Mahatma Gandhi und Nelson Mandela – Zwei Lehrer der Befreiung und des Rechts der Armen – Kap. 13-Schluss

von Arnold Köpcke-Duttler aus „Paulo Freire Kooperation“

Dreizehntes Kapitel: Der Tod und die Auferstehung Steve Bikos

Zum Tod Steve Bikos (September 1977) erinnerte Erzbischof Desmond Tutu daran, dass vor beinahe zweitausend Jahren ein junger Mann wie ein gewöhnlicher Verbrecher außerhalb einer Stadt an ein Kreuz geschlagen worden sei, verspottet und verhöhnt. Dieser Mensch sei gekommen, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes für alle seine Kinder zu verkünden. Gesandt sei er, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden; zu versprechen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen die Hoffnung, Trost den Traurigen. Der Träger des Friedensnobelpreises Tutu rief damals zur großen Befreiung auf. Gott habe sich an die Seite der Elenden und Unterdrückten gestellt, Partei ergriffen gegen die Unterdrücker. Angesprochen wurde von Tutu Gott als Befreier der Armen und Ausgebeuteten. Mit der Tötung des jungen Steve Biko verband der Bischof seinen Wunsch nach der Überwindung von Hass und Bosheit, nach der gewaltfreien Herrschaft von Liebe und Güte. Der junge Schwarze Steve Biko habe sich der Verwirklichung von Gerechtigkeit und Recht, von Frieden und Versöhnung verschrieben. Der Gründer der Black- Consciousness-Bewegung hatte die schwarzen Menschen dazu aufgerufen, auf ihrer Menschlichkeit und Persönlichkeit zu bestehen und aus ihrem Eigensein heraus die wahre Versöhnung zu wagen – entgegen jeder legalen Gewalt. Steve Bikos Tod zeige, dass die Mächte der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung und Ausbeutung ihre Macht verlören. Mit Gott, dem der Gerechtigkeit und Befreiung, werde das Unrechtssystem der Apartheid überwunden hin auf das gemeinsame aufrechte Gehen von Schwarz und Weiß. „Wir erleben die Geburtswehen eines neuen Südafrikas, eines freien Südafrikas, wo wir alle, Schwarz und Weiß gemeinsam, aufrecht gehen werden, wo wir alle, Schwarz und Weiß zusammen, uns bei den Händen halten werden, während wir auf unserem Freiheitsmarsch vorwärts schreiten, um ein neues Südafrika herbeizuführen, in dem Menschen etwas bedeuten, weil sie menschliche Wesen sind, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes. Wir loben und preisen Gott dafür, dass er uns eine so köstliche Gabe in Steve Biko gegönnt hat; um seinetwillen und um unseretwillen, Schwarzen und Weißen, um unserer Kinder Willen, Schwarz und Weiß zusammen, wollen wir uns erneut dem Kampf für die Befreiung unseres geliebten Landes weihen. Lasst uns alle, Schwarz und Weiß zusammen, nicht von Mutlosigkeit und Verzweiflung überwältigt werden. Lasst uns Schwarze nicht von Hass und Bitterkeit übermannt werden, denn wir alle, Schwarz und Weiß gemeinsam, werden siegen; nein, wir haben in der Tat bereits gesiegt.“[61]
Mit diesen Worten ist die Befreiung zur Versöhnung aufgebrochen.

Schluss

Und ich richtete meine Aufmerksamkeit auf all dies, was Menschen, die das Christentum bekennen, tun und ein Entsetzen packte mich.
(Leo Tolstoi, Meine Beichte, Düsseldorf / Köln 1978, S. 125).

[1]Arthur Kaufmann, Rechtsphilosophie, 2. Aufl. München 1997, S. 250
[2]Gustav Radbruch, Rechtsphilosophie, in: ders., Gesamtausgabe, Bd. 2, Heidelberg 1993, S. 444
[3]s. J. B. Hirschmann, Kann atomare Verteidigung sittlich gerechtfertigt sein?, in: Stimmen der Zeit 162 (1957/58), S. 284 ff.
[4]Radbruch, Rechtsphilosophische Tagesfragen, Baden-Baden 2004, S. 58
[5]Otfried Höffe, Normative Modernisierung in der einen Welt mit Recht auf Differenz, in: Hans Küng / Dieter Senghaas (Hrsg.) Friedenspolitik. Ethische Grundlagen internationaler Beziehungen, München 2000, S. 145 ff.
[6]Arnold Köpcke-Duttler, Menschheits-Kultur, Frankfurt 1983
[7]Höffe, Normative Modernisierung in der einen Welt mit Recht auf Differenz, a.a.O., S. 153; s. a. Hans Küng, Weltpolitik und Weltethos, in: Friedenspolitik, a.a.O., S. 17 ff.; S. 56 ff. („Welche neue Weltordnung?“)
[8]s. Joachim Dabisch (Hrsg.) Das Menschenrecht auf Bildung für alle, Oldenburg 2004
[9]Arno Gruen, „Ich will eine Welt ohne Kriege“, Stuttgart 2006, S. 105
[10]s. Horst Bürkle, Dialog mit dem Osten, Stuttgart 1965, S. 174 f.; s. Otto Wolff, Mahatma und Christus, Berlin 1955 und ders., Indiens Beitrag zum neuen Menschenbild, Hamburg 1957
[11]Sigrid Grabner, Mahatma Gandhi, Frankfurt / Berlin 1992, S. 63
[12]Lew Tolstoi, Tagebücher, Dritter Band 1902-1910, Berlin 1978, S. 234; zu Tolstois Kritik des Staates s. Erwin Oberländer, Tolstoj und die revolutionäre Bewegung, München/Salzburg 1965, S. 27 ff.: christlich-anarchistischer Ungehorsam
[13]Lew Tolstoi, Tagebücher, Dritter Band 1902-1910, a.a.O. S. 304; s. Tolstoi, Die Mühseligen und Beladenen, in: ders., Das neue Alphabet. Russische Lesebücher, Berlin 1982, S. 415 ff.
[14]Karl Heim, Tolstoi und Jesus, 2. Aufl. Berlin 1922, S. 10
[15]Tolstoi, Der Lebensweg, Leipzig 1912, S. 218; s. Arnold Köpcke-Duttler, Leo Tolstoi, in: Franziskanische Studien 1980, S. 282 ff.
[16]Martin Arnold, … immer noch von Gandhi lernen?, in: gewaltfreie aktion, Heft 141/142, 4. Quartal 2004 + 1. Quartal 2005, S. 11 („force wich is born of truth and love“)
[17]Jürgen Habermas, Bemerkungen zu Erhard Denningers Trias von Vielfalt, Sicherheit und Solidarität, in: Johannes Bizer / Hans-Joachim Koch (Hrsg.), Sicherheit, Vielfalt, Solidarität. Ein neues Paradigma des Verfassungsrechts?, Baden-Baden 1998, S. 118
[18]Rainer Hörig, Auf Gandhis Spuren, München 1995, S. 133
[19]Vanamali Gunturu, Mahatma Gandhi, München 1999, S. 314; s. Arnold Köpcke-Duttler, Von der Zerbrechlichkeit der Hoffnung, Würzburg 1984, S. 79 ff. (Spiritueller Sozialismus. Gandhis Kritik des Industrialismus)
[20]Hörig, Indien ist anders, Reinbek 1987, S. 34; S. 112 f.
[21]s. Henry David Thoreau, Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, Zürich 1967; s. Gandhi, Socialism of My Conception, Bombay 1957
[22]Sigrid Grabner, Mahatma Gandhi, a.a.O. S. 54. – Näher werden die Erfahrungen des Unrechts von Gandhi selber in seiner Autobiographie geschildert (Eine Autobiographie oder Die Geschichte meine Experimente mit der Wahrheit, 7. Aufl. Gladenbach 2001).
[23]s. Hildegard Goss-Mayr, Der Mensch vor dem Unrecht. Spiritualität und Praxis gewaltloser Befreiung, 3. Aufl. Wien 1978
[24]s. Bertrand Russell, Moral und Politik, Frankfurt 1988: Der Mensch, Doppelwesen aus Gott und Tier, sei fähig der Liebe, des Mitleids für das ganze Menschengeschlecht
[25]s. The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell, Vol. 4, London 1970, S. 523
[26]Dietmar Rothermund, Mahatma Gandhi, München 2003, S. 18 ff.
[27]s. Arnold Köpcke-Duttler, Ziviler Ungehorsam. Menschenrechtliches Aufbegehren im Rechtsstaat, in: Wissenschaft und Frieden, Heft 3/2004, S. 31 – 34
[28]Rothermund, Mahatma Gandhi, a.a.O. S. 27
[29]Fragen des Rechtsstaatsbezugs „anwaltlicher Tätigkeit“, der „freien Advokatur“, die staatliche Kontrolle und Bevormundung prinzipiell ausschließt, Gefährdungen des Rechts durch eine unbedingte Indentifizierung des Rechtsanwalts mit dem Mandanten, schließlich das Recht gefährdende Umwälzungen auf dem „Rechtsberatungsmarkt“ erörtert heute Reinhard Gaier, Berufsrechtliche Perspektiven der Anwaltstätigkeit unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten, in: BRAK-Mitteilungen, Heft 1/2006, S. 2 ff.
[30]The Collected Works of Mahatma Gandhi VIII, S. 173; s. Peter Kern/Hans-Georg Wittig, Der sokratische Weg aus der Gefahr, in: Detlef  Horster / Dieter Krohn (Hrsg.), Vernunft, Ethik, Politik. Gustav Heckmann zum 85. Geburtstag, Hannover 1983, S. 137
[31]Sunit B. Kher, Introduction, in: M. K. Gandhi, The Law and the Lawyers, Ahmedabad 1962, p. IV
[32]ebd. p. VI
[33]Polak, Brailsford and Lord Pephick-Lawrence, Mahatma Gandhi, p. 78
[34]s. James J. Cavanagh, The lawyer in society
[35]Gandhi, Eine Autobiographie, a.a.O. S. 122, s. Rothermund, Mahatma Gandhi, a.a.O., S. 18 ff. (Der Kuli-Anwalt)
[36]  s. Britta Redmann, Mediation, Frankfurt 2003; Hanns Prütting (Hrsg.) Außergerichtliche Streitschlichtung, München 2003; Schwab/Walter, Schiedsgerichtsbarkeit, 7. Aufl. München 2005
[37]Mahatma Gandhi, Hind Swaraj or Indian Home Rule, 1908, S. 144. – Ich danke Christian Bartolf und dem Gandhi-Informationszentrum (Berlin) für die Übersendung des Textes.
[38]Gandhi, The Law and the Lawyers, a.a.O., S. 234; s. Fritjof Haft / Katharina Gräfin von Schlieffen (Hrsg.), Handbuch Mediation, München 2002; Arnold Köpcke-Duttler, Mediation in der Schule, in: Dialogische Erziehung, Heft 2/99, S. 38 – 43. – In Marktbreit (Unterfranken) habe ich im übrigen als Rechtsanwalt ein „Institut für Gemeinwesen-Mediation“ gegründet.
[39]s. M. K. Gandhi, Eine Autobiographie oder die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit, a.a.O., S. 347
[40]ebd. S. 393 f.
[41]ebd. S. 295
[42]Die alte englische Anwaltsstruktur garantierte das „adversarial principle“, die Bestimmung des Prozesses durch Parteien. Richter wurden mehr oder weniger passive Prozess-Beobachter (s. Christian Wolff, Maltez v. Lewis – Ein Lehrstück für den deutschen Anwaltsmarkt, in: BRAK-Mitteilungen Heft 1/2006, S. 15 ff.
[43]M. K. Gandhi, The Law and the Lawyers, Ahmedabad 1962, p. XI
[44]s. Harijan, 26.11.1938, S. 351
[45]Harijan, 29.06.1935, S. 165
[46]s. Arnold Köpcke-Duttler, Wege des Friedens, Würzburg 1986; s. E. S. Reddy, Gandhi und Südafrika, in: Perspektiven Indien, New Delhi 1996, S. 42 – 43 (Ich danke Frau Elfriede Heise aus Kassel für dieses Heft und den Hinweis auf das Mahatma-Gandhi-Haus in Göttingen.)
[47]Gandhi, Eine Autobiographie, a.a.O., S. 286; s. Wolfgang Sternstein (Hrsg.), Mahatma Gandhi, Die Lehre vom Schwert, Oberwil 1990, S. 42 („Überwindung der Furcht“)
[48]ebd. S. 287
[49]Erik H. Erikson, Gandhis Wahrheit, Frankfurt 1978, S. 178
[50]Brief vom 29. Juli 1918, in: The Collected Works of Mahatma Gandhi, XIV, S. 509
[51]Arnold Köpcke-Duttler (Hrsg.), Gandhi – Buber – Tagore, Frankfurt 1989; s. Joan V. Bondurant, Conquest of Violence, Princeton 1988
[52]Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit, 7. Aufl. Frankfurt 2003, S. 169
[53]ebd. S. 207
[54]ebd. S. 209
[55]ebd. S. 209
[56]ebd. S. 353
[57]Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit, a.a.O., S. 833
[58]Um Pfarrer Martin Arnold herum ist eine „Arbeitsgruppe Gütekraft“ entstanden, die „Seelenkraft“, Gütekraft Gandhis (Satyagraha) zu ergründen.
[59]Mandela, Der lange Weg zur Freiheit, a.a.O., S. 835
[60]ebd. S. 836
[61]  Desmond Tutu, „Gott segne Afrika“, Texte und Predigten des Friedensnobelpreisträgers, Reinbek 1984, S. 88; s. ders. Versöhnung ist unteilbar, Wuppertal 1977; Stephanie Schell-Favcon, Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit in ethnopolitischen Spannungsgebieten: das Beispiel Südafrika, Frankfurt 2004; s. a. Norbert Brieskorn (Hrsg.), Globale Solidarität. Die verschiedenen Kulturen und die Eine Welt, Stuttgart / Berlin / Köln 1997
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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