, wir müssen um-leben, die Lebensweise als Monaden, die in uns allen steckt, verlassen, zu einander finden! Miteinander probieren, reden, denken und dann von vorn und alles drei zugleich! Hic Rhodus, hic salta!
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Die Vermarktung der Ungewissheit

Von Eduard Kaeser, “Journal21”
Lob der Ungewissheit. Sie ist ein Charakteristikum unserer Existenz. Und sie ist eine Ressource der Menschlichkeit.
Sie bringt das universelle Bedürfnis nach Vertrauen und Zusammenhalt hervor, die soziale Organisation, die familiären Beziehungen, die legitime Macht, das Vertragswerk als Garanten von Rechten und Pflichten; und sie hält unsere Neugier und unseren Forschungsdrang auf Touren. Ungewissheit lehrt mich auch, meine Fähigkeiten und meine Autonomie in Entscheidungssituationen zu erkennen und zu stärken, also das Vertrauen in mich selbst.
PageRank von Google ist die neue Pythia
Das Geschäft mit der Ungewissheit ist alt und lukrativ. Schon im Altertum erwuchs aus der Konfrontation des Menschen mit seiner Zukunft das Handwerk der Wahr- und Vorhersage. Es gab die „mantiké téchné“, also die Technik der Zukunftsdeutung, ausgeübt in unzähligen kulturellen Versionen an menschlichen und tierlichen Organen, Pflanzen, Steinen, Himmelskörpern und beliebigen anderen Objekten. Heute nimmt die Mantik eine neue Gestalt an in Algorithmen, die aus unserem gegenwärtigen Verhalten unser zukünftiges Verhalten zu erraten suchen. In der griechischen Antike weissagten Priesterinnen im Trancezustand – die Pythien – das Kommende.
Die Pythia von heute ist PageRank von Google. Der Algorithmus, der Websites nach Links bewertet, ermöglicht auch das Geschäft der Diagnose und Prognose. Die dazu verfügbaren Datenmengen sind von immensem Umfang. Im Internet der smarten Dinge erzeugt jedes Objekt einen Datenfluss, vom rektalen Thermometer über die intelligente Küche bis zum selbstfahrenden Auto. Die Dinge werden zu Datenabgasschleudern. Und mit der Effizienz der Algorithmen in der Regulierung und Registrierung dieses Flusses wächst auch die Herrschaft des Unternehmens über die Nutzer dieser Dinge. Wir akzeptieren diese Herrschaft, indem wir den Dingen durch ihren Gebrauch gestatten, uns zu beobachten und zu überwachen. Und wir halten die Freiwilligkeit des Gebrauchs für Freiheit.
Vom Finanzkapitalismus zum Überwachungskapitalismus
Ungewissheit bedeutet ursprünglich Risiko. Nun wird dank neuer mathematischer und statistischer Instrumente diese Ungewissheit quantifizierbar und kalkulierbar: sie wird zum Handelsgut. Zum riskanten Handelsgut, muss man sagen. Der Finanzkapitalismus ist beherrscht vom Konjunktiv. Man handelt nicht mit dem, was man hat, sondern mit dem, was man haben könnte. Ein ganzes, von der materiellen Güterproduktion abgekoppeltes Paralleluniversum ist entstanden, in dem Windeier des Möglichen ausgebrütet werde: Optionen, Renditen, Risiken, Swaps, Versprechen, Versprechen von Versprechen. Heute gehen wir einen Schritt weiter. Wir machen generell die Ungewissheit über unser Verhalten zum wirtschaftlichen Gut. Wir bewegen uns, wie dies die Wirtschaftwissenschafterin Shoshana Zuboff nennt, auf einen „Überwachungskapitalismus“ zu.
Die Datenausbeuter
Ein Mittel, Ungewissheit zu reduzieren, besteht darin, Verhalten zu uniformisieren. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass wir zu einem bestimmten Gebrauch der Technologie abgerichtet werden. Unser Tun hat heute auf weiten Strecken den Charakter einer Abfrage, der Query. Googeln ist innert kürzester Zeit zu einer neuen Kulturtechnik geworden. Jeder Datensatz aktiviert im Netz einen andern Datensatz, jede Suche eröffnet neue Verbindungen, und mit jeder neuen Verbindung entstehen neue Suchmöglichkeiten. Auf diese Weise vermehren sich die Daten von selbst. Wir halten durch unser Suchverhalten die Suchmaschine am Laufen. Und je runder sie läuft, desto machtvoller treibt sie wiederum unser Suchverhalten an. Wir sind als Nutzer beides: Treiber und Getriebene und in in diesem Laufrad erzeugen wir stündlich, minütlich neue Verhaltensdaten: den Rohstoff eines neuen Kapitalismus. Googles Algorithmen – PageRank oder AdWords – sind Danaergeschenke. Ihre Dienste nehmen eigentlich uns in den Dienst. Sie schöpfen von unserer Suche „Überschussverhalten“ ab, wie Zuboff das nennt: Datenmengen, welche Google an Anzeigekunden und andere Datenkäufer veräussert.
Computernutzer als unbezahlte Arbeiter
Googles Vormacht basiert auf der fortgesetzten Reduktion von Ungewissheit. Es gibt den Erkenntnisgewinn durch die ständige Verbesserung der Datenanalyse, also das epistemologische Management der Ungewissheit. Neu ist, dass dieser Gewinn gekoppelt wird an den ökonomischen Gewinn durch den Verkauf von Vorhersage-Tools an Online-Unternehmen. Das generiert eine neue, ungeheuer profitable Wertschöpfungskette, mit uns, den Computernutzern,  als Rohmateriallieferanten. Facebook- oder Googlenutzer wurden auch schon als unbezahlte Arbeiter bezeichnet. Durch unsere Netz-Aktivitäten verschaffen wir den digitalen Hauptakteuren profitsteigerndes „Überschussverhalten“. Lernende Maschinen, künstliche Intelligenz und effiziente statistische Methoden sind die Produktionsmittel des 21. Jahrhunderts. Sie produzieren Verhalten, das vorausgesagt werden kann: „Über­wachungsgüter“. Der sogenannte Überwachungsstaat ist kein politisches Monstrum, sondern der Modus operandi einer Gesellschaft von Menschen, welche im Begriff sind, ihre Seele zu verkaufen, indem sie die Ungewissheit abschaffen.
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Wildpflanzen-Magazin April 2016

Diese Ausgabe des Wildpflanzen-Magazins ist als freie Leseprobe verfügbar !
wildpflanzen-magazinThemen:
Japanischer Stauden-Knöterich
Vom Baum in den Mund
Pflanzenfamilien: Nachtschattengewächse
Brauchen Wildkräuter Pflege?
Behaartes Schaumkraut oder Kresse – Genuss oder Arbeit
Pflanzenastrologie
Pflanzenrätsel
Veranstaltungen mit Wildpflanzen

Freie Leseprobe

Viel Spass beim Lesen.

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Die Transzendenz der Maschine

Von Eduard Kaeser, “Journal21”
An futuristischen Visionen fällt auf, dass sie Entwicklung im einseitig Technisch-Maschinellen sehen. Sie verraten ein Desinteresse am Menschen.
Eine seltsame und nicht ganz geheure Obsession befällt unseren Blick auf die Zukunft. Wir sind Produkte einer natürlichen Evolution, und doch stellen wir uns die Weiter- und Höherentwicklung unserer Spezies gerne vor als eine Überwindung der Condition humaine durch Technologie. Die Träume vieler Futuristen gravitieren um das Zentrum einer postbiologischen Superintelligenz, welche alle Formen der organischen „Wetware“ abgestreift haben wird. Man hat fast den Eindruck, als erschallte aus den Schaltkreisen unserer Computer ein neuer Ton mit geradezu erlöserischen Oberklängen.
Wo sind sie denn, die fremden Intelligenzen?
Seit den disruptiven Technologien der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors, der Elektrizität und Elektronik liebt die wissenschaftlich-technische Intelligenz futuristische Spekulationen. Es wurde ja auch gesagt, dass das 19. Jahrhundert die Epoche sei, welche die Transzendenz von der Vertikalen in die Horizontale drehte: vom Himmel in die Zukunft.
Wir versuchen uns vorzustellen, wohin uns die gegenwärtige technische Entwicklung trägt, und wir ergehen uns dabei auch in Fantasien über fremde Intelligenzen. Schon 1950 stellte der Physiker Enrico Fermi bei einem nicht ganz ernsten Tischgespräch über fliegende Untertassen und dergleichen die Frage, wo denn nur all diese Intelligenzen, wenn sie existieren, seien. Dabei wies er auf einen Widerspruch zwischen Empirie und Theorie hin, zwischen offenkundiger Abwesenheit und der Wahrscheinlichkeit fremder, extraterrestrischer Intelligenzformen.
Die Diskussion um dieses sogenannte Fermi-Paradox hat sich seither in eine Richtung entwickelt, in der die künstliche Intelligenz eine immer grössere Rolle spielt. Wenn Maschinenintelligenz den Höhepunkt der technischen Entwicklung darstellt, so ein Lösungsvorschlag für den Widerspruch, dann könnte es sich bei Aliens ja um superentwickelte Maschinen handeln, welche die biologische Entwicklung längst hinter sich gelassen haben.
Die Kommunikation zwischen solchen Maschinen könnte derart optimal kodiert sein, dass sie uns Menschen bloss als interstellares Rauschen gegenwärtig wäre. So gesehen würde also die Abwesenheit fremder Intelligenz eigentlich nichts weiter bedeuten als die Abwesenheit, will heissen: Unfähigkeit unserer Intelligenz zu ihrer Erkennung.
Von der Biologie zur Technologie
Was man auch von solchen Phantasien halten mag, so verraten sie uns doch einiges über unsere expliziten oder impliziten Perfektionsvorstellungen. Wie es scheint, reizt die Vervollkommnung nicht im „Weichen“, Biologischen, sondern im „Harten“, Technologischen. Damit Intelligenz eine Reichweite interstellaren Ausmasses haben kann, so lautet ein Argument, bedarf sie postbiologischer Ausstattung: robuste, leistungsfähige, dauerhafte Hard- und Software, nicht delikate Wetware mit beklangenswert kurzer Verfallszeit.
Maschinen sind viel eher für die Ewigkeit geschaffen, sie können sich kopieren und sich perfekt bestimmten Umweltbedingungen anpassen, ohne die lange und zufällige Stolperei der biologischen Adaptation. Schon in einer Generation würden die Maschinen vielleicht die Kluft zwischen Sternen und anderen Welten übersprungen haben.
Futuristen wie Ray Kurzweil – „Director of Engineering“ bei Google – sind verzaubert von dieser Idee. Er verkündet mit viel Aplomb eine technische Transzendenz – Singularität genannt –, in der die maschinelle die menschliche Intelligenz eingeholt und überholt haben wird. Er rechnet mit einem solchen epochalen Sprung um die Mitte dieses Jahrhunderts.
Die Zukunft des Menschen sähe nach Kurzweil so aus, dass wir sozusagen in neuer hybrider Form, als Module von superintelligenten Maschinen weiterexistierten. Der Grossmeister der Science Fiction, Stanisław Lem, sprach schon 1964 in seine „Summa technologiae“ von „Intelligenzverstärkern“, also von Maschinen, die klüger sind als ihre Erbauer und gut und gerne das Tausenfache des menschlichen Intelligenzquotienten aufweisen. Und 1999 forderte der deutsche Physiker, Philosoph und Schriftsteller Max Bense: „Der Mensch als technische Existenz: das scheint mir eine der grossen Aufgaben einer philosophischen Anthropologie von morgen zu sein.“
Wie es den Anschein macht, ist eine künftige Zivilisation kaum noch zu denken ohne hochgerüstete Technologie. Immerhin kann man sich nach wie vor die unaufgeregte Frage stellen, ob denn die biologische Evolution wirklich in eine Sackgasse führen müsse, aus der nur technische Transzendenz heraushilft. Gäbe es nicht auch eine andere Geschichte?
Grenzen der Rechenleistung
Ohne Zweifel besteht schon heute eine Mensch-Maschine-Interaktion, die man auf einem beträchtlichen Intelligenzniveau – beiderseits – ansiedeln muss. Die Maschinenintelligenz befindet sich in der Lernphase. Die einschlägige Methode nennt sich „Deep Learning“. Und sie funktioniert auf sogenannten neuronalen Netzen. Es handelt sich, kurz gesagt, um Algorithmen, die nicht definitiv geschrieben sind, sondern die sich im Lösungsprozess bestimmter Aufgaben selber justieren können.
Damit verabschieden wir die landläufige Vorstellung des Computers, der einfach nach Vorschrift dumm und stur Schritte durchführt. Bereits schlagen solche Programme Menschen im Schach oder im Go; ein Spiel nota bene, das man bis kürzlich als zu kompliziert für einen Maschinensieg erachtete.
Hier manifestiert sich ein typisches Merkmal der Entwicklung der künstlichen Intelligenz: immer wieder werden scheinbar unüberwindbare Barrieren übersprungen, sei es, dass man raffiniertere Software entwirft oder Rechner mit grösserer Kapazität baut. Das beflügelt natürlich den Optimismus der „Singularisten“. Sie sehen Intelligenz nur als Funktion der Rechenleistung eines Systems, nicht des materiellen Substrats. Und deshalb stellt für sie die Biologie einer maschinellen Transzendenz auch keine prinzipiellen Hindernisse in den Weg.
Neuromorphe Maschinen
So schnell sollte man die Rechnung allerdings nicht ohne Biologie machen. Es gibt zum Beispiel die sogenannte Energieschwelle. Intelligenz verbraucht Energie. Die Rechnereffizienz bemisst sich an der Anzahl Schritte pro Sekunde. Deshalb spielt im Computerbau das Verhältnis der Anzahl Rechenschritte pro Joule eine vorantreibende Rolle. Mit der Entwicklung von Mikroprozessoren und den immer kleineren Dimension der Schaltkreise nahm dieses Verhältnis stetig zu. Aber die Entwicklung flacht ab, das heisst die Zunahme verlangsamt sich.
Das könnte sich für das Projekt einer hirnartigen – „neuromorphen“ – Maschine als ernsthafte Barriere erweisen. Dabei fällt die bemerkenswerte Tatsache ins Gewicht, dass unser Gehirn auf dem Leistungsniveau einer Glühbirne – zwischen 20 und 30 Watt – arbeitet. Wollten wir es in ein System mit heute praktikabler Technologie hochladen, dann benötigten wir eine gigantische Energie, die etwa das chinesische Kraftwerk des Dreischluchtendammes liefert. Man braucht dies nur mit der aktuellen Erdbevölkerungszahl von 7,3 Milliarden zu multiplizieren, um sich eine Zivilisation mit menschenähnlichen künstlichen Gehirnen auszumalen.
Relikte verfallener kosmischer Zivilisationen?
Wenn Leben nichts Ungewöhnliches ist und regelmässig, wenn auch erratisch Formen der Intelligenz produziert, dann könnte es sein, dass wir uns heute quasi in der Zukunft vergangener Intelligenzen befinden. Denn das Universum ist über 13 Milliarden Jahre alt, und wir können nicht ausschliessen, dass es schon Interessantes ausgebrütet hatte, bevor unser Sonnensystem existierte.
Dies zumindest ist ein spekulativer Gedanke des Astronomen und „Astrobiologen“ Caleb Scharf. Vielleicht tummeln sich in den instellaren Weiten ingenieurale Relikte von Intelligenzen, die ihre Klimax überschritten haben und uns nur noch als kosmischer Schrott und kosmisches Rauschen erscheinen. „Vielleicht haben sich fremde Zivilisationen in ein abgeschiedenes biologisches Reduit zurückgezogen und die Relikte ihrer Ingenieurskunst der Unbill von kosmischer Strahlung, Verdampfung und explosivem Sternenschutt ausgeliefert.“
Und was, wenn auch wir eines Tages entdecken werden, dass die Zukunft künstlicher Intelligenz nicht mehr Rechnen, sondern mehr Biologie erfordert? „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ lautet der Titel des Science-Fiction-Klassikers von Philip K. Dick. Vielleicht träumen künftige künstliche Intelligenzen davon, aus Fleisch zu bestehen.
Menschenflüchtige Horizonte
Lassen wir die Spekulation und stellen einfach fest: Das Transzendieren der Condition humaine ist nicht bloss denkbar, es erscheint heute machbar. In gewissem Sinne stellen alle modernen technologischen Projekte menschenflüchtige Horizonte in Aussicht: Weg von der Erde! Weg von unserem Körper! Weg von unserer Sterblichkeit!
In der Raumfahrt verlassen wir unsere erdgebundenen, in der Robotik und Computertechnologie unsere körpergebundenen Lebensbedingungen, in der Genetik unsere biologische Gewachsenheit. Aber wir sollten vielleicht in all den seraphischen Erlösertönen das Dissonante nicht überhören. Technische Transzendenzverheissungen strahlen umso mehr, je expliziter sie unsere Erdgebundenheit, Körperlichkeit, Vergänglichkeit als etwas Schlechtes, etwas „Gefallenes” hinstellen.
Wenn also die neuesten transhumanen Visionen uralte Menschheitsträume einer verbesserten Condition humaine wecken, dann manifestieren sie insgeheim immer auch ein Desinteresse, um nicht zu sagen: eine versteckte Verachtung  des Menschlichen.
Originaltext
Ergänzungen von Akademie Integra:
Wir leben in einer Zeit eines intensiven Paradigmen-Wechsels und “Der vierten industriellen Revolution” und man ist geneigt zu sagen: “Kaum jemand hat es bemerkt”.
Oder soll es die Menschheit vielleicht nicht bemerken?
Der Philosph Richard David Precht meint:
“Das ist die große Vision – Den Menschen von der Diktatur der Freiheit zu befreien!”
Der Schlüssel zum Himmel… und zur Hölle
“Buddhisten sagen, dass den Menschen der Schlüssel gegeben wurde, um das Tor zum Himmel zu öffnen. Doch der gleiche Schlüssel passt auch für die Hölle. Und wir erhalten den Schlüssel ohne Gebrauchsanweisung, die uns sagt, wie wir welche Tür damit öffnen …
Technologie ist dieser Schlüssel. Wir können sie gut oder schlecht nutzen, das liegt in unserer Hand. Es unterliegt unserer Kontrolle. Aber wir haben diesen Schlüssel und wir können nicht rückwärtsgehen in eine Welt ohne Computer. Wir haben den Schlüssel, wissen aber nicht genau, wie wir damit umgehen können und welche Reichweite er uns verschafft”
meint Manuela Veloso (Professorin für Computerwissenschaften an der US-amerikanischen Carnegie Mellon University) und ist überzeugt, dass die Menschheit in der Lage ist, den richtigen Weg durch all diese Unwägbarkeiten der Zukunft zu finden.
Doch einige versetzt es auch in eine Alarmstimmung:
“Wir müssen uns einige ernsthafte Fragen stellen, wenn wir in eine Zivilisation übergehen mit Maschinen, welche über die gleichen kognitiven und kreativen Fähigkeiten wie ein Mensch sowie über einen freien Willen verfügen. Wir werden wohl eine Grenze überschreiten, welche die Menschen heute für verantwortbar halten. Diese neue Entwicklung braucht neue Regeln.”
Doch wer kümmert sich um die Regeln und noch wichtiger: Wer sorgt für deren Einhaltung?
Unter diesem Aspekt empfehlen wir die folgenden Beiträge:
World Economic Forum Davos: Wenn sich die Eliten Gedanken über die Zukunft machen
Was, wenn dein Gehirn beichtet?
Bei folgendem Beitrag sollte man genau hinhören, wenn Prof. Hausser, neben seiner Begeisterung über die neuesten Forschungsergebisse der Hirnforschung, meint: “Es müssen ganz strenge ethische Regulationen in das System eingebaut werden”.
Wo steht die Hirnforschung?
Spannende Einblicke von Michael Hausser, Professor für Neurowissenschaften im University College London.
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Nach dem Schwarzen Dienstag in Brüssel

von Milena Rampoldi, “Tlaxcala”
Der Brüsseler Schwarze Dienstag hat natürlich ganz Europa erschüttert. Wir müssen doch versuchen, die Emotionen zu kontrollieren, um weiter denken zu können. Hier einen Beitrag zum Nachdenken von einer Muslimin. 
Terror im Herzen Europas. In den Nachrichten spricht man nur von Kontrolle, von der Notwendigkeit der Terrorabwehr, des Datenaustausches zwischen den europäischen Geheimdiensten und der Modalitäten zwecks Verhinderung der Umsetzung der Pläne durch ein Terrornetzwerk, dem man auf die Spur kommen soll und muss, koste es was es wolle. Man muss mehr kontrollieren, mehr Sicherheit aus dem Nichts erschaffen. Aber alles abschirmen ist unmöglich, dies behauptet man am Ende dieser unsinnigen Diskussion.
Wenn man nicht mehr weiter weiß, zeigt man die Flüchtlinge in Idomeni mit ihren Zetteln, auf denen „Sorry“ steht. Die Flüchtlinge entschuldigen sich für die Anschläge, für Anschläge, die sie nicht begangen haben und mit denen sie gar nichts können, denn sie sind die Opfer der westlichen Kriege und Angriffe. Gleichzeitig werden alle Muslime und somit auch alle Flüchtlinge verdächtigt. Und die Medien machen indirekt mit, denn es werden ganze Viertel, die sogenannten „umgekippten Viertel“ kriminalisiert, die wahllos durchsucht werden. Menschen werden festgenommen und wieder freigelassen, nur weil sie aus Brüssel kommen und islamischen Glaubens sind.
Es wird nach den Auswirkungen des Terrors auf die Börsen geschaut, die „zittern“, als wären Börsen die Opfer des Terrors, als würden sie menschliche Züge annehmen können. Man spricht nur von der Solidarität zwischen den Staaten und den Bekundungen derselben in den Farben der belgischen Flagge. Es geht um Nationen, die Macht des Westens und des neoliberalen Systems, die dennoch weiter besteht – trotz des „islamistischen“ Terrors –  und sich vom Terror nicht erschüttern lässt, die Kontrolle des Terrorismus, die Geheimdienste, die Grenzen des Sicherheitsstaates, aber nie um das Thema Nummer 1, wenn es um die brutalen Terrorangriffe geht, und zwar um die Zivilisten.

Terror ist blinde Gewalt gegen Zivilisten, Gewalt bewaffneter „Bürger“ gegen Bürger, um dann die Opfer des Terrors gegen das bereits vorhandene Feindbild aufzuhetzen. Der Terror beißt sich in den eigenen Schwanz. Terror verfolgt dieses Ziel und dreht sich im Kreis, aber welche sind die Ursachen des Terrors? Die Ziele des Terrors sind klar: Gewalt als Mittel zur Einschüchterung und Spaltung von Zivilgesellschaften, weltweit. Die Ursachen des Terrors sind wiederum Krieg und Gewalt und das Bewusstsein dessen, Ungerechtigkeit und Krieg mit Terror lösen zu können. Terror ist eine blinde Gewaltspirale, die aus dem Krieg stammt. Und dieser Krieg stammt im Falle der Attentäter, die sich auf den Islam berufen, mit dem sie am Ende nichts zu tun haben, aus der vom Westen erfundenen nationalen Aufspaltung des Osmanischen Reiches.

Terror hat keine Religion und die Selbstmordattentäter verstoßen gegen das Hauptgebot aller monotheistischen Religionen, aus deren Kultur sie angeblich stammen, da Selbstmord als die höchste Sünde gegen das Geschenk des Lebens gilt. Was steht historisch am Anfang dieses Wahnsinns? Die Aufteilung des Osmanischen Reiches und der Import des Nationalismus in eine multikulturelle und multireligiöse Welt, die Erfindung des ethnischen, „sekteristischen“, technologisch aufgerüsteten Bruderkriegs.

Die nächste Spirale kommt nach den zwei Weltkriegen, nach dem Zionismus, mit dem neoliberalen Modell der Rüstung um jeden Preis und den Kriegen für die Menschenrechte, der Verbindung zwischen Krieg und Kapital. Um Religion geht es schon lange nicht mehr, wahrscheinlich seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Die Verherrlichung von Leben und Frieden in den monotheistischen Kulturen und Religionen ist schon lange vollkommen in den Hintergrund getreten oder vollkommen aus den Köpfen und Herzen der Menschen gelöscht. Schöpfungsgeschichte, Gerechtigkeit und Frieden, Toleranz, Respekt, Statthalterschaft* und Zusammenleben mit den anderen Kulturen, Ethnien und Religionen sind Werte, die der osmanischen Vergangenheit angehören.

Menschen sind verwirrt, krank, verarmt, perspektivenlos und vor allem blind nationalistisch und vertrauen blind in die Waffentechnologie des Westens, des Kapitals, in die Macht der Bomben, die die Welt, unsere ungerechte Welt verändern sollen, mit Gewalt. Die Technologie des Feindes und die Rüstungskonzerne des Feindes sollen den „Islam“ zum Sieg verhelfen. Man glaubt an den Krieg als Vater aller Dinge und verkleidet diese antike Philosophie mit aus dem Kontext gerissenen Koranversen und sprengt sich in die Luft, indem man Allahu Akbar ruft, während man das begeht, was der Koran als Todsünde bezeichnet.

Man kann die Religion nicht aus dem Terrordiskurs rausnehmen, weil der Terror in den Köpfen der Muslime den Anti-Islam bedeutet. Man muss aber die Religion aus dem Terrordiskurs rausnehmen, weil sonst die „Anderen“ alle Muslime nur mehr als Terroristen diskriminieren, unter Generalverdacht stellen und aus der westlichen Zivilgesellschaft ausschließen. Aber sind Muslime denn nicht schon an sich ausgeschlossen in einer Welt, die nationalistisch denkt und den Waffenlobbys die Wirtschaft und Politik überlässt?

Wir brauchen ein dringendes Umdenken für die Zivilisten. Die Zivilisten sind die Gesellschaft. Das Kapital, die Kriegsindustrie und der Krieg gegen den Terror von Bush sind nicht wir: das sind nicht wir, die Zivilisten aus der ganzen Welt, ob nun Muslime oder Nicht-Muslime, ob nun Atheisten, Humanisten, Juden, Christen oder Agnostiker. Der blinde Terror gegen den Krieg gegen den Terror kann nur beendet werden, wenn wir als Zivilisten alle zusammen protestieren gegen diese ungerechte Welt des Krieges, des Kapitals, der pseudoreligiösen Rechtfertigungen blinder und technologischer, vernetzter und lobbystischer Gewalt, die nur die unendliche Akkumulation des Kapitals möglich macht. Denn Krieg bringt Geld. Der Krieg dem Krieg bringt Geld. Und Terror destabilisiert und wer weiß: vielleicht bringt der Terror auch noch Geld.

* Einst sprach dein Herr zu den Engeln: “Ich setze auf der Erde jemanden ein, dem ich die Herrschaft darüber verleihe.” Die Engel erwiderten: “Setzt Du dorthin einen, der Unheil stiftet und Blut vergießt, während wir Dich preisen und Deine Heiligkeit rühmen?” Allah sprach: “Ich weiß, was ihr nicht wisst!” (Surah der Kuh, 2, 30)
Originaltext
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Ministerium für Glück und Wohlbefinden

ministeriumfür glueckEin Ministerium für Glück und Wohlbefinden wäre wichtiger denn je.
Der Beginn ist ein interaktives Kunstprojekt, das die Themen Glück und Lebensfreude spielerisch, humorvoll und kreativ ins Gespräch bringt und zum Umdenken und Mitmachen motiviert.
Gina-Schöler_avatar_1435938436-120x120Gina Schöler ist als Glücksministerin viel unterwegs, um auf kreative Weise die Menschen dazu zu bewegen, sich mit den Themen Glück und Zufriedenheit auseinanderzusetzen. Durch spielerische Aktionen und Workshops ermutigt sie dazu, das Glück selbst in die Hand zu nehmen, um gemeinsam das Bruttonationalglück zu steigern.

 

„Als „junge Wilde“ sehen wir hier die Möglichkeit, frischen Input und neue Ideen zu liefern, so dass so viele Menschen wie möglich sehen und lernen, wie nachhaltig Glückswissenschaft, Positive Psychologie und gutes Leben sein kann.“
Experten, Wissenschaftlern, Organisationen und Gleichgesinnten wird die Möglichkeit geboten, Kräfte zu bündeln und als „nächste Glücksgeneration“ gemeinsam zu agieren.
Gina Schöler sammelt Geschichten des Glücks, um daraus ein Buch zu machen. Unter der Fragestellung „Was macht dein Leben bunt?“ können aktive und erfahrene wie unerfahrene GlücksempfinderInnen ihre persönliche Story veröffentlichen.

Mach mit ! Hier ist der Zugang zum Ministerium.

Zur Einstimmung noch zwei ermunternde Videos:
Impressionen des Ministeriums für Glück und Wohlbefinden
Dr. Ha Vinh Tho im Interview mit dem Ministerium für Glück und Wohlbefinden
Zu diesem Thema passt auch folgende Nachricht:
Zum vierten Mal hat die Uno den “World Happiness Report” am Mittwoch in Rom vorgestellt.
Der vom Earth Institute der Columbia-Universität New York für die Vereinten Nationen erstellte Bericht umfasst insgesamt 160 Länder. Ausgewertet werden Daten aus den Sozialsystemen und von Befragungen über die Selbstwahrnehmung der Menschen.
Wichtige Faktoren bei der Messung des Glücks sind unter anderem das subjektiv empfundene Glück, die gefühlte Freiheit, sein Leben selbst zu bestimmen, die persönliche Wahrnehmung von Korruption und Großzügigkeit in einem Land, sowie Einkommen, die Lebenserwartung und das zur Verfügung stehende soziale Netz. Der diesjährige Bericht stützt sich auf Daten aus den Jahren 2013 bis 2015.
Schaut man sich die Top Ten der glücklichsten Länder der Erde an, so hat man den Eindruck, dass das Glück vor allem in Europa beheimatet ist. Mit Dänemark auf Platz 1, das mit der Schweiz auf Platz 2 die Positionen tauscht, Island, Norwegen und Finnland landeten auf den vorderen fünf Plätzen ausschließlich europäische Nationen.
Auch die Niederlande (Platz 7) und Schweden (Platz 10) schafften es unter die ersten Zehn.
Die erste nicht-europäische Nation im Ranking ist Kanada auf Rang 6. Deutschland taucht erst weiter unten auf: auf Platz 16, noch hinter Ländern wie Costa Rica oder Puerto Rico. Allerdings gelang den Deutschen im Vergleich zur vergangenen Studie ein großer Sprung nach oben. Im World Happiness Report 2015 landete Deutschland noch auf Rang 26.
Ganz unten im Ranking landeten neben Afghanistan und Syrien vor allem afrikanische Nationen, was weniger überraschend ist. Burundi landete auf dem letzten Platz.
“Die Eigenberichte über Glück und Wohlergehen sollten auf der Agenda jedes Landes sein”,
sagte Jeffrey Sachs, Direktor des Earth Institute.
Regierungen von fünf Ländern – Bhutan, Ecuador, Schottland, die Vereinigten Arabischen Emirate und Venezuela – haben bisher einen eigenen Ministerposten für die Frage des Glücks geschaffen.
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Trump als Tsunami für die Republikaner

Von Ignaz Staub, “Journal21”
Hillary Clinton und Donald Trump scheinen auf dem Weg zur Nomination ihrer Partei kaum mehr aufzuhalten zu sein. Noch aber lauern Stolpersteine.
Alles hatten sie versucht, Millionen von Dollar ausgegeben, für Fernsehwerbung, Flyer und Plakate, die Anhänger der Bewegung „Never Trump“. Doch genützt hat alles nichts: „Too little too late“.  Der Geschmähte hat die Vorwahl der Republikaner in Florida gewonnen und damit den Favoriten des Parteiestablishments, Senator Marco Rubio, aus dem Rennen um den Einzug ins Weisse Haus geworfen: Das „Marco-mentum“, kurzzeitig lebendig, ist endgültig verpufft. Ausser in Florida gewann Trump in Illinois, North Carolina und mutmasslich in Missouri.
Rubio wirft das Handtuch
„Amerika befindet sich inmitten eines politischen Sturms – eines wirklichen Tsunamis“, sagte Rubio nach der Niederlage in Miami: „Wir hätten das kommen sehen sollen.“ Die zornige Stimmung der republikanischen Wählerschaft, analysierte der Senator aus Florida, habe seinen Wahlkampf erstickt: „Die Politik der Feindseligkeit gegenüber anderen Leuten wird uns nicht nur eine zerbrochene Partei bescheren. Sie wird auch unsere Nation spalten.“
Bleibt die Frage, zu welchem der drei verbliebenen Kandidaten Marco Rubios Anhänger im Lande draussen nun wechseln: zum erzkonservativen Ted Cruz, zum wilden Donald Trump oder zum berechenbaren John Kasich. Möglich auch, dass sie sich frustriert der Stimme enthalten.
Selbst Donald Trump zeigte sich überrascht, dass die jüngsten Attacken aus der eigenen Partei, die er als „zumeist ungerechtfertigt“ einstuft, ihm nichts anhaben konnten: „Ich verstehe es nicht. Niemand versteht es.“ Allenfalls in Ohio, wo am Dienstag Gouverneur John Kasich siegte, haben die Angriffe mehrerer gut dotierter politischer Aktionskomitees (PACs) den New Yorker Unternehmer schwächen können. Doch war aufgrund von Umfragen zu erwarten, dass Kasich, als „native son“ (Einheimischer), den Urnengang gewinnen und im Rennen bleiben würde.
Kasich als Strohhalm der Republikaner?
Als Trost bleibt den Gegnern Trumps höchstens der Umstand, dass der Kandidat in keinem der Vorwahlstaaten mehr als die Hälfte der Stimmen hat gewinnen können, d.h. dass insgesamt mehr als 50 Prozent der republikanischen Wähler, aus was für Gründen auch immer, einen anderen Bewerber bevorzugten. Auch haben Nachwahlumfragen ergeben, dass weniger als die Hälfte der Befragten Trump für ehrlich und vertrauenswürdig hält. Und nach wie vor liegt der Milliardär in landesweiten Umfragen oft deutlich hinter Hillary Clinton
Sollte sich dieser Trend in den verbleibenden Urnengängen fortsetzen, könnte es für Donald Trump unter Umständen noch schwierig werden, bis zum Juli jene Zahl der Delegiertenstimmen zu gewinnen, die er am Parteitag in Cleveland (Ohio) braucht, um als Kandidat der Republikaner nominiert zu werden. Vor allem John Kasich hofft, in den kommenden Vorwahlen im Mittleren Westen und Nordosten der USA von früheren Rubio-Wählern profitieren und besser als bisher abschneiden zu können. Was angesichts des Terrains (besonnenere Temperamente, weniger Evangelikale) zumindest möglich ist.
Trumps Talent für mediale Inszenierungen
Noch immer aber gelingt es Donald Trump, auf Nebenschauplätzen die Aufmerksamkeit der Medien überproportional zu erregen – sei es jüngst durch eine angeblich aus Sicherheitsgründen abgesagte Wahlveranstaltung in Chicago, in deren Vorfeld es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Kandidaten kam, oder sei es durch die unbotmässige Behandlung von Journalistinnen und Journalisten, die teils handgreiflich daran gehindert werden, sich bei Wahlveranstaltungen ausserhalb des ihnen zugewiesenen Platzes Trump zu nähern und allenfalls unbequeme Fragen zu stellen.
Nach den Vorfällen auf einem Universitätscampus in Chicago hatten etliche Kommentatoren düster prophezeit, nun drohe Amerika erneut wie seinerzeit in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre in politischer Gewalt zu versinken – Folge der Geister, die Donald Trump mit seinen rassistischen und Gewalt verherrlichenden Aussagen gerufen habe. Blanker Unsinn, konterte Fernsehmoderator Joe Scarborough. Der frühere republikanische Kongressabgeordnete ist überzeugt, dass Trump einen Vorfall wie jenen in Chicago gezielt inszeniert.
Gratiswerbung für The Donald
„Wie bereits im gesamten Wahlkampf 2016 profitiert Trump vom politischen Chaos, das er sät“, schreibt Scarborou gh in der „Washington Post“: „Falls es stimmt, dass Chance und Chaos in Mandarin dasselbe Wort sind, dann sollte Trump es auf Plakate drucken und diese bei der nächsten Wahlveranstaltung verkaufen. Für den Milliardär aus Manhattan ist Chaos so profitabel, wie es für Paris Hilton ihr Sex-Video war.“
Einer Untersuchung des Medienforschers Andrew Tyndall zufolge haben die  Abendnachrichten der drei grossen amerikanischen Fernsehanstalten (ABC, CBS, NBC) im vergangenen Jahr während total 327 Minuten über Donald Trump berichtet – nach Wetterbeiträgen statistisch gesehen das wichtigste News-Thema. Hillary Clinton derweil erhielt 121 Minuten Sendezeit, Ted Cruz 21 Minuten und Bernie Sanders 20 Minuten – zusammen weniger als die Hälfte der Minuten für Trump.
Der Medienanalyst Paul Senatori hat errechnet, dass Donald Trump im Februar kostenlose Aufmerksamkeit der Medien im Gegenwert von 400 Millionen Dollar erhalten hat. Für den Wahlkampf seit Sommer 2015 beziffert Senatori  die Summe auf zwei Milliarden Dollar. Hillary Clinton zum Vergleich wurde laut der Firma mediaQuant Gratis-Aufmerksamkeit in der Höhe von 746 Millionen Dollar zuteil.
Hillary Clintons Stärken und Schwachpunkte
Der demokratischen Kandidatin ist es am Dienstag mit ihren Siegen in Florida, North Carolina, Ohio und mutmasslich Missouri gelungen, Konkurrent Bernie Sanders erneut zurückzubinden. Der Senator aus Vermont hatte gehofft, nach seinem überraschenden Sieg in Michigan eine Woche zuvor zumindest in Ohio  punkten zu können – einem Industriestaat im Mittleren Westen der USA, wo seine Kritik von Freihandelsabkommen, die erfahrungsgemässe Arbeitsplätze kosten, gut ankommen sollte.
In ihrer Siegesrede in Südflorida richtete Clinton am Dienstag den Blick bereits auf den nationalen Wahlkampf und ihren dereinstigen mutmasslichen Konkurrenten Donald Trump: „Wenn wir hören, dass sich ein Präsidentschaftskandidat dafür ausspricht, bis zu zwölf Millionen Einwanderer aufzugreifen, alle Muslime daran zu hindern, in die USA einzureisen und die Folter zu verschärfen, dann beweist das nicht seine Stärke, sondern lediglich, dass er Unrecht hat.“
Hillary Clinton hat bisher 1571 der 2383 für die Nomination nötigen Delegiertenstimmen gewonnen. Bernie Sanders kommt auf 800 Stimmen, eine Menge, die ihm vor Beginn des demokratischen Wahlkampfs kaum jemand zugetraut hätte. Der relative Erfolg zeigt auf, wo die Schwächen seiner Konkurrentin nach wie vor liegen: unter Jungen (auch jüngeren Frauen), unter Studenten, unter Gewerkschaftern, unter Parteilinken und Unabhängigen. Sanders‘ Berater hoffen, in liberalen Staaten wie Wisconsin, Kalifornien, New York oder New Jersey gut abzuschneiden und Delegiertenstimmen gewinnen zu können. Obwohl die Chancen, Hillary Clinton noch einzuholen, gering sind.
Ratschläge von der  „New York Times”
Den Leitartiklern der „New York Times“ zufolge muss sich die demokratische Kandidatin künftig vermehrt jener Themen annehmen, die Bernie Sanders unerwartet stark gemacht haben. Dazu gehören die ungleichen Einkommen im Lande, die Folgen der Freihandelsabkommen oder die immer wichtigere Rolle des Geldes in Wahlkämpfen. Auch müsse Hillary Clinton, fordert die „Times“, transparenter werden und ihre Positionswechsel in wichtigen Fragen besser begründen.
Der republikanischen Partei rät das „Editorial Board“ der Zeitung, sie habe sich zu entscheiden, ob sie Trump als fast unausweichlich Nominierten zur Brust nehmen und durch dessen Kandidatur definiert – oder gar, wie einige Konservative unken – zerstört werden wolle  – oder ob sie ihn zurückweisen solle in der Hoffnung, dass einer seiner verbliebenen Konkurrenten an einem offenen Parteitag nominiert wird: „Nach Jahrzehnten, in denen sie an Intoleranz appelliert und gegen die Interessen der amerikanischen Arbeiterklasse und der Minderheiten agiert hat, scheint die Republikanische Partei auf dem Weg ins Verderben zu sein. Soweit hätte es nicht kommen müssen.“
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen