Die Andersdenkenden oder: Warum ich Krieg führen muss.

von Egon W. Kreutzer

Vorbemerkung

Im nachstehenden Text wird „das Denken“ als solches in einer eher umgangssprachlichen Weise verwendet, um den ersten Zugang zu den hier geäußerten Gedanken zu erleichtern. Im Grunde geht es aber nicht um das Denken, also jenen Prozess in welchem das Zusammenwirken von Wissen und Intelligenz zu Erkenntnissen gelangt und Pläne schmiedet, sondern um jene archaischen Artefakte unseres Wesens, die aus der Dualität von Wohlgefühl und Schmerz herrühren, welche dem, was wir gemeinhin „Denken“ nennen, überhaupt erst die Richtung vorgeben. Es handelt sich auch nicht um „Emotionen“ im landläufigen Sinne, sondern um ein Prinzip, das schon herrschte, als die ersten Einzeller im Meer schwammen und dabei versuchten, möglichst nahe an die Oberfläche zu gelangen, nahe ans Licht, nahe an die Energie, denn das war gut für sie.
Alles, was an biologischer und geistiger Entwicklung seitdem stattgefunden hat, hat dieses Prinzip lediglich erweitert und verfeinert, sowie die Mittel zu seiner Durchsetzung verbessert.
Gelegentlich auftretende Mutationen sind entweder schnell untergegangen oder fristen ein kärgliches Dasein, fernab vom Licht, fernab von unserem Teil der Welt.
Insofern soll der Aufsatz „Die Andersdenkenden“ keine Kritik an uns sein, die wir so denken, wie wir denken. Ich will damit aber auch kein Verständnis wecken, für dieses Denken. Es geht einzig darum, vollkommen wertneutral eine Erkenntnis zu gewinnen.
Wenn die Erkenntnis, warum ich bin, wie ich bin, warum du bist, wie du bist, warum der Chef und die Chefin, der Minister und die Ministerin, der Banker und die Sparer so sind, wie sie sind, zu Wissen wird, zu einem Wissen das unter Anwendung der Intelligenz neue Erkenntnisse hervorbringt, könnte die Chance bestehen, die Dominanz dieses Urprinzips ein wenig schrumpfen zu lassen.

Die Andersdenkenden

Oder: Warum ich Krieg führen muss.

Anders denkt, wer nicht denkt, wie wir denken.
Da unser Denken sich über lange Zeit aus geschichtlichen Erfahrungen, aus dem Fortschritt der Wissenschaft und aus den allgemeinen Regeln der Logik entwickelt hat, also im Prinzip durch unsere Existenz und die Geschichte selbst bestätigt ist, denken wir, unter Berücksichtigung unserer Werte, Ziele und Absichten, zweifelsfrei richtig.
Anderes Denken mag aufgrund anderer geschichtlicher Erfahrung, anderer Umwelteinflüsse und anderer Wertvorstellungen entstanden sein und den Andersdenkenden so ebenfalls richtig erscheinen, doch besteht für uns kein Anlass, uns auf dieses andere Denken einzulassen. Im Gegenteil, wenn wir unsere Erfolge, unsere Werte, unsere Ziele festhalten wollen, wäre ein anderes Denken für uns ein falsches und nachteiliges Denken.
So sagt uns dieses, unser Denken, auch, dass ein Überhandnehmen Andersdenkender für uns, unsere Kultur, unsere Errungenschaften, unser Eigentum eine Gefahr darstellt, da die Beeinflussung unseres Denkens durch das Denken Andersdenkender zum Zusammenbruch unserer Ordnung führen würde, wenn die Andersdenkenden, zur Durchsetzung ihres Denkens, nicht gar gewaltsam die Auflösung unserer Ordnung betrieben, um sie durch ihre zu ersetzen.
Was ist nun unser Denken?
Worum dreht es sich, was soll es uns ermöglichen?
Unser Denken ist ein messendes und vergleichendes Denken. Es ist zugleich ein wertendes Denken in den Kategorien von Freund und Feind, von Konkurrenz und Bündnissen.
Unser Denken eröffnet einen Blick von einer so hohen Warte, dass Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß, Gut und Schlecht ohne jeden irritierenden Zwischenton voneinander unterschieden werden können.
Gut ist es, und erstrebenswert, als Freunde im Bündnis über mehr Güter, mehr Vermögen, mehr Macht zu verfügen, als unsere Konkurrenten und Feinde.
Schlecht und nicht erstrebenswert ist es, wenn wir als Freunde im Bündnis mehr Bedrohungen gegenüberstehen, als unsere Konkurrenten und Feinde.
Das ist schon alles.
So einfach ist unser Denken. Und so perfekt.
Dieses Denken gibt uns das Recht, alles zu begehren, was auf dieser Welt noch nicht unser Eigentum ist.
Dieses Denken gibt uns das Recht, alles zu bekämpfen, was auf dieser Welt uns und unser Eigentum bedroht.
Dieses Denken gibt uns das Recht, unsere Interessen als einzig legale Interessen anzusehen und es gibt uns das Recht, unsere Interessen ohne Skrupel gegen unsere Konkurrenten und Feinde mit allen Mitteln durchzusetzen.

Wer anders denkt, ist ein Andersdenkender!

Wer anders denkt – das ergibt sich aus unserem Denken – kann nur unser Konkurrent oder unser Feind sein.
Wer aber unser Konkurrent oder unser Feind ist, bedroht uns.
Wer anders denkt – das ergibt sich aus unserem Denken – muss daher von uns bedroht werden, und zwar sehr viel mehr als er uns bedroht.
Wer anders denkt – das ergibt sich aus unserem Denken – muss vernichtet werden, denn er will uns unseren berechtigten Anspruch auf alles, was auf dieser Welt noch nicht unser Eigentum ist, streitig machen.
So klar und rein ist unser Denken. Und so perfekt.
Anders zu denken ist uns vollkommen unmöglich.
Doch gibt es Andersdenkende.

Zwei Arten Andersdenkender sind zu unterscheiden.

Die erste Art denkt völlig anders.
Wer denkt, es sei besser, zu teilen, statt alles zu besitzen zu wollen, verliert doch alles, was er hat. Wer freiwillig teilt, statt das Seine zu verteidigen, hat doch verloren, bevor der Krieg begonnen hat.
Von daher lehrt uns unser Denken, dass das Ziel der Andersdenkenden, möglichst nichts zu besitzen, durch unsere Zielsetzung, möglichst alles zu besitzen, seine Erfüllung finden wird. Wer arm und machtlos sein will, wird es werden, solange wir reich und mächtig sein wollen.
So ist das Denken dieser Andersdenkenden zu unserem Vorteil, solange wir unser Denken für richtig erachten und es verteidigen. Doch müssen wir, obwohl es uns nützlich ist, auch dieses Denken bekämpfen, um nie in die Versuchung zu geraten, selbst von diesem geistigen Gift zu kosten.
Die zweite Art der Andersdenkenden denkt wie wir.
Doch diese Art der Andersdenkenden hat sich uns nicht angeschlossen.
Ihr „Wir“ ist nicht ein Teil von unserem „Wir“.
Was also lehrt uns unser Denken?
Wer nicht zu uns gehört, ist andersdenkend – und weil sie denken wie wir, also auch ihnen gut und erstrebenswert erscheint, mit Freunden in ihrem Bündnis über mehr Güter, mehr Vermögen, mehr Macht zu verfügen, als ihre Konkurrenten und Feinde, weil auch sie es als schlecht und nicht erstrebenswert erachten, als Freunde im Bündnis mehr Bedrohungen gegenüberzustehen, als ihre Konkurrenten und Feinde, ist erwiesen, dass ihr unserem Denken gleiches Denken sie zu unseren Konkurrenten und Feinden macht.
So sagt uns unser Denken klar und ohne jeden Zweifel, dass ein Überhandnehmen solcher Andersdenkender für uns, unsere Kultur, unsere Errungenschaften, unser Eigentum eine Gefahr darstellt. Selbst wenn ihr Denken unserem Denken exakt gleicht und von ihm nicht zu unterscheiden ist, wendet es sich gegen uns und wird den Zusammenbruch unserer Ordnung hervorbringen, sollte es uns nicht gelingen, sie vernichtend zu schlagen.
Niemand sollte denken, wie wir denken!
Das Gute ist unteilbar!
Daher ist auch das „Wir“ im Grunde schlecht
und nur ein Notbehelf im Übergang.
Erst wenn niemand mehr denkt wie ich,
kann Frieden herrschen.
***
Gott ist der HERR über ALLES.
Ihm will ich gleich sein, als Herr über alles,
und begehren meines Übernächsten Hab und Gut.
Denn der Nächste bin ich immer noch mir selbst.
Ich mache mir die Erde untertan.
Ich denke, also globalisiere ich.
Ich, die Idee, ich bin unsterblich.
Morden wollen kann mich nur, wer schon so denkt wie ich.
Selbst wenn mein Mörder der Gerechteste auf Erden wäre,
müsste er doch – wie ich – messen und vergleichen,
müsste er doch Freund und Feind,
Konkurrenz und Bündnisse
zu unterscheiden
wissen.
Er müsste
mich als seinen
Feind erkennen, seine
Interessen über meine stellen,
diese ohne Skrupel durchsetzen und
mich als seinen ärgsten Feind bekämpfen,
womit ich in ihm auferstanden wäre, lange bevor
in ihm der Wille wächst, mich, um der Gerechtigkeit Willen,
auszutilgen.
Geliebt zu werden, hingegen,
wäre wohl mein Untergang.
Wenn ich also Krieg führe, dann auch, um der Gefahr zu entgehen, geliebt zu werden.
Wer liebt schon seine Feinde?
***

Nachbemerkung

Bevor ich diesen Text geschrieben habe, meinte ich, vielen anderen in mancherlei Hinsicht moralisch überlegen zu sein. Moral ist jedoch keine Frage der Quantität, sondern einzig eine Frage der Qualität.
Nein, ich bin kein Andersdenkender.
Nicht, wenn es darauf ankommt.
Zu feige zu sein, nach etwas zu greifen, was ich begehre, heißt noch lange nicht, dass ich es nicht begehre und mir es, wenn es einfacher wäre, vielleicht auch nehmen würde.
Großzügig hier und da etwas abzugeben, solange es mein Wohlgefühl nicht wirklich beeinträchtigt, ist noch lange kein altruistisches Teilen. Vielleicht ist es ja sogar nur ein Haschen nach Ehre und Anerkennung.
Mich in einem einigermaßen sicheren Staat, mitten auf dem Land, unter lauter bekannten Gesichtern, nicht zu fragen, ob ich nicht jemanden vernichten müsste, um selbst überleben zu können, ist keine Kunst. Meine Angst und meine daraus resultierenden Gewaltphantasien habe ich beim Staat abgeliefert, sie der Polizei, den Geheimdiensten und der Bundeswehr als so genanntes „Gewaltmonopol“ übertragen. Ich billige längst nicht alles, wovon ich erfahre, doch nehme ich das Ergebnis, meine „gefühlte Sicherheit“, gerne hin.
Frage ich mich denn bei jedem Einkauf, wer sich mit einem Hungerlohn abspeisen lassen musste, damit ich den Gegenstand meiner Begierde mit meinem Einkommen bezahlen kann? Nein. Tu ich nicht. Schon gar nicht immer.
Eier nur von freilaufenden Hühnern zu kaufen, ist ja nur das Eine. Was ist mit den Menschen, die in die Eierproduktion und den Eiertransport und den Eierverkauf eingespannt sind? Wie groß sind deren „Käfige“? Wie artgerecht ist deren Haltung, wie gesund ihre Nahrung? Wer achtet darauf, dass deren Bedürfnisse befriedigt werden?
Zufrieden zu sein, mit dem, was man bekommt und hat, hat doch mit Teilen nichts zu tun, und ist zumeist nur die Folge der Erkenntnis oder Befürchtung, diejenigen, die mehr haben und mehr bekommen, seien einfach stärker, mächtiger – überlegen. Jedes Aufbegehren sei sinnlos.
So ist es kein Wunder, dass Bescheidenheit meist mit zunehmendem Alter wächst, wenn die eigenen Kräfte schwinden, wenn man weiß, dass man nicht mehr gewinnen kann.
„Unser Denken“ ist allgegenwärtig, es steckt in jedem, nur die Fähigkeit, dieses Denken exzessiv auszuleben, ist begrenzt. Sie wächst allerdings mit jedem Zusammenschluss. Derzeit sind es die großen Konzerne und die großen Vermögen, welche die Fähigkeiten vieler bündeln, ihre „Instinkte“ wecken und im gemeinsamen „So-Denken“ inzwischen stärker sein können als die Staaten, in welchen sie sich eingenistet haben.
Gibt es wirklich nur die Alternative zwischen „Mitmachen, und vielleicht gewinnen“, oder „Verweigern und garantiert verlieren“?
Und wie ist das, mit der Liebe?
Warum heißt es beim Großen Zapfenstreich: „Helm ab, zum Gebet!“? Und dann spielt die Blaskapelle: „Ich bete an die Macht der Liebe“?
Das Tier, der Kampfhund des Staates, bis an die Zähne bewaffnet, gerüstet für Angriff und Verteidigung, bekennt sich in mystischen Momenten zur Macht der Liebe?
Verrückt? Pervers? Beides?
(Friedrich Wilhelm III., erließ die Anordnung, seine Soldaten sollten ein Abendgebet verrichten, wie er es bei den Soldaten des Zaren gesehen hatte.)
Ich weiß nicht, ob ich meine Feinde lieben kann, solange sie aktiv gegen mich vorgehen.
Was mir allerdings gelungen ist, ist es, Feinden, die wieder aus meinem Leben verschwunden sind, zu vergeben. Dazu bedurfte es mehrerer Anstöße und bei einigen großer Überwindung, was ich hier nicht im Detail ausführen will.
Doch der Augenblick, in dem ich die Vergangenheit als abgeschlossen ansehen konnte, das vergangene Erleben als nicht mehr relevant für das Jetzt, war befreiend. Nicht mehr nachtragen zu müssen, nicht mehr auf Rache sinnen zu müssen, nicht mehr fragen zu müssen, was ich anders hätte machen sollen, das tut einfach nur gut, das macht Energien frei, die sonst nutzlos an die Vergangenheit gebunden waren.
Doch damit nicht genug. Der Akt, einigen Widersachern aus der Vergangenheit vergeben zu haben, eröffnet auch die Chance, die Angreifer in der Gegenwart, im Hier und Jetzt anders zu erleben.
Ich werde oft gefragt, wie ich das aushalte, mich Tag für Tag mit den Übeln dieser Welt auseinanderzusetzen und erfolglos dagegen anzurennen.
Ich halte es aus, weil es mich nicht angreift. Ich sehe, was geschieht. Ich erkenne, wo es hinführt – und ich kommentiere das, durchaus in der Absicht, aufklärend zu wirken, auch in der Absicht, Widerstand hervorzurufen, aber:
Ich bleibe dabei ruhig. Es regt mich nicht auf. Es macht mich nicht wahnsinnig. Es macht mich manchmal zornig, aber nicht mehr wütend.
Es ist kein Spiel, sondern das Leben.
Die da agieren, können nicht anders.
Sie denken im Grunde genau wie wir.
Sie handeln nach dem Maß ihrer Macht – und ihre Macht beziehen sie einzig aus den Vielen, auf deren Schultern sie stehen.
Wenn wir schon die Großen und Bösen nicht lieben können, weil sie uns die Folgen unseres Denkens so unverblümt vor Augen führen, dass wir vor uns selbst erschrecken, sollten wir dann nicht vielleicht damit beginnen, diejenigen, welche als Basis der Machtpyramide für deren Stabilität unverzichtbar sind, so zu lieben, wie uns selbst?
Ist nur so ein Gedanke.
Aber wohl immer noch „unser Denken“.
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Die Andersdenkenden oder: Warum ich Krieg führen muss.

  1. günter ehrens schreibt:

    Ein mir bekannter quirliger Navigator für die Wirklichkeit. Am Anfang habe ich ihn leider nicht verstanden. Dafür jetzt um so besser. Mein Respekt.

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