Wir werden Götter

Prof. Dr. Peter Kern
Was ist der Mensch?
Ein biotischer, beseelter Organismus.
Wer ist der Mensch?
Ein verwirrtes verdorbenes Mittelding zwischen Tier und Engel auf dem Wege zum Homo Deus.
So jedenfalls sieht es Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch
„Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“. München 2017.
Erst eroberte der Homo sapiens die Welt, dann habe er ihr einen Sinn gegeben, bis er schließlich die Kontrolle über sich und die Welt verloren habe.
Notwendig sei deshalb ein „Upgrade“ von den Menschen hin zu Göttern.
Harari, S.64:
„Das Upgrade von Menschen zu Göttern kann auf drei Wegen erfolgen:
durch Biotechnologie,
durch Cyborg-Technologie und
durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen.“
Es gehe darum, dass die Menschheit „für sich göttliche Schöpfungs- und Zerstörungsmacht erwirbt und den Homo sapiens zum Homo deus erhebt.“, S.69.
Dieser Weg sei nicht mehr zu stoppen, „weil niemand mehr das System versteht“. „Wir können nicht mehr auf die Bremse treten“, S.75. Und wenn es uns doch irgendwie gelingen sollte, die Verwandlung des Menschen zum Gott durch Biotechnologie, Cyberborg-Technologie und durch die Erzeugung nicht-organischer Lebewesen aufzuhalten, dann werde unsere Wirtschaft samt unserer Gesellschaft zusammenbrechen, denn die moderne Wirtschaft brauche, „um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum. Sollte das Wachstum einmal ein Ende haben, wird es sich die Wirtschaft nicht in irgendeinem Gleichgewichtszustand bequem machen; sie wird auseinanderfallen. Deshalb ermuntert der Kapitalismus uns dazu, nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit zu streben… Eine Ökonomie, die auf immerwährendem Wachstum gründet, braucht grenzenlose Projekte – wie eben das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit“, S.75.
In seinem Kultbuch Eine kurze Geschichte der Menschheit erklärte Yuval Noah Harari, wie unsere Spezies die Erde erobern konnte. In Homo Deus stößt er vor in eine noch verborgene Welt: die Zukunft. Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen – schöpferische wie zerstörerische – und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben? Wie wird es dem Homo Sapiens ergehen, wenn er einen technikverstärkten Homo Deus erschafft, der sich vom heutigen Menschen deutlicher unterscheidet als dieser vom Neandertaler? Was bleibt von uns und der modernen Religion des Humanismus, wenn wir Maschinen konstruieren, die alles besser können als wir? In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns ganz allmählich so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.
Das alles habe ich schon einmal kenntnisreicher, durchdachter, besonnener und philosophisch-anthropologisch besser fundiert  gelesen, ohne das der Autor der Machermentalität der modernen Naturwissenschaft und Technik verfallen ist:
Ken Wilber: Halbzeit der Evolution.
Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein.
Wir haben erst die Hälfte der Evolution hinter uns. „Der Einstein der Bewusstseinsforschung“ zeigt den Weg der Menschheit vom animalischen zum transpersonalen Bewusstsein der Zukunft. Gelingt es dem Menschen die Krisen der Gegenwart zu bestehen, steht ihm eine vielversprechende Entwicklung bevor, die ihn so weit über den gegenwärtigen Stand hinausführen wird, wie er heute mental über dem Affen steht
Sollten die bei Harari zusammengetragenen Fakten der Biotechnologie, Cyborg-Technologie und der Erzeugung nicht-organischer Lebewesen in der Tat für die Umgestaltung des Homo sapiens bestimmend werden, dann werden wir es nicht mit göttlicher Schöpfungsmacht, sondern mit einer durch uns verursachten Zerstörungsmacht zu tun haben, die die heutigen Krisen alt aussehen lassen.
Vgl. Michael Habecker: Halbzeit der Evolution, Zusammenfassung.
Yuval Noah Harari
Ken Wilber
Originaltext
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Sind diejenigen, die die Demokratie exportieren wollen, selbst Demokraten?

Die Lügen hinter dem Krieg des Westens gegen Libyen

Jean-Paul Pougala, „antikrieg
Professor Jean-Paul Pougala hat den folgenden Artikel vor sechs Jahren verfasst. Wer einen Durchblick bekommen will, was in Afrika läuft oder auch nicht und warum, der sollte sich damit eingehend beschäftigen.
Die Afrikaner sollten an die wirklichen Gründe denken, aus denen Länder des Westens Krieg gegen Libyen führen, schreibt Jean-Paul Pougala in einer Analyse, die die Rolle dieses Landes bei der Formung der Afrikanischen Union und der Entwicklung des Kontinents aufzeigt.
Es war Gaddafis Libyen, das ganz Afrika seine erste Revolution in modernen Zeiten bescherte – die Vernetzung des gesamten Kontinents durch Telefon, Fernsehen, Rundfunk und verschiedene weitere technische Anwendungen wie etwa Telemedizin und Fernunterricht. Dank der WMAX-Plattform wurde über den ganzen Kontinent hinweg eine kostengünstige Verbindung möglich, die auch die ländlichen Gebiete einschloss.
Es begann 1992, als 45 afrikanische Länder RASCOM (Regional African Satellite Communication Organization – Organisation für die regionale afrikanische Satellitenkommunikation) gründeten, damit Afrika seinen eigenen Satelliten bekommen und die Kosten für die Kommunikation auf dem Kontinent gesenkt werden konnten. Das geschah in einer Zeit, in der Telefonate von und nach Afrika die teuersten der Welt waren aufgrund der jährlichen Kosten von US$ 500 Millionen, die Europa für die Benutzung seiner Satelliten wie z.B. Intelsat für Telefongspräche, einschließlich der Telefonate innerhalb des selben Landes, einsteckte.
Ein afrikanischer Satellit hätte eine einmalige Zahlung von US$ 400 Millionen erfordert, und dem Kontinent wären dadurch die US$ 500 Millionen Mietkosten pro Jahr erspart geblieben. Welcher Banker würde nicht ein derartiges Projekt finanzieren? Aber das Problem war weiterhin da – wie können Sklaven, die sich aus der Ausbeutung ihrer Herren befreien wollen, die Hilfe der Herren bei der Erreichung dieser Freiheit bekommen? Es überrascht nicht, dass die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa 14 Jahre lang nur vage Versprechungen abgaben. Gaddafi bereitete diesen nutzlosen Bitten an die westlichen „Wohltäter“ mit ihren exorbitanten Zinssätzen ein Ende. Der libysche Lenker legte US$ 300 Millionen auf den Tisch, die Afrikanische Entwicklungsbank legte US$ 50 dazu und die Westafrikanische Entwicklungsbank weitere US$ 27 Millionen – und so bekam Afrika am 26. Dezember 2007 seinen ersten Kommunikationssatelliten.
China und Russland zogen nach, brachten ihre Technologie ein und halfen, Satelliten für Südafrika, Nigeria, Angola, Algerien zu starten, ein zweiter afrikanischer Satellit wurde im Juli 2010 ins All gebracht. Der erste zur Gänze eigenständig und auf afrikanischem Boden gebaute Satellit ist für 2020 vorgesehen. Dieser Satellit soll mit den besten der Welt konkurrieren können, aber zu einem Zehntel der Kosten – eine wirkliche Herausforderung.
So hat also eine symbolische Geste von nur US$ 300 Millionen das Leben eines ganzen Kontinentes geändert. Gaddafis Libyen kostete den Westen nicht nur die US$ 500 im Jahr, sondern Milliarden von Dollars an Schulden und Zinsen, die der ursprüngliche Kredit für die kommenden Jahre generiert hätte, mit exponentiellen Steigerungen, und dazu beigetragen hätte, das verborgene System zur Ausplünderung des Kontinentes aufrecht zu erhalten.
Afrikanischer Währungsfonds, Afrikanische Zentralbank, Afrikanische Investmentbank
Die von Herrn Obama eingefrorenen US$ 30 Milliarden gehören der libyschen Zentralbank und waren vorgesehen als der libysche Beitrag zu drei Schlüsselprojekten, die die Bildung der afrikanischen Föderation vervollkommnen sollten – die Afrikanische Investmentbank in Syrte in Libyen, die Einrichtung des Afrikanischen Währungsfonds 2011 in Yaounde mit einem Kapital von US$ 42 Milliarden und der Afrikanischen Zentralbank in Abuja in Nigeria, die, wenn sie mit der Herausgabe von afrikanischem Geld beginnt, die Sterbeglocke für den CFA-Franc läuten wird, durch den Paris in der Lage war, seinen Zugriff auf einige afrikanische Länder in den letzten 50 Jahren zu behalten. Es ist leicht, die Wut Frankreichs gegen Gaddafi zu begreifen.
Vom Afrikanischen Währungsfonds wird erwartet, dass er die Aktivitäten des Internationalen Währungsfonds in Afrika zur Gänze ersetzt, der mit nur US$ 25 Milliarden in der Lage war, einen ganzen Kontinent auf die Knie zu bringen und ihn zu zwingen, fragwürdige Privatisierungen zu schlucken und afrikanische Länder zu zwingen, öffentliche Einrichtungen an private Monopole zu übertragen. Kein Wunder, dass am 16./17. Dezember 2010 die Afrikaner einhellig Versuche von Ländern des Westens zurückwiesen, Mitglieder beim Afrikanischen Währungsfonds zu werden und sagten, dieser stehe nur afrikanischen Ländern offen.
Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die westliche Koalition nach Libyen gegen Algerien losgehen wird, da dieses Land abgesehen von seinen großen Energieressourcen über Geldreserven von rund € 150 Milliarden verfügt. Das ist es, was die Länder lockt, die Libyen bombardieren, und die allesamt eines gemeinsam haben – sie sind praktisch pleite. Die Vereinigten Staaten von Amerika allein haben Schulden in der atemberaubenden Höhe von US$ 14.000 Milliarden, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien haben je rund US$ 2.000 Milliarden Budgetdefizit, im Vergleich zu weniger als US$ 400 Milliarden an öffentlichen Schulden aller 46 afrikanischen Staaten zusammen genommen.
Die Entfachung unberechtigter Kriege in Afrika in der Hoffnung, dadurch ihre Wirtschaften zu revitalisieren, die immer weiter in die Flaute sinken, wird letztlich den Niedergang des Westens beschleunigen, der eigentlich schon 1884 während der berüchtigten Berliner Konferenz begann. Der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith sagte: „die Wirtschaft eines Landes, die auf der Versklavung von Schwarzen beruht, ist zum Absturz in die Hölle an dem Tag bestimmt, an dem alle anderen Länder aufwachen.“
Regionale Einheiten als Hindernis für die Schaffung von Vereinigten Staaten von Afrika
Um die Afrikanische Union, die bereits Vereinigten Staaten von Afrika (für den Westen) gefährlich nahe gekommen war unter der lenkenden Hand Gaddafis, zu destabilisieren und zu zerstören, versuchte die Europäische Union zuerst, ohne Erfolg, die Mittelmeer-Union (UPM) zu schaffen. Nordafrika musste irgendwie vom Rest Afrikas abgeschnitten werden, ausgehend von den alten ausgelutschten rassistischen Klischees, welche behaupten, dass die Afrikaner arabischer Abstammung entwickelter und zivilisierter sind als der Rest des Kontinents. Das ging schief, weil Gaddafi sich weigerte mitzumachen. Er verstand bald, was für ein Spiel gespielt wurde, nachdem nur eine Handvoll afrikanische Länder eingeladen wurde, der Mittelmeer-Union beizutreten, ohne dass die Afrikanische Union informiert, aber alle 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union eingeladen wurden.
Ohne die treibende Kraft hinter der Afrikanischen Föderation ging die UPM baden, noch ehe sie beginnen konnte, obwohl bereits ausgestattet mit Sarkozy als Präsident und Mubarak als Vizepräsident. Der französische Außenminister Alain Juppe versucht jetzt, die Idee noch einmal auf die Füße zu bringen, zweifelsohne rechnet er dabei mit dem Sturz Gaddafis. Die afrikanischen Führer können nicht verstehen, dass, solange die Europäische Union weiterhin die Afrikanische Union finanziert, der Status Quo der gleiche bleiben wird, da es so keine wirkliche Unabhängigkeit gibt. Das ist es, warum die Europäische Union die Bildung regionaler Gruppierungen in Afrika ermutigt und finanziert hat.
Es liegt auf der Hand, dass die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS), die eine Botschaft in Brüssel unterhält und hinsichtlich des größten Teils ihrer Finanzierung von der Europäischen Union abhängig ist, ein lautstarker Gegner der Afrikanischen Föderation ist. Lincoln führte den Sezessionskrieg in den Vereinigten Staaten von Amerika, weil es die Hauptgruppe schwächt, wenn eine Gruppe von Ländern sich zu einer regionalen politischen Organisation zusammentut. Das ist es, was die Europäer haben wollen, wobei die Afrikaner nie den Plan des Spiels verstanden haben, einen Schwall von regionalen Gruppierungen zu schaffen, COMESA, UDEAC, SADC, und den Großmaghreb, der nie das Tageslicht erblickte, dank Gaddafi, der verstand, was da betrieben wurde.
Gaddafi, der Afrikaner, der den Kontinent von der Demütigung der Apartheid säuberte
Für die meisten Afrikaner ist Gaddafi ein großzügiger Mann, ein Humanist, bekannt für seine selbstlose Unterstützung des Kampfes gegen das rassistische Regime in Südafrika. Wäre er ein Egoist gewesen, hätte er nicht den Zorn des Westens riskiert, als er dem ANC sowohl militärisch als auch finanziell im Kampf gegen die Apartheid half. Das ist auch der Grund, warum sich Mandela kurz nach seiner Entlassung nach 27 Jahren im Gefängnis entschloss, das UNO-Embargo zu brechen und am 23. Oktober 1997 nach Libyen zu reisen. Fünf lange Jahre lang durfte wegen des Embargos kein Flugzeug in Libyen landen. Man musste den Flug in die tunesische Stadt Jerba nehmen und benötigte fünf Stunden, um Ben Gardane zu erreichen, wo man die Grenze überschritt und auf einer Wüstenstraße weitere drei Stunden unterwegs war, bis man Tripoli erreichte. Die andere Möglichkeit war, über Malta zu reisen und eine Nachtfähre auf schlecht gewarteten Schiffen zur libyschen Küste zu nehmen. Eine höllische Reise für ein ganzes Volk, einfach nur um einen Mann zu bestrafen.
Mandela legte seine Worte nicht auf die Goldwaage, als der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Bill Clinton sagte, der Besuch sei „nicht willkommen” – „Kein Land kann beanspruchen, der Polizist der Welt zu sein, und kein Staat kann einem anderen befehlen, was er tun soll.” Und weiter – „Diejenigen, die gestern die Freunde unserer Feinde waren, und die Frechheit haben, mir heute zu sagen, ich solle meinen Bruder Gaddafi nicht besuchen, diejenigen raten uns, undankbar zu sein und unsere alten Freunde zu vergessen.“
In der Tat betrachtete der Westen noch immer die südafrikanischen Rassisten als seine Brüder, die beschützt werden müssen. Aus diesem Grund wurden die Mitglieder des ANC, darunter Nelson Mandela, als gefährliche Terroristen angesehen. Erst am 2. Juli 2008 verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika ein Gesetz, um den Namen Nelson Mandelas und seiner ANC-Genossen von seiner Schwarzen Liste zu tilgen, aber nicht, weil er draufkam, wie dumm diese Liste war, sondern zum 90. Geburtstag Mandelas. Wenn der Westen wirklich seine ehemalige Unterstützung der Feinde Mandelas bereut und es ehrlich meint, wenn Straßen und Plätze nach ihm benannt werden, wie kann er dann weiter Krieg führen gegen einen, der Mandela und seinem Volk dazu verhalf, den Sieg zu erringen, nämlich Muammar Gaddafi?
Sind diejenigen, die Demokratie exportieren wollen, selbst Demokraten?
Und was, wenn Gaddafis Libyen demokratischer wäre als die VereinigtenStaaten von Amerika, Frankreich, das Vereinigte Königreich und andere Staaten, die Krieg führen, um Demokratie nach Libyen zu exportieren? Am 19. März 2011 begann Präsident George Bush mit der Bombardierung des Irak unter dem Vorwand, Demokratie zu bringen. Am 19. März 2011, genau acht Jahre danach, war der französische Präsident an der Reihe, Bomben auf Libyen zu werfen, einmal mehr behauptend, das geschähe, um Demokratie zu bringen. Der Friedensnobelpreisträger und Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Obama sagt, der Abschuss von Cruise Missiles von Unterseebooten diene dem Sturz des Diktators und der Einführung von Demokratie.
Die Frage, die jeder stellen wird, der auch nur mit minimaler Intelligenz ausgestattet ist, ist die folgende: Sind Staaten wie Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten von Amerika, Italien, Norwegen, Dänemark, Polen, die für sich das Recht beanspruchen, aufgrund ihres selbsterklärten demokratischen Status Libyen zu bombardieren, wirklich demokratisch? Falls ja, sind sie demokratischer als Gaddafis Libyen? Die Antwort ist ein deutliches NEIN, schon aus dem klaren und einfachen Grund, dass es keine Demokratie gibt. Das ist keine private Meinung, sondern stammt von einem, dessen Geburtsstadt Genf den Großteil der UNO-Einrichtungen beherbergt. Das Zitat stammt von Jean Jaques Rousseau, 1712 in Genf geboren, der in Kapitel vier des dritten Teils des berühmten „Vom Gesellschaftsvertrag” schreibt, dass „es nie eine wirkliche Demokratie gegeben hat und es nie eine geben wird.”
Rousseau legt die folgenden vier Bedingungen fest, die ein Land erfüllen muss, um als Demokratie bezeichnet zu werden, und nach denen Gaddafis Libyen viel demokratischer ist als die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich und die anderen, die behaupten, dass sie Demokratie exportieren:
1. Der Staat: je größer ein Land ist, desto weniger demokratisch kann es sein. Nach Rousseau muss der Staat so extrem klein sein, dass die Menschen zusammenkommen können und sich gegenseitig kennenlernen. Bevor die Menschen die Stimmen abgeben, muss sicher gestellt sein, dass jeder jeden kennt, andernfalls wird Wählen zu einem Akt ohne jegliche demokratische Grundlage, ein Scheinbild der Demokratie, um einen Diktator zu wählen.
Der libysche Staat beruht auf einem System von verbündeten Stämmen, die per definitionem Menschen in kleinen Einheiten zusammenfassen. Der demokratische Geist lebt viel eher in einem Stamm, in einem Dorf, als in einem großen Land, einfach schon deshalb, weil die Menschen sich gegenseitig kennen und einen gemeinsamen Lebensrhytmus teilen, der eine Art Selbstregulierung oder sogar Selbstzensur insofern mit sich bringt, als die Reaktionen und Gegenreaktionen der Gruppenmitglieder sich auf die gesamte Gruppe auswirken.
Aus dieser Perspektive sieht es so aus, dass Libyen Rousseaus Bedingungen besser entspricht als die Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich und das Vereinigte Königreich, alles hoch urbanisierte Gesellschaften, wo die meisten Nachbarn sich nicht einmal grüßen und auch nichts von einander wissen, auch wenn sie zwanzig Jahre lang Seite an Seite gelebt haben. Diese Länder sprangen in einem Bocksprung in die nächste Stufe – „die Stimme“ – die klugerweise geheiligt wurde, um die Tatsache zu verschleiern, dass für die Zukunft des Landes zu stimmen nutzlos ist, wenn der Wähler die anderen Bürger nicht kennt. Das wurde bis in so lächerliche Bereiche ausgedehnt wie das Wahlrecht für Leute, die im Ausland leben. Kommunikation miteinander und untereinander ist eine Voraussetzung für jede demokratische Diskussion vor einer Wahl.
2. Einfachheit von Sitten und Verhaltensmustern ist ebenfalls wesentlich, wenn man nicht den Großteil der Zeit für die Diskussion gesetzlicher und gerichtlicher Vorgangsweisen verwenden will, um mit der Vielfalt von Interessenskonflikten umzugehen, die in einer großen und komplexen Gesellschaft unvermeidlich sind. Die Länder des Westens definieren sich als zivilisierte Nationen mit einer komplexeren sozialen Struktur, während Libyen beschrieben wird als primitives Land mit einem einfachen Regelsystem. Dieser Aspekt weist ebenfalls darauf hin, dass Libyen besser Rousseaus Kriterien für Demokratie entspricht als all diejenigen, die versuchen, sich als Schulmeister in Sachen Demokratie aufzuspielen. Konflikte in komplexen Gesellschaften werden meistens von den Mächtigeren gewonnen, die Reichen schaffen es, das Gefängnis zu vermeiden, weil sie Spitzenanwälte beschäftigen und die staatliche Repression so gestalten, dass diese sich gegen den richtet, der Bananen in einem Supermarkt gestohlen hat, und nicht gegen einen Finanzverbrecher, der eine Bank ruiniert hat. In der Stadt New York zum Beispiel, wo 75% der Einwohner Weiße sind, werden 80% der Managementposten von Weißen bekleidet, der Anteil von Weißen an den Insassen der Gefängnisse beträgt hingegen nur 20%.
3. Gleichheit in Status und Reichtum: Ein Blick in die Forbesliste 2010 zeigt, wer die reichsten Leute in den Ländern sind, die zur Zeit Libyen bombardieren, weiters den Unterschied zwischen diesen und denjenigen, die die niedrigsten Einkommen in diesen Ländern haben; eine gleiche Untersuchung über Libyen wird enthüllen, dass in Bezug auf die Verteilung des Reichtums von Libyen viel mehr gelernt werden kann als von denen, die es jetzt bekämpfen, und nicht umgekehrt. Auch hier ist nach den Kriterien Rousseaus Libyen demokratischer als die Länder, die großkotzig vorgeben, Demokratie zu bringen. In den Vereinigten Staaten von Amerika besitzen fünf Prozent der Bevölkerung 60 % des nationalen Reichtums, was diese zur ungleichsten und am wenigsten ausgeglichenen Gesellschaft auf der Erde macht.
4. Keine Luxusgüter: nach Rousseau kann es keinen Luxus geben, wenn es Demokratie geben soll. Luxus, so sagt er, macht Reichtum zu einer Notwendigkeit, die dann selbst zu einer Tugend wird, indem dieser, und nicht das Wohlergehen des Volkes, zum Ziel wird, das um jeden Preis erreicht werden muss. „Luxus korrumpiert beide, die Reichen wie die Armen, die einen durch Besitz und die anderen durch Neid, er weicht die Nation auf und gibt sie der Eitelkeit preis, er bringt die Menschen in eine Distanz zum Staat und versklavt sie, indem er sie zum Sklaven der Meinung macht.“
Gibt es in Frankreich mehr Luxus als in Libyen? Die Berichte über Angestellte, die Selbstmord begehen aufgrund aufreibender Arbeitsbedingungen sogar in öffentlichen oder halböffentlichen Firmen, alles im Namen der Profitmaximierung für eine Minderheit, um diese im Luxus zu halten, gibt es im Westen, nicht in Libyen.
Der amerikanische Soziologe C. Wright Mills schrieb 1956, die amerikanische Demokratie sei eine „Diktatur der Elite.” Laut Mills sind die Vereinigten Staaten von Amerika keine Demokratie, weil es das Geld ist, das während den Wahlen spricht, und nicht die Menschen. Nach Bush senior und Bush junior reden sie schon von einem jüngeren Bush für die republikanischen Vorwahlen 2012. Darüber hinaus, wie Max Weber ausführte, ist die politische Macht auf die Bürokratie angewiesen, und verfügen die Vereinigten Staaten von Amerika über 43 Millionen Bürokraten und Militärpersonal, die effektiv das Land beherrschen, aber ohne gewählt zu sein, und ohne den Leuten gegenüber für ihre Handlungen verantwortlich zu sein. Eine Person (eine reiche) wird gewählt, aber die wirkliche Macht liegt bei der Kaste der Reichen, die dann zu Botschaftern, Generälen etc. gemacht werden.
Wieviele Leute in diesen selbsternannten Demokratien wissen, dass die Verfassung Perus verbietet, dass der Präsident nach der Amtszeit neuerlich zur Wahl antritt? Wieviele wissen, dass in Guatemala der Präsident nach seiner Amtszeit nicht nur nicht wieder gewählt werden darf, sondern auch niemand aus dessen Familie? Oder dass Ruanda das einzige Land der Welt ist, in dem Frauen 56 % der Parlamentsabgeordneten stellen? Wieviele Menschen wissen, dass im CIA-Weltindex 2007 vier der am besten regierten Länder in Afrika liegen? Dass der Spitzenpreis an Äquatorialguinea geht, dessen Staatsschulden nur 1,14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen?
Rousseau bleibt dabei, dass Bürgerkriege, Aufstände und Rebellionen zum Beginn der Demokratie dazugehören. Weil nämlich Demokratie kein Endstadium ist, sondern ein ständiger Prozess der neuerlichen Bekräftigung der natürlichen Rechte der Menschen, auf denen in allen Staaten der Erde (ohne Ausnahme) von einer Handvoll von Männern und Frauen herumgetrampelt wird, die die Macht den Menschen entrissen haben, um ihre eigene Vorherrschaft zu perpetuieren. Hier und dort gibt es Gruppen von Leuten, die den Begriff „Demokratie“ für sich vereinnahmt haben – anstatt ein Ideal zu sein, das man anstrebt, wurde er zu einem Aufkleber oder zu einem Slogan, der von Leuten benutzt wird, die lauter schreien können als andere. Wenn ein Land ruhig ist, wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten von Amerika, wenn es dort keine Rebellionen gibt, dann bedeutet das nur, vom Standpunkt Rousseaus aus gesehen, dass das diktatorische System repressiv genug ist, um jede Rebellion zu verhindern.
Es wäre nicht schlimm, wenn die Libyer revoltieren. Schlecht ist es, daran festzuhalten, dass Menschen stur ein System akzeptieren, das sie auf der ganzen Welt unterdrückt, ohne darauf zu reagieren. Und Rousseau schließt: „Malo periculosam libertatem quam quietum servitium – wenn Götter Menschen wären, würden sie sich selbst demokratisch regieren. Eine derart vollkommene Regierung ist nicht anwendbar auf Menschen.“ Die Behauptung, dass es ein Vorteil für die Libyer ist, wenn man sie umbringt, schlägt alles.
Welche Lehren für Afrika?
Nach 500 Jahren einer durch und durch ungleichen Beziehung zum Westen ist klar, dass wir nicht die gleichen Kriterien haben, was gut ist und was schlecht. Wir haben zutiefst auseinandergehende Interessen. Wie kann jemand die „Ja“-Stimmen von drei südlich der Sahara gelegenen Länder (Nigeria, Südafrika und Gabun) für die Resolution 1973 nicht verurteilen, die der neuesten Form des Kolonialismus unter dem Titel “der Schutz der Zivilbevölkerung” den Weg bereiteten, die die rassistischen Theorien bestätigen, die den Europäern seit dem 18. Jahrhundert aufs Auge gedrückt wurden und denen zufolge Nordafrika nichts zu tun hat mit dem Afrika südlich der Sahara und Nordafrika entwickelter und zivilisierter ist als der Rest Afrikas?
Es ist, als gehörten Tunesien, Ägypten, Libyen und Algerien nicht zu Afrika. Sogar die Vereinten Nationen scheinen die Rolle der Afrikanischen Union in den Angelegenheiten von Mitgliedsstaaten zu ignorieren. Das zielt darauf ab, die afrikanischen Länder südlich der Sahara besser zu isolieren und zu kontrollieren. Tatsächlich tragen Algerien (US$ 16 Milliarden) und Libyen (US$ 10 Milliarden) gemeinsam 62 Prozent zu den US$ 42 Milliarden bei, die das Kapital des Afrikanischen Währungsfonds (AMF) bilden. Das größte und bevölkerungsreichste Land im südlich der Sahara gelegenen Afrika, Nigeria, gefolgt von Südafrika, liegen mit je nur US$ 3 Milliarden weit dahinter.
Es ist bestürzend, um es milde auszudrücken, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen Krieg gegen ein Volk erklärt worden ist, ohne dass auch nur im leisesten die Möglichkeit einer friedlichen Lösung der Krise erkundet worden ist. Gehört Afrika wirklich noch zu dieser Organisation? Nigeria und Südafrika sind bereit, für alles zu stimmen, was der Westen verlangt, weil sie so naiv sind und den vagen Versprechungen glauben, dass sie einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat mit ähnlichen Vetorechten bekommen werden. Beide vergessen, dass Frankreich nicht über die Macht verfügt, auch nur irgend etwas anzubieten. Hätte es diese, hätte Mitterand diesen Wunsch schon lange für Helmut Kohls Deutschlands erfüllt.
Eine Reform der Vereinten Nationen steht nicht auf der Tagesordnung. Der einzige Weg, etwas zu erreichen, besteht darin, die chinesische Methode einzusetzen – alle 50 afrikanischen Länder sollten aus den Vereinten Nationen austreten und nur zurückkehren, wenn ihre seit langem bestehende Forderung erfüllt wird, nämlich ein Sitz für die gesamte Afrikanische Föderation. Diese gewaltfreie Methode ist die einzige Waffe, die rechtmäßig den Armen und Schwachen zusteht, die wir sind. Wir sollten einfach aus den Vereinten Nationen austreten, weil diese Organisation schon aufgrund ihrer Struktur und Hierarchie den Mächtigsten zur Verfügung steht.
Wir sollten aus den Vereinten Nationen austreten, um unsere Zurückweisung einer Weltanschauung zu dokumentieren, die auf der Vernichtung der Schwächeren beruht. Sie können weitermachen wie zuvor, aber wir werden uns nicht daran beteiligen und sagen, dass wir dafür sind, ohne nach unserer Meinung gefragt worden zu sein. Und sogar als wir unseren Standpunkt bekannt gaben, wie am Samstag 19. März in Nouakchott, als wir gegen die militärische Vorgangsweise waren, wurde unsere Meinung einfach ignoriert und die Bomben begannen auf die afrikanischen Menschen zu fallen.
Die heutigen Ereignisse erinnern daran, was mit China in der Vergangenheit geschah. Heute anerkennt man die Regierung Outtara, die Rebellenregierung in Libyen, wie man es zu Ende des Zweiten Weltkrieges mit China machte. Die so genannte internationale Gemeinschaft bestimmte Taiwan zur alleinigen Vertretung des chinesischen Volkes anstatt Mao Tsetungs China. Es dauerte 26 Jahre, bis am 25. Oktober 1971 die UNO die Resolution 2758 beschloss, welche alle Afrikaner lesen sollten, um dieser Narretei ein Ende zu bereiten. China wurde aufgenommen, und zwar zu seinen Bedingungen – es weigerte sich, Mitglied zu werden, wenn es kein Vetorecht hatte. Nachdem die Forderung erfüllt war und die Resolution eingebracht, dauerte es noch ein Jahr, bis der chinesische Außenminister in einem Schreiben an den UN-Generalsekretär am 29. September 1972 darauf reagierte, in einem Brief, der weder Zustimmung noch Dank enthielt, sondern die Garantien einforderte, die China für die Respektierung seiner Würde verlangte.
Was hofft Afrika von den Vereinten Nationen zu erreichen, ohne mit harten Bandagen zu kämpfen? Wir sahen, wie in Elfenbeinküste ein UNO-Bürokrat sich selbst als über der Verfassung des Landes stehend betrachtet. Wir traten dieser Organisation bei, indem wir zustimmten, Sklaven zu sein, und zu glauben, dass wir zum Mahl am gleichen Tisch und zum Essen von den Tellern eingeladen werden, die wir selbst gewaschen haben, ist nicht nur leichtgläubig, sondern dumm.
Nachdem die Afrikanische Union Outtaras Sieg bestätigte und widersprechende Berichte ihrer eigenen Wahlbeobachter niederbügelte, einfach um unseren früheren Herren zu gefallen, wie können wir da erwarten, respektiert zu werden? Wenn der südafrikanische Präsident Zuma erklärt, dass Outtara die Wahlen nicht gewonnen hat und dann bei einem Aufenthalt in Paris das genaue Gegenteil sagt, ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit dieser Anführer berechtigt, die behaupten, eine Milliarde Afrikaner zu vertreten und für diese zu sprechen.
Afrikas Stärke und wahre Freiheit wird sich nur entfalten, wenn es gut durchdachte Handlungen setzt und die Konsequenzen im Auge behält. Würde und Respekt kommen mit einem Preisschild. Sind wir bereit, den Preis zu bezahlen? Sonst ist unser Platz in der Küche und in den Toiletten, um anderen das Leben angenehm zu machen.
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Ansprache von Papst Franziskus an der Al-Azhar-Universität

von Papst Franziskus
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]
Es ist ein großes Geschenk, heute hier zu sein und an diesem Ort zu Beginn meines Besuchs in Ägypten mich im Rahmen dieser Internationalen Friedenskonferenz an Sie zu wenden. Ich danke meinem Bruder, dem Großimam für die Planung und Organisation der Konferenz wie auch für die freundliche Einladung. Ich möchte Ihnen gerne einige Gedanken darlegen, die ich aus der ruhmreichen Geschichte dieses Landes schöpfe, das über die Jahrhunderte in der Welt als Land der Kultur und Land der Bündnisse in Erscheinung getreten ist.
Land der Kultur. Seit der Antike war die an den Ufern des Nils entstandene Kultur ein Synonym für Zivilisation: In Ägypten erreichte das Licht des Wissens einen hohen Stand und ließ ein unschätzbares kulturelles Erbe entstehen, das in Weisheit und Geist, mathematischen und astronomischen Errungenschaften sowie bewundernswerten Formen der Architektur und der bildenden Kunst bestand. Mit der Wissenssuche und dem Stellenwert der Bildung trafen die antiken Bewohner dieses Landes Entscheidungen, die sich für die weitere Entwicklung als fruchtbar erwiesen. Solche Entscheidungen sind auch für die Zukunft notwendig, Entscheidungen des Friedens und für den Frieden, weil es ohne eine angemessene Bildung der jungen Generationen keinen Frieden geben wird. Und es wird keine angemessene Bildung für die jungen Menschen von heute geben, wenn das Bildungsangebot nicht der Natur des Menschen als offenes und relationales Wesen entspricht.
Tatsächlich wird Bildung zur Lebensweisheit, wenn sie fähig ist, aus dem Menschen – der mit dem ihn transzendierenden Sein wie auch mit seiner Umgebung in Verbindung steht – sein Bestes herauszuholen und dabei Persönlichkeiten zu formen, die nicht auf sich selbst bezogen sind. Die Weisheit sucht den anderen und überwindet die Versuchung, sich zu versteifen oder zu verschließen; offen und in Bewegung, demütig und zugleich forschend, kann sie die Vergangenheit wertschätzen und diese mit der Gegenwart in Dialog setzen, ohne auf eine entsprechende Hermeneutik zu verzichten. Diese Weisheit bereitet eine Zukunft vor, in der man nicht danach strebt, dass die eigene Seite vorherrscht, sondern dass der andere als integrierender Bestandteil von sich gesehen wird; in der Gegenwart wird sie nicht müde, Gelegenheiten für Begegnung und Austausch ausfindig zu machen; von der Vergangenheit lernt sie, dass aus Bösem nur Böses und aus Gewalt nur Gewalt hervorgeht in einer Spirale, aus der es am Ende kein Entrinnen gibt. Während sie die Gier nach missbräuchlicher Macht ablehnt, stellt diese Weisheit die Würde des Menschen, der in Gottes Augen wertvoll ist, und eine des Menschen würdige Ethik in den Mittelpunkt. Dabei weist sie die Angst vor dem anderen und die Furcht vor der Erkenntnis durch die Mittel, mit denen der Schöpfer sie ausgestattet hat, zurück. [1]
Gerade im Bereich des Dialogs, vor allem des interreligiösen Dialogs, sind wir immer aufgerufen, gemeinsam zu gehen in der Überzeugung, dass die Zukunft aller auch von der Begegnung der Religionen und Kulturen abhängig ist. In diesem Sinn gibt uns die Arbeit des Gemischten Komitees für den Dialog zwischen dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Komitee von Al-Azhar für den Dialog ein konkretes und ermutigendes Beispiel. Drei grundlegende Ausrichtungen können, wenn sie gut miteinander verbunden werden, für den Dialog hilfreich sein: die Verpflichtung zur Wahrung der Identität, der Mut zur Andersheit und die Aufrichtigkeit der Absichten. Verpflichtung zur Wahrung der Identität, weil ein echter Dialog nicht auf der Basis von Zweideutigkeiten oder der Preisgabe des Guten geführt werden kann, um dem anderen zu gefallen; Mut zur Andersheit, weil derjenige, der sich – kulturell oder religiös – von mir unterscheidet, nicht als Feind angesehen und behandelt werden darf, sondern als Weggefährte aufgenommen werden soll in der echten Überzeugung, dass das Wohl eines jeden im Wohl aller besteht; die Aufrichtigkeit der Absichten, weil der Dialog als authentischer Ausdruck des Humanen nicht eine Strategie ist, um Hintergedanken zu verwirklichen, sondern ein Weg der Wahrheit, und diesen geduldig zu gehen lohnt sich, um Konkurrenz in Zusammenarbeit zu verwandeln.
Die Erziehung zur respektvollen Offenheit und zum aufrichtigen Dialog mit dem anderen in Anerkennung seiner Rechte und grundlegenden Freiheiten, vor allem der Religionsfreiheit, stellt den besten Weg dar, um gemeinsam die Zukunft aufzubauen und um Förderer von Kultur zu sein. Denn die einzige Alternative zur Kultur der Begegnung ist die Unkultur des Streits. Da gibt es keine andere. Und um der Barbarei derer, die Hass schüren und zur Gewalt aufhetzen, wirklich entgegenzutreten, ist es erforderlich, Generationen zu begleiten und heranreifen zu lassen, die auf die brandstiftende Logik des Bösen mit dem geduldigen Wachstum des Guten antworten: junge Menschen, die wie gut gepflanzte Bäume im Boden der Geschichte verwurzelt sind und nebeneinander in die Höhe wachsen und so jeden Tag die von Hass verpestete Luft in den Sauerstoff der Brüderlichkeit umwandeln.
In dieser sehr dringenden und spannenden Herausforderung der Kultur sind wir – Christen wie Muslime und alle gläubigen Menschen – gerufen, unseren Beitrag zu leisten: Wir »leben unter der Sonne des einen barmherzigen Gottes. […] So können wir uns gegenseitig […] Brüder und Schwestern […] nennen. […] Denn ohne Gott wäre das Leben des Menschen wie der Himmel ohne die Sonne«. [2] Es möge die Sonne einer neuen Brüderlichkeit im Namen Gottes aufgehen, und von dieser sonnenbeschienenen Erde steige die Morgenröte einer Kultur des Friedens und der Begegnung auf. Dafür möge der heilige Franz von Assisi Fürsprache einlegen, der vor acht Jahrhunderten nach Ägypten kam und Sultan Malik al Kamil begegnete.
Land der Bündnisse. In Ägypten ist nicht nur die Sonne der Weisheit aufgegangen; auch das vielfarbige Licht der Religionen hat dieses Land erleuchtet: Hier waren über die Jahrhunderte dieUnterschiede der Religion »eine Form gegenseitiger Bereicherung im Dienst an der einen nationalen Gemeinschaft«. [3] Verschiedene Glaubensrichtungen sind sich begegnet und unterschiedliche Kulturen sind zusammengekommen, ohne sich zu vermischen, haben aber erkannt, wie wichtig es ist, sich für das Gemeinwohl zu verbünden. Bündnisse dieser Art sind heute mehr denn je dringlich. Wenn ich darüber spreche, möchte ich dafür gerne als Symbol den „Berg des Bundes“ verwenden, der sich in diesem Land erhebt. Der Sinai erinnert uns vor allem daran, dass ein echter Bund auf Erden nicht auf den Himmel verzichten kann, dass die Menschheit nicht den Vorsatz fassen kann, sich in Frieden zu treffen, wenn sie Gott von ihrem Horizont ausschließt, und sie kann auch nicht auf den Berg steigen, um sich Gottes zu bemächtigen (vgl. Ex 19,12).
Es handelt sich um eine aktuelle Botschaft angesichts des gegenwärtigen Fortbestehens eines gefährlichen Paradoxes. Einerseits neigt man nämlich dazu, die Religion in die Privatsphäre zu verbannen, ohne sie als konstitutive Dimension des Menschen und der Gesellschaft anerkennen zu wollen; andererseits vermischt man die religiöse und die politische Sphäre, ohne diese entsprechend zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass die Religion von der Sorge um weltliche Angelegenheiten aufgesaugt und von den Schmeicheleien weltlicher Mächte in Versuchung geführt wird, die sie in Wirklichkeit instrumentalisieren. In einer Welt, die viele nützliche technische Mittel, aber gleichzeitig so viel Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit globalisiert hat und die sich in einem rasanten Fluss befindet, der schwer zu ertragen ist, nimmt man die Sehnsucht nach den großen Sinnfragen wahr, die von den Religionen aufgezeigt werden und die Erinnerung an die eigenen Ursprünge wecken: die Berufung des Menschen, der nicht dazu da ist, um sich in der Vorläufigkeit der irdischen Dinge zu erschöpfen, sondern um dem Absoluten entgegenzugehen, zu dem er unterwegs ist. Aus diesen Gründen ist die Religion besonders heutzutage nicht ein Problem, sondern Teil der Lösung: Gegen die Versuchung, uns einem oberflächlichen Leben zu überlassen, wo alles hier unten entsteht und endet, erinnert sie uns daran, dass es notwendig ist, den Geist dem Höchsten zuzuwenden, um zu lernen, wie man die Stadt der Menschen erbaut.
In diesem Sinne möchte ich mich, gleichsam nochmals im Geiste den Blick auf den Berg Sinai gerichtet, auf jene Gebote beziehen, die dort erlassen wurden, bevor sie auf Stein geschrieben wurden. [4] In der Mitte der „zehn Worte“ ertönt der Befehl an die Menschen und Völker aller Zeiten »Du sollst nicht töten« (Ex 20,13). Gott, Freund des Lebens, hört nicht auf, den Menschen zu lieben, und deswegen ermahnt er ihn, als Grundbedingung für jeden Bund auf der Erde dem Weg der Gewalt entgegenzutreten. Zur Umsetzung dieser Aufforderung sind – vor allem und heute auf besondere Weise – die Religionen gerufen. Denn während wir dringend des Absoluten bedürfen, ist es unabdingbar, jegliche Verabsolutierung auszuschließen, welche Formen von Gewalt rechtfertigen würde. Die Gewalt ist nämlich die Verneinung jeder authentischen Religiosität.
Als religiöse Verantwortungsträger sind wir also gerufen, die Gewalt zu entlarven, die sich hinter einem vermeintlichen sakralen Charakter verbirgt, während sie die Egoismen verabsolutiert anstatt die authentisch Öffnung auf das Absolute hin zu fördern. Wir sind gehalten, die Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte zu brandmarken und die Versuche aufzudecken, jegliche Form von Hass im Namen der Religion zu rechtfertigen, und sie als götzendienerische Verfälschung Gottes zu verurteilen: Sein Name ist heilig, er ist Gott des Friedens, Gott salam. [5] Deshalb ist nur der Frieden heilig und kann im Namen Gottes keine Gewalt verübt werden, weil sie seinen Namen verunehren würde.
Gemeinsam wiederholen wir von hier aus, diesem Land der Begegnung zwischen Himmel und Erde, diesem Land von Bündnissen zwischen Völkern und zwischen Gläubigen, ein deutliches und eindeutiges „Nein“ zu jeglicher Form von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder im Namen Gottes begangen werden. Gemeinsam bekräftigen wir die Unvereinbarkeit von Gewalt und Glaube, von Glauben und Hassen. Gemeinsam erklären wir die Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens gegen jegliche Form von physischer, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Gewalt. Der Glaube, der nicht aus einem aufrechten Herzen und einer echten Liebe zum Barmherzigen Gott hervorgeht, ist eine Form konventioneller oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die den Menschen nicht befreit, sondern ihn erdrückt. Sagen wir gemeinsam: Je mehr man im Glauben an Gott wächst, desto mehr wächst man in der Nächstenliebe.
Aber die Religion ist gewiss nicht nur gerufen, das Böse zu entlarven; sie trägt in sich die Berufung, den Frieden zu fördern, heute wahrscheinlich mehr denn je. [6] Ohne versöhnlichen Synkretismen [7] nachzugeben, ist es unsere Aufgabe, füreinander zu beten und dabei Gott um das Geschenk des Friedens zu bitten, einander zu begegnen, Dialog zu führen und die Eintracht im Geiste der Zusammenarbeit und der Freundschaft zu fördern. Wir als Christen – und ich bin Christ – »können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. [8] Brüder von allen. Darüber hinaus erkennen wir an, dass inmitten eines ständigen Kampfes gegen das Böse, das die Welt damit bedroht, nicht mehr »der Raum der wahren Brüderlichkeit« zu sein, Gott denen, »die der göttlichen Liebe glauben, […] die Sicherheit [gibt], dass allen Menschen der Weg der Liebe offensteht und dass der Versuch, eine allumfassende Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist«. [9] Im Gegenteil, er ist wesentlich: Denn es dient zu kaum etwas oder zu nichts, die Stimme zu erheben und eilig wieder aufzurüsten, um sich zu schützen: Heute brauchen wir Erbauer des Friedens, nicht Erbauer von Waffen, heute sind Ingenieure des Friedens nötig, nicht Aufwiegler von Konflikten; Feuerwehrleute und nicht Brandstifter; Prediger von Versöhnung und nicht Aufrufer zur Zerstörung.
Mit Befremden sehen wir die Tatsache, dass man sich einerseits im Namen von rücksichtslosen Zielsetzungen von der Realität der Völker entfernt. Andererseits treten als Reaktion darauf Arten eines demagogischen Populismus auf, die gewiss nicht hilfreich sind, den Frieden und die Stabilität zu festigen: gewaltsame Aufhetzung wird den Frieden nicht gewährleisten, und jede einseitige Handlung, die nicht konstruktive und von allen mitgetragene Entwicklungen einleitet, ist in Wahrheit ein Geschenk an die Befürworter von Radikalismen und Gewalt.
Um Konflikten vorzubeugen und Frieden aufzubauen, ist es wesentlich, sich für die Beseitigung der Situationen der Armut und der Ausbeutung einzusetzen – hier nämlich fassen Extremisten einfacher Fuß – und die Geldflüsse und Waffenlieferungen an diejenigen, die zur Gewalt anstiften, zu stoppen. Um noch tiefer an der Wurzel anzusetzen, ist es notwendig, die Verbreitung von Waffen zum Stillstand zu bringen. Wenn sie einmal hergestellt und im Umlauf sind, werden sie früher oder später auch Verwendung finden. Nur wenn wir die trüben Manöver, die das Krebsgeschwür des Kriegs nähren, transparent machen, kann man deren wahren Gründen vorbeugen. Zu dieser dringenden und schweren Aufgabe sind die Verantwortlichen der Nationen, der Institutionen und der Medien verpflichtet wie auch wir als Verantwortliche für Kultur. Wir sind nämlich von Gott, der Geschichte und der Zukunft zusammengerufen, Friedensprozesse einzuleiten – jeder in seinem Bereich. So entziehen wir uns nicht der Aufgabe, solide Grundlagen für Bündnisse zwischen den Völkern und den Staaten zu schaffen. Ich verleihe meinem Wunsch Ausdruck, dass dieses edle und geliebte Land Ägypten mit der Hilfe Gottes weiterhin seiner Berufung zur Kultur und zum Bündnis entsprechen kann, indem es dazu beiträgt, die Friedensprozesse für dieses geschätzte Volk und für den gesamten Nahen Osten zu fördern.
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]
[1] »Im Übrigen kann sich eine Ethik der Brüderlichkeit und der friedlichen Koexistenz von Menschen und von Völkern nicht auf die Logik der Angst, der Gewalt und der Verschlossenheit gründen, sondern muss auf Verantwortung, Achtung und aufrichtigem Dialog beruhen«: Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden, Botschaft zum Weltfriedenstag 2017, 5.
[2] Johannes Paul II., Ansprache an die muslimischen Autoritäten, Kaduna (Nigeria), 14. Februar 1982.
[3] Ders., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, Kairo, 24. Februar 2000.
[4] Sie waren »als immerwährendes und überall gültiges universales Sittengesetz in das menschliche Herz eingeschrieben.« Sie bieten die »wahre Grundlage für das Leben des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Nationen«. Sie sind »allein die Zukunft der menschlichen Familie.Sie bewahren den Menschen vor der zerstörenden Macht des Egoismus, Hasses und der Verlogenheit. Sie zeigen ihm alle falschen Götter, die ihn zum Sklaven machen: Gott ausschließende Eigenliebe, Machtgier und Vergnügungssucht, die die Rechtsordnung umstürzen und unsere menschliche Würde und die unseres Nächsten erniedrigen«: Ders., Homilie während des Wortgottesdienstes auf dem Berg Sinai, Katharinenkloster, 26. Februar 2000.
[5] Vgl. Ansprache in der Moschee von Koudoukou, Bangui (Zentralafrikanische Republik), 30. November 2015.
[6] »Mehr vielleicht als je zuvor in der Geschichte ist die innere Verbindung zwischen einer aufrichtigen religiösen Haltung und dem großen Gut des Friedens allen deutlich geworden«: Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen, Assisi, 27. Oktober 1986.
[7] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251.
[8] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Erklärung Nostra aetate, 5.
[9] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 37-38.
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Von Reddit lernen: Wie politische Debatten in sozialen Medien wieder aufleben könnten

Nicht erst seit der Trump-Wahl liegt die Frage in der Luft: Ist die digitale Öffentlichkeit kaputt? Was für eine politische Meinungsbildung ist in postfaktischen Zeiten überhaupt noch möglich? In ihrer dreiteiligen Serie zu Clickbait Politics untersuchen der Medienkünstler Georg Eckmayr und die Juristin Daniela Jaros die neuen Formen der digitalen Öffentlichkeit. Abschließend stellen sie konkrete Ideen vor, wie die politische Debatte wieder aufleben und welche Rolle die Plattform Reddit dabei einnehmen könnte.
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Die thematische Selektion, welche politischen Inhalte zur Debatte taugen und welchen nur am Rand Aufmerksamkeit zukommt, wurde in der Ära der Massenmedien durch aufmerksamkeitspolitische Dynamiken zwischen den Akteuren aus Politik (von politischem Personal und Institutionen jeder Couleur) und Medien (den konservativen wie den progressiven Anbietern) bestimmt. Conflict sells, bad news sells, personalities sell, wie Niklas Luhmann in seiner exzellenten, Publikation Die Realität der Massenmedien erläutert.
Diese Dynamik, die das Selektionsprinzip der politischen Berichterstattung bestimmt, wird in aktuellen Debatten gerne als „Manipulation der Menschen durch die Medien“ bezeichnet. Dabei wird übersehen, dass die Medien selbst gar nicht die vollständige Kontrolle darüber haben, welche Themen medial behandelt werden, da sie markt- und aufmerksamkeitsökonomischen Prinzipien unterliegen, sich gegenseitig beeinflussen und keiner zentralen Organisation unterliegen. Die Dynamik hinter der thematischen Selektion medialer Berichterstattung war bereits vor der Entstehung digitaler Medien (sozialen Medien, Blogs, usw.) von Unvorhersehbarkeit geprägt, die Akteure des Medialen waren jedoch bekannt.
Die Verkürzung politischer Debatten
Auf Pressekonferenzen sprechen namentlich bekannte Politiker und in der Regel namentlich bekannte Journalisten berichten darüber in Publikationen, deren Eigentümer sowie redaktionelles Personal öffentlich zugänglich sind. Genau hier liegt der strukturelle Unterschied zur aktuellen digitalen Medienlandschaft. Wie bereits im ersten Artikel dieser Serie beschreiben, forcieren diese Strukturen die Verschiebung des politischen ins individuelle Erleben und damit einhergehend die Verkürzung politischer Debatten auf einen Konflikt zwischen unvereinbaren Weltbildern.
Es geht hier also nicht nur darum eine globale Medienlandschaft wie die heutige durch nationales Medienrecht zu regeln, sondern darum für die aktuellen technischen medialen Möglichkeiten, die entsprechenden Umgangsformen, die entsprechenden diskursiven Regeln im internationalen oder zumindest europäischen Konsens zu entwickeln. Das System Medien selbst, wie das Sprechen der Institutionen zu den Bürgerinnen und Bürgern muss grundlegend reformiert werden.
Vorschläge für den kompletten Umbau der Medien
Das Misstrauen gegen mediale Berichterstattung liegt zum einen in der Unkenntnis um die Selektionsprinzipien der Redaktionen, über prinzipielle Funktionen und Aufgaben des heterogenen Feldes, das auf den Namen „die Medien“ hört. Niklas Luhmann liefert dazu wertvolle Einblicke, die als Grundlage jedes modernen Medienunterrichts aufbereitet und mit einer Konzeption der neuen, sozialen Medien erweitert werden sollten. Abgesehen von Medienbildung müssen aber auch die medialen Formen aktualisiert und überdacht werden. Selektionsmechanismen, die als Filter in Redaktionsbüros oder in Algorithmen verpackt wirken, müssen nach transparenten Kriterien entworfen und letztendlich in ihrer Funktion sichtbar gemacht werden.
Einen Beitrag dazu liefert aktuell der Guardian. Wie funktionieren die Algorithmen, die meinen täglichen Informationsfluss kuratieren und welche Debatten werden hinter verschlossenen Türen in Redaktionen geführt? In einer Zeit in der Videos einer Köpfung von jedem Jugendlichen mit wenigen Klicks im Internet abgerufen werden können, wirkt jede Art von Bevormundung (auch in schützender Weise) der Konsumierenden anachronistisch.
Auch die Selektionsprinzipien selbst und die Arten der medialen Inszenierung müssen an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Hier gilt es eine Vielfalt journalistischer Formen zu entwickeln, die klassische Prinzipien der Mainstreamberichterstattung aufbrechen. Aktualität, Konflikte und auf Personen zugeschnittene Berichterstattung kommen als Narrative in massenmedialen Settings dem Publikum entgegen, sprechen es an. Dabei werden jedoch nicht nur Sachverhalte verkürzt, sondern auch Interpretationen, Vorhersagen, Projektionen oder Vermutungen mit der reinen Faktendarstellung verwoben.
Dies geschieht besonders in Fällen, welche sich einem rationalen oder emotionalem Begreifen entziehen z.B. bei den ersten Berichten nach einem Amoklauf oder bei der Darstellung aktueller Entwicklungen, deren Auswirkung noch nicht abschätzbar sind (Flüchtlingspolitik, Klimaerwärmung, …). Darstellungen von Fakten und die Interpretation dieser müssen voneinander losgelöst und in verschiedenen Rubriken untergebracht werden.
Das Genre des Datenjournalismus existiert eigentlich bereits, wenn auch noch nicht in emanzipierter Form, dieses könnte noch um das Genre des „ungeschnittenen Videoclips“ erweitert werden. Journalismus heute bedeutet nicht Narrative zu schaffen, sondern im besten Falle gut recherchiert und geprüftes Material zur Debatte zu stellen. Das gleiche gilt hier für Institutionen, die Informationen zu Verfügung stellen.
Ergänzend benötigt es aber auch Orte der Debatte. Dazu sind die sozialen Medien nicht (oder nur sehr bedingt) geeignet. Soziale Medien bieten aktuell eine Diskursform, welche eher der Abgrenzung zu anderen, der Selbstbestätigung und Bestätigung der eigenen Identität dienen. Dabei gehen aber grundlegende Wesenszüge einer politischen Debatte, wie etwa Verbindlichkeit verloren. Um im digitalen Raum Instrumente des Demokratischen zu implementieren gilt es die Formen des digitalen Diskurses mit den Regeln der politischen Debatte sinnvoll zu verknüpfen.
Was ist politische Debatte und wozu brauchen wir sie?
Politische Debatte dient in einer demokratischen Gesellschaft idealerweise der Verhandlung von Positionen zur Herstellung von Konsens über die gemeinsamen Lebensbedingungen innerhalb einer bestimmten Einheit. Politische Debatte geht über Wahlkampf hinaus, da sie nicht nur bestimmte Personen durch Wahlen dazu legitimiert, (zuvor im Wahlkampf angekündigte) Positionen in den zur Regierung befugten Institutionen zu vertreten. Sie ist wesentlicher Bestandteil jedes politischen Prozesses. Aus diesem Grund ist politische Debatte in einem liberalen und demokratischen Staat in erster Linie prozedural determiniert.
Grenzen der politischen Debatte sind einerseits strafrechtlich abgesteckt (so finden sich im österreichischen Strafgesetzbuch das Verbot der Verleumdung, der üblen Nachrede, der Beleidigung sowie im Verbotsgesetz das Verbot der Wiederbetätigung im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs). Weiter gilt auch der Grundrechtsschutz für alle Bürgerinnen und Bürger innerhalb jeder politischen Debatte. Schließlich kommen noch weitere Bestimmungen aus dem Zivil- und Verwaltungsrecht hinzu (hier etwa: Urheberrecht).
Demokratische Debatte ist streng genommen immer an eine Einheit, an einen spezifischen Ort, geknüpft. Gemeindepolitik wird auf Gemeindeebene, Bundespolitik auf Bundesebene und Europapolitik auf europäischer Ebene idealerweise vom jeweiligen souveränen Demos (europäische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger) diskutiert. Schwierig wird es dann, wenn der für die bestimmte Einheit zuständige Demos über Dinge außerhalb seines Souveränitätsbereichs diskutiert und noch schwieriger dann, wenn sich Dinge außerhalb seines Souveränitätsbereichs auf die eigene Einheit auswirken – ein Phänomen, das in einer globalisierten Welt gang und gäbe ist. Klimawandel, Jobverluste an Billiglohnländer oder Kriege mit daran geknüpften Flüchtlingsbewegungen sind als Beispiele zu nennen.
Die Überlappung verschiedener Ursachen und Wirkungen sowie die „Technisierung“ politischer Debatten macht nach demokratischen Regeln funktionierende Selbstbestimmung eines Demos innerhalb einer bestimmten Einheit schwierig. Diese Schwierigkeit hat Politikverdrossenheit zur Konsequenz. Aufgrund einer gefühlten Machtlosigkeit interessiert sich das Demos nicht für die Ausübung seiner Souveränität oder zieht sich in kleinere Einheiten zurück, wie wir es aktuell an wachsenden Nationalismen in der EU und dem Schwinden eines gemeinsamen europäischen politischen Willens festmachen können.
Social Media und politische Debatte
Politische Debatte in sozialen Medien scheint ein verführerischer Ausweg aus dieser Politikverdrossenheit und Machtlosigkeit zu sein. Jede und jeder mit Internetanschluss kann zu allen Themen, die medial diskutiert werden, seine Meinung abgeben, und zwar global. Gleichzeitig vermitteln soziale Medien das Gefühl, sowohl auf sehr einfachem Weg sich jenseits lokaler und nationaler Informationsquellen Information und Wissen zu bestimmten Themen anzueignen, aufgrund derer es leichter fällt, eigene Interessenvertreter herauszufordern. Soziale Medien ermöglichen auf eine einfache Art und Weise auch global einen Zusammenschluss Gleichgesinnter.
An all dem ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, was jedoch fehlt sind jene grenzübergreifenden prozeduralen Regeln, die, um demokratische Debatte zu führen, auch innerhalb der sozialen Medien gelten müssten. Ein Anfang für solche Regeln wäre ein Antragsrecht auf zeitnahe Löschung (zum Beispiel maximal innerhalb von 12 Stunden) bestimmter Inhalte sowie die Löschungspflicht bestimmter rechtswidriger Inhalte durch die Medienanbieter selbst. Wer unter welchen Regeln solche Löschungsstellen verwaltet müsste klar determiniert sein und eine Balance zwischen der Ermöglichung von Meinungsfreiheit – insbesondere für Nutzende aus undemokratischen Staaten – aber dem gleichzeitigen Respekt bestimmter gemeinsamer strafrechtlicher Rahmen und Grundrechte. Ansätze hierfür gibt es bereits, diese sollten weiterentwickelt werden.
Eine weitere Möglichkeit, prozedurale Regeln in mediale Debatten einzuführen, um deren demokratische Legitimität zu stärken, ist die Regelung der Teilnahme. Um bei einer Wahl zu wählen bedarf es schließlich auch einer Passivlegitimation. Mit einem klugen System der Teilnahmeregelung könnte man bestimmte mediale Debatten aus den Händen aufmerksamkeitsraubender Trolle, Hetzer und Verschwörungstheoretiker befreien. Wieder wären Medienanbieter gefragt, beispielsweise ein System der Identitätsüberprüfung einzuführen, um Postings zu politischen Themen unter falschem Namen zu verunmöglichen oder einzelne Nutzende nach mehrfachem Verstoß gegen einen von der Usercommunity legitimierten Verhaltenskodex zu sperren.
Hier ist keine allgemeine Verpflichtung zur Verwendung von Klarnamen im Netz gefordert. Dieser Vorschlag bezieht sich lediglich darauf, dass für Prozesse, für welche Verbindlichkeit notwendig ist, diese auch gewährleistet wird. Auch könnte man mit einem transparenten und über „Likes“ hinausgehenden System des Peer-Review die Reihung von Postings und Kommentaren beeinflussen. So ermöglichen beispielsweise die aktuellen „Reaktionsmöglichkeiten“ auf Facebook, Trauer oder Wut auszudrücken. Ein Kommentar, auf den möglichst viele – wenn auch wütend – reagieren, wird immer prominent auffallen und deshalb Aufmerksamkeit rauben. Ein kluges System würde Kommentaren, auf die es viele kritische Reaktionen gibt, eher unsichtbar machen. Das System der sozialen Medienplattform Reddit verteilt zum Beispiel Karma-Punkte und macht die Comment-History der Nutzenden für alle sichtbar, wodurch Trolle leicht enttarnt werden können.
Hier gilt es einerseits natürlich, die entsprechenden Systeme zu entwickeln, um Aufmerksamkeit von hetzerischen, verschwörungstheoretischen und auf reine Selbstdarstellung gerichtete Debatten weg auf echte politische Debatten hin zu lenken. Anderseits bedarf es aber auch der demokratischen Mehrheit, die sich an einem solchen System beteiligt – sei es bei der Schaffung eines Vehaltenskodices, sei es bei der verantwortungsvollen Teilnahme an Peer-Reviews, sei es bei der Anzeige strafrechtlich relevanter Handlungen. Nur so wird jene Mehrheit, die für Grundrechtsschutz auf allen Ebenen steht, ihre Stimme im Netz zurückgewinnen.
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Dieser Beitrag ist der dritte Teil einer Artikelserie zu Clickbait Politics. Lesen Sie den ersten Teil hier und den zweiten hier.
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Im Nebel der Institutionen: Warum Populisten wie Trump versprechen, den „Sumpf trockenzulegen“

Ein zentraler Wahlkampfslogan des Populisten Donald Trump war, den „Sumpf in Washington trockenzulegen“. Damit versprach der Populist, die Verstrickungen von Politik und Medien abzuschaffen. Welche Vision liegt dieser Rhetorik zu Grunde? Juristin Daniela Jaros und Medienkünstler Georg Eckmayr unternehmen im zweiten Teil ihrer Artikelserie eine Bestandsaufnahme.
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Die Aushöhlung der demokratischen Institutionen, wie schon 2004 von Colin Crouch beschrieben, führt unter anderem zur Loslösung des politischen Diskurses von politischen Institutionen. Nationalen und europäischen Regierungen und Parlamenten wird im medialen Diskurs der Vorwurf der von technokratischen Eliten dominierten Abgehobenheit und der mangelnden Auseinandersetzung mit den Gefühlen und moralischen Vorstellungen der Bürger gemacht.
Mit der Kritik an der Vereinnahmung von demokratischen Institutionen durch Eliten geht ein weiterer Vorwurf einher, nämlich dass diese mithilfe von Institutionen ausschließlich ihre eigenen Interessen bedienen. Folglich sei die Entfernung des Sprechens vom Politischen aus einem institutionalisierten Handlungsraum und die Verlagerung dieses Sprechens auf die individuelle Gefühlsebene die logische Konsequenz.
Argumente haben keine Chance gegen Wut
Dadurch büßt der politische Diskurs aber Verbindlichkeit ein. Der Versuch, Gefühle wie Wut oder Angst mit rationalen Argumenten aus dem Weg zu räumen scheitert, wie man an Wahlergebnissen wie bei der Präsidentschaftswahl in den USA oder der Abstimmung über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU beobachten kann, zunehmend.
Populistische Inhalte erfahren gerade wegen ihrer Reduktion, ihrer Einfachheit und ihres emotionalen Gehalts hohe Verbreitung in digitalen Medien. Eine Verbreitung, die der Darstellung komplexer Sachverhalte oder wenig aufregenden aber wichtigen Verhandlungsergebnissen oft verwehrt bleibt.
Selbst wenn Institutionen auf Transparenz bedacht alle Ergebnisse veröffentlichen würden, besteht die Möglichkeit, dass diese im Lärm der Wutbürgerdebatte nicht gehört werden. Aus diesem Grund sind staatliche, soziale und europäische Institutionen gefordert, Wege des Umgangs mit populistischen Debatten zu finden.
Institutionen und ihre Funktion
Institutionen wie Parlamente, Regierungen, Gerichte und NGOs sowie Gesetze, Verhaltens- und Standesregeln bestimmter Berufsgruppen (z.B. der Pressekodex) haben traditionell die Funktionen, auf Grundlage von akzeptierten Kriterien Fakten zu sortieren, Verhandlungen zwischen verschiedenen Interessensgruppen zu organisieren und zu strukturieren, sowie Verhandlungs- bzw. Diskussionsergebnissen Verbindlichkeit zu verleihen.
Die normative Grundlage hierfür bietet ein bestimmtes liberal-demokratisches Staatsverständnis, das von grundrechtlichen Garantien für alle Individuen, demokratischer Teilnahme und Repräsentation, Gewaltenteilung im staatlichen und globalen Machtgefüge sowie von Zurückhaltung der Staatsgewalt, die idealerweise in einer Trennung zwischen Staat und Gesellschaft mündet, charakterisiert ist.
Ein solches Verständnis ist auch in Bezug auf die europäischen Institutionen zumindest angestrebt, wenn auch in manchen Aspekten noch nicht verwirklicht. So ist es zum Beispiel eine Errungenschaft des liberal-demokratischen Staatsverständnisses, dass staatliche Eingriffe in das Privatleben von Bürgerinnen und Bürgern, wie in deren Familie, Gesundheit oder religiösen Glauben, nur im Ausnahmefall und dann unter strengen Bedingen möglich sind.
Das ist eines der wichtigsten Charaktermerkmale eines pluralen und nicht totalitären Staats. Auch bieten die existierenden Institutionen die Möglichkeit des besonnenen Diskurses über schwierigen Fragen, wie jene des Umgangs eines liberalen Staats mit illiberalen Gruppen und Praktiken in seinem Inneren.
Verliert einer seine Freiheit, verlieren alle sie
Die Anerkennung des aus all diesen Elementen bestehenden liberal-demokratischen Staatsverständnisses ist gleichzeitig die einzige Garantie für das Fortbestehen eines liberal-demokratischen Staats wie wir ihn kennen.
Der Verzicht auf einzelne Elemente dieses Staatsverständnisses, wie zum Beispiel auf Grundrechte für bestimmte Gruppen wie Flüchtlinge oder Minderheiten oder auf den Schutz der eigenen Daten führt letztlich zu Freiheitsverlust für alle.
Im ersten Fall wird die Universalität von Rechten in Frage gestellt und anhand rassistischer oder sonst nicht mit den Grundrechten vereinbarbarer Kriterien eine Gruppe ausgemacht, die von der Universalität ausgenommen wird. Sobald diese Ausnahme akzeptiert ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Gruppe – und vielleicht man selbst, da man als jung, alt, weiblich, männlich oder sonst kategorisierbar ist – betroffen ist.
Im zweiten Fall bedeutet ein Verzicht auf strenge Beschränkungen der Staatsgewalt Überwachung vieler über bloße Sicherheit hinausgehender Aspekte wie Gesundheit oder ‚Werteverbundenheit’. Aus einem liberal-demokratischen Staatsverständnis soll es undenkbar bleiben, dass ein Staat seinen Bürgern Fitnessprogramme zum Erhalt der Volksgesundheit vorschreibt oder das fehlerfreie Rezitieren deutscher Kinderlieder zur Bedingung für den Erhalt von Sozialleistungen macht.
Der Populist wird die alten Institutionen nutzen
Eine Untergrabung des Staatsverständnisses mithilfe populistischer Inhalte führt schließlich auch dazu, dass Probleme auf einer Ebene diskutiert werden, auf der keine Lösung möglich ist.
Aus diesem Grund ist es seitens populistischer Politik unverantwortlich und entmündigend, für die Zwecke ihrer eigenen Machtübernahme Wähler im Wege digitaler Medien mit Versprechen zu mobilisieren, die den Wählerinnen und Wählern zwar kurzfristig Wohlbefinden durch die Möglichkeit zur spontanen, meist einzeiligen Unmutsäußerungen geben, ihnen, wenn sie wahr werden würden, aber sogar schaden würden.
Statt darüber zu diskutieren, ob bestimmte Verhandlungen besser auf nationaler oder europäischer Ebene, von der Exekutive allein oder mit Einbindung des Parlaments, vor einem Gericht oder von einer europäischen Institutionen geführt werden sollen, zielt der Populismus gezielt darauf ab, den Eindruck zu erwecken, dass keine Institution fähig sei, eine dem individuellen Empfinden gerecht werdende Verhandlung zu führen.
Der populistische Machtmensch kann, wenn er dann gewählt ist, getrost sein Amt antreten und sich der „alten, nutzlosen“ Institutionen zur Sicherung der eigenen Machterhalt bedienen, da seine Wählerinnen und Wähler ohnehin nicht mehr erwarten, dass die Institution ordnungsgemäß funktioniert.
Wie können Institutionen reagieren?
Die Frage, die sich Institutionen stellen müssen, ist wie sie auf die Mobilisierung durch digitale Medien mittels der narrativen Übertragung des Politischen ins Individuelle reagieren sollen. Sie müssen die schwierige Gratwanderung zwischen dem Risiko, die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren, und der Notwendigkeit, an Diskursen teilzunehmen und Gefühle entsprechend zu adressieren, beschreiten.
Eine solche könnte gelingen, wenn sie den politischen Diskurs dort, wo er auf das Individuum reduziert worden ist, aufgreifen, ihn um eine emanzipatorische Komponente ergänzen und somit aus einer Kampagne wieder einen politischen Diskurs machen.
Da es sich aus einem liberal-demokratischen Staatsverständnis heraus eher bedrohlich als emanzipatorisch anhört, aus Forderungen wie jenen in den Kampagnen für den nun gewählten US-Präsidenten Trump politisches Programm zu machen, muss genauer definiert werden, wie eine institutionelle Reaktion auf eine auf individuellem Empfinden basierende Mobilisierung auszusehen hat.
Und man muss der Frage nachgehen, wie man Erfolg damit haben könnte, bei der Mehrheit der Wähler (wieder) ein liberal-demokratisches Staatsverständnis, ein vom individuellen Empfinden ausgehendes, sich aber auf die Gesellschaft beziehendes Verantwortungsbewusstsein und auch ein entsprechendes Verständnis für die Notwendigkeit, in einer globalisierten Welt auf supranationaler, europäischer Ebene Entscheidungen treffen zu können, herzustellen.
Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Artikelserie zu Clickbait Politics. Lesen Sie den ersten Teil hier und den dritten Teil hier.
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Populismus goes Smartphone: Wie Clickbait Politics die Demokratie bedrohen

Der US-Wahlkampf 2016 wird als einer der schmutzigsten in die Geschichte eingehen. Doch auch in Europa sieht es nicht besser aus: Populismus beherrscht den Diskurs, Fiktionen werden zu Fakten und der Wahlkampf wird Smartphone-kompatibel. Wie konnte es soweit kommen? In einer dreiteiligen Serie gehen die Juristin Daniela Jaros und der Medienkünstler Georg Eckmayr den Clickbait Politics auf den Grund.
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Populistische Reden beherrschen den aktuellen politischen Diskurs. Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf belegt dies exemplarisch. Aber auch in Europa gibt es genügend Beispiele für eine signifikante Häufung populistischer Politikversprechungen. Von den rechtspopulistischen Parteien in Österreich, Polen oder Ungarn, über die BREXIT-Bewegung in Großbritannien, bis hin zu Teilen der Podemos-Bewegung in Spanien wird Politik vor allem auf einer emotionalen Ebene inszeniert.
Diese Inszenierung besteht unter anderem in einer Verschiebung und Reduktion politischer Zusammenhänge auf eine dem Publikum zugängliche Erfahrungsebene. Dieses Prinzip Allgemeines zu individualisieren findet sich auch im Bereich der Berichterstattung. In den sozialen Medien wird Information aufs Individuum zugeschnitten selektiert.
In diesem Spannungsfeld wird Politisches zu homogenen Fiktionen verdichtet, die hermetisch gegen ein Außen jeglichen weiteren Diskurs verhindern. An diesem Punkt wird nicht mehr über konkrete politische Lösungen oder Sachverhalte diskutiert, sondern Weltbilder in Form sehr offener Begriffe gegeneinander in Stellung gebracht.
Man ist für oder gegen das System, Menschlichkeit wird eingefordert oder das wahre Volk beschworen. Bei all diesen offenen Begriffen handelt es sich jedoch nicht um politische Kategorien weshalb man auch von Post-Truth Politics spricht, dabei werden mittels Fakten Fiktionen erzeugt.
Ein Thema eignet sich besonders für diese Art der Narrativisierung; die Flüchtlingskrise. Wie wenige Themen ermöglicht es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, ergreifende Erzählungen zu entwickeln, deren Hauptdarsteller das Individuum selbst ist. Die emotionale Bandbreite dabei reicht vom Schüren von Ängsten bis hin zum Erwecken von Mitleid. Im Folgenden soll das Prinzip der aufs Individuelle zielenden Narrativisierung des Politischen anhand dieser Thematik beschrieben werden.
Zwei Möglichkeiten der Narrativisierung
Die Gründe einer Bevölkerungsbewegung von Afrika und Asien nach Europa sind vielfältig und reichen von politisch motivierter Flucht zu wirtschaftlicher Notwendigkeit. Genauso unterschiedlich sind die Ansätze zum Umgang mit Bevölkerungsbewegungen: Während die einen die Ansicht vertreten, dass Einwanderung aufgrund der demografischen Entwicklung Europas zur Sicherung des Wohlfahrtsstaats notwendig ist, möchten andere die Einwanderung aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Mitteln eindämmen.
Sei es durch Bekämpfung der Ursachen in den Herkunftsländern, sei es durch Grenzschließungen. Keiner dieser Ansätze allein beschreibt die Situation vollständig. Eine wie auch immer gewichtete Kombination aus diesen Ansätzen mündet realpolitisch in andauernden und detaillierten Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen, sei es national oder auf EU Ebene zur Gesetzgebung, sei es auf internationaler Ebene.
Menschlichkeit und Sicherheit
Die beiden am weitesten verbreiteten Narrative, die gegeneinander in Stellung gebracht werden, basieren entweder auf dem Begriff der Menschlichkeit und zielen auf das Mitgefühl, oder auf dem Begriff der Sicherheit und zielen auf das Gefühl der Angst. Beide Narrative beinhalten Identifikationspotential für das Individuum. Und beide Narrative operieren mit klaren Zielsetzungen und vermitteln damit auch eindeutige Ergebnisse liefern zu können.
Die Sicherheit für das einzelne Individuum wird garantiert, oder das Menschliche an sich wird durch richtiges Handeln etabliert. Die politischen Möglichkeiten hingegen, die sich aus unzähligen Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen ergeben, garantieren keine klaren Ergebnisse. Selbst die Darstellung der Situation garantiert keine unumstößliche Wirklichkeit.
Sie beruht auf unterschiedlichen Studien mit oft divergierenden Aussagen. Die soziale und politische Wirklichkeit bleibt wesentlich eine Annäherung, so wie Wissenschaft niemals mit fixen Dogmen sondern mit temporären Ergebnissen operiert.
Das Verschieben des Politischen ins individuelle Erleben
Die beiden Narrative operieren damit, dass der politische Diskurs auf der Ebene des persönlichen verhandelt wird. Sachverhalte oder Lösungsvorschläge werden den Individuen zugänglich und nachvollziehbar gemacht indem sie in ihre Einfluss- und Erlebnissphäre verschoben werden. Es wird Menschlichkeit für die Flüchtlinge gefordert, die im Mittelmeer ertrinken, die in Lagern interniert sind, die sich auf ein Wagnis einlassen, das ihr Leben kosten kann.
Die Gegenrede dazu fordert das staatlich garantierte Grundbedürfnis nach Sicherheit für die eigenen Staatsbürger und deren Hoffnung auf eine Zukunft in Wohlstand ein. Beide Darstellungen bieten emotionales Identifikationspotential an und ermöglichen darüber das Imaginieren eines Handlungsraums in welchem sich die gewünschte Zukunft abzeichnet. Tatsächlichen Handlungsraum für das Individuum bieten die Narrative jedoch selten.
Weltbilder werden übersetzt
Beide Narrative sparen die politischen Hintergründe aus und somit auch die tatsächlich gegebenen politischen Handlungsmöglichkeiten. Populistinnen und Populisten bauen die gewünschten Deutungsmöglichkeiten einer politischen Situation zu Weltbildern aus, die die jeweilige politische Gegenseite ausschließt.
Diese Weltbilder werden schließlich in aufs Individuelle zielende Narrative übersetzt und befeuern so den Diskurs der politischen Emotionen als politische Brandreden, als Wahlkampfspot, als Plakat, als Computerspiel oder als Bilder von Statistiken, die in sozialen Medien massenhaft geteilt werden.
Diese aufs Individuelle zielenden Narrative, eignen sich wiederum perfekt für die Verbreitung über Soziale Medien, deren Verfassung auf der Position des individuellen Erlebens fußt. Das persönliche Erleben einer mir vertrauenswürdigen Person, ein Hinweis einer oder eines Bekannten reiht sich in der Alltagsaufmerksamkeit leicht über komplexere Analysen und vielschichtige Diskurse.
Populismus und Soziale Medien
Die Sozialen Medien sind hier nicht als Faktor zu sehen, der die Politik radikal verändert. Medien und Politik sind längst untrennbar verschmolzen. Der Individualismus erhält hier nur seine eigene mediale Form. Die Konzeption dieser Form beruht auf dem Selbstverständnis der Konzerne wie Google oder Facebook, die sich nicht als Medienunternehmen verstehen, sondern als Dienstleister.
Die Medienanbieter, die Selektoren der Inhalte, sind die Nutzenden in Ihren Communities. Algorithmen sorgen schließlich für weitere Selektion der Inhalte und beziehen dabei Vorlieben der Nutzenden ein. Auch Google reiht die Ergebnisse für alle Nutzenden individuell nach personenbezogenen Daten. Eli Pariser, Chief Executive von Upworthy.com hat für dieses Phänomen bereits 2011 den Begriff der „Filter Bubble“ geprägt.
In dieser Individualisierung des Historischen, in der Darstellung des Poltischen in Kategorien des individuellen Erlebens und Empfindens, ähneln sich die Methoden der populistischen Politik, den Prinzipien der aktuellen v.a. digitalen Medienlandschaft. Diese Nähe erwies sich wohl auch bereits im Wahlkampf Obamas 2008 als relevant für dessen Sieg, da Obamas Team es gekonnt schaffte, die Nutzenden in sozialen Netzwerken in ihre Kampagne zu integrieren.
Das Phänomen ist also keineswegs neu. Nur scheint es an der Zeit, den Möglichkeiten der Mobilisierung durch digitale Medien mittels der narrativen Übertragung des Poltischen ins Individuelle, auch emanzipatorische Möglichkeiten hinzuzufügen. Die Nutzenden sollten nicht nur Teil einer Kampagne sein können, sondern auch tatsächlich Teil des Poltischen.
Transparenz oder Mut zur Hässlichkeit
Das Empfinden der oder des Einzelnen – und abstrakte offene Begrifflichkeiten, zu denen sich das Individuum klar positionieren kann (Menschlichkeit, das System, usw.), eignen sich zur Mobilisierung der Massen. Sie sind Mittel der Massenkommunikation und somit immer auch Teil des politischen Diskurses. Als Gegenkraft dazu ist jedoch auch immer die Darstellung konkreter politischer Möglichkeiten und deren Grenzen notwendig, die ohne abstrakte Moral, die ohne das Individuum auskommt.
Auch auf die Gefahr hin, dass sich in diesen Darstellungen, das Politische in seiner Relativität, in seiner Abhängigkeit von Verhandlungsergebnissen, von anderen Staaten, von Geldgebern und Wirtschaftstreibenden offenbart.
Eine Reduktion des politischen Diskurses auf das Individuum, als Ort des politischen Empfindens eingebettet in einer Fiktion abstrakter moralischer Kategorien, hat wohl den höheren Wohlfühlfaktor, oder besser gesagt Mobilisierungsfaktor. Die Integration von Transparenz im Bezug auf politische Abläufe, auf Verhandlungsergebnisse und Sachverhaltsdarstellungen in den Diskurs könnte dazu einen Gegenpol darstellen.
Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Artikelserie zu Clickbait Politics. Im zweiten Teil geht es um die Rolle von Institutionen in einem von Medien beherrschten politischen Diskurs und der dritte Teil widmet sich dem Individuum als Ort politischen Empfindens, eingebettet in ein institutionelles System.
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Zum Tod von Ibrahim Abouleish

„Ich wollte, dass sich die ganze Welt entwickelt“.

Der SEKEM-Gründer und Sozialpionier Ibrahim Abouleish ist im Alter von 80 Jahren verstorben. Mit seiner Vision und seinem Mut hat er viele Menschen inspiriert.
Cornelie Unger-Leistner, „Themen der Zeit“
Einer der großen Sozialpioniere unserer Zeit, Dr. Ibrahim Abouleish, ist tot. Wie seine Familie mitteilte, starb der Gründer des ägyptischen SEKEM-Projekts und Träger des alternativen Nobelpreises am 15.  Juni im Alter von 80 Jahren.
Sein Bestreben war stets, einen Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft SEKEM, zum Wohl Ägyptens und der Welt durch das Vorantreiben nachhaltiger Entwicklung zu leisten, heißt es in der Mitteilung zu seinem Tod. Mit seiner Vision und seinem unglaublichen Mut habe er viele Menschen inspiriert: „Heute beten wir für ihn und wir sind ihm dankbar für all das, was er für und mit uns geleistet hat“. Nach islamischem Brauch wird Abouleish unmittelbar am Tag nach seinem Tod beigesetzt.
Ende Mai beging das SEKEM-Projekt in Stuttgart sein 40jähriges Jubiläum in Kreis seiner fördernden Freunde, dort hatte der Sohn Helmy Abouleish – im Projekt die rechte Hand des Vaters – diesen bereits bei den Feierlichkeiten vertreten. Wie wichtig die SEKEM Freunde Deutschland im internationalen Netzwerk der Unterstützer sind, wurde bei der Feierlichkeit hervorgehoben.
Das SEKEM-Projekt steht weltweit als Vorbild für nachhaltige Entwicklung, die gleichermaßen Mensch und Natur gerecht wird. Abouleish, der auch dem Weltzukunftsrat angehörte, war dafür 2003 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden mit der Begründung, sein Projekt vereine in vorbildlicher Weise kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zielsetzungen in einer „Ökonomie der Liebe“.
SEKEM – altägyptisch für „Kraft der Sonne“ – begann 1977 auf einem unwirtlichen Wüstengelände 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, das Abouleish mithilfe der Methoden der biodynamischen Landwirtschaft in eine grüne Oase verwandelte.
Im Laufe der Jahre entstand eine Gruppe von Unternehmen und Einrichtungen, darunter auch Schulen und ein medizinisches Zentrum. Die Mittel, die durch Heilpflanzenanbau und den Export von biologisch erzeugter Baumwolle nach Europa erwirtschaftet werden, investiert SEKEM im kulturellen Bereich, als jüngstes Projekt entstand die Heliopolis Universität in Kairo. Insgesamt beschäftigt SEKEM 2.000 Menschen.
Pioniertätigkeit
Schon früh kündigte sich sein späterer Pioniergeist im Lebenslauf von Abouleish an. 1937 im Dorf Mashkul im Nildelta geboren, verließ er Ägypten nach seiner Schulzeit in eigener Regie und ohne den Segen seiner Familie. Im Abschiedsbrief an seinen Vater zeichnete er bereits eine Vision der Schaffung von Arbeitsplätzen, von Infrastruktur und kulturellen Einrichtungen in seiner Heimat, so stellte er sich seine Rückkehr nach Ägypten vor. Mit diesem Brief wollte er Verständnis bei seinem Vater wecken, der den Sohn eigentlich für die Übernahme seiner beiden Firmen in Kairo vorgesehen hatte und ein Studium in Europa als überflüssig ansah.
Aber den jungen Ibrahim zog es mit Macht nach Europa, schon in der Schulzeit hatte die Lektüre von Goethe-Texten in ihm die Sehnsucht nach dem anderen Kontinent und seinem kulturellen Leben geweckt, wie er in der autographisch angelegten Schilderung des SEKEM-Projekts, dem Buch Die SEKEM-Symphonie, beschreibt.
Durch persönliche Kontakte verschlug es ihn nach Österreich, in Graz begann er ein Studium der Chemie, das er mit der Promotion abschloss. Er heiratete dort noch als Student seine österreichische Frau Gudrun und gründete in jungen Jahren eine Familie. Die Enteignung der Firmen seines Vaters durch das Nasser-Regime, das eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Ägypten anstrebte, durchkreuzte die Pläne des Vaters, der seinen Sohn immer noch lieber in der eigenen Firma gesehen hätte. So blieb Ibrahim Abouleish in Österreich und machte dort Karriere. Bis zu seinem 40. Lebensjahr war er an leitender Stelle im Forschungsbereich der pharmazeutischen Industrie tätig.
Seinem Heimatland Ägypten und dessen wechselvollem Schicksal fühlte sich Abouleish jedoch immer verbunden. Kontakte zu führenden Politikern brachten ihn schließlich dazu, doch wieder zurückzukehren – mit eigenen Zielen, die der Vision aus seiner Jugendzeit entsprachen. Vor allem der nicht endende Krieg in Nahen Osten veranlasste ihn schließlich zu handeln: „Eine nachhaltige Lösung würde jedoch darin bestehen, den Menschen Bildung und Arbeit zu geben. Hier lag ein starkes Motiv für meine Rückkehr nach Ägypten“, schreibt er in seinem Buch.
Synthese
Abouleish brachte zukunftsweisende Ideen mit zurück an den Nil, denn in Österreich war er auf das Werk von Rudolf Steiner aufmerksam geworden. Beeindruckt hatten ihn vor allem Steiners Philosophie der Freiheit, die biodynamische Landwirtschaft und die Idee des freien Schulwesens. Außerdem berichtet er in seiner Lebensschilderung, wie für ihn der geistige Strom des Orients, in dem er aufgewachsen war, in seinen Jahren in Österreich mit der europäischen Kultur zu einer Synthese verschmolzen war: „Nun erlebte ich zunehmend Augenblicke, in denen sich diese zwei Strömungen in meiner Seele verbanden und in denen ich weder Europäer, noch Ägypter war.“ Händels Messias zum Beispiel habe er „mit muslimischen Ohren“ als Lob Allahs gehört. Die Vereinigung der beiden Kulturströme habe er als „herrliches Freiheitsgefühl“ , als „höchstes Glück“ und „höchste Freude“ erlebt.
Überall in der europäischen Kultur habe er Elemente entdeckt, die ihm wie die Verwirklichung der islamischen Ideale erschienen seien. Die Moralität, die ihm sein islamischer Glaube mitgegeben habe, habe ihn auch vor vielen widrigen Einflüssen beschützt, betont Abouleish, der sich auch zeitlebens für eine Verständigung zwischen den Religionen eingesetzt hat. Den Anfang hatte er mit seiner eigenen Ehe gemacht, bei der er als Moslem eine katholische Trauung akzeptiert hatte. Seminare im SEKEM-Projekt sollten ebenfalls zum gegenseitigen Verständnis der Religionen beitragen.
Abouleish sieht im Islam Entwicklungsbedarf, obwohl seit Jahrhunderten z.B. an der Al Azhar Universität in Kairo zu religionsphilosophischen Fragen geforscht werde, fehlten die Auswirkungen dieser geistigen Bemühungen auf das praktische Leben. Dieses sei im Islam „stark konservativ“. Immer noch werde in vielen Lebensbereichen als Orientierung das angeführt, was der Prophet im 7. Jahrhundert angegeben habe, einer Zeit ohne Industrie, Wirtschaftsleben und Technisierung. Als Konsequenz sieht Abouleish eine mangelnde Innovation im Rechts- und Wirtschaftsleben und auch ein Widerstreit in der Seele des einzelnen Moslem.
 „Doch ich stand immer wieder erschüttert vor der Spaltung des inneren, religiös empfindenden Menschen einerseits, der aus sich und seiner Religion heraus nie dem Boden, den Pflanzen , den Tieren oder seinem Mitmenschen schaden würde – und dem anderen Menschen andererseits, der in der Arbeitswelt steht.“ Dort habe er seine muslimischen Glaubensbrüder „nicht wahrhaftig an die Inhalte ihre Religion anknüpfend“ erlebt. Mit Boden, Geld – ja mit den eigenen Kindern – würde so umgegangen, wie wenn sie einem für alle Ewigkeiten gehörten, mahnt Abouleish in seinem Buch. (S.49/50).
Entscheidender Beitrag
Durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners machte Abouleish die Entdeckung, dass geistige Inhalte sehr wohl in praktische Arbeitsfelder einfließen und dort äußerst nachhaltig wirken können. Bei seinen Reisen nach Ägypten empfand Abouleish jedesmal den Entwicklungsbedarf und litt unter der tiefen Hoffnungslosigkeit, die er bei der Bevölkerung erlebte. „Durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft ahnte ich einen Weg, der sie aus ihrem Elend herausführen könnte“.
Leicht ist dem in Europa wirtschaftlich erfolgreichen Chemiker Abouleish der Abschied dann doch nicht gefallen, als er sich entschieden hatte, nach Ägypten zurückzukehren. „Auf dem Schiff zerriss mein Herz…“ Wie sehr würde er die Kultur vermissen, die Gespräche mit den europäischen Freunden und die philosophischen Lesungen! Auf der anderen Seite habe er jedoch gefühlt, dass er aufgrund seiner Lernfähigkeit, seiner Schaffenskraft und seinem sozialen Können in der Lage sein würde, in Ägypten Entscheidendes beizutragen. Diese Begabungen, so schreibt er, wollten „wie Samen in die Erde Ägyptens versenkte werden, um dort zu neuem Keimen, Wachsen und Gestalten zu verhelfen“.
40 Jahre später ist aus dem Wüstensand ein vorbildliches Projekt hervorgegangen – für Ibrahim Abouleish ein Beispiel für Entwicklung auch an anderen Orten: „Dieses Bild einer Oase inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung ist für mich wie ein Auferstehungsmotiv in der Frühe nach einer langen Wanderung durch die nächtliche Wüste. Es stand modellhaft vor mir, noch bevor die konkrete Arbeit in Ägypten begann. Und doch wollte ich eigentlich mehr: Ich wollte, dass sich die ganze Welt entwickelt“.
Abouleish ist im Fastenmonat Ramadan verstorben. Seine muslimische Religion war für ihn eine entscheidende Kraftquelle, wie auch aus einem Spruch hervorgeht, den er auf die Mauer seiner Grabstätte in SEKEM hat schreiben lassen. Er hatte sie schon zu Lebzeiten errichten lassen und auf der östlichen Mauer ist dort zu lesen:
„Wenn ich sterbe, oh Herr,
werde ich zu Dir zurückkehren.
Ich säte die Samen in Deinem Namen,
und von Dir kommt die Ernte.
Ich entzündete diese Kerze,
oh Herr, bewahre ihr Licht vor den Finsternissen der Welt.“
Literaturhinweis: 
Abouleish, Ibrahim, Die SEKEM-Symphonie: Nachhaltige Entwicklung für Ägypten in weltweiter Vernetzung. Überarbeitete und stark erweiterte Neuauflage, Info3-Verlag, Frankfurt 2015, ISBN 978- 3 – 95779-027-9
Originaltext
SEKEM – 40 Jahre Nachhaltige Entwicklung
Die SEKEM Initiative – Das Wunder in der Wüste
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Der „beruhigende“ Terror des Geldes

Peter Samol, „Streifzüge“
Am 11. April diesen Jahres wurde in Dortmund ein Bombenanschlag auf den vollbesetzten Mannschaftsbus des Bundesligavereins Borussia Dortmund (BVB) verübt. Drei mit Metallstücken versehene Sprengsätze, die vor dem Hotel der Spieler deponiert waren, explodierten, kurz nachdem sämtliche Mannschaftsmitglieder ihre Plätze eingenommen hatten. Der Anschlag verlief relativ glimpflich, denn verletzt wurden lediglich ein Spieler und ein Polizist.
Nach der Tat gingen die Ermittler zunächst von einem extremistischen Hintergrund aus. Ein Bekennerschreiben, das ein islamistisches Motiv nahelegen sollte, erwies sich jedoch rasch als Täuschungsmanöver. Anschließend geriet die rechtsradikale Szene ins Visier der Ermittler, was sich jedoch ebenfalls als Fehlanzeige herausstellte. Auch die letzte in Erwägung gezogene Möglichkeit, wonach es sich um die Tat eines verrückt gewordenen Fußballfans handeln sollte, schied schließlich aus. Auf die richtige Spur führten letztlich auffällige Börsengeschäfte mit Optionen auf die Aktien der betroffenen Mannschaft.
Dazu muss man wissen, dass der BVB der einzige deutsche Fußballverein ist, der als Aktiengesellschaft notiert ist. Ein Käufer hatte auffällig auf eine riesige Menge an Optionsscheinen gesetzt, die nur dann einen Gewinn versprachen, wenn es zu einem enormen Kursverlust der BVB-Aktien käme. Dieser sollte offenbar durch den Anschlag ausgelöst werden. Da gesunde und leistungsfähige Spieler den „Vermögenskern“ eines Fußballvereins darstellen, bestand der Plan des Attentäters darin, möglichst viele von ihnen schwer zu verletzen oder gar zu töten.
Der Täter hatte schon immer vom großen Geld geträumt. Bis zu seinem Bombenanschlag verlief sein Leben innerhalb dessen, was man für gewöhnlich als „geordnete Bahn“ bezeichnet: gute Schulnoten, eine abgeschlossene Lehre und ein sicherer Arbeitsplatz waren vorhanden. All das reichte jedoch nicht aus, den „Traum vom großen Geld“ zu erfüllen. Nachdem einige Versuche mit Sportwetten gescheitert waren, beschloss er, dem Glück entschieden nachzuhelfen. Er mietete sich ein Zimmer im Dortmunder Mannschaftshotel mit Aussicht auf genau jene Stelle, an welcher der Bus abfahren sollte. Dort platzierte er seine drei Bomben und zündete sie zu gegebener Zeit vom Zimmerfenster aus. Zuvor hatte er Schulden in Höhe von 79.000 Euro aufgenommen, mit denen er insgesamt 15.000 Aktienoptionsscheine finanzierte, die auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie setzten. Wäre sein Plan aufgegangen, dann hätte er damit Millionen einnehmen können.
Bei den betreffenden Wertpapieren handelte es sich um so genannte Put-Optionen. Der Inhaber solcher Scheine kann eine bestimmte Menge vorher festgelegter Aktien an einem festgelegten Zeitpunkt zu einem fix vereinbarten Preis verkaufen. Dafür muss man allerdings eine recht hohe Prämie entrichten. Solche Optionsscheine haben nur dann einen Sinn, wenn der tatsächliche Preis zum vereinbarten Zeitpunkt niedriger liegt als der von ihnen garantierte. Ursprünglich stammt dieses Konzept aus der Landwirtschaft und diente dazu, den Landwirten bestimmte Preise für ihre künftigen Erzeugnisse zu garantieren; dadurch gewannen sie Planungssicherheit. Heute gibt es Optionsscheine für alles Mögliche. Nicht nur für Aktien und landwirtschaftliche Produkte, sondern beispielsweise auch für Bodenschätze, Fremdwährungen und viele andere Dinge. Um Optionsscheine zu erwerben, muss man die jeweilige Ware gar nicht besitzen oder herstellen. Man kann sie auch einfach so kaufen. In diesem Fall geht man eine Wette auf eine künftige Preisdifferenz ein. Liegt dann der künftige Marktwert des betreffenden Produkts niedriger als in den Scheinen angegeben, kauft man die entsprechende Menge zum niedrigen Marktpreis auf und verkauft sie sofort wieder zum höherem Garantiepreis der Optionsscheine. Das geht an der Börse blitzschnell, ohne dass man die Ware jemals zu Gesicht bekommt. Auf diese Weise können durch Preisdifferenzen enorme Gewinne gemacht werden; wenn der Marktpreis jedoch nicht unter dem garantierten Preis liegt, dann sind die Optionsscheine völlig wertlos und man verliert sämtliches Geld, das man zuvor für sie bezahlt hat. Im Fall des Dortmunder Attentäters war der angerichtete Schaden nicht groß genug. Zwar sank die Dortmunder Aktie nach der Tat um 5,5 Prozent, damit lag sie aber immer noch über dem garantierten Einkaufspreis der betreffenden Optionsscheine. Der Täter hätte wohl mehr Spieler verletzen müssen. Dann wäre ein dramatischer Kurssturz der BVB-Aktien unvermeidlich gewesen.
Das Motiv für den Anschlag war also schlichte Geldgier. Dass jemand in Tötungs- oder zumindest Verletzungsabsicht Bomben zündet, um sich an der Börse zu bereichern, auf diese Idee war niemand gekommen. Es passte nicht in das Weltbild der Ermittler. Nun kann es den Opfern eines Anschlags eigentlich egal sein, aus welchen Gründen sie um ihr Leben oder ihre Gesundheit gebracht werden. Von daher war die allgemeine Reaktion auf das wahre Motiv des Täters sehr befremdlich. Statt eines allgemeinen Entsetzens über die womöglich tödlichen Konsequenzen der Marktmechanismen folgte nämlich allgemeines Aufatmen. Die Mittelbayerische Zeitung konnte tatsächlich „beruhigende Botschaften“ in der Tatsache finden, dass der Täter von Dortmund weder Mitglied des IS noch Terrorist war, sondern lediglich von Geldgier angetrieben wurde. Das sei zwar „schlimm, aber dennoch beruhigend“. Die Badische Zeitung titelte mit der Überschrift „Aufatmen erlaubt“ und war froh, dass es sich lediglich um einen „gewöhnlichen Verbrecher handelte“.
Zur gleichen Zeit, zu der das wahre Motiv des Dortmunder Attentäters offenkundig wurde, hatte übrigens ein Unbekannter in Konstanz etliche 20- und 50-Euro-Scheine verschenkt, die er in Briefkästen deponierte oder unter Scheibenwischer klemmte. Seine Identität ist bis heute ungeklärt. Das wiederum versetzte viele Menschen in äußerste Unruhe. Offenbar ist es für so manchen Zeitgenossen nachvollziehbarer, wenn einer der Logik des Geldes folgt und sogar bereit ist, dafür über Leichen zu gehen, als wenn jemand Geld ohne ersichtlichen Grund an Unbekannte verschenkt.
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Weltbürgerschaft vs. Nationalismus

Was könnte eine globale Vernetzung von Geflüchteten bewirken?

Ingo Günther, „Berliner Gazette“
Weltbürgerschaft erlangt man nicht durch Antrag auf Ausstellung eines Weltbürgerpasses. Auch wenn es dementsprechende Versuche im Sinne der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gegeben hat. Weltbürgerschaft ist vor allem ein Aufwand, sie ist Arbeit, eine emotionale und intellektuelle Anstrengung. Und sie ist eine Pflicht und das Übernehmen von Verantwortung, wenn auch nicht unbedingt bewusst oder freiwillig.
Historiker, Philosophen, Anthropologen haben der Menschheit das Bewusstsein, sich gemeinsam eine Weltkugel zu teilen, schon seit langer Zeit zugeschrieben, wenn auch zu verschiedenen Zeitpunkten. Sie wurde sowohl mit der entsprechenden Verantwortung konfrontiert als auch mit einer exotischen „Man-of-the-World“-Romantik verführt. Aus einem Verständnis der Interdependenz haben sich die Bausteine der, wenn auch trägen und oft offensichtlich ineffizienten, überregionalen und globalen Institutionen entwickelt. Die Weltbürgerschaft, wenigstens als Sekundäridentität, gehört dazu.
Der Globus für die Hosentasche
Der Taschenglobus aus Papier des 19. Jahrhunderts mag die deutlichste individuelle Manifestation dieses gefälligen Bewusstseins darstellen. Auch der Leuchtglobus des 20. Jahrhunderts scheint Ausdruck einer wohlwollend totalitären, modernistischen Haltung zu sein. Auf diese grobe, auf ein vierzig Millionstel verniedlichte Version der Welt scheinen sich alle Menschen, wenigstens ästhetisch, einigen zu können. Dialogfähig auf Kopfgröße anthropomorphisiert und gleichzeitig abstrahiert, ist Globalität buchstäblich greifbar dimensioniert. Ohne diesen cartesianisch kartografischen Zugriff auf die Welt, ist diese als Gesamtphänomen kaum denkbar. Als Autor einer Serie von inzwischen über tausend Versionen solcher illuminierten Globen versuche ich, den planetaren Zustand in makroskopisch handlichen Einheiten darzustellen.
Ideologisch mag man sowohl den Kosmopolitismus der Aufklärung mit dem Kolonialismus in Verbindung bringen, als auch den Internationalismus mit Weltrettungssolidarität. Der Heartland-Theoretiker Mackinder (Halford John Mackinder war ein britischer Geograph, der von 1861–1947 lebte) inspirierte die geostrategischen Überlegungen der Achsenmächte (und der amerikanischen kalten Krieger), während die Alliierten ein weltverbindendes Luft-See-Netz als perspektivische Garantie ihres Kriegserfolges schon 1942 der amerikanischen Öffentlichkeit als »Airways to Peace« in einem begehbaren Globus präsentierten.
Meine Worldprocessor-Globen, deren Beginn in der Zeit des Kalten Krieges und vor dem Internet liegt, verstanden sich in den ersten Jahren als kritisches Kompendium zur Globalisierung, um einen globaldimensionalen Kontext zur lokalen und nationalen Berichterstattung zu liefern und, wenn auch nicht direkt anzuklagen, so doch die Daten und Perspektiven zu liefern, um Ungerechtigkeiten und Missstände zu erkennen.
Zu meinem Erstaunen musste ich die Mehrzahl der Globen aus den 1990er Jahren innerhalb von zehn Jahren neu bearbeiten und die nachfolgende Generation schon nach durchschnittlich fünf Jahren; heute im Jahresrhythmus. So schnell haben sich die Zustände und Bedingungen verändert.
Globale Geschichte des Fortschritts
Wenn man den westlichen Massen- und sozialen Medien traut, dann steht es um die Welt sehr schlecht, dann haben die humanistischen Ideen (wieder) versagt, die ineffizienten internationalen Institutionen weltbürgerlicher Ideale schlimmstenfalls noch zur unausweichlichen Apokalypse beigetragen. Die globalen Daten haben davon allerdings noch nichts mitbekommen. Sie erzählen (noch) eine andere Geschichte, nämlich die eines sukzessiven Fortschritts.
Im täglichen Nachrichtenschwall der kleinen und großen Katastrophen gehen die langfristigen Erfolge, die die Welt in den letzten fünfzig Jahren zu verzeichnen hat, offensichtlich unter: Immerhin sind wir – nicht zuletzt durch humanistische und weltbürgerliche Ziele geleitet – in der erfolgreichsten entwicklungsgeschichtlichen Phase der Menschheitsgeschichte angelangt. In den letzten fünfzig Jahren hat sich die Weltwirtschaft verfünffacht. Die Kindersterblichkeit ist drastisch gesunken, die Lebenserwartung ist im gleichen Zeitraum von knapp über fünfzig auf nun weltweit über siebzig gestiegen; die Geburtenrate sank von 5 auf 2,4; nie starben weniger Menschen durch Kriegshandlungen als heute.
Das Bewusstsein unserer Zeitgenossen über diese eigentlich spektakulären Erfolge scheint jedoch durch ubiquitäre Katastrophenmeldungen getrübt – eine zufriedene Rückschau auf Geleistetes erfordert eine brutal-makroskopische Perspektive und emotionale Ignoranz, mit der sogar die meisten Politiker zu kämpfen haben. Das nagt auch an der Identität des kritischen Bürgers, der nicht als positivistischer systemimmanenter Ja-Sager lakonisch den Status quo abnicken will. Die Verwerfungen des rasanten Wachstums werden am berstenden, kaum mehr stützenden kulturellen Korsett auch individuell spürbar. Die Daten signalisieren einen Erfolg, der sich nicht mit individueller Ethik verbinden lässt.
Die Welt kommt sich näher, die Welt zerfällt
Benjamin Barber beschrieb schon 1992 die technologiegetriebene Dynamik eines massiven identitätsdemographischen Rutsches: dass die egalisierenden kommunikativen Medien einerseits so etwas wie einen Globalisierungsmenschen (McWorld) hervorbringen, während gleichzeitig die dezentralisierende, anti-hierarchische Natur der Netzwerke die Formierung und Konsolidierung von Splittergruppen (z. B. Dschihadisten) begünstigt. Die Welt kommt sich näher, während sie zerfällt.
Mag die Globalisierung auch noch so große Vorteile mit sich gebracht haben, für die damit verbundenen Verwerfungen und unerwünschten Nebenwirkungen gibt es gerade in Europa und Nord-Amerika eine besondere Sensibilität. Diese Zonen haben die Peak-Weltbürgerschaft, den Scheitelpunkt, bereits überschritten.
Gerade jetzt, da die globalisierte Welt den informierten und bewussten Weltbürger braucht, scheint eher der „Nationalstaatler“ auf dem Vormarsch zu sein, der Weltbürger ist erschöpft und zieht sich zurück. Aber was auch immer man konkret mit dem Begriff verbindet, es besteht der Eindruck, dass Weltbürgerschaft ein zerfallendes, an der Realität scheiterndes Konzept ist. In vielen Teilen der Welt wird versucht, den Staatsgedanken mit Gewalt durchzusetzen, während in anderen Regionen auf die Relativierung der Souveränität des Nationalstaates mit massivem Protest reagiert wird.
Nicht-Bürger und Nicht-Menschen
In der sich entwickelnden Welt, dem Globalen Süden (Global South), sieht es allerdings anders aus. Gerade in den Staaten mit schwach ausgeprägten demokratischen Institutionen gibt es Bevölkerungsschichten, die ohne oder mit mehr oder weniger eingeschränkten, staatsbürgerlichen Rechten überleben müssen. Flüchtlinge, ethnische Minderheiten, Nomaden, religiöse Minderheiten, Staatenlose, illegale Einwanderer, saisonale Migranten etc. gehören dazu.
In den USA leben acht Prozent als Nicht-Staatsbürger, die Hälfte davon etwa als Illegale. In Lettland sind noch immer zwölf Prozent der Bevölkerung Nichtbürger (Nepilsoņi), die vor über zwanzig Jahren auf einen Schlag ihre sowjetische Staatsbürgerschaft verloren und damit zu lettischen Nichtbürgern wurden. Das offiziell kommunistische China hat ein Residenzrecht (Hukou = Wohnsitzkontrolle), das die Zuwanderung in die großen Städte zwar nicht unterbindet, aber einen de facto zweitklassigen Nichtbürger schafft, der von Sozialleistungen ausgeschlossen ist.
In Japan gibt es neben den koreanischen Nichtbürgern (von denen etwa ein Drittel die nordkoreanische Staatsbürgerschaft hat) auch eine Untergruppe der Burakumin, die sogar als Hinin ( 非人 , Nicht-Menschen) bezeichnet werden.
Dass sich aus den Schichten der Nicht-Bürger eine neue Generation des Weltbürgers entwickelt, ist sehr viel wahrscheinlicher als der Weg über die Expansion der Staatsbürgeridentität. Zur Neuauflage des Weltbürgers wird die Flüchtlingssituation also genauso beitragen wie die vergleichsweise inhumanen Arbeitsbedingungen der Migrationsarbeiter. Anstatt den Globalismus für ihre Misere verantwortlich zu machen, hoffen die Menschen unter ungerechten Verwaltungen auf Weltoffenheit und Mitgliedschaft im globalen Club der Menschen.
Die Zukunft liegt nicht in Europa
Laut einer weitgefächerten Erhebung des letzten Jahres ist der neue Weltbürger (im Sinne des durchschnittlichen Bürgers dieser Welt) sowohl ein hoffnungsvoller Weltbürger als auch einer, der sich gleichzeitig an die manifesteren nativen und religiösen Identitätsstifter klammert.
Tatsächlich sieht sich in den Nicht-OECD-Staaten eine deutliche Mehrzahl der Bewohner eher als Weltbürger denn als Staatsangehörige ihres Landes. Immerhin sind es aber dennoch etwa 17 Prozent der Weltbevölkerung für die Weltbürgerschaft das entscheidende Identitätskriterium ist, also gewichtiger als Nationalität.
Während dieser Trend vor allem in Deutschland und Russland seit 2009 rückläufig ist, sind es die schnell wachsenden städtischen Zonen in Afrika und Asien, in denen die Weltbürgerschaftsidentität expandiert. In Ländern wie Nigeria, China, Peru oder Indien gibt es das deutlichste mehrheitliche Sentiment für eine internationalistische Identität. Gleichzeitig wird Nationalität überwiegend als entscheidendes Kriterium der Identität angegeben. Hier mögen Wunschbild, Protest und Realismus aufeinandertreffen. Potential und Offenheit sind aber konzeptionell in der nicht-westlichen Welt auf dem Vormarsch und deuten auf ein hoffnungsvolleres Szenario als das, vor dem die OECD Staatsbürger sich nativ zurückziehen wollen.
Seit den 1990er Jahren tauchen in aller Welt staatsartige Projekte auf, die als Adapterzonen zum planetaren Welthandelsgefüge dienen sollen. Diese Special Economic Zones (SEZs) tragen gleichzeitig das noch unerfüllte Potential als Experimentierfelder für neue Gesellschaftsverträge, während sie gleichzeitig vor Überfremdung schützen sollen. Eine Vernetzung dieser exterritorialen Globalzonen ist ebenso denkbar, wie die weltweite Vernetzung der Flüchtlingslager, wie ich es schon 1994 im Konzeptpapier zu einer Flüchtlingsrepublik beschrieben habe.
Der risikoreiche Versuch, über die eigenen kulturellen und instinktiv gezogenen Grenzen hinwegzuschreiten und den Mehrwert in der Heterogenität der Menschen zu finden und ihn zu nutzen, ist bei allen Widersprüchen und Konflikten ein sich weiterhin entwickelndes Projekt, dessen Protagonisten mehrheitlich nicht mehr in Europa leben.
Die Weichen der Welt stehen also gar nicht schlecht für den „Global Citizen 3.0“ der nächsten fünfzig Jahre. Denn all das könnte in naher Zukunft eine kritische Masse entwickeln – gerade dann, wenn die Menschheit sich in schnellen evolutionären Schritten biotechnologischer Optimierung als „transhuman“ definieren wird.
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Gelöstheit als Grundlage für ein gelingendes Leben

Prof. Dr. Peter Kern, „Haus des Verstehens“
Es gibt heutzutage einen zeitgeistbedingten unerbittlichen Imperativ, der uns allen sagt, wie wir leben sollen: Hoch motiviert, anstrengungsbereit, erfolgreich. Man verspricht uns, wer viel leistet, der könne sich dann auch viel leisten. Das Lebensziel wird pausenlos und überall vorgegeben: Man müsse am materiellen Wohlstand exzessiv teilhaben, man solle alle diese Attribute des Ansehens haben, als da sind: schönes Haus, Zweitwohnung, teure Wagen, aufwändige Partys, Ess-Events und Urlaube an exklusiven Orten. Wer das nicht zureichend schafft, gilt als Loser.
Verlierer wollen wir nicht sein, also motivieren uns Angst und Furcht pausenlos, Gewinner zu werden und zu bleiben. Uns treibt die Sorge um nach bedingungsloser permanenter Erhöhung unserer Lebens-Genüsse, und wir streben ebenso bedingungslos nach allseitiger lückenloser Sicherheit für unser Leben. Uns geht es, recht egozentrisch, um ein in jeder Hinsicht mangelloses, genussreiches und völlig abgesichertes Leben. Voraussetzung für diesen Lebensstil ist der machtförmige, sich überall durchsetzende souveräne Erfolgsmensch, der gelegentlich auch schon mal über Leichen geht.
Es geht gar nicht anders, für diesen materiellen Lebensstil zahlen wir alle unseren Preis. Längst haben wir aus Werten nur noch Waren gemacht. Alle Lebensbereiche unterliegen inzwischen dem Diktat der Monetarisierung. Der Sinn von Sport, Politik, Recht, Wissenschaften, Künsten, ja Ethik und Religion ist unter das domi­nante Deutungsmuster der Ökonomie, und darin des Geldes, geraten. Was zählt ist das, was käuflich und verkäuflich ist und monetäre Gewinne bringt. Selbstreferentielle Verdummungsstrategien, ausschliesslich im Dienste des Kapitals, lassen die Massen vergessen, was ein  menschliches Leben sein könnte. Die Medien haben mehrheitlich ihre Aufklärungs­kraft verloren; ihre Journalisten haben sich vielfach hinabgestuft bzw. hinab­stufen lassen zu blossen Unterhaltungsanimateuren. Die Schulen und Hochschulen sind dank der Bologna-Reform längst zur Magd der Wirtschaft geworden. In ihnen werden ökonomietaugliche Funktionäre für den Markt produziert. Und in den Firmen geht die Angst um, und das auf allen Hier­archiestufen; auch Top dogs  fallen heute tief. Es herrscht der Mammonismus.
Indem wir uns dieser Herrschaft beugen, degradieren wir uns zu Halbmenschen. Wir folgen nur noch den Imperativen unserer genusssüchtigen Leiblichkeit und unserer ökonomisch funktionalen Gesellschaftlichkeit. Auf diesen beiden Ebenen sind wir bereit, uns bis zur krankmachenden Überforderung zu verausgaben. Dass wir Menschen mehr sein können als Natur und Gesellschaft imstande sind aus uns zu machen, ist uns aus dem Blick geraten.
Durch diesen aussengeleiteten materiellen Lebensstil bleiben wir eingekerkert in einer eigenmächtigen Selbstbefangenheit. Wir sehen nicht, was nottut und möglich wäre. Schon um der Natur willen wäre ein weniger luxurierender Lebensstil überlebensnotwendig. Und möglich wäre ein Leben, das sich nicht im Leistungs-Kampf erschöpft, sondern aus mitgeschöpflicher und vernunftgeleiteter Solidarität mehr Gerechtigkeit, Frieden und nachhaltige Zukunftsfähigkeit schafft. Das allerdings setzte die Überwindung unserer angstmotivierten Befangenheit voraus, ein Freiwerden unserer Person für einen auch spirituellen Leistungsbegriff.
Doch die Preisgabe der eigenmächtigen Selbstbefangenheit im Materiellen streben wir erst gar nicht an.  Wir sind wie benommen und berauscht vom pausenlosen Mehr, Höher, Weiter so des quantitativen, letztlich  todbringenden Wirtschaftswachstums. Wer „small is beautifull“ fordert, wer sagt, weniger sei mehr, der wird wahrgenommen als jemand, der eine asketische Verzichtskultur fordert. Er wird nicht ernst genommen.
Im aussengeleiteten materiellen Lebensstil übersieht man jedoch zwei bedeutsame anthropologische Phänomene, zwei, den Menschen ganz zentral bestimmende Erscheinungen. Zum einen ignoriert man die Differenz zwischen Bedürfnissen und Begehrungen; zum anderen leugnet man den unaufhebbaren Charakter von Widerfahrnissen im menschlichen Leben.
Zur Differenz zwischen Bedürfnissen und Begehrungen.
Wir Menschen sind bedürftig, wie alle Lebewesen auch. Wir bedürfen der sauberen Luft zum Atmen, des reinen Wassers zum Trinken, der möglichst naturbelassenen Nahrung. Wir bedürfen der Fürsorge durch den Anderen in einer guten Gemeinschaft. Wir bedürfen der freundschaftlichen Gespräche und der unsere Existenz tragenden Liebe. Wir bedürfen des Wechsels von Anspannung und Entspannung. Wir bedürfen einer inneren Gelassenheit, wenn unser Leben gelingen soll.
Demgegenüber begehren wir vielerlei, was wir für ein gelingendes Leben gar nicht brauchen, denn nicht jedes Begehren entspricht einem Bedürfen. Das Kind bedarf des Schlafes; es begehrt aber die Fernsehsendung zu später Stunde. Wir Erwachsenen begehren in unserer luxusorientierten Konsumgesellschaft das schöne grosse Haus, die prestigeträchtige Zweitwohnung, den teuren repräsentativen Wagen, die aufwändigen Partys, die glamourösen Ess-Events, und wir begehren möglichst viele Urlaube an exklusiven Orten.
Sind solche Begehrungen berechtigt? Kaum, wenn dieser Satz gilt: Begehrungen, deren Befriedigung der Eudämonie beraubt, entsprechen nicht unserer existentiellen Bedürftigkeit.
Was heisst hier Eudämonie? In der sokratisch-platonischen Tradition bedeutete es „Ruhe der Seele“, eine Art „philosophischer Gelassenheit“, eine „wissende Gelöstheit“, aus der heraus man nicht alles haben muss. Im Deutschen wird das altgriechische Wort „Eudämonie“ mit dem auslegungsbedürftigen Begriff „Glückseligkeit“ wiedergegeben. Versuchen wir, die gemeinte Sache zu verstehen. Um all die Begehrungen befriedigen zu können, die wir gelernt haben in der Konsumgesellschaft anzustreben, müssen wir viel leisten. Wir müssen dafür hart arbeiten. Wir kommen deshalb immer mehr unter Druck, wir erleiden negativen Stress. Wir begehren also Dinge, die nur durch ein überfordernd arbeitsames, hektisches, stressreiches, ruheloses Leben zu haben sind. Wenn wir uns die Daumenschrauben der Leistungsgesellschaft fest genug haben andrehen lassen, gelingt plötzlich unser Leben nicht mehr. Wir haben unserer Seele die Ruhe geraubt. Wir haben unbesonnen gelebt. Wir werden Opfer des Burn-out-Syndroms, wir werden in vielfältigen Weisen physisch und psychisch krank. Die Begehrungen haben uns die Eudämonie, die Glückseligkeit genommen. Unser Leben gelingt nicht mehr, es scheitert. Begehrungen, die uns der Eudämonie berauben, sind also nicht berechtigt.
Und was wird im aussengeleiteten materiellen Lebensstil noch übersehen? Der Widerfahrnischarakter des menschlichen Lebens.
Widerfahrnisse sind Ereignisse, die nicht in unserer menschlichen Macht liegen. Das sind nicht selbst verschuldete Krankheiten genau so wie unvorhergesehene positive Begegnungen oder uns niederzwingende Schicksalsschläge. Das grösste Widerfahrnis, dem wir ausgesetzt sind, ist der Tod. Wir Menschen sind sterblich. Dieses Faktum widerstreitet mit unserer modernen Einstellung, ein mangelloses Leben führen zu wollen. Widerfahrnisse werden von uns als Mangel erlebt. Widerfahrnisse blenden wir deshalb angstbesetzt aus, auch den Tod. Stattdessen begreifen wir uns als souveräne Erfolgsmenschen, die ihr Leben wie ein Herrscher führen wollen: in jeder Hinsicht versichert, abgesichert, erfolgreich handelnd und bedenkenlos geniessend. Wir wollen alles im Griff haben.
Wer sich jedoch unreflektiert von nie endenden Begehrungen verführen lässt, und wer die Widerfahrnisse des menschlichen Lebens verdrängt und ausblendet, der manövriert sich in krankmachende Überforderungen, die in der Selbstentfremdung enden. Das Burn-out-Syndrom ist Ausdruck solcher Entfremdungsprozesse und Überforderungen.
Gibt es Wege aus diesem letztlich zerstörerischen Lebensstil?
Um hier zu antworten, verändern wir probehalber einmal die Fragestellung. Wir fragen nicht länger, wie wir heute leben sollen, nämlich erfolgreich in der ökonomischen Leistungsgesellschaft. Stattdessen fragen wir, wie wir heute auch leben könnten. Eine Antwort wäre dann: Wir könnten ganzheitlich im Kosmos leben, der mehr ist als eine nur ökonomisch auf Gewinn und Verlust getrimmte Welt.
In diesem Falle streben wir nicht vorrangig nach quantitativem ( Wirtschafts- )Wachstum, sondern nach einem gelingenden Leben. Gelingend ist dieses andere Leben deshalb, weil es uns nicht in die krankmachenden Überforderungen bis hin zum Burn-out treibt. Dann ist unser Leitbild nicht länger das vollkommen mangellose und völlig abgesicherte Leben, sondern die Preisgabe dieser eigenmächtigen Selbstbefangenheit im rein ökonomischen Horizont. Wir vermögen durch eine solche Preisgabe die uns peinigende Angst zu überwinden und werden anthropologisch frei, aus einer Leben fördernden und Leben erhaltenden Liebe zu leben. Diese Liebe hiess antik-philosophisch Agape, christlich Caritas. Voraussetzung für ein solches Leben aus dem Ursprung der Liebe ist, dass wir lernen, die Begehrungen, die uns der Eudämonie berauben, fallen zu lassen. Konkret bedeutet das, dass wir uns beispielsweise nicht länger auf die Leben zerstörende Warenwelt unsrer Konsumgesellschaft versteifen, also den künstlich in uns erzeugten Begehrungen folgen, sondern frei werden, Güter zu entdecken und Erfahrungen zu machen, die wir im alten Leben bisher übersahen, dass wir uns also Leben fördernden und Leben erhaltenden Bedürfnissen anvertrauen. In der Konsum- und Warenwelt, so sahen wir, begehren wir ein Haben-orientiertes hektisches Leben, bis zur physischen und psychischen Zerstörung unserer Person, in Wahrheit sind wir aber, antik-philosophisch gesprochen, der „inneren Ruhe“ bedürftig, die keine individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen zur Folge hat. Wir können also lernen, loszulassen. Und in diesem Loslassen machen wir die Erfahrung der Gelöstheit. Gelöstheit ist das Loslassen-Können von allem, das uns durch Begehrungen bindet. In anderen Worten: Die Überwindung der uns zerstörenden Begehrungen wird anschaulich durch eine doppelte Abkehr; wir befreien uns von den Strebungen nach bedingungsloser Lebens-Sicherheit und wir befreien uns von den Strebungen nach bedingungslosem Lebens-Genuss.
Wer noch aus der Grundbefindlichkeit der Angst lebt, wer das bedingungslose Streben nach Daseins-Sicherheit und Daseins-Genuss als beherrschendes Leitbild verinnerlicht hat, legt jetzt Protest ein. Lebens-Sicherheit und Lebens-Genuss als Leitbilder infrage zu stellen, beschwört bei ihm noch mehr Angst herauf. Er kann ein solches Ansinnen nur als asketischen Verzicht denken. Verzicht ist für ihn Mangel, und Mangel erträgt er ja nicht, wie wir sahen.
Der dominant erfolgsorientierte Leistungsmensch gerät in Panik. Folglich will er nicht und kann er nicht, was ihn retten könnte: loslassen.
Im Wagnis des Loslassens können wir eine qualitativ ganz neuartige Wert-Erfahrung machen, die uns befreit vom Zwang, Sicherheit und Genuss als ausschliessliche Lebensziele zu akzeptieren.  Wir erfahren in dieser neuartigen Wert-Erfahrung, dass es prinzipiell keine absolute Sicherheit in dieser Welt gibt. Angesichts des Widerfahrnischarakters des menschlichen Lebens kommen wir zur Einsicht, dass der Versuch, sich bedingungslos abzusichern, unvernünftig ist. Ebenso unvernünftig ist es, sich unbegrenzt den Begehrungen des immer grösseren Lebensgenusses auszusetzen. Solche Begehrungen kommen nämlich nie zur Ruhe. Je mehr er hat, je mehr er will, nie stehen seine Sorgen still, sagt schon ein Sprichwort. Es ist also eine gefährliche Illusion, sich das Leben als völlig abgesichert und mangellos vorzustellen. Indem wir diese Illusion verabschieden, indem wir lernen, die damit verbundenen Begehrungen loszulassen, erfahren wir, dass die Preisgabe dieser Illusion gar kein asketischer Verzicht ist, im Gegenteil. Erst diese Preisgabe wird zur Bedingung der Möglichkeit eines wahrhaft gelingenden Lebens. Wir sind jetzt nicht mehr die angstmotivierten, machtförmig handelnden Haben-Menschen, die nur egoistisch um sich selbst kreisen. Wir erfahren durch die Preisgabe jene innere Ruhe, jene Gelöstheit und Gelassenheit, die es uns ermöglicht, auch aufmerkend und dankend hinzunehmen.
Originaltext
Veröffentlicht unter Éthnos, Bewußtsein, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen | 2 Kommentare