Sein, Staub und Zeit

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Der erste und der letzte Dreck
Wir kennen die altehrwürdige philosophische Frage „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ – Aus einer alltäglichen Perspektive müsste man erwidern: Aber es gab doch mal etwas und jetzt ist vielmehr nichts! Dieses Nichts ist der Staub. Ein unscheinbares und allgegenwärtiges Medium, das uns umhüllt, in dem wir alle leben. Aus Staub wird bekanntlich alles, zu Staub wird alles. Staub ist der erste und der letzte Dreck. Gemäss einer Hypothese entstand Leben aus kosmischem Staub. „Im Schweisse deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück“, sagt uns das erste Buch Mose. Staub ist sozusagen der Inbegriff der Endlichkeit allen Seins. Und er verdient deshalb etwas mehr philosophischen Respekt.
Staub und Geschichte
Staub, das ist Materie, die nicht mehr ist, was sie einmal war: Partikel, die ehedem teilhatten an einem zeitweilig beständigen, kohärenten, strukturierten Stück Welt – und die jetzt, verstreut und verweht, als diffuse Erinnerungsspuren zurückbleiben. „Staub, an die Luft verschwendet / Zeigt den Ort, wo die Erzählung endet. / Staub, den man atmet, war einmal ein Haus – / War Wand, war Täfelung, war Maus“ , heisst es in T. S. Eliots „Liddle Gidding“. Wir alle, ob lebendig oder nicht, sind Zulieferer in der universellen Staubproduktion. Und durch den Staub spricht die Zeit zu uns, die entropische Geschichte von allem: Ordnung zu Unordnung, Zusammensetzung zu Zersetzung, Ding zu Staub. Von selbst wird der Staub nicht mehr zu den Dingen, die er einmal war. Aus dem Staub lesen wir zumindest dies: Alle Vorgänge sind unumkehrbar, geschichtlich (oder vorsichtiger: sind nicht vollständig umkehrbar).
Materie am falschen Ort
Staub ist zunächst natürlich eine Belästigung. Er stört die ideale Ordnung unseres Hauses, unserer Wohnung, überzieht Möbel, Lampen, Utensilien, Fensterbretter, Bilder, Wände mit seinen Schichten, kriecht als Wollmaus in Ecken, Ritzen und unters Bett, verkrallt sich als Flusen in Teppich und Kleidung, klebt an Radiatoren, verursacht Allergien, Krankheiten und vor allem: er hat die Selbstsammeltendenz; Staub zieht Staub an, elektrostatisch.
Staub ist Materie am falschen Ort, sagt man. Aber wo ist der richtige Ort? Im Abfallkübel, im Staubsaugerbeutel, in Gruben, Deponien, Brachen, verwüsteten Teilen der Erde? Die Verstaubung der Erde nehme zu, liest man. So eifrig wir den Staub an einem Ort entfernen, so unvermeidlich häuft er sich an einem anderen. Wir bekommen es offenbar mit einer Dialektik der staubfreien Zivilisiertheit zu tun. Die Zahl der Allergien soll gerade in „entwickelten“ Gesellschaften steigen. Der staub- und dreckentwöhnte Mensch reagiert umso empfindlicher auf Immissionen, weil die natürlichen Abwehrmechanismen verkümmern. Wir scheinen uns durch Entstaubung dermassen aus natürlichen Zyklen ausgeklinkt zu haben, dass schon elementare Lebensfunktionen wie Atmen und Essen problematisch werden. Allergische Reaktionen zeigen uns an, dass wir selbst mitten im Leben „am falschen Ort“ sind.
Eine metaphysische Allergie
Staub stellt uns vor metaphysische Fragen. Eine betrifft die Materialität unserer Existenz. Dass wir körperliche Wesen sind und an der körperlichen Welt teilhaben, ist kaum zu leugnen. Es gab und gibt aber Menschen, die sich damit nicht anfreunden können. Staub stellt für sie quasi das Symbol einer Existenzform dar, die es zu überwinden gilt. Diese Leute sind beseelt vom Wunsch, sich quasi vom Staub der ganzen Körperlichkeit zu befreien. So wie wir allergisch gegen Hausstaub sein können, so können wir auch eine metaphysische Allergie gegen „Existenzstaub“ entwickeln, gegen unser Materiesein schlechthin. Wir kennen die Tradition der frühchristlichen Gnosis. Ihrer Lehre zufolge birgt dieser vergängliche „Staubklumpen“ Mensch einen unvergänglichen Kern, den Glauben nämlich an eine staubfreie Existenz. Dieser alte Glaube lebt heute fort in einer Art von Techno-Gnosis, die Cyber-Evangelisten als das machbare Reich des Fortbestehens in den „elysischen“ Gefilden des Daten-Universums verkünden. Ein Fortleben im Datenstaub. –
Der „zerstäubte“ Mensch
Man spricht in der Physik von dissipierter, „wertloser“ Energie: Energie, die in Form von Wärme nicht mehr nutzbar gemacht werden kann. Staub ist analog zur Wärme eine Form von dissipierter, in alle Richtungen zerstreuter und verflüchtigter Materie. Und er bietet sich als weitere Analogie an, nämlich für den „dissipierten“ Menschen im 21. Jahrhundert, dessen Lebensformen immer „staubförmiger“ werden. Kein Schriftsteller hat diesen Prozess der Zerstreuung eindrücklicher geschildert als das unglückliche Junggenie David Foster Wallace, der sich 2008, im Alter von 46 Jahren, das Leben nahm. Sein ungeschlachtes Opus magnum „Unendlicher Spass“ dreht sich im Grunde um die unendliche Zerstreuung des Menschen im Konsumuniversum, die unendliche Zersplitterung unserer Aufmerksamkeit, ein buchstäbliches Zerstäuben unserer Existenz, welche im Fall von Wallace, in Depression mündete. Staub, so liesse sich sagen, ist ein Geisteszustand.
Eat My Dust!
Wenn unser heutiger Lebensstil viel Staub aufwirbelt, dann muss man den Blick auf eine innere Ursache werfen. Staub ist ein Beiprodukt unserer entfesselten Unrast, unserer Unfähigkeit – wie Martin Heidegger gesagt hätte – zu wohnen. Sie manifestiert sich nicht nur in der Manie einer Hypermobilität auf Strassen, in der Luft und auf dem Wasser, einer globalen Hyperproduktion von Waren, sie infiziert auch unsere Psychen. Symptomatisch ist die Mentalität des Rattenrennens, in Wirtschaft, Politik, Erziehung, Kultur; einer Geisteshaltung, die nur darauf abzielt, den anderen hinter sich zu lassen. Die grenzdebile Devise lautet: Eat my dust! – Friss meinen Staub! Es gibt bloss Gewinner und Verlierer. Aber der Sieg in dieser ganzen irren Rivalität kann nur Niederlage bedeuten. Denn es wird immer weniger Gewinner geben und am Ende werden die Gewinner sich selbst hinter sich gelassen haben und den eigenen Dreck fressen.
Entstauben von Sprache und Denken
Man kann, so wie man Haushaltsgegenstände abstaubt, auch Wörter und Ideen vom Staub des gewöhnlichen Gebrauchs befreien. Poesie lässt sich in diesem Sinn als Sprachentstaubung interpretieren. Man holt  aus „verstaubten“ Wörtern eine Bedeutung hervor, die sie vielleicht im Laufe der Zeit verloren haben, einen ursprünglichen, unverfälschten  Klang. Wie man zum Beispiel eine Tischplatte wieder zum Glänzen bringt, so bringt man ein Wort zum Glänzen. Es wird dann nicht nur gebraucht, es „erscheint“ buchstäblich im ursprünglichen Sinn des „Phänomens“. Poetische Worte sind Phänomene gewordene Worte.
Das sollte aber nicht zum Missverständnis führen, dass in entstaubten Wörtern und Dingen ein zu „entbergender“ Wesenskern an Unverfälschtheit oder Ursprünglichkeit schlummern würde. Etwas unter dem Staub zum Vorschein bringen erinnert eher an die Neugier des Kindes, an die Art, wie es am Entdecken Geschmack findet, mit einer Mischung aus Erregung, keimendem Verständnis und Unsicherheit. Indem sie Gemeinplätze abstauben, können Poesie und Denken eine magische Allianz eingehen, der eine Einstellung zur Welt erwächst, als sähen wir sie zum ersten Mal. Abstauben erinnert an den alten alchimistischen Prozess der Transmutation: Selbstverständliches, Routinemässiges, Banales erscheinen plötzlich im Alembik der Sprache in glanzvolle Juwelen verwandelt.
Die unendliche Aufgabe
Staub verschleiert die Sicht auf die Dinge. Entstauben hat also zweifellos einen aufklärenden Impetus. Aber zugleich macht es uns auch auf die Vergeblichkeit des Wunsches aufmerksam, ein für allemal unsere Voreingenommenheiten und Vorurteile von uns „abwischen“ zu können. So wie im Haushalt der Staub sich immer wieder ansammelt, wenn wir ihn entfernt haben, werden Vorurteile auch nach so gründlicher kritischer „Entstaubung“ nicht verschwunden sein. Die Anstrengung kritischen Denkens muss wie Staubwischen stets wieder von vorne ansetzen. Das gehört zu unserer Condition humaine: Wir stecken tief im Staub, im materiellen wie geistigen, und Entstauben – im buchstäblichen und übertragenen Sinn –  ist eine unendliche Aufgabe. Wie die Philosophie.
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Sein, Staub und Zeit

  1. Guido Vobig schreibt:

    Staub als Metapher für das Paradoxon, welches der Mensch verkörpert. Wunderbar von Herrn Kaeser in Worte gefasst und in Resonanz mit meinem Verständnis menschlichen Daseins. EIN Dasein, das sich mehr und mehr in EINEM immer komplexer werdenden Kettenhemd selbst verstrickt:

    https://guidovobig.com/2018/01/26/verstrickt-im-komplexer-werdenden-kettenhemd/

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