Im Duft verweht die Zeit zu ew’ger Dauer

Die ‚Weihrauch-Uhr‘ im alten China

Hsiang yin nannte man im früheren China die „Weihrauch-Uhr“, in der die Zeit die Form des Duftes annahm.
von Byung-Chul Han „Brennstoff“
Blumen ragen rot aus der Vase
Weihrauch steigt auf in Spiralen.
Weder Fragen noch Antworten,
das Ruyi‘ achtlos am Boden.
Dian ließ den Ton seiner Zither vergehen,
Zhao enthielt sich des Seitenspiels:
In all dem ist eine Melodie,
die man singen und nach der man tanzen kann.
Su Dongpo
In China war eine hsiang yin (wörtlich: Duftsiegel) genannte Weihrauch-Uhr bis Ende des 19. Jahrhunderts im Gebrauch. Die Europäer hielten sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts für ein gewöhnliches Räuchergefäß. Offensichtlich war ihnen die Idee einer Zeitmessung mit Weihrauch fremd, vielleicht die Vorstellung überhaupt, dass die Zeit die Form eines Duftes annehmen könnte. Diese Uhr heißt deshalb »Duftsiegel«, weil ihr abbrennbares Teil aus Weihrauch ein siegelförmiges Gebilde darstellt.
Das Weihrauch-Siegel ist eine Figur aus einem durchgehenden Strang, so dass die Glut es ganz durchwandern kann. Eine Schablone, die häufig ein Schrift-Muster enthält, wird mit zerriebenem Weihrauch gefüllt. Wird sie gehoben, entsteht ein Schriftbild aus Weihrauch. Es besteht entweder aus einem einzigen Zeichen, häufig fu (Glück), oder aus mehreren Zeichen, die zusammen auch ein Koan bilden können. How many lives before I obtain my flowers. So lautet ein rätselhaftes Koan auf einem Weihrauch-Siegel. Eine Blume in der Mitte des Siegels ersetzt das Wort »my flowers«. Das Siegel ist selbst wie eine Pflaumenblüte geformt. Die Glut zeichnet das Blumen-Koan gleichsam nach, indem sie das ganze Siegel Zeichen für Zeichen durchwandert, d.h. abbrennt.
Hsiang yin heißt auch die Weihrauch-Uhr, die aus mehreren Teilen besteht. Das Duft-Siegel aus Weihrauch brennt in einer reich verzierten Dose, geschützt vom Luftzug durch einen Deckel mit den ebenfalls zu Schriftzeichen oder anderen Symbolen gestalteten Öffnungen. In die Dose sind oft Texte philosophischen oder poetischen Inhaltes eingraviert. Die ganze Uhr ist also umrankt von duftenden Worten und Bildern. Schon die ganze Bedeutungsfülle der eingravierten Verse verströmt einen Duft. Ein hsiang yin, dessen Deckel eine blumenförmige Öffnung hat, trägt folgendes Gedicht auf einer seiner Seitenwände:
You see the flowers
You listen to the bamboo
And your heart will be at peace.
Your problems will be cleared away.
The ground burns
Fragrant music
You will have …
Der Weihrauch als Medium der Zeitmessung unterscheidet sich in vieler Hinsicht vom Wasser oder vom Sand. Die Zeit, die duftet, verfließt oder verrinnt nicht. Und nichts entleert sich. Der Duft des Weihrauchs füllt vielmehr den Raum. Ja er verräumlicht die Zeit, gibt dieser dadurch den Schein einer Dauer. Die Glut läßt den Weihrauch zwar unablässig in Asche übergehen. Aber die Asche zerfällt nicht in Staub. Sie behält vielmehr die Form des Schriftzuges. So verliert das Weihrauch-Siegel selbst als Asche nichts an Bedeutung. Die Vergänglichkeit, an die möglicherweise die unaufhaltsam vorrückende Glut gemahnt, weicht der Empfindung einer Dauer.
Das hsiang yin duftet wirklich. Der Duft von Weihrauch intensiviert den Duft der Zeit. Darin besteht die Raffinesse dieser chinesischen Uhr. Das hsiang yin zeigt die Stunde im duftenden Fluidum der Zeit an, das weder verfließt noch verrinnt.
I sit at peace – burning an incense seal,
Which fills the room with scent of pine and cedar.
When all the burning stops, a clear image is seen,
Of the green moss upon the epigraph’s carved words.
Der Weihrauch füllt den Raum mit dem Pinien- und Zedernduft. Der duftende Raum beruhigt und befriedet den Dichter. Auch die Asche gemahnt nicht an die Vergänglichkeit. Sie ist das »grüne Moos«, das das Schriftbild sogar hervorhebt. Still steht die Zeit in den Düften von Pinien und Zedern. Sie kommt im »klaren Bild« gleichsam zum Stehen. Eingerahmt in eine Figur, verrinnt sie nicht. Sie ist gehalten, ja angehalten im Duft, in dessen zögernder Weile. Auch die Rauchwolken, die vom Weihrauch aufsteigen, werden figural wahrgenommen. Ting Yün schreibt:
Butterflies appear as if in a dream,
Twisting and reeling about like dragons,
Like birds, like the phoenix,
Like worms in spring, like snakes in the fall.
Die Fülle von Figuren läßt die Zeit wie zu einem Gemälde gerinnen. Zeit wird Raum. Auch das räumliche Nebeneinander von Frühling und Herbst hält die Zeit an. Es entsteht ein Stilleben der Zeit.
Dem Dichter Ch’iao Chi erscheint die Rauchwolke des hsiang yin wie eine alte Schrift, die ihm ein tiefes Gefühl der Dauer vermittelt.
Like billowing silks, sinuous, cloud-tipped
Smoke has written ancient script,
From the last of the incense ash to burn.
There lingered warmth in my precious urn,
While moonlight had already died
In the garden pool outside.
Es handelt sich um ein Gedicht an die Dauer. Während das Mondlicht im Gartenteich längst erloschen ist, ist die Asche nicht ganz erkaltet. Das Weihrauchgefäß strahlt noch die Wärme aus. Die Wärme hält an. Diese zögernde Weile beglückt den Dichter.
Der chinesische Dichter Hsieh Chin (1260-1368) schreibt zu dem aufsteigenden Rauch des Duftsiegels:
Smoke from an incense seal marks the passing
Of a fragrant afternoon.
Der Dichter bedauert hier nicht, dass ein schöner Nachmittag vorbei ist, denn jede Zeit besitzt einen Eigenduft. Warum das Vorbeigehen des Nachmittags bedauern? Auf den Duft des Nachmittags folgt der Wohlgeruch des Abends. Und die Nacht verströmt ihren eigenen Duft. Diese Düfte der Zeit sind nicht narrativ, sondern kontemplativ. Sie sind nicht in ein Nacheinander gegliedert. Vielmehr ruhen sie in sich.
Hundert Blumen im Frühling, im Herbst der Mond –
Ein kühler Wind im Sommer, im Winter Schnee.
Wenn am Geist nichts Unnützes haftet,
Dies fürwahr ist für den Menschen gute Zeit.
Zugang zur guten Zeit hat jener Geist der sich des „Unnützen“ entleert. Gerade die Leere des Geistes, die diesen vom Begehren befreit, vertieft die Zeit. Diese Tiefe verbindet jeden Zeitpunkt mit dem ganzen Sein, mit dessen duftender Unvergänglichkeit. Es ist das Begehren selbst, das die Zeit radikal vergänglich macht, indem es den Geist fortstürzen lässt. Wo er still steht, wo er in sich ruht, entsteht die gute Zeit.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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