Nature is speaking

Die Natur braucht die Menschen nicht, aber die Menschen brauchen die Natur

NIS_ThunderclapDie Umweltschutzorganisation „Conservation International“  hatte eine wundervolle Idee:

Der Natur eine Stimme geben.

Und zwar die Stimme von bekannten Schauspielern.
Harrison Ford gibt seine Stimme dem Meer.
Julia Roberts ist Mutter Natur.
Kevin Spacey der Regenwald.
Penelope Cruz das Wasser.
Robert Redford der Redwood.
Edward Norten das Erdreich.
Das Projekt Nature is speaking wird durch Spenden finanziert und weitere Filme werden folgen.
Das Manifest:
Nature doesn’t need people. People need nature.
Human beings are part of nature.
Nature is not dependent on human beings to exist.
Human beings, on the other hand, are totally
dependent on nature to exist.
The growing number of people on the planet
and how we live here is going to determine the future of nature.
And the future of us.
Nature will go on, no matter what.
It will evolve.
The question is, will it be with us or without us?
If nature could talk, it would probably say it doesn’t much matter either way.
We must understand there are aspects of how our planet evolvesthat are totally out of our control.
But there are things that we can manage,
control and do responsibly that will allow us
and the planet to evolve together.
We are Conservation International and we need your help. Our movement is dedicated to managing
those things we can control. Better.
Country by country.
Business by business.
Human by human.
We are not about us vs. them.
It doesn’t matter if you’re an American,
a Canadian
or a Papua New Guinean.
You don’t even have to be particularly fond of the ocean or have a soft spot for elephants.
This is simply about all of us coming together to do what needs to be done.
Because if we don’t, nature will continue to evolve. Without us.
Here’s to the future. With humans
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Fehlfunktion in unseren Köpfen

Unser heutiges Weltbild bricht auf allen System-Ebenen auseinander und dadurch häufen sich in großem Ausmaß Thesen, Prognosen und Vorschläge über Systemänderungen für ein zukünftiges Weltbild.
Doch der Mehrheit dieser Thesen, Prognosen und Vorschlägen fehlt allen gemeinsam ein Element das Falko A. Cerny wie folgt ausdrückt:
“Diese enorme Masse von erdrückenden Problemen unserer Zeit sind „lediglich nur” die etlichen verschiedenen Erscheinungsformen eines(!) Kernproblems: des noch immer „ganz normalen” mittelalterlichen Denksystems, das wie ein „Roter Faden” sämtliche Lebensbereiche durchzieht – zwangsläufig – ausnahmslos.”
Oder wie Albert Einstein meinte:
„Probleme lassen sich niemals mit der selben Denkweise lösen,
durch die sie entstanden sind”
Bildschirmfoto-2012-09-13-um-10.56.45Das heißt: Bei jeder Art von Problem und Herausforderung kommt es eben nicht darauf an, etwas anders oder besser tun zu müssen; und die Lösungen liegen eben nicht darin, nur Mittel, Maßnahmen, Methoden und das Handeln zu optimieren – sondern man muss [vorher!] seine Denkweise ändern!
Der Ansatz
Hinterfragen wir [ nach Einstein ] einmal unsere grundsätzliche Denkweise:
Was halten wir für richtig+falsch, für wichtig+unwichtig, wie setzen wir (daraufhin) Prioritäten und treffen (daraufhin) Entscheidungen?
Die Konsequenz
In den Köpfen von rund 90% der Menschen (und zwar überall: in Politik, Wirtschaft, Umwelt und Medizin, über Forschung, Bildung und Erziehung, vom Experten bis zum Otto Normalbürger) dominiert ein völlig falsches, restlos überholtes Denksystem des Mittelalters! Das ist nichts geringeres als…
Eine Erkenntnis mit der Kraft, alles zu verändern! Schlagartig.
Wirkungslose Strategien, Wirtschaftskrisen, Neue Armut, Aggression und Gewalt, Stress, Burnout und Depressionen, Mobbing, Kriminalität, Amokläufe und Selbstmorde, Globalisierung, „Dritte Welt”, Bildungsnot, „Ellbogengesellschaft”, Egoismus, Profitgier und Werteverfall, Massentierhaltung, Umweltzerstörung und Klimawandel, und, und, und…
Diese enorme Masse von erdrückenden Problemen unserer Zeit sind „lediglich nur” die etlichen verschiedenen Erscheinungsformen eines(!) Kernproblems: des noch immer „ganz normalen” mittelalterlichen Denksystems,
das wie ein „Roter Faden” sämtliche Lebensbereiche durchzieht – zwangsläufig – ausnahmslos.
Es geht also eben nicht um die Fragen
„Was können/sollen/müssen wir (noch alles) unternehmen?”
oder
„Was sind wir bereit zu tun?”
Sondern entscheidend ist die Frage

„Sind wir bereit [ erst einmal ] anders zu denken?

Diese Zeilen stammen ebenfalls von Falko A. Cerny aus Mimesis.
Wer tiefer in diese Thematik einsteigen möchte, dem empfehlen wir eindringlich die Websites Mimesis und Wirkung von Falko A. Cerny.
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Was die Zukunft bringt

Von Stephan Wehowsky aus “Journal21″
Der Kapitalismus ist am Ende. Aber was kommt danach? Jeremy Rifkin hat eine Antwort.
Wir leben in einem Meer schlechter Nachrichten. Nicht nur, dass Gewalt zunehmend an die Stelle vorausschauender Politik tritt. Vielmehr ist auch das Wirtschaftssystem aus den Fugen geraten. Schulden wachsen, Volkswirtschaften trudeln, die Massenarbeitslosigkeit frisst die Zukunft der Jugend.
Die neue Solidarität
In Zeiten wie diesen nicht nur einen Silberstreif am Horizont zu sehen, sondern eine geradezu glänzende Zukunft zu prophezeien, erfordert entweder ein extremes Mass an Ignoranz oder umgekehrt einen geradezu genialen Blick. Der Amerikaner Jeremy Rifkin ist vielleicht nicht genial, aber er hat die Gabe, Trends zu erfassen, die anderen entgehen.
Seine neueste These: Wir steuern auf das Ende des Kapitalismus zu, und das ist gut so. Denn nach diesem Ende erwarten uns nicht Chaos und Not, sondern eine solidarische Gesellschaft, in der es keinen Mangel mehr gibt. Wie es dazu kommt? Ganz einfach: Da die Maschinen immer mehr Arbeit verrichten, verursachen Produkte immer weniger Kosten. Damit entfallen aber auch die Gewinne, also das Motiv des unternehmerischen Egoismus. Güter sind nun frei zugänglich, zumal da sie dank der 3-D-Drucker und anderer Technologien von jedem immer einfacher zu produzieren sind.
Lebhafte Debatten
Das ist das Eine. Der zweite Faktor besteht für Rifkin darin, dass dank der modernen Informationstechnik vieles, was man früher teuer erwerben musste, um es zu nutzen, heute sehr billig und einfach geliehen werden kann. Das Internet ist auch zu einer riesigen Tausch- und Verleihagentur geworden. Insgesamt käme die Gesellschaft also mit deutlich weniger Produkten aus. Statt Besitzdenken macht sich nun der Geist des Teilens breit.
Diese neue These Rifkins hat, zuerst in den USA und neuerdings auch in Deutschland, zu lebhaften Debatten angeregt. Der Gedanke, dass wir auf kein Ende mit Schrecken, wohl aber auf ein Ende mit neuer Morgenröte zugehen, ist ebenso faszinierend wie irritierend. Rifkin spricht selbst davon, dass diese Voraussage gegen tief verwurzelte Überzeugungen steht.
Falsche Vorhersagen
Das Problem, das bei Prognosen dieser Art regelmässig übersehen wird, liegt dabei gar nicht in der Prophezeiung Rifkins, sondern in der Frage, ob überhaupt noch irgendwelche Vorhersagen möglich sind. Es geht also gar nicht darum, ob eine Voraussage utopisch anmutet oder nur bestehende Tendenzen in die Zukunft verlängert, also eher konservativ ist. Die Frage nach der Zuverlässigkeit von Prognosen ist keine theoretische Spielerei. Denn Massnahmen von grösster Bedeutung hängen an Vorhersagen. Das prominenteste Beispiel dafür ist die Geldpolitik der internationalen Notenbanken.
Da muss man leider feststellen, dass sich zumindest in den vergangenen Jahren keine einzige Annahme bewahrheitet hat. Und das, obwohl die Wirtschaftswissenschaften in voller Blüte stehen sollten, nimmt man einmal die Nobelpreise als Massstab, von denen gerade jetzt wieder einer “für herausragende Leistungen” verliehen worden ist. Und auch für die Politik gilt: Erwartungen und tatsächliche Verläufe oder Resultate haben, wenn überhaupt, nur höchst selten etwas miteinander zu tun.
Bauch statt Kopf
Die Tatsache, dass Prognosen selten oder nie zutreffen, hat desaströse Folgen. Wenn es keine glaubhaften Prognosen mehr gibt, lassen sich auch keine Ziele mehr angeben, die es anzusteuern gilt. Politiker übernehmen dann keine Führung, sondern moderieren nur noch. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist darin sehr konsequent. Den Massstab ihres Handelns bestimmen Meinungsumfragen, für die sie die teuersten Institute in Anspruch nimmt.
Die Folgen dieses politischen Mangels zeigen sich am Erstarken rechter und populistischer Parteien. Denn wenn es keine glaubwürdig vermittelbaren politischen Ziele mehr gibt, die rational nachvollziehbar sind, treten Emotionen in den Vordergrund, für die alles, was nicht direkt erlebbar ist und Vorteile bringt, sowieso Spinnerei ist.
Access
Gruppendenken, Abgrenzung, Abschliessung sind die Folgen. Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu aberwitzig an, dass Jeremy Rifkin eine Kultur der Empathie und des Teilens anbrechen sieht. Trotzdem ist dieser Mann ein anerkannter politischer Berater und kann sich nicht über mangelnde Wertschätzung beklagen. Wie geht das zusammen?
Für seine neueste Prognose kombiniert Rifkin zwei Gedanken, mit denen er früher schon höchst erfolgreich an die Öffentlichkeit getreten ist. Im Jahr 2000 kam sein Buch, „Access. Das Verschwinden des Eigentums“, heraus. Darin beschrieb er sehr anschaulich einen schon seit Jahrzehnten ablaufenden Prozess. Der besteht darin, dass der unmittelbare Besitz an Produktionsmitteln weniger wichtig ist als der Zugang zu ihnen. So haben die grossen Filmproduzenten in Hollywood konsequent ihre eigenen Studios aufgegeben und ihre eigenen Kameraleute und Techniker entlassen, um Studios und Personal jeweils zu mieten, wenn ein neues Filmprojekt ansteht. Und auch der Normalverbraucher mietet im Zweifelsfall, anstatt immer gleich zu kaufen.
Neue Empfindsamkeit
Genau zehn Jahre später sah Rifkin „Die empathische Zivilisation“ anbrechen. Damit meinte er, dass die Menschheit insgesamt sensibler geworden sei. Die Menschen fühlten sich in ihre Mitmenschen tiefer ein als früher und hätten auch mehr Sinn für die Empfindungen der Tiere. Geschickt nutzte Rifkin für seine Diagnose neueste Ergebnisse der Neurobiologie. Zudem legte er ausführlich dar, dass in den zahllosen Filmen, Büchern und Illustrierten kein Thema so wichtig sei wie die Frage, was Menschen empfinden, wie sie denken und handeln.
Die Prognosen von Rifkin enthalten also einen hohen Anteil an scharfsichtiger Gegenwartsanalyse oder Zeitdiagnostik. Dabei kann man ihm vorhalten, dass er die Tendenzen, die seine These stützen, in grelles Licht taucht, während er das, was nicht dazu passt, in wohltätiges Dunkel hüllt. Aber dieser Einwand liesse sich auch gegenüber anderen profilierten Autoren erheben.
Positive Ressourcen
Gewichtiger sind zwei Probleme. Das eine besteht in einem Grundsatz der Trendforschung: Jeder Trend erzeugt seinen Gegentrend. So kann dem Trend zum Teilen ein Trend zum Besitzen entgegentreten. Das ist ökonomisch zudem einsichtig. Denn was geschieht mit dem Geld, das beim Leihen und Tauschen eingespart wird? Wird man es nicht für exklusive Güter oder Freizeitaktivitäten ausgeben, die zudem den Vorteil haben, das eigene Prestige zu heben?
Und so sehr sich das Internet, die damit verbundenen Technologien und Aktivitäten auch ausbreiten, so wenig lassen sie sich auf das ganze Leben übertragen. Zwar ist es richtig, dass unzählige Menschen unentgeltlich für Open-Source-Projekte arbeiten, Musik, Fotos und Texte teilen und sich in Social Networks engagieren. Aber es bleiben doch eine Menge Arbeiten übrig, die so aufreibend, gefährlich oder unangenehm sind, dass man ohne Bezahlung für sie niemanden findet.
Sind Prognostiker wie Jeremy Rifkin am Ende bloss geschickte Unterhaltungskünstler, ihre Inhalte aber wertlos? Das wäre ein Fehlschluss. Denn es ist sehr wertvoll, Gegenwartsanalytiker zu haben, die nicht nur auf künftige Gefahren und nahende Katastrophen verweisen, sondern auch auf positive Ressourcen aufmerksam machen.
Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft – Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Campus, Frankfurt / New York 2014
Ergänzende Artikel
Wirtschaft ist wie Wetter
Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft
Veröffentlicht unter Éthnos, Bücher, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Hinterlasse einen Kommentar

Energie: Unabhängig von Netz und Markt

Die Energiewende erfordert neue Stromnetze. Wirklich? Götz Warnke zeigt in seinem neusten Buch: Es geht auch ohne Netz.
von Hanspeter Guggenbühl aus “Infosperber”
Die Wende zu einer erneuerbaren Energieversorgung ist langfristig unvermeidlich. Das haben europäische Staaten erkannt. Darum subventionieren sie Strom aus Wind- und Solarkraftwerken durch kostendeckende Einspeisevergütungen (KEV) mit dem Ziel, den ebenfalls subventionierten Strom aus Kohle-, Gas- und Atomkraft zu ersetzen. Diese Subventionsspirale verursachte Überkapazitäten, weil die subventionierten Elektrizitätsproduzenten ihre alten Atom- und Kohlekraftwerke noch möglichst lang auswinden wollen. Resultat: Die Stromschwemme liess und lässt die Preise auf dem europäischen Strommarkt einbrechen.
Neue Energieform kann alte Struktur bewahren
Diese Entwicklung bringt international tätige Stromversorger vorübergehend aus dem Tritt  (siehe «Die Stromproduzenten fahren ins Jammertal»), aber nicht zwangsläufig zu Fall. Denn auslaufende Atom- und Kohlekraftwerke lassen sich durch riesige Windparks und Solarfarmen ersetzen, über leistungsfähige Stromleitungen (Super Grid) mit Industriestandorten oder Pumpspeicher-Kraftwerken verbinden und mit intelligenter Netztechnik (Smart Grid) regeln. An dieser kapitalintensiven Strategie arbeiten Regierungen und Stromwirtschaft, um ihr bisheriges Geschäftsmodell in die Zukunft zu retten.
energie-autarkie-210x300In seinem 2014 veröffentlichten Buch «Wege zur Energie-Autarkie» schreibt dazu der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Götz Warnke: «Für die Energie-Konzerne hat der grosstechnisch-konzentrierte Einsatz der erneuerbaren Energie einen entscheidenden Vorteil: Es ändert sich nur die Energieform (erneuerbar statt fossil), die alten Abhängigkeiten bleiben dagegen erhalten. Die EVU (Energie-Versorgungs-Unternehmen) sind weiterhin die Energie-Erzeuger, die Bürger bleiben die davon abhängigen Verbraucher – die einen liefern und die andern bezahlen die geforderten Preise.»
Strom und Wärme zu Hause ernten
Diesem etablierten Geschäftsmodell stellt Warnke das Konzept «Home-Energy-Harvesting» (Energie zu Hause ernten) entgegen. Sein Modell gründet auf dezentraler Energienutzung mit dem Ziel, Haushalte in Eigenheimen autark, also unabhängig von Netzen und Märkten, mit Energie zu versorgen. Im Hauptteil seines Buches stellt der Autor eine Fülle von Techniken vor, die es erlauben, Energie aus Sonne, Wind, Wasserkraft oder Bewegung zu ernten, zu speichern und für die Selbstversorgung im Haushalt nutzbar zu machen. Dazu gehören «Hauptenergiequellen» wie Fotovoltaik, Solarthermie, kleine Wind- und Mini-Wasserkraftwerke. Der Kleintechnik-Freak listet zudem eine Vielzahl von «Hilfsquellen» auf – bis hin zur Nutzung von Körperbewegungen, die neben Uhren auch andere Kleingeräte antreiben, aber nur einen winzigen Ertrag bringen.
Das Konzept, Energie im und am Haus zu ernten, ist an sich nicht neu: Einige Null- oder sogar Plusenergie-Häuser, die mit Fotovoltaik-Panels auf dem Dach mehr Strom im Jahresverlauf erzeugen als die Elektrogeräte in der Wohnung und die Wärmepumpe im Keller schlucken, gibt es schon heute. Doch die meisten dieser Bauten hängen weiterhin am Stromnetz. Dieses Netz übernimmt temporäre Energieüberschüsse an sonnigen Tagen und liefert Strom nachts sowie an Wintertagen, wenn die Sonne zu wenig Energie liefert.
«Plusenergie» garantiert also keine Autarkie. Darum lehnt Götz Warnke zum Beispiel den Einsatz von Wärmepumpen oder Blockheizkraftwerken ab, selbst wenn der dafür eingesetzte Strom oder das Gas aus erneuerbarer Energie stammt. Als Alternative bevorzugt er solarthermische Anlagen mit Wärmespeichern, allenfalls ergänzt durch kleine Holzöfen, um das Gefälle zwischen Energiemangel im Winter und Überschuss im Sommer auszugleichen.
Autarkie befreit – über die Energie hinaus  
Das «Home-Energy-Harvesting» (HEH) begünstigt neben effizienter Energietechnik  genügsames Verhalten. «Wer sich per HEH selbst versorgt», konstatiert der Autor, «wird sich kaum einen neuen Stromfresser aufschwatzen lassen, der ihn wieder in die Abhängigkeit der Netze treibt.» Diese Befreiung wiederum vermindert den Druck, mit dem Umstieg auf erneuerbare Energie die Stromnetze zum Super Grid aus- und zum Smart Grid umzubauen. Die Befreiung vom Markt ersetzt den freien Zugang zum (Strom-)Markt, den die Liberalisierer als grosse Errungenschaft feiern.
Die Autarkie wirkt damit über die Energie hinaus: Sie fördert die Dezentralisierung der Wirtschaft. Sie beeinflusst die Gesellschaft. Sie vermindert persönliche Abhängigkeiten. Und sie verhindert, dass Netzbetreiber über das intelligente Netz Einblick ins Leben ihrer Kundschaft erhalten und Hacker via Smart-Meter die Stromversorgung lahm legen können. Der Konsument, der seine Energie selber produziert, so schreibt Warnke, «ist frei von Abhängigkeiten gegenüber den grossen Energielieferanten, frei von politischen Entwicklungen in den Energieförderländern, frei von gierigen Finanzministern und Warentermin-Spekulanten.»
Konflikt mit der Siedlungspolitik
Die im Buch propagierte Selbstversorgung mit HEH hat allerdings Grenzen und Haken. Sie konzentriert sich auf Eigenheime, die sich vorwiegend im ländlichen, dünn besiedelten Raum befinden, sowie auf Entwicklungsländer, in denen Stromnetze fehlen. In den Industriestaaten und Schwellenländern aber lebt nur eine Minderheit in Eigenheimen. Zudem ist der Energie-, Rohstoff- und Landverbrauch in der Wohnform Einfamilienhaus überdurchschnittlich hoch. Damit ergibt sich ein Zielkonflikt zwischen der energiepolitisch anzustrebenden Autarkie und der raumplanerisch erwünschten Verdichtung der Siedlungen. Hochhäuser zum Beispiel können sich mit den im Buch beschriebenen Energietechniken nicht autark versorgen.
Braucht es also zwangsläufig ein weiträumiges Energiekonzept, basierend auf Windparks in den Weltmeeren und Solarfarmen in der Sahara, um verdichtete Siedlungen mit Energie zu bedienen? Nicht zwangsläufig. Denkbar ist auch der Mittelweg: Eine Energiestrategie, die vermehrt auf kleinräumiger Vernetzung von Produzenten und Konsumenten besteht. Titelvorschlag: «Wege zur dezentralen Energieversorgung in verdichteten Siedlungen». Das Buch dazu müsste allerdings noch geschrieben werden.
Götz Warnke: «Wege zur Energie-Autarkie», Hamburg 2014. Für 24.90 Euro zu beziehen beim www.warnke-verlag.de.
Originaltext
Veröffentlicht unter Alternative Energie, Éthnos, Bewußtsein, Energie, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Hinterlasse einen Kommentar

Schlaflos im Spätkapitalismus

Wer schläft, der wird zum Verlierer.
Der Kapitalismus duldet kein Ausruhen.
Als permanent Alarmierte und Erreichbare sollen wir den Schlaf soweit es irgend geht abschaffen. Wir sollen auch hier dem Effizienzkalkül unsere Reverenz erweisen.
Doch wer den Schlaf abschaffen will, der schafft auch uns ab, und zwar als Menschen. Er macht uns zur Maschine.
Jonathan Crary empört sich in einem geschliffenen Essay über diese letzte Zumutung des Kapitalismus.
Erstes Kapitel
9783803136534Wer an der nordamerikanischen Westküste lebt, weiß, dass jedes Jahr Hunderte von Vogelarten diesen Kontinentalsockel hinauf- und hinunterziehen. Eine von ihnen ist die Dachsammer. Dieser
Sperlingsvogel fliegt im Herbst von Alaska ins nördliche Mexiko und kehrt im Frühjahr zurück. Anders als andere Vögel besitzt er die ungewöhnliche Fähigkeit, auf seinen Wanderungen sieben Tage lang wach bleiben zu können. Bei diesem jahreszeitlichen Verhaltensmuster kann er nachts fliegen und tagsüber Nahrung suchen, ohne ausruhen zu müssen. Das amerikanische Verteidigungsministerium hat in den letzten fünf Jahren große Summen in die Untersuchung dieser Vögel gesteckt. Mit Regierungsgeldern geförderte Wissenschaftler erforschten an verschiedenen Universitäten, vor allem in Madison/Wisconsin, ihre Gehirnaktivität während dieser langen Perioden der Schlaflosigkeit, um daraus auf Menschen übertragbare Erkenntnisse zu gewinnen.
Man will herausfinden, wie Menschen ohne Schlaf auskommen und gleichzeitig effizient funktionieren können. Das Ziel ist zunächst ganz einfach der schlaflose Soldat, und das Dachsammerprojekt ist nur ein kleiner Teil der breiteren militärischen Anstrengung, zu einer zumindest begrenzten Herrschaft über den Schlaf zu gelangen. Im Auftrag der Forschungsbehörde des Pentagon (DARPA) erproben Wissenschaftler an verschiedenen Instituten Techniken zur Schlafüberwindung, unter anderem durch Neurotransmitter, Gentherapie oder transkranielle Magnetstimulation. Kurzfristig geht es um die Entwicklung von Methoden, durch die ein Kombattant mindestens sieben Tage lang wach bleiben kann, langfristig vermutlich darum, diesen Zeitrahmen wenigstens zu verdoppeln und dabei ein hohes Maß an mentaler und körperlicher Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die vorhandenen Methoden zur Schlafbekämpfung hatten immer kognitive und psychische Ausfallerscheinungen zur Folge (zum Beispiel verminderte Wachsamkeit). Das zeigt sich sowohl beim weitverbreiteten Einsatz von Amphetaminen in den meisten Kriegen des 20. Jahrhunderts als auch in jüngerer Zeit bei Medikamenten wie Modafinil. Das Ziel der Forschung besteht somit nicht darin, Methoden zum Wachhalten zu finden, sondern das körperliche Bedürfnis nach Schlaf zu verringern.
Seit über zwei Jahrzehnten ist die militärische Planungsstrategie der USA darauf ausgerichtet, das
lebendige Individuum aus vielen Teilen der Befehls-, Steuerungs- und Durchführungsabläufe hinaus
zu verlagern. Milliarden fließen in die Entwicklung automatischer oder ferngelenkter Zielsuch- und
Tötungssysteme, was in Pakistan, Afghanistan und anderswo bestürzend deutlich sichtbar wurde.
Trotz der überspannten Forderungen nach neuen Waffengenerationen und der ständigen Hinweise von Militäranalysten auf den Faktor Mensch als »Engstelle« moderner Systemabläufe dürfte aber in
absehbarer Zukunft die Bedeutung großer menschlicher Armeen nicht geringer werden. Die Schlaflosigkeitsforschung lässt sich als Teil eines Versuchs begreifen, die körperlichen Fähigkeiten
von Soldaten an die Funktionalität nichtmenschlicher Apparate und Netzwerke anzunähern. Der
wissenschaftlich-militärische Komplex unternimmt gewaltige Anstrengungen, eine Form
computergestützter Wahrnehmung (»augmented cognition«) zu entwickeln, die viele Arten der
Mensch-Maschine-Interaktion verbessern soll. Gleichzeitig fördert das Militär andere Bereiche der
Hirnforschung, unter anderem die Erfindung einer Droge zur Angstbekämpfung. Es wird Situationen geben, in denen zum Beispiel raketenbestückte Kampfdrohnen nicht einsetzbar sind, sodass man Todesschwadronen von schlafresistenten und angstunempfindlichen Kommandoeinheiten für zeitlich unbefristete Aufträge braucht. Als Teil dieser Bemühungen wurden Dachsammern aus den jahreszeitlichen Rhythmen des pazifischen Küstenmilieus herausgeholt, um zu erkunden, wie ein solches maschinelles Ausdauer- und Effizienzmodell auf den menschlichen Körper übertragen werden kann. Die Geschichte hat gezeigt, dass militärische Innovationen über kurz oder lang auch Aufnahme in allgemeinere soziale Lebensbereiche finden. Der schlaflose Soldat könnte so der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters oder Verbrauchers sein. Anti-Schlaf-Pillen, aggressiv vermarktet von Pharmaunternehmen, könnten zunächst zu einer Lifestyle-Option und schließlich für viele zu einer Notwendigkeit werden.
Durchgehende Öffnungszeiten und die Möglichkeit, rund um die Uhr zu arbeiten oder einzukaufen,
wurden schon längst eingeführt. Nun aber wird ein Mensch geschaffen, der auf diese Verhältnisse
besser eingestellt ist.
Ende der neunziger Jahre kündigte ein russisch-europäisches Raumfahrtkonsortium den Bau und die Stationierung von Satelliten an, die Sonnenlicht auf die Erde reflektieren. Eine Kette von Satelliten mit ausgefalteten Parabolspiegeln aus papierdünnem Material sollte in 1700 Kilometern Höhe in Umlaufbahnen gebracht und mit dem Sonnenstand synchronisiert werden. Bei einem Durchmesser von 200 Metern sollte jeder dieser Spiegelsatelliten ein Gebiet von zehn Quadratmeilen auf der Erdoberfläche mit der fast hundertfachen Helligkeit des Mondes beleuchten. Das Projekt war ursprünglich mit der Absicht entstanden, eine Beleuchtung für die industrielle Nutzbarmachung und extraktive Ausbeutung entlegener Gebiete in Sibirien und im nordwestlichen Russland zu schaffen, wo es lange Polarnächte gibt. Das sollte Außenarbeiten rund um die Uhr ermöglichen. Das Unternehmen erweiterte dann seine Pläne auf eine Nachtbeleuchtung für ganze Stadtregionen. Mit dem Argument der Einsparung von Stromkosten wurde dafür mit dem Slogan »Tageslicht die ganze Nacht« geworben. Sofort regte sich Widerstand von allen Seiten. Astronomen äußerten Bestürzung über die Konsequenzen für die Erkundung des Weltraums durch Bodenobservatorien. Wissenschaftler und Umweltaktivisten prophezeiten physiologische Schäden bei Mensch und Tier, weil das Fehlen regelmäßiger Tag-und-Nacht-Rhythmen verschiedene Stoffwechselvorgänge beeinträchtigen würde, unter anderem den Schlaf. Es gab auch Proteste von kulturellen und humanitären Gruppen, die den Nachthimmel zum menschlichen Gemeingut erklärten. Das Dunkel der Nacht zu erleben und die Sterne zu betrachten, sei ein grundlegendes Menschenrecht, das kein Unternehmen einfach kassieren könne. Falls dies tatsächlich ein Recht oder Privileg sein sollte, ist es für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung schon längst außer Kraft gesetzt worden, da Städte ständig unter einer illuminierten Dunstglocke liegen. Befürworter des Projekts erklärten hingegen, diese Technologie könne den nächtlichen Stromverbrauch senken. Der Verlust des Nachthimmels und seiner Dunkelheit sei ein geringer Preis für den verminderten Energiekonsum. Wie dem auch sei – dieses letztlich unpraktikable Unternehmen ist ein konkretes Beispiel für ein modernes Imaginäres, in dem eine permanente Beleuchtung untrennbar verbunden ist mit dem Nonstop-Betrieb globaler Austausch- und Zirkulationsprozesse. In seinem unternehmerischen Wahn ist es der übertriebene Ausdruck einer vorherrschenden Unduldsamkeit gegenüber allem, was sich verdunkelnd oder verhindernd gegen eine instrumentalisierte, grenzenlose Sichtbarkeit sperrt.
Eine Form der Folter, die seit 2001 bei vielen Opfern außergerichtlicher Überstellung und anderen
Inhaftierten angewandt wurde, war Schlafentzug. Die diesbezüglichen Fakten wurden bei einem
bestimmten Häftling allgemein bekannt, seine Behandlung war aber vergleichbar mit dem Schicksal
von Hunderten anderer, deren Fälle weniger gut dokumentiert sind. Mohammed al-Qahtani wurde
gefoltert nach den Bestimmungen des »Ersten Sonderverhörplans« des Pentagon, unterzeichnet von
Donald Rumsfeld. Zwei Monate lang wurde er fast ständig am Schlafen gehindert und oft
zwanzigstündigen Verhören ausgesetzt. Er wurde in winzige Zellen gesperrt, ausgeleuchtet mit
starken Scheinwerfern und beschallt mit lauter Musik, ohne sich hinlegen zu können. In militärischen Geheimdienstkreisen nannte man diese Gefängnisse »Dark Sites«, Dunkelkammern, während einer der Orte, in denen Al-Qahtani eingekerkert war, den Codenamen »Camp Bright Lights« trug. Das war wohl nicht der erste Schlafentzug, der von Amerikanern oder ihren Verbündeten angewandt wurde. Es ist in mancher Hinsicht irreführend, den Schlafentzug herauszugreifen, weil er bei Mohammed al-Qahtani und vielen anderen nur Teil eines umfassenderen Programms von Schlägen, Demütigungen, Fesselungen und Scheinertränkungen war. Viele dieser »Programme« für außergerichtliche Häftlinge wurden eigens von Psychologen und speziellen Beraterteams zur Verhaltensforschung entwickelt, um gezielt die körperlich-emotionalen Verwundbarkeiten auszunutzen.
Schlafentzug als Folter lässt sich über viele Jahrhunderte zurückverfolgen. Seine systematische
Anwendung fällt aber historisch zusammen mit der Verfügbarkeit von elektrischem Licht und
Lautsprecheranlagen. Er wurde zuerst routinemäßig in den dreißiger Jahren von Stalins Geheimpolizei eingesetzt und war normalerweise der Auftakt für das, was die NKWD-Schergen das »Fließband« nannten – die organisierte Abfolge von Brutalitäten und sinnlosen Gewalttätigkeiten, die Menschen irreparabel verletzen. Diese Prozedur ruft nach relativ kurzer Zeit Psychosen und nach mehreren Wochen neurologische Schäden hervor. Bei Experimenten mit Ratten führt Schlaflosigkeit nach zwei bis drei Wochen zum Tod. Sie verursacht einen Zustand äußerster Hilflosigkeit und Willfährigkeit, in dem man dem Opfer aber keine sinnvolle Information mehr abpressen kann, weil es wahllos alles gestehen oder erfinden würde. Die Verweigerung von Schlaf ist die gewaltsame Enteignung des Selbst durch eine äußere Macht, die planmäßige Vernichtung des Individuums.
Natürlich wurde die Folter schon seit langem von den Vereinigten Staaten direkt oder über ihre
Vasallenregime praktiziert. Das Neue nach dem 11. September ist aber die Leichtigkeit, mit der sie
als ein kontroverses Thema neben anderen ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken konnte. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Amerikaner die Anwendung von Folter unter bestimmten Umständen befürwortet. Dass Schlafentzug Folter sein soll, wird in den herrschenden Medien durchweg bestritten.
Er wird vielmehr als psychologisches Druckmittel angesehen, das vielen genauso akzeptabel erscheint wie die Zwangsernährung hungerstreikender Häftlinge. Wie Jane Mayer in ihrem Buch The Dark Side berichtet, wurde Schlafentzug in Pentagon-Dokumenten zynisch damit gerechtfertigt, dass auch die Elitesoldaten der Navy Seals bei Übungseinsätzen 48 Stunden lang wach bleiben müssen.
Entscheidend ist, dass die Behandlung der »Sonderhäftlinge« in Guantánamo und anderswo explizite Folterpraktiken mit einer vollständigen Kontrolle der sinnlichen Wahrnehmung verbindet. Die Insassen leben in fensterlosen Zellen bei ständiger Beleuchtung. Wenn sie herausgeführt werden, tragen sie Augen- und Ohrenklappen, damit sie weder wissen, ob Tag oder Nacht ist, noch sehen oder hören, wo sie sich aufhalten. Dieses System der sensorischen Deprivation umfasst oft auch die täglichen Kontakte zum Wachpersonal, das ihnen voll bewaffnet mit Handschuhen und Helm gegenübertritt, hinter einem nur halbdurchsichtigen Plexiglasvisier, sodass der Gefangene nie ein menschliches Gesicht, nicht einmal ein Stück Haut sehen kann.
Zu diesen Techniken und Methoden, die eine erschreckende Willenlosigkeit hervorbringen sollen, gehört die Fabrikation einer Welt, die keinerlei Fürsorge, Schutz oder Beistand gewährt.
An dieser besonderen Konstellation aktueller Ereignisse lassen sich einige der vielfältigen Folgen
neoliberaler Globalisierung und westlicher Modernisierungsprozesse ablesen. Ich möchte diesem
Komplex keine besonders signifikante Erklärungskraft zubilligen. Er kann aber als vorläufiger Einstieg dienen, um Licht auf einige Paradoxien der expandierenden kapitalistischen Nonstop Lebenswelt des 21. Jahrhunderts zu werfen – Paradoxien, die von den sich verändernden Verhältnissen zwischen Schlaf und Wachheit, Beleuchtung und Dunkelheit, Recht und Terror ebenso wenig zu trennen sind wie von den Formen der Exposition, Schutzlosigkeit und Verwundbarkeit. Man könnte einwenden, dass ich bestimmte Ausnahme- oder Extremfälle herausgreife. Wenn dem so ist, sind sie aber nicht ohne Bezug zu dem, was sich andernorts zu normalen Bedingungen entwickelt hat. Eine dieser Bedingungen lässt sich als die allgemeine Einordnung menschlichen Lebens in eine ununterbrochene Zeitdauer bezeichnen, die dem Prinzip permanenten Funktionierens gehorcht. Es ist eine Zeit, die nicht mehr vergeht, jenseits der Uhrzeit.
Hinter dem platten Slogan 24/7 verbirgt sich eine statische Redundanz, die ihr Verhältnis zu den
rhythmischen Periodisierungen des menschlichen Lebens verleugnet. Er beschwört das künstliche,
eintönige Bild einer 7-Tage-Woche im 24-Stunden-Takt, das die Entfaltung vielfältigen oder
kumulativen Erlebens verhindert. Man könnte zum Beispiel nicht einfach 24/365 sagen, weil dies die unbequeme Vorstellung einer größeren Zeitspanne ermöglichen würde, in der sich etwas verändern könnte, in der es unvorhergesehene Ereignisse gibt. Wie ich eingangs sagte, arbeiten schon seit Jahrzehnten viele Institutionen in der entwickelten Welt rund um die Uhr. Erst jetzt aber wird die persönliche und soziale Identität so umgeformt, dass sie mit der ununterbrochenen Tätigkeit der Märkte, Informationsnetze und anderer Systeme in Einklang gebracht wird. Ein 24/7 Milieu sieht aus wie eine soziale Welt, ist aber ein nichtsoziales Modell mechanischen Funktionierens, eine Aufhebung des Lebendigen, die nicht verrät, auf wessen Kosten seine Betriebsamkeit geht. Es unterscheidet sich von dem, was Lukács und andere im frühen 20. Jahrhundert als die leere, gleichförmige Zeit der Moderne erkannten, von der metrischen oder kalendarischen Zeit der Nationen, Finanzen und Industrien, aus der persönliche Hoffnungen oder Pläne verbannt waren. Das Neue ist die radikale Preisgabe jedweden Anspruchs, Zeit mit langfristigen Unternehmungen oder auch nur mit Vorstellungen von »Fortschritt« oder Entwicklung zu verbinden. Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels.
24/7 ist eine Zeit der Gleichgültigkeit, der gegenüber die Fragilität menschlichen Lebens zunehmend inadäquat wird, eine Zeit, in der der Schlaf nicht länger notwendig oder gar unvermeidlich ist. Sie lässt die Vorstellung eines Arbeitens ohne Pause, ohne Ende plausibel, ja normal erscheinen. So verbindet sie sich mit dem Unbelebten, Inerten oder Alterslosen. Als plakative Mahnung ordnet sie die absolute Verfügbarkeit an, weckt ununterbrochen neue Bedürfnisse, die aber beständig unerfüllt bleiben. Die fehlende Einschränkung des Konsums ist keine nur zeitliche. Wir sind längst über die Epoche hinaus, in der vor allem Dinge akkumuliert wurden. Unsere Körper und Identitäten nehmen heute eine immer größere Menge von Dienstleistungen, Bildern, Verfahren oder Chemikalien auf, bis hin zu einem toxischen und oft tödlichen Übermaß. Das langfristige Überleben des Individuums steht immer zur Disposition, wenn die Alternative auch nur indirekt die Möglichkeit einräumen könnte, dass der Fortgang des Shoppens oder der Vermarktung unterbrochen werden könnte. Auf diese Weise ist das 24/7-Modell, das mit seiner Verkündung der ständigen Verausgabung, der unablässigen Vergeudung zum Zwecke seiner Selbsterhaltung letztlich die Kreisläufe und zeitlichen Rhythmen des ökologischen Gleichgewichts sprengt, untrennbar verbunden mit der Umweltkatastrophe.
Der Schlaf in seiner tiefen Nutzlosigkeit und Passivität, mit den von ihm verursachten, unkalkulierbaren Verlusten in der Zeit der Produktion, Zirkulation und Konsumtion, wird mit den Ansprüchen einer 24/7-Welt stets kollidieren. Der gewaltige Teil unseres Lebens, in dem wir schlafen, befreit von einer Vielzahl vorgespiegelter Bedürfnisse, besteht als eines der großen menschlichen Ärgernisse für die Gefräßigkeit des heutigen Kapitalismus fort. Schlaf ist die kompromisslose Unterbrechung der uns vom Kapitalismus geraubten Zeit. Die meisten der scheinbar unhintergehbaren Notwendigkeiten menschlichen Lebens – Hunger, Durst, sexuelles Begehren und neuerdings auch das Bedürfnis nach Freundschaft – wurden in Waren- oder Geldform verwandelt.
Schlaf aber bedeutet die Idee eines menschlichen Bedürfnisses und Zeitintervalls, das sich nicht von einer gewaltigen Profitmaschinerie vereinnahmen oder einspannen lässt, das eine sperrige Anomalie bleibt, ein Krisenherd in der globalen Gegenwart. Trotz aller wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet durchkreuzt und vereitelt er alle Strategien, ihn nutzbar zu machen und umzugestalten. Das Verblüffende, das Unbegreifliche ist, dass sich nichts Verwertbares aus ihm herausholen lässt.
Es sollte nicht überraschen, dass der Schlaf heute allenthalben beeinträchtigt wird, wenn man bedenkt, um was es wirtschaftlich geht. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat es beständig Einschnitte in die Zeit der Nachtruhe gegeben – der nordamerikanische Durchschnittsbürger schläft heute etwa sechseinhalb Stunden, gegenüber acht Stunden noch vor einer Generation und (man glaubt es kaum) zehn Stunden zu Beginn des Jahrhunderts. Die bekannte Formel »Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens im Schlaf« schien Mitte des 20. Jahrhunderts eine axiomatische Gewissheit zu sein – eine Gewissheit, die immer fraglicher wird. Schlaf ist die allgegenwärtige, aber unbemerkte Reminiszenz einer nie vollständig überwundenen Prämoderne, der ländlichen Welt, die vor vierhundert Jahren zu versinken begann. Sein Ärgernis ist die Einbettung unseres Lebens in den rhythmischen Wechsel von Sonnenlicht und Dunkelheit, Tätigkeit und Ruhe, Arbeit und Erholung, der ansonsten ausgelöscht oder stillgestellt wurde. Natürlich hat auch der Schlaf eine Geschichte wie alles, was als natürlich gilt. Er war nie monolithisch oder unwandelbar, er nahm über die Jahrhunderte und Jahrtausende vielfältige Gestalten und Formen an. Marcel Mauss, der sich in den dreißiger Jahren mit Schlafen und Wachen in seiner Studie über »Techniken des Körpers« beschäftigt hat, zeigt, dass scheinbar instinktive Verhaltensmuster in allen erdenklichen Formen durch Nachahmung oder Erziehung erworben wurden.
Trotzdem darf man annehmen, dass in der breiten Vielfalt vormoderner Agrargesellschaften entscheidende Merkmale des Schlafs dieselben blieben.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts begann der Schlaf die feste Stellung zu verlieren, die er noch in
aristotelischen oder Renaissancekontexten besessen hatte. Seine Unvereinbarkeit mit modernen
Produktivitäts- und Rationalitätsbegriffen wurde konstatiert, und Descartes, Hume oder Locke waren nur einige der Philosophen, die den Schlaf wegen seiner Irrelevanz für Verstand und Erkenntnis in Misskredit brachten. Er wurde abgewertet angesichts der Hochschätzung von Bewusstsein und Willenskraft, von Nützlichkeit, Objektivität und eigennütziger Tätigkeit. Für Locke war er eine bedauerliche, wenngleich unvermeidliche Unterbrechungder gottgewollten menschlichen Priorität, arbeitsam und verständig zu sein. Schon im ersten Absatz von Humes Treatise on Human Nature wird Schlaf als Beispiel für Hindernisse der Erkenntnis in einen Topf mit Fieber und Wahnsinn geworfen.
Mitte des 19. Jahrhunderts wird das asymmetrische Verhältnis von Schlafen und Wachen in
hierarchischen Modellen begriffen, wenn der Schlaf als Regression in einen niederen, primitiveren
Zustand gilt, der eine höhere, komplexere Denktätigkeit hemmt. Schopenhauer ist einer der wenigen Philosophen, die diese Hierarchie umkehren, wenn er sagt, dass wir nur im Schlaf zum »eigentlichen Kern des Lebens« vordringen.
In vielerlei Hinsicht muss man den unsicheren Status des Schlafs auf die Dynamik einer Moderne
beziehen, die jede Organisation der Wirklichkeit in binäre Gegensätze zunichte gemacht hat. Die
homogenisierende Kraft des Kapitalismus ist unvereinbar mit der inneren Differenzierung in Heiliges und Profanes, Karneval und Alltag, Natur und Kultur, Maschine und Organismus. Alle fortbestehenden Begriffe von Schlaf als etwas Natürlichem werden inakzeptabel. Zwar werden Menschen nach wie vor schlafen. Auch brodelnde Megastädte werden nachts Phasen relativer Ruhe haben. Schlaf ist aber heute eine Erfahrung, die nicht mehr als eine Naturnotwendigkeit gilt. Wie vieles andere auch wird er als eine variable, aber kontrollierbare Funktion aufgefasst, die sich nur instrumentell und physiologisch bestimmen lässt. Neuere Forschungen zeigen, dass die Zahl der Menschen exponentiell zunimmt, die nachts ein- oder mehrmals aufstehen, um ihre Mails oder Daten zu checken. Eine scheinbar unlogische, aber verbreitete Bezeichnung ist der »Schlafmodus« (sleep mode) technischer Geräte.
Der Begriff eines energiesparenden Bereitschaftszustands lässt den umfassenderen Sinn von Schlaf zum bloß verzögerten oder verminderten Zustand der Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit werden. Er verdrängt das »Ein/Aus«-Prinzip. Nichts ist mehr richtig »aus«. Nie gibt es einen wirklichen Schlafmodus.
Schlaf ist die irrationale, unannehmbare Bestätigung der Tatsache, dass lebendige Wesen mit den
vermeintlich unwiderstehlichen Kräften der Modernisierung nicht grenzenlos kompatibel sind. Es
gehört heute zu den Gemeinplätzen kritischen Denkens, dass es keine Naturkonstanten gibt – nicht
einmal den Tod, wenn man den Vorhersagen glaubt, dass wir unsere Verstandesdaten bald abspeichern können, um digital unsterblich zu sein. Dass Lebewesen sich von Maschinen durch entscheidende Merkmale unterscheiden, sei eine naive Selbsttäuschung, teilen uns bekannte Theoretiker mit. Wer sollte etwas dagegen haben, wenn man dank neuartiger Pillen hundert Stunden lang durcharbeiten kann? Würde nicht eine flexible und reduzierte Schlafdauer mehr persönliche Freiheit bedeuten, die Möglichkeit, sein Leben mit individuellen Bedürfnissen und Wünschen besser in Einklang zu bringen? Würde nicht weniger Schlaf die Chancen erhöhen, »sein Leben voll auszuleben«? Man könnte einwenden, dass Menschen nachts schlafen müssen, dass unser Körper auf die tägliche Erdumdrehung eingestellt ist und dass in fast jedem Organismus periodische und sonnenreaktive Verhaltensweisen auftreten. Diese Einwände würden vermutlich als New-Age-Spinnereien oder, schlimmer noch, als ominöse Sehnsüchte nach heideggerianischer Erdverbundenheit abgetan. Im neoliberal-globalistischen Denken ist Schlafen nur etwas für Verlierer.
Im 19. Jahrhundert, nach den schlimmsten Auswüchsen der Industrialisierung, kamen Fabrikmanager, wie Anson Rabinbach in seiner Arbeit über die »Ermüdungswissenschaft« gezeigt hat, zu der Erkenntnis, dass es profitabler ist, wenn man den Arbeitern kleinere Ruhezeiten gewährt, damit sie auf längere Sicht effizienter und ausdauernder sind. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jedoch und bis in die Gegenwart, mit dem Zusammenbruch kontrollierter oder gemilderter Formen des Kapitalismus in Europa und den Vereinigten Staaten, gibt es für Ruhe und Erholung als Komponenten von Wirtschaftlichkeit und Wachstum keine innere Notwendigkeit mehr.
Ruhe- und Erholungszeit ist einfach zu kostspielig geworden, um im heutigen Kapitalismus strukturell möglich zu sein.
„24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus“; Verlag Klaus Wagenbach ISBN 978-3-8031-3653-4
Veröffentlicht unter Éthnos, Bücher, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, René´s Notizen, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | Ein Kommentar

Globalisierte Barbarei

Ein Versuch, das Phänomen „Islamischer Staat“ zu begreifen.

von Tomasz Konicz aus “Streifzüge”
Auf ein Neues! Wieder einmal mobilisiert der Präsident der USA eine Koalition der Willigen, um gegen „Das Böse“ (SPON) zu Felde zu ziehen. Diesmal ist es die Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS), die in einem dreijährigen Feldzug niedergerungen werden soll, in dessen erster Phase die US-Airforce ihre Luftschläge auch auf Syrien ausweiten wird. Zugleich fordert das Weiße Haus vom Kongress die Kleinigkeit von 500 Millionen US-Dollar, um „moderate syrische Rebellen zu trainieren und zu bewaffnen“, wie Reuters berichtete.
Dieses Vorgehen weckt Erinnerungen an eine frühere Phase des syrischen Bürgerkrieges, als westliche Geheimdienste in trauter Gemeinsamkeit mit den fundamentalistischen Golfdespotien wie Saudi-Arabien die syrische Opposition unterstützten, aus der neben einer Vielzahl anderer islamistischer Milizen auch der Islamische Staat hervorging. Und selbstverständlich dominieren eben auch innerhalb der syrischen Oppositionsbewegung fundamentalistische Gruppierungen, die sich in Konkurrenz zum Islamischen Staat befinden und diesen bekämpfen.
Eine der wichtigsten syrischen Rebellengruppen stellt etwa die fundamentalistische Allianz Islamische Front dar, deren Führer Hassan Abboud jüngst bei einem mutmaßlich vom IS durchgeführten Attentat getötet wurde. Die Islamische Front stellt das größte Kontingent innerhalb der syrischen Rebellen dar – und sie verfügt über enge Kontakte zur Dschihadistengruppe al-Nusra.
Selbst dieser syrische Al-Kaida Ableger, die Jabhat al-Nusra, bemüht sich seit einer schweren Niederlage gegen den IS, durch Freilassungen von US-Geiseln sich vom Islamischen Staat zu distanzieren. Konsequenterweise werden diese „moderaten“ Rebellen künftig ihre militärische Ausbildung auf dem Territorium der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien absolvieren.
Um es klar auszusprechen: Der Westen ist mal wieder dabei, Islamisten zu bewaffnen, um Islamisten zu bekämpfen – und nebenbei seine geopolitischen Interessen zu verfolgen, die im Falle Syriens auf den Sturz des Assad-Regimes abzielen. Es stellt sich nur noch die Frage, welche Dschihadisten-Truppe, die jetzt noch als Teil der „moderaten Opposition“ gilt, in wenigen Jahren abermals außer Kontrolle gerät und vermittels militärischer Interventionen ausgeschaltet werden muss. Der Westen gleicht in seinem Windmühlenkampf gegen den islamischen Fundamentalismus dem berüchtigten Zauberlehrling, der die Geister, die er zwecks geopolitischer Instrumentalisierung in der vom Staatszerfall ergriffen Region herbeirief, nun nicht mehr loswird.
Dabei ist es nicht nur die westliche Geopolitik, die den Dschihadisten Auftrieb verschafft. Westliche Länder fungieren auch als wichtige Rekrutierungsfelder für den IS. Rund 3000 Dschihadisten aus Westeuropa, den USA, Kanada und Australien sollen amerikanischen Medienberichten zufolge in den Reihen des Islamischen Staates kämpfen. Von den rund 31.500 Kämpfern, die sich diesem Terrorgebilde angeschlossen haben sollen, ist insgesamt rund ein Drittel im Ausland – zumeist vermittels einer ausgefeilten Anwerbungskampagne – rekrutiert worden.
Ein in den kurdischen Autonomiegebieten Syriens gefangen genommener Selbstmordattentäter des IS berichtete gegenüber Medienvertretern von einem beständigen Zustrom von Dschihad-Touristen aus aller Welt, die sich den Kampfverbänden dieser Terrorarmee anschließen würden:
„Dort sind Nationalitäten aus aller Welt vertreten. Es sind viele Briten darunter. Sie kommen aus asiatischen Ländern, aus Europa und Amerika. Sie kommen von überall her.“
Der IS stellt somit gewissermaßen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverbänden und „Stämmen“ hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. Deswegen massakriert der Islamische Staat nicht nur „Ungläubige“, sondern auch Sunniten, die sich dieser Fremdherrschaft zu widersetzen wagen. An die 700 Mitglieder eines sunnitischen Sippenverbandes in Ostsyrien wurden von dem IS Mitte August buchstäblich abgeschlachtet, nachdem deren Stammesführer den Dschihadisten die Gefolgschaft verweigerten.
Worin aber besteht das Wesen dieser „Fremdherrschaft“, die eine – zumindest in ihrer Führungsriege – größtenteils zugereiste Dschihadistentruppe in dieser Zusammenbruchsregion zu errichten trachtet? Das, was sich im Zweistromland in Gestalt des IS materialisiert, ist eine bitterböse Karikatur, ein Negativ der effizientesten Organisationsform, die der Spätkapitalismus hervorgebracht hat: der transnationalen Großkonzerne. Der Islamische Staat stellt eine hocheffiziente „Geldmaschine“ (Bloomberg) dar, die durch Einnahmen aus Ölschmuggel und sonstigen Geschäftsfeldern der Organisierten Kriminalität einen permanenten „Strom von Geldzuflüssen“ erzeugen konnte. „Der Islamische Staat ist wahrscheinlich die vermögendste Terrorgruppe, die wir jemals kennengelernt haben“, erklärte ein US-Analyst gegenüber Bloomberg.
Dieser Terrorkonzern, der regelrechte „Geschäftsberichte“ publiziert, verfügt über eine hocheffiziente interne Befehlsstruktur und eine sehr effektive Militärmaschine, er unterhält eine professionelle Public-Relations-Abteilung, die sich sehr erfolgreich der Rekrutierung neuer Mitglieder widmet – und er übt sich im „Lean Management“ der eroberten Gebiete, deren Verwaltung lokalen Würdenträgern überlassen wird, sofern sie dem „Kalifat“ Treue schwören und Gefolgschaft leisten. Die internationalen Verflechtungen dieser dschihadistischen „Geldmaschine“ beschränken sich nicht nur auf deren Mitgliederstruktur, auch die Anschubfinanzierung des IS erfolgte über internationale Finanzzuwendungen reicher Sponsoren aus den Golfstaaten.
Der wichtigste Unterschied zwischen dem global agierenden Konzern und dem Islamischen Staat besteht darin, dass für die transnationalen Konzerne die Akkumulation von Kapital den Selbstzweck ihrer gesamten Tätigkeit bildet. Alle Verwüstungen und Zerstörungen, die der Spätkapitalismus den Menschen und der Umwelt antut, bilden nur Nebenprodukte des blinden und uferlosen Strebens nach Kapitalverwertung, worin der irrationale Kern der kapitalistischen Produktionsweise nun einmal besteht. Für den Islamischen Staat stellt die Kapitalakkumulation hingegen nur ein Mittel zu einem anderen irrationalen Zweck dar, der in einem möglichst effizienten Vernichtungs- und Zerstörungswerk besteht. Nichts anderes stellen die besagten „Geschäftsberichte“ des IS dar, es sind Auflistungen der erfolgreichen Terroroperationen dieses „Unternehmens“. Die implizite Tendenz zur Selbstzerstörung, die dem Kapitalismus innewohnt, tritt beim IS somit offen zutage, sie wird explizit.
Der Islamische Staat nutzt somit die effektivsten Organisationsformen und rationellsten Methoden, die der krisengeplagte Spätkapitalismus hervorbrachte, um ein irres, ein wahnsinniges Ziel zu verfolgen: die buchstäbliche Auslöschung aller Ungläubigen. Spätestens hier wird eine Parallele zu dem bisher größten Zivilisationsbruch der Weltgesichte, dem Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus, offensichtlich. Auch die Nazis bedienten sich der damals modernsten Organisationsformen und Methoden, um mit Auschwitz eine fordistische Todesfabrik zu erschaffen, deren fließbandartig hergestelltes „Produkt“ in dem aus den Krematorien aufsteigenden Rauch verbrannter Menschenleiber bestand. So wie die Nazis im rassistischen Wahn eine effiziente negative Fabrik der Menschenvernichtung errichteten, um die Welt von Juden, Roma, slawischen Untermenschen oder Bolschewisten zu „säubern“, so konstituiert sich der IS in der Organisationsform eines negativen Konzerns, um sein irres Ziel eines religiös reinen Weltkalifats zu verfolgen. Die instrumentelle Rationalität und ökonomistische Vernunft des westlichen Kapitalismus, die zwecks effizientester Kapitalakkumulation immer weiter vervollkommnet wird, schlägt so in den Händen des IS in nackte Barbarei um.
Im Terrorkonzern, den der Islamische Staat errichtet, spiegelt sich somit die krisenhafte Irrationalität kapitalistischer Vergesellschaftung. Inzwischen scheinen sich erste Franchisenehmer auf dem globalisierten Terrormarkt einzufinden, die das massenmörderische Erfolgsrezept des IS zu kopieren versuchen. Eine zweite Welle der Globalisierung der dschihadistischen Barbarei setzt ein. Die „wachsende Popularität“ des IS in Südostasien könnte langfristige Sicherheitsbedrohungen nach sich ziehen, warnte etwa Aljazeera Mitte Juli. Tatsächlich hat sich auf den Philippinen kürzlich die Terrorgruppe Abu Sayyaf dem Islamischen Staat angeschlossen. Die westafrikanischen Dschihadisten der Boko Haram, die laut Neewsweek ein „Territorium von der Größe Irlands“ kontrollieren, bemühen sich ebenfalls, mit der Ausrufung ihres afrikanischen „Kalifats“ das Vorgehen des IS zu imitieren.
Um was konkurrieren die Terrorgruppen auf dem globalen Terrormarkt? Neben den Finanzzuwendungen vermögender Sponsoren aus den Despotien der arabischen Halbinsel ist es vor allem die Ware, die der Spätkapitalismus im Überfluss ausscheidet: Menschen. Viele der spektakulären Angriffe und Aktionen des IS – wie etwa die kurzfristige Okkupierung der Talsperre bei Mossul – zielen gerade auf einen propagandistischen Effekt ab, mit dem die Rekrutierung neuen Menschenmaterials beschleunigt werden soll. Mit Erfolg, wie eine US-Studie belegt. Demnach haben insbesondere die afghanischen Taliban, die unter enormen militärischen Druck geraten sind, einen herben Exodus ausländischer Kämpfer verzeichnen müssen, die nun gen Syrien und Irak aufbrechen, um sich den dortigen Dschihadisten anzuschließen:
„Kämpfer aus Usbekistan, China und Tschetschenien haben kaum Chancen, in ihre Heimatländer zurückzukehren, aber sie wissen, dass sie in Syrien und dem Irak willkommen sind, wo Jabhat al-Nusra und der Islamische Staat gegen den syrischen Präsidenten Assad, gegeneinander, und im Falle des Islamisches Staates gegen Kurden, Irakis und sogar den Iran kämpfen.“
Es ist ein Eingeständnis des völligen Scheiterns des brutalen westlichen „Krieges gegen den Terror“, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden geführt wurde. Nach rund 13 Jahren hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gotteskämpfern herausgebildet, deren Heimat der „Heilige Krieg“ ist. Im Gegensatz zum global agierenden Al-Kaida-Netzwerk ist diese neue Generation von Dschihadisten aber bemüht, in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes Territorien zu erobern und zu halten, um ihr Wahngebilde eines weltumspannenden Kalifats zu verwirklichen.
Zurückgreifen kann der in Geld schwimmende Islamische Staat dabei auf die Heerscharen ökonomisch „überflüssiger“ junger Männer, die in der Peripherie – und zunehmend auch in den Zentren – des kapitalistischen Weltsystems ein marginalisiertes und elendes Dasein fristen. Ein Sold von wenigen Hundert US-Dollar im Monat und die Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies reichten in vielen Fällen aus, um diese perspektivlosen Menschen, die in der Hölle zerfallender Staaten und Gesellschaften vegetieren, zum Beitritt in die Reihen des IS zu motivieren.
Doch was veranlasst Tausende Muslime aus dem Westen, sich dem dschihadistischen Terrornetzwerken anzuschließen? Eine Studie des Verfassungsschutzes, in der die Lebensläufe der knapp 400 aus Deutschland in den „Heiligen Krieg“ gezogenen Islamisten beleuchtet wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass sich größtenteils marginalisierte Muslime den Dschihadisten angeschlossen haben. Einer geregelten Beschäftigung gingen nur 12 Prozent dieser Gotteskrieger nach, die überwältigende Mehrheit hiervon war im Niedriglohnsektor beschäftigt. Nur sechs Prozent hatten eine Ausbildung absolviert, zwei Prozent ein Studium. Rund ein Drittel dieser Islamisten war schon zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten, größtenteils im Zusammenhang mit gettoüblicher Kleinkriminalität. Bei der Mehrheit der Ausgereisten handelte es sich somit um Angehörige der Unterschicht, die unter prekären Lebensbedingungen in den informellen Ausländergettos der BRD ein marginalisiertes Leben am Rande der Legalität fristen – bis sie in die Fänge der Salafistenszene geraten. Bezeichnend ist etwa, dass nur in 23 Prozent der Fälle die Eltern dieser Gotteskrieger einen fundamentalistischen Islam praktizierten. Ein Paradebeispiel für eine solche Karriere vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger stellt der Rapper Denis Cuspert dar, der inzwischen in den engeren Führungszirkel des IS aufgestiegen sein soll.
Es sind somit gerade keine traditionsbehafteten Muslime, die da in den Terrorkrieg ziehen, wie auch Tarfa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, in einem Interview mit Radio Free Europe erläuterte. Es gebe eine Reihe von Faktoren, auf die die Rekrutierungserfolge des IS in Europa zurückzuführen seien, so Baghajati:
„Am beachtenswertesten ist erstens, dass die jungen Leute, die sich diesen Gruppen anschließen, zuvor keine starken Bindungen an den Islam und andere Muslime hatten. Sie haben nie Moscheen besucht und einige von ihnen wussten zuvor gar nicht, wie man betet. Deswegen ist ihre religiöse Erfahrung sehr stark emotionsgeladen. … Der zweite Faktor besteht darin, dass diese jungen Menschen sich nicht als Teil der westlichen Gesellschaft sehen. Sie haben es nicht vermocht, sich positiv einzubringen. Zudem gibt es auch Diskriminierung und indirekte Verfolgung gegen den Islam und Muslime, die unter dem Begriff Islamophobie zusammengefasst wird.“
Die vom IS rekrutieren Muslime aus den Westen sehen sich nicht als Teil dieser Gesellschaften, weil sie es nicht sind, weil sie durch ökonomische Marginalisierung und zunehmenden Rassismus von der kriselnden kapitalistischen Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen sind. Der europaweit krisenbedingt zunehmende Rassismus und Rechtsextremismus, der sich in den Wahlerfolgen der AfD, der britischen UKIP oder des französischen Front National manifestiert, zielt ja letztendlich auf den ökonomischen Ausschluss derjenigen Gruppen, die nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ verstanden werden („Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“). Der Rechtsextremismus, der den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen propagiert, stellt somit eine ideologische Waffe im krisenbedingt zunehmenden Konkurrenzkampf dar. Es verwundert somit nicht, dass der IS das europaweit größte Kontingent an Kämpfern in Frankreich, im krisengeplagten Land der Banlieues und des Front National, rekrutieren konnte.
Die Hinwendung zum extremistischen Islam unter europäischen Muslimen stellt somit eine Parallelentwicklung zu dem krisenbedingt zunehmenden Rechtsextremismus in Europa dar. Der militante und terroristische Dschihadismus stellt letztendlich eine religiös verbrämte Modifikation des Rechtsextremismus, eine Art postmodernen und globalisierten Klerikalfaschismus dar. Während im Westen die nationale Identität als ein Nährboden dient, aus dem rechtsextreme und faschistische Ideologien erwachsen, fungiert im arabischen Kulturkreis die Religion als eben dieser Nährboden, der Vernichtungsfantasien hervorbringt. Die Kategorie der Rasse, die in Europa die faschistische Vernichtungswut befeuerte, wurde im klerikalfaschistischen Dschihadismus durch die Kategorie des „Ungläubigen“ ersetzt.
Sowohl der Islamismus wie der europäische Rechtsextremismus stellen zudem einen Extremismus der Mitte dar, der die in der Gesellschaft dominierenden ideologischen Vorstellungen und Anschauungen ins geschlossene weltanschauliche Extrem treibt. Im Fall des Islamismus ist es die Religion, die in der „Mitte“ der arabischen Gesellschaften eine hegemoniale Stellung einnimmt, beim Rechtsextremismus ist es die längst zu einem ökonomistischen Standortdenken mutierte nationale Identität, die ins Extrem getrieben wird. Beide Ideologien können zudem als postmodern bezeichnet werden, da sie einen ideellen Ausfluss der Krise und des Scheiterns der kapitalistischen Moderne darstellen.
Der islamistische „Extremismus der Mitte“ kann letztendlich auch als eine Abart des Klerikalfaschismus begriffen werden. Faschismus – ob nun der deutsche Nationalsozialismus, Francos katholischer Faschismus in Spanien oder die faschistische Diktatur Pinochets in Chile – stellt eine offen terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft dar. Rechtsextreme und faschistische Tendenzen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn die bürgerlich-liberale kapitalistische Gesellschaft in eine ökonomische oder politische Krise gerät, die das Fortbestehen des Gesamtsystems gefährdet oder auch nur zu gefährden scheint (Weltwirtschaftskrise 1929, Sieg der Volksfront 1936 in Spanien oder Allendes Wahlerfolg 1970 in Chile).
Ob nun in Europas Metropolen oder in den Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes – der Konstitutionsprozess des rassistischen wie des klerikalen Rechtsextremismus verläuft in sehr ähnlichen Bahnen. In Reaktion auf Krisenerschütterungen, auf das Auseinanderbrechen der bestehenden Gesellschaftsordnung setzt oftmals eine verstärkte Identitätsproduktion in den betroffenen Gesellschaften ein. Wenn alles in Fluss, in Unordnung gerät, suchen die autoritär disponierten Individuen Halt – und den finden sie nur noch in der Identität, in dem, was sie scheinbar sind: Deutscher, Franzose, Sunnit, Schiit. Die Angst vor der Zukunft und den unverstandenen Umbrüchen führt zu einer Sehnsucht nach früheren, als idyllisch imaginierten Gesellschaftszuständen; sei es der rassereine Nationalstaat oder das frühmittelalterliche Kalifat.
Der große Selbstbetrug bei dieser Hinwendung zur Identitätspolitik besteht selbstverständlich darin, dass diese Identitäten sich ja nur in Wechselwirkung mit der kriselnden kapitalistischen Gesellschaft konstituieren und somit nur identitärer Ausdruck des spätkapitalistischen Krisenprozesses sind. Das, was unter „deutscher Identität“ in der gegenwärtigen Deutschland AG landläufig verstanden wird, hat recht wenig zu tun mit den Deutschlandvorstellungen des frühen Kaiserreichs oder gar mit denen der Paulskirchenversammlung. Dasselbe gilt für den Islam, der gerade im frühen Mittelalter oftmals viel toleranter war, als es die gegenwärtigen Gotteskrieger und postmodernen Kalifatsbauer je wahrhaben möchten. Es reicht hier, etwa daran zu erinnern, dass die Juden Spaniens gerade in der Frühphase der maurischen Herrschaft (von 711 bis zum Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba 1031) weitgehende Religionsfreiheit und Rechtssicherheit genossen; vertrieben wurden sie erst durch die „Katholischen Könige“ nach der endgültigen Reconquista 1492.
Die gegenwärtige krisenbedingte Hinwendung zur nationalen oder religiösen Identität, die als ein ahistorisches und unabänderliches Kontinuum halluziniert wird, geht fast immer mit einer autoritären Charakterstruktur bei den betroffenen Personen einher. Der postmoderne Islamist unterwirft sich genauso blind der rigiden Koranauslegung, wie es die postmodernen Rechtsparteien mit den geheiligten Gesetzen des Marktes und des Kapitalkultes (in Gestalt der zum Wirtschaftsstandort verkommenen Nation) praktizieren. In beiden Fällen führt die Unterwerfung zum Hass auf all diejenigen, die dies anscheinend nicht genauso praktizieren (Ungläubige, „Sozialschmarotzer“, Arbeitslose, etc.).
Der den europäischen wie islamischen Faschismus charakterisierende Gleichklang von Unterwerfung und Hass resultiert daraus, dass diese Unterwerfung mit Triebverzicht erkauft wird. Die Träger dieser Ideologien leiden insgeheim unter den absurden Vorgaben und Geboten, die der Fetischdienst an Koran und Kapital diktiert, wobei die autoritäre Charakterstruktur ein Aufbegehren gegen diese Leidensquellen ausschließt. Deswegen richtet sich die so aufgestaute Wut gegen imaginierte äußere Feinde. Beiden Ideologien wohnt auch ein analcharakterhafter Reinheitswahn inne, der sich beim Rechtsextremismus auf die Reinhaltung des Volkes, der Nation oder des Wirtschaftsstandortes von „Parasiten“ erstreckt, während der Islamismus von der Manie um die Reinhaltung des religiösen Kultes verzehrt wird.
Die autoritären Dispositionen, die den Rechtsextremismus arabischer wie europäischer Prägung gleichermaßen antreiben, werden schon im Kleinkindalter in der patriarchalen oder kleinbürgerlichen Familie erworben, die der Psychoanalytiker Wilhelm Reich in seiner 1933 erschienen Studie „Massenpsychologie des Faschismus“ als die „Keimzelle des autoritären Staates“ bezeichnete. Der Staat und die Kirche setzten die in der autoritär-patriarchalen Familie eingeleitete autoritäre Strukturierung des Individuums fort. Zentral sei hierbei die Sexualunterdrückung, so Reich:
„Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt … zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material sexueller Antriebe. … Ist nämlich die Sexualität durch den Prozess der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus.“
Diese in Hinblick auf den deutschen Nationalsozialismus gemachten Beobachtungen treffen aber offenbar auch die Lebensrealität vieler Menschen in den krisengeplagten arabischen Ländern. Es ist nicht nur die bestialische Behandlung „erbeuteter“ Frauen durch Kämpfer des Islamischen Staates, in der sich der durch Sexualverdrängung konstituierte „brutale Sadismus“ äußert, auch die brutalen Übergriffe auf Frauen während des Aufstandes in Ägypten wurden durch diese sexuelle Frustration befeuert.
Teilweise ist der in den vergangenen Dekaden zunehmende Verschleierungsdruck in vielen islamischen Gesellschaften auf die Wechselwirkung von ökonomischer Krisendynamik und krisenbedingter Islamisierung zurückzuführen. Der Islam verbietet strikt vorehelichen Sex, doch zugleich bringt die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft eine Heerschaar ökonomisch überflüssiger junger Menschen im arabischen Raum hervor, die sich die Gründung einer Familie schlicht nicht leisten können. Die ideologisch durch den Islamismus aufgenötigte Sexualverdrängung führt somit angesichts der sich zuspitzenden Krise zu dem überschäumenden Hass auf Frauen, deren Anblick der Islamist nur unter Vollverschleierung ertragen kann, ohne von seinem zum bloßen Sadismus degenerierten Sexualtrieb übermannt zu werden.
Die vom Islamismus angestrebte Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Raum wird aber vor allem durch einen anderen Faktor angetrieben, der aus der gescheiterten kapitalistischen Modernisierung dieser peripheren Weltmarktregion resultiert. Die historische Durchsetzung des Kapitalismus ging mit der „Abspaltung“ all jener Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion einher, die nicht in dem Prozess der Kapitalverwertung aufgehen können, wie die Haushaltsführung und die Familienarbeit, die dann der Sphäre des „Weiblichen“ zugeordnet wurden. Die Familien- und Haushaltsarbeit wird bis zum heutigen Tage als wertlos angesehen, da sie keinen Wert schafft, nicht unmittelbar Teil des Verwertungsprozesses des Kapitals ist. Die Sphäre der wertbildenden Arbeit war hingegen bis weit ins 19. Jahrhundert ausschließlich männlich determiniert, der „harte“ und rationell handelnde Mann hatte sich als Ernährer auf dem Markt zu behaupten, während der Frau die Sphäre des Privaten, des Irrational-Sinnlichen und der Hege und Pflege zugewiesen war. Diese Scheidung zwischen männlich-öffentlicher Sphäre der wertbildenden Arbeit (sowie der Politik, Kunst und Wissenschaft) und der weiblich-privaten Sphäre der „wertlosen“ Arbeit bildete die Grundlage der Frauendiskriminierung in den kapitalistischen Ländern, die ja erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest formell aufgehoben werden konnte (Frauenwahlrecht).
In der mittelalterlichen patriarchalen Familie – die ja zu gut 90 Prozent eine Bauernfamilie war – bestand ebenfalls eine Arbeitsteilung zwischen Ehemann und Ehefrau, doch waren ihre Tätigkeiten gleichermaßen auf die direkte Bedürfnisbefriedigung gerichtet und nicht auf die Akkumulation von Kapital. Die Kategorien des Werts und der abstrakten Arbeit gab es schlicht und einfach nicht, weshalb die weiblichen Tätigkeiten auch nicht herabgesetzt werden mussten. Die Dämonisierung der Frau, des Sinnlich-Weiblichen setzte in Europa denn auch erst in der frühen Neuzeit ein, im Gefolge des Zusammenbruchs der mittelalterlich-ständischen Gesellschaftsverfassung und des Aufkommens erster Ansätze der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die eben diese für die damaligen Menschen ungeheuerliche und unverstandene Abspaltung der Sphäre des Weiblich-Privaten von dem aufkommenden Regime der Kapitalverwertung mit sich brachte. Die Dämonisierung der Frau äußerte sich in dem Hexenwahn, der Europa und Nordamerika vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Würgegriff hielt, und dem Zehntausende von Frauen und Mädchen zum Opfer fielen. Zentral war bei nahezu allen zumeist von weltlichen Gerichten geführten Prozessen die Anschuldigung, die angeblichen Hexen hätten mit dem Teufel oder Dämonen Sexualverkehr praktiziert, um ihre „übernatürlichen Kräfte“ zu gewinnen. Und es war gerade die halluzinierte Anwendung eben dieser weiblich-dämonischen Kräfte, die für das Chaos verantwortlich gemacht wurde, in dem sich die in Systemtransformation begriffenen, frühneuzeitlichen Gesellschaften befanden.
Keine andere Anschuldigung bringt eine Frau im heutigen Afghanistan, Libyen oder Saudi-Arabien stärker in Lebensgefahr als die des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Die Systemtransformation zu Kapitalismus und Weltmarkt, die in Europa blutige Jahrhunderte in Anspruch nahm, brach in der Peripherie mit der Intensität einer Naturkatastrophe ein, sie vollzog sich in weitaus kürzerer Zeit (wenige Dekaden) – und sie hatte einen weitaus höheren ideologischen Legitimitätsdruck zur Folge, bei dem traditionell-patriarchale Strukturen mit den „neuartigen“ kapitalistischen Vergesellschaftungsformen – und der damit einhergehenden Abspaltung der weiblich konnotierten, der Kapitalverwertung unzugänglichen Lebensbereiche – in Übereinstimmung gebracht werden mussten.
Der große historische Unterschied zwischen Europa und Arabien besteht darin, dass die kapitalistische Modernisierung zwischen Hindukusch und Atlasgebirge dort nicht mehr gelingen konnte. In diesen krisengeplagten Ländern, die oftmals schon von Staatszerfall ergriffen sind, wird sich keine funktionierende kapitalistische Arbeitsgesellschaft mehr etablieren, die einer Säkularisierung dieser Gesellschaften Vorschub leisten könnte. Das Scheitern der Modernisierung und die damit um sich greifende Krisendynamik führen somit zu einer Verhärtung der islamistischen Krisenideologie und der regelrechten Tabuisierung des Weiblichen: Als ob die Totalverschleierung und totale Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Leben es den Männern trotz der Weltkrise des Kapitals ermöglichen würde, sich noch als selbstherrliche Marktsubjekte zu betätigen.
In der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen somit die Echos seiner eigenen blutgetränkten Vergangenheit. Mehr noch: Der barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung kommt im extremistischen Islamismus wie im Rechtsextremismus zum Vorschein. Auf die Gräuel des Islamischen Staates blickend schaut die westliche Wertegemeinschaft in den Spiegel. Nichts wäre verkehrter, als den von beiden extremistischen Seiten proklamierten „Kampf der Kulturen“ für bare Münze zu nehmen. Die westliche Kultur stellt keinen positiven Gegenpol zum dschihadistischen Wahnsinn dar. Die liberalen westlichen Zentren des kapitalistischen Weltsystems schwitzen in der gegenwärtigen Systemkrise sowohl den Rechtsextremismus wie den Islamismus aus.
Offensichtlich ist dies, wie eingangs dargestellt, auf der geopolitischen Ebene, wo die politische, finanzielle oder militärische Unterstützung des Dschihadismus seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – als islamistische Fundamentalisten mit Unterstützung des Westens in den Heiligen Krieg gegen den gottlosen Kommunismus in Afghanistan zogen – zum Fundus westlicher Geopolitik gehört. Ein gewisser Osama Bin Laden hat seine ersten militärischen Erfahrungen unter den Fittichen der CIA in Afghanistan machen können. Saudi-Arabien, das wohl brutalste fundamentalistische Regime der Welt, ist ein enger Verbündeter des Westens, der mit milliardenschweren Waffenlieferungen hochgerüstet wird.
Doch es ist vor allem die von den Zentren ausgehende und die Peripherie verwüstende ökonomische Krise, die erst die Heerscharen ökonomisch überflüssiger junger Männer hervorbringt, die mangels Perspektiven bereit sind, sich dem Todeskult der Dschihadisten anzuschließen. Das mühselige Überleben in der Hölle der Zusammenbruchsökonomien Iraks, Syriens oder Afghanistans ist für immer mehr Menschen dermaßen unerträglich, dass sie bereit sind, dieses gegen die illusorische Aussicht auf ein jenseitiges Paradies zu tauschen.
Schließlich sind die ideologischen und identitären Reflexe auf diesen Krisenprozess im Abend- wie im Morgenland sehr ähnlich gelagert. Es findet eine autoritäre Rückbesinnung auf die religiöse oder nationale Identität statt, die vorhandene nationale oder religiöse Anschauungen ins ideologische Extrem treibt und zu einer militanten Mobilisierung gegen äußere Feindbilder oder innere Abweichler führt. Der Islamismus ist somit – genauso wie der Rechtsextremismus – ein Produkt der Weltkrise des Kapitals.
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„Wir wären ja blöd,“ meint Kommissar Oettinger

CETA, TiSA, TTIP: Live and let die (Lebt und lasst Gemeinden sterben)

von Prof. Wolfgang Berger, aus BUSINESS REFRAMING
Ein Investor hat mit einem Tourismusprojekt in Libyen 5 Millionen Dollar verloren. Ein Schiedsgericht des Centre for Settlement of Investment Disputs in Washington D. C. hat ihm 935 Millionen Schadenersatz plus Zinsen zugesprochen. Beim Atomausstieg sind deutsche Energiekonzerne auf deutsche Gerichte angewiesen. Vattenfall aber konnte Deutschland in Washington auf 3,5 Milliarden Euro Schadenersatz verklagen, Philip Morris Uruguay auf Aufhebung seines Antirauchergesetzes, Lone Pine die Provinz Quebec auf Freigabe der Schiefergasförderung, Eli Lilly Kanada auf Aufhebung eines Gerichtsurteils, Impreglio Argentinien auf private Wasserversorgung, Achimea die Slowakei auf Aufhebung der Krankenversicherungsreform.
„Wir wären ja blöd, wenn wir ein Abkommen machen würden, denen alle 28 Staaten zustimmen müssten“, sagt EU-Kommissar Günther Oettinger. Auf der ersten Seite des Vertragsentwurfs zu TiSA, dem Abkommen zum Handel von Dienstleistungen, steht, dass es erst fünf Jahre nach Vertragsschluss veröffentlicht wird. Die EU-Kommission drängt auf eine schnelle Ratifizierung von CETA, dem Handelsabkommen mit Kanada, möglichst ohne Beteiligung der Parlamente. Die Verhandlungen waren genauso geheim wie die zum TTIP, dem Handelsabkommen mit den USA.
Was können die Folgen für unsere Städte und Gemeinden sein? Ein paar Beispiele:
  • Wer eine Volkshochschule subventioniert, muss ausländische Bildungsanbieter ebenso bezuschussen.
  • Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken müssen Finanzkonzernen zum Kauf angeboten werden; eine Ausrichtung an der Gemeinnützigkeit ist Vertragsbruch.
  • Wo Feuerwehr, Rettungswesen, Gesundheitsversorgung, Wasser- und Stadtwerke, Justizvollzug, Schwimmbäder, Theater, Müllentsorgung oder Recyclingsysteme als kommunale Dienstleistung betrieben werden, kann eine Privatisierung eingeklagt werden.
  • Privatunternehmen dürfen nicht mehr rekommunalisiert werden (wie es die Berliner 2011 in einem Referendum für ihre Wasserbetriebe gefordert haben); wenn die Privatunternehmen sich nicht bewähren, dürfen nur andere private Wettbewerber eingeladen werden.
  • Fracking kann erzwungen werden, selbst dann, wenn es Mineralquellen oder die Brunnen von Brauereien durch ins Erdreich gepresste Chemikalien irreversibel verunreinigt.
  • Verbesserungen in Tierschutz, Umweltgesetzgebung oder der Kennzeichnung von genmanipulierten oder mit Chlor behandelten Nahrungsmitteln sind als „Handelshemmnisse“ anfechtbar.
  • Wenn steuerliche Regelungen oder kommunale Gebühren einen Investor hart treffen, kann er dagegen klagen.
Am 4. Juni 2014 hat Präsident Obama in der Militärakademie West Point erklärt, dass der Job von privaten lukrativen Söldnerarmeen jetzt durch „Umsturz-Hedge-Fonds“ übernommen wird, die auf Renditebasis arbeiten. Die Regelwerke von CETA, TiSA und TTIP gelten auch rückwirkend für bereits getätigte Finanzinvestitionen. Die Mehrheit fast aller deutschen Dax-Konzerne ist in ausländischer Hand. Die besonders klagefreudigen US-Unternehmen haben 1,3 Billionen Euro in der EU investiert. Das Investitionsvolumen der Vermögensverwaltung BlackRock ist das 10fache des deutschen Bundeshaushalts.
Ein US-Unternehmen, das seine „legitimen Gewinnerwartungen“ beeinträchtig sieht, kann eine Gemeinde, eine Stadt, ein Bundesland oder einen Staat verklagen. Beide Seiten benennen dann einen beim International Centre for Settlement of Investment Disputes (ICSID) in Washington D. C. zugelassenen Anwalt als Richter. Wenn sie sich auf den dritten (vorsitzenden) Richter nicht einigen können, ernennt ihn der Chef der Weltbank, der immer Amerikaner ist. Das Gericht entscheidet mit Mehrheit; eine Revision gegen die Entscheidung ist nicht möglich.
Gesetze benachteiligen immer diejenigen, die bei ihrer Verfassung nicht dabei waren. Jedem EU-Beamten, der sich mit Finanzthemen beschäftigt, stehen vier Lobbyisten gegenüber. Die Finanzindustrie zahlt ihnen Gehälter von jährlich mindestens 123 Millionen Euro. Auf US-Seite kamen die Verhandlungsführer des TTIP direkt aus den Banken und erhielten von diesen Boni in Millionenhöhe – wohl als Vorschuss auf die Verhandlungsergebnisse: Michael Froman 6,25 Millionen von der Citibank und Stefan Selig 9 Millionen von der Bank of America.
Diese Schiedsgerichte sind eine Waffe des Finanzsektors gegen die Selbstverwaltung unserer Gemeinden. Sie können auch die Existenz unserer mittelständischen Wirtschaft bedrohen, die nicht die Möglichkeit hat, in Washington D. C. auf Augenhöhe mitzuspielen. Vielen bleibt vielleicht nur der Ausweg, sich von angelsächsischen Investoren übernehmen zu lassen. Selbst ein Land wie Argentinien mit 25 Millionen Einwohnern wird von einem einzigen Hedgefonds-Manager, Paul Elliott Singer, bedroht. Dabei geht es für Herrn Singer um die Verdreißigfachung seines Einsatzes und für Argentinien um insgesamt 120 Milliarden Dollar – also um die Existenz des Staates.
Wird ein Parlament oder ein Gemeinderat sich noch trauen, etwas zu beschließen, wenn eine Klage in Washington befürchten werden muss, die den Haushalt auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte belastet? Fünf amerikanische Hedgefondsmanager haben in 2013 ein persönliches Einkommen in Milliardenhöhe bezogen, der Spitzenreiter David Tepper kalendertäglich (!) zehn Millionen Dollar. Gegen angelsächsische Anwälte, die von diesen Herren engagiert werden, haben unsere mittelständischen Unternehmer oder die Bürgermeister unserer Städte und Gemeinden keine Chance.
Dabei wäre die EU-Kommission gar nicht befugt gewesen, diese Abkommen auszuhandeln. Die Handelspolitik, für die sie zuständig ist, betrifft nur ausländische Direktinvestitionen, nicht aber Finanzdienstleistungen, die in die Verträge einbezogen worden sind. Wenn wir uns nicht wehren, lassen wir zu, dass wir aus Steuergeldern für die Gewinnerwartungen von Privatpersonen aufkommen müssen, die weitaus mächtiger sind als Städte oder Staaten. Der totale Markt versetzt der Demokratie den Todesstoß. Er ist wie der totale Krieg, gegen den unsere Vorfahren sich auch nicht gewehrt haben.
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Werden Russland und China sich zurückhalten, . . . . . bis Krieg die einzige Alternative ist?

von Paul Craig Roberts
Übersetzung Klaus Madersbacher, aus www.antikrieg.com
Obamas Rede am 24. September vor der UNO ist die absurdeste Sache, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Es ist absolut erstaunlich, dass der US-Präsident vor der gesamten Welt steht und etwas daherredet, von dem jeder weiß, dass es offenkundige Lügen sind, und gleichzeitig Washingtons Doppelstandards präsentiert und den Glauben, dass allein Washington das Recht besitzt, alles Recht zu brechen, weil die Vereinigten Staaten von Amerika exzeptionell und unentbehrlich sind.
United States Obama 2014 leader barack hussein obama most handycapt qpress idioten an der MachtNoch erstaunlicher ist, dass nicht alle aufgestanden sind und die Versammlung verlassen haben.
Die Diplomaten aus aller Welt saßen dort und hörten sich offenkundige Lügen an vom schlimmsten Terroristen der Erde. Sie klatschten sogar Beifall.
Der Rest der Rede war reiner Schwachsinn: „Wir stehen an einer Kreuzung,“ „Wegweiser des Fortschritts,“ „verringerte Gefahr eines Kriegs zwischen größeren Mächten,“ „hunderte Millionen aus der Armut gehoben,“ und während Ebola verheerende Auswirkungen auf Afrika hat „haben wir gelernt, Krankheiten zu heilen und die Kraft des Windes und der Sonne zu nutzen.“ Wir sind jetzt Gott. „Wir“ – das ist das „exzeptionelle Volk,“ die Amerikaner. Niemand sonst zählt. „Wir“ sind´s.
Es ist unmöglich, die absurdeste Äußerung oder schändlichste Lüge in Obamas Rede herauszufinden. Ist es die? „Die russische Aggression in Europa erinnert an die Zeiten, in denen große Länder über kleine hinwegtrampelten bei der Verfolgung ihrer territorialen Begierde.“
Oder die? „Nachdem die Menschen in der Ukraine öffentlichen Protest und Forderungen nach Reform mobilisiert hatten, flüchtete ihr korrupter Präsident. Gegen den Willen der Regierung in Kiew wurde die Krim annektiert. Russland lieferte Waffen in die Ostukraine, feuerte gewalttätige Separatisten an und entfachte einen Konflikt, der Tausende getötet hat. Als ein ziviles Flugzeug aus Gebieten abgeschossen wurde, die diese Stellvertreter kontrollierten, verweigerten sie tagelang den Zugang zum Absturzbereich. Als die Ukraine begann, wieder die Kontrolle über ihr Territorium zu erlangen, gab Russland den Anschein auf, die Separatisten nur zu unterstützen, und marschierte mit Soldaten über die Grenze.“
Die ganze Welt weiß,
  • dass Washington die gewählte ukrainische Regierung gestürzt hat,
  • dass Washington sich weigert, seine Satellitenfotos von der Zerstörung des malaysischen Flugzeugs herauszugeben,
  • dass die Ukraine sich weigert, die Instruktionen ihrer Luftraumüberwachung an das Flugzeug herauszugeben,
  • dass Washington eine richtige Untersuchung über die Zerstörung des Flugzeugs verhindert hat,
  • dass europäische Experten am Tatort bezeugt haben,
  • dass beide Seiten des Cockpits Maschinengewehreinschüsse aufweisen, was darauf hinweist,
  • dass das Passagierflugzeug von den ukrainischen Kampfflugzeugen abgeschossen worden ist, die es verfolgt haben.
In der Tat fehlt jede Erklärung, was ukrainische Kampfflugzeuge in nächster Nähe einer Passagiermaschine zu suchen hatten, die von der ukrainischen Luftraumüberwachung Anweisungen erhielt.
Die ganze Welt weiß, dass wenn Russland territoriale Begierden hätte, es Georgien behalten und in Russland integriert hätte, wozu es seit Jahrhunderten gehört hatte, nachdem es die von den Amerikanern ausgebildete und ausgestattete georgische Armee geschlagen hat, als diese Südossetien angriff.
Halten Sie sich vor Augen, dass es keine Aggression ist, wenn Washington innerhalb von 13 Jahren sieben Länder ohne Kriegserklärung bombardiert und überfällt. Aggression ist allerdings, wenn Russland die Petition der Bewohner der Krim akzeptiert, die mit 97% der Stimmen für die Wiedervereinigung mit Russland gestimmt haben, zu dem die Krim Jahrhunderte lang gehört hatte, bis Chrustschow sie 1954 an die sowjetische sozialistische Republik Ukraine angliederte, als Ukraine und Russland zum selben Land gehörten.
Die gesamte Welt weiß auch, dass, wie der Anführer der Separatisten der Republik Donezk sagte: „Wenn russische Militäreinheiten mit uns kämpften, dann würde nicht über den Fall von Mariupol berichtet, sondern über den Fall von Kiew und Liwi.(Lemberg)“
Was ist „das Krebsgeschwür des gewalttätigen Extremismus“ – IS (vormals ISIS), der die Köpfe von vier Journalisten abgeschnitten hat, oder Washington, das im 21. Jahrhundert sieben Länder bombardiert und hunderttausende Zivilisten umgebracht und Millionen vertrieben hat?
Wer ist der schlimmste Terrorist – IS, eine Gruppe, die die künstlichen Grenzen, die von britischen und französischen Kolonialisten geschaffen wurden, neu zeichnet, oder Washington mit seiner Wolfowitz-Doktrin, der Grundlage der US-Außenpolitik, die die Beherrschung der Welt durch die Vereinigten Staaten von Amerika zum obersten Ziel Washingtons erklärt?
IS ist das Geschöpf Washingtons. IS setzt sich zusammen aus den Jihadisten, die Washington benutzt hat, um Gaddafi in Libyen zu stürzen, und die es dann nach Syrien geschickt hat, um Assad zu stürzen. Wenn IS ein „Netzwerk des Todes,“ „eine Marke des Bösen“ ist, mit dem Verhandlungen ausgeschlossen sind, wie Obama sagt, ist es ein Netzwerk des Todes, das vom Obamaregime selbst geschaffen wurde. Wenn IS die Gefahr ist, wie Obama behauptet, wie kann dann das Regime, das die Gefahr geschaffen hat, glaubhaft den Kampf gegen diese Gefahr anführen?
Obama erwähnte in seiner Rede kein einziges Mal das zentrale Problem, vor dem die Welt steht. Dieses Problem ist Washingtons Unvermögen, die Existenz von starken unabhängigen Ländern wie Russland und China zu akzeptieren. Die neokonservative Wolfowitz-Doktrin verpflichtet die Vereinigten Staaten von Amerika zur Aufrechterhaltung ihres Status als alleinige Supermacht. Dieses Ziel verlangt von Washington, „jede feindliche Macht daran zu hindern, eine Region zu dominieren, deren Ressourcen unter organisierter Kontrolle ausreichen würden, eine globale Machtposition zu erreichen.“ Eine „feindliche Macht“ ist jedes Land, das über ausreichende Stärke verfügt, um Washingtons Machtausübung einzuschränken.
Die Wolfowitz-Doktrin richtet sich ausdrücklich gegen Russland: “Unser erstes Ziel ist es, die Wiederauferstehung eines neuen Rivalen zu verhindern, sei es auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion oder anderswo.“ Als „Rivale“ gilt jedes Land, das imstande ist, seine Interessen oder die Interessen von Verbündeten gegen Washingtons Hegemonie zu verteidigen.
In seiner Rede teilte Obama Russland und China mit, dass sie Teil von Washingtons Weltordnung sein können unter der Bedingung, dass sie Washingtons Vorherrschaft akzeptieren und sich in keiner Weise der Kontrolle in den Weg stellen. Wenn Obama Russland sagt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika mit Russland kooperieren wollen, „wenn Russland den Kurs ändert,“ dann meint Obama, dass Moskau die Vorherrschaft von Washingtons Interesse über Russlands eigene Interessen akzeptieren muss.
Klarerweise ist das eine starre und unrealistische Haltung. Wenn Washington dabei bleibt, wird Krieg mit Russland und China die Folge sein.
Obama ließ China wissen, dass Washington beabsichtigt, eine pazifische Macht in Chinas Einflussbereich zu bleiben, indem es „Frieden, Stabilität und den freien Handel unter Ländern fördert,“ indem es von den Philippinen bis Vietnam neue Luftwaffen- und Marinestützpunkte einrichtet, so dass Washington den Transport von Ressourcen im Südchinesischen Meer kontrollieren und China nach Belieben von diesen abschneiden kann.
Soweit ich das sagen kann, verstehen weder die russische noch die chinesische Regierung den Ernst der Gefahr, die Washington darstellt. Washingtons Anspruch auf die Weltherrschaft erscheint Russland und China zu weit hergeholt, um real zu sein. Aber er ist sehr real. Indem sie sich weigern, die Gefahr ernst zu nehmen, haben Russland und China nicht in einer Weise reagiert, die die Gefahr ohne die Notwendigkeit des Kriegs ausschalten würde.
Zum Beispiel könnte die russische Regierung höchstwahrscheinlich die NATO dadurch zerstören, dass sie auf die von Washington und der Europäischen Union verhängten Sanktionen dadurch reagiert, dass sie die europäischen Regierungen informiert, dass Russland an Mitgliedssstaaten der NATO kein Erdgas verkauft. Anstatt zu diesem Machtmittel zu greifen, hat Russland leichtsinnig der EU gestattet, Rekordmengen von Erdgas zu akkumulieren, um Wohnungen und Industrie über den kommenden Winter zu bringen.
Hat Russland seine nationalen Interessen für Geld ausverkauft?
Viel von Washingtons Macht und Finanzhegemonie beruht auf der Rolle des US-Dollars als Welt-Reservewährung. Russland und China waren langsam, von der Warte der Verteidigung ihrer Souveränität aus betrachtet sogar fahrlässig bei der Ausnützung von Gelegenheiten, diesen Stützpfeiler von Washingtons Macht zu unterminieren. Zum Beispiel war das Reden im Rahmen von BRICS über die Abschaffung des Dollar-Zahlungssystems mehr Gerede als Taten. Russland verlangt nicht einmal von Washingtons europäischen Hampelstaaten, das russische Erdgas mit Rubel zu bezahlen.
Man möchte meinen, dass ein Land wie Russland, das dermaßen extremer Feindseligkeit und Dämonisierung seitens des Westens ausgesetzt ist, wenigstens die Erdgasverkäufe dazu nutzen würde, seine eigene Währung zu unterstützen anstatt Washingtons Dollar. Wenn die russische Regierung schon weiterhin die Wirtschaften von europäischen Ländern unterstützt, die sich Russland gegenüber feindselig verhalten, und ihnen hilft, die europäischen Völker vor dem Frieren im kommenden Winter zu bewahren, sollte Russland dann im Gegenzug für sein außerordentliches Entgegenkommen von seinen Gegnern nicht zumindest verlangen, dass sie seine eigene Währung unterstützen, indem es die Zahlung in Rubel verlangt? Bedauerlicherweise für Russland ist das Land mit westlich ausgebildeten neoliberalen Wirtschaftsleuten durchsetzt, welche westliche, und nicht russische Interessen vertreten.
Wenn der Westen eine dermaßen außergewöhnliche Schwäche auf Seiten der russischen Regierung sieht, dann weiß Obama, dass er vor die UNO treten und die schändlichsten Lügen über Russland verbreiten kann, ohne Nachteile für die Vereinigten Staaten von Amerika oder Europa befürchten zu müssen. Die russische Untätigkeit fördert Russlands Dämonisierung.
China war um nichts erfolgreicher als Russland bei der Nutzung seiner Möglichkeiten, Washington zu destabilisieren. Es ist zum Beispiel eine bekannte Tatsache, wie Dave Kranzler und ich wiederholt aufgezeigt haben, dass die Federal Reserve (FED) ihre Goldhändler benützt, um den Goldpreis zu drücken, um den Wert des Dollars vor der Politik der Federal Reserve zu schützen. Die benutzte Methode besteht darin, dass der Goldpreis mit riesigen Mengen von ungedeckten Leerverkäufen hinuntergetrieben wird in den Perioden, in denen wenig oder kein Gold auf dem Markt ist.
China oder Russland oder beide könnten diese Vorgangsweise ausnutzen, indem sie alle Leerverkäufe und alle kurzfristigen Goldpapiere zusammenkaufen und die Lieferung des Goldes verlangen, anstatt die Verträge mit Geld auszugleichen. Weder Comex in New York noch der Londoner Markt könnten das Gold aufbringen und das System würde implodieren. Die Folge der nicht möglichen Aufbringung wäre möglicherweise katastrophal für das westliche Finanzsystem, zumindest jedoch würde sie die korrupte Natur der Finanzinstitutionen des Westens offenlegen.
Oder China könnte einen tödlicheren Schlag ausführen. Indem es eine Phase größerer Unruhe oder Stockungen auf den Finanzmärkten der Vereinigten Staaten von Amerika wählt, könnte China seine über eine Billion Dollar schweren Staatsanleihen der Vereinigten Staaten von Amerika oder überhaupt alle seine amerikanischen Finanzinstrumente auf den Markt werfen. Die Federal Reserve und das Finanzministerium der Vereinigten Staaten könnten versuchen, die Preise der amerikanischen Finanzinstrumente zu stabilisieren, indem sie Geld produzieren, um damit die Staatsanleihen und andere Instrumente zu kaufen. Diese Gelderschaffung würde die Bedenken hinsichtlich des Wertes des Dollars verstärken, und zu diesem Zeitpunkt könnte China die über eine Billion Dollars abstoßen, die es für seine verkauften Staatsanleihen auf dem Währungsmarkt bekommt. Die Federal Reserve kann keine ausländischen Währungen drucken, um damit die Dollars zu kaufen. Der Wechselkurs des Dollars würde zusammenbrechen und mit ihm der Gebrauch des Dollars als Welt-Reservewährung. Die Vereinigten Staaten von Amerika würden zu einem weiteren Pleitestaaat, der nicht imstande ist, für seine Importe zu bezahlen.
Möglicherweise könnte Washington Japan und die Europäische Zentralbank dazu bringen, genügend Yen und Euros zu drucken, um die Dollars zu kaufen. Das würde allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit Yen und Euro gemeinsam mit dem Dollar zum Absturz bringen.
Fluchtbewegungen zu den chinesischen und russischen Währungen würden einsetzen und der Westen wäre seine Finanzhegemonie los.
Durch ihre Zurückhaltung versetzen Russland und China Washington in die Lage, sie anzugreifen. Letzte Woche ließ Washington tausende seiner NGO-Leute in den Straßen Moskaus aufmarschieren und gegen „Putins Krieg gegen die Ukraine“ demonstrieren. Dummerweise hat Russland ausländischen Interessen gestattet, seine Zeitungen aufzukaufen, und diese Interessen verunglimpfen Putin und die russische Regierung ständig gegenüber ihren russischen Lesern.
Hat Russland seine Seele und Kommunikationssystem für Dollars verkauft? Haben einige wenige Oligarchen Russland für Schweizer und Londoner Bankdepots verkauft?
Sowohl Russland als auch China haben Moslemminderheiten, unter denen die CIA arbeitet und Distanzierung, Rebellion und Gewalt fördert. Washington hat die Absicht, die russische Föderation in kleinere, schwächere Länder zu zerbrechen, die Washingtons Vorherrschaft nicht im Weg stehen. Russlands und Chinas Angst vor Zwietracht in ihren eigenen muslimischen Minderheiten haben beide Regierungen dazu gebracht, den extrem schwerwiegenden strategischen Fehler zu machen, sich mit Washington gegen IS (vormals ISIS) und mit Washingtons Politik zusammenzutun, Washingtons Status Quo in der muslimischen Welt zu beschützen.
Wenn Russland und China die tödliche Gefahr verstünden, die Washington darstellt, würden beide Regierungen entsprechend dem lang erprobten Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ handeln. Russland und China würden IS mit Boden-Luft-Raketen bewaffnen, um die amerikanischen Flugzeuge abzuschießen, und mit militärischer Aufklärung versorgen, um eine Niederlage der Amerikaner herbeizuführen. Mit der Niederlage würde der Sturz von Saudiarabien, Bahrain, Qatar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jordanien, Ägypten und aller amerikanischen Marionettenherrscher in der Region einhergehen. Washington würde die Kontrolle über das Erdöl verlieren und der Petrodollar wäre Geschichte. Es ist außergewöhnlich, dass stattdessen Russland und China arbeiten, um Washingtons Kontrolle über den Mittleren Osten und den Petrodollar zu schützen.
China ist einer Reihe von Attacken ausgesetzt. Die Rockefeller Foundation schafft amerikanische Agenten in chinesischen Universitäten, wie ich von chinesischen Akademikern erfahren habe. Amerikanische Firmen mit Sitz in China richten chinesische Vorstände ein, in denen die Verwandten von lokalen und regionalen Parteivertretern sitzen. Das lenkt Loyalität von der Zentralregierung um zum amerikanischen Geld. Darüber hinaus hat China viele in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler, die mit den neoliberalen Auffassungen durchtränkt sind, die Washingtons Interessen repräsentieren.
Sowohl in Russland als auch in China gibt es signifikante Anteile der Bevölkerung, die westlich zu sein wünschen. Das Scheitern des Kommunismus in beiden Ländern und der Erfolg der amerikanischen Propaganda im Kalten Krieg haben Loyalitäten zu Amerika statt zu den eigenen Regierungen erzeugt. In Russland heißen sie „atlantizistische Integrationisten.“ Es sind Russen, die in den Westen integriert werden wollen. Über das chinesische Gegenstück weiß ich weniger, aber der westliche Materialismus und das Fehlen sexueller Zurückhaltung finden Anklang bei der Jugend.
Die Unfähigkeit der Regierungen Russlands und Chinas, mit der Bedrohung ihrer Existenz als souveräne Länder durch das neokonservative Beharren auf der amerikanischen Welthegemonie fertigzuwerden, erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs. Wenn Russland und China zu spät in das Spiel einsteigen, wird ihre einzige Alternative Krieg oder die Unterwerfung unter Washingtons Herrschaft sein. Da es ausgeschlossen ist, dass die Vereinigten Staaten von Amerika und die NATO in Russland und China einmarschieren und die Länder besetzen, wäre der Krieg ein Atomkrieg.
Um diesen Krieg zu verhindern, der, wie so viele Experten gezeigt haben, das Leben auf der Erde beenden würde, müssen die Regierungen Russlands und Chinas bald viel realistischer werden bei der Beurteilung des Bösen, das in dem Land haust, das Washington zum schlimmsten terroristischen Staat der Welt gemacht hat – in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Es ist möglich, dass Russland, China und der Rest der Welt durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch Amerikas gerettet werden. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten von Amerika ist ein Kartenhaus. Die realen durchschnittlichen Familieneinkommen befinden sich in einem langfristigen Niedergang. Die Universitäten produzieren Abgänger mit Titeln und riesigen Schulden, aber keinen Arbeitsplätzen. Der Wertpapiermarkt ist von der Federal Reserve manipuliert, was die Manipulation der Goldmärkte erforderlich macht, um den Dollar zu schützen. Der Aktienmarkt ist manipuliert durch den Geldstrom aus der Federal Reserve, durch die Börsenaufsicht und durch Unternehmen, die ihre eigenen Aktien zurückkaufen. Der Dollar wird getragen von Tradition, Gewohnheit und Währungsgeschäften.
Das amerikanische Kartenhaus steht weiterhin nur infolge der Toleranz der Welt gegenüber ungeheurer Korruption und Desinformation und weil die Gier mit dem Geld befriedigt wird, das mit einem manipulierten System gemacht wird.
Russland und/oder China könnten dieses Kartenhaus zum Einsturz bringen, wann immer eines der Länder oder beide über eine Führung verfügen, die dazu fähig ist.

…………..

Prof. Dr. Paul Craig Roberts wurde am 3. April 1939 in Atlanta, Georgia geboren. Er hat an der Georgia Tech, der University of Virginia, der University of California in Berkeley und der Oxford University studiert, wo er Mitglied des Merton College war. Er wurde von Präsident Ronald Reagan zum Assistant Secretary of the US Treasury for Economic Policy berufen.
Er war Mitarbeiter des US-Kongresses, Mitherausgeber und Kolumnist des Wall Street Journal, Kolumnist bei Business Week, Scripps Howard News Service und Creators Syndicate sowie Senior Research Fellow der Hoover Institution und der Stanford University. Zudem hatte er den William E. Simon Chair in Political Economy am Center for Strategic and International Studies der Georgetown University inne.
Er ist Vorsitzender des Institute for Political Economy und Autor oder Koautor von zehn Büchern sowie zahlloser Artikel in wissenschaftlichen Journalen. Er hat vor dem US-Kongress in Kommissionen zu mehr als 30 Anlässen ausgesagt.
Prof. Roberts wurde mit dem Meritorious Service Award des US-Finanzministeriums für seine „herausragenden Beiträge zur Formulierung der Wirtschaftspolitik der USA“ und in Frankreich mit dem Legion of Honor als „Handwerker einer Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftspolititk nach einem halben Jahrhundert Staatsinterventionismus“ ausgezeichnet.
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Die Eroberung der Erde

Von Christoph Zollinger aus “Journal21″
Laut der Multilevel-Selektionstheorie des Biologen E.O. Wilson haben egoistische Individualselektion und selbstlose Gruppenselektion im Dauerkonflikt untereinander die Menschheit vorangebracht.
Aus der Biologie kommen neue Töne, nachdem in letzter Zeit aus den Wissenschaften, z.B. Medizin, Psychiatrie, Verhaltensphysiologie, Neurologie, Linguistik und Physik neue Erkenntnisse über den Menschen und sein „Funktionieren“ ebenfalls für  Aufsehen sorgen.
Alte Fragen, neue Antworten
Die Evolution des Menschen ist eine spannende Sache. Immer wieder führen neue Forschungs- und Lehransätze dazu, dass sich unsere alten Vorstellungen als unvollständig erweisen. „Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“, diesen drei Fragen geht einer der berühmten Biologen unserer Zeit nach: Edward Osborne Wilson, emeritierter Professor (Harvard), der sich vor allem mit seiner Evolutionstheorie einen Namen schaffte.
Einfache Fragestellungen beantwortet der Autor mit einer Synthese aus Biologie und Geisteswissenschaften. Etwa: Was liegt in der Natur der Menschen – Egoismus oder Nächstenliebe, Eigennutz oder Kooperation? Diesem menschlichen Dauerkonflikt geht Wilson auf den Grund und er befindet, dass die soziale Gruppe letztlich die treibende Kraft der menschlichen Evolution ist. Doch bevor er zu diesem Befund kommt, räumt er auf mit vielen Klischees. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund.
Woher kommen wir?
Ausgangspunkt bei der Suche, was den Homo sapiens in den letzten 100‘000 Jahren und seine Verbreitung rund um die Erde innerhalb von nur 60‘000 Jahren (davon die letzten 10‘000 Jahre seit der Erfindung der Landwirtschaft) prägte, beschreibt der Autor in seiner Multilevel-Selektionstheorie. Adaptionen zeichnen diesen Weg, etwa: der Gebrauch von Feuer, Arbeitsteilung, Heranwachsen der Körpergrösse, Entwicklung greiffähiger Hände, Ernährung mit hohem Fleischanteil, Bildung von in hohem Masse organisierten Gruppen. Dass sich schon vorher das Gehirn im Laufe von Jahrmillionen von 500 auf 1700 Kubikzentimeter vergrössert hatte, war Voraussetzung.
Die evolutionäre Kraft, die unserer Abstammungslinie half, den Weg durch das Labyrinth der Evolution zu finden, wurde bisher – fast ein halbes Jahrhundert lang – mit der Theorie der Verwandtenselektion erklärt. Diese wird nun erweitert durch die erwähnte Multilevel-Selektionstheorie: „eine Wechselwirkung zwischen Selektionskräften von denen die einen an Merkmale  individueller Gruppenmitglieder angreifen und die andern der Gruppe als Ganzem“ (E.O. Wilson: „Die soziale Eroberung der Erde“, Verlag Beck, 2013).
Die genetische Fitness des Menschen und ein grosser Teil unserer Kultur dürften demnach eine Folge sowohl der individuellen, als auch der Gruppenselektion sein. Diese kreativen Kräfte entstanden aus
- intensiver Konkurrenz zwischen Gruppen
- instabiler Gruppenzusammensetzung (wie Einwanderung, Missionierung, Eroberung), die zur Entstehung immer neuer Gruppen führte
- unvermeidlicher, ständiger Auseinandersetzung zwischen einerseits Ehre, Tugend, Pflicht (Gruppenselektion) und andererseits Egoismus, Feigheit, Heuchelei (individueller Selektion)
- der Perfektionierung der Fähigkeit, schnell und zutreffend die Absichten der anderen zu erkennen.
Wer oder was sind wir?
Die Formulierung der menschlichen Natur ist ausserordentlich schwierig. Vielleicht möchten viele von uns die Natur des Menschen zumindest teilweise im Dunkeln halten, spekuliert der Autor: „Die Ökonomen haben sie im Grossen und Ganzen umfahren, während die Philosophen, die so kühn waren, sie erkunden zu wollen, sich unterwegs immer verrannt haben. Theologen neigen zur Kapitulation und weisen sie in unterschiedlichen Anteilen Gott und dem Teufel zu. Politische Ideologien von Anarchismus bis Faschismus definieren sie zu ihrem egoistischen Vorteil.“ Darüber lässt sich bekanntlich trefflich streiten.
Wilson klärt vorerst ab, was die Natur des Menschen nicht ist: „Die Natur des Menschen sind nicht die Gene, die sie bedingen; diese legen nur die Regeln fest, nach denen sich Gehirn, Sinnesorgane und Verhalten entwickeln. Dabei spielen die epigenetischen Regeln eine wichtige Rolle.“ (Der Mediziner Joachim Bauer spricht da vom Gedächtnis der Gene, die die Möglichkeit haben, Erfahrungen des Organismus in seiner Umwelt in Form eines biochemischen Skripts abzuspeichern).
Vor 30‘000 Jahren entstanden erste Innovationen: elegante, darstellende Höhlenmalerei, Bildhauerei, Instrumentenbau. „Was katapultierte den Homo sapiens auf dieses Niveau? Das verbesserte Langzeitgedächtnis, insbesondere im Arbeitsgedächtnis, führte zur Fähigkeit, Szenarien zu entwerfen und Strategien zu planen. Dabei half die Gruppenselektion. Eine Gruppe, deren Mitglieder Absichten verstehen und miteinander kooperieren konnten.“
Moral und Ehre
Der Mensch und seine sozialen Ordnungen sind wohl von Grund aus unvollkommen und widersprüchlich. Dieses Dilemma zwischen Böse und Gut bildet die Basis der Multilevel-Selektion. Hier der Überlebens- und Fortpflanzungswettkampf zwischen Menschen (egoistische Individualselektion, „Sünde“), dort die Altruismus fördernde Gruppenselektion (selbstlos, „Tugend“). Als eiserne Regel dieser Sozialevolution bezeichnet Wilson den Befund,  „…demnach sind egoistische Individuen altruistischen Individuen überlegen, während Gruppen von Altruisten andern Gruppen von egoistischen Individuen überlegen sind, das Gleichgewicht der Selektionsdrücke kann sich nie an eines der Extreme verlagern.“
Wilson ist also der Meinung, dass echter Altruismus auf einem biologischen Instinkt für das Allgemeinwohl des Stammes beruht und dass unsere Art kein Homo oeconomicus ist, sondern eben ein Homo sapiens, ein unvollkommenes Wesen, das sich durch eine unvorhersagbare, unerbittlich bedrohliche Welt zu kämpfen hat. Jenseits dieser Instinkte ortet Wilson eine ausserordentlich prägende Erfahrung: „Ich meine Ehre, ein Gefühl, das aus angeborener Empathie und Kooperationsbereitschaft entstanden ist.“
Religionen
Dezidiert äussert sich der Biologe auch zu diesem heiklen Thema. Das Herzstück der traditionellen organisierten Religionen sind ihre Schöpfungsmythen; ihre Macht beruht darauf, dass sie soziale Ordnung und persönliche Sicherheit zu festigen helfen, nicht aber darauf, ihren Beitrag zur Wahrheitssuche zu leisten.
Als entscheidenden Schritt zur Befreiung der Menschheit von den oppressiven Formen des Tribalismus schlägt Wilson vor, „mit dem gegebenen Respekt die Anmassung derjenigen Machthaber zurückzuweisen, die von sich behaupten, im Namen Gottes zu sprechen. Das Gleiche rät er gegenüber Verbreitern von dogmatisch-politischen Ideologien. Versöhnlich fügt er bei: „Womöglich haben ihre Anführer die besten Absichten. Aber die Menschheit hat genug gelitten unter der grob verfälschten Geschichte, wie falsche Propheten sie erzählt haben.“
Wohin gehen wir?
Wie andere Wissenschaftler vor ihm, fordert deshalb Wilson „eine neue Aufklärung“. Wenn wir verstehen wollen, wenn wir uns erst besser selbst verstehen, wenn wir uns den einfachen Anstand gegenüber den Anderen zum ethischen Grundsatz machen, dann – ja dann, liesse sich „die Erde in ein dauerhaftes Paradies verwandeln – oder zumindest in einen vielversprechenden Anfang davon.“ Sagt der Biologe, der die Naturwissenschaft als Ursprung unseres Wissens über die reale Welt bezeichnet.
Persönliche Erkenntnis
Was hier auf einigen Zeilen (statt 350 Seiten) zusammengefasst ist, ruft natürlich nach persönlicher Reflektion und Interpretation. Andere besser verstehen zu wollen, bedarf aber eigentlich keiner neuen Aufklärung. Es hilft dabei, nicht dem eigenen   Weltbild verhaftet zu bleiben, sondern neugierig zu forschen und suchen, wo dieses vielleicht Retuschen bräuchte. Denn natürlich bleibt die alte Erkenntnis, dass jeder Mensch sein eigenes Weltbild konstruiert, nach seinen Prägungen, Präferenzen und Neigungen.
Originaltext
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Alles auf Knopfdruck? Wie Technik unsere Fantasien von Ermächtigung beflügelt

von Krystian Woznicki aus “Berliner Gazette”
In der Politik verspricht man Wandel per Knopfdruck. Demokratie soll zum Computerspiel werden und einem Whistleblower wie Edward Snowden wird nachgesagt, die Welt mit einer „gewitzten Tastenkombination“ verändert zu haben. Auch Parteien haben diesen Traum. Doch können wir die Welt tatsächlich per Knopfdruck verändern?
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Das vertraute Fast Forward-Symbol ist von blau-weiß-grauen Farbmustern der planetarischen Weltansicht umgeben. Dieser Knopfplanet bzw. Globus-Button geht in den Untiefen eines gelb rasend-leuchtenden Raums auf, was die heutige Knopfdruck-Mentalität bestens zum Ausdruck bringt: Die Welt ist in einem solchen Grade vernetzt, dass schon ein Knopfdruck, blitzschnelles Handeln im Weltmaßstab erlaubt. Mit der richtigen Software – so souffliert das Anzeigenmotiv eines IT-Unternehmens aus dem Silicon Valley – wird jedermann zum Global Player. Dieses Versprechen verhält sich diametral entgegengesetzt zu der eisigen Stimmung des Kalten Krieges, in der die Idée fixe des Knopfes global manifest wurde: Damals sollte nur ein falscher Knopfdruck genügen, um die Welt zu zerstören; heute soll jeder in der Lage sein, die Welt per Knopfdruck zu gestalten.
Ironischerweise wurde in der Endzeitstimmung des Kalten Krieges der Weg für die Pazifizierung und Demokratisierung des Knopfes geebnet. Die Massen wurden mit technischen Geräten umspült, deren zentrales Bedienungselement Knöpfe waren. Telefone und elektronische Türklingeln fanden zunehmende Verbreitung. Faxgeräte, Walkmans und Handhelds kamen neu auf den Markt. Per Knopfdruck wählte man Fax-Nummern, startete Audio-Kassetten und feuerte auf tragbaren Videospielgeräten virtuelle Fernlenkwaffen ab. Mit dem PC nahm die Tastaturgesellschaft Gestalt an, verkörpert durch eine Maus, deren intelligenter Knopf Fingerabdrücke „lesen“ kann.
Die Knopfdruckgesellschaft
Heute regelt die Maustaste den Verkehr zwischen hier und da; per Knopfdruck bleibt man mit der Welt da draußen in touch. Alles ist just a click away. Das Handy hat dieses Lebensgefühl um die mobile Outdoor-Variante bereichert und sogar die erste populäre Knopfdruckkrankheit ausgelöst: Als die elektronische Kurznachricht zu einem favorisierten Kommunikationsformat avancierte und den Handy-Fetisch um ein Vielfaches steigerte, brach die Daumenarthritis aus. Eine andere Nebenwirkung: Das Knopfdrücken ist nicht nur eine Beschäftigungstherapie der Massen, sondern hat die Gesellschaft auch als eine weitverbreitete Geisteshaltung durchdrungen.
In der Politik verspricht man sich einen Wandel per Knopfdruck. Demokratie soll zum Computerspiel werden (Josh Lerner) und einem Whistleblower wie Edward Snowden wird nachgesagt, die Welt mit einer „gewitzten Tastenkombination“ (Harding) verändert zu haben. Auch Parteien haben diesen Traum: Die FDP zum Beispiel hatte bei einem Wahlkampf in Deutschland auf ihren Plakaten das Wort „Zweitstimme“ in einen leicht dreidimensionalisierten Knopf eingearbeitet. Der Slogan lautete: „Mehr FDP, mehr Arbeitsplätze“. Der Knopf wurde in einem anderen Motiv durch FDP-Kopfschmerztabletten ersetzt. Komplementär dazu konstatiert Naomi Klein wirtschaftliche Schocktherapien, die Gesellschaften über demokratische Hürden quasi per Knopfdruck hinweg in neoliberal entfesselte Kasinos verwandeln.
Im Alltag kommt die Knopfdruck-Mentalität häufig dann wie selbstverständlich zum Tragen, wenn es gilt, Lästiges aus der Welt zu schaffen: unbequeme Konkurrenten „ausschalten“, in stressigen Situationen einfach nur „abschalten“ und das nervige soziale Umfeld, wie der Hollywoodfilm Click (2006) ausfabuliert, mit einer universellen Fernbedienung wegklicken. Und ist nicht auch Türenknallen, abrupte Gewalt und lautes Auto-Hupen ein Ausdruck dafür, dass Probleme heutzutage vorzugsweise per Kopfdruck überwunden werden? Kommt nicht selbst das Glück per Knopfdruck daher – wenn nicht in Form von Telefon-Sex dann in der Gestalt von Heroin-Spritzen?
Eskapismusoptionen und Lebenslösungen im Sofort-Modus sind gefragt. Die Begleitmusik liefern Aspirin-Tabletten, Energie-Drinks, Sekundenkleber, Instant-Suppen und Express-Versand. Alles muss schnell gehen und ein Gefühl von Ermächtigung vermitteln. Wer seinen Einfluss zur Schau stellen will, präsentiert sich entsprechend als cooler Typ am Drücker, der lediglich mit einer einzigen Fingerbewegung Geld fließen oder Arbeitsplätze entstehen lässt. Gleichzeitig ist der Knopfdruck als Ausdruck der Selbstermächtigung in Mode gekommen.
Den Soundtrack dazu haben die Chemical Brothers mit ihrer Single „Galvanize“ eingespielt – der hinausgezögerte Höhepunkt wiederholt immer wieder fiebrig den Aufruf „The time has come to push the button!“. Das eingangs beschriebene Anzeigenmotiv mit dem Knopfplaneten zeigt, dass der Werbebranche diese Logik vertraut ist: Sie kodiert ein Produkt als begehrenswert, indem sie verspricht, der Weg zum Erfolg könne so kurz wie ein Knopfdruck sein. Immer häufiger stellt die Werbung jedoch auch „Helfen per Knopfdruck“ in Aussicht.
„1 Liter für 10 Liter“ lautete beispielsweise ein Volvic-Slogan, der kein Werbespruch sein will, sondern das Motto einer Initiative, bei der mit jeder verkauften Flasche zehn Liter sauberes Trinkwasser in Äthiopien gewonnen werden. Ein Touristikunternehmen lockte den Konsumenten wiederum mit dem Slogan „1LTU Gast = 1 m2“. Hinter dieser Formel verbirgt sich das Versprechen, dass jedes verkaufte LTU-Ticket eine entsprechende Fläche Regenwald rettet. Mit einem gleichfalls SMS-tauglichen Slogan adressierte ein Zahnpastahersteller seine potenziellen Kunden: Blend-a-meds „1 Tube=1cent-’Baustein’“ stellte in Aussicht, Kinder in Brasilien zu retten.
Begleitet werden diese mathematisch anmutenden Konsumgleichungen dieses „conscientious commerce“ von berauschenden Bildern, auf denen saftige Regenwälder und schöne Einheimische zu sehen sind. Die Vernetzung des Planeten ist soweit fortgeschritten, dass wir mit diesen Orten und Menschen in einer direkten Verbindung stehen. Direkt und ohne Umweg sind auch die Problemlösungen, die wir für sie parat haben.
Es ist vielleicht der perfideste Ausdruck der kaum mehr hinterfragten Knopfdruck-Mentalität. Aber auch das deutlichste Zeichen für eine andere paradigmatische Verschiebung: Bislang galt der Kunde als jenes „willige Kaufinstrument“, das von der Wirtschaft mit manipulativen Warenimpulsen quasi per Knopfdruck aktiviert wurde. Nun soll er selbst derjenige sein, der am Drücker ist. Der beim Konsumieren kreativ schaltet und Dinge bewegt – natürlich all das per Knopfdruck.
Weltanschauung ohne Knopf
Hollywood lieferte mit Being There in den späten 1970er Jahren einen geistreichen Kommentar auf die entstehende Knopfdruckgesellschaft. In diesem Film verirrt sich ein Gärtner in einen unsicheren Stadtteil und wird dort mit schwarzen Jugendlichen konfrontiert. Schnell liegt ein Streit in der Luft und ein Ghetto-Boy zieht sein Messer.
Der Gärtner reagiert zu seiner Selbstverteidigung mit einer Geste, wie man sie schon tausendfach gesehen hat, in Western-, Action- und Horrorfilmen. Er zieht – doch statt einer Pistole, eine Fernbedienung – und drückt. Erstaunt muss der sympathische Softie feststellen, dass in dieser Situation der Knopfdruck nicht genügt, um den unliebsam gewordenen Kanal zu wechseln. Was ist das für ein Mensch, der glaubt, so handeln zu können?
Der Gärtner hatte bis zu jenem Spaziergang kein einziges Mal das Haus verlassen, sein gesamtes Leben verbrachte er im Garten respektive vor dem Fernseher. Ersteres ein umhegtes System, letzteres eine Ersatzrealität. Was will uns das heute sagen? Medienkonsum zurückstellen und öfter mal die vertraute, gesicherte Lebenswelt des Alltags verlassen? Vielleicht aber auch, dass Menschen, die ihre Realität mit einem Knopfdruck regulieren wollen, weltfremde Weicheier sind? Letzteres wäre eine Diagnose, die weit über die in den 1970er Jahren zunehmende TV-Obsession der Massen geht und heute selbst auf die augenscheinlich harten Drücker in unserer Gesellschaft zutreffen dürfte.
Heute wird der weiche Kern des button pushers durch neuste technische Entwicklungen geradezu ausgestellt. Sie steigern das Erlebnis des Knopfdruck-Kandidaten in puncto Macht und Befriedigung, in dem sie den Druck des auszulösenden Signals reduzieren. Touchpads und Touchscreens perfektionieren diesen Genuss. Doch es gibt mehr: Knöpfe legen nach und nach ihren herkömmlichen Objektstatus ab und verzichten im zunehmenden Maße auf jedwede Berührung.
Knöpfe werden überflüssig. Zukunftsweisende Geräte werden über Eyetracking oder Augenerkennung aktiviert. Unsere Fantasien von Ermächtigung werden auf den Prüfstand gestellt. Clicktivism & Co. wandern ins Museum und Ermächtigung wird zu einer Frage davon, ob wir die Augen öffnen. Bedeutet das die Regression in totale Passivität? Oder kehren wir an den Ursprung des Bewusstseins zurück? Diese Frage müssen wir als gesamte Gesellschaft beantworten.
Originaltext
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