„Die Metamorphose der Welt“

42563Diese Woche erschien das Buch des Soziologen Ulrich Beck: „Die Metamorphose der Welt“ in deutscher Sprache. Das Buch beginnt mit dem Tod seines Autors. Am 1. Januar 2015 spazierten Ulrich Beck und seine Ehefrau durch ein winterlich verschneites München. Gerade hat er die erste Fassung seiner „Metamorphosen der Welt“ fertiggestellt. Er bespricht noch Einzelheiten mit seiner Frau, doch dann ereilt ihn plötzlich ein Infarkt, er stirbt, noch im Englischen Garten. Dennoch konnte Becks Buch erscheinen. Es zunächst auf Englisch zu veröffentlichen entsprach seinem Selbstverständnis als Mitglied einer internationalen Community von Wissenschaftlern. Seine Witwe und seine wissenschaftlichen Gefährten brachten es zu Ende, füllten Leerstellen, enträtselten Metaphern und brachten deutsch klingende Sätze in ein besseres Englisch. In Teilen merkt man dem Buch die Unfertigkeit und das Suchende noch an. Daraus keinen Hehl zu machen, spricht für seine Herausgeber.
Als 1986 Risikogesellschaft erschien, machte das Ulrich Beck schlagartig berühmt. Der Soziologe wies nicht nur auf die Nebenfolgen der Industriemoderne hin, er betonte zugleich, dass die Welt sich auch dann permanent verändert, wenn wir meinen, einen vorübergehenden Zustand mit Institutionen und Konzepten einfrieren zu können. Mit beispielloser Neugier spürte Beck den Indizien des Wandels nach und öffnete uns mit der Lust an der terminologischen Innovation die Augen für Individualisierung, Globalisierung und die Transformation der Arbeitswelt.
Dieses neue Buch ist die Summe und radikale Weiterführung seiner Theorie. Während es früher Fixpunkte gab, an denen wir erkennen konnten, was stabil blieb und was nicht, erleben wir heute eine allumfassende Verwandlung, die uns orientierungslos werden lässt. Die Metamorphose der Welt ist der Versuch, diese Globalisierung des Wandels zu verstehen und hochaktuelle Herausforderungen wie Erderwärmung und Migration auf den Begriff zu bringen.
Doch lassen wir Ulrich Beck selbst zu Wort kommen mit Auszügen aus seinem Vortrag über “Die Metamorphose der Welt”.
“In diesem Vortrag wende ich mich gegen den weitverbreiteten Versuch, Pellkartoffeln zu pflanzen. Ich versuche den Sozialwissenschaften aus einer großen Verlegenheit zu helfen.
Haben die Sozialwissenschaften doch auf die ebenso simple wie absolut notwendige Frage: was sich da vor unser aller Augen in der Welt abspielt, keine Antwort. Sie sehen sich vielmehr zu einer Bankrotterklärung genötigt. Es gibt nichts – kein Konzept, keine Theorie – die die Turbulenzen dieser Welt, wie es Hegel verlangt, „auf den Begriff bringt“.
Nun kommt die Sache mit den Pellkartoffeln ins Spiel. Wer versucht, Pellkartoffeln zu pflanzen und zu ernten – hat Niklas Luhmann einmal gesagt – begeht einen „Kategorienfehler“. Wer versucht, mit Hilfe aller in den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehenden Konzepte des „Wandels“ – „Evolution“, „Revolution“ und „Transformation“ – den allgegenwärtigen Aufregungszustand der Welt auf den Begriff zu bringen, der versucht, Pellkartoffeln zu pflanzen und zu ernten.
Um die Pellkartoffel-Peinlichkeit zu überwinden, führe ich den Begriff „Metamorphose der Welt“ ein.
Wir leben in einer Welt, die sich nicht nur wandelt, sondern verwandelt. Sozialer Wandel meint, dass sich einige Dinge verändern, aber wesentliche Dinge doch gleich bleiben – Kapitalismus ändert sich, aber grundlegende Aspekte des Kapitalismus bleiben so wie sie immer waren. Metamorphose impliziert eine viel radikalere Transformation, in der die alten Sicherheiten der modernen Gesellschaft sich auflösen und etwas Neues entsteht, für das wir noch keine angemessenen Begriffe haben.
Warum Metamorphose der Welt, warum nicht „sozialer Wandel“ oder „Transformation“?
Der Begriff „Transformation“ ist besetzt. Dieser Begriff meint den Übergang vom sowjetischen zum westlichen System. Metamorphose der Welt meint etwas anderes als einen evolutionären Pfad vom „Sozialismus“ zu Marktwirtschaft und Demokratie. Es meint einen Umsturz des nationalen Weltbildes, nach dem die Welt die um die Nationen kreist, und zwar nicht durch Krieg, Gewalt und imperiale Herrschaft, sondern im Zuge der Nebenfolgen erfolgreicher Modernisierung, die die Welt bedrohen – wofür exemplarisch der Klimawandel steht.
Die Glaubenssätze des national-internationalen Weltbildes, der national geprägten Kultur – und Gesellschaftsepoche verblassen. Diese Fixsterne sind nicht mehr fix, sondern verwandeln sich („liquid stars“). Und zwar im Sinne dessen, was man als „kopernikanische Wende 2.0“ begreifen kann.
Galileo entdeckte die Tatsache, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht, sondern die Erde um die Sonne. Heute sind wir in einer ganz anderen, aber dennoch ähnlichen Lage.
Insbesondere das Klimarisiko lehrt uns, die Tatsache zu entdecken, dass die Nationen nicht länger das Zentrum der Welt sind; die Welt kreist nicht um die Nation, aber die Nation kreist um die sich selbst gefährdende Welt.
Methodologischer Nationalismus, der im Denken und Forschen der Sozialwissenschaften regiert, ist die Lehre von der Drehung der Sonne um die Erde; oder anders gesagt, die Lehre von der Drehung der Welt um die Nation. Methodologischer Kosmopolitismus ist die Lehre von der Drehung der Erde um die Sonne; oder, anders gesagt, die Lehre von der Drehung der Nation um die Welt globaler Risiken. Im nationalen Weltbild (Blick) ist die Nation der Fixstern, um den sich die Welt dreht. Im kosmopolitischen Weltbild (Blick) wird dieses nationzentrierte Weltverständnis historisch falsch.
Doch um zu verstehen, was „historisch falsch“ heißt, muss unterschieden werden zwischen der kopernikanischen Wende im naturwissenschaftlichen Sinne und im sozialwissenschaftlichen Sinne 2.0. Das Weltbild, das besagt, dass die Sonne sich um die Erde dreht, war immer schon falsch. Diese Wirklichkeit wurde nur von den Verteidigern der religiösen Dogmatik verkannt und verleugnet.
Die kopernikanische Wende 2.0 dagegen vollzieht sich nicht nur im Blick auf die Welt, im Denken, im Welt-Bild und Verblassen seiner Glaubenssätze, sondern auch in der Wirklichkeit selbst – nämlich im alltäglichen Handeln als wirklicher Umsturz der Weltordnung und in diesem Sinne des Nationalen (wie wir sehen werden). Das heißt nicht: die Nationen und Nationalstaaten lösen sich auf, verschwinden. Aber es heißt, die Nationen und Ethnien verwandeln sich, verlieren ihre essentialistisch-ontologische Fixierung und müssen ihren Platz in einer Welt, deren Grenzen variabel und deren Identitäten unscharf geworden sind, überhaupt erst (er)finden.
Beispielsweise das globale Klimarisiko enthält in Ansätzen eine Art Navigationssystem für die gefährdete Welt – ähnlich wie nach dem Zusammenbruch der religiösen Weltordnung der Aufbruch in die moderne Welt der Staaten, der Industrialisierung, des Kapitals, der Klassen, der Nationen und der Demokratie begann. Das Klimarisiko zeichnet diesen Weg vor. Aber das muss nicht gelingen.
Es ist möglich, dass die Menschheit im Ganzen einen Weg geht, an dessen Ende sie sich selbst vernichtet. Mit dieser Möglichkeit ist zu rechnen – auch deshalb, weil gerade, wenn dies vor Augen steht, die „ewigen Gewissheiten“ des nationalen Weltbildes sichtbar werden, als kurzsichtig und falsch, als Glaubenssätze einer ganzen Epoche ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
Die Geschichte der Metamorphose des Sozialen und Politischen ist eine Geschichte der Glaubenskriege – früher regional, heute global. Es kommt zum Kampf der Weltbilder, das heißt, zu erbitterten, brutalen Auseinandersetzungen, blutigen Eroberungen, schmutzigen Kriegen, Terror und Gegenterror; beispielsweise Christen gegen barbarische Heiden.
Karl der Große errichtete sein christliches Imperium in der Gewissheit, für den heiligen Glauben töten zu dürfen, die Nichtgetauften und ihre Kultur auszulöschen. Im Bündnis mit dem Papst setzte er die Gebote Gottes mit brutaler Gewalt durch. Dieses religiös-christlich bestimmte Weltbild beruht auf der Einheit von Eroberung und Missionierung, auf dem Bündnis zwischen Schwert und Kreuz. Die christliche Taufe wird mit Gewalt im Akt der Unterwerfung vollzogen. Frieden, so lautet die Lehre dieses religiösen Weltbildes, ist nur als Frieden in der Einheit der Christenheit möglich.
Um Galileis Entdeckung historisch zu variieren: Die Welt kreist nicht mehr um die Duodez-Fürstentümer; um Katholiken versus Hugenotten; um Kolonialherren versus Barbaren; um Übermenschen versus Untermenschen. Das rassenzentrierte Weltbild ist untergegangen (zumal in Deutschland als Antwort auf den Rassenwahn der Nazis); das patriarchalische Weltbild ebenso (keineswegs in allen Teilen der Welt). Das Weltbild, das Gleichheit behauptet, aber Frauen, Sklaven und Barbaren ausschließt, ebenso. Beispielsweise den Vätern der amerikanischen Verfassung war gar nicht aufgefallen, dass sie Schwarze von den Menschenrechten ausgeschlossen hatten – als die selbstverständlichste Sache der Welt.
Doch noch einmal gefragt: Was heißt „untergegangen“? Viele, wahrscheinlich sogar alle diese Weltbilder existieren heute gleichzeitig/ungleichzeitig nebeneinander. „Untergegangen“ meint: diese Weltbilder haben ihre Gewissheit, ihre Autonomie und ihre Dominanz verloren. Und zugleich gilt: vom Globalen kommt niemand mehr los. Der kosmopolitische Horizont ist irreversibel! Die kopernikanische Wende ist eine kosmopolitische Wende! Es gab bisher noch kein Weltbild, sondern nur ein Aggregat von lokalen (religiösen, imperialen, nationalen) Weltbildern. Die Geschichte der weltzentrierten Weltbilder beginnt.
Die Irreversibilität kosmopolitischer Weltbilder gründet im Handeln, genauer: im Aktivitätsfeld. Daher ist es notwendig, im Blick auf Weltbilder zwischen Glaubenssätzen und Aktionsfeldern zu unterscheiden: Glaubenssätze können partikulär orientiert sein (anti-kosmopolitisch, anti-europäisch, religionsfundamentalistisch, ethnisch oder auch rassistisch), die Aktionsfelder dagegen sind kosmopolitisch konstituiert: Auch die Anti-Europäer sitzen im Europäischen Parlament. Auch die religiös-antimodernen Fundamentalisten zelebrieren die Enthauptung ihrer westlichen Geiseln im Medium der digitalen Kommunikation, um mit ihrem menschenverachtenden Terrorregime die Welt in einen Schock zu versetzen. Wenn morgen eine Gruppe auftaucht, die als optimale Regierungsform die der sommersprossigen Linkshänder propagiert, werden sie dies nicht nur lokal, sondern global verkünden und zu praktizieren versuchen.
Immobile Menschen, die noch nie ihr Dorf verlassen, die noch nie ein Flugzeug betreten haben, sind dennoch auf innigste alltägliche Weise mit der Welt verbunden, weil sie ohne Handy nicht einmal mehr existieren können.
Bosnische und serbische Bauunternehmer, die streng ethisch denken und konsequent nicht die billigsten, sondern nur entweder bosnische oder serbische Bauarbeiter einstellen, gehen pleite. Anders gesagt: Wer den ethnisch-nationalen Imperativ zum Imperativ seines Handelns macht, wer sich also an die nationalen Gesetze oder Pflichten hält, wer ethnisch reine Fußballspieler anheuert, keine Weltmarkt-Filialen gründet, Handy-Steuer erheben, keine Arbeitsplätze auslagert, nicht die billigsten, sondern die ethnischsten Arbeitskräfte einstellt, den bestraft das Leben.
Hier wird erkennbar, dass die kosmopolitischen Handlungsmöglichkeiten keineswegs die „guten“, die weltbürgerlichen Handlungsmöglichkeiten sein müssen. Oft handelt es sich um dubiose Alternativen; manchmal auch um solche, die der philosophische Kosmopolitismus á la Kant und Habermas gutheißt.
Aber die neue Weltordnung entsteht aus der historischen Notwendigkeit, Grenzen überschreitend zu handeln, um im Verfolgen elementarer Lebensziele erfolgreich zu sein. Anders gesagt: Es entsteht ein kosmopolitischer Imperativ des sozialen und politischen Handelns. Man kann denken und glauben, was man will – ethnisch-nationalistisch, religiös-fundamentalistisch (muslimisch, christlich, jüdisch), feministisch, patriarchalisch, rassistisch, (anti)europäisch, (anti)kosmopolitisch, alles zugleich oder nichts von alledem: Wer nur ethnisch-national oder lokal handelt, verliert!
In der kosmopolitisierten Welt müssen selbst nationale Wahlen kosmopolitisch organisiert werden: Die Parteien, die siegen wollen, müssen eine Antwort finden auf die Frage – wie können die Stimmen der Türken oder Bosnier in Deutschland, der US-Bürger in China usw. gewonnen werden? Staaten, die auf den „cosmopolitan criminal“ nur national reagieren, verfehlen die Kosmopolitisierung der Gesetzesbrecher total. Nur wer die kosmopolitisierten Handlungsfelder der Kriminellen oder auch der „translegal“ agierenden Unternehmen, deren Steuerflucht usw. ins Blickfeld nimmt, kann angemessen reagieren.
Und diese Antwort ist wiederum nur in der trans-ethnischen, transnationalen Kooperation erfolgreich. Dies ist das Ende des sogenannten „ethnischen Realismus“. Aber auch das Ende des kosmopolitischen Idealismus. Es beginnt der brutale Realismus des kosmopolitischen Imperativs erfolgreichen Handelns.
Du musst dich für die Welt öffnen, wenn du überleben willst!
Für diejenigen, für die die Nation, die Ethnizität, der religiöse Glaube die Gewissheit ist, stürzt der Himmel herab. In ihrer Verzweiflung flüchten sie sich in den nationalen oder religiösen Fundamentalismus. Doch das Paradoxon der kosmopolitisierten Welt lautet: Um ihren ethnischen oder religiösen Fundamentalismus zu verteidigen, müssen sie kosmopolitisch handeln, letztlich auch planen und denken. Was sie verhindern wollen, treiben sie voran.
Wer als Armer nicht transnational handelt – nicht „weltmobil“ wird, Migration praktiziert – riskiert den Abstieg. Arme werden ärmer, weil sie in den Armutsvierteln in Bangladesch oder Nordafrika oder in den Schwarzen-Ghettos der USA bleiben. Reiche werden reicher, weil sie ihr Geld dort investieren, wo sie die höchsten Gewinne erzielen und keine Steuern zahlen. Selbst für Sozialwissenschaft gilt: Wer den methodologischen Nationalismus praktiziert, den bestraft das Leben!
Soziologen und Soziologinnen, die sich in ihren Themen und Thesen nur im nationalen Relevanzrahmen bewegen, blockieren ihre Karriere, bleiben, was sie sind: nationale Soziologen.
Wenn du erfolgreich handeln willst, musst du für dich die Welt als Handlungsfeld entdecken. (Das ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung.) Die kosmopolitisierte Welt macht lokales Handeln erst im kosmopolitischen Bezugsrahmen erfolgreich. Paradebeispiel: Bayern München!
So gesehen ist die Unterscheidung zwischen Glaubenssätzen und Aktionsfeld zentral: Die Welt wird in einem fundamentalen Sinne schizophren. Was die Menschen glauben, hoffen, woran sie zweifeln oder verzweifeln, ist das eine – das andere ist, dass sie kosmopolitisch handeln müssen, wollen sie Erfolg haben – in der Wirtschaft, in der Religion, in der Nation, in der Gemeinde, in der Familie, in ihrem Beruf, im Fußball, in der Liebe usw. usf. Wer sich nur lokal ernähren will, verhungert. Ja, in Zeiten des Klimawandels gilt sogar, wer nur lokale Luft atmen will, erstickt.
In der verbleibenden Zeit meines Vortrags möchte ich die zwei Grundbegriffe, die ich eingeführt habe, genauer erläutern. Zunächst: kosmopolitische Felder der Aktivität: wie kann man dieses Konzept etwa in Relation zu dem Bourdieu’schen Feld-Begriff präzisieren? (Dabei ist es wichtig, im Kopf zu behalten, dass die folgenden konstitutiven Merkmale eng verknüpft sind mit dem Begriff „Metamorphose der Welt“.)
1. Das Internet ist die unverzichtbare Voraussetzung, gleichsam das historisch-technologische Apriori der kosmopolitisierten Felder der Aktivität. Ohne Internet keine kosmopolitisierten Handlungsfelder.
Soziales Handeln wird „kosmopolitisiert“, das heißt, es wird (unabhängig vom Bewusstsein und der Intention der sozialen Akteure) aus dem territorialen und damit national umzäunten, exklusiven Gefüge und Gehäuse, in die neue „wilde Welt“ der transnationalen Kommunikations- und Handlungsfelder entlassen.
Diese entstehen dadurch, dass man die entfernten Anderen (einschließlich der Differenz ihrer politischen und gesetzlichen Regelsysteme) „als Mittel“ in die Verfolgung eigener Ziele direkt einbeziehen kann – von der Liebe über die Freund- und Feindschaften bis zur Sozialisation, Ausbildung, Jobsuche, Fernmutterschaft, Konsumstilen, Weltauffassung, Menschenbild, Selbstbild, Gesellschaftsbild.
2. Soweit ich die Theorie Pierre Bourdieus und insbesondere seinen einflussreichen Begriff „Handlungsfeld“ verstehe, meint er damit, wie soziale und kulturelle Strukturen erlebt und gelebt, produziert, reproduziert und transformiert werden im Alltag, in der Praxis oder in Praktiken. Sein Begriff „Handlungsfeld“ bezieht sich auf soziale und symbolische Einheiten, die integriert und exklusiv sind. Die Merkmale des Begriffs „kosmopolitisierte Aktivitätsfelder“ meinen genau das Umgekehrte. Man muss die Felder verstehen als nicht integriert, nichtbegrenzt und nicht exklusiv. Sie sind „desintegrierte Felder exklusiver Felder“ von Aktivitätsmöglichkeiten. Sie sind nicht institutionalisiert, und sie haben keine definierbare Geschichte. Sie eröffnen transnationale, Grenzen übergreifende Ressourcen der unmittelbaren Zielverwirklichung des alltäglichen Handelns. Um diese für sich nutzbar zu machen, benötigt man nicht einen entsprechenden Pass, muss nicht die entsprechende Sprache beherrschen oder eine entsprechende Identität haben. Die Unterschiede machen den Unterschied aus!
Die unendliche Vielfalt der Welt und ihre Widersprüche werden zu intimen Mitteln der persönlichen Zielverfolgung. Umgekehrt werden die persönlichen Ziele, der Begriff der Person selbst verwandelt. Die Unterschiede zwischen kulturellen Traditionen, die Unterschiede zwischen reichen und armen Bevölkerungen, die Unterschiede zwischen den Rechtssystemen und die Unterschiede in der Geographie konstituieren die neuen kosmopolitisierten Strukturen der Gelegenheiten und Alternativen des Handelns.
Weil das Gesetz des fremden Landes erlaubt, was das Gesetz deines Landes verbietet; weil du reich genug bist zu kaufen und Menschen in anderen Teilen der Welt arm genug sind, um ihre Organe zu verkaufen; weil du deine Freunde oder Mitstreiter über das Internet, Facebook usw. mobilisieren kannst – deswegen kannst du deine Ziele, deine Hoffnungen in den kosmopolitischen Handlungsfeldern eher erfüllen.
3. Ähnliche Differenzen kennzeichnen die entsprechende „Praxis“ und „Praktiken“, wie sie sich im Gegensatz zum kosmopolitischen Rahmen entwickeln. „Praxis“ im Singular ist ein Wort, das menschliches Handeln im Allgemeinen beschreibt. Oft wird dabei ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Denken und Praxis korrespondieren (mindestens idealiter). Wiederum gilt: Dies ist gerade nicht der Fall in kosmopolitischen Aktivitätsfeldern. Das Denken kann dogmatisch, national, ethnisch, lokal orientiert sein, vielleicht sogar fundamentalistisch-religiös, gleichzeitig müssen die Praxis und Praktiken die kosmopolitischen Möglichkeiten und Alternativen des Handelns erschließen, wenn man erfolgreich sein will.
Allerdings kann man die kosmopolitisierten Praktiken nicht als in Routinen verlaufendes Verhalten verstehen (wie es Bourdieu tut), da kosmopolitisierte Praktiken gerade mit Routinen brechen. Sie kollidieren meist mit dem, was als „normal“ gilt, und werden als „abweichend“ etikettiert. Oft erzeugen sie sogar ein schlechtes Gewissen, benötigen aber fast immer einen gewissen Geist des Abenteuers – alles dies steht im Widerspruch zu der Routinisierung der Praktiken. Kosmopolitische Praktiken und Praxis kann beschrieben werden als eine unkonventionelle Koordination unkoordinierter Handlungsmöglichkeiten und Identitäten, um ökonomische und existentiell emotional hochbewertete Ziele zu erreichen. Im sozialen Handeln nistet die Welt; so oder so laufen sie auf ein Nexus des Handelns hinaus (radikale Ungleichheiten, Differenzen im Gesetz, Differenzen der Tabus usw.).
4. Dieser Nexus des Handelns über Grenzen und Tabus hinweg muss kein Nexus der Werte oder der Emotionalität sein. Er gründet vielmehr oft auf „wechselseitiger Ignoranz“ (Auslagerung der Arbeitsplätze, Nierenspender und Nierenempfänger usw.). Die Differenzen der Welt sind in einem Modus in das eigene Leben und das eigene Handlungsfeld eingebunden, den Marx „Warenbeziehung“ analysiert und kritisiert hat.
Das hat Nachteile. Die sozialen Beziehungen, die dabei entstehen, sind oft „translegal“; das heißt, sie sind weder wirklich illegal, noch wirklich legitim, werden vielmehr oft als illegitim wahrgenommen. Im nationalen Rahmen werden solche Praktiken meist als illoyal und an der Grenze zu illegal wahrgenommen.
Das hat aber auch Vorteile: Warenbeziehungen können Beziehungen wechselseitiger Vorteile zwischen ethnischen Selbst- und Fremdbildern stiften, d.h. sich ausschließen und bekämpfen.
5. Ich möchte auf ein letztes, besonders durchdenkenswertes Merkmal hinweisen: Im kosmopolitischen Rahmen nimmt der kulturelle Relativismus der Werte und Gesetze die Form von Handlungschancen an.
Verbote (im nationalen Rahmen) verwandeln sich in Gelegenheiten (im kosmopolitischen Rahmen). Die Erfahrung der Relativität der Werte nimmt untergründig Aufforderungscharakter an: Was ganz normal in den USA und in Israel praktiziert wird, kann wohl kaum hier als Verbrechen gelten. Warum ist es dann verboten? Sind unsere Verbote von einer höheren Weisheit geküsst?
Das Pro und Kontra der Argumente und Gegenargumente macht alle Standpunkte zweifelhaft; jeder Standpunkt unterminiert den Gegenstandpunkt. Daraus gewinnen viele Menschen den Eindruck, dass keiner ein Monopol der Wahrheit besitzt. Was wiederum die Frage aufwirft. Wie ist es dann möglich, ein akzeptables Verbot zu formulieren und durchzusetzen? Die Tatsache ist, dass der kosmopolitische Blick auf die Gegensätzlichkeit der Standpunkte den Anspruch der Gesetze auf Legitimität unterminieren, so dass viele Menschen daraus ihr „Recht“ ableiten, die Gesetze ihres Landes zu brechen, indem sie sich das hier Verbotene woanders holen.”
Verlag: Suhrkamp/Insel; ISBN: 978-3-518-42563-3
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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