Leben als kosmischer Imperativ

von Leonardo Boff, Übersetzung Bettina Gold Hartnack
Jahrhundertelang versuchten Wissenschaftler mithilfe von physikalischen Gesetzen, ausgedrückt in mathematischen Formeln, das Universum zu erklären. Dabei sah man das Universum als eine riesige Maschine an, die stets in einer gleichbleibenden Form funktionierte. In diesem Paradigma hatten Leben und Bewusstsein keinen Platz. Diese wurden dem Bereich der Religionen zugeordnet.
Doch alles änderte sich seit den 1920er Jahren, als der Astrophysiker Edwin Hubble aufzeigte, dass der natürliche Status des Universums nicht Stabilität ist, sondern Veränderung. Das Universum begann sich mit der Explosion eines Punktes auszudehnen: extrem klein, doch unheimlich heiß und voller Potential: der Urknall. Dann bildeten sich die Quarks und die Leptonen, die elementarsten Partikel, die, einmal miteinander verbunden, Protonen und Neutronen erzeugten, die Grundlage der Atome. Und von dort aus nahm alles seinen Anfang.
Ausdehnung, Selbst-Organisation, Komplexität und die Entstehung einer immer ausgeklügelteren Ordnung sind die Charakteristika des Universums. Und das Leben?
Wir wissen nicht, wie es entstand. Wir können nur sagen, dass es der Erde und dem Universum Milliarden von Jahren bedurfte, um die Bedingungen für die Geburt von etwas so Wunderbarem wie das Leben herzustellen. Leben ist fragil, denn es kann schnell erkranken und sterben. Doch Leben ist auch stark, denn bisher konnte nichts, nicht einmal Vulkane, Erdbeben, Meteoriten oder massive Auslöschungen der vergangenen Zeitalter, das Leben komplett auslöschen.
Damit Leben entstehen konnte, brauchte das Universum die drei folgenden Eigenschaften: aus dem Chaos entstehende Ordnung; aus simplen Wesen entstehende Komplexität; Information geschaffen aus den Verbindungen aller mit allen anderen. Doch ein Faktor fehlte noch: Die Schaffung der Bausteine, mit denen das Haus des Lebens erbaut wird. Diese Bausteine wurden inmitten des Herzens der großen roten Sterne geschmiedet, die vor mehreren Milliarden Jahren verglühten. Dies sind chemische Säuren und andere Elemente, die all die Kombinationen und Transformationen ermöglichen. D. h. es gibt kein Leben ohne Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Eisen, Phosphor und die 92 Elemente des Mendeleyevschen Periodensystems.
Werden diese verschiedenen Elemente vereint, formen sie das, was wir als Molekül bezeichnen, das kleinste Teil lebendiger Materie. Die Verbindung mit anderen Molekülen führte zu den Organismen und Organen, welche die Lebewesen schufen, vom Bakterium zum Menschen.
Ilya Prigogine, der 1977 den Nobelpreis für Chemie erhielt, verdanken wir den Beweis dafür, dass das Leben aus den intrinsischen, sich selbst organisierenden Dynamismen des Universums selbst resultiert. Er zeigte ebenfalls, dass es eine Art Fabrik gibt, die kontinuierlich Leben hervorbringt. Der zentrale Motor dieser Lebensfabrik ist die Kombination aus 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen.
Aminosäuren sind eine Säuregruppe, welche die Entstehung von Leben ermöglicht, wenn sie miteinander verbunden sind. Sie bestehen aus vier stickstoffhaltigen Basen, die wie vier Zementarten funktionieren, die die Bausteine zusammenhalten, um die unterschiedlichsten Arten von Häusern zu bilden. Dies ist die Biodiversität.
Folglich schafft derselbe grundlegende genetische Code die heilige Einheit des Lebens, von den Mikroorganismen zu den Menschen. Im Grunde genommen sind wir alle Cousins, Brüder und Schwestern, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika zur integralen Ökologie (Nr. 92) bekräftigt, denn wir sind aus denselben 20 Aminosäuren und 4 stickstoffhaltigen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin) gemacht.
Was fehlte, war die Wiege, um das Leben willkommen zu heißen: die Atmosphäre und Biosphäre mit all den essentiellen Elementen des Lebens: Kohlenstoff, Sauerstoff, Methan, Schwefelsäure, Stickstoff u. a.
Unter diesen Vorbedingungen passierte vor ca. 3,8 Milliarden Jahren etwas Schicksalhaftes. Möglicherweise aus dem Meer oder einem primitiven Sumpf, wo all die Elemente wie eine Art Suppe blubberten, entstand durch den Aufschlag eines großen Blitzlichts von oben das Leben.
Geheimnisvollerweise gab es 3.8 Milliarden Jahre lang Leben auf dem winzigen Planeten Erde, in einem Sonnensystem fünfter Ordnung, in einem Winkel unserer Galaxie, 29 000 Lichtjahre vom Mittelpunkt dieser Galaxie entfernt. Hier geschah das einzigartigste Ereignis der Evolution: die Entstehung von Leben.
Leben ist die Ur-Mutter aller Lebewesen, die wahre Eva. Alle anderen Lebensformen stammen von ihr, einschließlich wir Menschen, ein Unter-Kapitel im Kapitel des Lebens: unser bewusstes Leben.
Abschließend wage ich mich, dem Biologen und Nobelpreisträger Christian de Duve und dem Kosmologen Brian Swimme anzuschließen, die behaupten, ohne das Leben wäre das Universum unvollständig. Immer wenn ein gewisses Level an Komplexität erreicht ist, wird stets Leben als ein kosmischer Imperativ entstehen, in jedem Teil des Universums.
Wir müssen die verbreitete Meinung überwinden, das Universum bloß als eine physikalische und tote Sache zu betrachten, die, um das Bild etwas auszuschmücken, einige Lebenskörnchen enthält. Dies ist ein armseliges und falsches Verständnis. Das Universum scheint mit Leben angefüllt zu sein und dafür existiert es als die Wiege, die das Leben – und vor allem unser Leben – willkommen heißt.
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Millennials nach Trump: Die Generation Social Media zwischen Wahlkabinenselfie und Protest

Der letzte US-Wahlkampf war maßgeblich durch Social Media geprägt. Ob es nun um Fake-News, WählerInnen-Mobilisierung oder Wahlkabinenselfies ging. Was bedeutet der Sieg Trumps also für die junge Generation, die Millennials? Unter allen MediennutzerInnen verwenden sie die sozialen Netzwerke am intensivsten.
von Kim Ly Lam, „Berliner Gazette“
Ich bin ebenso fassungslos wie ihr. Es war ein ganz normaler Morgen vor der Uni, ich habe mein Lieblingsmüsli gefrühstückt. Draußen hat es leicht geschneit, oder wie wir gerne sagen, „geschnieselt“. Ein unschuldiger Morgen, wie es die meisten halt sind. Doch dann kam sie, die Stunde, in der mein Radio das Wahlergebnis verkündete: Trump wird US-Präsident. Vielen von uns war dies ein Schlag in die Magengrube.
Trump ist die wohl größte Überraschung des Jahres. Er steht für einen verhängnisvollen Wandel, Protektionismus, der Autoindustrien einen Schauer über den Rücken jagt. Selbst das Silicon Valley hat zu Krisengesprächen aufgerufen.
Mögliche Zölle und Regulierungen könnten künftig die Industrie und Weltwirtschaft zum Stocken bringen, dazu kommt ein angekündigter Rückzug der USA aus diplomatischen und internationalen Beziehungen wie der NATO oder dem G20 Forum. Eine Erleichterung für all diejenigen, die den Demokratieexport und die US-Rolle als Weltpolizei verurteilt hatten, und zugleich ein Schock für alle anderen, die auf die Unterstützung der Staaten angewiesen sind.
In der ersten Woche nach der Wahl wurde viel diskutiert. Wie hat es zu einer solchen Wahl kommen können? Wie kann man Trumps Erfolg erklären? Es gab Theorien zu seiner Rhetorik und Authentizität, Kritik gegenüber dem fragwürdigem Wahlsystem. Die Welt ist in Aufruhr angesichts des gewählten Präsidenten. Doch die eigentliche Frage lautet: Was ist die Wurzel des politischen Wandels?
Die vergessene Arbeiterschicht
Wer eine Wahl dekonstruieren will, sollte sich zunächst den wichtigsten Anhaltspunkt anschauen: den Wähler. Tatsächlich scheint Trump nur ein Symptom des eigentlichen Problems zu sein. Der 70-Jährige zeigt, wie groß die Kluft ist zwischen Elite und “Proletariat”. Ein Konflikt, der in westlichen Ländern von der Politik und den Medien über die Jahre hinweg verschwiegen wurde. So hat sich Trump einer Angst bemächtigt, die tief in der hart arbeitenden Mittelschicht verankert ist: die Furcht vor sozialem Abstieg. Es ist eine Furcht, die vom Bildungsbürger ignoriert wird und den Rechtspopulismus füttert.
Statt die Ängste des Arbeiters konkret anzusprechen (- darunter fällt beispielsweise die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und Wohnräumen-), predigt der Demokrat den Zusammenhalt und seine höheren Werte. Nicht selten wird eine solch belehrende Aussage als ausgeprägte Einbildung vernommen. Wir haben schließlich gut reden, sind unsere Arbeitsplätze nicht unmittelbar von steigender Migration betroffen. Die Arbeiterschicht fühlt sich im progressiven Flügel nicht repräsentiert, sie verurteilt die Arroganz der Bildungsbürger, die darin besteht, sich dem Rest des Landes überlegen zu fühlen.
Wer bei Freunden und Bekannten horcht, wird in dieser Vermutung tatsächlich bestätigt; nicht selten hören wir abschätzige Bemerkungen über die „Alten und Bauern, die keine Ahnung haben“ oder die „Hinterwäldler, die politisch entmachtet werden sollten“. Die Schublade, in die wir Protestwähler stecken, ist der Grund ihres Protests. Es sind ihre Bedürfnisse, auf die wir nicht eingehen, und die sie schließlich in die Arme von Populisten treiben. An dieser Stelle tut sich eine neue Kluft auf und sie ist bedrohlich.
So existiert sie nicht nur in den USA, sondern vertieft sich auch zunehmend in Europa. Man betrachte allein den Aufstieg rechter Parteien wie der AfD und Front National oder die polnische und österreichische Regierung. Der Grund hierfür ist mangelnde Aufmerksamkeit und ein Gefühl der fehlenden Repräsentation. So mancher Protestwähler mag sich zu einer Minderheit zählen. Diese Minderheit ist weder ethnischer, sexueller noch religiöser Natur; sie lebt von dem Spannungsverhältnis zwischen elitären Akademikern und einfachem Arbeitervolk.
Sie ist eine künstliche Minderheit: künstlich, weil sie keine Minderheit ist, wir sie jedoch wie eine Minderheit behandeln. Unser Widerwille, denen zuzuhören, deren Weltsicht wir nicht teilen, zwingt sie zur Auflehnung. Und so sprach Trump in seiner Siegesrede von einer „Bewegung bestehend aus Millionen hart arbeitender Frauen und Männer“, die das Land nicht länger vergessen werde.
Demonstrationen sind keine Lösung
Donald Trumps Sieg erkennen noch lange nicht alle Wähler an. Unter dem Motto „Not my president“ gehen seit Verkündung des Wahlergebnisses unzählige Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten auf die Straße. Sie protestieren gegen die Vereidigung Trumps. Ein solch impulsiver Akt der Meinungsbekundung ist nach Trumps rassistisch-sexistischer Wahlkampagne sicherlich verständlich.
Dennoch sollten Demonstranten reflektieren, welche Signale sie damit an Trump-Wähler senden. Denn Trump ist und bleibt demokratisch gewählter Präsident. Seine Legitimation in Frage zu stellen, gleicht einer Infragestellung der Legitimation aller Trump-Wähler. Womit wir wieder beim zuvor genannten Problem wären.
Es gilt nun eine konstruktive Zusammenarbeit anzustreben, in der es weder um Versöhnung noch Vergebung geht. Man muss keiner der vergangenen und verletzenden Aussagen Trumps akzeptieren, um zum Schluss zu kommen, dass das Abwenden vom künftigen Präsidenten die Lage bloß verschlimmern würde.
Demokratische Bürger sollten alles in ihrer Macht stehende tun, um Einfluss auf die kommenden Entscheidungen ihres Staatsoberhauptes zu nehmen. Erst wenn Trump Beschlüsse trifft, können und sollten sie mit konkreten Gegenforderungen protestierend durch die Straßen ziehen. Denn Trump ist zwar ein Ego-Tier, jedoch auch lernfähig, wie das vergangene positive Treffen mit der Familie Obama im Weißen Haus angedeutet hat.
Was bedeutet Trump für die EU?
Statt den Wandel in den Vereinigten Staaten als Drittpartei zu diskutieren, sollte er Anlass sein, sich den Spiegel vor das eigene Gesicht zu halten. Schließlich können viele EU-Länder vom Trump-Phänomen lernen. Das Auswerten der US-Wahl ist im Hinblick auf kommende Wahlen wie der Bundestagswahl 2017 sogar ein Muss. Man frage sich: Warum ist Trumps Vision abzulehnen? Was können wir besser machen? Wie können wir auf Protestwähler zugehen?
Dabei steht nicht nur die neue Rolle der EU in einer sich verschiebenden Weltordnung im Fokus, sondern eine allgemeine Neu-Definition der Demokratie. Denn Demokratie wird von vielen westlichen Bürgern als moralischer Wert definiert, der mit Bildung einhergeht. Dies privilegiert Akademiker und obere Schichten.
Es wird Zeit, die Demokratie als einen Raum der Vielfalt zu begreifen, der vom konstruktiven Konflikt der Meinungen beherrscht wird. Ein offener und zugänglicher Diskurs nimmt Menschen die Sorge, überhört zu werden, und Populisten den fruchtbaren Boden der Angst, auf dem sie gedeihen.
Anstatt die extremen Meinungen im Volk mit einem eisernen Vorhang der Ignoranz zu strafen, müssen wir ihnen Gehör schenken. Wir sollten präventiv handeln und eine gemeinsame Ebene für den freien Austausch schaffen. Nur so kann mit Protestwählern auf Augenhöhe kommuniziert, Politikverdrossenheit gemindert und Halbwissen gefüllt werden.
Was kann ich tun?
Wenn ich mich in unserer heutigen Gesellschaft umschaue, gibt es so Einiges, das ich gerne verändern möchte. Wir leben in einer Zeit des Klimawandels, den hochrangige Politiker konsequent ignorieren, und der möglicherweise der Grund sein wird, weshalb meine Enkelkinder niemals den Eisbären kennenlernen werden. Das rasche Tieraussterben ist fatal, jedoch immer noch eine Romantisierung, schaut man sich andere mögliche Konsequenzen der Erderwärmung an. Ressourcenmangel und zahlreiche Kriege könnten uns erwarten.
Der von Trump beworbene Austritt der USA aus dem Paris Agreement wäre der erste Schritt in Richtung dieses Katastrophenszenarios. Ich sage ganz offen, was viele in meinem Alter nicht zu denken wagen: Ich habe Angst. Ich habe Angst davor, dass Menschen Entscheidungen treffen, weil sie die Folgen nicht zu tragen haben. Davor, dass die Welt, die ich eines Tages verlassen werde, nicht mehr die ist, die ich als Kind kennengelernt habe. Und am meisten fürchte ich den Moment, in dem ich realisieren werde, dass wir hätten mehr tun können.
Es gibt Momente, in denen ich mich furchtbar klein fühle. Weil ich eigentlich so viel verändern möchte, die Ergebnisse jedoch kaum sichtbar sind. Oft frage ich mich, wo die Studentenkultur der 70er und 80er-Jahre geblieben ist. Ist unsere Generation zu abgelenkt, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Hat das Unterhaltungs- und Informationszeitalter durch die Medien einen einschränkenden Einfluss auf unsere politische Partizipation?
Wie kommt es dazu, dass wir mehr Zeit in Netflix investieren, als in die Politik, die ihren direkten und nachhaltigen Einfluss auf unser Leben und unsere Zukunft ausübt? Und überhaupt: Wie prägt dieses Zeitalter der omnipräsenten Digitalisierung, in die wir hineinwachsen, unsere Wahrnehmung und unser Weltbild?
Über diese Fragestellung könnte man sicherlich ein ganzes Buch schreiben. Ich vermag es nicht, sie zu beantworten. Dennoch ziehe ich daraus meinen persönlichen Schluss: Wir junge Menschen müssen erneut lernen, was es bedeutet, kritisch zu sein und Fragen zu stellen. Uns aus Filterblasen und Strukturen der Kontrolle befreien, die uns mit Komfort, Eigenpropaganda und Ablenkung locken. Und unseren eigenen Wirkungskreis dazu nutzen, um zum Denken anzuregen und Verbündete zu suchen.
Es wird Zeit, dass wir unseren eigenen Tropfen auf dem heißen Stein nicht als nutzlos empfinden, sondern als Ankündigung eines kommenden Regens begreifen. Der Wahlsieg Trumps ist nur einer der zahlreichen Weckrufe unserer Gegenwart. Unsere Bildung wird zweckentfremdet, wenn wir sie nicht als stetigen Prozess des Strebens ausüben. Wir sollten anfangen, aus ihr etwas Greifbares zu schaffen, das auch denen zugutekommt, deren Ansichten wir nicht teilen. Dafür brauchen wir unsere Angst – und eine Offenheit, die von idealistischer Naivität geprägt ist.
Originaltext
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Fehlgeleitet

Vorurteile sparen Zeit in der Not: Wir müssen nicht lange denken, wir können gleich handeln. Im heutigen Alltag allerdings erweisen sich diese Abkürzungen im Denken nicht immer als hilfreich.
Von Arvid Leyh , “das Gehirn”
Da sitzt wieder einer, ein Obdachloser. Abgerissen sieht er aus und ungewaschen. Stumpf schaut er ins Leere und reagiert kaum auf den Euro, der in seinen Plastikbecher fällt. Alkohol? Drogen? Selbst schuld jedenfalls. Dass es sich mit 20-prozentiger Wahrscheinlichkeit um einen gefallenen Akademiker handelt – zumindest im Berlin des Jahres 2006, wie der Leiter der Berliner Stadtmission Hans-Georg Filker in einem Zeit-Artikel schätzt–, kommt einem nicht in den Sinn. Obdachlose sollten doch gemeinhin eher bildungsferne Gestalten sein, oder? Und was ist mit diesem vollbärtigen Araber da drüben – was fällt Ihnen als erstes ein? Was zu der drallen Blonden mit dem lauten Lachen in der Kneipe?
Ok, erwischt – wir alle sind nicht ganz frei von Vorurteilen. Natürlich sind es nicht viele und natürlich bestätigen sie sich meist und natürlich sind sie deshalb auch gerechtfertigt. Kein Grund für ein übermäßig schlechtes Gewissen, wir selbst haben die Sache im Griff. Dass aber die meisten anderen Leute – natürlich – zu unberechtigten Vorurteilen neigen, macht sie zu einem spannenden Forschungsfeld mit interessanten Erkenntnissen über unser Denken.
Die Evolutionspsychologie zum Beispiel versucht die Vorteile der Vorurteile zu erklären: Wer mir in dunkler Vorzeit begegnete, war oft mehr an meinen Vorräten interessiert, als an einem guten Gespräch. Schon vor dem ersten verdächtigen Anzeichen den Faustkeil zur Hand zu haben, sicherte also das Überleben; „Homo homini lupus“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – diese Erkenntnis war schon alt vor den alten Römern.
Diese Erklärung mag stimmen oder nicht – bei evolutionspsychologischen Erklärungen ist das immer so eine Sache –, aber sie zeigt das Problem: Zwar muss einem der Gegenüber nicht automatisch feindlich gesinnt sein, doch in jedem Fall muss man sich mit ihm auseinandersetzen, muss ihn einschätzen, will man wissen, was auf einen zukommt. Diese Facette der Sozialpsychologie stellt hohe Anforderungen an unsere kognitive Grundausstattung und braucht dazu noch viel Zeit. Zeit, die sich über Vorurteile einsparen lässt. Und diese dadurch womöglich Leben retten. Denn fremd ist potentiell gefährlich.
Wir und die anderen
Ganz anders das Vertraute, und so fühlen sich die meisten Menschen einer oder mehreren Gruppen zugehörig. Familien, Orte, Regionen, Länder, aber auch Fußballclubs, Musikstile, politische Gruppierungen und Marken aller Art bieten ein geistiges Zuhause, in dem wir uns wohlfühlen, weil dort das Ich nicht mehr alleine ist. Das so entstandene Wir definiert sich nicht zuletzt an seinen Grenzen. Zu anderen Ländern, anderen Lebensentwürfen, anderen Fußballclubs.
Was innerhalb unserer Grenzen stattfindet, bewerten wir gemeinhin positiv. Studien zeigen, dass uns der Politiker der präferierten Partei kaum enttäuschen kann (Wie unser Unbewusstes für uns entscheidet): Tritt er mal inhaltlich daneben, hatte er Pech, bleibt er farblos, einen schlechten Tag. Ganz anders die Mitglieder der ungeliebten Partei – mit ihnen gehen wir streng ins Gericht, selbst wenn die Situation völlig vergleichbar war. Das ist nicht wirklich fair, doch es rettet unser Weltbild. Und dieser Effekt scheint so wichtig, dass wir wenig dagegen unternehmen können: Verzerrte Wahrnehmungen wie eben die Vorurteile unterliegen keiner bewussten Kontrolle.
Stereotype und Vorurteile
Vorurteil ist ein böses Wort, in dessen Nähe sich keiner gern sieht. Doch es gilt zu differenzieren – auch unsere Beobachtung, dass Politiker aus „unserem“ Lager primär Vernünftiges von sich geben, entspringt einem Vorurteil. Einem positiven, in diesem Fall. Und noch einen Unterschied gibt es: Nehmen wir die Bewertung aus dem Vorurteil, sehen wir ein Stereotyp. Subjektiv empfinden wir dieses als eine Art Wissen: Die Bayern fahren zum Beispiel immer BMW und die Russen trinken immer Wodka. Das ist so, das ist Fakt, aber es ist uns egal. Das Vorurteil dagegen kommt nie frei von großen Emotionen daher: Wir bewundern oder verachten. Das spiegelt sich schon in der ersten Definition des Vorurteils durch William Hazlitt im Jahr 1830 wieder: „Ein Vorurteil … ist die Voreinschätzung jeglicher Frage, ohne sie ausführlich untersucht zu haben und Anpassung derselben an die eigene Meinung durch Ignoranz, bösen Willen oder Perversion, entgegen aller Beweise des Gegenteils.“ Bekannter ist Hazlitt für die Kurzform: „Das Vorurteil ist das Kind der Unwissenheit.“
Die moderne Forschung zu diesem Schubladendenken beginnt 1954 mit Gordon Allport, einem Vorreiter der Persönlichkeitspsychologie, der in den 1950ern entlang seiner ingroup contact theory untersuchte, wie sich das Verhältnis zwischen Gruppen verbessern lässt. Erwartungsgemäß führt ein stärkerer Kontakt beider dazu, dass Vorurteile abgebaut werden. Doch damit das wirklich greift, müssen laut Allport bestimmte Regeln gelten: Beide Gruppen müssen sich als gleichwertig betrachten. Die Autoritätspersonen der einzelnen Gruppen müssen den Annäherungsprozess unterstützen. Und der Kontakt darf nicht rein oberflächlich bleiben. 2006 konnten die Sozialpsychologen Thomas Pettigrew von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz und Linda Tropp von der Universität von Massachussetts in Anherst in einer Metaanalyse anhand der Daten von 515 Studien die Wirksamkeit dieser Regeln bestätigen.
Selbsterfüllende Prophezeiung
Besonders hinterhältig ist, dass man negative Vorurteile nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst haben kann. 1995 gab es dazu eine aufsehenerregende Studie von Joshua Aronson, heute an der New York University, und Claude Steele, inzwischen emeritierter Professor an der Stanford Universität. In den USA scheinen Schwarze noch vor 20 Jahren so viel über die eigene Unfähigkeit gehört zu haben, dass diese Überzeugung leicht in ihnen geweckt werden konnte – es genügte ein Hinweis auf die eigene Hautfarbe, und prompt schnitten sie in einem Sprachtest schlechter ab.
Ein weiteres beeindruckendes Beispiel zeigt sich im kulturellen Vergleich in Bezug auf das Alter: Im Vergleich der Gedächtnisleistung von alten Amerikanern und alten Chinesen sehen Amerikaner schlecht aus. Alte Chinesen liegen kaum unter dem Niveau von jungen Chinesen. Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass in Amerika gemeinhin angenommen wird, dass Menschen mit dem Alter weniger leistungsfähig werden, während in China alte Menschen als besonders weise gelten. Vielleicht ist ein Umzug eine echte Alternative.
Alle genannten Beispiele können auf eine lange Entstehungsgeschichte zurückblicken. Doch aus einer Gruppe werden erschreckend schnell zwei – und dazu reicht schon die Aussage einer höheren Autorität, wie ein Experiment der amerikanischen Lehrerin Jane Elliott eindrucksvoll zeigt. Sie besucht seit vielen Jahren Schulklassen und andere Gruppen. Dort erzählt sie, „die Wissenschaft habe festgestellt“, dass das Gen für blaue Augen auch dafür zuständig ist, seinen Träger besonders intelligent zu machen – und beobachtet jedes Mal, wie sich quasi aus dem Nichts eine neue Hierarchie einschleicht. Am nächsten Tag dann gibt Elliott an, sich getäuscht zu haben – es sei eigentlich das Gen für braune Augen, das besonders intelligent mache. Der Film zum Experiment Blue eyed erweist sich hier als echter Augenöffner.
Woran liegt´s?
Denken wir an Obdachlose, fallen uns selten Akademiker ein. Denken wir an dralle Blondinen, fallen uns viele Witze über deren mangelnde Intelligenz ein. Damit macht sich das Gedächtnis als Quelle vieler Vorurteile verdächtig: Es liefert Bewertungen anhand häufiger oder besonders prägnanter Erlebnisse. Beispielsweise erweisen sich die meisten Vollbärte auf der Straße als nicht wirklich bedrohlich – sie kommen und gehen analog zur aktuellen Mode. Doch Araber mit Vollbärten begegnen den meisten von uns nur in Nachrichten mit ungutem Kontext.
Ein anderer Grund für Vorurteile ist systemimmanent: Da sie uns helfen, Zeit in der Bewertung zu sparen, kommen sie besonders in Situationen vor, in denen es um schnelle Entscheidungen geht. Gestresste Menschen sind nicht nur weniger freundlich und hilfsbereit, sie haben es auch besonders schwer, tief eingegrabenes Wissen oder Verhalten zu hemmen: Entsprechend verzerrt sich unter Stress die Wahrnehmung. In einer berühmten Studie von John Darley und Daniel Batson waren selbst Theologiestudenten keine guten Samariter, wenn sie unter Zeitnot litten.
Wechselnde Verantwortlichkeiten
Als Menschen suchen wir nach den Gründen hinter den Dingen. Und stets werden wir fündig innerhalb unseres eigenen kognitiven Claims. Elliot Aronson, emeritierter Professor an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, bringt in seinem Grundlagenwerk zur Sozialpsychologie als Beispiel, dass wir bei einem verlorenen Kartenspiel meist eigenes Pech verantwortlich machen, beim gewonnen Kartenspiel dagegen unser großes Können – keine Angst, das machen nur die anderen, Sie nicht! Bei den anderen … ist das anders.
Wie der Psychologe Melvin Lerner mit Kollegen bereits 1965 zeigen konnte, haben solche Urteile auch etwas damit zu tun, dass wir die Welt als einen gerechten Ort sehen möchten: Jeder bekommt, was er verdient. Daher neigen wir dazu, auch Ergebnisse, die sich schwer erklären lassen, in die Verantwortung des Betroffenen zu legen. Wir mögen nicht verantwortlich sein, wenn wir Haus und Hof verspielt haben. Aber der Obdachlose dort drüben liegt da bestimmt nicht ohne Grund. Womit wir einen Kreis geschlossen hätten, in dem wir immer gut aussehen und der andere bekommt, was er verdient. Wir sind eben Menschen. Als solche könnten wir aber auch ganz anderes denken. Und schon einzelne positive Gedanken über die andere Gruppe verändern unsere Haltung.
* Elliot Aronson: Sozialpsychologie – Menschliches Verhalten und gesellschaftlicher Einfluss, Heidelberg, 1994
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Was tun? Nach dem Wahlsieg Trumps

Was tun? Nach dem Wahlsieg Trumps sind die Millenials fassungslos und politisiert zugleich

von Kim Ly Lam, „Berliner Gazette“
Ich bin ebenso fassungslos wie ihr. Es war ein ganz normaler Morgen vor der Uni, ich habe mein Lieblingsmüsli gefrühstückt. Draußen hat es leicht geschneit, oder wie wir gerne sagen, „geschnieselt“. Ein unschuldiger Morgen, wie es die meisten halt sind. Doch dann kam sie, die Stunde, in der mein Radio das Wahlergebnis verkündete: Trump wird US-Präsident. Vielen von uns war dies ein Schlag in die Magengrube.
Trump ist die wohl größte Überraschung des Jahres. Er steht für einen verhängnisvollen Wandel, Protektionismus, der Autoindustrien einen Schauer über den Rücken jagt. Selbst das Silicon Valley hat zu Krisengesprächen aufgerufen.
Mögliche Zölle und Regulierungen könnten künftig die Industrie und Weltwirtschaft zum Stocken bringen, dazu kommt ein angekündigter Rückzug der USA aus diplomatischen und internationalen Beziehungen wie der NATO oder dem G20 Forum. Eine Erleichterung für all diejenigen, die den Demokratieexport und die US-Rolle als Weltpolizei verurteilt hatten, und zugleich ein Schock für alle anderen, die auf die Unterstützung der Staaten angewiesen sind.
In der ersten Woche nach der Wahl wurde viel diskutiert. Wie hat es zu einer solchen Wahl kommen können? Wie kann man Trumps Erfolg erklären? Es gab Theorien zu seiner Rhetorik und Authentizität, Kritik gegenüber dem fragwürdigem Wahlsystem. Die Welt ist in Aufruhr angesichts des gewählten Präsidenten. Doch die eigentliche Frage lautet: Was ist die Wurzel des politischen Wandels?
Die vergessene Arbeiterschicht
Wer eine Wahl dekonstruieren will, sollte sich zunächst den wichtigsten Anhaltspunkt anschauen: den Wähler. Tatsächlich scheint Trump nur ein Symptom des eigentlichen Problems zu sein. Der 70-Jährige zeigt, wie groß die Kluft ist zwischen Elite und “Proletariat”. Ein Konflikt, der in westlichen Ländern von der Politik und den Medien über die Jahre hinweg verschwiegen wurde. So hat sich Trump einer Angst bemächtigt, die tief in der hart arbeitenden Mittelschicht verankert ist: die Furcht vor sozialem Abstieg. Es ist eine Furcht, die vom Bildungsbürger ignoriert wird und den Rechtspopulismus füttert.
Statt die Ängste des Arbeiters konkret anzusprechen (- darunter fallen ein Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und Wohnräumen -), predigt der Demokrat den Zusammenhalt und seine höheren Werte. Nicht selten wird eine solch belehrende Aussage als ausgeprägte Einbildung vernommen. Wir haben schließlich gut reden, sind unsere Arbeitsplätze nicht unmittelbar von steigender Migration betroffen. Die Arbeiterschicht fühlt sich im progressiven Flügel nicht repräsentiert, sie verurteilt die Arroganz der Bildungsbürger, die darin besteht, sich dem Rest des Landes überlegen zu fühlen.
Wer bei Freunden und Bekannten horcht, wird in dieser Vermutung tatsächlich bestätigt; nicht selten hören wir abschätzige Bemerkungen über die „Alten und Bauern, die keine Ahnung haben“ oder die „Hinterwäldler, die politisch entmachtet werden sollten“. Die Schublade, in die wir Protestwähler stecken, ist der Grund ihres Protests. Es sind ihre Bedürfnisse, auf die wir nicht eingehen, und die sie schließlich in die Arme von Populisten treiben. An dieser Stelle tut sich eine neue Kluft auf und sie ist bedrohlich.
So existiert sie nicht nur in den USA, sondern vertieft sich auch zunehmend in Europa. Man betrachte allein den Aufstieg rechter Parteien wie der AfD und Front National oder die polnische und österreichische Regierung. Der Grund hierfür ist mangelnde Aufmerksamkeit und ein Gefühl der fehlenden Repräsentation. So mancher Protestwähler mag sich zu einer Minderheit zählen. Diese Minderheit ist weder ethnischer, sexueller noch religiöser Natur; sie lebt von dem Spannungsverhältnis zwischen elitären Akademikern und einfachem Arbeitervolk.
Sie ist eine künstliche Minderheit: künstlich, weil sie keine Minderheit ist, wir sie jedoch wie eine Minderheit behandeln. Unser Widerwille, denen zuzuhören, deren Weltsicht wir nicht teilen, zwingt sie zur Auflehnung. Und so sprach Trump in seiner Siegesrede von einer „Bewegung bestehend aus Millionen hart arbeitender Frauen und Männer“, die das Land nicht länger vergessen werde.
Demonstrationen sind keine Lösung
Donald Trumps Sieg erkennen noch lange nicht alle Wähler an. Unter dem Motto „Not my president“ gehen seit Verkündung des Wahlergebnisses unzählige Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten auf die Straße. Sie protestieren gegen die Vereidigung Trumps. Ein solch impulsiver Akt der Meinungsbekundung ist nach Trumps rassistisch-sexistischer Wahlkampagne sicherlich verständlich.
Dennoch sollten Demonstranten reflektieren, welche Signale sie damit an Trump-Wähler senden. Denn Trump ist und bleibt demokratisch gewählter Präsident. Seine Legitimation in Frage zu stellen, gleicht einer Infragestellung der Legitimation aller Trump-Wähler. Womit wir wieder beim zuvor genannten Problem wären.
Es gilt nun eine konstruktive Zusammenarbeit anzustreben, in der es weder um Versöhnung noch Vergebung geht. Man muss keiner der vergangenen und verletzenden Aussagen Trumps akzeptieren, um zum Schluss zu kommen, dass das Abwenden vom künftigen Präsidenten die Lage bloß verschlimmern würde.
Demokratische Bürger sollten alles in ihrer Macht stehende tun, um Einfluss auf die kommenden Entscheidungen ihres Staatsoberhauptes zu nehmen. Erst wenn Trump Beschlüsse trifft, können und sollten sie mit konkreten Gegenforderungen protestierend durch die Straßen ziehen. Denn Trump ist zwar ein Ego-Tier, jedoch auch lernfähig, wie das vergangene positive Treffen mit der Familie Obama im Weißen Haus angedeutet hat.
Was bedeutet Trump für die EU?
Statt den Wandel in den Vereinigten Staaten als Drittpartei zu diskutieren, sollte er Anlass sein, sich den Spiegel vor das eigene Gesicht zu halten. Schließlich können viele EU-Länder vom Trump-Phänomen lernen. Das Auswerten der US-Wahl ist im Hinblick auf kommende Wahlen wie der Bundestagswahl 2017 sogar ein Muss. Man frage sich: Warum ist Trumps Vision abzulehnen? Was können wir besser machen? Wie können wir auf Protestwähler zugehen?
Dabei steht nicht nur die neue Rolle der EU in einer sich verschiebenden Weltordnung im Fokus, sondern eine allgemeine Neu-Definition der Demokratie. Denn Demokratie wird von vielen westlichen Bürgern als moralischer Wert definiert, der mit Bildung einhergeht. Dies privilegiert Akademiker und obere Schichten.
Es wird Zeit, die Demokratie als einen Raum der Vielfalt zu begreifen, der vom konstruktiven Konflikt der Meinungen beherrscht wird. Ein offener und zugänglicher Diskurs nimmt Menschen die Sorge, überhört zu werden, und Populisten den fruchtbaren Boden der Angst, auf dem sie gedeihen.
Anstatt die extremen Meinungen im Volk mit einem eisernen Vorhang der Ignoranz zu strafen, müssen wir ihnen Gehör schenken. Wir sollten präventiv handeln und eine gemeinsame Ebene für den freien Austausch schaffen. Nur so kann mit Protestwählern auf Augenhöhe kommuniziert, Politikverdrossenheit gemindert und Halbwissen gefüllt werden.
Was kann ich tun?
Wenn ich mich in unserer heutigen Gesellschaft umschaue, gibt es so Einiges, das ich gerne verändern möchte. Wir leben in einer Zeit des Klimawandels, den hochrangige Politiker konsequent ignorieren, und der möglicherweise der Grund sein wird, weshalb meine Enkelkinder niemals den Eisbären kennenlernen werden. Das rasche Tieraussterben ist fatal, jedoch immer noch eine Romantisierung, schaut man sich andere mögliche Konsequenzen der Erderwärmung an. Ressourcenmangel und zahlreiche Kriege könnten uns erwarten.
Der von Trump beworbene Austritt der USA aus dem Paris Agreement wäre der erste Schritt in Richtung dieses Katastrophenszenarios. Ich sage ganz offen, was viele in meinem Alter nicht zu denken wagen: Ich habe Angst. Ich habe Angst davor, dass Menschen Entscheidungen treffen, weil sie die Folgen nicht zu tragen haben. Davor, dass die Welt, die ich eines Tages verlassen werde, nicht mehr die ist, die ich als Kind kennengelernt habe. Und am meisten fürchte ich den Moment, in dem ich realisieren werde, dass wir hätten mehr tun können.
Es gibt Momente, in denen ich mich furchtbar klein fühle. Weil ich eigentlich so viel verändern möchte, die Ergebnisse jedoch kaum sichtbar sind. Oft frage ich mich, wo die Studentenkultur der 70er und 80er-Jahre geblieben ist. Ist unsere Generation zu abgelenkt, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Hat das Unterhaltungs- und Informationszeitalter durch die Medien einen einschränkenden Einfluss auf unsere politische Partizipation?
Wie kommt es dazu, dass wir mehr Zeit in Netflix investieren, als in die Politik, die ihren direkten und nachhaltigen Einfluss auf unser Leben und unsere Zukunft ausübt? Und überhaupt: Wie prägt dieses Zeitalter der omnipräsenten Digitalisierung, in die wir hineinwachsen, unsere Wahrnehmung und unser Weltbild?
Über diese Fragestellung könnte man sicherlich ein ganzes Buch schreiben. Ich vermag es nicht, sie zu beantworten. Dennoch ziehe ich daraus meinen persönlichen Schluss: Wir junge Menschen müssen erneut lernen, was es bedeutet, kritisch zu sein und Fragen zu stellen. Uns aus Filterblasen und Strukturen der Kontrolle befreien, die uns mit Komfort, Eigenpropaganda und Ablenkung locken. Und unseren eigenen Wirkungskreis dazu nutzen, um zum Denken anzuregen und Verbündete zu suchen.
Es wird Zeit, dass wir unseren eigenen Tropfen auf dem heißen Stein nicht als nutzlos empfinden, sondern als Ankündigung eines kommenden Regens begreifen. Der Wahlsieg Trumps ist nur einer der zahlreichen Weckrufe unserer Gegenwart. Unsere Bildung wird zweckentfremdet, wenn wir sie nicht als stetigen Prozess des Strebens ausüben. Wir sollten anfangen, aus ihr etwas Greifbares zu schaffen, das auch denen zugutekommt, deren Ansichten wir nicht teilen. Dafür brauchen wir unsere Angst – und eine Offenheit, die von idealistischer Naivität geprägt ist.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Bildung, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen

Ein amerikanischer Albtraum

Von Detlev Claussen,“Journal21″
Kaum jemand, wahrscheinlich nicht einmal Trump selbst, hat geglaubt, sein Spiel könne mit dem Hauptgewinn enden. Er hat den Showcharakter des US-amerikanischen Wahlkampfs ernst genommen.
Wer Trump ist, ist bekannt; aber was ist er? Man kann ihn mit allen möglichen Schimpfwörtern belegen: Rassist, Chauvinist, Sexist – stimmt alles. Er spielt mit den Scheusslichkeiten Karten. Er kann antisemitische Insinuationen machen und im nächsten Moment Ministerpräsident Netanjahu die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt versprechen. Er kann Saudi-Arabien und Japan zur Kasse bitten und den Ländern im nächsten Moment Atomwaffen anbieten. Er kann offen seine Verachtung für „loser“ zeigen und sich zugleich als Rächer der Enterbten aufführen.
Protzender Reichtum und Anti-Establishment-Rhetorik  
Trump kann mit sagenhaftem Reichtum protzen und sich zugleich als Anti-Establishment-Kandidat darstellen. Er verweist auf seinen Reichtum als Resultat harter Arbeit und benimmt sich zugleich wie ein vulgärer Rüpel, der sich nimmt, was ihm zusteht. Es geht zu wie in einem Casino, das sich weigert, die Gewinne auszuzahlen. Ein Anrecht auf Gewinn hat jeder, der sich als echter Amerikaner versteht. Trump führt eine konformistische Revolte an.
Kaum jemand, wahrscheinlich nicht einmal er selbst, hat geglaubt, sein Spiel könne mit dem Hauptgewinn enden. Er hat den Showcharakter des US-amerikanischen Wahlkampfs ernst genommen und dieser einzigartigen Reality-Show seine eigenen Regeln aufgezwungen. Um ein Casino zu leiten, braucht man weder Erfahrung noch Kompetenz, sondern die Macht. Am Ende seiner Performance war er der Boss und Clinton fired. Das ist wirklich erstaunlich. Es gibt kaum einen politischen Prozess, der so gut durchforscht und wissenschaftlich kontrolliert ist wie die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Nicht nur Clinton und ihre hoch professionelle milliardenschwere Kampagne haben verloren, auch die Umfrageindustrie, die Hunderte von Millionen verschlingt, lag nahezu einhellig (knapp) daneben. Es muss Gründe geben, weshalb so viele schlaue Leute sich getäuscht haben.
Von keiner political correctness gehemmt
Trump ist Populist. Zwar führen viele das Wort im Munde, aber das Verständnis des Phänomens Populismus liegt noch im Argen. Populisten scheuen alle Bestimmtheit; nur so gelingt es ihnen, rechte Politik mit linken Elementen und linke Politik mit rechten Elementen attraktiv zu machen. Auf die Mischung kommt es an. Aber die Mischung hat ein gesellschaftliches Verfallsdatum; sie muss geschickt an die Zeitströmung angepasst werden; nur dann kann sie ihre volle Wirkung entfalten.
Bei den Primaries gelang es Trump, mit einer nie gekannten Skrupellosigkeit die Zersplitterung der Republikaner auszunutzen. Er führte die Partei, die ihn nominieren sollte, selbst als Teil des Systems vor, das er abzuschaffen verspricht. Aus der Sicht des Parteiapparats schien es der zum Scheitern verurteilte Versuch eines Mavericks ohne mächtige finanzielle Unterstützung zu sein. Während die anderen Kandidaten den Spagat zwischen ihrer Klientel und möglichen Wechselwählern versuchten, schuf sich der von keiner Political Correctness gehemmte Trump eine eigene strömungsübergreifende Gefolgschaft. Am Ende mussten die Republikaner ihn nominieren, wenn sie es nicht zu einer Spaltung kommen lassen wollten. Trump erwies sich schon an diesem Punkt als Meister der konformistischen Revolte, der von seinen Gegnern und den seine Kampagne begleitenden Medien unterschätzt wurde.
Über den Erfolg entscheidet die mediale Quote
Ohne die Medien geht gar nichts. Trump besass den Platzvorteil, schon als Star der Reality-Show „The Apprentice“ ein Medienheld zu sein. Seine Konkurrenten kamen von aussen; sie mussten sich teure Werbezeit kaufen. Er brauchte nur in den Studios anrufen, um interviewt zu werden; seine Veranstaltungen mit all seinen „unmöglichen“ Auftritten wurden live übertragen. Die Medien wollten dabei sein. Und mit Twitter konnte er omnipräsent dazwischen quatschen. Ohne die gleichzeitigen Krisen des traditionellen Parteiensystems und der medialen Öffentlichkeit wäre eine Kandidatur dieses politischen Außenseiters gar nicht möglich gewesen, der selbst eine massenmediale Kreation war; denn Medien und Populismus verbindet ein gemeinsames Ziel: Quote. Der Inhalt ist (relativ) egal, über den Erfolg entscheidet die Quote.
Als Ausweis des Erfolges dient Trump sein üppiger Reichtum. Sein Image als erfolgreicher Geschäftsmann prädestinierte ihn schon zum Helden von „The Apprentice“. Auf den realen Reichtum und wie er verdient wurde, kommt es gar nicht an. Der Erfolg in Reality und TV verschmilzt zu einer neuen Wirklichkeit, an die der Populist seine Anhänger glauben lassen kann. An die er auch offensichtlich selbst glaubt. Deswegen bestreitet er schamlos alles, was nicht gut für sein Image ist. Er nutzt die Medien und bestreitet zugleich deren Vertrauenswürdigkeit. Da kann man ihm gleich besser selbst glauben.
Grenzen werden verwischt
Zum Erfolg gesellt sich die Authentizität, der neue Fetisch der Public Relations. Der Populist erzeugt Emotionen. Wer sich ihnen verweigert und bloß den Kopf schüttelt, schliesst sich selbst aus der neuen Gemeinschaft aus. Das Gefühl der Zugehörigkeit ist das Geschenk des Populisten, das nichts kostet. Die „silent majority“ kommt ins Twittern. Dazuzugehören ist einfach. Selbst erstaunlich vielen Frauen, Schwarzen und Latinos gelang es, über die gegen sie gerichteten Invektiven hinwegzusehen.
Man muss kein Nazi oder Ku-Klux-Klan-Mitglied sein, um Ansichten zu vertreten, die auch Nazis und Clanmitglieder gut finden. Das macht eine Stärke des Populismus aus. Die Grenzen werden verwischt. Man kann sich als Demokrat fühlen und gleichzeitig radikale Meinungen teilen. Der Populismus mit Rechtstouch scheint noch eine Rückversicherung in den Eigentumsverhältnissen zu haben. Der Populismus mit Linkstouch scheint wie ein Spiel mit dem Feuer, das erlischt, wenn die Macht erobert ist. Voraussetzung für seinen Siegeszug in beiden Fällen ist die Verwüstung der politischen Landschaft, die Erosion der traditionellen politischen Parteien. Traditionelle Republikaner sehen Trumps Sieg mit gemischten Gefühlen. Sie konnten auch beobachten, dass Fundamentalisten aller Couleur in ihrer Partei für Trump stimmen konnten, obwohl sein Gemisch aus Sex, Lügen und Videos gar nicht in ihr hypermoralisches Weltbild passt.
Gleichzeitig Staatsmann und Rebell
Es scheint, dass Trump mit einem Spagat auf die Anforderungen des neuen Amtes reagieren will – gleichzeitig Staatsmann und Rebell. Stabschef Priebus und Chefstratege Bannon sollen sich das Weisse Haus teilen. Mit Priebus hat sich Trump zur Empörung der Tea Party einen Experten aus dem Sumpf geholt, den er trockenlegen wollte. Der Populist Trump an der Macht sieht eben anders aus als der Populist, der um die Macht kämpft. Man reibt sich die Augen. Priebus hatte der Partei nach der Niederlage 2012 eine diametral entgegengesetzte Strategie verordnet als die später von Trump verfolgte. Der praktische Populismus kann das scheinbar Unvereinbare vereinbaren. Doch die Kosten sind hoch. Die Atmosphäre ist schon vergiftet.
Der „President elect“ versucht, den Prozess unter Kontrolle zu bekommen. Trump weiss, dass er den Sumpf braucht, um seine Projekte in institutionelle Politik umsetzen zu können. Respektiert er die legalen Prozeduren, beruhigt er die traditionellen Republikaner und die Demokraten, die hoffen, es werde nicht alles so heiss gegessen, wie es gekocht wird. Die praktische Politik muss Enttäuschungen erzeugen, die Trumps Gefolgschaften empören werden. Dann kann er seinen Stimmungsmacher Bannon loslassen, der die populistische Basis bei Laune halten soll.
Trump als Sprecher „des Volkes“
Trumps erfolgreicher Wahlkampffeldzug hat die USA schon verändert, und nicht nur sie. Ein tektonischer Strukturwandel der Öffentlichkeit lässt den gesellschaftlichen Diskurs verrohen. Es kommt nicht mehr darauf an, eine „gute Presse“ zu haben. Sie stand von links bis rechts(!) auf Clintons Seite. Es gelang, die traditionellen Medien in toto in die „linke Ecke“ zu drücken – MSM, main stream media. Populär sind die neuen Webseiten wie Breitbart, die von ihrem Provokationshabitus leben.
Der wahre Erfolg sind nicht die kurzen Artikel, sondern die Foren, in dem die „vox bovi“ sich austobt. Und verstärkt wird dieser Volkszorn durch die populären Moderatoren kommerzieller Radios, die jeder hört, der sich im Verkehrsstau zurechtfinden muss. Frustration öffnet die Ohren für Parolen. Das Geheimnis des Populismus besteht darin, sich so als unterdrückte Mehrheit, die nicht mehr zu schweigen gewillt ist, darzustellen. Die Mehrheit ist nicht wirklich empört; sie ist indifferent. 50 Prozent der Wahlberechtigten haben gar nicht abgestimmt. Der Wahlausgang nach reinen Stimmen gezählt war denkbar knapp; Hillary Clinton gewann sogar den „popular vote“. All das hindert Trump nicht, sich als Sprecher des Volkes aufzuführen. Er beruft sich auf eine „Bewegung“: Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Das macht tatsächlich die Mehrheit des Populisten aus: Eine Addition von Bewegten aller Art (auch Abtreibungsgegner, Evangelikale, Creationisten) und Indifferenten. Konservative Republikaner werden in dieser Konstellation marginalisiert.
Verschwinden der weissen Mehrheit?
Ein antietatistischer Anti-Washington-Affekt hält alle notdürftig zusammen. Wenn es gelingt, ihn zu mobilisieren, kann man auch Menschen dazu bringen, gegen ihre eigenen Interessen abzustimmen. Die Washingtoner Administration gilt als die Quelle allen zerstörerischen Veränderungsübels, spätestens seit sie 1964 die Rassenseparation beendete. Dass Washington schon in der Hand der Anderen ist, zeigte die Präsidentschaft der Obamas. Untergründig kann man schon spüren, dass der nächste Anwärter auf die Präsidentschaft aus der Latinocommunity kommen wird. Eine Ahnung, dass es in Zukunft keine weisse Mehrheit mehr geben wird, macht es gerade möglich, Ohnmachtsgefühle anzusprechen.
Im Verschwinden der weissen Mehrheit wird „race“ zur Marke. Make America great again!, erinnert an eine Zeit, als Stahl, Kohle und Autos die Schornsteine rauchen liessen. Kein Protektionismus wird die USA in eine ökonomische Machtposition zurückbringen, die sie während des Kalten Krieges hatte. Die Bauindustrie allein kann die USA nicht retten. Das weisse Amerika schon gar nicht. Ohne Immigration ist die geplante „reconstruction“ der Infrastruktur nicht zu bewältigen. Die Enttäuschung über die falschen Versprechen werden die Menschen, die sich jetzt schon betrogen fühlen, nur noch bösartiger machen.
Angst vor Massenimmigration und Terrorismus
Das amerikanische Wahlergebnis legt die falschen Lehren nahe. Man sitzt der populistischen Propaganda schon auf, wenn man Trumps Erfolg auf die verarmten Opfer neoliberaler Globalisierung zurückführt. Der durchschnittliche Trump-Wähler verfügt über 75’000 Dollar Haushaltseinkommen. Wahlentscheidend ist die Wut einer Mittelschicht in Abstiegsangst gewesen, die er mobilisieren konnte. Trump konnte darüber hinaus im traditionell demokratischen Michigan die Mehrheit (auch der gut verdienenden Arbeiter) gewinnen, obwohl vor vier Jahren die Republikaner einen Vernichtungsfeldzug gegen die Gewerkschaften gestartet hatten.
Der erfahrene Realeinkommensverlust lässt den Glauben an die soziale Aufwärtsmobilität der amerikanischen Gesellschaft schwinden und löst Verbitterung aus. Mit einer klassenübergreifenden Angst vor Massenimmigration und Furcht vor Terrorismus konnte der populistische Rebell gegen das „System“ bei lower middle class und working class mehr punkten als mit Hinweis auf eine komplexe ökonomische Realität. Trumps Aufstand gegen Political Correctness machte ihn zum Helden, der eine angeblich linke, von akademischen Intellektuellen beherrschte Öffentlichkeit herausforderte, die mit dem hart arbeitenden Amerika nichts verbindet.
Fox rückt in die politische Mitte
Die diktatorische Herrschaft der Political Correctness ist ein weit verbreitetes Gerücht, das auch ausserhalb der USA gern aufgegriffen wird. Sie passt in die populistische Selbststilisierung als Opfer: Wenn man seine Meinung offen sage, werde man in die rassistische oder sexistische Ecke gedrängt. So ist alles erlaubt: Seinen ersten sexistischen Superauftritt hatte Trump mit Megan Kelly bei Fox News, einem erzrechten Hetzsender, der seit Jahren mehr Zuschauer erreicht als die liberalen TV-Stationen. Von wegen Main Stream News! Es geht das Gerücht, dass Trump für den Fall einer Niederlage (gemeinsam mit Bannon) ein Kabel TV rechts von Fox plante.
Inzwischen ist eine neue populistische Öffentlichkeit entstanden, die Fox schon in die Mitte des politischen Spektrums gerückt hat. Alles ist sagbar geworden. Täglich werden neue Namen bizarrer Figuren genannt, die in die neue Administration berufen werden sollen. Der Skandal wird zur Norm. Der Wahlgewinn zahlt sich für die Trump-Loyalisten aus. Das macht die Trump-Wähler erwartungsfroh. Das erfolgreiche Modell Trumps könnte man als Krawallmobilisierung bezeichnen. Er wird sie während seiner Amtszeit weiter brauchen. Viele – auch in anderen Ländern – werden sich an dieser Technik der Massenbeherrschung ein Beispiel nehmen.
* Der Autor ist Professor emeritus für Gesellschafts- und Kulturtheorie an der Gottfried Wilhelm Leibnitz Universität Hannover. Dieser Artikel ist zuerst im Online-Kulturmagazin „Faust“ erschienen. (www.faust-kultur.de)
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Gefangen in den „Newsrooms“

Von Roman Berger, „Journal21“

Der Triumph von Donald Trump ist auch eine Folge einer schlecht informierten Bevölkerung. Die amerikanischen Medien fragen sich, was sie falsch gemacht haben.

In Europa herrscht Kopfzerbrechen: Wie war es möglich, dass ein Donald J. Trump, der notorisch lügt, die Frauen gering schätzt, den Klimawandel im besten Fall für eine Glaubensfrage hält und aussenpolitisch mit dem Feuer spielt,  Präsident werden kann?
Empfehlung der Tageszeitungen
Offensichtlich ist die Hälfte der Amerikaner bereit, einen solchen Präsidenten zu akzeptieren. Nur selten wird die Frage gestellt, ob sich Trumps Wähler dessen auch wirklich bewusst waren. Oder anders formuliert: Hat hier nicht auch der Journalismus versagt, der das Trump-Amerika hätte informieren und warnen sollen?
Neben Hillary Clinton gehören Amerikas führende Medien zu den grossen Verlierern der Präsidentschaftswahl. Clinton wurde von 229 Tageszeitungen und 131 Wochenzeitungen offiziell zur Wahl empfohlen. Nicht weil sie von Clinton begeistert waren, sondern weil sie keinen Rassisten, Frauenfeind und Xenophoben als Präsidenten haben wollten. Für Trump hatten sich nur neun Tageszeitungen und vier Wochenzeitungen ausgesprochen. Die meisten Journalisten hielten einen Präsidenten Trump noch am Wahltag für unmöglich. In der grossen Mehrzahl der Newsrooms hatte man offensichtlich nicht mitbekommen, was draussen passierte.
Trumps Wähler leben im „Flyover Country“
Jim Rutenberg, der Medienkolumnist der „New York Times“, geht mit seiner Zunft streng ins Gericht: „Die meisten Journalisten sind gegenüber der ländlichen Bevölkerung oder gegenüber Themen wie Armut, Religion, Arbeiterklasse voreingenommen.“ Es würde wenig nützen, so Rutenberg, jetzt scharenweise Reporter ins „Flyover Country“ zu schicken, wo Trumps Wählerschaft lebt. „Flyover Country“ ist in den USA ein stehender Begriff für die Landmasse zwischen den Küsten. Der Teil des Landes also, über den man immer nur hinwegfliegt und wo man selber noch nie war.
Die meisten klassischen Medien sind in New York, Washington und Los Angeles konzentriert. „Für einen Grossteil der amerikanischen Bevölkerung sind die Medien Repräsentanten eines elitären Systems, das mit Trumps Wahl eine krachende Niederlage erlebt hat“, meint Jill Abramson, eine frühere Chefredaktorin der „New York Times“.
Fakt ist: Eine Mehrzahl der Amerikaner bezieht ihre Informationen von lokalen, ausschliesslich privaten TV-Stationen. Sie berichten von morgens bis abends über Verkehrsunfälle, Verbrechen und das Wetter. Im Radio sind hetzerische Talkshows zu hören und im Internet sind in der Fülle von Informationen Fakten und Lügen nicht mehr zu trennen.
„Newswüsten“ breiten sich aus
Im „Flyover Country“ ist die Medienlandschaft ausgetrocknet. Grössere regionale und lokale Zeitungen sind verschwunden. Ganze Städte und Regionen haben sich in sogenannte „Newswüsten“ verwandelt. Wenn eine Stadt oder Region mehrheitlich von ethnischen Minderheiten oder armen Weissen bewohnt ist, werden sie für die Mainstreammedien uninteressant, weil sie auf das besser situierte Amerika ausgerichtet sind. Das heisst: Der Journalismus, der dazu da wäre, Fakten zu vermitteln und Zusammenhänge darzustellen, erreicht die Menschen im „Flyover Country“ nicht mehr.
„Wir wissen nicht mehr, was im übrigen Amerika vor sich geht,“ meint Alec McGillis von „Pro Publica“, einer von privaten Spenden finanzierten Gruppe von Enthüllungsjournalisten mit Sitz in New York. Die grossen, an der Ost- und Westküste situierten Medien haben Korrespondenten, die über die Provinz berichteten, aus Spargründen aufgegeben. Gleichzeitig sind die meisten amerikanischen Städte zu „one voice cities“ geworden: Die noch übrig gebliebene Zeitung, das lokale Radio und Fernsehen gehören einer einzigen Medienkettte, die ihren Sitz im fernen Chicago oder New York hat. Die Hoffnung, das Internet werde als demokratisches Medium zu mehr Vielfalt beitragen, hat sich als Illusion erwiesen. Internetportale mit alternativen Informationen sind zu schwach, um Gegensteuer zu geben. Die Medien sind kein Watchdog mehr.
Journalismus als Sprachrohr des Populismus
Auf dem Hintergrund der Trump-Wahl bietet der bekannte amerikanische Medienexperte Robert G. Picard eine vertiefte Analyse („Journalisten: Berichterstatter oder Sprachrohr des Populismus?“). Picard macht auf Schwachstellen im heutigen Journalismus aufmerksam, die Populisten sowie ihren Anhängern erlauben, die Medien aktiv zu manipulieren und demokratische Prozesse zu unterwandern. Der Populismus basiert laut Picard „auf den individuellen und kollektiven Gefühlen der Unsicherheit, Entfremdung, Frustration, Feindseligkeit und Wut.“ Trump habe diese Gefühle geschickt angesprochen.
Viele Medien seien in diese Falle gelaufen, weil sie sich zu stark auf die Personen und taktischen Manöver der Kandidaten eingelassen hätten. Die Medien stürzten sich auf das Unerwartete und Aussergewöhnliche. Die analytische Berichterstattung über Programme und politischen Ziele hingegen komme zu kurz, mit verhängnisvollen Konsequenzen, wie Picard meint: „Die stärkste populistische Unterstützung kommt von schlecht und falsch informierten Personen, die populistischen Anführern jedes Wort glauben.“ Der Journalismus mache sich zum Sprachrohr von Populisten, „wenn Geschichten voller Behauptungen stecken, die auf Fehlinformationen und Unwahrheiten beruhen, und diese von den Journalisten nicht hinterfragt oder durch Entgegnungen anderer Parteien nicht entkräftet werden.“
Journalisten werden überflüssig
Der Präsidentschaftswahlkampf 2016 könnte auch deshalb in die Geschichte eingehen, weil die Kandidaten kaum noch auf die klassischen Medien als Vermittler angewiesen waren. Sie benützten Twitter und Blogs, um ihre Botschaften (und Lügen) ungefiltert zu verbreiten. Trump zog dabei von den sozialen Netzwerken über Interviews bis zu Reden alle Register des digitalen Zeitalters.
Und noch eine Pointe mit historischem Hintergrund. Hillary Clinton hat eine knappe Mehrheit der Wählerstimmen bekommen und trotzdem verloren. Das hat folgenden Grund: Die Gründerväter der US-Demokratie haben das Elektorensystem eingeführt, weil sie Angst hatten vor dem, was sie als Masse oder Pöbel wahrnahmen. Mit diesem institutionellen Puffer wollten sie das Präsidentenamt vor dem Durchmarsch eines Demagogen schützen. Genau dieser Mechanismus hat nun dem Demagogen Trump zum Sieg verholfen.
Hoher Preis
Die gleichen Gründerväter der USA verstanden aber auch, dass die Demokratie nur dank dem Sauerstoff Information überleben kann. Sie sorgten dafür, dass Zeitungen mit stark reduzierten Posttaxen bis in die letzten Winkel der USA vertrieben werden konnten. Gerade in solchen Regionen existieren heute „Newswüsten“. Und als Folge der Pressekonzentration gehören die meisten Medien an der Börse kotierten Kapitalgesellschaften, für die Profitmaximierung wichtiger ist als Investitionen in die Qualität der Berichterstattung.
„Die US-Medien sind vollkommen unvorbereitet, um über eine Trump-Präsidentschaft kritisch zu berichten“, befürchtet Joshua Roberts (The Atlantic 11. November 2016). Er erinnert an frühere Medien-Debakel, als Leitmedien wie die „New York Times“ und die „Washington Post“ den Lügen der Bush Regierung aufgesessen waren und damit die Invasion des Iraks rechtfertigten. Trump und seine Kumpanen hätten bereits vor der Wahl ihre Fähigkeit gezeigt zu lügen – trotz anders lautenden Fakten. Bald werde ein Präsident Trump eine mächtige Bürokratie der Bundesregierung hinter sich haben, die ihm helfen werde, seine Lügen abzustützen und zu verbreiten. „Die amerikanische Bevölkerung, und wahrscheinlich auch die übrige Welt, werden dafür teuer bezahlen müssen“, glaubt Roberts.
Ein Warnsignal für Europa
Die amerikanische Medienlandschaft hat ihre Eigenheiten und ist nicht eins zu eins auf Europa übertragbar. Dennoch müssten die Wahl Trumps und die Rolle des Journalismus als Warnsignal dienen. Auch in Europa gelten Journalisten in der Bevölkerung als abgehoben und elitär. Auch bei uns gibt es „Flyover Countries“, die plötzlich einen Demagogen zum Präsidenten oder zur Präsidentin wählen könnten.
Auch in Europa sind Journalisten in Newsrooms gefangen, wo sie als Contentprovider am Fliessband Stories produzieren müssen. Ihnen fehlt die Zeit, um Fakten zu überprüfen und draussen mit den Menschen zu sprechen. Auch in Europa werden immer mehr Medien von Konzernen kontrolliert, die von Profitmaximierung getrieben sind und nicht mehr in den Journalismus investieren.
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Daniele Ganser: Schweiz soll sich von Nato trennen

aus „infosperber“

Die «Partnership of peace» sei eine «Partnership of war». Die Nato habe bereits 13 illegale, völkerrechtswidrige Kriege geführt.

Red. Daniele Ganser schrieb seine Doktorarbeit im Jahr 2005 über «Nato-Geheimarmeen». Heute leitet er das private «Schweizer Institut für Friedensforschung und Energie», wo er aus geostrategischer Perspektive über Zusammenhänge von Erdöl, Krieg und Frieden forscht. Folgendes Interview erschien in November im «Ze!tpunkt».
Jens Wernicke: Herr Ganser, Sie halten die aktuellen Kriege für illegal. Das ist eine gewagte These. Was macht Sie in Ihrer Analyse so sicher?
Daniele Ganser: Wir befinden uns ganz offensichtlich in einer Gewaltspirale und die weitaus wichtigste Ursache sind die illegalen Kriege. Zum Beispiel war der Angriff der Nato-Länder USA und Grossbritannien auf den Irak im Jahr 2003 ein illegaler Krieg ohne Uno-Mandat. Seither haben wir im Irak mehr als eine Million Tote. Die ehemaligen Offiziere und Geheimdienstmitarbeiter des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein bilden heute den Kern der sunnitischen Terrormiliz IS, welche Syrien destabilisiert und auch in Europa Terroranschläge ausübt.
Ist auch der Syrienkrieg ein illegaler Krieg?
Ja, auch der Angriff auf Syrien im Jahr 2011 war illegal. Die Angreifer USA, Grossbritannien, Frankreich, Türkei, Katar und Saudi-Arabien haben brutale Banden trainiert und mit Waffen ausgerüstet. Seit 2011 versuchen sie, Präsident Assad zu stürzen. Diese Banden müssen als Terroristen bezeichnet werden, aber die Angreifer benutzen das Wort «moderate Rebellen» und verwirren dadurch die Öffentlichkeit. Deutschland hat sich erst spät direkt in den Krieg eingebracht. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel will nun Assad stürzen, genau wie US-Präsident Obama, der französische Präsident Hollande und der türkische Präsident Erdoğan. Das ist alles illegal. Es wäre genauso illegal, wenn Assad Frau Merkel stürzen wollte.
Was unterscheidet einen legalen von einem illegalen Krieg?
In der Charta der Vereinten Nationen steht klar und deutlich geschrieben: Kein Land darf ein anderes Land angreifen. Kriege sind illegal. Das ist das so genannte Gewaltverbot. Konkret heisst es im Artikel 2 der Charta: «Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt. Der Text ist deutlich. Seit 1945 sind daher alle Kriege illegal.
Es gibt nur zwei Ausnahmesituationen, in denen Krieg auch heute noch erlaubt ist: Das Recht auf Selbstverteidigung oder ein Krieg, der mit explizitem Mandat des Uno-Sicherheitsrates geführt wird.
Selbstverteidigung wird gerne als Argument ins Feld geführt. Die USA machten es nach dem 11. September. Im Jahr 1999 begründete Deutschland seine Beteiligung am Kosovo-Krieg ähnlich.
Das stimmt. Die Regierung von Präsident Bush hat nach 9/11 gesagt, sie würde jetzt ihr Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen. Sie sind in die Uno gegangen und dort wurde ihnen bestätigt, dass jedes Land das Recht auf Selbstverteidigung hat. Der wesentliche Punkt ist aber: Die Uno hat in ihrer Resolution den USA nicht das Recht gegeben, Afghanistan anzugreifen, was die USA am 7. Oktober 2001 jedoch taten.
Wer die Uno-Resolution durchliest, erkennt, dass Afghanistan gar nicht erwähnt wird. Der Angriff auf Afghanistan war daher illegal. Er basierte auf der von Präsident Bush vorgetragenen Geschichte, dass Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September verantwortlich war. Doch genau dieser Punkt konnte vor der Uno nicht bewiesen werden und ist bis heute umstritten. Der Sicherheitsrat, in dem auch China und Russland sitzen, erteilte kein Mandat für einen Angriff auf Afghanistan.
Beim Angriff Deutschlands auf Serbien 1999 war es etwas anders. Damals gab es keinen vorausgegangenen Terroranschlag in Deutschland, der dann als Vorwand für einen Angriff auf Serbien hätte dienen können. Den ganzen sogenannten Krieg gegen den Terror gab es damals noch nicht. Zudem war die Nato auf der Seite der albanischen Muslime und bombardierte die christlichen Serben. Deutschland hat damals zusammen mit US-Präsident Bill Clinton ohne Uno-Mandat Serbien angegriffen, um zu demonstrieren, dass die Nato nach der Auflösung des Warschauer Paktes überhaupt noch eine Rolle spielt – eine unschöne Rolle, wie man anfügen muss.
Dazu wurde durch die PR-Firma Ruder Finn das Feindbild Milošević in den Medien verbreitet. Die Kommunikationsfirma mit Sitz in Washington hatte den Zerfall Jugoslawiens mit Kriegspropaganda begleitet.
Und was passiert, wenn ein Nicht-Nato-Land einen illegalen Krieg führt?
Dann wir anders reagiert. Wenn ein schwächeres Land das Gewaltverbot missachtet, reagieren die Nato-Länder sofort und erinnern alle Staaten der Welt an das Völkerrecht, die Uno-Charta und das Gewaltverbot. Als zum Beispiel der irakische Diktator Saddam Hussein 1990 in Kuwait einmarschierte, war das ein illegaler Krieg, der umgehend und zu Recht vom UN-Sicherheitsrat verurteilt wurde. Saddam Hussein war ein Kriegsverbrecher, er wurde durch eine internationale Streitmacht unter Führung der USA mit Mandat der Uno im Jahr 1991 wieder aus Kuwait vertrieben. Das war ein legaler Krieg, weil er ein Mandat des Uno-Sicherheitsrates hatte.
Für eine solch klare Verurteilung eines Angriffskrieges braucht es aber die Unterstützung der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, also der drei Nato-Länder USA, Frankreich, Grossbritannien sowie der beiden BRICS-Staaten Russland und China. Doch die Nato-Länder und die BRICS-Staaten haben bekanntlich oft nicht dieselben Interessen. Nach Saddams Invasion in Kuwait waren sich die Mitglieder im Sicherheitsrat auf einmal einig – nicht zuletzt aufgrund intensiver Kriegspropaganda der USA.
Waren Ihrer Ansicht nach – mit Ausnahme von Kuweit – sämtliche Kriege der letzten Jahre und Jahrzehnte nach geltendem Völkerrecht illegal?
Fast alle. Beim Angriff der USA auf Libyen im Jahr 1986 gab es kein Mandat des UN-Sicherheitsrates. Auch US-Präsident Reagan müsste sich vor einem Gericht verantworten, wenn er noch leben würde. 2011 haben die USA zusammen mit Frankreich und Grossbritannien Libyen erneut angegriffen. Diesmal gab es zwar ein Mandat der Uno, aber nur für eine Flugverbotszone. Die Nato-Länder kümmerte das nicht, sie führten einen «Regime Change» durch. Gaddafi wurde in der Wüste begraben.
Libyen versinkt seither im Chaos. Der französische Präsident Sarkozy, der britische Premier Cameron und US-Präsident Obama kamen mal wieder straflos davon. Am 1. August 2016 hat Obama Libyen nochmals bombardiert, das wurde in den meisten Zeitungen nur noch auf den hinteren Seiten vermeldet. Das Völkerrecht wird systematisch zerschlagen und ignoriert. Wenn wir eine ehrliche und gerechte Welt hätten, müssten Obama, Sarkozy und Cameron sich wegen des Libyenkrieges vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.
Es wäre auch völlig illegal gewesen, wenn Gaddafi Frankreich angegriffen hätte. Dann hätte Gaddafi vor den Strafgerichtshof der Vereinten Nationen gehört. Ich bin sicher, das wäre auch passiert. Aber wenn die Nato-Staaten das Kriegsbeil ausgraben und ein Land überfallen, geschieht nichts – überhaupt nichts.
Warum können die Nato-Staaten das Völkerrecht ohne Konsequenzen verletzen?
Viele wissen zwar, dass der Angriff der Nato-Länder USA und Grossbritannien auf den Irak 2003 illegal war. Uno-Generalsekretär Kofi Annan hat das damals deutlich gesagt. Nicht alle wissen aber, dass auch der Angriff auf Vietnam im Jahr 1964 illegal war. Einige werden durch Kriegslügen verwirrt, also etwa durch die Tonkin-Lüge im Falle von Vietnam oder durch die ABC-Lüge im Falle des Irak. Vor allem die Medien wirken oft kriegstreibend und nicht kriegshemmend. So fordern sie zurzeit in einem fort den Sturz Assads in Syrien. Dabei ist es völlig illegal und widerspricht dem Uno-Gewaltverbot, eine Regierung in einem fremden Land zu stürzen.
In Syrien betreiben die Nato-Länder derzeit zusammen mit den Golfmonarchien Katar und Saudi-Arabien einen illegalen Putsch, das kann jeder beobachten. Der deutsche Nahost-Experte Professor Günter Meyer hat richtig darauf hingewiesen, dass die USA primär sogenannte moderate Gruppen unterstützen. Diese wiederum arbeiten mit der Nusra-Front zusammen. Das heisst, auch die Waffen, die an die Moderaten geliefert werden, landen im Endeffekt bei der Nusra-Front. Das ist ein Skandal. Es bedeutet nichts anderes, als dass die Nato mit den Terroristen gemeinsame Sache macht.
Diese Unterstützung der Nusra-Front geschieht indirekt auch mit deutscher Beteiligung. Die Tornados, die in Syrien Luftaufklärung betreiben, liefern ihre Daten an das militärische Operations- und Kontrollzentrum der Assad-Gegner. Dort sammeln die USA, die Türkei und Geheimdienste aus Katar und Saudi-Arabien die Informationen und geben sie an die Rebellen weiter. Wir befinden uns hier in einem echten Teufelskreis, wo Gewalt zu noch mehr Gewalt führt und das Gewaltverbot der Uno immer mehr in den Hintergrund gerückt ist.
Das Völkerrecht erodiert, dem Treiben der führenden Industrienationen stellt sich niemand in den Weg. Kennzeichnet das die Lage?
Die historischen Fakten der letzten 70 Jahre zeigen deutlich, dass Nato-Länder wiederholt andere Länder angegriffen und hierdurch das in der Uno-Charta verankerte Gewaltverbot verletzt haben. Die Nato ist keine Kraft für Sicherheit und Stabilität, sondern eine Gefahr für den Weltfrieden. Auch der andauernde sogenannte Krieg gegen den Terror ist durchsetzt mit Lügen. Dieser von den USA und den Nato-Ländern 2001 ausgerufene Krieg bietet keinen glaubwürdigen Ausstieg aus der Gewaltspirale an, weil er die realen Ursachen des Terrors überhaupt nicht angreift. Er zielt im Kern nicht auf deren Beseitigung, sondern auf die Eroberung und Sicherung von Erdöl, Erdgas, Geld und Macht ab und bleibt damit ein Kampf um Rohstoffe und die globale Vorherrschaft.
Die Bilanz nach 15 Jahren ist verheerend: Mehrere Staaten, darunter Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien, sind völlig destabilisiert. Misstrauen und Angst breiten sich aus, es gibt nicht weniger, sondern mehr Terroranschläge.
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Der Interviewer Jens Wernicke betreibt einen eigenen Blog mit kritischen Analysen zum Zeitgeschehen. Wernicke ist heute als bildungs­politischer Referent beim Landesverband Hessen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) tätig.
Interview mit Daniele Ganser über die Geheimarmeen der Nato:

Das neue Buch «Illegale Kriege» von Daniele Ganser ist soeben in zweiter Auflage für 34.90 CHF im Verlag Orell Füssli erschienen.

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Der Trump

von Robert Ruoff aus „infosperber“

Donald Trump hat die extreme Rechte als Vehikel benutzt. Die nächste Etappe ist das globale Netz der rechten Internationale.

«Trump», englisch, ist der Trumpf, die Trumpfkarte.
«to trump», englisch, hiesst: ein besseres Resultat haben als erwartet.
«(the) trump», englisch, ist der Ton der Trompete, der ertönt beim Jüngsten Gericht, wenn jeder vor Gott steht und gerichtet wird.
Das sind drei Definitionen aus dem «Oxford Advanced Learners Dictionary of Current English», Ausgabe von 1989 (der 4. Druck der ersten Flexicover Ausgabe, mit beweglichem Umschlag).
Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat am Samstag, 12. November 2016, am Parteitag von «Bündnis 90/Die Grünen» gesagt: «Ich hätte nie gedacht, dass wir jemals wieder um die Erhaltung der freiheitlichen Demokratie kämpfen müssten.» (Zitat aus der Erinnerung).
Man lernt nie aus.
Der Trump
Donald Trump will die grössten Häuser bauen. Trump will die Macht. Er will geliebt werden. Er verlangt, wie alle Despoten, absolute Loyalität. Er ist ein Führer. Der grösste Präsident aller Zeiten. Wie Silvio B., auch ein Bauunternehmer. Wie Putin. Wie Adolf. Seit Hitler muss man ernst nehmen, was die Politiker vor der Wahl sagen. Auch wenn ihre Lakaien nach dem Wahlsieg sagen: «Forget it, it’s campaign talk», ist ja nur Kampagnengeschwätz.
Donald Trump ist ein charismatischer Verführer. Er hat für seinen Führungsanspruch eine gewaltige, frustrierte Koalition der Verlierer geschmiedet. Er hat dafür auch fundamentalistische und rechtsextreme Gruppen bedient.
Der Donald muss ein gewaltiges Problem haben. Jetzt macht er es zum Problem der ganzen Welt. Das geht. Die Welt ist bereit für ihn.
Die Vergessenen und die Verängstigten
«Wir haben acht Jahre lang nichts gehört aus Washington D.C.» Das ist der Satz eines Trump-Wählers. Wer vor sechs Jahren mit offenen Augen durch den Mittleren Westen gefahren ist, konnte das Elend ohne grosse Anstrengung selber sehen. Die Kohlenstrecke der Eisenbahn war stillgelegt, Häuser wurden für einen Spottpreis angeboten, ganze Dörfer standen zum Verkauf. Es war und ist das Land der Vergessenen, der Frustrierten, der Hasserfüllten. Schon damals hat der Prediger am «Memorial Day», dem Gedenktag für die Opfer der amerikanischen Kriege (auch des Ersten und des Zweiten Weltkriegs), den Hass gegen Obama geschürt.
Aus diesem Ende der alten Industrie und den krisenhaften Umwälzungen der Digital- und Immobilien- und Finanzwirtschaft wächst die Furcht der verängstigten Mittelklasse, die noch nicht abgestürzt sind ins Elend, und bei denen der gegenwärtige Aufschwung noch nicht glaubwürdig angekommen ist. Wenn es denn ein Aufschwung ist. Die Arbeitslosigkeit ist zwar auf dem niedrigsten Stand seit je, aber es ist die gerechnete Arbeitslosigkeit. Wer aus dem offiziellen Arbeitsmarkt herausgefallen ist, zählt nicht mehr dazu. Hillarys Ehemann, der sozialliberale Präsident Bill Clinton, hat für die Verkürzung der Arbeitslosenhilfe gesorgt und damit für die Ausweitung der Armut und des Hungers bei vielen Kindern Amerikas. Wie die Agenda 2010 für die Produktion von Armut im Deutschland nach Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die Furcht der Verängstigten ist begründet.
Wenn die sozialliberale Linke den Kapitalismus als Lösung entdeckt, wird es fürchterlich.
Die Eliten
Auch Obama hat das nicht geändert, als er noch die Mehrheit hatte. Und es blieb einer der Schwachpunkte seiner Politik. Nach zwei Jahren hat er nicht mehr gekonnt. Die republikanische Opposition hat seine Budgetpolitik kontrolliert. Das politische Establishment, die «Elite», hat in der Blase von Washington D.C. gelebt, ohne Bewusstsein für das Elend der Nation. «Ich war mir nicht bewusst, wie tief unser Land gespalten ist», sagte Hillary Clinton in ihrer Abschiedsrede. Und die Republikaner, die Obama in der ersten Amtszeit aus dem Amt treiben und dann ganz einfach blockieren wollten, triumphieren heute mit Donald Trump.
Auch eine andere «Elite», zum Beispiel Mitarbeiter europäischer Unternehmen in den USA, hat diese Republikaner unterstützt. Die globale wie die amerikanische Welt ist tatsächlich gespalten in die «Taker» und die «Maker» – aber im ganz gegenteiligen Sinn zu dem, was der Präsidentschaftskandidat Mitt Romney behauptet hat: Die «Maker» sind die Vielen, die mit ihrer Arbeit den Reichtum erzeugen, und die «Taker» sind die anderen, die den Reichtum abschöpfen. Und Donald Trump war ihr Kandidat.
Auch wohlhabende, erfolgreiche Unternehmer, die früher vielleicht sogar den Demokraten zugeneigt waren, haben Trump gewählt, weil sie das selbstsüchtig selbstbezogene politische Establishment aufrütteln und durchschütteln und vertreiben wollten, schreibt der amerikanische Freund. Oder diese andere Wirtschaftselite, die zum grossen Teil weniger an Demokratie und Völkerrecht interessiert sind als am bedingungslosen Geschäftserfolg. Wie der Schweizer Topmanager, der beim Mittagessen vor dem versammelten Kader erklärt hat: «Putin holt mit der Krim ja nur seinen Marktanteil zurück. Das machen wir ja auch.»
Ich sass neben ihm. Es war wie ein Vorspiel zum Präsidenten Donald Trump.
Die Frauen und die Rassisten
Und die frauenbewegten Frauen sind nicht weniger abgehoben und befangen – mit Verlaub. «Die amerikanische Präsidentschaft», schreibt mir die amerikanische Freundin, «wird gesehen als sehr männliche Einrichtung, die aus historischen Gründen für einen weiblichen Zugang extrem schwierig ist». Mag sein. Das ist die Aussage von Sue Thomas, einer kalifornischen Frauenforscherin. Und Jakob Tanner, der Schweizer Historiker, sagt: «Es gibt in den USA keine Rollenmodelle für Frauen, die in die Präsidentschaft führen.» (In: Tages-Anzeiger, 12. November 2016). Und das, obwohl die Frauen für die amerikanische Entwicklung ungeheuer viel getan und nach dem Zweiten Weltkrieg mit Betty Friedan und anderen die Frauenbewegung in der ganzen (westlichen) Welt vorangetrieben haben. Aber auch die Welt der Frauen ist gespalten. 53 Prozent der weissen Frauen haben für Trump gestimmt.
Männer sollten nicht über die Beziehungen und die Solidarität zwischen Frauen philosophieren. Aber die Statistik stellt erbarmungslos fest: Hillary Clinton hat den Draht zur Mehrheit der weissen Frauen und zu einem grossen Teil der Frauen nicht gefunden. Auch das ist ein «Elite»-Problem und die Folge einer fundamentalen Fehleinschätzung. Auch die weiblichen «Eliten» haben offenkundig noch nicht begriffen, dass das konservative Beziehungs- und Wertgefüge breite Schichten der amerikanischen Bevölkerung immer noch durchdringt. Es gibt den Rassismus der Weissen gegen die farbigen und religiösen Minderheiten, und es gibt den Rassismus der Männer – man nennt das Machismus – gegen die Frauen. Vielleicht gibt es sogar den Rassismus der Frauen gegen sich selber. Die Selbstunterschätzung.
Und Hillary, die Frau, die sich hat demütigen lassen von ihrem Mann und alles geopfert hat für ihre Karriere und ihr grösstes Ziel, ist kein Modell für die Befreiung der Frauen aus der Unmündigkeit.
So sieht es aus.
Hillary
«Wäre sie doch häufiger so aufgetreten wie bei ihrer Abschiedsrede», als die Maske von ihr abgefallen war und Traurigkeit und Enttäuschung sie zeichneten. Viele, und nicht zuletzt viele Frauen, haben Hillary so wahrgenommen. Die Abschiedsrede war einer der wenigen Augenblicke, vielleicht der einzige, in dem wir sie nicht nur als politisch geschminktes Wesen sehen konnten sondern als Frau mit grossen intellektuellen Fähigkeiten, aber begründet auf ihren ganz persönlichen Gefühlen und einer unmittelbaren Erfahrung der Welt.
Das ist es, was Michelle Obama so stark macht: sie ist immer wieder beides zugleich: eine emotionale und intellektuelle Person zur gleichen Zeit, authentisch im besten Sinn des Wortes und von untadeliger Integrität. Während Hillary, ja doch, wohl nicht wirklich kriminell ist, aber wie ihr Mann ein bisschen korrupt, und sie nimmt das Geld von der DEZA genauso wie von Goldman Sachs. Es ist das Verhalten von Aufsteigern, die sich am Ende des Tages verheddern in den kleinen und grossen Geschäften und glauben, dass alles, was sie bekommen können, ihnen auch zusteht.
Und weil das bis heute nicht so ist bei Barack und Michelle Obama, kann das Leben in der mächtigsten Position der Welt und mitten im amerikanischen Establishment die Wahrnehmung von Michelle bei den «einfachen Leuten» und bei den Frauen insbesondere nicht wirklich beeinträchtigen (auch wenn Obamas Leben in der Blase von Washington manche Wahlentscheidung von Schwarzen zu Hillarys Ungunsten beeinflusst hat).
Echtheit ist gesucht bei Politikerinnen und Politikern, ehrliche, persönliche, auch emotionale Betroffenheit als Grundlage des Engagements und der vernünftigen Analyse, die dann zum erfolgreichen politischen Handeln führt.
Die Rassisten – «Make America White Again»
Aber es geht auch um Rassismus. Carvin Eison, der schwarze amerikanische Filmemacher, hat mit seinem Film über den «Schatten des Galgenbaums» gezeigt, wie die Verachtung und Entmenschlichung der Schwarzen von Generation zu Generation weitergegeben wurde, mit der Lynchjustiz auch nach dem Ende der Sklaverei. Und noch immer sind schwarze Leben weniger wert, weil das Gefühl der Überlegenheit schon fast in den Genen sitzt und unbewaffnete halbwüchsige Schwarze noch immer straflos abgeknallt werden.
So selbstverständlich wie der Donald darüber spricht, dass er beliebige Frauen, wenn er nur will, belästigt und ihnen zwischen die Beine geht. Es ist nicht das gleiche Mass zerstörerischer Gewalt. Aber es ist eine schon fast genetisch fixierte hierarchische Struktur – die Männer sind ein bisschen arischer als die Frauen –, und viele Opfer quittieren das mit Gleichgültigkeit. 53% der weissen Frauen haben Trump gewählt… Es wird noch Generationen dauern. Genauso wie der Kampf von weissen Rassisten gegen den Verlust ihrer Vormachtstellung.
«Make America White Again» – macht Amerika wieder weiss, ist ihr Schlagwort. Stephen Bannon, der CEO des Nachrichtenportals «Breitbart News» und Wahlkampfleiter von Donald Trump, steht als Person wie in Symbol für diese Entwicklung. Er stammt aus einer demokratischen Gewerkschafter-Familie und machte dann den Weg bis zu «Breitbart News», die er zum Kampfblatt der extremen Rechten formte: rassistisch, antisemitisch und frauenfeindlich, und selbstverständlich gegen das ganze politische Establishment von Washington D.C.. «Together we walk towards the fire» – zusammen marschieren wir aufs Feuer zu, können wir auf den «Breitbart»-T-Shirts lesen und: …«Ready to War?», bereit für den Krieg?
Bannons Mission ist noch nicht beendet. Er wird Chefstratege und Senior-Berater des Präsidenten Trump. Und «Breitbart News», die er zur Adresse für Rechtsextreme gemacht hat, dehnt sich aus nach Europa. In London gibt es seit dem Brexit ein Büro, und der Vorstoss nach Deutschland und Frankreich ist mittlerweile offiziell angekündigt.
Es ist ein grosser Plan.
Die faschistoide Bündelung
Nein, es ist nicht die grosse Verschwörung. Es ist die klassische faschistoide Bewegung. Sie bündelt einen Strauss ganz unterschiedlicher Leute, Gruppen, Interessen, Frustrationen, mit Hassgefühlen und Ambitionen, alle in der Hand eines gefährlichen Showman, der weder reif ist noch erfahren in der Politik und in keiner Weise vorbereitet auf eine Verantwortung von globaler Reichweite. «Il fascio», italienisch, ist das Bündel von Stäben, das niemand zerbrechen kann, solange es zusammengebunden ist; Benito Mussolini hat es zum Symbol des italienischen Faschismus gemacht.
Donald Trump war offenkundig fähig, die frustrierten Wirtschaftseliten und die frustrierten weissen Verlierer des Bevölkerungswandels und die konservativen Einwanderer und die enttäuschten Afro-Amerikaner und die weissen und die farbigen Frauen zu bündeln und zu einer Bewegung zu machen für den einzigen entscheidenden Augenblick der Präsidentschaftswahl.
Und jetzt rätseln die Experten und pfeifen im Walde. Das heisst: sie versuchen, die Unsicherheit und Angst zu vertreiben, die sie alle und uns alle gepackt hat — ausser denen, die Trump gewählt haben oder ihn wählen würden. Und sie fragen sich, was jetzt wohl kommt.
Trumps spannungsgeladene Basis
Die Antwort des Despoten ergibt sich am Anfang der Machtübernahme aus dem Blick auf die Basis. Das sind die evangelikalen Christen, die Mike Pence als Vizepräsident gewählt haben, und die lieber an die Schöpfungsgeschichte als an die Klimaerwärmung glauben. Die Umweltbehörde E.P.A. dürfte massiv zurechtgestutzt werden, wenn sie nicht ganz abgeschafft wird. Das wäre auch ein Beitrag zu einem kleineren Staat, wie er den Libertären bei den Republikanern vorschwebt, wie den milliardenschweren Koch Brothers, die gleichzeitig ihre Kohleproduktion wieder ausbauen können. Auch die Tea Party, die innerhalb der herrschenden republikanischen Partei enorm an Einfluss gewonnen hat, dürfte die Schwächung der Zentralregierung zugunsten der amerikanischen Bundesstaates begrüssen.
Aber es braucht das grosse Infrastruktur-Projekt, mit dem auch Trumps Wähler von den Grossen Seen über den Mittleren Westen bis zum republikanischen Süden wieder besser an die US-Wirtschaft angeschlossen werden können. Allerdings fehlen dafür gut 200’000 gelernte Bauarbeiter. Obamacare kann ebenfalls dem libertären kleinen Staat geopfert werden, mit Ausnahme der Kinderversicherung und dem Verbot, Bewerber mit Vorerkrankungen vom Versicherungsschutz auszuschliessen. Das gibt der Massnahme ein menschlicheres Gesicht. Und es verstärkt die Abhängigkeit der Versicherungsnehmer von der privaten Industrie und den Hilfswerken der Kirchen.
Trumps grosser Plan
Das klingt zynisch. Aber der populistische libertäre Staat kennzeichnet sich gerade dadurch, dass er die Staatsfunktionen im Wesentlichen begrenzt auf Aussenpolitik und Aussenwirtschaftspolitik und auf innere Sicherheit und die anderen Funktionen nach Möglichkeit dem privaten Markt überlässt. In der amerikanischen Demokratie muss nur zusätzlich das Wählerpotential zufrieden gestellt werden. Andernfalls läuft der Präsident Gefahr, dass die Macht nach vier oder acht Jahren an eine politische Organisation mit einer völlig entgegengesetzten Philosophie übergeht. Das ist genau die Erfahrung, die Barack Obama und seine Demokraten gegenwärtig machen.
Hingegen ist der libertäre Staat für die innere Sicherheit zuständig. Der Widerstand gegen den Präsidenten Trump wächst, melden die Medien wenige Tage nach der Wahl, und die Opposition will sich offenbar auf die gesamte Amtszeit von vier Jahren einrichten. Das verschärft die Spannung und vielleicht die Spaltungstendenzen zwischen den städtisch-demokratischen und den ländlich-trumpistischen Zonen. Trump will angeblich die Staaten, die ihn gewählt haben, demnächst besuchen.
Donald Trump hatte wahrscheinlich nur einen einzigen grossen Plan: Er wollte zuallererst einfach die Macht übernehmen. Alles andere würde sich dann weisen. Die Mittel zur Durchsetzung seiner Macht wird er nach der Bestätigung durch das Wahlkollegium in der Hand haben. Von der Mehrheit im Parlament zu einem konservative Obersten Gerichtshof bis zu Polizei und Militär.
Man kann davon ausgehen, dass er bei ihrer Anwendung nicht zimperlich sein wird. Und mit der Ankündigung, zwei bis drei Millionen Mexikaner aus den USA auszuschaffen oder ins Gefängnis zu stecken, wächst insgesamt die Gefahr der Gewalt. Und das heisst: die Gefahr der autoritären Herrschaft.
Mittel der Macht und der Propaganda
Es ist die Bündelung der Elemente, die Trump zum Wahlsieg geführt haben. Da war die Sache mit James B. Comey, dem Direktor des FBI, der mit seinem Brief über die erneute e-Mail-Untersuchung gegen Hillary Clinton dem Wahlkampf vielleicht den entscheidenden Kick gegeben hat. Sicher gibt es eine Truppe im FBI, die in Trumps Richtung gearbeitet hat.
Da waren und sind die klassischen Medien. Das Fernsehen war Transportmittel und Echoraum für Trumps Botschaften. Manche Sender haben professionelle Aufgaben wie den Fakten-Check verweigert. Sie haben wie CNN Trumps Gefolgsleute in Dienst genommen oder in ihren Sendungen mit Trumps Websites verlinkt. Und Fox News hat immer wieder Gefälligkeits-Interviews mit Trump geliefert und News gegen Hillary gedreht.
Alte konservative Republikaner wie New Yorks ex-Bürgermeister Rudy Giuliani oder Newt Gingrich haben Verbindungsarbeit geleistet und hoffen dafür auf einen neuen Job. Soziale Medien wie Twitter oder Facebook waren voll von gefälschten Geschichten und müssen jetzt über die Bücher. Die gehackten Daten von mutmasslich russischen Hackern haben Julian Assange als Mittel gedient für seinen Privatkrieg gegen Clinton. Und das Nachrichtenportal «Breitbart News», erzählt auch nach dem Wahlsieg noch Lügengeschichten über die «kriminelle Hillary» und hält so den Druck und die Spannung aufrecht.
«Breitbart News» wird mit der Expansion nach Deutschland und Frankreich zu den Wahlen in beiden Ländern weiter an der Vernetzung der rechten Internationale arbeiten.
Netzwerke der Zukunft
In den USA formiert sich der Widerstand gegen den Präsidenten Trump und sein populistisches Netzwerk der libertären, konservativen und extremen Rechten. In der demokratischen Partei hat bereits der Kampf um die künftige Ausrichtung begonnen. Die Senatoren Bernie Sanders und Elizabeth Warren und der künftige Fraktionschef im Senat, Chuck Schumer haben den progressiven Abgeordneten Keith Allison als neuen Parteivorsitzenden ins Spiel gebracht. Keith Ellison, Muslim und Afro-Amerikaner, gilt als standfester Verfechter der Arbeiterinteressen gegenüber dem grossen Geld, nach dem Motto «Voters first» – zuerst die Wähler, nicht die Sponsoren.
Und die nächste Generation der Frauen steht auch bereit: Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts, ist für das Präsidentenamt vielleicht schon zu scharf links profiliert. Aber nach dieser Wahl tauchen neue Gesichter auf wie Kamala Harris, bisher General-Staatsanwältin von Kalifornien. Sie ist indischer und afro-amerikanischer Abstammung und gilt nach ihrer brillanten Karriere und Wahl zur Senatorin bereits als mögliche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten.
Den Wahltag hat sie kommentiert mit den Worten: «Verwerft nicht die Hände, wenn es Zeit ist, die Ärmel hochzukrempeln und für das zu kämpfen, wofür wir stehen.»
Aber vielleicht kommt die erste Frau als US-Präsidentin auch aus dem rechten Lager.
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Donald Trump und Hillary Clinton: zwei Figuren einer entgleisten Welt

Wo ist der Ausweg?

von Dieter Duhm, „Terra Nova voice“
clinton_trump2Donald Trump und Hillary Clinton: zwei echte Vertreter einer entgleisten Welt. Beide haben der bestehenden Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten. Die eine vertrat das Establishment, der andere vertrat die wütende Volksseele gegen das Establishment. Die Wut hat gewonnen. Beide aber vertraten genau dasselbe System, nur von verschiedenen Seiten. Dass Donald Trump sich mit seinen ungeheuerlichen Aufrufen durchsetzen konnte, zeigt, in was für einer aufgewühlten Revolte sich ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung befindet. Es ist die Revolte von Menschen, die sich von einem undurchschaubaren System betrogen fühlen und wieder einmal nach dem starken Führer rufen.
Und dann kommt der hemmungslose Demagoge, er ruft nach nationalem Zusammenhalt, nach Schutz und Einheit und gemeinsamem Kampf gegen alle, welche die Einheit stören könnten. Was hier zusammenkommt, haben wir – Verzeihung – schon einmal erlebt, damals in dem deutschen Massenwahn unter Adolf Hitler. Aber es wird jetzt nicht mehr so weit kommen, denn hinter der Gewalttätigkeit der Worte steht kein Konzept und keine politische Vision. Durch den grotesken Wahlsieg eines größenwahnsinnigen Spielers könnte in Amerika eine Freiheitsbewegung entstehen, die jenseits der vorgegebenen Parteien neue Ziele anstrebt. Außerdem erheben sich überall auf unserem Planeten positive Gegenkräfte, welche dem Verlauf eine neue Richtung geben werden.
Beide Wege, der von Trump und der von Clinton, führen in eine tief inhumane Welt, denn beide erzeugen unsägliche Opfer. Der emotionelle Untergrund, der durch Donald Trump aktiviert wird, richtet sich gegen alle, die eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, eine andere sexuelle Identität haben. Es ist der Selbstschutz durch die Vernichtung anderer.
Die Politik von Hillary Clinton ist die Politik der politischen Klasse, der berechnenden Globalisierung, der Kooperation mit der internationalen Diktatur des Geldes – und hat seine Opfer in allen Regionen der Erde, die dieser Globalisierung zum Opfer fallen. Es ist der Selbstschutz des herrschenden Systems durch Marktstrategie und Militär.
Donald Trump hat die Seele seiner Zuhörer erleichtert, indem er ihnen das erlaubt hat, was sie insgeheim ohnehin gedacht haben. Es ist ein Grundzug der bisherigen Geschichte, dass Menschen an die Macht kommen, die in der Lage sind, die unterschwellige “Massenpsychologie des Faschismus” (Wilhelm Reich) zu mobilisieren: diesen Hunger nach Einheit unter einem starken Führer. Diese Geschichte wiederholt sich seit Jahrtausenden, bis wir ihr ein Ende setzen.
Das Leben auf der Erde braucht eine andere Lebensordnung mit einem anderen Bild von Führung und Einheit.
Wir meinen keine äußere Führung, sondern eine innere. Wir meinen auch nicht die Einheit, die man auf Wahlplakate und Fahnen schreibt, sondern die innere Einheit von Menschen, die im Vertrauen miteinander leben, um den Mitgeschöpfen zu helfen und der Erde zu dienen. Wir meinen die Einheit in der natürlichen Verbundenheit mit der großen Familie des Lebens, in der natürlichen Anteilnahme, Liebe und Solidarität, die sofort entsteht, wo wir wieder auf den Grund des Vertrauens, der wechselseitigen Akzeptanz und der Wahrheit kommen. Hier liegt die Basis für ein Leben in Liebe, Kraft und Gesundheit. Hier erhebt sich eine andere Gesellschaft, sie basiert nicht mehr auf Macht und Kapital, sondern auf der Wahrheit menschlicher Beziehungen. Und wenn wir richtig sehen, hat diese Gesellschaft die Macht einer Kettenreaktion im Sinne einer morphogenetischen Weltbewegung, denn sie stimmt mit jener höheren Lebensordnung überein, die wir die “Heilige Matrix” nennen. Aus dieser Bewegung werden viele neue Zentren hervorgehen, Keimzellen einer neuen planetarischen Gemeinschaft.
Da müssen wir hinkommen, denn sonst geben wir uns mit Ersatzlösungen zufrieden, die regelmäßig zur Katastrophe führen. Wir Menschen haben eine lange Zeit mit diesen Ersatzlösungen gearbeitet, haben ideologische, politische, religiöse, moralische Systeme entworfen, welche uns ein erfülltes Leben sichern sollten – und stehen jetzt am kollektiven Abgrund. Das Zeitalter der Ersatzlösungen ist vorbei. Der Faschismus war eine Ersatzlösung, der Kapitalismus war eine Ersatzlösung, die Gedanken von Macht und Gefolgschaft, von Autokratie oder Demokratie waren eine Ersatzlösung, die katholische Kirche war eine Ersatzlösung, die mystischen Wege bis zum Nirwana waren eine Ersatzlösung. Das auserwählte Volk, alle kleinen oder großen Imperien, alle Götter waren eine Ersatzlösung – und es war auch eine Ersatzlösung, als wir anfingen, auf alle Götter zu verzichten und einen materialistischen Nihilismus zu lehren. Wir brauchen heute eine andere Lösung auf einer anderen menschlichen, zwischenmenschlichen, ethischen und spirituellen Grundlage. Wir brauchen die Lösung auf der Ebene der Wahrheit zwischen realen Menschen, vor allem zwischen den beiden Geschlechtern Mann und Frau, denn hier hatte die historische Gewalt der patriarchalen Welt am grausamsten zugeschlagen.
Mit anderen Worten:
Wenn wir das globale Unrecht und das unsägliche Leiden von Mensch und Tier beenden wollen, müssen wir die ganze Zivilisation unseres Planeten auf eine andere Grundlage stellen.
Da hilft kein Trump und keine Clinton, da hilft nur eine Basiskorrektur unserer Zivilisation und eine neue Vision für die Besiedelung unseres Planeten. Das klingt abgehoben und unrealistisch, ist aber unabwendbar und eindeutig realisierbar. Wenn es die Vision eines humanen Lebens auf der Erde gibt, dann ist sie auch machbar. Alle Menschen sind aus demselben Stoff. Es ist keine Träumerei, wenn wir in uns und allen Bürgern dieser Erde das EINE sehen, das in allen dasselbe ist. Wir alle kommen aus demselben Universum, wir alle werden von derselben Sonne beschienen, wir alle kamen zwischen den gewaltigen Schenkeln unserer Großen Mutter zur Welt. Wir alle haben dieselbe Sehnsucht nach Frieden und Liebe. Wir alle freuen uns über Freundlichkeiten des vermeintlichen Gegners – und wir alle wären in der Lage, diese Freundlichkeit zu einem Leitbild zu erheben, wenn wir in uns selbst von den alten Negativkräften ablassen könnten.
Es ist doch klar, dass zum Beispiel in Kolumbien auf beiden Konfliktparteien dieselben Seelen, dieselben jungen Leute, dieselben Hoffnungen und Ziele stehen. Es ist doch klar, dass hinter dieser grausamen Feindschaft eine potentielle Freundschaft steht. Es ist doch klar, dass hinter den heftigsten Krisen einer Liebesbeziehung eine Urliebe steht, welche die beiden Partner einmal zueinander geführt hat. Und so steht hinter dem ganzen Massaker der gegenwärtigen Welt eine andere Lebensmöglichkeit, die wir erkennen, wenn wir nicht mitten im Konflikt stehen. Wir können erkennen, was Liebe ist, wie ihre Regeln befolgt werden können und wie eine globale Liebesgemeinschaft gemeint sein könnte. Wir können auch erkennen, was die sozialen, die ökologischen und die ethischen Voraussetzungen sind, um sie zu verwirklichen. Sie ergeben zusammen das Konzept eines neuen Zusammenlebens zwischen den Menschen wie auch zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur. Wir nennen es das “Projekt der globalen Heilungsbiotope“, welches sich langsam auf der Erde ausbreitet. Hier entsteht ein Feld, welches stärker ist als alle Gewalt. Wir dulden keine Grausamkeit auf unserem Planeten.
Im Namen der Liebe für alle Kreatur.
Originaltext
(Hervorhebungen durch AI)
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Das Erdmagnetfeld unter der «Simulations-Lupe»

Von  Simone Ulmer aus „ETHZürich“
Das Erdmagnetfeld wechselte im Laufe der Erdgeschichte hunderte Male seine Richtung. Was die Umkehrung verursacht, ist bis heute unklar. 4 Millionen CPU Stunden Simulationen auf Piz Daint am CSCS liefern neue Hinweise. Demnach könnten sogenannte Dynamo-Wellen eine Rolle spielen.
Erdmagnetfeld
Oberflächen des flüssigen Metallkerns umgeben von simulierten Feldlinien, die die Wanderung des Erdmagnetfeldes sichtbar machen. Die Kugel in der Mitte ist die Vergrösserung der ersten Simulation ohne Feldlinien. (Grafik: J. Favre, A. Sheyko)
Im November 2013 schickte die European Space Agency (ESA) drei Satelliten ins All, die seither das Erdmagnetfeld präzise vermessen. Denn nach wie vor gibt das Erdmagnetfeld der Wissenschaft Rätsel auf. Bis heute ist beispielsweise nicht geklärt, welcher Mechanismus dazu führt, dass sich das Erdmagnetfeld umkehrt. Die ETH-Wissenschaftler Andrew Jackson und Andrey Sheyko sowie Chris Finlay von der Technischen Universität Dänemark konnten anhand von Simulationen auf dem Supercomputer Piz Daint nun einen möglichen Mechanismus identifizieren. Die Ergebnisse wurden heute in der Fachzeitschrift «Nature» publiziert.
Simulationen, seismische Messungen und der physikalischen Eigenschaften der Minerale – von letzteren weiss man, wie das tiefe Erdinnere aufgebaut ist – sind bislang die einzige Möglichkeit, das Erdinnere und die Entstehung des Erdmagnetfeldes zu erforschen. Das Erdmagnetfeld ist als Schutzschild gegen kosmische Strahlung oder als Navigationssystem etwa für Vögel für die Forschung von besonderem Interesse.
Schmelzenbewegung erzeugt Magnetfeld
Der sogenannte Geodynamo wird nach heutigem Wissensstand sehr wahrscheinlich durch Prozesse im inneren und äusseren Erdkern erzeugt. Während der innere Kern fest ist und hauptsächlich aus Eisen und Nickel besteht, ist der äussere Kern flüssig und enthält neben Eisen und Nickel auch noch leichtere Elemente. Die Flüssigkeit ist so heiss, dass die enthaltenen Metalle selbst nicht magnetisch sein können, sondern Strom und Wärme leiten. Indem im flüssigen äusseren Kern schwerere Elemente zum inneren Kern hin absinken und dort erstarren, entsteht ein Auftrieb der leichteren Elemente.
Dieser Prozess und der Temperaturunterschied an den Grenzen des inneren und äusseren Kerns sowie zum Erdmantel, sollen im flüssigen Kern Umwälzungen (Konvektionswalzen) verursachen. Gleichzeitig wirkt durch die Erdrotation die Corioliskraft. Sie verursacht in der Metallschmelze senkrecht zu den Konvektionswalzen Wirbel, die parallel zur Rotationsache der Erde ausgerichtet sind. Dadurch wird ein Induktionsstrom erzeugt, der letztendlich das Magnetfeld eines Dipols (Nord- und Südpol) sowie schwächere mehrpolige Komponenten entstehen lässt.
Entscheidend für das Erdmagnetfeld und seine Umkehrung sind zwei Materialeigenschaften: Einerseits die Viskosität des flüssigen Erdkerns. Sie bestimmt, wie schnell Strömungen im Erdkern zum Erliegen kommen können. Andererseits die elektrische Leitfähigkeit, die bestimmt, wie schnell das Magnetfeld erlischt. In bisherigen Simulationen fand beides gleich schnell statt.
«Wir haben in unsere Simulation das Magnetfeld zwanzig Mal schneller erlöschen lassen als die Strömungen im flüssigen Kern», sagt ETH-Professor Andrew Jackson Co-Autor der Studie. Die Wissenschaftler verkleinerten dadurch die dimensionslose Zahl, die das Verhältnis der beiden Materialeigenschaften zueinander beschreibt. Dadurch kamen sie näher an erdähnliche Bedingungen heran als bisherige Simulationen.
Dass Ziel der Simulation sei eigentlich gewesen, die Stabilität des Magnetfeldes zu untersuchen. Nach einer bestimmten Zeit habe sich dann aber periodisch immer wieder eine Feldumkehrung ereignet, berichtet Jackson.
Die beobachtete Feldumkehrung liesse sich nur durch den Einfluss sogenannter Dynamo-Wellen erklären. «Das ist die erste Simulation, bei der eine scheinbar durch Dynamo-Wellen verursachte Feldumkehrung unter non slip Randbedingungen gelang», sagt Sheyko. «Non slip» seien realitätsnahe Randbedingungen, die eine der Reibung ausgesetzte Flüssigkeit erfährt, wenn sie an eine Grenze, in diesem Fall die Schale des äusseren Kerns, gerät.
Dynamo-Wellen sind starke globale Störungen des sich vom Kern aus ausbreitenden Magnetfeldes. Ihre Existenz wurde 1955 postuliert, um die periodische Feldumkehrung in der Sonne zu erklären, die alle elf Jahre stattfindet. Obwohl die Erde und ihr Magnetfeld sich deutlich von der Sonne unterscheiden, könnte laut den neusten Forschungsergebnissen Dynamo-Wellen auch bei der Feldumkehrung des Erdmagnetfeldes eine Rolle spielen.
Idealisierte Bedingungen
Diese hochkomplexen Vorgänge dreidimensional zu simulieren, benötigt extrem leistungsstarke Supercomputer. Und selbst mit diesen können erdähnliche Bedingungen nur annäherungsweise berechnet werden. Als Grundlage ihrer Simulation und Ausgangsmodell nutzten das Forscherteam ein Modell, in dem Forscher 2009 eine niedrige Viskosität und neu eine konstante Wärmeströmung an der Oberfläche des Erdkerns annahmen.
Mit diesem war es erstmals gelungen ein ausreichend starkes und stabiles Magnetfeld bei erdähnlichen Bedingungen zu simulieren. Dieses Modell ergänzten die Forscher nun mit idealisierten Bedingungen, indem sie für die Simulation des erdähnlichen Planeten beispielsweise annahmen, dass er kugelförmig ist. Zugleich rückten sie jedoch näher an erdähnliche Bedingungen heran, indem sie das Magnetfeld und die Strömung im flüssigen Kern verschieden schnell zerfallen liessen. Auf diese Weise konnten die Forscher mit vier Millionen CPU Stunden auf Piz Daint eine Simulation eines planetaren Dynamos mit nie zuvor erreichter geringer Viskosität, hoher Rotationsgeschwindigkeit, Ausbreitung des Magnetfeldes und Dauer der Umpolung durchführen.
Bei der Simulation entwickelte sich ein starkes zweipoliges Magnetfeld, das sich innerhalb von ein paar Tausend Jahren periodisch umkehrte. Das Erdmagnetfeld kehrte sich in der Realität jedoch immer wieder unregelmässig mehrere hundert Male um, in den letzten Jahrmillionen im Mittel alle 500’000 Jahre. Da es sich weder periodisch umkehrt noch die gleichen Symmetrien wie das simulierte Magnetfeld besitzt, unterscheidet es sich deutlich vom simulierten Dipol-Feld. «Die der Simulation zugrundeliegende Physik entspricht zwar derjenigen der Erde», sagt Andrew Jackson. Aber da man noch Grössenordnungen von den realen Bedingungen auf und in der Erde entfernt sei, liefert das Modell vorerst nur ein Hinweis darauf, dass Dynamowellen bei der Feldumkehrung des Erdmagnetfelds eine Rolle spielen könnten.
Simone Ulmer ist Redaktorin Wissenschaft und Technologie am CSCS, wo dieser Artikel zuerst publiziert wurde.
Der äussere Kern der Erde, umgeben von Magnetfeldlinien während der simulierten Umkehrung des Magnetfelds.
Literaturhinweis
Sheyko A, Finlay CC & Jackson, A: Magnetic reversals from planetary dynamo waves. Nature, advanced online publication 7 November 2016, DOI: 10.1038/nature19842.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Bildung, Energie, Kultur-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | Kommentar hinterlassen