Mahatma Gandhi und Nelson Mandela – Zwei Lehrer der Befreiung und des Rechts der Armen – Kap. 10-12

von Arnold Köpcke-Duttler aus „Paulo Freire Kooperation“

Zehntes Kapitel: Gewaltlosigkeit und Pazifismus

Mandela entschied wie Häuptling Luthuli zwischen Gewaltlosigkeit und Pazifismus. Pazifisten verzichteten darauf, sich zu verteidigen, selbst wenn sie brutal angegriffen wurden; das sei nicht unbedingt der Fall bei Menschen, die für Gewaltlosigkeit einträten. Zuweilen müssten sich Menschen und Nationen, selbst wenn sie für Gewaltlosigkeit wären, gegen einen Angriff verteidigen. Mandela trat nicht für eine Erduldung der rassistischen Gewalt ein, war aber zuweilen in der Gefahr, Gewaltlosigkeit mit Passivität zu verwechseln. Gewaltlosigkeit war ihm kein unantastbares Prinzip, sondern eine sich nach den Umständen ändernde Taktik. Es kann auch nicht übersehen werden, dass Mandela zeitweilig der These Clausewitz’ folgte, dass der Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei.
Nicht-Kooperation gehörte zu dem politischen Widerstand, zu dem Mandela aufrief. So löste er sich von einem idealistischen Legalismus, den er als Student gelernt hatte. Zeitweilig glaubte er daran, dass das Gesetz an höchster Stelle stehe und für alle Personen gleichermaßen gelte – unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status. Mandela wollte eigentlich sein Leben auf diese Annahme gründen; doch durch seinen Beruf als Rechtsanwalt und seine Tätigkeit als politischer Aktivist wich diese idealistische Konzeption von dem Gesetz als Schwert der Gerechtigkeit, die er im Hörsaal gehört hatte, der Wahrnehmung, dass das Gesetz ein Instrument war, das die herrschende weiße Klasse benutzte, die Gesellschaft nach ihrer Herrschaftsabsicht zu formen. Im Gerichtssaal erwartete Mandela deshalb keine Gerechtigkeit, auch wenn sie ihm manchmal zuteil wurde.
Trotz aller Unterdrückungen, der Aburteilungen blieb Mandela dabei, in jedem Menschen eine Neigung zur Güte zu entdecken, wie vergraben und verborgen auch immer sie sein möchte. Mandela musste, getrennt von seiner Familie, seine Anwalts-Praxis schließen, seinen Beruf aufgeben, in Armut leben; Leiden, Opfer, Kampf, lange Gefangenschaft wurden zu seinem Leben, einem Kampf bis zum Ende seiner Tage. Vor dem weißen Magistrat scheute Mandela sich nicht auszusagen, dass die von Gerichten zuerkannte Gerechtigkeit der herrschenden Politik des Landes entspreche, möge diese Politik auch noch so sehr im Widerspruch zu den Normen der Gerechtigkeit stehen, wie sie in der gesamten zivilisierten Welt beachtet würden. An seinem Hass gegen die rassische Diskriminierung ließt Mandela keinen Zweifel aufkommen. Er entwarf eine neue, nicht-rassische Verfassung.

Elftes Kapitel: Mandelas politisches Testament

In einem der vielen gegen ihn eingeleiteten strafrechtlichen Verfahren trug Mandela in dem Gerichtssaal statt Anzug und Krawatte das traditionelle Leopardenfell der Xhosa (Kaross); Winnie Mandela trug einen traditionellen mit Perlen besetzten Kopfschmuck und einen knöchellangen Xhosa-Rock. Vor dem Gericht hielt Mandela nicht so sehr ein Plädoyer im strafprozessualen Sinn, sondern sprach sein politisches Testament aus, eine Erklärung gegen die in vielen Jahren erlittene Tyrannei, Ausbeutung und Unterdrückung seines Volkes durch die Weißen – eine Proklamation seiner Gewissens-Entscheidung. Er ging aus von Struktur und Organisation früher afrikanischer Gesellschaften, in denen das Land dem ganzen Stamm gehörte, es keinen Privatbesitz gab, keine Klassen, keine Reichen und Armen, keine Ausbeutung des Menschen durch die Menschen. Freiheit und Gleichheit aller Menschen seien Grundlage der Regierung gewesen. Eine solche Gesellschaft berge in sich den „Keim einer revolutionären Demokratie, in der niemand in Sklaverei oder Knechtschaft gehalten und in der es keine Armut, einen Mangel und keine Unsicherheit mehr geben wird.“[55] Dieser geschichtliche Hintergrund bilde die Inspiration für seinen politischen Kampf. In dem Konflikt zwischen seinem Gewissen und dem Gesetz stehe er, wobei er wie alle Menschen, die tief denken und empfinden – wie zum Beispiel Bertrand Russell seinem Gewissen folgte, der große Philosoph, der das Gesetz missachtete, als seine eigene Regierung die Nuklearpolitik verfolgte. „Er konnte nicht anderes tun, als das Gesetz zu missachten und dafür die Folgen auf sich zu nehmen. Auch ich kann nichts anderes tun. Ebensowenig viele Afrikaner in diesem Land. Das Gesetz, wie es angewendet wird, das Gesetz, wie es über einen langen Geschichtszeitraum entwickelt worden ist, und vor allem das Gesetz, wie es verfasst und geformt wurde von der Nationalistischen Regierung, dies ist ein Gesetz, das nach unserer Überzeugung unmoralisch, ungerecht und untragbar ist. Unser Gewissen zwingt uns, dagegen zu protestieren, dagegen zu opponieren und zu versuchen, es zu ändern …. Menschen, denke ich, sind unfähig, nichts zu tun, nichts zu sagen, nicht zu reagieren gegen Ungerechtigkeit, nicht zu protestieren gegen Unterdrückung und nicht zu streben nach der guten Gesellschaft und dem guten Leben, wie sie es sehen.“[56]
Mandela hielt fest in seinem politischen Testament, dass er von dem herrschenden Gesetz zum Kriminellen gestempelt worden sei, zu einem Gesetzlosen der Gesellschaft, zu einem ständig Gejagten, getrennt von seinen Nächsten. Das Gesetz sei genutzt worden, ihm den Status der Ungesetzlichkeit aufzuzwingen. Strafen aber könnten ihn nicht von seinem Weg abbringen, könnten nicht Menschen abschrecken, die von ihrem Gewissen wachgerüttelt seien. Obwohl er die verzweifelte und bittere Lage eines Afrikaners in den Gefängnissen kenne, sei er bereit, die Strafe auf sich zu nehmen. Die Freiheit eines Menschen in seinem eigenen Land sei das höchste Ziel; stärker als die Furcht vor den abscheulichen Bedingungen der Gefangenschaft sei der Hass gegen die Rassendiskriminierung. Geleitet von seinem Gewissen, werde er den Kampf für die Befreiung seines Volkes fortsetzen, für die Beseitigung der ihm auferlegten Ungerechtigkeiten.
Am Schluss sagte Mandela, er habe keinen Zweifel, dass die Nachwelt seine Unschuld verkünden werde und dass die Verbrecher, die vor das Gericht gehörten, die Mitglieder der Regierung seien. Es ist bekannt, dass dieser Hass nicht den Menschen, sondern der Ungerechtigkeit des Systems der Apartheid galt, jener Unmenschlichkeit, die ein unmenschliches politisches System den Menschen aufdrängt. Nicht ein politischer Messias – ein einfacher schwarzer Mensch dachte und sprach so; die Schmerzen und Leiden seiner Familie sah er größer an als die eigenen. Mandela schilderte nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis, dort habe sein Zorn auf die Weißen abgenommen, aber sein Hass auf das politische System der Apartheid sei gewachsen. Er bekannte, dass er sogar seine Feinde liebe, wohl jenes System hasse, das Menschen gegeneinander aufbringe.
So begann die Suche nach einem Mittelweg zwischen weißen Ängsten und schwarzen Hoffnungen, der Weg einer fragilen Versöhnung hin zu einem nicht-rassistischen Südafrika, befreit von einem unmenschlichen System, alte Wunden heilen lassend. Alle Südafrikaner müssten zusammenfinden als Menschen und einander die Hand reichen. In seiner Rede zur Einführung in das Amt des Präsidenten Südafrikas gelobte Mandela, die Verfassung zu befolgen und für das Wohlergehen der Republik und ihrer Menschen Sorge zu tragen. In seiner Erklärung äußerte er seine Hoffnung, eine Gesellschaft könne erstehen, auf welche die ganze Menschheit stolz sein könne. Zu guter Letzt sei die politische Emanzipation verwirklicht worden. Er verpflichtete sich, alle Mitbürgerinnen und Mitbürger von den weiterhin bestehenden Fesseln der Armut, der Entbehrung, des Leids, des Geschlechts und weiterer Diskriminierungen zu befreien. Niemals mehr dürfe dieses schöne Land die Unterdrückung des einen durch den anderen Menschen erleben. Gewissermaßen trat er damit für eine umfassende menschliche Emanzipation ein, deren Ausstehen ihm nicht unentdeckt blieb.

Zwölftes Kapitel: Die große Befreiung

Am Schluss seiner Autobiographie erinnert Nelson Mandela daran, dass die Apartheid-Politik in seinem Land und in seinem Volk tiefe und dauerhafte Wunden hinterlassen habe. Viele Jahre, wenn nicht Generationen würden benötigt, aus dem tiefen Schmerz heraus Heilung zu erlangen. Doch ihnen entgeht auch nicht, dass die Wunden und Verletzungen eine unbeabsichtigte Nebenwirkung gehabt haben, dass nämlich die Zeit des Kampfes gegen die Apartheid Menschen von außerordentlichem Mut, Weisheit und Großmut hervorgebracht hat. Er fragt sich, ob es vielleicht solcher Tiefen der Unterdrückung bedürfe, solche Höhen an menschlichem Charakter entstehen zu lassen. Sein Verständnis von menschlichem Reichtum spricht sich in den folgenden Worten aus: „Mein Land ist reich an Erbsen und Edelsteinen, die dicht unter seiner Oberfläche liegen, doch ich habe immer gewusst, dass ihr größter Reichtum in den Menschen liegt, die besser und wahrer sind als die edelsten Diamanten.“[57] Nie, nicht in der Zeit seiner unendlichen Gefangenschaft, hat Mandela die Hoffnung aufgegeben auf den großen Wandel. Dieser sei möglich geworden nicht wegen der großen Helden, sondern wegen des Muts der einfachen Frauen und Männer seines Landes. Mandelas Credo, sein Wissen geht dahin, dass in jedem menschlichen Herz Gnade und Großmut zu finden seien. Niemand werde geboren, um einen anderen Menschen wegen seiner Hautfarbe, seiner Lebensgeschichte oder seiner Religion zu hassen. Liebe empfinde das menschliche Herz viel natürlicher als ihr Gegenteil; gegen das tiefe Gefühl der menschlichen Verbundenheit müsse der Hass erst aufgezwungen werden. Diesem Zwang zu widerstehen, sind menschliches Recht und menschliche Pflicht zugleich. Selbst in den schlimmsten Zeiten in dem Gefängnis, getrieben an seine eigenen Grenzen, hat Mandela einen „Schimmer von Humanität“ bei einem seiner Wärter gesehen, vielleicht nur für eine Sekunde, doch genug, ihn auf ein Weiterleben hoffen zu lassen. Die Güte des Menschen sei eine Flamme, die zwar versteckt, aber nicht ausgelöscht werden könne. Vielleicht würde im Sinne Gandhis hier gesprochen werden können von der menschlichen „Gütekraft“.[58] Mandela verbindet die Verpflichtung gegenüber seiner Familie, seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern mit der Verpflichtung gegenüber seinem Volk, seinem Land: Eine Verpflichtung hin auf die Gründung einer zivilen, humanen Gesellschaft. In Südafrika sei über lange Zeit ein farbiger Mensch, der als menschliches Wesen zu leben versucht habe, gestraft und isoliert worden. In Südafrika sei ein Mensch, der seine Pflicht gegenüber seinem Volk zu erfüllen gesucht habe, aus seiner Familie und seinem Heim gerissen und gezwungen worden, ein Leben in Isolation zu führen, eine zwielichtige Existenz der Geheimhaltung und Rebellion. Mandela entgeht es nicht, dass er zeitweilig auch zu Lasten der Menschen gearbeitet hat, die er am meisten liebte. Frei geboren, erkannte er im Lauf seines Lebens, gerade in seiner Zeit der Gefangenschaft, dass nicht allein er nicht frei war, sondern dass auch seine Brüder und Schwestern nicht frei waren. Er erkannte, dass nicht nur seine Freiheit beschnitten war, sondern auch die Freiheit eines jeden, der aussah wie er. Sein Leben sieht er beseelt von der Sehnsucht nach der Freiheit seines Volkes, in Würde und Selbstachtung zu leben; angesichts dieser Sehnsucht verwandelte sich der junge Mann in einen kühnen, der gesetzestreue Anwalt zu einem Kriminellen, der Ehemann, der seine Familie liebte, in einen Mann ohne Heim und Heimat. Mit diesem bekennenden Wissen ist nicht eine Selbsthervorhebung eigener Tugend oder eigener Selbstaufopferung gemeint; vielmehr hat Mandela gesehen, dass sein Volk nicht frei war und dass Freiheit unteilbar ist: Die Ketten an jedem einzelnen aus seinem Volk waren die Ketten an allen, die Ketten an allen Menschen seines Volkes waren die eigenen.
Trotz der furchtbaren Gefangenschaft und der immer wieder zugefügten Herabsetzungen, der ihm auferlegten Verachtung ist es Mandela gelungen, aus seinem Hunger nach Freiheit für das eigene Volk den Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz, wachsen zu lassen. Das Wissen entstand in ihm, wie er nur irgendetwas wusste, dass der Unterdrücker befreit werden muss wie der Unterdrückte. „Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses, er ist eingesperrt hinter den Gittern von Vorurteil und Engstirnigkeit. Ich bin nicht wahrhaft frei, wenn ich einem anderen die Freiheit nehme, genausowenig wie ich frei bin, wenn mir meine Freiheit genommenen ist. Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt.“[59]
Dieser tiefste Gedanke eines menschlichen Rechts wurde Mandela noch einmal deutlich, als er das Gefängnis verließ. Vor ihn stellte sich seine Aufgabe, beide, den Unterdrücker und den Unterdrückten, zu befreien. Diese Freiheit ist nicht erreicht, stets zu erstreben. Der Zweifel an der Wirklichkeit dieses Rechts bleibt bestehen. Von daher endet die Autobiographie mit den folgenden Worten: „Die Wahrheit ist, wir sind nicht frei; wir haben erst die Freiheit erreicht, frei zu sein, das Recht, nicht unterdrückt zu werden. Wir haben nicht den letzten Schritt unserer Wanderung getan, sondern den ersten Schritt auf einem längeren, noch schwierigeren Weg. Denn um frei zu sein, genügt es nicht, nur einfach die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert. Die wahre Prüfung für unsere Hingabe an die Freiheit hat gerade erst begonnen. Ich bin jenen langen Weg zur Freiheit gegangen. Ich habe mich bemüht, nicht zu straucheln; ich habe während des Weges Fehltritte getan. Doch ich habe das Geheimnis entdeckt, dass man nach Besteigen eines großen Berges feststellt, dass rings viele weitere Berge zu besteigen sind. Ich habe hier für einen Augenblick eine Rast eingelegt, um einen Blick auf die gloreiche Aussicht um mich herum zu werfen, um auf die Wegstrecke zurückzuschauen, die ich heraufgekommen bin. Doch ich kann nur für einen Augenblick rasten, denn mit der Freiheit stellen sich Verantwortungen ein, und ich wage nicht zu verweilen, denn mein langer Weg ist noch nicht zu Ende.“[60]
Fortsetzung folgt
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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