Populismus goes Smartphone: Wie Clickbait Politics die Demokratie bedrohen

Der US-Wahlkampf 2016 wird als einer der schmutzigsten in die Geschichte eingehen. Doch auch in Europa sieht es nicht besser aus: Populismus beherrscht den Diskurs, Fiktionen werden zu Fakten und der Wahlkampf wird Smartphone-kompatibel. Wie konnte es soweit kommen? In einer dreiteiligen Serie gehen die Juristin Daniela Jaros und der Medienkünstler Georg Eckmayr den Clickbait Politics auf den Grund.
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Populistische Reden beherrschen den aktuellen politischen Diskurs. Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf belegt dies exemplarisch. Aber auch in Europa gibt es genügend Beispiele für eine signifikante Häufung populistischer Politikversprechungen. Von den rechtspopulistischen Parteien in Österreich, Polen oder Ungarn, über die BREXIT-Bewegung in Großbritannien, bis hin zu Teilen der Podemos-Bewegung in Spanien wird Politik vor allem auf einer emotionalen Ebene inszeniert.
Diese Inszenierung besteht unter anderem in einer Verschiebung und Reduktion politischer Zusammenhänge auf eine dem Publikum zugängliche Erfahrungsebene. Dieses Prinzip Allgemeines zu individualisieren findet sich auch im Bereich der Berichterstattung. In den sozialen Medien wird Information aufs Individuum zugeschnitten selektiert.
In diesem Spannungsfeld wird Politisches zu homogenen Fiktionen verdichtet, die hermetisch gegen ein Außen jeglichen weiteren Diskurs verhindern. An diesem Punkt wird nicht mehr über konkrete politische Lösungen oder Sachverhalte diskutiert, sondern Weltbilder in Form sehr offener Begriffe gegeneinander in Stellung gebracht.
Man ist für oder gegen das System, Menschlichkeit wird eingefordert oder das wahre Volk beschworen. Bei all diesen offenen Begriffen handelt es sich jedoch nicht um politische Kategorien weshalb man auch von Post-Truth Politics spricht, dabei werden mittels Fakten Fiktionen erzeugt.
Ein Thema eignet sich besonders für diese Art der Narrativisierung; die Flüchtlingskrise. Wie wenige Themen ermöglicht es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, ergreifende Erzählungen zu entwickeln, deren Hauptdarsteller das Individuum selbst ist. Die emotionale Bandbreite dabei reicht vom Schüren von Ängsten bis hin zum Erwecken von Mitleid. Im Folgenden soll das Prinzip der aufs Individuelle zielenden Narrativisierung des Politischen anhand dieser Thematik beschrieben werden.
Zwei Möglichkeiten der Narrativisierung
Die Gründe einer Bevölkerungsbewegung von Afrika und Asien nach Europa sind vielfältig und reichen von politisch motivierter Flucht zu wirtschaftlicher Notwendigkeit. Genauso unterschiedlich sind die Ansätze zum Umgang mit Bevölkerungsbewegungen: Während die einen die Ansicht vertreten, dass Einwanderung aufgrund der demografischen Entwicklung Europas zur Sicherung des Wohlfahrtsstaats notwendig ist, möchten andere die Einwanderung aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Mitteln eindämmen.
Sei es durch Bekämpfung der Ursachen in den Herkunftsländern, sei es durch Grenzschließungen. Keiner dieser Ansätze allein beschreibt die Situation vollständig. Eine wie auch immer gewichtete Kombination aus diesen Ansätzen mündet realpolitisch in andauernden und detaillierten Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen, sei es national oder auf EU Ebene zur Gesetzgebung, sei es auf internationaler Ebene.
Menschlichkeit und Sicherheit
Die beiden am weitesten verbreiteten Narrative, die gegeneinander in Stellung gebracht werden, basieren entweder auf dem Begriff der Menschlichkeit und zielen auf das Mitgefühl, oder auf dem Begriff der Sicherheit und zielen auf das Gefühl der Angst. Beide Narrative beinhalten Identifikationspotential für das Individuum. Und beide Narrative operieren mit klaren Zielsetzungen und vermitteln damit auch eindeutige Ergebnisse liefern zu können.
Die Sicherheit für das einzelne Individuum wird garantiert, oder das Menschliche an sich wird durch richtiges Handeln etabliert. Die politischen Möglichkeiten hingegen, die sich aus unzähligen Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen ergeben, garantieren keine klaren Ergebnisse. Selbst die Darstellung der Situation garantiert keine unumstößliche Wirklichkeit.
Sie beruht auf unterschiedlichen Studien mit oft divergierenden Aussagen. Die soziale und politische Wirklichkeit bleibt wesentlich eine Annäherung, so wie Wissenschaft niemals mit fixen Dogmen sondern mit temporären Ergebnissen operiert.
Das Verschieben des Politischen ins individuelle Erleben
Die beiden Narrative operieren damit, dass der politische Diskurs auf der Ebene des persönlichen verhandelt wird. Sachverhalte oder Lösungsvorschläge werden den Individuen zugänglich und nachvollziehbar gemacht indem sie in ihre Einfluss- und Erlebnissphäre verschoben werden. Es wird Menschlichkeit für die Flüchtlinge gefordert, die im Mittelmeer ertrinken, die in Lagern interniert sind, die sich auf ein Wagnis einlassen, das ihr Leben kosten kann.
Die Gegenrede dazu fordert das staatlich garantierte Grundbedürfnis nach Sicherheit für die eigenen Staatsbürger und deren Hoffnung auf eine Zukunft in Wohlstand ein. Beide Darstellungen bieten emotionales Identifikationspotential an und ermöglichen darüber das Imaginieren eines Handlungsraums in welchem sich die gewünschte Zukunft abzeichnet. Tatsächlichen Handlungsraum für das Individuum bieten die Narrative jedoch selten.
Weltbilder werden übersetzt
Beide Narrative sparen die politischen Hintergründe aus und somit auch die tatsächlich gegebenen politischen Handlungsmöglichkeiten. Populistinnen und Populisten bauen die gewünschten Deutungsmöglichkeiten einer politischen Situation zu Weltbildern aus, die die jeweilige politische Gegenseite ausschließt.
Diese Weltbilder werden schließlich in aufs Individuelle zielende Narrative übersetzt und befeuern so den Diskurs der politischen Emotionen als politische Brandreden, als Wahlkampfspot, als Plakat, als Computerspiel oder als Bilder von Statistiken, die in sozialen Medien massenhaft geteilt werden.
Diese aufs Individuelle zielenden Narrative, eignen sich wiederum perfekt für die Verbreitung über Soziale Medien, deren Verfassung auf der Position des individuellen Erlebens fußt. Das persönliche Erleben einer mir vertrauenswürdigen Person, ein Hinweis einer oder eines Bekannten reiht sich in der Alltagsaufmerksamkeit leicht über komplexere Analysen und vielschichtige Diskurse.
Populismus und Soziale Medien
Die Sozialen Medien sind hier nicht als Faktor zu sehen, der die Politik radikal verändert. Medien und Politik sind längst untrennbar verschmolzen. Der Individualismus erhält hier nur seine eigene mediale Form. Die Konzeption dieser Form beruht auf dem Selbstverständnis der Konzerne wie Google oder Facebook, die sich nicht als Medienunternehmen verstehen, sondern als Dienstleister.
Die Medienanbieter, die Selektoren der Inhalte, sind die Nutzenden in Ihren Communities. Algorithmen sorgen schließlich für weitere Selektion der Inhalte und beziehen dabei Vorlieben der Nutzenden ein. Auch Google reiht die Ergebnisse für alle Nutzenden individuell nach personenbezogenen Daten. Eli Pariser, Chief Executive von Upworthy.com hat für dieses Phänomen bereits 2011 den Begriff der „Filter Bubble“ geprägt.
In dieser Individualisierung des Historischen, in der Darstellung des Poltischen in Kategorien des individuellen Erlebens und Empfindens, ähneln sich die Methoden der populistischen Politik, den Prinzipien der aktuellen v.a. digitalen Medienlandschaft. Diese Nähe erwies sich wohl auch bereits im Wahlkampf Obamas 2008 als relevant für dessen Sieg, da Obamas Team es gekonnt schaffte, die Nutzenden in sozialen Netzwerken in ihre Kampagne zu integrieren.
Das Phänomen ist also keineswegs neu. Nur scheint es an der Zeit, den Möglichkeiten der Mobilisierung durch digitale Medien mittels der narrativen Übertragung des Poltischen ins Individuelle, auch emanzipatorische Möglichkeiten hinzuzufügen. Die Nutzenden sollten nicht nur Teil einer Kampagne sein können, sondern auch tatsächlich Teil des Poltischen.
Transparenz oder Mut zur Hässlichkeit
Das Empfinden der oder des Einzelnen – und abstrakte offene Begrifflichkeiten, zu denen sich das Individuum klar positionieren kann (Menschlichkeit, das System, usw.), eignen sich zur Mobilisierung der Massen. Sie sind Mittel der Massenkommunikation und somit immer auch Teil des politischen Diskurses. Als Gegenkraft dazu ist jedoch auch immer die Darstellung konkreter politischer Möglichkeiten und deren Grenzen notwendig, die ohne abstrakte Moral, die ohne das Individuum auskommt.
Auch auf die Gefahr hin, dass sich in diesen Darstellungen, das Politische in seiner Relativität, in seiner Abhängigkeit von Verhandlungsergebnissen, von anderen Staaten, von Geldgebern und Wirtschaftstreibenden offenbart.
Eine Reduktion des politischen Diskurses auf das Individuum, als Ort des politischen Empfindens eingebettet in einer Fiktion abstrakter moralischer Kategorien, hat wohl den höheren Wohlfühlfaktor, oder besser gesagt Mobilisierungsfaktor. Die Integration von Transparenz im Bezug auf politische Abläufe, auf Verhandlungsergebnisse und Sachverhaltsdarstellungen in den Diskurs könnte dazu einen Gegenpol darstellen.
Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Artikelserie zu Clickbait Politics. Im zweiten Teil geht es um die Rolle von Institutionen in einem von Medien beherrschten politischen Diskurs und der dritte Teil widmet sich dem Individuum als Ort politischen Empfindens, eingebettet in ein institutionelles System.
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Zum Tod von Ibrahim Abouleish

„Ich wollte, dass sich die ganze Welt entwickelt“.

Der SEKEM-Gründer und Sozialpionier Ibrahim Abouleish ist im Alter von 80 Jahren verstorben. Mit seiner Vision und seinem Mut hat er viele Menschen inspiriert.
Cornelie Unger-Leistner, „Themen der Zeit“
Einer der großen Sozialpioniere unserer Zeit, Dr. Ibrahim Abouleish, ist tot. Wie seine Familie mitteilte, starb der Gründer des ägyptischen SEKEM-Projekts und Träger des alternativen Nobelpreises am 15.  Juni im Alter von 80 Jahren.
Sein Bestreben war stets, einen Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft SEKEM, zum Wohl Ägyptens und der Welt durch das Vorantreiben nachhaltiger Entwicklung zu leisten, heißt es in der Mitteilung zu seinem Tod. Mit seiner Vision und seinem unglaublichen Mut habe er viele Menschen inspiriert: „Heute beten wir für ihn und wir sind ihm dankbar für all das, was er für und mit uns geleistet hat“. Nach islamischem Brauch wird Abouleish unmittelbar am Tag nach seinem Tod beigesetzt.
Ende Mai beging das SEKEM-Projekt in Stuttgart sein 40jähriges Jubiläum in Kreis seiner fördernden Freunde, dort hatte der Sohn Helmy Abouleish – im Projekt die rechte Hand des Vaters – diesen bereits bei den Feierlichkeiten vertreten. Wie wichtig die SEKEM Freunde Deutschland im internationalen Netzwerk der Unterstützer sind, wurde bei der Feierlichkeit hervorgehoben.
Das SEKEM-Projekt steht weltweit als Vorbild für nachhaltige Entwicklung, die gleichermaßen Mensch und Natur gerecht wird. Abouleish, der auch dem Weltzukunftsrat angehörte, war dafür 2003 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden mit der Begründung, sein Projekt vereine in vorbildlicher Weise kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zielsetzungen in einer „Ökonomie der Liebe“.
SEKEM – altägyptisch für „Kraft der Sonne“ – begann 1977 auf einem unwirtlichen Wüstengelände 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, das Abouleish mithilfe der Methoden der biodynamischen Landwirtschaft in eine grüne Oase verwandelte.
Im Laufe der Jahre entstand eine Gruppe von Unternehmen und Einrichtungen, darunter auch Schulen und ein medizinisches Zentrum. Die Mittel, die durch Heilpflanzenanbau und den Export von biologisch erzeugter Baumwolle nach Europa erwirtschaftet werden, investiert SEKEM im kulturellen Bereich, als jüngstes Projekt entstand die Heliopolis Universität in Kairo. Insgesamt beschäftigt SEKEM 2.000 Menschen.
Pioniertätigkeit
Schon früh kündigte sich sein späterer Pioniergeist im Lebenslauf von Abouleish an. 1937 im Dorf Mashkul im Nildelta geboren, verließ er Ägypten nach seiner Schulzeit in eigener Regie und ohne den Segen seiner Familie. Im Abschiedsbrief an seinen Vater zeichnete er bereits eine Vision der Schaffung von Arbeitsplätzen, von Infrastruktur und kulturellen Einrichtungen in seiner Heimat, so stellte er sich seine Rückkehr nach Ägypten vor. Mit diesem Brief wollte er Verständnis bei seinem Vater wecken, der den Sohn eigentlich für die Übernahme seiner beiden Firmen in Kairo vorgesehen hatte und ein Studium in Europa als überflüssig ansah.
Aber den jungen Ibrahim zog es mit Macht nach Europa, schon in der Schulzeit hatte die Lektüre von Goethe-Texten in ihm die Sehnsucht nach dem anderen Kontinent und seinem kulturellen Leben geweckt, wie er in der autographisch angelegten Schilderung des SEKEM-Projekts, dem Buch Die SEKEM-Symphonie, beschreibt.
Durch persönliche Kontakte verschlug es ihn nach Österreich, in Graz begann er ein Studium der Chemie, das er mit der Promotion abschloss. Er heiratete dort noch als Student seine österreichische Frau Gudrun und gründete in jungen Jahren eine Familie. Die Enteignung der Firmen seines Vaters durch das Nasser-Regime, das eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Ägypten anstrebte, durchkreuzte die Pläne des Vaters, der seinen Sohn immer noch lieber in der eigenen Firma gesehen hätte. So blieb Ibrahim Abouleish in Österreich und machte dort Karriere. Bis zu seinem 40. Lebensjahr war er an leitender Stelle im Forschungsbereich der pharmazeutischen Industrie tätig.
Seinem Heimatland Ägypten und dessen wechselvollem Schicksal fühlte sich Abouleish jedoch immer verbunden. Kontakte zu führenden Politikern brachten ihn schließlich dazu, doch wieder zurückzukehren – mit eigenen Zielen, die der Vision aus seiner Jugendzeit entsprachen. Vor allem der nicht endende Krieg in Nahen Osten veranlasste ihn schließlich zu handeln: „Eine nachhaltige Lösung würde jedoch darin bestehen, den Menschen Bildung und Arbeit zu geben. Hier lag ein starkes Motiv für meine Rückkehr nach Ägypten“, schreibt er in seinem Buch.
Synthese
Abouleish brachte zukunftsweisende Ideen mit zurück an den Nil, denn in Österreich war er auf das Werk von Rudolf Steiner aufmerksam geworden. Beeindruckt hatten ihn vor allem Steiners Philosophie der Freiheit, die biodynamische Landwirtschaft und die Idee des freien Schulwesens. Außerdem berichtet er in seiner Lebensschilderung, wie für ihn der geistige Strom des Orients, in dem er aufgewachsen war, in seinen Jahren in Österreich mit der europäischen Kultur zu einer Synthese verschmolzen war: „Nun erlebte ich zunehmend Augenblicke, in denen sich diese zwei Strömungen in meiner Seele verbanden und in denen ich weder Europäer, noch Ägypter war.“ Händels Messias zum Beispiel habe er „mit muslimischen Ohren“ als Lob Allahs gehört. Die Vereinigung der beiden Kulturströme habe er als „herrliches Freiheitsgefühl“ , als „höchstes Glück“ und „höchste Freude“ erlebt.
Überall in der europäischen Kultur habe er Elemente entdeckt, die ihm wie die Verwirklichung der islamischen Ideale erschienen seien. Die Moralität, die ihm sein islamischer Glaube mitgegeben habe, habe ihn auch vor vielen widrigen Einflüssen beschützt, betont Abouleish, der sich auch zeitlebens für eine Verständigung zwischen den Religionen eingesetzt hat. Den Anfang hatte er mit seiner eigenen Ehe gemacht, bei der er als Moslem eine katholische Trauung akzeptiert hatte. Seminare im SEKEM-Projekt sollten ebenfalls zum gegenseitigen Verständnis der Religionen beitragen.
Abouleish sieht im Islam Entwicklungsbedarf, obwohl seit Jahrhunderten z.B. an der Al Azhar Universität in Kairo zu religionsphilosophischen Fragen geforscht werde, fehlten die Auswirkungen dieser geistigen Bemühungen auf das praktische Leben. Dieses sei im Islam „stark konservativ“. Immer noch werde in vielen Lebensbereichen als Orientierung das angeführt, was der Prophet im 7. Jahrhundert angegeben habe, einer Zeit ohne Industrie, Wirtschaftsleben und Technisierung. Als Konsequenz sieht Abouleish eine mangelnde Innovation im Rechts- und Wirtschaftsleben und auch ein Widerstreit in der Seele des einzelnen Moslem.
 „Doch ich stand immer wieder erschüttert vor der Spaltung des inneren, religiös empfindenden Menschen einerseits, der aus sich und seiner Religion heraus nie dem Boden, den Pflanzen , den Tieren oder seinem Mitmenschen schaden würde – und dem anderen Menschen andererseits, der in der Arbeitswelt steht.“ Dort habe er seine muslimischen Glaubensbrüder „nicht wahrhaftig an die Inhalte ihre Religion anknüpfend“ erlebt. Mit Boden, Geld – ja mit den eigenen Kindern – würde so umgegangen, wie wenn sie einem für alle Ewigkeiten gehörten, mahnt Abouleish in seinem Buch. (S.49/50).
Entscheidender Beitrag
Durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners machte Abouleish die Entdeckung, dass geistige Inhalte sehr wohl in praktische Arbeitsfelder einfließen und dort äußerst nachhaltig wirken können. Bei seinen Reisen nach Ägypten empfand Abouleish jedesmal den Entwicklungsbedarf und litt unter der tiefen Hoffnungslosigkeit, die er bei der Bevölkerung erlebte. „Durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft ahnte ich einen Weg, der sie aus ihrem Elend herausführen könnte“.
Leicht ist dem in Europa wirtschaftlich erfolgreichen Chemiker Abouleish der Abschied dann doch nicht gefallen, als er sich entschieden hatte, nach Ägypten zurückzukehren. „Auf dem Schiff zerriss mein Herz…“ Wie sehr würde er die Kultur vermissen, die Gespräche mit den europäischen Freunden und die philosophischen Lesungen! Auf der anderen Seite habe er jedoch gefühlt, dass er aufgrund seiner Lernfähigkeit, seiner Schaffenskraft und seinem sozialen Können in der Lage sein würde, in Ägypten Entscheidendes beizutragen. Diese Begabungen, so schreibt er, wollten „wie Samen in die Erde Ägyptens versenkte werden, um dort zu neuem Keimen, Wachsen und Gestalten zu verhelfen“.
40 Jahre später ist aus dem Wüstensand ein vorbildliches Projekt hervorgegangen – für Ibrahim Abouleish ein Beispiel für Entwicklung auch an anderen Orten: „Dieses Bild einer Oase inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung ist für mich wie ein Auferstehungsmotiv in der Frühe nach einer langen Wanderung durch die nächtliche Wüste. Es stand modellhaft vor mir, noch bevor die konkrete Arbeit in Ägypten begann. Und doch wollte ich eigentlich mehr: Ich wollte, dass sich die ganze Welt entwickelt“.
Abouleish ist im Fastenmonat Ramadan verstorben. Seine muslimische Religion war für ihn eine entscheidende Kraftquelle, wie auch aus einem Spruch hervorgeht, den er auf die Mauer seiner Grabstätte in SEKEM hat schreiben lassen. Er hatte sie schon zu Lebzeiten errichten lassen und auf der östlichen Mauer ist dort zu lesen:
„Wenn ich sterbe, oh Herr,
werde ich zu Dir zurückkehren.
Ich säte die Samen in Deinem Namen,
und von Dir kommt die Ernte.
Ich entzündete diese Kerze,
oh Herr, bewahre ihr Licht vor den Finsternissen der Welt.“
Literaturhinweis: 
Abouleish, Ibrahim, Die SEKEM-Symphonie: Nachhaltige Entwicklung für Ägypten in weltweiter Vernetzung. Überarbeitete und stark erweiterte Neuauflage, Info3-Verlag, Frankfurt 2015, ISBN 978- 3 – 95779-027-9
Originaltext
SEKEM – 40 Jahre Nachhaltige Entwicklung
Die SEKEM Initiative – Das Wunder in der Wüste
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Der „beruhigende“ Terror des Geldes

Peter Samol, „Streifzüge“
Am 11. April diesen Jahres wurde in Dortmund ein Bombenanschlag auf den vollbesetzten Mannschaftsbus des Bundesligavereins Borussia Dortmund (BVB) verübt. Drei mit Metallstücken versehene Sprengsätze, die vor dem Hotel der Spieler deponiert waren, explodierten, kurz nachdem sämtliche Mannschaftsmitglieder ihre Plätze eingenommen hatten. Der Anschlag verlief relativ glimpflich, denn verletzt wurden lediglich ein Spieler und ein Polizist.
Nach der Tat gingen die Ermittler zunächst von einem extremistischen Hintergrund aus. Ein Bekennerschreiben, das ein islamistisches Motiv nahelegen sollte, erwies sich jedoch rasch als Täuschungsmanöver. Anschließend geriet die rechtsradikale Szene ins Visier der Ermittler, was sich jedoch ebenfalls als Fehlanzeige herausstellte. Auch die letzte in Erwägung gezogene Möglichkeit, wonach es sich um die Tat eines verrückt gewordenen Fußballfans handeln sollte, schied schließlich aus. Auf die richtige Spur führten letztlich auffällige Börsengeschäfte mit Optionen auf die Aktien der betroffenen Mannschaft.
Dazu muss man wissen, dass der BVB der einzige deutsche Fußballverein ist, der als Aktiengesellschaft notiert ist. Ein Käufer hatte auffällig auf eine riesige Menge an Optionsscheinen gesetzt, die nur dann einen Gewinn versprachen, wenn es zu einem enormen Kursverlust der BVB-Aktien käme. Dieser sollte offenbar durch den Anschlag ausgelöst werden. Da gesunde und leistungsfähige Spieler den „Vermögenskern“ eines Fußballvereins darstellen, bestand der Plan des Attentäters darin, möglichst viele von ihnen schwer zu verletzen oder gar zu töten.
Der Täter hatte schon immer vom großen Geld geträumt. Bis zu seinem Bombenanschlag verlief sein Leben innerhalb dessen, was man für gewöhnlich als „geordnete Bahn“ bezeichnet: gute Schulnoten, eine abgeschlossene Lehre und ein sicherer Arbeitsplatz waren vorhanden. All das reichte jedoch nicht aus, den „Traum vom großen Geld“ zu erfüllen. Nachdem einige Versuche mit Sportwetten gescheitert waren, beschloss er, dem Glück entschieden nachzuhelfen. Er mietete sich ein Zimmer im Dortmunder Mannschaftshotel mit Aussicht auf genau jene Stelle, an welcher der Bus abfahren sollte. Dort platzierte er seine drei Bomben und zündete sie zu gegebener Zeit vom Zimmerfenster aus. Zuvor hatte er Schulden in Höhe von 79.000 Euro aufgenommen, mit denen er insgesamt 15.000 Aktienoptionsscheine finanzierte, die auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie setzten. Wäre sein Plan aufgegangen, dann hätte er damit Millionen einnehmen können.
Bei den betreffenden Wertpapieren handelte es sich um so genannte Put-Optionen. Der Inhaber solcher Scheine kann eine bestimmte Menge vorher festgelegter Aktien an einem festgelegten Zeitpunkt zu einem fix vereinbarten Preis verkaufen. Dafür muss man allerdings eine recht hohe Prämie entrichten. Solche Optionsscheine haben nur dann einen Sinn, wenn der tatsächliche Preis zum vereinbarten Zeitpunkt niedriger liegt als der von ihnen garantierte. Ursprünglich stammt dieses Konzept aus der Landwirtschaft und diente dazu, den Landwirten bestimmte Preise für ihre künftigen Erzeugnisse zu garantieren; dadurch gewannen sie Planungssicherheit. Heute gibt es Optionsscheine für alles Mögliche. Nicht nur für Aktien und landwirtschaftliche Produkte, sondern beispielsweise auch für Bodenschätze, Fremdwährungen und viele andere Dinge. Um Optionsscheine zu erwerben, muss man die jeweilige Ware gar nicht besitzen oder herstellen. Man kann sie auch einfach so kaufen. In diesem Fall geht man eine Wette auf eine künftige Preisdifferenz ein. Liegt dann der künftige Marktwert des betreffenden Produkts niedriger als in den Scheinen angegeben, kauft man die entsprechende Menge zum niedrigen Marktpreis auf und verkauft sie sofort wieder zum höherem Garantiepreis der Optionsscheine. Das geht an der Börse blitzschnell, ohne dass man die Ware jemals zu Gesicht bekommt. Auf diese Weise können durch Preisdifferenzen enorme Gewinne gemacht werden; wenn der Marktpreis jedoch nicht unter dem garantierten Preis liegt, dann sind die Optionsscheine völlig wertlos und man verliert sämtliches Geld, das man zuvor für sie bezahlt hat. Im Fall des Dortmunder Attentäters war der angerichtete Schaden nicht groß genug. Zwar sank die Dortmunder Aktie nach der Tat um 5,5 Prozent, damit lag sie aber immer noch über dem garantierten Einkaufspreis der betreffenden Optionsscheine. Der Täter hätte wohl mehr Spieler verletzen müssen. Dann wäre ein dramatischer Kurssturz der BVB-Aktien unvermeidlich gewesen.
Das Motiv für den Anschlag war also schlichte Geldgier. Dass jemand in Tötungs- oder zumindest Verletzungsabsicht Bomben zündet, um sich an der Börse zu bereichern, auf diese Idee war niemand gekommen. Es passte nicht in das Weltbild der Ermittler. Nun kann es den Opfern eines Anschlags eigentlich egal sein, aus welchen Gründen sie um ihr Leben oder ihre Gesundheit gebracht werden. Von daher war die allgemeine Reaktion auf das wahre Motiv des Täters sehr befremdlich. Statt eines allgemeinen Entsetzens über die womöglich tödlichen Konsequenzen der Marktmechanismen folgte nämlich allgemeines Aufatmen. Die Mittelbayerische Zeitung konnte tatsächlich „beruhigende Botschaften“ in der Tatsache finden, dass der Täter von Dortmund weder Mitglied des IS noch Terrorist war, sondern lediglich von Geldgier angetrieben wurde. Das sei zwar „schlimm, aber dennoch beruhigend“. Die Badische Zeitung titelte mit der Überschrift „Aufatmen erlaubt“ und war froh, dass es sich lediglich um einen „gewöhnlichen Verbrecher handelte“.
Zur gleichen Zeit, zu der das wahre Motiv des Dortmunder Attentäters offenkundig wurde, hatte übrigens ein Unbekannter in Konstanz etliche 20- und 50-Euro-Scheine verschenkt, die er in Briefkästen deponierte oder unter Scheibenwischer klemmte. Seine Identität ist bis heute ungeklärt. Das wiederum versetzte viele Menschen in äußerste Unruhe. Offenbar ist es für so manchen Zeitgenossen nachvollziehbarer, wenn einer der Logik des Geldes folgt und sogar bereit ist, dafür über Leichen zu gehen, als wenn jemand Geld ohne ersichtlichen Grund an Unbekannte verschenkt.
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Weltbürgerschaft vs. Nationalismus

Was könnte eine globale Vernetzung von Geflüchteten bewirken?

Ingo Günther, „Berliner Gazette“
Weltbürgerschaft erlangt man nicht durch Antrag auf Ausstellung eines Weltbürgerpasses. Auch wenn es dementsprechende Versuche im Sinne der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gegeben hat. Weltbürgerschaft ist vor allem ein Aufwand, sie ist Arbeit, eine emotionale und intellektuelle Anstrengung. Und sie ist eine Pflicht und das Übernehmen von Verantwortung, wenn auch nicht unbedingt bewusst oder freiwillig.
Historiker, Philosophen, Anthropologen haben der Menschheit das Bewusstsein, sich gemeinsam eine Weltkugel zu teilen, schon seit langer Zeit zugeschrieben, wenn auch zu verschiedenen Zeitpunkten. Sie wurde sowohl mit der entsprechenden Verantwortung konfrontiert als auch mit einer exotischen „Man-of-the-World“-Romantik verführt. Aus einem Verständnis der Interdependenz haben sich die Bausteine der, wenn auch trägen und oft offensichtlich ineffizienten, überregionalen und globalen Institutionen entwickelt. Die Weltbürgerschaft, wenigstens als Sekundäridentität, gehört dazu.
Der Globus für die Hosentasche
Der Taschenglobus aus Papier des 19. Jahrhunderts mag die deutlichste individuelle Manifestation dieses gefälligen Bewusstseins darstellen. Auch der Leuchtglobus des 20. Jahrhunderts scheint Ausdruck einer wohlwollend totalitären, modernistischen Haltung zu sein. Auf diese grobe, auf ein vierzig Millionstel verniedlichte Version der Welt scheinen sich alle Menschen, wenigstens ästhetisch, einigen zu können. Dialogfähig auf Kopfgröße anthropomorphisiert und gleichzeitig abstrahiert, ist Globalität buchstäblich greifbar dimensioniert. Ohne diesen cartesianisch kartografischen Zugriff auf die Welt, ist diese als Gesamtphänomen kaum denkbar. Als Autor einer Serie von inzwischen über tausend Versionen solcher illuminierten Globen versuche ich, den planetaren Zustand in makroskopisch handlichen Einheiten darzustellen.
Ideologisch mag man sowohl den Kosmopolitismus der Aufklärung mit dem Kolonialismus in Verbindung bringen, als auch den Internationalismus mit Weltrettungssolidarität. Der Heartland-Theoretiker Mackinder (Halford John Mackinder war ein britischer Geograph, der von 1861–1947 lebte) inspirierte die geostrategischen Überlegungen der Achsenmächte (und der amerikanischen kalten Krieger), während die Alliierten ein weltverbindendes Luft-See-Netz als perspektivische Garantie ihres Kriegserfolges schon 1942 der amerikanischen Öffentlichkeit als »Airways to Peace« in einem begehbaren Globus präsentierten.
Meine Worldprocessor-Globen, deren Beginn in der Zeit des Kalten Krieges und vor dem Internet liegt, verstanden sich in den ersten Jahren als kritisches Kompendium zur Globalisierung, um einen globaldimensionalen Kontext zur lokalen und nationalen Berichterstattung zu liefern und, wenn auch nicht direkt anzuklagen, so doch die Daten und Perspektiven zu liefern, um Ungerechtigkeiten und Missstände zu erkennen.
Zu meinem Erstaunen musste ich die Mehrzahl der Globen aus den 1990er Jahren innerhalb von zehn Jahren neu bearbeiten und die nachfolgende Generation schon nach durchschnittlich fünf Jahren; heute im Jahresrhythmus. So schnell haben sich die Zustände und Bedingungen verändert.
Globale Geschichte des Fortschritts
Wenn man den westlichen Massen- und sozialen Medien traut, dann steht es um die Welt sehr schlecht, dann haben die humanistischen Ideen (wieder) versagt, die ineffizienten internationalen Institutionen weltbürgerlicher Ideale schlimmstenfalls noch zur unausweichlichen Apokalypse beigetragen. Die globalen Daten haben davon allerdings noch nichts mitbekommen. Sie erzählen (noch) eine andere Geschichte, nämlich die eines sukzessiven Fortschritts.
Im täglichen Nachrichtenschwall der kleinen und großen Katastrophen gehen die langfristigen Erfolge, die die Welt in den letzten fünfzig Jahren zu verzeichnen hat, offensichtlich unter: Immerhin sind wir – nicht zuletzt durch humanistische und weltbürgerliche Ziele geleitet – in der erfolgreichsten entwicklungsgeschichtlichen Phase der Menschheitsgeschichte angelangt. In den letzten fünfzig Jahren hat sich die Weltwirtschaft verfünffacht. Die Kindersterblichkeit ist drastisch gesunken, die Lebenserwartung ist im gleichen Zeitraum von knapp über fünfzig auf nun weltweit über siebzig gestiegen; die Geburtenrate sank von 5 auf 2,4; nie starben weniger Menschen durch Kriegshandlungen als heute.
Das Bewusstsein unserer Zeitgenossen über diese eigentlich spektakulären Erfolge scheint jedoch durch ubiquitäre Katastrophenmeldungen getrübt – eine zufriedene Rückschau auf Geleistetes erfordert eine brutal-makroskopische Perspektive und emotionale Ignoranz, mit der sogar die meisten Politiker zu kämpfen haben. Das nagt auch an der Identität des kritischen Bürgers, der nicht als positivistischer systemimmanenter Ja-Sager lakonisch den Status quo abnicken will. Die Verwerfungen des rasanten Wachstums werden am berstenden, kaum mehr stützenden kulturellen Korsett auch individuell spürbar. Die Daten signalisieren einen Erfolg, der sich nicht mit individueller Ethik verbinden lässt.
Die Welt kommt sich näher, die Welt zerfällt
Benjamin Barber beschrieb schon 1992 die technologiegetriebene Dynamik eines massiven identitätsdemographischen Rutsches: dass die egalisierenden kommunikativen Medien einerseits so etwas wie einen Globalisierungsmenschen (McWorld) hervorbringen, während gleichzeitig die dezentralisierende, anti-hierarchische Natur der Netzwerke die Formierung und Konsolidierung von Splittergruppen (z. B. Dschihadisten) begünstigt. Die Welt kommt sich näher, während sie zerfällt.
Mag die Globalisierung auch noch so große Vorteile mit sich gebracht haben, für die damit verbundenen Verwerfungen und unerwünschten Nebenwirkungen gibt es gerade in Europa und Nord-Amerika eine besondere Sensibilität. Diese Zonen haben die Peak-Weltbürgerschaft, den Scheitelpunkt, bereits überschritten.
Gerade jetzt, da die globalisierte Welt den informierten und bewussten Weltbürger braucht, scheint eher der „Nationalstaatler“ auf dem Vormarsch zu sein, der Weltbürger ist erschöpft und zieht sich zurück. Aber was auch immer man konkret mit dem Begriff verbindet, es besteht der Eindruck, dass Weltbürgerschaft ein zerfallendes, an der Realität scheiterndes Konzept ist. In vielen Teilen der Welt wird versucht, den Staatsgedanken mit Gewalt durchzusetzen, während in anderen Regionen auf die Relativierung der Souveränität des Nationalstaates mit massivem Protest reagiert wird.
Nicht-Bürger und Nicht-Menschen
In der sich entwickelnden Welt, dem Globalen Süden (Global South), sieht es allerdings anders aus. Gerade in den Staaten mit schwach ausgeprägten demokratischen Institutionen gibt es Bevölkerungsschichten, die ohne oder mit mehr oder weniger eingeschränkten, staatsbürgerlichen Rechten überleben müssen. Flüchtlinge, ethnische Minderheiten, Nomaden, religiöse Minderheiten, Staatenlose, illegale Einwanderer, saisonale Migranten etc. gehören dazu.
In den USA leben acht Prozent als Nicht-Staatsbürger, die Hälfte davon etwa als Illegale. In Lettland sind noch immer zwölf Prozent der Bevölkerung Nichtbürger (Nepilsoņi), die vor über zwanzig Jahren auf einen Schlag ihre sowjetische Staatsbürgerschaft verloren und damit zu lettischen Nichtbürgern wurden. Das offiziell kommunistische China hat ein Residenzrecht (Hukou = Wohnsitzkontrolle), das die Zuwanderung in die großen Städte zwar nicht unterbindet, aber einen de facto zweitklassigen Nichtbürger schafft, der von Sozialleistungen ausgeschlossen ist.
In Japan gibt es neben den koreanischen Nichtbürgern (von denen etwa ein Drittel die nordkoreanische Staatsbürgerschaft hat) auch eine Untergruppe der Burakumin, die sogar als Hinin ( 非人 , Nicht-Menschen) bezeichnet werden.
Dass sich aus den Schichten der Nicht-Bürger eine neue Generation des Weltbürgers entwickelt, ist sehr viel wahrscheinlicher als der Weg über die Expansion der Staatsbürgeridentität. Zur Neuauflage des Weltbürgers wird die Flüchtlingssituation also genauso beitragen wie die vergleichsweise inhumanen Arbeitsbedingungen der Migrationsarbeiter. Anstatt den Globalismus für ihre Misere verantwortlich zu machen, hoffen die Menschen unter ungerechten Verwaltungen auf Weltoffenheit und Mitgliedschaft im globalen Club der Menschen.
Die Zukunft liegt nicht in Europa
Laut einer weitgefächerten Erhebung des letzten Jahres ist der neue Weltbürger (im Sinne des durchschnittlichen Bürgers dieser Welt) sowohl ein hoffnungsvoller Weltbürger als auch einer, der sich gleichzeitig an die manifesteren nativen und religiösen Identitätsstifter klammert.
Tatsächlich sieht sich in den Nicht-OECD-Staaten eine deutliche Mehrzahl der Bewohner eher als Weltbürger denn als Staatsangehörige ihres Landes. Immerhin sind es aber dennoch etwa 17 Prozent der Weltbevölkerung für die Weltbürgerschaft das entscheidende Identitätskriterium ist, also gewichtiger als Nationalität.
Während dieser Trend vor allem in Deutschland und Russland seit 2009 rückläufig ist, sind es die schnell wachsenden städtischen Zonen in Afrika und Asien, in denen die Weltbürgerschaftsidentität expandiert. In Ländern wie Nigeria, China, Peru oder Indien gibt es das deutlichste mehrheitliche Sentiment für eine internationalistische Identität. Gleichzeitig wird Nationalität überwiegend als entscheidendes Kriterium der Identität angegeben. Hier mögen Wunschbild, Protest und Realismus aufeinandertreffen. Potential und Offenheit sind aber konzeptionell in der nicht-westlichen Welt auf dem Vormarsch und deuten auf ein hoffnungsvolleres Szenario als das, vor dem die OECD Staatsbürger sich nativ zurückziehen wollen.
Seit den 1990er Jahren tauchen in aller Welt staatsartige Projekte auf, die als Adapterzonen zum planetaren Welthandelsgefüge dienen sollen. Diese Special Economic Zones (SEZs) tragen gleichzeitig das noch unerfüllte Potential als Experimentierfelder für neue Gesellschaftsverträge, während sie gleichzeitig vor Überfremdung schützen sollen. Eine Vernetzung dieser exterritorialen Globalzonen ist ebenso denkbar, wie die weltweite Vernetzung der Flüchtlingslager, wie ich es schon 1994 im Konzeptpapier zu einer Flüchtlingsrepublik beschrieben habe.
Der risikoreiche Versuch, über die eigenen kulturellen und instinktiv gezogenen Grenzen hinwegzuschreiten und den Mehrwert in der Heterogenität der Menschen zu finden und ihn zu nutzen, ist bei allen Widersprüchen und Konflikten ein sich weiterhin entwickelndes Projekt, dessen Protagonisten mehrheitlich nicht mehr in Europa leben.
Die Weichen der Welt stehen also gar nicht schlecht für den „Global Citizen 3.0“ der nächsten fünfzig Jahre. Denn all das könnte in naher Zukunft eine kritische Masse entwickeln – gerade dann, wenn die Menschheit sich in schnellen evolutionären Schritten biotechnologischer Optimierung als „transhuman“ definieren wird.
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Gelöstheit als Grundlage für ein gelingendes Leben

Prof. Dr. Peter Kern, „Haus des Verstehens“
Es gibt heutzutage einen zeitgeistbedingten unerbittlichen Imperativ, der uns allen sagt, wie wir leben sollen: Hoch motiviert, anstrengungsbereit, erfolgreich. Man verspricht uns, wer viel leistet, der könne sich dann auch viel leisten. Das Lebensziel wird pausenlos und überall vorgegeben: Man müsse am materiellen Wohlstand exzessiv teilhaben, man solle alle diese Attribute des Ansehens haben, als da sind: schönes Haus, Zweitwohnung, teure Wagen, aufwändige Partys, Ess-Events und Urlaube an exklusiven Orten. Wer das nicht zureichend schafft, gilt als Loser.
Verlierer wollen wir nicht sein, also motivieren uns Angst und Furcht pausenlos, Gewinner zu werden und zu bleiben. Uns treibt die Sorge um nach bedingungsloser permanenter Erhöhung unserer Lebens-Genüsse, und wir streben ebenso bedingungslos nach allseitiger lückenloser Sicherheit für unser Leben. Uns geht es, recht egozentrisch, um ein in jeder Hinsicht mangelloses, genussreiches und völlig abgesichertes Leben. Voraussetzung für diesen Lebensstil ist der machtförmige, sich überall durchsetzende souveräne Erfolgsmensch, der gelegentlich auch schon mal über Leichen geht.
Es geht gar nicht anders, für diesen materiellen Lebensstil zahlen wir alle unseren Preis. Längst haben wir aus Werten nur noch Waren gemacht. Alle Lebensbereiche unterliegen inzwischen dem Diktat der Monetarisierung. Der Sinn von Sport, Politik, Recht, Wissenschaften, Künsten, ja Ethik und Religion ist unter das domi­nante Deutungsmuster der Ökonomie, und darin des Geldes, geraten. Was zählt ist das, was käuflich und verkäuflich ist und monetäre Gewinne bringt. Selbstreferentielle Verdummungsstrategien, ausschliesslich im Dienste des Kapitals, lassen die Massen vergessen, was ein  menschliches Leben sein könnte. Die Medien haben mehrheitlich ihre Aufklärungs­kraft verloren; ihre Journalisten haben sich vielfach hinabgestuft bzw. hinab­stufen lassen zu blossen Unterhaltungsanimateuren. Die Schulen und Hochschulen sind dank der Bologna-Reform längst zur Magd der Wirtschaft geworden. In ihnen werden ökonomietaugliche Funktionäre für den Markt produziert. Und in den Firmen geht die Angst um, und das auf allen Hier­archiestufen; auch Top dogs  fallen heute tief. Es herrscht der Mammonismus.
Indem wir uns dieser Herrschaft beugen, degradieren wir uns zu Halbmenschen. Wir folgen nur noch den Imperativen unserer genusssüchtigen Leiblichkeit und unserer ökonomisch funktionalen Gesellschaftlichkeit. Auf diesen beiden Ebenen sind wir bereit, uns bis zur krankmachenden Überforderung zu verausgaben. Dass wir Menschen mehr sein können als Natur und Gesellschaft imstande sind aus uns zu machen, ist uns aus dem Blick geraten.
Durch diesen aussengeleiteten materiellen Lebensstil bleiben wir eingekerkert in einer eigenmächtigen Selbstbefangenheit. Wir sehen nicht, was nottut und möglich wäre. Schon um der Natur willen wäre ein weniger luxurierender Lebensstil überlebensnotwendig. Und möglich wäre ein Leben, das sich nicht im Leistungs-Kampf erschöpft, sondern aus mitgeschöpflicher und vernunftgeleiteter Solidarität mehr Gerechtigkeit, Frieden und nachhaltige Zukunftsfähigkeit schafft. Das allerdings setzte die Überwindung unserer angstmotivierten Befangenheit voraus, ein Freiwerden unserer Person für einen auch spirituellen Leistungsbegriff.
Doch die Preisgabe der eigenmächtigen Selbstbefangenheit im Materiellen streben wir erst gar nicht an.  Wir sind wie benommen und berauscht vom pausenlosen Mehr, Höher, Weiter so des quantitativen, letztlich  todbringenden Wirtschaftswachstums. Wer „small is beautifull“ fordert, wer sagt, weniger sei mehr, der wird wahrgenommen als jemand, der eine asketische Verzichtskultur fordert. Er wird nicht ernst genommen.
Im aussengeleiteten materiellen Lebensstil übersieht man jedoch zwei bedeutsame anthropologische Phänomene, zwei, den Menschen ganz zentral bestimmende Erscheinungen. Zum einen ignoriert man die Differenz zwischen Bedürfnissen und Begehrungen; zum anderen leugnet man den unaufhebbaren Charakter von Widerfahrnissen im menschlichen Leben.
Zur Differenz zwischen Bedürfnissen und Begehrungen.
Wir Menschen sind bedürftig, wie alle Lebewesen auch. Wir bedürfen der sauberen Luft zum Atmen, des reinen Wassers zum Trinken, der möglichst naturbelassenen Nahrung. Wir bedürfen der Fürsorge durch den Anderen in einer guten Gemeinschaft. Wir bedürfen der freundschaftlichen Gespräche und der unsere Existenz tragenden Liebe. Wir bedürfen des Wechsels von Anspannung und Entspannung. Wir bedürfen einer inneren Gelassenheit, wenn unser Leben gelingen soll.
Demgegenüber begehren wir vielerlei, was wir für ein gelingendes Leben gar nicht brauchen, denn nicht jedes Begehren entspricht einem Bedürfen. Das Kind bedarf des Schlafes; es begehrt aber die Fernsehsendung zu später Stunde. Wir Erwachsenen begehren in unserer luxusorientierten Konsumgesellschaft das schöne grosse Haus, die prestigeträchtige Zweitwohnung, den teuren repräsentativen Wagen, die aufwändigen Partys, die glamourösen Ess-Events, und wir begehren möglichst viele Urlaube an exklusiven Orten.
Sind solche Begehrungen berechtigt? Kaum, wenn dieser Satz gilt: Begehrungen, deren Befriedigung der Eudämonie beraubt, entsprechen nicht unserer existentiellen Bedürftigkeit.
Was heisst hier Eudämonie? In der sokratisch-platonischen Tradition bedeutete es „Ruhe der Seele“, eine Art „philosophischer Gelassenheit“, eine „wissende Gelöstheit“, aus der heraus man nicht alles haben muss. Im Deutschen wird das altgriechische Wort „Eudämonie“ mit dem auslegungsbedürftigen Begriff „Glückseligkeit“ wiedergegeben. Versuchen wir, die gemeinte Sache zu verstehen. Um all die Begehrungen befriedigen zu können, die wir gelernt haben in der Konsumgesellschaft anzustreben, müssen wir viel leisten. Wir müssen dafür hart arbeiten. Wir kommen deshalb immer mehr unter Druck, wir erleiden negativen Stress. Wir begehren also Dinge, die nur durch ein überfordernd arbeitsames, hektisches, stressreiches, ruheloses Leben zu haben sind. Wenn wir uns die Daumenschrauben der Leistungsgesellschaft fest genug haben andrehen lassen, gelingt plötzlich unser Leben nicht mehr. Wir haben unserer Seele die Ruhe geraubt. Wir haben unbesonnen gelebt. Wir werden Opfer des Burn-out-Syndroms, wir werden in vielfältigen Weisen physisch und psychisch krank. Die Begehrungen haben uns die Eudämonie, die Glückseligkeit genommen. Unser Leben gelingt nicht mehr, es scheitert. Begehrungen, die uns der Eudämonie berauben, sind also nicht berechtigt.
Und was wird im aussengeleiteten materiellen Lebensstil noch übersehen? Der Widerfahrnischarakter des menschlichen Lebens.
Widerfahrnisse sind Ereignisse, die nicht in unserer menschlichen Macht liegen. Das sind nicht selbst verschuldete Krankheiten genau so wie unvorhergesehene positive Begegnungen oder uns niederzwingende Schicksalsschläge. Das grösste Widerfahrnis, dem wir ausgesetzt sind, ist der Tod. Wir Menschen sind sterblich. Dieses Faktum widerstreitet mit unserer modernen Einstellung, ein mangelloses Leben führen zu wollen. Widerfahrnisse werden von uns als Mangel erlebt. Widerfahrnisse blenden wir deshalb angstbesetzt aus, auch den Tod. Stattdessen begreifen wir uns als souveräne Erfolgsmenschen, die ihr Leben wie ein Herrscher führen wollen: in jeder Hinsicht versichert, abgesichert, erfolgreich handelnd und bedenkenlos geniessend. Wir wollen alles im Griff haben.
Wer sich jedoch unreflektiert von nie endenden Begehrungen verführen lässt, und wer die Widerfahrnisse des menschlichen Lebens verdrängt und ausblendet, der manövriert sich in krankmachende Überforderungen, die in der Selbstentfremdung enden. Das Burn-out-Syndrom ist Ausdruck solcher Entfremdungsprozesse und Überforderungen.
Gibt es Wege aus diesem letztlich zerstörerischen Lebensstil?
Um hier zu antworten, verändern wir probehalber einmal die Fragestellung. Wir fragen nicht länger, wie wir heute leben sollen, nämlich erfolgreich in der ökonomischen Leistungsgesellschaft. Stattdessen fragen wir, wie wir heute auch leben könnten. Eine Antwort wäre dann: Wir könnten ganzheitlich im Kosmos leben, der mehr ist als eine nur ökonomisch auf Gewinn und Verlust getrimmte Welt.
In diesem Falle streben wir nicht vorrangig nach quantitativem ( Wirtschafts- )Wachstum, sondern nach einem gelingenden Leben. Gelingend ist dieses andere Leben deshalb, weil es uns nicht in die krankmachenden Überforderungen bis hin zum Burn-out treibt. Dann ist unser Leitbild nicht länger das vollkommen mangellose und völlig abgesicherte Leben, sondern die Preisgabe dieser eigenmächtigen Selbstbefangenheit im rein ökonomischen Horizont. Wir vermögen durch eine solche Preisgabe die uns peinigende Angst zu überwinden und werden anthropologisch frei, aus einer Leben fördernden und Leben erhaltenden Liebe zu leben. Diese Liebe hiess antik-philosophisch Agape, christlich Caritas. Voraussetzung für ein solches Leben aus dem Ursprung der Liebe ist, dass wir lernen, die Begehrungen, die uns der Eudämonie berauben, fallen zu lassen. Konkret bedeutet das, dass wir uns beispielsweise nicht länger auf die Leben zerstörende Warenwelt unsrer Konsumgesellschaft versteifen, also den künstlich in uns erzeugten Begehrungen folgen, sondern frei werden, Güter zu entdecken und Erfahrungen zu machen, die wir im alten Leben bisher übersahen, dass wir uns also Leben fördernden und Leben erhaltenden Bedürfnissen anvertrauen. In der Konsum- und Warenwelt, so sahen wir, begehren wir ein Haben-orientiertes hektisches Leben, bis zur physischen und psychischen Zerstörung unserer Person, in Wahrheit sind wir aber, antik-philosophisch gesprochen, der „inneren Ruhe“ bedürftig, die keine individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen zur Folge hat. Wir können also lernen, loszulassen. Und in diesem Loslassen machen wir die Erfahrung der Gelöstheit. Gelöstheit ist das Loslassen-Können von allem, das uns durch Begehrungen bindet. In anderen Worten: Die Überwindung der uns zerstörenden Begehrungen wird anschaulich durch eine doppelte Abkehr; wir befreien uns von den Strebungen nach bedingungsloser Lebens-Sicherheit und wir befreien uns von den Strebungen nach bedingungslosem Lebens-Genuss.
Wer noch aus der Grundbefindlichkeit der Angst lebt, wer das bedingungslose Streben nach Daseins-Sicherheit und Daseins-Genuss als beherrschendes Leitbild verinnerlicht hat, legt jetzt Protest ein. Lebens-Sicherheit und Lebens-Genuss als Leitbilder infrage zu stellen, beschwört bei ihm noch mehr Angst herauf. Er kann ein solches Ansinnen nur als asketischen Verzicht denken. Verzicht ist für ihn Mangel, und Mangel erträgt er ja nicht, wie wir sahen.
Der dominant erfolgsorientierte Leistungsmensch gerät in Panik. Folglich will er nicht und kann er nicht, was ihn retten könnte: loslassen.
Im Wagnis des Loslassens können wir eine qualitativ ganz neuartige Wert-Erfahrung machen, die uns befreit vom Zwang, Sicherheit und Genuss als ausschliessliche Lebensziele zu akzeptieren.  Wir erfahren in dieser neuartigen Wert-Erfahrung, dass es prinzipiell keine absolute Sicherheit in dieser Welt gibt. Angesichts des Widerfahrnischarakters des menschlichen Lebens kommen wir zur Einsicht, dass der Versuch, sich bedingungslos abzusichern, unvernünftig ist. Ebenso unvernünftig ist es, sich unbegrenzt den Begehrungen des immer grösseren Lebensgenusses auszusetzen. Solche Begehrungen kommen nämlich nie zur Ruhe. Je mehr er hat, je mehr er will, nie stehen seine Sorgen still, sagt schon ein Sprichwort. Es ist also eine gefährliche Illusion, sich das Leben als völlig abgesichert und mangellos vorzustellen. Indem wir diese Illusion verabschieden, indem wir lernen, die damit verbundenen Begehrungen loszulassen, erfahren wir, dass die Preisgabe dieser Illusion gar kein asketischer Verzicht ist, im Gegenteil. Erst diese Preisgabe wird zur Bedingung der Möglichkeit eines wahrhaft gelingenden Lebens. Wir sind jetzt nicht mehr die angstmotivierten, machtförmig handelnden Haben-Menschen, die nur egoistisch um sich selbst kreisen. Wir erfahren durch die Preisgabe jene innere Ruhe, jene Gelöstheit und Gelassenheit, die es uns ermöglicht, auch aufmerkend und dankend hinzunehmen.
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Goodbye USA

Trump ist die Chance

U. Gellermann, „Rationalgalerie“
Einmal, nur der intellektuellen Übung wegen, könnte man doch mal die Begründung für die Aufrüstungs-Apelle der NATO an die Kassen der Verbündeten ernst nehmen: Demnach sollen die Völker der westlichen Welt demnächst zwei Prozent ihrer Wirtschaftskraft mehr für die Rüstung ausgeben. Die NATO-Länder spendieren insgesamt jetzt schon über 750 Milliarden Euro für erstklassige Panzer, mörderische Raketen und Atomwaffen zur Herstellung radioaktiver Krüppel aus. Davon soll es demnächst mehr und noch mehr geben. Weil die NATO-Länder sich verteidigen müssen, heißt es.
Man wird ja wohl noch fragen dürfen: Gegen wen? Gegen Russland, das seit der Abschaffung des Zarismus keinen größeren Angriffskrieg mehr unternommen hat? Gegen China, das eher für eine große Mauer zur Verteidigung bekannt ist als für Kriege gegen andere Länder? Gegen Nordkorea, das mehr Raketen bei der Erprobung verliert als es in feindliche Ziele bringen würde? In der historischen Statistik bliebe nur noch Deutschland, ein Staat, der in seiner Geschichte mit fast allen anderen Krieg angefangen hat. Im Ernst? Angela Merkel erklärt dem Rest der Welt den Krieg, Ursula von der Leyen setzt die Bundeswehr aufs Pferd, kommandiert „Lanzen einlegen!“ und schon muss sich die NATO gegen die deutsche Leitkultur verteidigen?
Bleibt als halbwegs glaubhafter Aggressor nur noch der islamistische Terror. Und, haste nicht gesehen, schon sind die ersten U-Boote auf Terroristenjagd, werden die besten Interkontinentalraketen punktgenau auf Vororte von Brüssel, Pariser Banlieues oder das sauerländische Oberschledorn gerichtet. Alles Gegenden, aus denen nachweislich islamistische Terroristen kamen. Auch die riesigen Panzerarmeen der NATO werden in der Kosten-Nutzen-Rechnung komisch aussehen: Der Stückpreis für den deutschen Klasse-Panzer Leopard 2 soll bei rund drei Millionen Euro liegen. Wieviele dieser Exportschlager wird man demnächst rund um den Berliner Weihnachtsmarkt gruppieren, um den nächsten Anschlag zu verhindern?
Halt! Sagen bedeutende Strategen vom Rang eines Jens Stoltenberg. Der NATO-Generalsekretär hat ja immerhin Wirtschaftswissenschaften studiert. Halt: Da ist ja noch der IS! Zwar nennt sich der Islamische Staat islamisch, aber die Arbeiterwohlfahrt hat mit Arbeitern ja auch nichts mehr zu tun. Der IS ist ein Geschäftsmodell arbeitsloser sunnitischer Verlierer des Irak-Krieges, das von Erpressung, Raub, Mord und Totschlag ebenso lebt wie von Spenden aus Saudi-Arabien und Katar. Aber die Interkontinentalraketen der NATO mit den dazugehörigen Atomsprengköpfen einfach nach Saudi-Arabien und Katar zu schießen, würde NATO-Partner behelligen: Nicht nur Donald Trump macht Geschäfte mit den Saudis, auch die deutsche Rüstungsindustrie will ihre lukrativen Märkte nicht gefährden. Also könnte man dem IS vielleicht ein lukratives Angebot machen, um dessen Dauerkrieg in Syrien, dem Irak und anderen Ländern zu beenden. Aber zur Zeit geben alle Länder der Welt zusammengerechnet etwa 1750 Milliarden US-Dollar für Rüstung aus. So viel schöner Profit. Und das meiste davon wird in den USA erwirtschaftet. Wenn nun zum Beispiel der Islamische Staat als Feind wegfiele, wer soll dann den guten Grund für mehr und noch mehr Rüstung liefern?
Donald Trumps jüngste Forderung an die NATO-Verbündeten, sie sollten doch deutlich mehr zahlen als bisher, trifft zum ersten Mal bei den sonst so ergebenen US-Freunden auf Skepsis. Wenn man genauer hinschaut sogar auf Widerstand: „Wir Europäer haben unser Schicksal selber in der Hand“, hatte ausgerechnet die gläubige Atlantikerin Angela Merkel Anfang des Jahres gesagt. Und während bei manchen NATO-Gegnern noch Trumps Wort-Fetzen von der obsoleten NATO durchs Gehirn geistert, wäre es für die West-Europäer tatsächlich an der Zeit, ihr Schicksal von den USA und deren völlig unberechenbarem Präsidenten abzukoppeln. Noch nie gab es in Deutschland eine so gründliche Abneigung gegen einen US-Präsidenten wie in diesen Tagen, noch nie war die Ablehnungsfront so breit: Von den National-Konservativen bis zu echten Linken reicht der Ekel vor einem wildgewordenen US-Elefanten, der bisher keinen Porzellan-Laden ausgelassen hat. Trump ist die Chance für eine zumindest relative Eigenständigkeit der Deutschen.
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Kein Mensch ist Leitkultur

Warum wir endlich eine selbstkritische Debatte über „Heimat“ brauchen

In Zeiten der so genannten Flüchtlingskrise feiert der Glaube ein großes Comeback. Nicht etwa, weil sich der Islam unkontrolliert in der Bundesrepublik ausbreitet, sondern, weil in der Debatte um Leitkultur, Flüchtlingspolitik und Rechtspopulismus die Phantomschmerzen der Zugehörigkeit wieder aufkommen. Plötzlich glauben alle wieder an Heimat.
 Florian Schmitz, „Berliner Gazette
Hochideologisiert und aggressiv schallt es von beiden Seiten. Ob Koran, Bibel, Propaganda oder FakeNews: Glaubensfragen haben die Bundesrepublik fest im Griff. Der Protagonist meines kürzlich erschienen Buches “Erzähl mir von Deutschland, Soumar“ ist u.a. deswegen aus Syrien geflohen, weil religiöse Fanatiker den Alltag seines Landes kontrollieren. Wie geht es Soumar, seitdem er in Deutschland ist. Wie gestalten sich Glaubensfragen im neuen Land?
Viele gläubige Menschen sagen, Gott sei überall. Was aber sagt das über Gott aus? Ist nicht die Annahme, dass es keinen Gott gibt, ‚christlicher,‘ im Sinne von humaner, als die Vorstellung, dass da ein allmächtiges Wesen ist, das denen beistehen soll, die leiden, künstlich in Armut gehalten werden, die Auswirkungen der Erderwärmung und Naturkatastrophen als erstes zu spüren bekommen, in Kriege gestürzt werden u.s.w.?
Gott als zynische Rechtfertigung
Mir hat mal jemand gesagt, ich sei zynisch, weil ich den Menschen so die letzte Hoffnung raube. Das finde ich nicht. Eher finde ich, dass somit ein sehr zynisches Bild von Gott gezeichnet wird, der in aller Seelenruhe zuschaut, wie die Schwächsten seiner Schöpfung dem Wahnsinn von Krieg, Hunger und Vertreibung schutzlos ausgeliefert sind. Ebenso zynisch ist es, die Bibel oder den Koran zu zitieren, um Privilegien und Reichtum zu rechtfertigen, oder dass die Kirche in Griechenland aktiv Antidiskriminierungsgesetze verhindert. Absurd ist, dass Soumar in Syrien von Islamisten gejagt wird, weil seine Eltern Allawiten sind, also an denselben Gott glauben, im Namen dessen sie umgebracht werden sollen. Hätten die selbsternannten Gotteskrieger gewusst, dass Soumar in Wirklichkeit gar nicht an Gott glaubt, hätten sie ihn erst recht getötet.
Soumar ist Atheist. Auch deswegen ist er dazu in der Lage, sich auf die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe des Krieges zu konzentrieren. Daher ist er für Dschihad-Theorien völlig unempfänglich, was auf die meisten Geflüchteten in Deutschland zutrifft, die ja eben vor diesem Dschihad aus ihrem Land fliehen mussten. Gleichzeitig sind Atheisten natürlich keine besseren Menschen. Auch der Nationalsozialismus war eine atheistische Weltanschauung, wobei der Führerkult natürlich etwas Gottgleiches hatte. Im Wesentlichen ist der Nationalsozialismus eine Ideologie, die nicht anders funktioniert, als eine Religion auch. Fakten spielen keine Rolle. Alles kann nach Bedarf interpretiert und an die Ideologie angepasst werden.
Integration ist eine Frage der Selbstkritik
Deutschland wurde stark geprägt von dieser Ideologie. Unser heutiges Weltbild fußt auf ihrer Überwindung. Zur Zeit aber sehen viele Menschen in Deutschland dieses Weltbild in Gefahr. Wir begreifen uns als rational-kritische Gesellschaft, die von den religiösen Ideologien des Islams bedroht wird, wobei die Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, diese Ideologie personifizieren. Ich kann das in gewisser verstehen. Wie soll das Zusammenleben funktionieren?
Tatsache ist, dass die Integration viele Probleme mit sich bringen wird. Weltanschauungen werden aufeinanderprallen und es wird Konflikte geben. Viele Menschen in Deutschland fühlen sich in ihrer Freiheit bedroht. Auch das ist verständlich. Und damit meine ich nicht nur die Deutschen, die die Flüchtlinge am liebsten sofort wieder aus dem Land werfen würden, sondern auch die anderen, die unterstellen, das Bedürfnis nach einer Diskussion über die Probleme, die in punkto Integration auf uns zukommen werden, sei die Grundlage eines neuen Faschismus.
Debatte oder Opium fürs Volk?
Dadurch ist eine Debattenkultur entstanden, die vor allem polarisiert; in der wir die Freiheit, die es doch zu schützen gilt, bereits aufgegeben haben. Anstatt zu debattieren, konzentrieren wir uns auf ein paar wenige Beispiele. Vollverschleierung vs. sexuelle Belästigung, Rechtspopulist vs. Gutmensch, Minarett vs. Kirchturm.
Um diese Pole herum sammeln sich die Ideologen beider Lager, bezichtigen sich gegenseitig der Lüge und proklamieren ihr Weltbild als die Essenz einer Wahrheit, die sich von der Propaganda der Gegenseite nicht blenden lässt. Dabei berufen sich beide Lager auf die Freiheit und beide Lager vergessen dabei einen wesentlichen Aspekt: Dass die gelebte Realität sich eben nicht auf eine Silvesternacht in Köln oder den Bau einer Moschee reduzieren lässt, sondern dass sie sich zwischen diesen Extremen abspielt.
Die verlorene Mystik der Frage
Auffällig dabei ist, wie selten Fragen gestellt werden. Denn Freiheit bedeutet nicht nur, seine Meinung äußern zu dürfen, sondern umfasst auch die Verantwortung, die Meinung des Anderen zu erfragen. Genau darauf basieren unsere Grundwerte, dem kritischen Hinterfragen von Zuständen.
Radikale Religion, vor allem politisch motivierte, funktioniert anders. Da wird ein Extremzustand als geltendes Recht für alle proklamiert, das nur den Gläubigen und den Hierarchien ihrer Institutionen zusteht. Mit diesem ideologischen Ton aber wird aber auch unsere Debatte geführt. Meinungen werden zu Realität und diese Realität zur Religion.
Vernunft und Freiheit
Unser Weltbild aber, das beide Lager gleichermaßen zu schützen versuchen, ist aus der Überwindung von Religion und Ideologie heraus entstanden. Irgendwann in Zeiten der Aufklärung, als man sich an die Menschen im antiken Griechenland erinnerte, die ein System namens Demokratie erfanden und von Jahwe, Gott und Allah noch nichts gehört hatten, kam man zu dem Schluss, dass die Menschheit sich nur weiterentwickeln und zueinander finden könne, wenn sie sich von der Allmacht der Kirche löst und auf zwei wesentliche Grundsätze konzentriert: Vernunft und Freiheit.
Dabei ist weder Vernunft ohne Freiheit, noch Freiheit ohne Vernunft denkbar. Werkzeuge dieser Grundsätze sind Beobachtung, Hinterfragen und Selbstkritik. Gerade der letzte Aspekt trennt den vernünftigen Menschen vom ideologischen. Wichtiger als die eigene Überzeugung ist also der Respekt vor der Überzeugung des Anderen und die ständige Frage: Bin ich vielleicht im Unrecht?
Der Glaube an die Heimat
Eben diese Frage ist vor allem in der Bestrebung wichtig zu definieren, was es eigentlich bedeutet, deutsch zu sein. Dabei steht die linke Panik, sich überhaupt in diesem Kontext zu definieren, dem Rechtspopulismus gegenüber, der weder die Kultur noch die Geschichte der Bundesrepublik in ihrer Gesamtheit reflektiert, sondern sie reduziert auf eine Liste positiver Attribute, die weit vorbeizielt an der Realität, und die Angst vor dem Leben in einer globalisierten Welt, in der die Konfrontation mit dem Fremden zum Alltag gehört, hinter naivem Wunschdenken verhüllt.
Dabei ist dies alles im Endeffekt keine Frage des Glaubens, sondern der Perspektive, denn, wenn man in Deutschland lebt, ist man eigentlich nicht deutsch. Dann ist man Berliner, Münchener oder Ruhrpottler, Wessi oder Ossi, Rheinländer oder Franke. Dann klingt Deutschland nach einer abstrakten Idee, die vielleicht zu tun hat mit Politik und Wirtschaft, aber die für das eigene Leben eigentlich keine Bedeutung hat. Erst wenn man Deutschland von Außen sieht, ergeben die Unterschiede, die das Land von Innen heraus definieren, auch in ihrer Gesamtheit Sinn.
Soumar hat Syrien das erste Mal als Syrien erkannt, als er es vom Libanon aus gesehen hat. Vorher war es Aleppo, Damaskus, Tartouz und Latakia. Jetzt lebt er in Deutschland und versteht mehr denn je, dass er Syrer ist. Währenddessen zerfällt sein Land im Krieg. Die vielen Orte, aus denen sich Syrien zusammensetzt, die Städte und Dörfer, die von Gewalt, Flucht und Terror gezeichnet sind, haben ihre Kraft verloren. Sie haben sich selbst vergessen unter den Bombenangriffen, explodierenden Autos und dem Feuer der Maschinengewehre, denn der Krieg lässt keinen Raum für Individualitäten.
Debatte versus Realität
In Deutschland herrscht Frieden. Und wenn Soumar jetzt durch Bremen läuft, dann trägt er einen kleinen Teil Syriens mit sich und bewahrt es in der Hoffnung, dass in seiner Heimat irgendwann wieder Platz dafür ist. Mehr als eine Million Menschen sind seit 2015 nach Deutschland gekommen. Wie Soumar sind sie vor dem Überleben geflüchtet, diesem ständigen Kampf, der das Leben zu einer biologischen Notwendigkeit degradiert. Sie haben das Leben in Deutschland nicht einfacher gemacht. Sie haben uns aus der Bequemlichkeit unserer kleinen, sicheren Lebenswelt gerissen und selbst den Schwächsten im Land gezeigt, dass es schlimmer geht.
Dabei haben sie ungewollt eine große Debatte entfacht. Was ist Deutschland eigentlich und was bedeutet es deutsch zu sein? Jetzt geht es um Integration. Aber in was genau sollen sie denn integriert werden? Darüber herrscht Unklarheit.
Eine Antwort darauf, wird es auch nie geben. Integration ist kein Vorgang, der in einer Masse entsteht. Sie findet im Mikrokosmos des Alltags statt, mal besser, mal schlechter, mal schneller, mal langsamer. Und in manchen Fällen auch gar nicht. Fakt ist jedoch, dass die Debatte um Integration das Konzept der eigentlichen Durchführung eigentlich nicht zu greifen vermag. Wenn die Vorstellung von Deutschland als Ganzem zu abstrakt ist, dann gilt das auch für die Integration.
Eine Kultur ist ein komplexes Konstrukt, das sich in einem ständigen Wandel befindet. In den meisten Fällen finden diese Veränderungen so graduell statt, dass wir sie nicht als solche empfinden und sie einfach Teil unseres Lebens werden. Manche Ereignisse aber haben einen solchen Einfluss, dass sie auch kollektiv wahrgenommen werden. In Deutschland speziell ist das zuletzt mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung geschehen. Und dann im Sommer 2015, als der große Flüchtlingsstrom über die Balkanroute nach Deutschland gelangte.
Es gibt kein Zurück
Seitdem hat sich für die meisten das Leben kaum verändert. Der Applaus an den Bahnhöfen ist verklungen. Der Alltag ist zurückgekehrt und Geflüchtete sind zu einem Teil von ihm geworden. Die Frage ist nicht mehr, ob wir das schaffen, sondern wie. In einer Kultur gibt es nie ein zurück. Das verstößt gegen die physikalischen Gesetze der Zeit. Der Wunsch, dass alles irgendwann wieder so wird, wie es mal war, ist eine naive Illusion. Selbst, wenn man jetzt damit anfangen würde, so viele Geflüchtete wie möglich wieder auszuweisen, dann würde das keinen Frieden bringen.
Zum einen, weil das ‚wohin‘ nicht beantwortet werden kann, und zum anderen, weil das Prinzip ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘ in einer globalisierten Welt einfach nicht mehr funktioniert. An vielen Orten auf unserem Planeten brodelt es heftig vor sich hin. Davor haben wir lange genug die Augen verschlossen. Und was wir nicht sehen wollten, ist nun zum Teil unseres Alltags geworden. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Deutschlands Reichtum ist nicht einfach das Produkt unseres Fleißes und unserer Ordnung. Wir sind Profiteuere eines wirtschaftlichen Systems, das viele andere Länder, auch innerhalb von Europa, in soziale Notstände geführt hat.
Heimat ist kein Ort
Es wird also Zeit, sich mit der Heimat zu beschäftigen. Und zwar nicht mit dem Begriff, sondern mit der Praxis. Ich habe durch meine Freundschaft mit Soumar und auch durch mein Leben in Griechenland gelernt, dass Heimat kein Ort ist. Heimat ist ein individuelles Gefühl, das ich auf einen Ort beziehe. Es gibt keine Leitkultur, die diesen Begriff so definieren könnte, dass sich jeder Deutsche darin wiederfinden würde. Es ist vielmehr ein Komplex und eine Entwicklung von Erfahrungen, die jeder Einzelne für sich macht.
Daher ist es auch völlig sinnlos, mit dem Begriff Heimat Wahlwerbung zu machen. Jeder Versuch einer Verallgemeinerung ist automatisch zum Scheitern verurteilt. Ich persönlich habe gelernt, dass meine Heimat mir Privilegien mit auf den Weg gegeben hat, über die ich mir erst bewusst geworden bin, als sich sie verlassen habe. Und ich habe gelernt, dass diese Privilegien mir nicht nur Vorteile bringen, sondern auch die Verantwortung, andere daran teilhaben zu lassen. Deutschland ist ein demokratisches Land. In der Logik der Demokratie sichert das Wohlergehen des Anderen mein eigenes Wohlergehen. Das deckt sich mit den meisten, gängigen Religionen und Moralvorstellungen.
Wenn man sich auf der Welt umschaut, mag man dies bezweifeln und zwar aus gutem Grund. Vielmehr führt die dauernde Abstraktion globaler Entwicklungen zu Zynismus und Isolation. Das Wohl des Anderen ist ein Konzept des unmittelbaren Lebens. Es ist direkt vor unseren Augen und dort, wo Integration und Heimat zusammenfinden.
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Hohe Auszeichnung für Alternatives Wirtschaftsmodell, das zur internationalen Bewegung wurde

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Die Gemeinwohl-Ökonomie und ihr Initiator Christian Felber wurden im März 2017, mit dem ZEIT WISSEN-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit 2017“ in der Kategorie WISSEN ausgezeichnet. Die Preisverleihung erfolgte im Rahmen des ZEIT WISSEN-Kongresses „Mut zur Nachhaltigkeit“ in Hamburg. Laudator Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor der gemeinnützigen Stiftung „FUTURZWEI“ und Leiter des Norbert Elias Center for Transformation Design & Research an der Europa Universität Flensburg, betonte in seiner Laudatio:
„An der Gemeinwohl-Ökonomie ist bemerkenswert, dass sie kein Buch blieb,
sondern zu einer Bewegung wurde, die immer weiter wächst.
Sie hat noch eine große Zukunft vor sich.“ 

(Prof. Dr. Harald Welzer)
Vor sieben Jahren gründete Christian Felber, „der Robin Hood einer gerechten Ökonomie“ (© Die Zeit), die Gemeinwohl-Ökonomie, ein ethisches Wirtschaftsmodell, das nicht darauf beruht, Gewinne zu steigern, sondern das Gemeinwohl als wichtigste Maxime sieht. 15 Unternehmen waren von Beginn an dabei, mittlerweile unterstützen mehr als 2200 Unternehmen aus fast 50 Ländern das Modell. Rund 400 Firmen haben bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Tausende Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der wachsenden internationalen Bewegung, bisher wurden 23 Fördervereine von Schweden bis Chile gegründet, über 100 Regionalgruppen, so genannte Energiefelder, haben sich bisher etabliert.

Felbers BuchDie Gemeinwohl-Ökonomie erschien 2010 und wurde seither in zehn Sprachen übersetzt. Die darin vorgeschlagene „Gemeinwohl-Prüfung“ für Investitionsprojekte wurde vom Projekt Bank für Gemeinwohl als weltweite Innovation entwickelt und soeben bei den ersten Projekten durchgeführt. Sein neuestes Buch „Ethischer Welthandel“ beschäftigt sich mit einer Alternative zu Protektionismus und Freihandel.

Lassen wir Christian Felber selbst zu Wort kommen:

Eine andere Ökonomie ist möglich

Mit den Worten „Diese Wirtschaft tötet“ sprach der Papst in seiner Umweltenzyklika „Laudato si“ einer wachsenden Zahl von Menschen weltweit aus der Seele. Die Bertelslmann-Stiftung erhob, dass 88 Prozent der Menschen in Deutschland und 90 Prozent in Österreich eine „neue Wirtschaftsordnung“ wünschen. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine vollständige alternative Wirtschaftsordnung, die seit 2010 von einer wachsenden Zahl unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure entwickelt wird.
Die tragenden Säulen der Gemeinwohl-Ökonomie sind nicht „neu“, sondern zeitlose Werte und Verfassungsziele. Schon Aristoteles unterschied die Wirtschaftsweise der „oikonomia“ (Geld ist ein Mittel) von der „chrematistike“ (Gelderwerb ist das Ziel). Im gleichen Geist besagt heute die bayrische Verfassung: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“ (Art. 151) Das Grundgesetz sieht vor, dass „Eigentum verpflichtet“ und „sein Gebrauch zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll“ (Art. 14).
Das Gemeinwohlziel wird aber heute in der realen Wirtschaft gar nicht gemessen. Es fehlen die geeigneten Erfolgsindikatoren. Heute bilden das Bruttoninlandsprodukt (Volkswirtschaft), der Finanzgewinn (Unternehmen) und die Finanzrendite (Investition) die zentralen Erfolgsindikatoren. Sie messen jedoch nur die Mittel(akkumulation) und können daher gar nichts Verlässliches über die Zielerreichung aussagen.
Das „Gemeinwohl-Produkt“ kann zukünftig anhand eines repräsentativen Indikatorensets (z. B. Gesundheit, Bildung, Teilhabe, sozialer Zusammenhalt, ökologische Stabilität, Sicherheit, subjektives Wohlbefinden) direkt die Zielerreichung und damit den „Erfolg“ einer Volkswirtschaft messen. Die konkreten Komponenten würden von der Bevölkerung in kommunalen BürgerInnenbeteiligungsprozessen selbst definiert.
Über den Erfolg entscheidet, wie hoch der Beitrag zum Gemeinwohl ist
Der „Erfolg“ eines Unternehmens, sein Beitrag zum Gemeinwohl, würde analog mit einer „Gemeinwohl-Bilanz“ gemessen. Diese beantwortet die brennendsten Fragen der Gesellschaft an alle Unternehmen, z. B.: Wie sinnvoll ist das Produkt, die Dienstleistung? Wie ökologisch wird produziert, vertrieben und entsorgt? Wie human sind die Arbeitsbedingungen? Werden Frauen und Männer gleich behandelt und bezahlt? Wie werden die Erträge verteilt? Wer trifft die Entscheidungen? Wie kooperativ verhält sich das Unternehmen auf dem Markt?
Gemessen wird in Punkten, ein Unternehmen kann derzeit maximal 1000 Punkte erreichen. Das Ergebnis könnte in einer „Gemeinwohl-Ampel“ auf allen Produkten und Dienstleistungen erscheinen, um den Konsumentinnen und Konsumenten die Kaufentscheidung zu erleichtern. Je besser das Gemeinwohl-Bilanz-Ergebnis eines Unternehmens, desto mehr rechtliche Vorteile erhält es, zum Beispiel: niedrigere Steuern, Zölle, Zinsen oder Vorrang beim öffentlichen Einkauf. Mithilfe dieser marktwirtschaftlichen Anreizinstrumente werden die ethischen Produkte preisgünstiger als die unethischen. Die „Gesetze“ des Marktes würden endlich mit den Werten der Gesellschaft übereinstimmen.
Gewinn nur noch Mittel
Die Finanzbilanz bliebe erhalten, aber das Gewinnstreben könnte differenziert eingeschränkt werden: Nach wie vor verwendet werden dürfen Gewinne für soziale und ökologisch wertvolle Investitionen, Kreditrückzahlungen, begrenzte Ausschüttungen an die Mitarbeitenden oder Rückstellungen. Nicht mehr erlaubt werden hingegen: feindliche Übernahmen, Investitionen auf den Finanzmärkten, Ausschüttung an Personen, die nicht im Unternehmen mitarbeiten – mit Ausnahme der Gründern –, oder Parteispenden.
Um die Konzentration von Kapital und Macht und damit einhergehende übermäßige Ungleichheit zu verhindern, werden „negative Rückkoppelungen“ bei Einkommen, Vermögen und Unternehmensgröße eingebaut: Während der Start in das Wirtschaftsleben gefördert und harte Lebenslagen solidarisch abgefedert werden, wird mit zunehmendem Reicher-, Größer- und Mächtigerwerden das weitere Reicher- und Größerwerden immer schwieriger bis zu einer relativen Obergrenze.
Die erste Million wäre die leichteste, jede weitere immer schwerer bis zum gesetzlich festgelegten Maximum von Ungleichheit. Die Begrenzung der Ungleichheit dient der Verhinderung der Überkonzentration von ökonomischer und politischer Macht. Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich deshalb nicht nur als vollethische, sondern auch eine tatsächlich liberale Marktwirtschaft, weil sie die gleichen Rechte, Freiheiten und Chancen für alle nicht nur propagiert, sondern auch konsequent schützt.
Internationale Bewegung
Der „Gesamtprozess Gemeinwohl-Ökonomie“ startete 2010 in Wien mit einem Dutzend klein- und mittelständischer Unternehmen. Ende 2016 unterstützen 2200 Unternehmen aus 45 Staaten die Bewegung, rund 400 haben die Gemeinwohl-Bilanz freiwillig erstellt. Darunter so unterschiedliche Unternehmen wie die Sparda Bank München, der Outdoor-Ausrüster VAUDE, der Waldviertler Kräutertee-Hersteller Sonnento, die Trumer Brauerei, die FH Burgenland oder die Lebenshilfe Tirol.
Großes Interesse an der GWÖ herrscht an Schulen, Fachhochschulen und Universitäten. Die erste Bilanz-Universität ist die Universität Barcelona. Die Universität Valencia wird 2017 einen Lehrstuhl Gemeinwohl-Ökonomie einrichten. Gemeinden sind die dritte Pionier-Gruppe der Gemeinwohl-Ökonomie. Stuttgart hat beschlossen, vier Kommunalbetriebe zu bilanzieren. Sevilla hat in einen Vertrag mit dem andalusischen Förderverein verpflichtet, Gemeinwohl-Gemeinde zu werden.
Mehrere Regionen fördern die Gemeinwohl-Bilanzerstellung. Salzburg und Baden-Württemberge haben die GWÖ im Regierungsprogramm. Den bisher größten politischen Erfolg feierte die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung auf EU-Ebene. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss, ein 350-köpfiges Gremium, verfasste eine Initiativstellungnahme zur Gemeinwohl-Ökonomie: 86 Prozent der Ausschuss-Mitglieder votierten für den Einbau der Gemeinwohl-Ökonomie in den Rechtsrahmen der EU und ihrer Mitgliedstaaten.
Am Prozess der Gemeinwohl-Ökonomie kann sich jede Privatperson, jedes Unternehmen, jede Organisation und jede Gemeinde niederschwellig beteiligen. Mehrere tausend Menschen von Schweden bis Spanien, von Serbien bis Chile tun dies bereits.
www.ecogood.org
www.mitgruenden.at
www.christian-felber.at
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„80 Prozent deiner Klamotten brauchst du nicht“

Warum Bea Johnson, die Ikone der Zero-Waste-Bewegung, ein glückliches Leben führt.

Michael Rebmann, „Triodos“
Wenn Bea Johnson ihren Koffer packt, ist sie in Nullkommanichts fertig. Warum? Weil sie einfach ihren ganzen Kleiderschrank mitnimmt. 80 Prozent unserer Klamotten ziehen wir überhaupt nicht an, sagt die amerikanische Bestsellerautorin und Ikone der Zero-Waste-Bewegung. Bea Johnson hat dieses Prinzip radikal umgesetzt: Insgesamt 15 Kleidungsstücke besitzt die gebürtige Französin, die mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in den USA lebt. Doch die 15 Kleidungstücke sind so ausgewählt, dass Bea sie auf 50 unterschiedliche Arten und für alle möglichen Anlässe kombinieren kann. Mehr brauche sie nicht, sagt sie.
Der Trick mit der Garderobe ist nur einer von wenigen, der Bea und ihrer Familie hilft, so gut wie nichts wegwerfen zu müssen und fast keinen Müll zu produzieren. Der ganze Abfall, den die vier 2016 produziert haben, passt in ein Einmachglas, das Bea zu ihren zahlreichen Vorträgen in der ganzen Welt mitbringt – so auch am Dienstag im Haus am Dom in Frankfurt am Main. Bea Johnson kann lustig und lebhaft erzählen. Sie gestikuliert viel und hat einen charmanten französischen Akzent. Aber das Wichtigste ist: Sie ist überzeugend. Die Zuhörinnen und Zuhörer hängen ihr an den Lippen.
„Refuse, Reduce, Reuse, Recycle and Rot“
„Kaufen heißt wählen“, ist eine von Beas wichtigsten Botschaften, die sie ihrem Publikum nahe bringen will. Wer immer wieder verpackte Lebensmittel kauft, der zeigt der Industrie, dass Verpackungen gewünscht sind und mehr und mehr davon produziert werden. Bea war es auch, die die „magischen fünf Rs“ der Zero-Waste-Bewegung ins Spiel gebracht hat: „Refuse, Reduce, Reuse, Recycle and Rot“ („Ablehnen, Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln und Kompostieren“) – so lautet die Formel ihrer Müllvermeidung. Seit sie und ihre Familie sich seit 2008 nach und nach diese Regeln eingeführt haben, hat sich ihr Leben radikal geändert – und zwar zum Positiven, wie Bea sagt.
„Überlege, was du wirklich brauchst und sage zum Rest einfach nein“, erklärt Bea Johnson. Viele kleine Maßnahmen führten dazu den privaten Müllberg schnell schrumpfen zu lassen. So könne man Werbepost ablehnen und auf Visitenkarten verzichten. „Kerzen halten länger, wenn ihr sie in die Gefriertruhe legt“, sagt die Bloggerin und sorgt für ein Raunen im Saal. Der Trick mit den Kerzen, der Verzicht auf Visitenkarten und Werbepost reichen Bea und ihrer Familie nicht aus. Sie gehen noch viel weiter. Bea beispielsweise braucht fast keine Kosmetika mehr, nutzt biologisches Schokoladenpulver als Rouge und verkohlte Mandeln als Kajal.

Bea Johnson sieht in ihrem Lebensstil aber nicht nur einen Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht, sondern auch eine Anleitung zum Glücklichsein. Der Zero-Waste-Lifestyle schaffe Raum für die schönen, einfachen Dinge des Lebens und sei positiv für Gesundheit und Finanzen. „Wir haben fast alle giftigen Stoffe aus unserem Haushalt verbannt“, sagt Bea. Ihre Familie sei seit dem Lebenswandel viel gesünder. Außerdem bleibe am Ende des Monats deutlich mehr im Geldbeutel, durchschnittlich 40 Prozent mehr als vor 2008. Wenn Bea, ihr Mann oder ihre Söhne etwas kauften, dann schauten sie immer, ob man es Second Hand bekommen könne, erklärt sie. „Wenn ihr etwas neu kauft, dann achtet auf Marken, die eine lebenslange Garantie für ihre Produkte ausgeben“, sagt die gebürtige Französin. Sie habe selbst einen Sockenproduzenten entdeckt, bei dem dies der Fall sei. „Ist das nicht Wahnsinn?“, ruft die Frau mit den 15 Kleidungsstücken in die Runde.
Auch in Deutschland hat Bea Johnson viele Fans, die es ihr gleichtun wollen und versuchen, möglichst wenig Müll zu produzieren. In vielen Städten gibt es inzwischen Läden, die Waren ohne Verpackung anbieten. Einer davon ist der Triodos-Kunde „Original Unverpackt“ in Berlin. Hier gibt’s mehr dazu.
Originaltext
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Medienhetze gegen Systemkritik

Wenn ein prominenter Akteur den schmalen Pfad der politischen Orthodoxie verlässt, erschlagen ihn die Medien.

von Marcus Klöckner, „Rubikon“
Xavier Naidoo ist einer der erfolgreichsten Sänger Deutschlands. Allerdings hat er einen Makel: Seine politischen Äußerungen missfallen einer Medienlandschaft, die sich Pluralismus auf die Fahnen schreibt, aber politische Meinungsvielfalt nur dann gutheißt, wenn sie sich in jenem engen Korridor bewegt, in dem die vorherrschende Sicht auf die Dinge als unantastbar gilt.
Gedanken zu einem Musterbeispiel bedenklicher journalistischer Einstimmigkeit.
„Marionetten“, das ist der Titel eines neuen Liedes von Xavier Naidoo und den Söhnen Mannheims. Das Stück handelt von Abgeordneten des Bundestages, die aus Sicht Naidoos Marionetten sind – Marionetten, an den Fäden von mächtigen Personen im Hintergrund.
Was diese Äußerungen für eine Medienlandschaft bedeuten, der Herrschaftskritik allenfalls noch als eigentümliches Relikt einer längst vergangenen Zeit bekannt ist, liegt nahe: Xavier Naidoo überschreitet, so der Tenor der derzeitigen Berichterstattung, eine Grenze – eine Grenze, die nicht hätte überschritten werden dürfen.
Und so formiert sich ein Journalismus, der anstelle von Aufklärung, Dialog und sachlicher Berichterstattung zu jenen Instrumenten greift, mit denen ein maximaler Grad an publizistischer Gewalt erreicht werden kann.
Ohne kritische Distanz gebrauchen Journalisten im Zusammenhang mit Naidoo die Kampfbegriffe Verschwörungstheorie und Verschwörungstheoretiker – und damit der Leser auch ja versteht, dass zu dem „Sohn Mannheims“ Abstand zu halten ist, rückt die Qualitätspresse ihn in die rechte Ecke.
Das Sprachbild von Politikern als Marionetten, so heißt es in der Berichterstattung mit dem eindringlichen Widerhall des schweren Vorwurfs, dem man sich kaum entziehen kann, sei ein Begriff, der auch von Nazis und Fremdenfeinden in ihrer Ideologie verwendet würde.
Das stimmt.
Aber was soll diese Feststellung?
Ist die Marionette nicht eine geistesgeschichtlich tradierte Metapher, die sich an zahlreichen Stellen in der Literatur findet?
Man denke an die folgenden Zeilen des Schriftstellers Georg Büchner, die er 1834 im Hessischen Landboten veröffentlichte und die als eine starke Kritik am feudalistischen Gesellschaftssystem zu verstehen sind:
„Kommt ja ein ehrlicher Mann in einen Staatsrat, so wird er ausgestoßen. Könnte aber auch ein ehrlicher Mann…Minister sein oder bleiben, so wäre er, wie die Sachen stehn in Deutschland, nur eine Drahtpuppe, an der die fürstliche Puppe zieht und an dem fürstlichen Popanz zieht wieder ein Kammerdiener oder ein Kutscher oder seine Frau und ihr Günstling, oder sein Halbbruder – oder alle zusammen.“
Selbst Platon hat in seiner Schrift über die Gesetze die Marionetten-Metapher verwendet: „Denken wir uns jedes von uns lebenden Geschöpfen als eine Drahtpuppe in der Hand der Götter, ob nun von ihnen zum Spielzeug oder zu irgendeinem ernsten Zwecke gebildet: denn das wissen wir nicht.“
Doch darauf zu verweisen, liegt der Berichterstattung fern.
Vielmehr, so entsteht der Eindruck, scheinen besorgte Journalisten nun rasch publizistische Schützenhilfe für ein Gesetz zur sofortigen Abschaffung dieses „unheilvollen“ Begriffs leisten zu wollen – wobei bei dieser Gelegenheit sicherlich noch weitere Begriffe, Wortkombinationen, Sprachbilder und ganze Sätze mit auf den Sprachindex gesetzt werden könnten.
Sollte und müsste es nicht Ziel einer solchen Initiative sein, dass am Ende jegliche Fundamentalkritik an den herrschenden Verhältnissen bereits im Keim erstickt würde (George Orwell lässt grüßen)?
Wer einem Künstler wie Naidoo, der sich immer wieder gegen Rassismus und Fremdenhass eingesetzt hat, auf die Schnelle mal nach rechts schiebt, verhält sich wie ein Arzt, der ohne eine Anamnese durchgeführt zu haben zu einem Patienten mit Kopf- und Gliederschmerzen sagt, bei den Symptomen könnte es sich um eine schwere Erkrankung handeln, die innerhalb weniger Stunden zum Tod führt.
Wer sich mit der Berichterstattung über Naidoo auseinandersetzt, findet einen Journalismus vor, der unter dem Deckmantel der Aufklärung eine Denkweise transportiert, die dem Geist unserer liberalen Demokratie entgegensteht. Ein Journalismus kommt zum Vorschein, der von Einseitigkeit, Voreingenommenheit, von fehlender (emotionaler) Distanz zum Gegenstand der Berichterstattung geprägt ist und mit reichlich Lust an der publizistischen Macht darauf setzt, zu exkommunizieren.
Einer der Höhepunkte dieses Journalismus besteht darin, verdeckt oder offen zum Ausschluss der kritisierten Person aus der Öffentlichkeit aufzurufen („Weshalb Xavier Naidoo aber auf Vox noch Sendezeit eingeräumt wird, bleibt hingegen das Geheimnis des Senders.“).
Wer die Berichterstattung zum neuen Lied von Naidoo liest, stößt auf einen Journalismus, der die Geschichte vom unerschrockenen Streiter für Demokratie intoniert, in dem er vorgibt, durch „Haltung“ gefährliches rechtes Gedankengut bereits im Keim ersticken zu wollen.
Doch aufgepasst, das ist nur eine sehr durchsichtige Hülle.
Unter der Hülle – und das ist der schizophrene Moment bei diesem Journalismus – kommt eine Berichterstattung zum Vorschein, die Züge dessen trägt, was sie zu bekämpfen vorgibt.
In einem Land, in dem Journalisten unter Freigabe ihrer Chefredakteure mehr oder weniger offen ein Auftrittsverbot für einen Künstler fordern, der in einem seiner Lieder von Politikern als Marionetten singt, muss etwas Grundlegendes mit der Presse nicht stimmen.
Dass hier allgemein von der Presse gesprochen wird, hat seinen Grund:
Ein Blick auf die News-Suche bei Google zeigt, dass sich nahezu eine gesamte Medienlandschaft mit einer Stimme (siehe dazu die angeführten Schlagzeilen unten) gegen Naidoo erhebt. Ob Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Kölner Stadtanzeiger, um nur einige Medien zu nennen: Einigkeit besteht darin, dass die Kritik, die Naidoo in seinem Lied artikuliert, ungeheuerlich und unerträglich ist.
Und damit wird erneut genau jenes Phänomen sichtbar, gegen das viele Mediennutzer seit Jahren Sturm laufen, das aber immer wieder vonseiten führender Redakteure abgestritten wird, nämlich: Bei bestimmten gesellschaftlichen und politischen Themen ist eine Berichterstattung zu beobachten, die aus einem „Guss“ ist.
Abweichende Meinungen und Ansichten, die innerhalb dieser Medien auch prominent Platz eingeräumt bekommen, sind selten.
Doch warum reagieren so viele Journalisten auf das Lied von Naidoo auf eine Weise, als stünde der Untergang der Demokratie bevor?
Auch wenn die Frage an dieser Stelle nur oberflächlich behandelt werden kann: Ein Grund ist sicherlich die Uniformität eines journalistischen Feldes, das nach außen nicht genug von Pluralismus, von Toleranz und Vielfalt reden kann, aber in seiner inneren Verfasstheit ein Abbild politischer Konformität ist, die abweichenden Ansichten gegenüber kaum intoleranter sein könnte.
Der Umgang von Journalisten mit dem Sänger Xavier Naidoo zeigt, dass hier ein, nennen wir es: „Weltbildjournalismus“ am Werk ist, der eines der zentralen Qualitätskriterien journalistischer Arbeit, nämlich: Objektivität, ohne zu zögern zur Seite schiebt, wenn die eigenen politischen Wirklichkeitsvorstellungen irritiert werden.
Dieser Journalismus mag in einer modernen, großen Redaktion entstehen, aber wenn man ihn betrachtet, wirkt er, als käme er aus einer Miniholzkiste, in der für ein kritisches Denken kein Platz ist.
Diesem Journalismus fehlt aber nicht nur die Bereitschaft zu Objektivität, er lässt auch ein zentrales Antriebsmuster vermissen, das für diesen Beruf notwendig ist: Neugier.
Er will nicht wissen, warum, wieso, weshalb etwas passiert (womit er dann tatsächlich auch einen Wert für die Mediennutzer hätte).
Er macht sich erst gar nicht die Mühe herauszufinden, was genau die Motivation von Xavier Naidoo und den Söhnen Mannheims ist, diesen Songtext zu verfassen, indem er mit dem Künstler oder seinen Bandmitgliedern redet.
Er will nicht erfahren, verstehen, nachdenken und daraus dann eine saubere journalistische Arbeit entstehen lassen.
Dieser Journalismus will nichts anderes, als seine eigene vorgefertigte Meinung zum besten zu geben – reichlich Überzeugung anstelle von Wissen ist seine Devise.
Naidoo sagte einmal 2014 in einem Interview zu seiner Musik:
„…und irgendwann habe ich die Musik auch erkannt als Mittel, um Dampf abzulassen. Aber eben auch um mit schönen Melodien, schön gesungen, aber doch vielleicht die eine oder andere Botschaft, die aufrüttelt, da reinzupacken. Und das war immer mein Konzept. Ich liebe Balladen, ich liebe einfach ganz schöne romantische Lieder, wo es um Liebe geht, aber ich liebe es auch das gleiche Konzept anzuwenden, um dann aber eben was reinzuhauen, wo es Dir die Schuhe auszieht, wo Du tatsächlich beleidigend wirst. Das ist dann Kunst. Das muss man immer wieder sehen. Wenn ich hier Frau Merkel oder Herrn Gauck jetzt persönlich begegnen würde, würde ich…so freundlich sein, wie ich kann, aber trotzdem würden wir natürlich unsere Diskussion haben können, ich wäre niemals unfreundlich. In der Kunst brauche ich dieses Element, um Aufmerksamkeit zu bekommen und meinen Punkt zu machen, um den Leuten klar zu machen: Ok, ich habe keine Angst. Das ist auch immer wichtig, dass die Leute merken, der hat keine Angst, der ist bereit seine Meinung zu sagen, er ist bereit, seine Karriere aufs Spiel zu setzen – das denken ja immer viele – und dazu bin ich auch bereit, weil sonst habe ich keine Lust, dieses Leben so zu leben.“
Ein Journalismus, der sich objektiven Maßstäben verpflichtet fühlt und neugierig ist, würde solche Aussagen, die dem Leser auch helfen könnten, Naidoos Vorgehen einzuordnen, anführen – aber das passiert nicht.
Wir können einen Journalismus beobachten, der geradezu zur Hochform aufläuft, wenn er wittert, dass ein Akteur durch ein mediales Standgericht für vogelfrei erklärt werden darf. Während ein schlimmer Völkerrechtsbruch ihm allenfalls einen müden Blick abverlangt, fangen Tastaturen unter ihm förmlich an zu glühen, wenn es jemand wagt, sein eng gestecktes politisches Weltbild anzutasten. Politischer Nonkonformismus ist für ihn das, was für die Kirche Ketzerei ist.
Dass dieser Journalismus inhaltlich einem Offenbarungseid gleichkommt, liegt nahe.
Da redet Xavier Naidoo, der als Kind nach eigenen Angaben immerhin selbst missbraucht wurde, in seinem Song von Kinderschändern in hohen gesellschaftlichen Kreisen, aber die Betriebsblindheit dieses Journalismus führt zu einem bizarren Verhalten. Anstatt eine schlimme Realität zu erkennen, nämlich dass Kindesmissbrauch auf allen gesellschaftlichen Ebenen stattfindet, verschließt er die Augen.
Kritische Journalisten nähmen die Zeilen aus dem Song von Xavier Naidoo zum Anlass, um einmal selbst der Frage nachzugehen, was an diesen Vorwürfen, die der Sänger anspricht, eigentlich dran sein könnte.
Wie war das nochmal mit Mark Dutroux und den 27 toten Zeugen?
Wie war das nochmal mit dem Waisenheim Casa Pia in Portugal (Tagesspiegel: „Vier Jahrzehnte lang hatte Portugals feine Gesellschaft Waisenknaben aus dem staatlichen Heim „Casa Pia“ in der Hauptstadt Lissabon missbraucht. Die Behörden hatten derweil weggeschaut, obwohl es Hinweise und Hilferufe gab. Damit kam der Verdacht auf, dass höchste Kreise der Gesellschaft in den Skandal verwickelt waren. Ein Pakt des Schweigens wird vermutet, um die Täter zu decken.“)?
Wer war Jimmy Saville nochmal?
Wie laufen die Ermittlungen in Sachen Edward Hearth, immerhin ehemaliger britischer Premierminister?
Was war der Franklin Cover-up nochmal?
Was hat es nochmal mit der Geschichte um Mandy Kopp auf sich?
Zu welchen Erkenntnissen ist die BR-Redakteurin Ina Jung bei ihren Recherchen für die beiden ARD-Spielfilme zum Thema Kindesmissbrauch gekommen?
Ein ergebnisoffener Journalismus würde sich diese Fragen, wenn er schon ein Urteil über die Aussagen von Naidoo fällen möchte, stellen.
Aber Vertreter eines über jeden Zweifel erhabenen „Qualitätsjournalismus“ können sicherlich auch anders vorgehen, beispielsweise wie die Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Leonie Feuerbach. In ihrem Artikel schreibt sie davon, dass das Lied von Naidoo auf „…handfeste Verschwörungstheorien wie pädophile Politiker…“ anspiele. So einfach machen es sich Medien, die mit Nachdruck nicht sehen wollen.
Pädophile Politiker? Verschwörungstheorie. Eine Handfeste auch noch dazu. Punkt. Abgehakt.
Man hätte auch schreiben können, dass es, wie im Fall Edward Heath, nicht um eine Verschwörungstheorie geht, sondern um Ermittlungen von Behörden. Aber vielleicht wäre das zu viel Differenzierung gewesen.
Besonders negativ fällt ein Artikel auf Spiegel Online auf, der sich mit dem Songtext „Marionetten“ auseinandersetzt und durch Nichterwähnung einer zentralen Information ein schiefes Bild zeichnet.
Im Artikel von SPON-Autor Andreas Borcholte heißt es:
Natürlich hat es Nachrichtenwert, wenn ein populärer deutscher Sänger, der Millionen Platten verkauft hat und durch diverse Shows und Moderationen ein bekanntes TV-Gesicht ist, in einem Songtext Politiker als „Volks-in-die-Fresse-Treter“ bezeichnet und damit droht, sie „in Fetzen“ zu reißen. Da helfe auch „kein Verstecken hinter Paragrafen und Gesetzen“, wenn „der wütende Bauer mit der Forke“ dafür sorgt, „dass Ihr einsichtig seid“.
Folgende Stelle ist journalistisch hoch problematisch:
„…in einem Songtext Politiker als „Volks-in-die-Fresse-Treter“ bezeichnet und damit droht, sie „in Fetzen“ zu reißen.“
Wenn Naidoo in dem Song davon spricht, dass er “in Fetzen” reißen möchte, dann redet er von Kinderschändern bzw. Politiker, von denen er glaubt, dass einige Kinder missbrauchen.
Diese möchte er am liebsten “in Fetzen reißen”.
Wer hier als Journalist seinen Lesern nicht mitteilt, in welchem Kontext Naidoo diese Aussage tätigt, bedient einen Journalismus, wie er fragwürdiger kaum sein kann.
Sicherlich darf man sich über dieses gewalttätige Bild echauffieren, aber hier wird so getan, als sei das harte, das brutale Wort, ja, das Bild der Gewalt nicht schon seit langer Zeit fester Bestandteil von Liedern, die man gar nicht mehr alle aufzählen kann. Hinzu kommt: Wer auch nur ein klein wenig mitfühlt, kann sich einigermaßen vorstellen, welches unfassbare Leid Kinderschänder ihren Opfern antun. Dass hier ein Künstler sehr deutliche Worte findet, mag vielleicht nicht jedem passen, aber realistisch betrachtet darf man davon ausgehen, dass es nicht wenige Menschen in der Bevölkerung gibt, die sehr ähnlich denken, wie Naidoo.
Außerdem: Die Wut, die in den Zeilen zum Ausdruck kommt, hat sicherlich auch mit Naidoos persönlicher Erfahrung als Missbrauchsopfer zu tun.
Warum erfolgen diese Differenzierungen nicht in dem Artikel auf Spiegel Online?
Der Text wurde immerhin nicht von einem Praktikanten geschrieben, sondern von einem erfahrenen Kulturredakteur des Spiegels.
Den Journalismus, wie er derzeit im Zusammenhang mit Naidoo im Großen und Ganzen zu beobachten ist, muss man als das bezeichnen, was er ist: gefährlich. Er verrät journalistische Ideale aus ideologischen Gründen. Er misst mit zweierlei Maß, double standards sind eines seiner Hauptmerkmale.
Der bayerische Ministerpräsident sagte einmal in einer Fernsehsendung: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“ Wo war da die Empörung der Medien? Das Prinzip ist klar: Medien empören sich dann, wenn es „den Richtigen“ trifft.
Eine Presse ist zu beobachten, die sich weigert, die Realität wahrzunehmen, aber stattdessen mit einer unerträglichen Portion Ignoranz die Wirklichkeit so formt, wie es in ihre politischen Überzeugungen passt.
Man kommt nicht umhin, von einem Theater des Absurden zu sprechen, wenn sich auf diese Weise agierende Medien seit Monaten im Selbstinszenierungsmodus als „Faktenfinder“ präsentieren und das alleinige Anrecht zur legitimen Deutung von Informationen beanspruchen.
Eine Medienlandschaft, wie sie gerade agiert, hat mit zur Entwicklung eines Klimas beigetragen, in dem der öffentliche politische Diskurs oft nur noch den Durchmesser eines Strohhalms hat.
Bisweilen finden sich Artikel in den Medien, die fragen, warum die Intellektuellen schweigen und sich so wenig in gesellschaftliche Debatten einmischen.
Die Antwortet lautet: Die Furcht großer Medien vor politischen Ansichten, die ihrer Meinung entgegenstehen, ist so groß, dass sie wie von Sinnen auf jeden einprügeln, der anderer Meinung ist.
Und deshalb müssen sich diejenigen, die sich mit Meinungen in der Öffentlichkeit zu Wort melden, die den Meinungen der Wächter über den öffentlichen Diskurs entgegenstehen, auf einen brutalen Spießrutenlauf einstellen, an dessen Ende die Exkommunikation aus der öffentlichen Gemeinschaft stehen kann.
Nur wenige Intellektuelle, Künstler etc. sind bereit, diesen Kampf aufzunehmen – Naidoo ist einer von ihnen.
Hofiert werden hingegen jene Figuren des öffentlichen Lebens, die mit ihren „Einmischungen“ im öffentlichen Diskurs die vorherrschenden Ansichten des juste milieus rechtfertigen und legitimieren.
Das Absurde ist: Wir leben in einer Zeit, in der Medien voller Abscheu (zu Recht) auf das Totalitäre blicken, aber sie sind blind gegenüber dem totalitären Geist, der in ihrer eigenen Berichterstattung zum Ausdruck kommt.
Man stelle sich nur einmal vor, was wäre, wenn in der heutigen Zeit ein Xavier Naidoo in einer WDR-Talkshow auftreten und Folgendes sagen und tun würde:
„Das Fernsehen macht hier so eine scheißliberale Sendung, wir haben hier die Möglichkeit antisozialistisch zu quatschen, wir können evolutionär reden, einige dürfen revolutionär reden, [aber] was passiert objektiv? An der Unterdrückung ändert sich überhaupt nichts. Das Fernsehen ist ein Unterdrückungsinstrument in dieser Massengesellschaft. Und deswegen ist es ganz klar, wenn überhaupt noch was passieren soll, hier, muss man sich gegen den Unterdrücker stellen und man muss parteiisch sein…und deswegen mache ich jetzt hier mal diesen Tisch kaputt…[nimmt eine Axt, schlägt auf den Tisch ein, um den die Talkgäste versammelt sitzen und sagt weiter:] Scheiß Fernsehen! So, jetzt können wir weiter diskutieren.
Wie weit würde die Empörungsspirale in den Medien erst bei solch einer Aktion gehen?
So sehr Medien zu loben sind, die gegenüber rechten Umtrieben besonders empfindlich sind, so sehr eine Presse gewünscht ist, die auf dem rechten Auge doppelt und dreifach scharf sehen darf, so sehr drängt sich beim Verhalten der Medien eine Frage auf, die zu einer ziemlich unangenehmen Antwort führen kann: Wie hätten eigentlich diejenigen Journalisten, die heute so schnell die „Nazi-Keule“ schwingen, reagiert, wenn sie selbst zu der wohl dunkelsten Zeit der Menschheitsgeschichte Journalisten gewesen und von dem Unfassbaren gehört hätten?
Wenn eine gesamte Medienlandschaft unter demokratischen Rahmenbedingungen, in der die Presse prinzipiell frei agieren kann, selbst nach den ersten Berichten zum Missbrauch an der Odenwaldschule ein Jahrzehnt benötigt, um in der Breite den Skandal als solches wahrzunehmen, dann will man sich nicht ausmalen, wie der eine oder andere von denjenigen Medienschaffenden, die sich heute als Vorkämpfer gegen rechts aufspielen, gehandelt hätten, wenn sie auf die brutalen Verbrechen eines totalitären Regimes gestoßen wären.
Das Schlimme ist: Wenn Medien auf inflationäre Weise jeden, der eine „krassere“ politische Meinung vertritt als die, die im juste milieu akzepiert ist (und dazu bedarf es nun wahrlich nicht viel) als „Rechten“ diffamieren wollen, besteht die große Gefahr, dass eine Desensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit gegenüber echten rechten Vorstößen in die gesellschaftliche Mitte erfolgt.
Wer als Journalist, nur weil es ihm aus ideologischen Gründen passt, jeden zum Rechten abstempelt, bei dem sich auf Biegen und Brechen – und sei es noch so absurd – irgendwie ein Bezugspunkt nach rechts konstruieren lässt, erweist dem wichtigen Kampf gegen rechts, dem Kampf gegen Ausländerfeinde und Rassisten einen Bärendienst.
Die Vehemenz, mit der Medien gegen Naidoo vorgehen, verweist auf ein großes Problem.
Im journalistischen Feld agieren Akteure, die eine stark ausgeprägte Disposition zur Anerkennung Anerkennung des Sagbaren und des Unsagbaren haben. Die Wahrnehmung in den Medien von gesellschaftlicher und politischer Wirklichkeit basiert auf einem fest verinnerlichten Weltbild, das von einem naiven Glauben an einen pluralistischen Liberalismus erfüllt ist, innerhalb dessen kein Platz für „Systemkritik“ ist.
Über das Sprachbild, das Naidoo gebraucht, aber auch über den Inhalt, der mit ihm transportiert wird, kann man sicherlich diskutieren.
Aber ein Lied ist keine soziologische Doktorarbeit. Ein Song, der eine Botschaft loswerden will, der auf eine stark zugespitzte Art Herrschaftskritik formuliert, muss sich nicht der differenzierenden Sprache einer kritischen Machtstrukturforschung bedienen.
Aber, selbst wenn er es täte: Auch dann wäre ihm die Kritik der Medien gewiss, denn: In Teilen des journalistischen Feldes ist ein naiver Glaube an die vorherrschende Ordnung festzustellen, der es nicht erlaubt, durch den Schleier, der zwischen dem politischen Schein und Sein liegt, zu schauen.
Wenn gerade die Wächter der Demokratie jede Grundsatzkritik, die auf Schwachstellen im demokratischen Gefüge verweist, als völlig abwegig und unbegründet abtun, hat die Demokratie ein ernsthaftes Problem.
Eine Presse, die ihre Berichterstattung nicht von ihren eigenen Vorurteilen leiten ließe, hätte sich zunächst einmal über die lange Geschichte der „Marionetten-Metapher“ kundig gemacht. Sie hätte mit Historikern, Literaturwissenschaftlern, kritischen Politologen, kritischen Machtstrukturforschern und Extremismusforschern geredet. Sie würden offen und ohne gleich in den Modus des obersten Anklägers der Nation überzugehen, mit Naidoo und seiner Band reden, sie würde sich inhaltlich genauer auf die Aussagen des Liedes einlassen, recherchieren, perspektivieren, ihre Recherchen den Mediennutzern zugänglich machen, um ihnen selbst ihre Schlüsse zu dem Sänger, der vermutlich von jetzt an nur noch mit dem Adjektiv „umstritten“ in den Medien angeführt wird, überlassen.
Doch ein „Weltbildjournalismus“ vermag so nicht vorzugehen.
Auswahl an aktuellen Schlagzeilen zu Naidoo:
– Neuer Eklat um Xavier Naidoo: Wer bremst ihn? (Stuttgarter Zeitung)
– Warum Xavier Naidoos Lyrik so gefährlich ist (Stern)
– Pop und Politik – Und wieder grüßt der Rechtspopulismus (Süddeutsche Zeitung)
– Neuer Song Xavier Naidoo verankert mit Pop rechtsextremes Gedankengut im Mainstream (Kölner Stadtanzeiger)
– Mannheimer Popsänger: Neuer Ärger um Xavier Naidoo (Stuttgarter Nachrichten)
Lieber Xavier, Du bist die ärmste Marionette von allen (ZEIT Online)
– Xavier Naidoo? Näi, du! Er wandelt mal wieder auf dem (zu) rechten Weg (Watson)
– Nach massiver Kritik an neuem Song – Xavier Naidoo zeigt bei Konzert, dass er nichts verstanden hat (Huffingtonpost)
– Liebe Xavier-Naidoo-Fans, ich glaube, auch ihr habt den Verstand verloren (Huffington Post)
– Die verlorenen Söhne Mannheims (Huffington Post)
– „Hurensöhne Mannheims“: Warum man Xavier Naidoo gar nicht hart genug angehen kann (Huffington Post)
– „Eindeutig rechtsradikal“ (Mannheimer Morgen)
– Landtagspräsidentin: „Aufruf zur Selbstjustiz“ (Mannheimer Morgen)
– Xavier Naidoo ein Hassprediger? Viel Kritik für neuen Song (Kurier)
– MOPO-Kommentar Xavier Naidoo: Lieder für die braune Jukebox (Hamburger Morgenpost)
– PR-Profi Xavier Naidoo ist nicht zu helfen (Hamburger Abendblatt)
– Sänger droht Politikern mit der Mistgabel – „Spinnt Xavier Naidoo jetzt völlig?“ (tz.de)
– „Plump und hassschürend“: Naidoo weiter in der Kritik (General Anzeiger)
– Grüne wirft Xavier Naidoo Rechtspopulismus vor (Schwäbische.de)
– BILD fragte nach! Das sagen deutsche Promis zu Naidoos Hasslied (Bild.de)
– Radio Bremen storniert zwei Konzertpräsentationen (Weser Kurier)
– Xavier Naidoo provoziert mit Populismus-Pop (Badische Zeitung)
– «Steilvorlage für Extremisten aller Art» Politiker laufen Sturm gegen Hetzer (Blick.ch)
– Xavier Naidoo: Grüne Jugend fordert erneut Ausschluss von Sommerfestival (rosenheim24)
– HUK distanziert sich von Söhne-Song (Neue Presse Coburg)
– Würden Sie Xavier Naidoo immer noch fürs Blue Balls buchen? (zentralplus)
– Wirbel um „Volksverräter“-Song von Xavier Naidoo (Wochenblick)
– Neuer Song Xavier Naidoo sorgt mit fragwürdigen „Marionetten“-Text für Aufregung (Express.de)
Originaltext
Der Marionetten Songtext:
Marionetten
Wie lange noch wollt Ihr Marionetten sein
Seht Ihr nicht, Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt Ihr nicht, Ihr steht bald ganz allein
Für Eure Puppenspieler seid Ihr nur Sachverwalter

Und weil Ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten
Und weil Ihr Euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten
Denn weil Ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Müssen wir einschreiten
Und weil Ihr Euch an Unschuldigen vergeht
Müssen wir unsere Schutzschirme ausbreiten

Wie lange noch wollt Ihr Marionetten sein
…….

Aufgereiht und scheiternd wie Perlen an einer Perlenkette
Geht eine Matruschka weiter, ein Kampf um Eure Ehrenrettung
Ihr seid blind für Nylon und Fäden an Eueren Gliedern und
Hat man Euch im Bundestag, Ihr zittert wie Euere Gliedmassen
Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter
Teile Eures Volks- nennt man schon Hoch, beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn Ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass Ihr einsichtig seid
Mit dem zweiten sieht man

Wir steigen Euch auf’s Dach und verändern Radiowellen
Wenn Ihr die Tür nicht aufmacht, öffnet sich plötzlich ein Warnung durch’s Fenster
Vom Stadium zum Zentrum eine Wahrheitsbewegung
Im Name des Zetters erstrahlt die Neonreklame im Regen
Zusammen mit den Söhnen werde ich Farbe bekennen
Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheater
Ihr wandelt an Fäden wie Marionetten
Bis wir Euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylon’s trennen!
Ihr seid so langsam und träge
Es ist entsetzlich
Denkt, Ihr wisst alles besser
Und besser geht’s nicht, schätz ich
Doch wir denken für Euch mit und lieben Euch als Menschen
Als Volks-in-die-Fresse-Treter, stösst Ihr an unsere Grenzen
Und etwas namens Pizza gibt’s ja noch auf der Rechnung
Bei nährer Betrachtung steigert sich doch das Ensetzen
Und wenn ich nur einen in die Finger bekomme
Dann zerreiss ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen

Wie lange noch wollt Ihr Marionetten sein
Seht Ihr nicht, Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt Ihr nicht, Ihr steht bald ganz allein
Für Eure Puppenspieler seid Ihr nur Sachverwalter

Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Zum Aufwachen | 1 Kommentar