Die amerikanische Religion des Kriegs

Einige Gedanken zu Gewalt und militärischem Götzendienst in Amerika

William J. Astore, „antikrieg“
Wenn Sie an die Umfragen glauben, ist Amerika eine Nation von Gläubigen. Eine Nation des Glaubens. Aber ist unser Glaube an einen friedliebenden Gott der Liebe wirklich wahr? Oder verehren wir stattdessen einen Kriegsgott? Aktuelle und vergangene Ereignisse legen nahe, dass die Amerikaner zu oft ihren Glauben in Krieg und Militär setzen. Wir fahren fort zu glauben – ungeachtet der Beweise, dass unser Glaube sowohl falsch als auch zerstörerisch ist.
Wir haben eine kultige Zuneigung zu Krieg und Militär. Sie bestimmt, was wir sehen – was wir wahrnehmen. Glaube ist sehen. Das Militär gibt zum Beispiel zu, an den „Fortschritt“ im Irak und in Afghanistan zu glauben, also erfinden wir Kennzahlen, die zeigen, wie wir gewinnen (was genau das ist, was wir vor fünfzig Jahren in Vietnam getan haben).
Wir sind keine rationale Gesellschaft. Wir sind eine religiöse Gesellschaft. Und unsere Tempel und Kreuze sind Militärbasen und Waffen, die wir weltweit exportieren. Die USA haben 800 Stützpunkte im Ausland, und Amerika dominiert den internationalen Waffenhandel. Unsere Missionare sind inzwischen unsere Sondereinsatzkräfte, die wir in 130 Länder entsenden und die dort das amerikanische Evangelium verbreiten. Das Evangelium von Krieg und Waffen.
Die Ikonen des amerikanischen Militarismus sind unsere Waffen. Unsere Kampfflugzeuge, unsere Drohnen, große Bomben (die MOAB), und die Liste geht weiter. Sie sind zu den Symbolen eines Götzendienstes der Zerstörung geworden.
Eine fremdenfeindliche Form des Patriotismus verschlimmert eine Religion der Gewalt. Ausschließend statt allumfassend setzt diese die Grenzen zwischen „uns“ und „ihnen“, Kritiker und Andersdenkende werden ausgestoßen und ins Exil geschickt.
Währenddessen weisen wir in fernen fremden Ländern die Realität von Ruinen und Trümmern von uns. Wir haben sie stattdessen in Form von Erlösung gekleidet: „Wir mussten das Dorf zerstören, um es zu retten“ ist ein weiterer Aspekt unseres evangelischen Kriegsansatzes. Es ist wie wiedergeboren zu werden. Um wiedergeboren zu werden im Geist Christi, musst du dich selbst fertigmachen. Wir scheinen zu glauben, dass die Städte in Trümmern liegen müssen, bevor wir den Sieg über den Feind erklären können.
Betrachten Sie 9/11. Ein nach innen schauendes Volk hätte die Ruinen des 11. September als Denkmal für die Opfer aufbewahrt. Aber nicht wir. Das ist eine teure Immobilie, und auf diesen Ruinen wurden wir wiedergeboren, indem wir den Freedom Tower bauen, genau 1776 Fuß hoch. So wurde unser Sturz als Wiedergeburt, unsere Niederlage als Sieg, Tragödie als Triumph neu interpretiert. Sogar 9/11 selbst wird jetzt als ein Tag des Patriotismus gefeiert.
Ja, wir können unsere eigenen Trümmer rekonstruieren, wie nach dem 11. September. Aber werden ausländische Trümmer jemals wieder aufgebaut? Städte wie Mosul? Wen interessiert das schon? Sie gehören nicht zum Körper. Sie sind nicht wir. Sie sind Ausgestoßene. Lass sie überleben in dem, was von ihren verdammten Gebäuden und Wohnungen übrig ist.
Unsere Fernsehsendungen stärken unseren Glauben an Gewalt und Militarismus. Zu den neuen gehören „The Brave“ auf NBC, das damit beginnt, sich auf eine hübsche weiße Ärztin zu konzentrieren, die von muslimischen Terroristen entführt wurde, und „tapfere“ Bemühungen, sie zu retten; „Valor“ auf dem CW-Kanal, mit vielen Hubschraubern und Fahnen und automatischen Waffen; und das ziemlich offensichtliche „SEAL Team“ auf CBS, mit Elite Navy SEALs, die für die Superhelden der Vergangenheit stehen. Wenn Sie es satt haben, sich militärische Heldentaten im Fernsehen anzusehen, gibt es immer wieder „Schieß“spiele mit militärischem Inhalt. In der Tat ist militärische Tätigkeit überall zu finden, sogar in Madden-Fußball, wo man im „Story-Modus“ gegen den Quarterback Dan Marino auf einem Armeestützpunkt im Irak spielen kann. (Das Feld ist umgeben von einem befestigten Zaun, felsigen Hügeln und einem Hubschrauberlandeplatz, neben anderen exotischen militärischen Elementen.)
Amerika wird von einer Religion der Gewalt und Verwüstung verzehrt. Wir sind in einem dunklen Strudel von Tod und Zerstörung gefangen. Doch wie können wir uns gegen unseren Kriegsgott wehren, wenn wir ihn so sehr füttern? Wenn wir nach jeder Tragödie von „Gedanken und Gebeten“ sprechen, wissen wir dann wirklich, welchen Gott wir anrufen?
Bill Astore ist Oberstleutnant der US-Luftwaffe im Ruhestand und Professor für Geschichte.
Originaltext
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Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können

Janina Loh, „BerlinerGazette“
Der Transhumanismus will den Menschen weiterentwickeln, modifizieren, optimieren. Die Ideen, die dieser Denkrichtung zu Grunde liegen, müssen dringend hinterfragt werden. Denn der Transhumanismus geht einher mit einer Utopie der vollständigen Kontrolle menschlichen Handelns.
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Trans- und Posthumanismus sind zwei unterschiedliche Bewegungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Diskurse aus Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften, Informatik und Künstliche-Intelligenz-Forschung vereinen. Ihre Vertreterinnen und Vertreter begreifen sich in einerseits der technologischen Weiterführung des, andererseits in kritischer Distanz zum Humanismus. Die Methode des Transhumanismus ist die technologische Transformation des Menschen zu einem posthumanen Wesen. In diesem Sinne kann man nicht sagen, dass der Transhumanismus ‚den‘ Menschen zu überwinden sucht, sondern er will durch den Menschen, wie er uns jetzt gegeben ist, hindurch („trans“) zu einem Posthumanen gelangen, zu einem Menschen 2.0 sozusagen – bzw. zu einem Menschen x.0, da die menschliche Evolution im Transhumanismus als generell unabgeschlossen verstanden wird. Die Technik spielt im transhumanistischen Denken die Rolle des Mediums und Mittels.
Anders als dem Transhumanismus ist dem (kritischen oder philosophischen) Posthumanismus nicht mehr primär an ‚dem‘ Menschen gelegen, sondern er hinterfragt die tradierten und zumeist humanistischen Dichotomien wie bspw. Frau – Mann, Natur – Kultur sowie Subjekt – Objekt, die zu der Entstehung unseres gegenwärtigen Mensch- und Weltbildes maßgeblich beigetragen haben. Der Posthumanismus überwindet ‚den‘ Menschen, indem er mit konventionellen Kategorien sowie dem damit einhergehenden Denken bricht. So gelangt der Posthumanismus hinter oder nach („post“) ein für die Gegenwart essenzielles Verständnis vom Menschen. Auch der kritische Posthumanismus hat eine Vision vom Posthumanen, die allerdings nicht in einer verbesserten Variante des jetzigen Menschen zu sehen ist wie im Transhumanismus, sondern in einem neuen Verständnis vom Menschen.
Der „neue Mensch“ und die Utopie der Kontrolle
Im Folgenden werden drei Kerngedanken des Transhumanismus sowie meine Kritik an diesen vorgestellt. Daran soll aufgezeigt werden, inwiefern die Vision eines „neuen Menschen“ fundamental eine Utopie der Kontrolle einschließt. Es geht um das transhumanistische Bestreben einer vollständigen Verfügungsgewalt über die menschliche Person, über ihre Entwicklung (d.h. die oder der Transhumane) sowie über den Endzustand ihrer Entwicklung (d.h. das posthumane Wesen).
Kontrolle des Menschen – Trivial-Anthropologie: Im Transhumanismus wird gerne die Geschichte als Autorität für die Annahme angeführt, es läge in der conditio humana begründet, sich selbst zu gestalten.
Mit dieser Einschätzung des Menschen, die bei zahlreichen Transhumanistinnen und Transhumanisten zu finden ist wie etwa exemplarisch Nick Bostrom, der die Wurzeln des Transhumanismus gar bis in die mesopotamische Vorzeit des Gilgamesch-Epos (ca. 2.400-1.800 v. Chr.) zurückverfolgt, geht einerseits ein häufig sogar explizit zum Ausdruck gebrachter Fatalismus einher, andererseits ein etwas zu einfach gestricktes Menschenbild, eine Art Trivial-Anthropologie.
Zwar stimmt es, dass der Transhumanismus seinen argumentativen Fokus primär auf das Individuum einstellt. Doch ist es ihm nicht möglich, die kollektive Ebene vollständig auszublenden, da nahezu alle ‚bloß‘ individuellen Veränderungen auf Dauer Konsequenzen für die kollektive Ebene zeitigen. Selbst auf den ersten Blick harmlos erscheinende Enhancements des persönlichen Aussehens (etwa Kosmetika, Schönheitsoperationen etc.) prägen das Bild der Gesellschaft, prägen auch die öffentliche Meinung, beeinflussen Erziehungsmethoden, diskriminieren und formen Idealtypen. Diese Tatsache wird in der transhumanistischen Reflexion allzu gerne verharmlost, was spätestens dann auch jeden Anschein von Trivialität verliert, wenn es nicht mehr ‚nur‘ darum geht, den einzelnen Individuen Freiheiten der Selbstgestaltung zuzugestehen, sondern wie ein Ausleben derselben finanziert werden soll und ob das eine oder andere Enhancement zugunsten einer Verbesserung der Gesellschaft vielleicht sogar rechtlich vorgeschrieben zu werden verlangt.
Das Menschenbild der TranshumanistInnen
Transhumanistinnen und Transhumanisten ist durchaus bewusst, dass sie – selbst wenn sie tatsächlich die Ansicht vertreten sollten, dass sich auf kollektiver Ebene ‚schon irgendwie alles von selbst regeln wird‘ – mit einem exklusiv individualistischen Fokus nicht weit kommen; zumindest nicht, sofern sie den Anspruch erheben, eine Philosophie nicht nur für eine wissenschaftliche und unternehmerische Elite zu vertreten. Der Verweis auf die Geschichte und das Wesen des Menschen ist aus meiner Sicht daher das Gesicht eines reinen Pragmatismus, die transhumanistischen Motive und Ziele für eine breite Öffentlichkeit nachvollziehbar erscheinen zu lassen.
Daher geben sich Transhumanistinnen und Transhumanisten auch nicht allzu viel Mühe, ihr Menschenbild anthropologisch differenziert auszuformulieren. Es genügt eine Art Trivial-Anthropologie, die sich allein auf den ‚Instinkt‘ zur Selbstverbesserung beschränkt. Einer ernsthaften philosophisch-anthropologischen Definition des menschlichen Wesens kann das natürlich nicht genügen. Was bspw. (so fühlt man sich intuitiv einzuwenden aufgefordert) ist denn mit solchen Menschen, denen der transhumanistische ‚Instinkt‘ abgeht? Sind das etwa keine Menschen? Über diese und verwandte Fragen wollen Transhumanistinnen und Transhumanisten natürlich gar nicht diskutieren. Allerdings mangelt es ihnen auch an einem weniger trivialen Argument für die Begründung der transhumanistischen Verbesserungseuphorien.
Vielleicht kommt deshalb die trivial-anthropologische Prämisse meistens in einem fatalistischen Gewand daher: Da die Selbstgestaltung im menschlichen Wesen läge, wären wir gar nicht fähig, uns ernsthaft gegen die Herausbildung des Posthumanen zu wehren – so ließe sich der Gedankengang im Transhumanismus überspitzten wiedergeben. Der technologische Fortschritt sei unaufhaltbar, das Zeitalter des ‚Supermenschen‘ dämmerte bereits am Horizont einer allzu nahen Zukunft herauf und diejenigen, die sich gegen die transhumanistische Philosophie wenden, verkennten damit nicht nur die menschliche Natur, sondern wären letztlich in demselben einsamen Winkel der Moderne beheimatet, in dem auch noch die letzten verbliebenen anti-Facebook- und anti-Google-Wilden gemeinsam mit den Bio-Ludditen hausen – gleich diesen zu einem baldigen Aussterben verdammt.
Selbstkultivierung mit technischen Mittel
Allerdings – sollte die Position dieses Fatalismus tatsächlich zutreffen wie dargestellt –, warum erklingt dann häufig im selben Atemzug der Aufruf zu einer aktiven Teilnahme, zu einem bewussten Eingreifen in die ‚natürliche Evolution‘? Vermutlich deshalb, da es dann schneller geht. Und wenn wir den Gang der Dinge schon ernsthaft beeinflussen können, dann sind wir vielleicht auch in der Lage, ihn nach unserem Gutdünken zu variieren: Die Natur und damit nicht nur Gegenwart, sondern insbesondere die Zukunft des Menschen in die eigenen Hände nehmen – für die Verwirklichung dieses ‚frommen‘ transhumanistischen Wunsches ist zunächst die Kenntnis davon, was ‚der‘ Mensch überhaupt ist, unabdingbar. Aus dem Wissen über das folgt die Kontrolle des menschlichen Daseins. Das scheint in meinen Augen ‚des Pudels Kern‘ der transhumanistischen Trivial-Anthropologie.
Kontrolle des Transhumanen – Passivierung: Die Selbstrückbindung an den Humanismus geht im Transhumanismus in der Tat sehr weit. So wird auch bezüglich der wohl bedeutendsten Methode transhumanistischer Optimierungsprozesse – das Human Enhancement, was die v.a. technologische Verbesserung des Menschen meint – in transhumanistischen Texten immer wieder daran erinnert, dass dies letztlich nur eine Weiterentwicklung des humanistischen Ideals einer Erziehung zur Selbstbildung darstelle. Beschränkt sich der Humanismus letztlich auf pädagogische und kulturelle Methoden, setzt der Transhumanismus das humanistische Programm einer Selbstkultivierung mit technischen Mitteln fort. Ich werde allerdings im Folgenden ausführen, inwiefern ich der Ansicht bin, dass die Methoden des Human Enhancements in einem essenziellen Punkt den humanistischen Bildungs- und Kultivierungspraktiken konträr entgegenstehen.
Der Mensch ist in der humanistischen Bildung und Erziehung zu jedem Zeitpunkt aktives Handlungssubjekt, wohingegen das transhumanistische Enhancement ihn zum passiven Material der (Um-)Gestaltung degradiert – selbst dann, wenn der zu verbessernde Mensch und der diesen verbessernde Mensch ein und dieselbe Person sind. Der eigentliche Akt des Enhancements verläuft, höchstens nachdem die fragliche Person ihr Einverständnis gegeben hat, als Prozess an dem Material des zu verbessernden Menschen ab. Bei Ungeborenen (reproduktives Enhancement) oder der genetischen Verbesserung zukünftiger Generationen kann dann auch von einer im Vorhinein gegebenen Einverständniserklärung natürlich keine Rede sein; in diesen Fällen wird die im Enhancement vorgenommene Passivierung noch deutlicher.
Verbessern oder verändern?
Menschen können zu jedem Zeitpunkt ihres Bildungsprozesses „Nein“ sagen. Auch und vielleicht gerade Kinder sind in der Lage, sich (zumindest ab einem bestimmten Alter) ihrer Erziehung zu verweigern; von quengeln über sträuben bis hin zur Rebellion sind den Eltern, Erzieherinnen und Erziehern aus leidvoller Erfahrung unzählige Spielarten der Aufsässigkeit bekannt. Im Human Enhancement ist das nicht möglich. Im Falle einer Verbesserung erwachsener Menschen geben diese zwar im Zweifel zuvor ihr Einverständnis, und sollten sie im Nachhinein nicht zufrieden mit den Ergebnissen der an ihnen vorgenommenen Gestaltung sein, nehmen sie dieses wieder zurück, machen das Enhancement wieder rückgängig (sofern möglich, das ist abhängig von dem konkreten Fall).
Aber selbst dann bleibt der Unterschied zwischen Human Enhancement auf der einen, Bildung und Erziehung auf der anderen Seite bestehen, denn wird eine Verbesserung rückgängig gemacht – etwa ein Implantat entfernt, ein Medikament abgesetzt, eine Behandlung abgebrochen –, kehrt die Person in einen vergleichsweise ähnlichen Zustand wie vor der Anwendung der Methode zurück. Ohne Frage behält in einem solchen Fall sowohl sie als auch ihr Körper die Erinnerung an das Enhancement – es wäre schlicht falsch zu behaupten, es handelte sich um dieselbe Person wie vor dem Eingriff. Allerdings ist es in einem graduell sehr viel stärkeren Ausmaß möglich, Verbesserungspraktiken wieder zurückzunehmen, als Bildungs- und Erziehungsprozesse. Abgesehen davon, dass Menschen tatsächlich auch vergessen können, bleibt das einmal ernsthaft Angeeignete für gewöhnlich im geistigen und körperlichen Gedächtnis der fraglichen Person.
Der transhumanistische Wunsch nach Kontrolle wird mit Blick auf das Human Enhancement an zwei Stellen akut: Zum einen gilt es, durch Passivierung den zu verbessernden Menschen demjenigen, der ihn verbessert, gefügig zu machen. Zum anderen behalten die optimierten Menschen auch nach abgeschlossenem Enhancement die Verfügungsgewalt über ihre Verbesserungen, wohingegen sie diese gerade mit dem abgeschlossenen Bildungsprozess verlieren.
Vollständige Verfügungsmacht über die menschliche Person
Kontrolle des Posthumanen – Kategorienfehler: Gerne verweisen Transhumanistinnen und Transhumanisten auf Giovanni Pico della Mirandola als – mit seiner berühmten Rede über die Würde des Menschen – Vorläufer des Transhumanismus. Insofern Pico eine stufenhafte Entwicklung des Menschen von einem per definitionem ort- und charakterlosen „Chamäleon“ hin zu einem schließlich göttlichen Wesen beschreibt, ist dieser Einschätzung durchaus zuzustimmen. Pico della Mirandola stellt in seinem Manifest des Humanismus eine rein formale Definition des Menschen vor: Der Mensch weist gerade keine spezifische Essenz auf. Indem er sich qua Selbstbestimmung eine Form gibt, verwandelt er sich durch diesen Akt in ein anderes Wesen, das entweder schlechter oder besser ist als der Mensch in seiner Unbestimmtheit zuvor war.
Pico benennt zahlreiche Wesenheiten, zu denen sich der Mensch selbst macht – nur zuletzt über das Göttliche schweigt er ehrfürchtig in dem Wissen, dass das menschliche Wort an einer Schilderung desselben notwendig scheitern muss. Ja, es wäre in der Tat nicht nur Hybris, sondern ein Kategorienfehler (ein Vorwurf, der Immanuel Kant in seinen Überlegungen das Ding an sich betreffend gemacht wurde, aber auch in der christlichen Tradition wird das Göttliche zumeist nur äußerst abstrakt skizziert), dem, was einerseits zwar als Endpunkt der menschlichen Selbsttransformation gedacht wird, andererseits allerdings außerhalb des menschlichen Erfahrungshorizonts im Bereich des Transzendentalen zu verorten ist, mit der menschlichen Sprache beikommen zu wollen. Letztlich bleibt es eine bloße Vermutung, dass wir dann nicht zu einem bösen Dämon, sondern tatsächlich, so sagt Pico, „der Gottheit voll, nicht mehr wir selbst, sondern der sein werden, der uns geschaffen hat“.
Zahlreiche Transhumanistinnen und Transhumanisten können ihrem Streben nach einer durchweg kontrollierten Optimierung des Menschen hingegen nicht widerstehen und suchen – in dem Bewusstsein darum, dass sie an dieser Stelle eigentlich keine konkreten Aussagen treffen können – dem posthumanen Wesen mit einigermaßen spezifischen Attributen und Charaktereigenschaften habhaft zu werden. Sie stellen sich die Entwicklung des Menschen für gewöhnlich kontinuierlich in der graduellen Steigerung konstitutiver Fähigkeiten vor, die irgendwann einen kategorialen Abgrund hin zum Posthumanen überspringt, auf dessen anderer Seite die Transformation des Menschen allerdings wieder kontinuierlich weiterzugehen scheint. Transhumanistinnen und Transhumanisten haben, so zeigt sich hier, Picos Vertrauen in das nicht nur Unfassbare sondern v.a. Wunderbare des Göttlichen verloren und begehen aus dem Drang größtmöglicher Kontrolle heraus einen Kategorienfehler.
Der Transhumanismus, so sei abschließend gesagt, schafft eine Utopie der wohl umfassendsten Kontrolle, die man sich vorstellen kann: Es geht ihm um die vollständige Verfügungsmacht über die menschliche Person, über ihre Entwicklung und darüber, wozu sie sich entwickelt. Dabei nimmt er eine Trivial-Anthropologie, Passivierung und einen Kategorienfehler in Kauf.
Originaltext
Für AKADEMIE INTEGRA gilt:
Der Mensch ist ein geistiges Wesen und hat eine Seele und einen Körper.
Der Mensch ist ein geistiges Wesen und macht eine physische Erfahrung.
Wenn du dir dessen bewusst bist, kannst du als geistige Individualität in die zeit- und raumlose und „oberhalb“ der Sprache liegenden transzendentale Welt eintauchen und das Leben (physische, materielle Welt) wohlwollend oder kritisch beobachten. Deine Erkenntnisse aus dieser Beobachtung kannst du für ein sinnvolles und glückliches Leben nutzen, jedoch nur in Form von Allegorien oder Gleichnissen sprachlich kundgeben.
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Diktatur des Effizienzdenkens

von Marianne Gronemeyer, „Streifzüge“
Wir leben in einer effizienzversessenen Gesellschaft, die, um möglichst viel Output in kürzestmöglicher Zeit auszuspucken, alle Lebensvollzüge bis zur Raserei auf Trab bringt. Die alte Einsicht, dass alles, was gut getan sein soll, seine Zeit braucht, dass es ein angemessenes, stimmiges Verhältnis zwischen einer Arbeitsaufgabe und der dafür benötigten Zeit gibt, ist außer Kraft gesetzt, seit es mit Maschinenkraft möglich wurde, die Dinge schneller laufen zu machen, als sie von sich aus laufen können. Die Maschinen, dazu ausersehen, den Menschen ihre Arbeit zu erleichtern und Sklaverei zu ersparen, haben im Zuge des industriellen Fortschritts die Menschen, die sie sich zunutze zu machen glaubten, versklavt. Die Instrumente, die Mittel zu Zwecken sein sollten, sind inzwischen ausschlaggebend dafür, welche Zwecke gesetzt werden. Während man vor nicht allzu langer Zeit noch darüber streiten konnte, ob der Zweck die Mittel heiligt, wird heute ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Mittel bestimmen, welche Zwecke gesetzt werden sollen.
Can implies ought: Was der Mensch kann, das soll, das muss er machen. Das war der Fortschrittsimperativ der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Darüber sind wir weit hinaus. Nicht was der Mensch kann, sondern was der Apparat, die zum System verschmolzene Maschinerie kann, dem müssen Menschen als Funktionspartikel im System dienstbar sein. Das, was ich Maschinerie nenne, ist längst nicht mehr nur das gute alte Räderwerk, in dem der Arbeitskollege von Charly Chaplin im Film „Modern Times“ durchgedreht wird. Die Maschinerie hat sich längst auch der Dienstleistungsberufe bemächtigt, die bis zu einem gewissen Grade immer noch im Stande der Unschuld geglaubt werden. Die Dienstleister in den heilenden, helfenden, lehrenden, fördernden, behandelnden, beratenden oder therapeutischen Professionen, die sich übrigens wie Pilze nach einem warmen Sommerregen vermehren, fühlen sich immer noch als Akteure, während sie tatsächlich in Verfahren, Prozeduren und getaktete Abläufe eingespannt sind, deren absolut vorrangiger Daseinszweck darin besteht, dass sie störungsfrei und hochbeschleunigt, also „effizient“ und natürlich profitabel abgewickelt werden können.
Inputs und Outputs
Gute Arbeit kann ich mir nicht leisten“, das ist ein Stoßseufzer, den insbesondere diejenigen, die in sozialen Professionen tätig sind, kaum noch unterdrücken können. Man muss hören, was da gesagt wird: Um der Effizienz, also um der Wirkung meiner Arbeit willen, muss ich darauf verzichten, gute Arbeit verrichten zu wollen. Gute Arbeit ist offenbar unbezahlbar geworden. Aber was meine ich, wenn ich „gute Arbeit“ sage? Die allgemeinste Antwort wäre: Gute Arbeit ist solche, die nützt und nicht schadet.
Das heißt also: Wenn ich feststelle, dass ich mir gute Arbeit nicht leisten kann, dann begnüge ich mich nicht nur mit weniger guter Arbeit, sondern ich nehme in Kauf, dass die Arbeit, die ich mir leisten kann, Schaden anrichtet. Und da fragt sich, wer denn nun eigentlich diesen Satz sagt. Spielen wir das einmal am Gesundheitswesen durch. Das ist immerhin ein Erfahrungsfeld, mit dem wir alle schon in der einen oder anderen Art Berührung hatten. Wir könnten auch das Bildungssystem ins Visier nehmen, denn da gelten ähnliche Spielregeln, oder das Produktions- oder Handwerkswesen oder die winzigen Reste bäuerlicher Tätigkeit, die es in modernen Gesellschaften noch gibt. Aber am Gesundheitswesen wird besonders drastisch deutlich, dass wir in einem „weltweiten Irrenhaus“ (Erich Fromm) leben. John Berger sprach kurz vor seinem Tod vom „weltweiten Gefängnis“, in das wir samt und sonders und sogar mit unserer bereitwilligen Zustimmung eingesperrt sind. Und Ivan Illich spricht von „Absurdistan“. Diese Zuschreibungen sind keine Metaphern, sondern real, wie John Berger nicht müde wird zu betonen.
Also wer sagt den Satz „Gute Arbeit kann ich mir nicht leisten.“?
– Vielleicht die Krankenschwester mit der Uhr in der Hand, aber längst auch schon im Kopf und im Herzen.
– Vielleicht der Verwaltungschef des Krankenhauses, der seinen Betrieb ökonomisch optimieren will oder soll.
– Oder die Patientin, deren Arzt ihr Zusatzleistungen empfiehlt, die er „dringend geboten“ nennt, die sie aber aus der eigenen Tasche bezahlen müsste, was sie nicht kann.
Meinen die Krankenschwester, der Verwaltungschef und die Patientin überhaupt dasselbe, wenn sie von „guter Arbeit“ sprechen?
Fraglich, ob heutzutage das, was die Patientin gern hätte, aber nicht bezahlen kann, wirklich „gute Arbeit“ ist. Fühlt sie sich nicht vielmehr benachteiligt, weil ihr bestimmte Produkte aus einer Produktpalette vorenthalten werden? Krankenhaustage zum Beispiel oder aufwendige diagnostische Verfahren, teure Medikamente oder Heilbehandlungen und alles, was in sehr unterschiedlicher Qualität im medizinischen Ersatzteillager feilgeboten wird, vom Zahnersatz über die künstliche Hüfte bis hin zum Ersatzherzen. Würde es ihr überhaupt noch einfallen, vom Arzt etwas anderes zu erwarten als eine Zugangsberechtigung zu einem dieser vielversprechenden Produkte?
Die Krankenschwester dagegen spricht wirklich von ihrer Arbeit. Ihre Klage lässt vermuten, dass sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon hat, was gute Arbeit in ihrem Metier wäre. Sie wäre wahrscheinlich auch bereit und fähig, sie zu tun; nur wird sie eben tagtäglich systematisch daran gehindert. Während übrigens gleichzeitig von ihr verlangt wird, dass sie perfekt funktioniert.
Und der Verwaltungschef? Ich fürchte, er würde dies Eingeständnis überhaupt nicht über die Lippen bringen, denn es ist, wie man im Verwaltungskauderwelsch sagen würde, „imageschädigend“. Er wird vielmehr – werbewirksam – darauf bestehen, dass das Krankenhaus, welches er managt, die bestmögliche Leistung (auf Kauderwelschig: „performance“) erbringt. Zu dieser vollmundigen Aussage legitimiert er sich dadurch, dass er von „guter Arbeit“, also von etwas, was Menschen tun, überhaupt nicht spricht. Gute Arbeit hat in seinem Denken ebenso wenig Platz wie schlechte Arbeit. Er hantiert seinerseits mit Produkten, mit den verdinglichten Ergebnissen von menschlichem Tun. Indem er die Produkte von der Tätigkeit abspaltet, ist er die leidige Frage nach der Arbeit los. Es geht nun nur noch um Inputs und Outputs, und alles, was dazwischenliegt, spielt sich, seiner Aufmerksamkeit gänzlich entzogen, in einer Blackbox ab und kann als qualité négligeable betrachtet werden. Ein gutes Produkt ist eines, das bei möglichst geringem Einsatz von Mitteln einen möglichst großen Effekt erzielt, wobei ganz nebenher Ziele durch Effekte ersetzt und Effekte mit Zielen verwechselt werden. Die Fragen „Was will ich?“, „Was sollte ich tun?“, „Was sollte ich unterlassen?“, „Warum?“, „Wozu ist etwas gut?“, „Wem hilft das?“, die ja öffentlich verhandelt werden müssten, verschwinden völlig zugunsten der alleinigen Frage nach dem „Wie geht das?“. Wobei dieses „das“, das da gehen soll, dezisionistisch, um nicht zu sagen selbstherrlich von einer ökonomisch interessierten, naturwissenschaftlich bornierten, technisch versierten und bürokratisch fanatisierten Expertenkaste verbindlich vorgegeben wird. Sie definiert den Output und kalkuliert den Input, und der Rest ist Verfahren, das wie geschmiert laufen muss.
Produktifizierung“ aller Verhältnisse
Wir müssen uns den Verwaltungsdirektor nicht einmal gewissenlos vorstellen. Sollte es ihm immerhin schwanen, dass das System, dem er dienstbar ist, an der Aufgabe einer guten medizinischen Versorgung scheitert, dann würde er das wahrscheinlich einem Mangel an Verteilungsgerechtigkeit zuschreiben und nicht einem Mangel an guter Arbeit. Produkte bzw. Befriedigungsmittel haben eben die fatale Neigung, knapp zu sein, also nicht für alle, die einen Anspruch darauf erheben, zu reichen. Die Konsequenz: Wenn der Vorrat an Befriedigungsmitteln nicht reicht, dann muss er eben aufgestockt werden, bis schließlich alle Ansprüche leidlich befriedigt werden können. Dieser Illusion verdanken wir die ungeheure Aufblähung des Medizinwesens, aber auch genauso des Bildungswesens, des Therapie- und Beratungswesens, deren Ende bis auf Weiteres nicht absehbar ist. Verteilungsgerechtigkeit wird in der Wachstumsökonomie unbeirrt von einer rasanten Vermehrung und Raffinierung von Produkten erwartet. Aber die Erfahrung lehrt – oder besser: Sie könnte lehren, lehrt aber tatsächlich gar nichts –, dass die Aufstockung des Angebots die Verteilungsgerechtigkeit nicht um ein Deut verbessert, sondern im Gegenteil. Nicht einmal eine halbwegs gerechte Verteilung der Befriedigungsmittel könnte irgendjemandem gerecht werden, wenn das Produkt nicht das Ergebnis guter Arbeit ist.
Was im Medizinwesen unter „Dienstleistung“ verstanden wird, hat sich im Zuge der „Produktifizierung“ aller Verhältnisse grundlegend verändert. Der geleistete Dienst besteht zunehmend nur noch im Verkauf von industriell gefertigten Waren. Folgerichtig wurden Patienten zu „Kunden“ umbenannt, während Ärzte und Pflegekräfte sich noch dagegen zu schützen wissen, als „Vertreter“ und „Verkäufer“ wahrgenommen zu werden, was sie de facto längst sind. Dass jemand einem anderen einen guten Dienst tut, ihm also dient oder dienstbar ist, diese Wortbedeutung ist aus der Dienstleistung im Allgemeinen und der medizinischen Dienstleistung im Besonderen fast völlig verschwunden. Und der oder die Hilfesuchende kann längst nicht mehr sicher sein, dass die Dienstleister ihm oder ihr wohlwollen, wenn es doch um deren Verdienst im schnöden pekuniären Sinn geht. Die Produkte, die in der Arztpraxis und im Krankenhaus verhökert werden, sind teils verfahrensförmiger, teils dinglicher Natur. Die standardisierten Verfahren, mit denen medizinische Fälle abgearbeitet werden, muss das medizinische Personal professionell liefern, die materiellen Produkte liefert die pharmazeutische und medizinisch-technische Industrie. In beiden steckt aber trotz voranschreitender Maschinierung immer noch menschliche Arbeit. Jedwedes Produkt – das ist die These – kann nur so gut sein, wie die Arbeit war, deren Resultat es ist.
Produkte, sagt der ungarische Philosoph Georg Lukács, sind der „Abdruck ihrer Handlungen“, das heißt, die Absichten und Begleitumstände, denen sie ihr Zustandekommen verdanken, kriechen in sie hinein, durchdringen sie und bestimmen ihr Wesen. Nun haben aber die Produkte nicht nur eine Entstehungsgeschichte, sondern auch eine Gebrauchsgeschichte. Ein Gegenstand sei „Abdruck von Handlungen“ meint, es werden in ihn Normen eingeschmolzen, die den Umgang mit diesem Gegenstand bestimmen oder festlegen. Gegenstände sind imprägniert mit ihren Entstehungsbedingungen, und was in sie hineingeschrieben wurde an Qual oder Leidenschaft, an Zwang oder Schöpfergeist, an offener oder geheimer Zwecksetzung, das wirkt als Gebrauchsanweisung oder als geheimes Kommando für künftige Anwender und Benutzer aus ihnen wieder heraus: Massenartikel erlauben keine individuelle Nutzung, flüchtig Hergestelltem ist keine Dauerhaftigkeit und kein Respekt beschieden, gewaltsam Abgezwungenes ermöglicht keinen freien Gebrauch, Hässliches wird den Benutzer verhässlichen, was roh gemacht wurde, erzeugt rohen Umgang. Was verschwenderisch und rücksichtslos hergestellt wurde, gebiert Verschwendungssucht und Rücksichtslosigkeit. Was auf nackte Zweckmäßigkeit und Effizienz abzielt, reduziert auch die Menschen, die damit Umgang haben, auf nackte Zweckmäßigkeit und Effizienz. Es ist mir zum Beispiel schlechterdings unmöglich zu glauben, dass ein pharmazeutisches Produkt, das einer Kampfgesinnung entspringt („Kampf dem Krebs!“) und für das zu Tode gequälte Kreaturen herhalten müssen, heilsam sein könnte. Aber natürlich gilt auch das Umgekehrte: was liebevoll, sorgsam und mit Sinn geschaffen wurde, erheischt sorgfältigen, bewahrenden und sinngemäßen Gebrauch.
Schaffenskraft
Wenn wir also nach der guten Arbeit Ausschau halten wollen, dann müssen wir unser Augenmerk nicht vorrangig darauf richten, was dabei herauskommt, sondern darauf, was in sie eingeht, und zwar eingeht nicht als bloßes Mittel zum Zweck, sondern als Schaffenskraft, als schöpferische Kraft. Arbeit entsteht ja nicht aus dem Nichts. Sie ist angewiesen auf eine Fülle von Gegebenheiten, denen sie ihr Zustandekommen verdankt, auf Gaben der Natur ebenso wie auf das kulturelle Erbe. Jede Arbeit, die die Quellen, aus denen sie sich nährt, erschöpft, ohne etwas an sie zurückzuerstatten, ist parasitär. Und dies könnte ein brauchbares Kriterium sein, um gute von schlechter Arbeit, wirklich effiziente von pseudoeffizienter Arbeit zu unterscheiden. Arbeit, die die Rückerstattung schuldig bleibt, kann niemals gute Arbeit werden, denn sie zerstört unweigerlich ihre eigenen Existenzbedingungen.
Die industrialisierte Arbeit, die heute den Normalfall der Arbeit darstellt – wohlgemerkt, ich spreche mit voller Absicht auch von Dienstleistungsindustrie –, ist nicht nur nicht willens, sondern auch vollkommen unfähig, Rückerstattung zu leisten. Sie ist auf ihren gewinnträchtigen Hauptzweck hin vollständig durchorganisiert, Rückerstattung heißt aber, dass der Profit beschränkt wird. Moderne Arbeit schafft ein steriles Klima ökonomischer Rationalität und technischer Perfektion. Ihr Ideal sind die programmgemäßen Abläufe, die, von allem Beiläufigen und Unvorhergesehenen gereinigt, hocheffektiv zur Sache kommen. Das Agens dieser Arbeit ist nicht mehr der arbeitende, sondern der „funktionale Mensch“, dessen Person durch die Funktion, die ihm obliegt, ersetzt wurde. Arbeit und Arbeiter sind in diesen Prozessen gleichermaßen tot gestellt. Die Arbeit braucht immer weniger von dem, was menschliche Arbeitskraft beizusteuern hätte:
– Erfahrung und Lebensklugheit haben sich erledigt. Was es braucht, ist das jeweils aktuellste Funktionswissen. Aber das lässt die Erfahrung leer ausgehen. Erfahrung entsteht nicht aus Routinen und programmierten Verfahren, sondern aus Überraschungen, Besonderheiten und Unvorhergesehenem und aus Scheitern und Versagen, das vor allem.
– Zur Verständigung reicht dieser Arbeit eine kunstlose Sprache der technischen Kürzel, ein funktionales „Uniquak“ (I. Illich) mit weltweiter Geltung, das die Sprache der persönlichen Anrede, des Mitgefühls, der Verständigung, der Besinnung und Begegnung verdrängt. Die Sprache und das Tun haben sich immer gegenseitig herausgefordert und befruchtet. Von unseren Arbeitsverhältnissen gehen keine sprachschöpferischen Impulse mehr aus. Sprache wird mit Plastikwörtern durchseucht und dem Jargon der Werbeindustrie angenähert. Eine der bedrohlichsten und folgenschwersten Entwicklungen, die wir gegenwärtig beobachten können, ist die zunehmende Verwüstung unserer Sprache, die uns unfähig zur Anteilnahme macht.
– Die Geschicklichkeiten und persönlichen Fähigkeiten, derer es einmal bedurfte, um gute Arbeit zu verrichten, wurden durch technische Perfektion der Maschinen ersetzt und überboten. Aber woher soll die Freude an der Arbeit kommen, wenn ich mich in ihr nicht als fähig, als lernend und wachsend erfahren kann?
– Die persönliche Gewissenhaftigkeit im Bemühen um gute, solide Arbeit ist verzichtbar geworden, denn der funktionale Mensch qualifiziert sich nicht durch unbestechliche Gütemaßstäbe, sondern durch fraglosen Gehorsam gegenüber den Diktaten der Maschinerie.
– Noch immer unentbehrlich ist allerdings die Bereitschaft der Arbeitenden, gut und sogar hart zu arbeiten. Wenn aber die Arbeit denen, die sie tun, nichts zurückerstattet, keine Erfahrung des Gelingens nach ausgestandener Mühe, keine wohltuende Erschöpfung, keine Inspiration, keine Lernerfahrung, woher soll dann Motivation kommen? Das Geld muss besorgen, was die Arbeit selbst schuldig bleibt, damit Menschen tun, was von ihnen verlangt wird. Geld vermag scheinbar den fehlenden Enthusiasmus recht zuverlässig zu kompensieren. Eine gewisse Funktionslust und Erledigungsdrang tun ein Übriges. Aber es macht eben einen enormen Unterschied, ob die besagte Krankenschwester Freude an ihrer Arbeit hat oder ob sie die Arbeit nur als unerlässliches Übel, als ungelebte Lebenszeit in Kauf nimmt, um mit dem verdienten Geld Zwecke außerhalb ihrer realisieren zu können. Motivation kann man nun einmal nicht kaufen, obwohl ganze Heerscharen von Dienstleistern in der Motivationsindustrie genau das behaupten und an der allgemeinen Lustlosigkeit viel Geld verdienen.
Und wenn Lukács recht hat, dass das, was wir hervorbringen an Arbeitsresultaten, die Bedingungen ihres Zustandekommens repräsentiert, dann müssen wir uns vor den Produkten wirklich hüten und so wenig wie möglich davon in Gebrauch nehmen, um uns vor den toxischen Wirkungen dieser technischen Errungenschaften zu schützen.
Nein-danke-Sager“
Aber nicht nur von den Produkten, sondern auch von der Arbeitspflicht in diesem zerstörerischen System sollten wir uns, so gut es eben geht, fernhalten.
Viele tun das längst, indem sie in die Knie gehen, krank werden, wie gelähmt, leergebrannt. Andere werden von vornherein ausgemustert, werden der „Segnungen“ der Lohnknechtschaft gar nicht erst teilhaftig. Der Arbeitsmarkt erklärt immer mehr Menschen für überflüssig, er produziert massenhaft Drop-outs. Aber gerade ihnen traut Ivan Illich Enormes zu, nämlich dass sich die Drop-outs zu Refuseniks mausern, zu „Nein-danke-Sagern“, zu Systemdeserteuren, die nicht mehr reinwollen in das System aus Überproduktion, Überkonsumtion, Schulpflicht, Arbeitszwang und staatlicher Daseinsfürsorge, sondern raus aus ihm. Das ist aus vielen Gründen leichter gesagt als getan. Denn die Lohnarbeit einerseits und die Abhängigkeit von käuflichen Produkten andererseits behaupten sich als einzig mögliche Weisen, unser Dasein zu fristen. Dennoch: Es geht heute wirklich um mehr als nur um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und um mehr Lohngerechtigkeit. Es ginge darum, nach ganz anderen Weisen, uns umeinander zu kümmern, nach neuen Formen der Subsistenz, Ausschau zu halten. Peter Brückner hat an das Abseits als sicheren Ort erinnert. Es gebe immer Orte zu finden, die leer sind von Macht. Die institutionelle Umklammerung sei zu Anteilen Schein. Vielleicht sind solche Abseits im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr zu finden, sondern erst zu gründen. Dazu bedürfte es zunächst einmal einer radikalen Umkehr der Denkrichtung, von der Versorgung zur gegenseitigen Fürsorge, von den käuflichen Waren zum eigenen Tun, von der Konkurrenz zur Konvivialität, von der Effizienz zum Genüge, von der Unterwerfung unter die Diagnose von Experten zur Rückgewinnung von eigenen Fähigkeiten und Könnerschaften und vor allem: eigenen Zielen.
Expertenherrschaft
Die Experten sind die Star-Dienstleister. Sie haben sich das Recht angemaßt – es wurde ihnen freilich auch bereitwillig zugestanden –, darüber zu entscheiden, was in einer Gesellschaft Standard ist, woran sich also die Gesellschaftsmitglieder messen lassen müssen. Effizienzkalküle sind ohne Standards gar nicht möglich. Experten üben eine besondere Art von Herrschaft aus. Ihre Macht ist dreifaltig. Sie erkennen, diagnostizieren, erklären beliebige Erscheinungsformen des Lebens zum Problem, weil diese von den Standards, die sie selbst gesetzt haben, abweichen. Sie bieten sich selbst als die einzig legitimen Problemlöser an und sie bescheinigen sich selbst den Erfolg ihrer Problemlösungsstrategien. Das Erkennen des Problems schafft einen Behandlungsbedarf, die alleinige Zuständigkeit für die Problemlösung eröffnet dem Experten eine gut bezahlte Arbeit und die Effizienz, die er sich selbst bescheinigt, garantiert ihm gesellschaftliches Ansehen und Anspruch auf noch mehr Einkommen. Ivan Illich nannte dieses System „entmündigende Expertenherrschaft“. Vor den professionellen Dienstleistungen der Experten warnte Ivan Illich bereits in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. In einer Zeit also, als gerade dem Dienstleistungssektor zugetraut wurde, einen Ausweg aus einem zunächst unlösbar scheinenden Dilemma zu weisen. In kurzer Folge erschienen gerade die schockierenden Berichte des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“. Nach diesen warnenden Prognosen waren die unvermeidlich auf Wachstum angewiesenen industriellen Gesellschaften gleichzeitig durch ebendieses Wachstum in ihrem Bestand bedroht. Vom qualitativen Wachstum war auf einmal die Rede. Und der Dienstleistungssektor mit seinem geringen Rohstoffbedarf schien ungestraft unlimitiert wachsen zu können. In diese Situation also trifft Illichs fundamentale Kritik der Dienstleistungsberufe und seine Warnung vor deren Ermächtigung und Expansion.
Die Experten“, schreibt er, „konnten erst dann ihre dominierende Stellung erreichen und ihre entmündigende Funktion ausüben, als die Menschen bereit waren, tatsächlich als Mangel zu empfinden, was der Experte ihnen als Bedürfnis dekretiert.“ (Ivan Illich: Entmündigende Expertenherrschaft, in: ders. e. a. :Entmündigung durch Experten. Zur Kritik der Dienstleistungsberufe, Reinbek 1979, S. 20f.) Keine menschliche Befindlichkeit, die unter diesen Umständen nicht zum Übelstand erklärt werden könnte. Immer neue Defizite lassen sich diagnostizieren und durch darauf spezialisierte Dienstleistungen scheinbar beheben; Dienstleistungen genau jener Spezialisten, die die Missstände „entdeckt“ und als Problem „erkannt“ haben.
Die neuen Spezialisten kommen gern im Namen der Liebe daher und bieten irgendeine Form der Fürsorge an. … Die Erzieher zum Beispiel schreiben der Gesellschaft heute vor, was gelernt werden soll, und erklären das, was früher außerhalb der Schule gelernt wurde, als nichtig. Der Ernährungswissenschaftler schreibt die ‚richtige‘ Kost für den Säugling vor, der Psychiater verschreibt das ‚richtige‘ Antidepressivum, und der Schulmeister – mit inzwischen unumschränkter Erziehungsgewalt – fühlt sich berechtigt, seine Methode zwischen dich und alles was du lernen willst, zu schieben. … Die Ärzte hatten zwar immer bestimmt, was Krankheit ist und was nicht; heute aber bestimmt die dominierende Medizinzunft, welche Krankheiten die Gesellschaft tolerieren darf und welche nicht.“ (I. Illich a. a. O. S. 14/17/19)
Was einzig zählt, ist die Vollmacht des Experten, einen Menschen als Klienten oder Patienten zu definieren, die Bedürfnisse dieses Menschen zu bestimmen und ihm ein Rezept auszuhändigen, das seine neue gesellschaftliche Rolle definiert. Während die Höker und Hehler in alter Zeit verkauften, was andere verschenkten, maßen die modernen Experten sich an zu entscheiden, was verkauft werden muss und nicht verschenkt werden darf.“ (Ebd. S. 15) Die „Klientelisierung“ aller Gesellschaftsmitglieder ist das wachstumsgenerierende Geschäft der Experten. Aber Vorsicht: Der Begriff ist verräterisch. „Klient“ ist ein Begriff des alten römischen Rechts. Er bezeichnet einen Bürger niederen Standes, der einem Patrizier zu Diensten verpflichtet ist. Das taugt gut zur Entlarvung des Dienstleistungsschwindels. Nicht der Dienstleister dient dem Klienten, sondern umgekehrt, der Klient dient dem Dienstleister, der „gern im Namen der Liebe daherkommt“ (ebd. S. 14).
Die Expansion der Dienstleistungsindustrie ist also keineswegs unbedenklich.
Sie bewirkt dreierlei:
– Sie bringt den Liebesdienst zugunsten der käuflichen Dienstleistung zum Verschwinden.
– Sie schürt „die gierige Unersättlichkeit ihrer Opfer“ (ebd. S. 7).
– Sie entfähigt die Menschen; und gerade darauf beruhen ihr stetes Anwachsen und ihre Rechtfertigung. Denn anders als die Warenproduktion, die auf den „hedonistischen Konsumismus“ (P. P. Pasolini) der Käufer zielt, „reagiert“ die Dienstleistungsproduktion scheinbar auf eine wachsende Hilflosigkeit der Menschen.
Der Hedonismus ist immerhin kritisierbar, die Hilfsbedürftigkeit nicht.
social engineering“
Lassen Sie mich zum Schluss noch ein paar Bemerkungen zu einer Ideologie machen, die mit der Ideologie der Effizienz unauflöslich verknüpft ist. Ich meine die Ideologie von der Weltrettung durch Innovation.
Der Begriff der Innovation wird heute zwar vorwiegend mit der Technik und der Warenproduktion in Verbindung gebracht, er spielt aber im Bereich des Sozialen eine ebenso gewichtige Rolle. Dort aber, so wird behauptet, gelte eine andere Logik, die Logik der Humanisierung der Verhältnisse. Wie aber, wenn das Wesen der sogenannten sozialen Innovationen gerade darin bestünde, die menschlichen Verhältnisse zu maschinieren, sie den Gesetzen des Maschinellen zu unterwerfen, nicht nur im Sinne einer Analogie, sondern faktisch. Im Englischen werden „soziale Innovationen“ ziemlich ungeschminkt als „social engineering“ annonciert, und damit ist klar gesagt, dass es dabei um die Produktion von Verfahren geht, die dem Maschinenwesen nicht nur vergleichbar, sondern mit ihm vollständig kompatibel sind. Ins Auge springend steckt ja im Wort „engineering“ das Grundwort „engine“, und das heißt laut Oxford-Wörterbuch „Motor“ und „Lokomotive“. Der „engineer“ ist der Ingenieur. Aber während Ersterer sich zu seiner Liaison mit der Maschine bekennt, ist es im Deutschen möglich, den Ingenieur als Künstler zu betrachten. Wir sprechen durchaus von Ingenieurskunst. Und das hängt wohl damit zusammen, dass im deutschen Begriff, trotz seiner offenkundigen Verwandtschaft mit dem englischen, nicht die Maschine, sondern das „Ingenium“ mitschwingt. Trotzdem wäre es heute sprachlich sehr drastisch und verräterisch vom „Sozialingenieur“ zu sprechen. Soziale Innovation klingt wirklich viel freundlicher, meint aber dasselbe.
Soziale Neuerungen müssen – wie die technischen – in schneller Folge Neuerungen weichen, je nachdem, welche Arbeits- und Konsumenten„tugenden“ die Maschinerie des Marktes, ihrem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend, verlangt. Wer sich heute um einen anspruchsvollen Job bewirbt, kommt kaum daran vorbei, sich als innovativ und flexibel anzupreisen. Und Flexibilität besteht in moderner Lesart gerade darin, sich das gestern noch Gültige abzutrainieren, am besten, es völlig zu verlernen, zu nichten, um sich „frei“ zu machen für das, was jetzt – vorläufig – im Schwange und opportun ist. „Die Fähigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen und Fragmentierung zu akzeptieren, ist der herausragende Charakterzug der flexiblen Persönlichkeit …“ (Vgl.: Richard Sennett: Der flexible Mensch, Berlin 1998, S. 79f.) Im technischen wie im sozialen Milieu gilt Innovation der Auslöschung des Alten: „… in allen (Hervorhebung M. G.) Bereichen des Lebens (beriefen sich) sogenannte Neuerer auf das Ansehen der Naturwissenschaft, um ihre Sichtweise zu fördern, besonders auf politischem und sozialem Gebiet. Die gesellschaftliche Organisation galt nun als etwas Geschaffenes“ (René Girard: Die verkannte Stimme des Realen, München 2002, S. 207), das folglich immer neu zur Disposition stand.
Unverkennbar ist Innovation ein Begriff der technokratischen Gesellschaft, die einem linearen technischen Fortschritt huldigt und deren Ziel es ist, ein technogenes Milieu herzustellen, in dem allem, „was nicht wissenschaftlich entwickelt, fabriziert, geplant und irgendjemandem verkauft worden ist“ (Ivan Illich: Entschulung der Gesellschaft, 4. Auflage, München 1994, S. 147), das Daseinsrecht abgesprochen wird.
Worüber sich die Innovationspropaganda jedoch vornehm ausschweigt, das ist der ultimative Zweck all dieser innovativen Anstrengungen. In letzter Instanz geht es, worauf Günther Anders in seinen beiden Werken zur „Antiquiertheit des Menschen“ schon seit den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts scharfsichtig und unüberhörbar (er wurde trotzdem nicht gehört) hingewiesen hat, um den Menschenersatz bis hin zum Ersatzmenschen. Da der Mensch zur Perfektion nicht taugt, muss er durch Maschinenhilfe erst verbessert und dann überflüssig gemacht und schließlich gegen Maschinen ausgetauscht werden. Innovateure träumen ganz ungeniert von menschenbereinigten Verhältnissen: Schulen ohne Lehrer, Lastwagen ohne Fahrer und Pflegeheime mit Fütterungsautomaten gibt es bereits. Die hochfliegenden Träume gehen indes viel weiter.
Facit
Heißt das nun, dass moderne Gesellschaften keine Erneuerung brauchen? Soll alles beim Alten bleiben? Ist es gut so, wie es ist? Keineswegs: Ivan Illich plädierte schon vor beinahe fünfzig Jahren für eine „konviviale Erneuerung“. Die Hypothese, auf der die industrielle Gesellschaft fußte, „besagte, dass die Sklaverei mit Hilfe von Maschinen abgeschafft werden kann. Es hat sich gezeigt, dass Maschinen die Menschen versklaven. … Nicht Werkzeuge, die ihnen die Arbeit abnehmen, brauchen die Menschen, sondern neue (Hervorhebung M. G.) Werkzeuge, mit denen sie arbeiten können. Nicht weitere gut programmierte Energiesklaven brauchen sie, sondern eine Technologie, die ihnen dabei hilft, das Beste zu machen aus der Kraft und Phantasie, die jeder besitzt. … Ich wähle den Begriff ‚Konvivialität‘, um das Gegenteil der industriellen Produktivität bezeichnen zu können. Er soll für den autonomen und zwischenmenschlichen Umgang und den Umgang von Menschen mit ihrer Umwelt als Gegensatz zu den konditionierten Reaktionen von Menschen auf Anforderungen durch andere und Anforderungen durch eine künstliche Umwelt stehen.“ (Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, München 1998 (1975 zuerst auf Deutsch erschienen), S. 27f.)
Und was die Zukunftsorientierung, auf die sich die Innovateure so viel zugutehalten, betrifft: Was wäre, wenn wir uns einmal für die Gegenwart interessieren würden, denn sie brütet die Zukunft aus? In einer befriedeten Gegenwart müssten wir uns um die Planung einer lebbaren, friedvollen Zukunft nicht viel Gedanken oder gar Sorgen machen.
Epochale Umbrüche hießen früher Renaissancen, Reformationen, Revisionen und Revolutionen. Ihnen allen ist die Vorsilbe re- gemeinsam, das heißt: Der „Neuanfang“ ist nicht als „Stunde null“ zu denken, nicht als creatio ex nihilo. Jede Erneuerung erfordert demnach eine Rückbesinnung auf das Vergangene. Wenn ich einen Weg zurückverfolge, treffe ich auf jene Wegscheiden, an denen die Entscheidungen zugunsten des dann tatsächlich beschrittenen Weges gefallen sind. Dort könnten sich noch Spuren der verworfenen, nicht realisierten Möglichkeiten finden, die uns erlauben, die modernen Selbstverständlichkeiten als historisch gewordene und nicht naturgegebene zu erfahren, was ja die Voraussetzung dafür ist, sie in Zweifel zu ziehen. „Es ist ein großer Unterschied, ob man die Geschichte dessen schreiben will, worauf unsere Welt aufbaut, oder die Geschichte dessen, was verlorengegangen ist, erzählen will.“ (Ivan Illich: Genus, Reinbek 1983, S. 119) Das Bild der Vergangenheit droht für immer zu verschwinden, „wenn sich die Gegenwart nicht mehr in ihm erkennt“, sagt Walter Benjamin, aber es gilt auch das Umgekehrte: Die Gegenwart läuft sich tot, wenn sie sich nur auf sich selbst verlässt, sich nur aus sich selbst erschafft und das andere ihrer selbst ignoriert.
Innovation ist die unbußfertige Erneuerung. Ihr erscheint jede Rück-Sicht als ein Rück-Fall. Unter dem Imperativ der Innovation werden Gegenwartskrisen niemals aus begangenen Irrtümern oder Fehlentscheidungen erklärt. Krisen sind in dieser Lesart immer und ausschließlich Resultat eines Novitätsmankos. Wer oder was in der Krise steckt, ist nicht modern genug, ist folglich innovationsbedürftig.
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Streit um Leitkultur

Von Urs Meier, „Journal21“
Viele finden sie notwendig, um Einwanderer auf bestimmte Werte und Verhaltensweisen zu verpflichten. Andere lehnen sie als nicht zeitgemässe Anmassung ab.
Vor zwei Jahrzehnten hat der Politologe Bassam Tibi einen Begriff geprägt, um den bis heute stets von neuem gestritten wird: Leitkultur. Tibi meinte damit einen Wertekonsens, auf dessen Grundlage sich ein Zusammenleben von Ansässigen und Zugewanderten entwickeln könne. Als Pfeiler einer solchen Übereinkunft nannte er die Begriffe Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.
Mit seinem neu eingeführten Terminus zielte Bassam Tibi auf eine Vorstellung von Identität, die gerade nicht auf deren herkömmliche Bestandteile der Nation, Ethnizität oder Religion zurückgreift. Ihm als Deutschem syrischer Herkunft war aufgefallen, dass besonders die wenig gebildeten muslimischen Migranten – nicht zuletzt als Reaktion auf die für sie fremde Welt – sich überaus stark mit ihrer ethnischen und religiösen Herkunft identifizierten. Sind diese Menschen nun mit einer Gesellschaft konfrontiert, in der nicht Ethnie oder Religion zuoberst stehen, sondern Normen der westlichen Zivilisation, so ist dies für beide Seiten schwierig und konfliktträchtig. Es treffen nämlich zwei völlig verschiedenartige Konzepte von Identität aufeinander.
Die Konstellation ist auf der einen Seite anspruchsvoll, bietet andererseits aber auch die Chance, unterschiedliche Selbstverständnisse in einen liberalen, pluralistischen Rahmen hinein zu integrieren. Indem die aufnehmende Gesellschaft den muslimischen Migranten diesen westlichen Wertezusammenhang als europäische Leitkultur vorstellt, hilft sie ihnen – so damals Tibis Hoffnung –, eine weiter gefasste, die multiplen Pluralitäten der westlichen Zivilisation akzeptierende Identität zu entwickeln.
Umdeutung zum Kampfbegriff
Was der Sozialwissenschafter Bassam Tibi mit seiner Leitkultur-Formel gerade nicht beabsichtigte, machte dann postwendend die Politik daraus: einen Kampfbegriff. Die so verstandene Leitkultur-Parole richtet sich gegen die Idee (die Rechten sagen verschärfend: die Ideologie) der Multikulturalität und fordert stattdessen von den Zugewanderten Assimilation. Bald war denn auch von „deutscher Leitkultur“ die Rede. Die links-grüne Seite wollte damit nichts zu tun haben. Sie argwöhnte, im Leitkultur-Begriff wirkten bloss die alten imperialistischen Reflexe.
Und da der Streit einmal entfacht war, geriet der ursprüngliche Zusammenhang des Leitkultur-Begriffs in Vergessenheit. Als politische Parole steht er zumeist für einen doppelten Anspruch (den man jeweils entweder vehement verfechten oder zurückweisen kann): den auf kulturelle Suprematie der aufnehmenden Gesellschaft und den auf Anpassung der Fremden. Die sich entgegenstehenden Positionen generieren fortwährend Stoff für epische Debatten. Das beobachten wir nun seit bald zwanzig Jahren.
Obschon mit anderen Absichten lanciert, ist Bassam Tibis Begriffskreation an diesem sich perpetuierenden Disput nicht ganz unschuldig. Wer Leitkultur sagt, provoziert unausweichlich die Frage, worin denn diese genau bestehe. Und selbstverständlich kann jede Umschreibung ihres Inhalts je nach Standpunkt als unzulässig verengt – etwa weil sie LGBTI-Rechte unterschlägt – oder aber als vereinnahmend – etwa weil sie das Christentum als Bestandteil der Leitkultur erwähnt – zurückgewiesen werden.
Gescheiterter Versuch zur Rehabilitation
Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière hat vor einigen Monaten – mithin schon im Vorfeld der Bundestagswahl – den Versuch gewagt, eine neue Leitkultur-Debatte anzuzetteln. Zehn Punkte stellte er zur Diskussion. Offenbar bemüht, die alten starren Fronten aufzuweichen, schickte er seinem Leitkultur-Katalog die ausführliche Anleitung für eine temperierte Lesart des Begriffs voraus: Leiten sei ja etwas Freundlicheres als das autoritative Anordnen, und Kultur meine etwas Fluideres als das eherne Normieren. Um dies zu unterstreichen, entwarf de Maizière seine in der „Bild am Sonntag“ vom 30. April 2017 veröffentlichten Zehn Punkte zur Leitkultur als lockere Sammlung von Konventionen, Bildungszielen, politischen Leitlinien und allgemeinen Wertvorstellungen. Es ist der Mühe wert, de Maizières Überlegungen in geraffter Form zu vergegenwärtigen:
Zur für Deutschland massgeblichen Leitkultur gehören
  1. der Handschlag und das offen gezeigte Gesicht;
  2. ein Verständnis von Bildung als Wert und nicht nur als Mittel zum Zweck;
  3. die Bereitschaft zur individuellen und sozialen Leistung;
  4. ein kritisches Geschichtsbewusstsein;
  5. die Lebendigkeit des grossen kulturellen Erbes Deutschlands und eine breite kulturelle Praxis;
  6. die christliche Prägung des Landes und eine faktische Pluralität von Religionen (Kirchen, Synagogen, Moscheen), die der Gesellschaft dienen und friedlich zusammenleben;
  7. zivile Konfliktregelung ohne Gewalt;
  8. aufgeklärter Patriotismus und überwundener Nationalismus;
  9. Zugehörigkeit zum Westen und Integration in Europa;
  10. kollektive Erinnerungen und verbindende symbolische Orte in Deutschland, unterschiedliche heimatliche Verwurzelungen.
Im Wahlkampf kommt den Parteien jede Gelegenheit zum Streit zupass, der Pro-bono-Versuch des Innenministers selbstverständlich nicht ausgenommen. Die alten Fronten stehen auch bei dieser neuerlichen Diskussion unverrückt. Stimmen für eine Leitkultur-Debatte kommen von der CDU-CSU sowie von der AfD; SPD, Grüne, Linke und FDP lehnen ein solches Ansinnen ab.
Aus liberaler Sicht ist eine Leitkultur-Debatte unnütz und schädlich. Das Grundgesetz genüge als Anleitung zur Integration; darüber hinausgehende Bestimmungen brauche es nicht. Die Kritik von Rot-Grün begründet sich vornehmlich mit der Meinung, wer „Leitkultur“ sage, äussere eine Herr-im-Haus-Haltung, welche die Rechte und Sensibilitäten der Zugewanderten missachte.
Auf der Befürworterseite sind die Gründe und Motive ebenfalls uneinheitlich. Den einen geht es offensichtlich darum, wenig integrationswilligen oder -fähigen Zugewanderten den Tarif zu erklären. Andere Unterstützer der Leitkultur-Idee wiederum glauben (darin der ursprünglichen Intention des Begriffs nahe), mit einem entsprechenden Konzept die Integration voranbringen zu können. Man wird Thomas de Maizières Diskussionsvorstoss in diesem Sinn verstehen dürfen.
In den Zehn Punkten kann man bei wohlwollender Interpretation durchaus den Versuch sehen, mit einer konsensfähigen Beschreibung von Integrationszielen die Grundlage für einen erfolgreichen Integrationsprozess zu liefern. Adressaten dieses Konsensversuchs sind die Akteure der aufnehmenden Gesellschaft und die Zugewanderten gleichermassen. Vieles, was de Maizières Programm als Diskussionsbasis vorschlägt, erscheint für sich genommen durchaus sinnvoll und tauglich.
Schwierigkeiten mit dem Kulturbegriff
Der Grund, weshalb auch dieser Versuch offensichtlich gescheitert ist – scheitern musste –, hat mit der Unfassbarkeit des Wortes Kultur zu tun. Diese einst vom Sprachalltag etwas abgehobene, eine Sphäre des Höheren beschreibende Vokabel wurde ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts vom Sockel geholt und zum gewöhnlichen Wort herabgestuft. Dafür zahlt die Sprache allerdings einen Preis, der nicht vorgesehen war: den der fast grenzenlosen Beliebigkeit und weitgehenden Unklarheit des Wortes Kultur. Sein Bedeutungsgehalt verliert sich auf der einen Seite in immer abstrakteren, entleerteren Begrifflichkeiten. Kultur meint in diesem sozialwissenschaftlich inspirierten Wortgebrauch am Ende lediglich „ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Verhalten und Zusammenleben von Menschen leiten“ (Wikipedia). Gleichzeitig lebt im Sprachgebrauch auf der anderen Seite ein älteres, kulturphilosophisch unterlegtes Verständnis des Begriffs. Es meint mit Kultur eine auf reflektierten Haltungen und ästhetischen Formungen beruhende geistige Welt.
Im Begriff der Leitkultur kippt der Wortbestandteil „Kultur“ zwischen diesen beiden Verständnissen hin und her, ohne sich klar auf eine Seite zu schlagen. So schwankt der Ausdruck zwischen einer nicht wertenden Erfassung der „Regeln und Gewohnheiten, die das Verhalten und Zusammenleben von Menschen leiten“ und einer normativen Beschreibung dessen, was „reflektierte Haltung und ästhetische Formung“ ausmachen. Im ersten Sinn kann Leitkultur als eine Art sozialpädagogische Anregung oder Anleitung zur Integration erscheinen; im zweiten erhebt sie wertende Ansprüche, an denen Integrationsbemühungen zu messen sind.
Mechanismen der sozialen Integration
Angesichts sich mehrender Anzeichen unzureichender, teils auch offen verweigerter Integration hat das Thema politische Brisanz. Im sozialpolitischen Kontext ist der Begriff der Integration allerdings gefährlich unklar: Wie weit sollen Zugewanderte sich integrieren? Sollen die Ansprüche möglichst tief oder bewusst hoch angesetzt werden (etwa beim Erlernen der Sprache)? Setzt die Vorstellung des Integrierens den Akzent beim Sich-Einfügen der Zugewanderten, oder geht es primär um die Offenheit der aufnehmenden Gesellschaft? Leitkultur oder Willkommenskultur? Oder ist beides gemeint? Wenn ja, in welchen Gewichtungen und Bedingungsverhältnissen?
Operiert man in den komplizierten Mechanismen der sozialen Integration mit dem Begriff der Leitkultur, so verschiebt man die Gewichte auf die Seite der Anpassungsforderungen. Natürlich darf man das. Doch wer eine Leitkultur postuliert, sollte deren Zusammenhang mit der Vorstellung einer Unterordnung der Zugewanderten nicht vertuschen. Dieser Gedanke steht zwar dem entgegen, was ein Bassam Tibi und ein Thomas de Maizière unter Leitkultur erklärtermassen verstehen wollen. Doch der Leitkultur-Begriff funktioniert nun mal direktiv und lässt sich nicht auf partnerschaftlich frisieren.
Schade um die guten Absichten! Denn es ist wohl klar, dass Integration – als Leistung sowohl der aufnehmenden Gesellschaft wie auch der Zugewanderten – von allen Beteiligten Anstrengungen und Anpassungen verlangt. Gelänge es, sich hierfür auf gemeinsame Leitvorstellungen zu verständigen, wäre dies zweifellos von Nutzen. Die Suche danach sollte man sich allerdings besser nicht als harmonischen Diskurs vorstellen, der nach einem ruhigen Meinungsaustausch rasch ein klares und allseits gutgeheissenes Ergebnis hervorbrächte – womöglich gar eines, das dann gleich für mehrere Jahre Bestand hätte.
Permanente, nicht steuerbare Aufgabe
Nein, das wird ein bisschen schwieriger werden mit der Konsenssuche. Realistisch gesehen ist eine solche Verständigung eine permanente Aufgabe. Läuft es gut damit, so gelingt es, ein paar gemeinsame Orientierungspunkte herauszuschälen und im Übrigen bei strittigen Fragen im Gespräch zu bleiben. Und da ein solcher Prozess nicht hierarchisch-zentral durchgeführt werden kann, muss er überall da stattfinden, wo es Konflikte gibt. Die Ergebnisse werden – abhängig von den jeweils Beteiligten und den jeweiligen Umständen – keinesfalls einheitlich ausfallen.
Die Vorstellung einer Leitkultur wird diesem Pluralismus der Situationen nicht gerecht. Trotzdem ist es gut, wenn Orientierungsangebote wie de Maizières Zehn Punkte zur Diskussion gestellt werden. Die daraus hervorgehenden Anregungen können von Betroffenen übernommen oder verworfen werden. Sie tragen darüber hinaus zur allgemeinen Meinungsbildung bei und fördern in einem schwierigen Themenfeld eine Kultur des Diskurses.
Diskussionsvorstösse zur Identifizierung von Integrationszielen sind also zu begrüssen; sie sollten aber nicht den Anspruch erheben, eine Leitkultur zu definieren. In der Idee einer Leitkultur steckt die Versuchung, die schwierige Verständigung abzukürzen. Wie sich zeigt, klappt das schon deshalb nicht, weil es nicht gelingt, den Begriff der Leitkultur einvernehmlich zu füllen. Und selbst wenn dies doch irgendwann zu schaffen wäre, so brächte der mit Inhalten gefüllte Kulturbegriff die erstrebte Verständigung zwischen ungleichen Partnern von Anfang an in Schieflage. Denn wie soll das gehen, wenn die eine Seite zum vornherein das Ergebnis kennt? Einen solchen Dialog kann man sich schenken. Da schreitet man besser gleich zur Befehlsausgabe.
Der Begriff einer Leitkultur ist nicht zu retten. Er funktioniert im Kontext der sozialen Integration ganz einfach nicht. Weder ist er in konsensfähiger Weise konkretisierbar, noch taugt er zur Leitung der intendierten Verständigung. Dieses Scheitern auf der ganzen Linie kann nicht verwundern. Denn Kultur ist keine normative Grösse, kein strategisch verrechenbarer Faktor, keine Handhabe zur Erreichung vorgegebener Ziele. Was Kultur ist, wohin sie sich entwickelt, womit sie sich auseinandersetzt, welches neue Denken und Fühlen sie hervorbringt, das weiss man immer nur im Nachhinein. Das Kompositum aus Leiten und Kultur ist ein Widerspruch in sich selbst. Nun sind zwar Widersprüche in der Kultur immer wieder eminent fruchtbar. In der Politik sind sie es nicht.
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Falsch gelaufen

Christoph Zollinger, „Journal21“
Wer bedroht unser freiheitliches Gedankengut? Neben den politischen Potentaten sind es auch einige Top-Manager.
Die Kartellvorwürfe gegen VW, Daimler, BMW, Porsche und Audi sind happig. Die Autoindustrie, das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft steht – noch sind die Trümmer des Abgasskandals nicht weggeräumt – erneut im Verdacht betrügerischen Verhaltens. Der freien Marktwirtschaft, die auf den Ideen des Liberalismus basiert, droht gewaltiger Schaden.
Skandal folgt auf Skandal
Wer meinte, der Skandal um manipulierte Abgaswerte hätte ein Umdenken in den Top-Etagen der Automobilindustrie bewirkt, lag falsch. Der „Umweltgipfel“ von Anfang August 2017 der Regierung mit den Branchenchefs brachte keine Anzeichen eines Richtungswechsels. Vielmehr konstatierte die Wochenzeitung „Die Zeit“, dass „das Kanzleramt den Konzernen half, die Grenzwerte anzupassen“. Die teuren Massnahmen, die nötig gewesen wären zur Sanierung der Diesel-Dreckschleudern, konnten mit gütiger Mithilfe eben dieses Amtes vermieden werden.
Es ist die Skandalgeschichte der „Autokanzlerin“, die da abläuft. Politiker haben den Autoherstellern seit Jahren strenge Abgaswerte der EU vom Leib gehalten und sie mit Subventionen unterstützt. Die Quittung folgt scheibchenweise. Einzelne Nationen und Städte haben bereits Fahrverbote für Dieselfahrzeuge ins Auge gefasst.
Angesichts des Schlamassels empfiehlt VW seinen Kunden ungerührt: Kauft euch doch einfach bei uns ein neues Auto! Vor dem Hintergrund möglicher Kosten von zwanzig Milliarden Euro für die Umrüstung der Dieselflotte eine typische „geniale“ Idee des Konzerns! Oder, wie andere Beobachter meinen, eine weitere Geste der Arroganz.
Wir erleben tatsächlich turbulente Zeiten. Alte Gewissheiten werden weggespült, politische und wirtschaftliche Regeln entsorgt. Unter dem Deckel der überlegenen liberalen Wirtschaftsordnung sind in der globalisierten Welt Machenschaften an der Tagesordnung, die Beobachter in höchster Frustration zurücklassen könnten.
Verbotene Kartelle
In der Schweiz gilt seit 1995: „Das Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen (Kartellgesetz, KG) bezweckt, volkswirtschaftlich oder sozial schädliche Auswirkungen von Kartellen und anderen Wettbewerbsbeschränkungen zu verhindern und damit den Wettbewerb im Interesse einer freiheitlichen marktwirtschaftlichen Ordnung zu fördern. Die Sicherstellung des wirksamen Wettbewerbs in der Schweiz basiert dabei auf drei Säulen: Erstens untersagt das Kartellgesetz Abreden zwischen Unternehmen, die den Wettbewerb erheblich beschränken und nicht durch volkswirtschaftliche Effizienzgründe gerechtfertigt sind. Zweitens ist der Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung durch ein oder mehrere Unternehmen verboten. Drittens sieht das Kartellgesetz vor, dass bei Fusionen, an denen grosse Unternehmen beteiligt sind, durch die Wettbewerbskommission (WEKO) zu untersuchen ist, ob durch die Fusion eine marktbeherrschende Stellung begründet oder verstärkt wird, durch die wirksamer Wettbewerb beseitigt werden kann.“ (Seco – Staatssekretariat für Wirtschaft)
Das war nicht immer so. Tatsächlich war die Schweiz früher eines der kartellfreundlichsten Länder Europas. Unvergessen das Bierkartell des Schweizerischen Bierbrauervereins, dem mit spektakulären Aktionen des Karl Schweri (Denner) 1969 der Kampf angesagt wurde und das dadurch letztlich pulverisiert wurde.
Man kann daraus schliessen, dass ein Meinungsumschwung in der Bevölkerung der Politik die neuen Regeln diktiert hatte: Absprachen sind nicht mehr zeitgemäss, umso weniger, als die neuen Regeln der Transparenz geheime Abkommen früher oder später offenlegen. Datentransfers im Internet bringen Licht ins Dunkel, wo früher geheime Vereinbarungen zulasten des Endverbrauchers oder des Staates ein Wirtschaften nach ganz eigene Regeln ermöglichten.
Wenn die Europäische Kommission im Juli 2017 bestätigt hat, dass sie Informationen über ein mutmassliches Kartell deutscher Autobauer prüft, so kann davon ausgegangen werden, dass hier jahrelang Absprachen getätigt wurden, von denen zumindest einzelne gegen das EU-Kartellrecht verstiessen.
Bedrohte Freiheiten
Antiliberale Kräfte bedrohten den westlichen Liberalismus, diagnostizierte kürzlich Timothy Garton Ash, der bekannte britische Historiker („Schweizer Monat“). Er macht dafür auf der politischen Ebene auch die „terribles simplificateurs“ verantwortlich, jene wortgewaltigen populistischen Heilsverkünder.
Diese Thesen in Ehren, doch sie ignorieren die hausgemachten Bedrohungen, wie sie aus dem inneren Kreis der Wirtschaftseliten je länger, je offensichtlicher zu Tage treten. Die Art, wie manche Top-Managements gegen das liberale Credo verstossen, versteht sich zwar nicht als „antiliberale Konterrevolution, als bewusste Reaktion auf den Vorwärtsmarsch der Freiheit und des Liberalismus“ (so Timothy Garton Ash im genannten Artikel). Sie hat aber auf weite Strecken die gleiche Wirkung wie der freiheitsfeindliche Populismus.
Was uns innerhalb eines Jahres an Skandalnachrichten aus der deutschen Schlüsselindustrie erreicht, ist unerträglich. Dass inzwischen eine weltweite Fahndung nach VW-Managern angelaufen ist, die in die Abgasaffäre verwickelt sein sollen, spricht Bände. Dass es bei jenem umweltschädlichen Verhalten nicht ohne Absprachen unter den grossen Herstellern ging, erscheint einleuchtend. Dass jetzt noch ein umfassenderer Kartellverdacht dazukommt, eine krasse Verletzung der offiziell hochgelobten marktwirtschaftlichen Regeln, ist schon ein starkes Stück.
Wurden hier etwa die Ideen des Adam Smith gezielt „optimiert“? Smith sah bekanntlich die Orientierung am wirtschaftlichen Eigennutzen der Marktteilnehmer als Garanten für den Gesamterfolg des wirtschaftlichen Systems. Allerdings ist es bei ihm die „spontane Ordnung“ und die „unsichtbare Hand“ des Marktes, welche die Interessen des Individuums und der Gesellschaft in Einklang bringen. Im Falle von Absprachen durch Kartelle wird sowohl der „unsichtbaren Hand“ als auch der „spontanen Ordnung“ in strafbarer Weise nachgeholfen. Notwendigerweise gerät solches Verhalten nun ins grelle Scheinwerferlicht eben jener staatlichen Behörden, die doch eigentlich in der Wirtschaft möglichst abwesend sein sollten für eine gedeihliche Entwicklung ohne Staatszwangsjacke.
Totengräber eines Erfolgsmodells
Was immer die konzerneigenen Kommunikationsstrategen uns jetzt weismachen wollen, es bliebt der Kollateralschaden an einem Wirtschaftssystem, das auf freiheitlichen Ideen basiert. Geschädigt werden die Mehrzahl ehrlicher und gradliniger Chefs anderer Branchen sowie Tausende von Patrons der KMUs. Waren schon die exzessiven Gehaltsbezüge in den Top-Etagen der Konzerne Auslöser von Ärgernis, Wut und Kopfschütteln, so lassen die neuesten Kapriolen immer deutlicher werden, dass es eine globale Clique von Machtmenschen gar nicht interessiert, was Gesellschaft und Politik von ihnen halten. Sie bewegen sich in ihrer selbstinszenierten Welt, als ginge es dabei um ein Monopoly-Spiel.
Sollte sich bewahrheiten, dass tatsächlich langjährige illegale Absprachen zwischen den grossen deutschen Autobauern stattfanden, drohen diesen Konzernen ein weiteres Mal Milliardenstrafen (das kennen wir aus der Bankenwelt). Und einmal mehr sähen sich jene Kritiker bestätigt, die schon seit langem in der Marktwirtschaft eine Lizenz zu unlauterer Selbstbereicherung sehen.
Solche Überlegungen führen zum Schluss, dass die Bedrohungen liberaler Freiheiten – und folgerichtig auch der demokratischen Errungenschaften – nicht nur von aussen, sondern ebenso wirkungsvoll von innnen kommen. Es mag das Tempo der Globalisierung viele Menschen verunsichern und für Populismen anfällig machen. Ebenso abträglich für unser demokratisches Gesellschaftssystem, das unseren Wohlstand erst ermöglicht, sind jedoch die missbräuchlichen Auslegungen dieses hart erkämpften Gedankenguts durch skrupellose Wirtschafskapitäne.
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Zu Hause bleiben

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Der etwas andere Reise-Ratgeber
„Raum für alle hat die Erde“ konnte Friedrich Schiller vor über zwei Jahrhunderten in seinem Gedicht „Der Alpenjäger“ noch zuversichtlich dichten. Er meinte damals mit „alle“ Mensch und Tier. Diese Zuversicht weicht heute einer globalen Beklemmung. Ein engmaschiges Verkehrs- und Kommunikationsnetz überzieht die physische Geografie mit einer artifiziellen. Wer es sich leisten kann, verschiebt sich darin mühelos von Ort zu Ort – wofern man es überhaupt für nötig hält, sich zu bewegen. Denn für den modernen Technologiekonsumenten ist die Welt inzwischen auf Tastendruck zuhanden – oder vielmehr: ist sie zusammengeschrumpft auf das, was sich mittels Tastendruck heranholen lässt. Wir sind Zeugen einer paradoxen Mutation: Die Hypermobilität bringt einen neuen Zustand der Unbeweglichkeit hervor.
Wir Migranten
Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite reisst eine weltweite Dynamik die Menschen aus den Halterungen ihrer Traditionen und spült sie als Treibgut über die Oberfläche des Planeten. Wir beobachten diese Dynamik in der Richtung von Entwicklungsländern zu Industrieländern als Flüchtlingsströme. Schon seit längerem bewegen sich in umgekehrter Richtung die Touristenströme.
Beide haben etwas gemeinsam: eine Zwangslage. Während die einen der äusseren Zwangslage von politischer Instabilität, wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit, Krieg entkommen wollen, tun dies die andern aus der inneren Zwangslage von Langeweile, Sinnkrise, Burnout heraus. Eine tiefe Ironie liegt darin, dass gleichzeitig viele Menschen jener Regionen, die der europäische Tourist bereist, nun ihrerseits nach Europa kommen wollen. Bereits zynisch mutet an, wie sich die Existenznöte der Notstandsflüchtlinge und Luxusnöte der Wohlstandsflüchtlinge begegnen.
Reisen heisst Weggewesen-Sein
Der Tourist reist auf der Basis eines Privilegs, nämlich ein Zuhause zu haben. Und um das Zuhause dreht sich das Reisen ja eigentlich. Der Tourist ist ein Rückkehrer, er macht eine „Tour“. Er braucht das Ferne, Fremde als Exkurs, als Passage, die zurückführen zum Nahen, Heimischen. Man reist auch für die Daheimgebliebenen. Man bringt ihnen Trophäen in der Gestalt von Geschichten, Bildern, Souvenirs, vielleicht auch Bekanntschaften. Und darin konserviert der Tourismus ein Stück Atavismus. Auch der Frühmensch „tourte“ auf seinen Beutezügen, um Hab und Gut fremder Stämme zu erobern, Kriegsgefangene, Sklaven, und vor allem junge Frauen nach Hause zu bringen.
Wenn ein solcher materieller Erbeutungsaspekt des Reisens heute nicht mehr dominant sein mag, so manifestiert er sich dennoch implizit in einer generellen Haltung zum Reisen: Wir reisen, wie sich sagen liesse, eigentlich im Perfekt. Wir reisen nicht, um weg zu sein, sondern um weg gewesen zu sein, nicht, um etwas zu erfahren, sondern um etwas erfahren zu haben. Wie wenn die Gegenwart des Reisens immer schon ein wenig überschattet wäre von der Finalität der Heimkehr. Man halte sich nur die Pulks von Touristen vor Augen, die eigentlich gar nicht „da“ sind, sondern mit ihren Selfiesticks in der Welt herumstochern, um eine möglichst grosse Ausbeute an Weggewesen-Sein zuhause präsentieren zu können.
Reisen ist Unverweilen
Wenn Tourismus Rückkehr bedeutet, dann gefährdet er sich in seiner industrialisierten Form selbst. Das heisst, die Tourismus-Maschine braucht den überreizten, im Grunde unbefriedigten, gelangweilten Konsumenten als universellen Treibstoff. Denn wie der Konsum einer beliebigen Ware soll ja auch der Konsum einer Reise Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass neue Bedürfnisse genährt werden. Soll aber der Tourist auf Touren gehalten, die Tretmühle durch Abhängigmachen in Gang gehalten werden, gibt es in diesem Sinn keine Rückkehr mehr, nur das Immer-weiter-so im existenziellen Laufkäfig. Das Fernweh wird zum Wirtschaftsfaktor par excellence.
Die heutige „durchgedrehte“ Reiseindustrie gibt eine tiefe Unbehaustheit des Menschen zu erkennen. Das Weg-von-hier-wollen kommt nirgendwo mehr an, weder dort noch hier, weder im Fernen noch im Zuhause. Martin Heidegger, dieser philosophische Beschwörer fundamentalontologischer Sesshaftigkeit, sprach zwar nicht direkt vom Reisen, sondern von der „Aufenthaltslosigkeit“ des Menschen, der nicht mehr beim Nahen und Nächsten „verweilen“ könne. Reisen ist ein „Unverweilen“. In der Aufenthaltslosigkeit des Reisens manifestiert sich die innere Haltlosigkeit – ein anderer Name für Sucht.
Verlust der Aura
Wir halten uns die Welt vom Leib mit Bildern von der Welt. Durch dieses millionenfach repetierte Verhalten drohen heute touristische Destinationen gerade das zu verlieren, was ursprünglich ihr Kapital ausmachte: ihre Bereisenswürdigkeit, Einmaligkeit, Einzigartigkeit. Walter Benjamin hat es unter dem Begriff der Aura in die Diskussion gebracht. Es verhält sich ja nicht nur so, dass die Reiseindustrie weite Landstriche mit der ewiggleichen stumpfen Architektur zubaut, unsere Wahrnehmung stumpft in dem Masse ab, in dem sie nicht gebraucht wird.
Der Verfall der Aura, so Benjamin, „beruht auf zwei Umständen, welche beide mit der zunehmenden Ausbreitung und Intensität der Massenbewegungen auf das Engste zusammenhängen. Der eine ist das leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen, sich die Dinge „näherzubringen“; der andere zeigt sich in der Tendenz zur Überwindung des Einmaligen durch die Reproduzierbarkeit jeder Gegebenheit. Tagtäglich macht sich unabweisbarer das Bedürfnis geltend, des Gegenstandes aus nächster Nähe im Bild, genauer: im Abbild, in der Reproduktion habhaft zu werden.“
Gewiss, an den Klicks der Apparate nimmt die Welt keinen Schaden. Aber wir tragen durch unser technisch aufgerüstetes Wahrnehmungsverhalten beim Reisen dazu bei, dass das „Einmalige jeder Gegebenheit“ erodiert und so zum „Zeug“ fürs Ablichten mutiert. Die uns begleitenden Wahrnehmungsapparate erweisen sich ja grössenteils als Instrumente der Anästhesierung. Etwas zum Sehenswürdigen erklären heisst im Grunde, es nicht mehr sehen zu müssen.
„Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was verzählen“
Man reist im Grunde immer mit sich selbst. Man nimmt seine Marotten mit sich. Die eigenen Gewohnheiten sind die treuesten Reisebegleiter. Und sie können einem das Reiseerlebnis gehörig vergällen. Schon im 18  Jahrhundert begegnen zum Beispiel Romantiker wie Matthias Claudius dem aufkommenden Reisetrend und der Reiseschriftstellerei mit ironisierender Ernüchterung. Im Gedicht „Urians Reise um die Welt mit Anmerkungen“ bricht Herr Urian – eine landläufige Bezeichnung für Tölpel –  auf, um den ganzen Globus kennenzulernen, denn „wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen“.
Nur muss Herr Urian am Ende feststellen, dass es anderswo gar nicht so anders ist als zu Hause: „Und fand es überall wie hier/ Fand überall n’ Sparren (Spleen, Anm .E.K.)/Die Menschen grade so wie wir/ Und ebensolche Narren.“ Die Welt ist heute voller Urians.
Zimmerreisen
Der literarische Sonderling Xavier de Meistre schrieb 1790 während eines 42-tägigen Zimmerarrests in Turin eine „Reise um mein Zimmer“. In der Zwangsabgeschiedenheit „bereiste“ er, von Diener und Hund begleitet, seinen Armsessel, seinen Schreibtisch, sein Bett, seine Bibliothek, seine Verwandten, Bekannten und Freunde auf den Portäts an den Wänden, die Reise führte ihn durch Betrachtungen von Gemälden und Kupferstichen zu kunsttheoretischen Exkursen und sie trug ihn bis in die metaphysischen Höhen des Leib-Seele-Problems. Im Zimmer, wo er den Arrest absass, sah de Maistre eine „paradiesische Gegend, die alle Güter und Schätze der Welt in sich birgt.“ Der Reisebericht wurde zu einem Klassiker der französischen Literatur und begründete ein eigenes Genre, jenes der Zimmerabenteuers. In zahlreichen Nachdichtungen wurden immer wieder neue derartige Reisen unternommen, oft im Kontrast zu den extravaganten Expeditionen etwa eines Thomas Cook, des Erfinders der Pauschalarrangements.
Die Ironie ist nicht zu übersehen. Ausgerechnet der arretierte Zustand befreit den Menschen zu imaginären Reisen, wohingegen der Reisezustand dem Touristen die Imagination austreibt und in standardisierten Verhaltensweisen zu arretieren droht. Er möchte Abstand vom „Gefängnis“ des Alltags gewinnen, manövriert sich aber oft gerade durch die zähe Verbissenenheit der Suche – wie beim Treten im Sumpf –  tiefer in diesen Alltag hinein.
Alles ist sehenswürdig
In Kierkegaards Erzählung „Die Wiederholung“ sinniert die Erzählfigur Constantin Constantius über den „Berufsreisenden“, der alles  „beschnuppert, was andere beschnuppert haben“. Und er stellt sich die Frage: „Was, wenn ein Mensch nach Rom kam, sich in einen kleinen Stadtteil verliebte, der ihm ein unerschöpflicher Stoff der Freude war, und Rom verliess, ohne eine einzige Sehenswürdigkeit gesehen zu haben?“
Und was wäre, wenn wir überhaupt nicht nach Rom reisen würden? Wenn wir, sagen wir, am heimischen Flussufer in Bern oder Zürich auf einmal jene Atmosphäre entdecken würden, die uns die Prospekte der fernen Paradiese verheissen? Was, wenn die eigene Stadt zum Gebiet einer reisenden Durchquerung würde, ja, der eigene Garten, das Wohnhaus, das Zimmer, der Keller, der Schreibtisch, ein Text? Hier der Vorschlag für ein kleines Experiment mit sich selbst: „Reisen“ Sie an einen völlig unscheinbaren, nichtssagenden, ja, vielleicht hässlichen Ort in Ihrer nahen Umgebung und versuchen Sie, indem Sie ihre Aufmerksamkeit „verweilen“ lassen, so etwas wie eine Aura dieses Ortes wahrzunehmen. Wenn Ihnen dies gelingt, haben Sie das Zeug zum Experten des Reisens. Sie können aus dem Gewohnten „ausbrechen“, „aussteigen“.
Die eigenen Augen entdecken
Der Tourismus hat die Welt von Grund auf verändert; nun kommt es darauf an, ihn neu zu interpretieren. Wie? „Panama ist überall“, schrieb der Kinderbuchautor Janosch – eine wunderbare Losung. Wenn ich zu Beginn schrieb, der Tourist kehre nach Hause zurück, dann liesse sich jetzt anfügen: Die gelungenste Art des Tourismus besteht darin, in einen kindlichen Zustand zurückzukehren, in dem es mir glückt, Panama überall zu sehen. Die Kindheit „verwandelnd einholen“ nannte das Adorno. Man könnte auch sagen: Man entdeckt nicht die Welt, man entdeckt den eigenen Blick auf die Welt. Und dieser Blick gibt Orten und Dingen wieder etwas von ihrem fremden, unverbrauchten, zauberhaften, kindlichen Charakter zurück.
Kurz: Wer reisen kann, kann genausogut zu Hause bleiben.
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Raus aus dem Hamsterrad

Prof. Achim Walter, „ETH Zürich“
Technik öffnet Türen zu neuen Welten. Aber sie ist Fluch und Segen zugleich – gerade wir Wissenschaftler sollten darauf achten, das Rad der Entwicklung nur so schnell anzutreiben, wie es Sinn macht. Vielleicht ist der Sommer die ideale Zeit, um sich das mit etwas Humor vor Augen zu führen.
Rad
Kreativer Freiraum und Zeit für Reflexion entfalten sich heute nicht mehr von alleine; man muss sie sich herbeiführen. (Bild: iStock / alphaspirit)
Die Erfindung des Rades war eine der frühesten kulturellen Leistungen des Menschen. Eine weitere war die Domestikation von Tieren. Deren Synthese, also das Hamsterrad, kann daher sicher als Ideotyp vieler komplexer kultureller Entwicklungen dienen: Die Technik ermöglicht dem Menschen, eine Kreatur zu unterjochen, deren Instinkte anzusprechen und ihr eine neue Beschäftigung zu geben. Einmal auf Touren gebracht, scheint ein Stillstand undenkbar. Die Kreatur würde straucheln und den unkontrollierbaren Auswirkungen der Fliehkraft anheimfallen.
Der Mensch im Rad der Entwicklung
Vom Rad zum Hamsterrad war es ein weiter Weg. Vom Pflug zum Glyphosat, von der Dampfmaschine zum Fliessband und von der ersten Rechenmaschine zum Smartphone ging es schneller. Zunehmend schneller. Es blieb nicht einmal Zeit, Hamster zu suchen; der Mensch hat sich einfach gleich selbst unterjocht.
Technik hat uns ein längeres, mit Sinn erfülltes und von Erkenntnis bereichertes Leben beschert. Aber sie hat auch Fliehkräfte kreiert. Fliehkräfte, die uns an den Rand des Rades zwängen; die uns suggerieren, dass die Welt mindestens kopfstehen würde, wenn wir aufhörten, weiterzulaufen.
Die Hamsterräder der Wissenschaft
Das grosse Hamsterrad des Wissenschaftsbetriebes besteht aus technischen Entwicklungen, Publikationen, Anträgen, Wettbewerben und dergleichen mehr. Kürzlich wurde es in einem PNAS-Artikel sehr prägnant analysiert (Science in the age of selfies): Wir haben zwar mehr Technik und Information als jemals zuvor – aber unsere Kreativität scheint paralysiert zu sein ob all der Bewegung um uns herum, die wir selbst stets befeuern.
Wir erfinden und kommunizieren; wir publizieren Artikel in immer höherer Kadenz, erstellen Videos und sind nonstop online. Aber wie neu sind unsere Erkenntnisse wirklich? Wie revolutionär sind unsere Ideen? Sind wir vielleicht zu beschäftigt und derart mit Informationen und Reizen aus der eigenen Informationsblase überflutet, dass wir gar nicht mehr merken, dass wir eigentlich kaum Neues kreieren, sondern uns vor allem um uns selbst drehen?
Fortschritt braucht auch Stillstand
Neues zu schaffen, Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, dafür zu sorgen, dass es weniger Hunger, Krankheiten oder Leiden gibt: All das braucht Zeit. Zeit für harte Entwicklungsarbeit – und Zeit für Reflexion. Neue Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln oder Medikamenten werden in oft jahrelangen Testreihen geprüft. Bevor neue Pflanzensorten auf den Markt kommen, benötigt es ebenso langwierige Zulassungsverfahren.
Jedem ist klar, dass es diese Zeit und dieses Prüfen der Nebenwirkungen braucht. Wieso sollte das bei radikal neuen Ideen anders sein? Ein Geistesblitz elektrisiert, aber er kann auch verletzen. Eine nicht vernünftig replizierte Studie kann ein falsches Bild ergeben. Eine schnell gepostete Info kann einen Shitstorm auslösen.
In unserer Epoche der ständig verfügbaren Information ist man das Warten nicht mehr gewohnt. Aber Warten, Prüfen und Hinterfragen sind notwendig. Bei der Zulassung von möglicherweise problematischen Chemikalien genauso wie beim Entwickeln von Ideen. Erst dadurch kann man sich in die Haut eines anderen hineinversetzen, Gegenentwürfe prüfen, Positionen gründlich durchdenken. Kreativer Freiraum entfaltet sich heute nicht mehr ganz von selbst; man muss ihn herbeiführen: Der Hamster in uns muss lernen, sein Rad zu kontrollieren.
Das Rad zur Ruhe bringen
Unsere Hamsterräder zu nutzen, ist toll – aber sie zur rechten Zeit zum Stillstand zu bringen, ist genauso wichtig. Das kostet vielleicht Überwindung, verletzt unseren persönlichen Stolz und scheint uns vor dem Beobachter zu blamieren – aber es lohnt sich langfristig und ist weniger gefährlich als gedacht. Aus dem Physikunterricht sollten wir wissen: Die Fliehkraft ist eine Scheinkraft. Aus der Beobachtung des Hamsterrades sollten wir wissen: Die Kreatur bricht sich beim Stoppen nicht den Hals. Sondern kommt lediglich zum Stillstand, schont die Pfoten und kann endlich das tun, was sie schon immer antrieb: Einfach in Ruhe was futtern.
In diesem Sinne mache ich mich als Agrarwissenschaftler nun vom Acker, versuche, die Ferien zu geniessen und sinniere dort über Kreativität und Hamsterräder weiter. Allerdings mit den Gezeiten des Meeres und dem Schwingen der Hängematte als einzigen zulässigen Erscheinungsformen der Fliehkräfte.
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Wie wir falsch denken

Eduard Kaeser, „Journal21“
En Marche für die Wissenschaft!
Nun geht man also für die Wissenschaft auf die Strasse: gegen Klimawandel-Abstreiter, Evolutionsleugner, Impfgegner, Gentech-Kritiker und überhaupt gegen das ganze antiaufklärerische Gesocks, das sich mit Ideen aus der Rumpelkammer dem wissenschaftlichen Fortschritt entgegenstemmt. Ein Knirps hält auf einer Demonstration das Plakat „Science is Fun“ hoch. Rührend ist er, und Recht hat er, der Kleine, und man will hoffen, dass seine Generation den gegenwärtigen Backlash überwunden haben wird. Nun ist zwar für die Wissenschaft Marschieren gut gemeint, aber die Initiative marschiert am Kernproblem vorbei, das lautet: Haben wir eigentlich das Zeug zum wissenschaftlichen Denken?
Haken kausalen Denkens
Wir sind kausale Denker. Wir geben uns nicht zufrieden mit einer Welt, in der ein verdammtes Ding nach dem andern geschieht, wir fragen sehr schnell nach den Ursachen des Geschehens. Wir erzählen uns Geschichten, suchen nach Zusammenhängen, mutmassen über Gründe, wir basteln uns ein Gedankengerüst – oft ein ziemlich windschiefes –, in dem wir diese Gründe verorten und Schlüsse daraus ziehen können. Oft die falschen.
Kausales Denken hat viele Haken. Einer liegt in der Orientierung an vertrauten Modellen, die aber, auf unvertraute Gebiete übertragen, in die Irre führen. Betrachten wir das Beispiel einer energiespendenden Pille. Konsumenten, so hat eine Studie gezeigt, neigen zur Ansicht, dass ihre Wirkung umso eher nachlässt, je intensiver man arbeitet. Die Analogie zu einem physikalischen Vorgang ist unschwer zu erkennen. Je mehr Energie ich von einer Batterie beziehe, desto schneller ist die Batterie leer. Die Wirkungsdauer eines Mittels steht aber in keinem nachweislichen Zusammenhang mit der ausgeführten Arbeit. Dieses falsche Kausalmodell kann übrigens den Konsumenten unter Umständen dazu verführen, mehr Pharmaka einzunehmen, als ihm zuträglich ist. Immer zuträglich ist das Modell allerdings der Pharmaindustrie.
Dubiose Analogien
Aber nicht nur Laien, sondern auch Fachleute bleiben an überzogenen Analogien hängen. Zu einiger Notorietät brachte es der Fall des britischen Chirurgen Sir Arbuthnot Lane zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er war von der fixen Idee eines Zusammenhangs von Selbstvergiftung und Krankheit beherrscht. Dabei inspirierte ihn die Toilette zu einer fragwürdigen Analogie. So wie eine gute WC-Spülung die Verstopfung verhindert, so würde auch eine speditive „Dickdarmspülung“ den Abfall schnell entsorgen und den Körper vor Vergiftung schützen. Lane glaubte, im Kolon einen besonders träge arbeitenden Abschnitt entdeckt zu haben. Deshalb empfahl er dessen operative Entfernung – eine in Fachkreisen als völlig ineffektiv taxierte Massnahme. Die Psychiaterin Ann Dally bezeichnet sie als „Phantasie-Chirurgie“. Bernard Shaw karikierte sie in seiner Komödie „Arzt am Scheideweg“. Sir Arbuthnot operierte nichtdestoweniger eine Hundertschaft von unglückseligen Patienten.
Die Trägheit des Vertrauten
Analogien solcher Art sind Legion. In ihnen spielt ein psychologischer Faktor eine wichtige Rolle: Kausaldenken wirkt tendenziell zementierend. Haben wir erst einmal ein Zufallsmuster als ein kausales gedeutet (oder missdeutet), so der Psychologe Thomas Gilovich, „wird es (…) ohne weiteres in das schon vorhandene Weltbild der Person integriert“. Daraus resultiert ein Trägheitsprinzip des Vertrauten. Wir neigen dazu, neue Information im Licht vertrauter Kausalmodelle zu evaluieren. Das hat durchaus plausible Gründe: Solche Kausalmodelle erlauben uns, schnell und wirkungsvoll auf unsere Umwelt zu reagieren, zum Beispiel auf Gefahren. Das gebrannte Kind meidet bekanntlich das Feuer.
Das kann freilich zu falschem Alarm führen. Wir kennen Radioaktivität als Ursache von fatalen Schäden im unserem Organismus. Radioaktivität wird auch in der Technologie der Lebensmittelbestrahlung verwendet. Sie ist seit 50 Jahren gründlich erforscht. Man setzt Lebensmittel Röntgen-, Elektronen- oder Gammastrahlung aus, um Krankheitserreger abzutöten und so unter anderem die Haltbarkeit zu erhöhen. Die Lebensmittel selbst werden dadurch nicht radioaktiv. Trotzdem äussern viele Befragte Bedenken, dass die Strahlung im Lebensmittel „stecken bleibe“ und es kontaminiere. Hier hüllt ein vertrautes Kausalmodell einen logisch falschen Schluss in psychologische Plausibilität. Die Bedenken verschwinden übrigens, wenn man die Lebensmittelbestrahlung „kalte Pasteurisierung“ nennt.
Das Defizitmodell des Wissens
Der Biochemiker Walter Bodmer leitete 1985 ein Team von Forschern, das die Aufgabe hatte, die antiwissenschaftliche Stimmung zu analysieren, die sich bereits vor dreissig Jahren manifestierte. Die Analyse ist als Bodmer Report der Royal Society bekannt geworden und stellte sozusagen die Initialzündung dessen dar, was man heute „Public Understanding of Science“ nennt. Ein Schluss aus der Studie war intuitiv einleuchtend: Antiwissenschaftliche Haltung lässt sich auf Wissensdefizit zurückführen. Gemäss diesem Defizitmodell wäre also die optimale Lösung mehr Wissen.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die dem Modell widersprechen. Die Wissensbestände wachsen zwar stetig. Wir finden auch, wenn wir nur wollen, besseren Zugang zu ihnen. Wir können uns über die rezenten Debatten in der Quantentheorie oder über die neuesten Entwicklungen in der Nanotechnologie informieren; aber wir müssen diese Informationen in unser vertrautes Weltbild einbauen. Und dieser Einbau schafft grosse Probleme, weil das Neue oft nicht verträglich ist mit dem Vertrauten. Wir denken dann lieber falsch in einem ausbalancierten vertrauten Weltbild, als dass wir richtig denken und unser Weltbild in Schieflage bringen. Die Psychologen sprechen vom „Rückschlageffekt“ („backfire effect“): Eine verwurzelte Überzeugung wird von widersprechenden Fakten umso mehr bestärkt.
Weltanschauung steht über Wissen
So fand zum Beispiel der Psychologe Dan Kahan von der Yale Law School in seinen inzwischen vielzitierten Befragungen von 1500 Amerikanern heraus, dass die Haltung zum Klimawandel sehr viel mehr vom weltanschaulich-politischen Hintergrund der Befragten abhing als von deren Wissensstand. Die Probanden Kahans lagen auf einem Spektrum von rechtskonservativ bis linksliberal. Je höher der wissenschaftliche Bildungsstand, desto weniger spielte das Wissen eine Rolle, und desto stärker trat der weltanschaulich-politische Stand der Befragten in den Vordergrund. Konservative, die sich im Übrigen durch den besten Kenntnisstand der Fakten auszeichneten, schätzten das Risiko des Klimawandels als eher klein ein. Womöglich, weil sie gebildet und clever genug waren, abzuschätzen, wo die Wissenschafter falsch liegen könnten.
Die Eichung des Wissensstandes
Wir wissen vieles, wir wissen immer mehr; aber wir wissen viel zu wenig darüber, was und wie wir nicht wissen, wie wir falsch denken. Nicht das Wissensdefizit ist also das Problem, sondern unser Umgang mit dem Nichtwissen. Wir denken zwar in Kausalmodellen, aber wir haben in der Regel schlechte Kenntnis von den Grenzen dieser Modelle. Das zahlt sich besonders bei ökonomischen Modellen verhängnisvoll aus, wie die rezente Geschichte zeigt – etwa in der Theorie, dass alle Länder vom globalen Handel profitieren. Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik warnte schon vor zwanzig Jahren vor den Folgen enthemmter Globalisierung. Der Grossteil der Ökonomen nahm ihn nicht ernst. Paul Krugman machte Rodrik privatim darauf aufmerksam, dass seine Theorie „Munition für die Barbaren“ sei.
Wir sind inkompetent in der realistischen Erfassung unserer Erklärungskompetenzen. Wir schätzen fehlerhaftes Denken falsch ein. Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger haben dieses Phänomen einlässlich erforscht, und es ist nunmehr unter dem Namen „Dunning-Kruger-Effekt“ in Fachkreisen bekannt. Was Dunning und Kruger irritierte, war der Umstand, dass viele Leute von ihrer Ignoranz nicht irritiert sind – im Gegenteil: sie richten sich darin quasi häuslich ein mit einer aufgepumpten, fallweise auch lachhaften Selbstgewissheit. Das Problem, so Dunning, liegt in der Eichung des eigenen Wissensstandes: es entsteht, wenn man als einzigen Massstab zur Einschätzung seines Wissens das eigene Wissen anlegt.
Eine Wissenschaft des Unwissens: Agnotologie
Seit Daniel Kahnemans und Amos Tverskys Pionierarbeiten studieren Sozialpsychologen, Kognitionsforscher und Historiker Formen der Ignoranz. Es gibt sogar einen überdachenden Terminus dafür: Agnotologie. Wir finden Formen des Nichtwissens nicht nur in den Tücken unserer Kausalmodelle, sondern auch in der soziokulturellen Vorgeprägtheit unserer Ideen, im „Groupthink“, in unserer Wert- und Glaubenshaltung, in unserer Emotionalität: zu grossen Teilen eine Terra incognita. Womöglich könnte uns Aufklärung über unsere Unwissenheit nicht nur für eigene Schwachstellen sensibilisieren, sondern auch für die falschen Töne von antiwissenschaftlichen Wind- und Scharfmachern, welche die Unwissenheit mit professionellem Zynismus auszuschlachten verstehen. Vielleicht lässt sich dadurch auch verhindern, dass der Graben zwischen „elitärer“ Wissenschaft und „ignorantem“ Volksverstand weiter aufgerissen wird. Wiegen wir uns nur nicht in naiver Zuversicht. Noch gibt es die Dummheit: Ignoranz, die sich selber beglückwünscht. Und sie erstarkt.
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G20 – Epilog

 

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Wir werden Götter

Prof. Dr. Peter Kern
Was ist der Mensch?
Ein biotischer, beseelter Organismus.
Wer ist der Mensch?
Ein verwirrtes verdorbenes Mittelding zwischen Tier und Engel auf dem Wege zum Homo Deus.
So jedenfalls sieht es Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch
„Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“. München 2017.
Erst eroberte der Homo sapiens die Welt, dann habe er ihr einen Sinn gegeben, bis er schließlich die Kontrolle über sich und die Welt verloren habe.
Notwendig sei deshalb ein „Upgrade“ von den Menschen hin zu Göttern.
Harari, S.64:
„Das Upgrade von Menschen zu Göttern kann auf drei Wegen erfolgen:
durch Biotechnologie,
durch Cyborg-Technologie und
durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen.“
Es gehe darum, dass die Menschheit „für sich göttliche Schöpfungs- und Zerstörungsmacht erwirbt und den Homo sapiens zum Homo deus erhebt.“, S.69.
Dieser Weg sei nicht mehr zu stoppen, „weil niemand mehr das System versteht“. „Wir können nicht mehr auf die Bremse treten“, S.75. Und wenn es uns doch irgendwie gelingen sollte, die Verwandlung des Menschen zum Gott durch Biotechnologie, Cyberborg-Technologie und durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen aufzuhalten, dann werde unsere Wirtschaft samt unserer Gesellschaft zusammenbrechen, denn die moderne Wirtschaft brauche, „um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum. Sollte das Wachstum einmal ein Ende haben, wird es sich die Wirtschaft nicht in irgendeinem Gleichgewichtszustand bequem machen; sie wird auseinanderfallen. Deshalb ermuntert der Kapitalismus uns dazu, nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit zu streben… Eine Ökonomie, die auf immerwährendem Wachstum gründet, braucht grenzenlose Projekte – wie eben das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit“, S.75.
In seinem Kultbuch Eine kurze Geschichte der Menschheit erklärte Yuval Noah Harari, wie unsere Spezies die Erde erobern konnte. In Homo Deus stößt er vor in eine noch verborgene Welt: die Zukunft. Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen – schöpferische wie zerstörerische – und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben? Wie wird es dem Homo Sapiens ergehen, wenn er einen technikverstärkten Homo Deus erschafft, der sich vom heutigen Menschen deutlicher unterscheidet als dieser vom Neandertaler? Was bleibt von uns und der modernen Religion des Humanismus, wenn wir Maschinen konstruieren, die alles besser können als wir? In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns ganz allmählich so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.
Das alles habe ich schon einmal kenntnisreicher, durchdachter, besonnener und philosophisch-anthropologisch besser fundiert  gelesen, ohne das der Autor der Machermentalität der modernen Naturwissenschaft und Technik verfallen ist:
Ken Wilber: Halbzeit der Evolution.
Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein.
Wir haben erst die Hälfte der Evolution hinter uns. „Der Einstein der Bewusstseinsforschung“ zeigt den Weg der Menschheit vom animalischen zum transpersonalen Bewusstsein der Zukunft. Gelingt es dem Menschen die Krisen der Gegenwart zu bestehen, steht ihm eine vielversprechende Entwicklung bevor, die ihn so weit über den gegenwärtigen Stand hinausführen wird, wie er heute mental über dem Affen steht
Sollten die bei Harari zusammengetragenen Fakten der Biotechnologie, Cyborg-Technologie und der Erzeugung nicht-organischer Lebewesen in der Tat für die Umgestaltung des Homo sapiens bestimmend werden, dann werden wir es nicht mit göttlicher Schöpfungsmacht, sondern mit einer durch uns verursachten Zerstörungsmacht zu tun haben, die die heutigen Krisen alt aussehen lassen.
Vgl. Michael Habecker: Halbzeit der Evolution, Zusammenfassung.
Yuval Noah Harari
Ken Wilber
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