Fehlgeleitet

Vorurteile sparen Zeit in der Not: Wir müssen nicht lange denken, wir können gleich handeln. Im heutigen Alltag allerdings erweisen sich diese Abkürzungen im Denken nicht immer als hilfreich.
Von Arvid Leyh , “das Gehirn”
Da sitzt wieder einer, ein Obdachloser. Abgerissen sieht er aus und ungewaschen. Stumpf schaut er ins Leere und reagiert kaum auf den Euro, der in seinen Plastikbecher fällt. Alkohol? Drogen? Selbst schuld jedenfalls. Dass es sich mit 20-prozentiger Wahrscheinlichkeit um einen gefallenen Akademiker handelt – zumindest im Berlin des Jahres 2006, wie der Leiter der Berliner Stadtmission Hans-Georg Filker in einem Zeit-Artikel schätzt–, kommt einem nicht in den Sinn. Obdachlose sollten doch gemeinhin eher bildungsferne Gestalten sein, oder? Und was ist mit diesem vollbärtigen Araber da drüben – was fällt Ihnen als erstes ein? Was zu der drallen Blonden mit dem lauten Lachen in der Kneipe?
Ok, erwischt – wir alle sind nicht ganz frei von Vorurteilen. Natürlich sind es nicht viele und natürlich bestätigen sie sich meist und natürlich sind sie deshalb auch gerechtfertigt. Kein Grund für ein übermäßig schlechtes Gewissen, wir selbst haben die Sache im Griff. Dass aber die meisten anderen Leute – natürlich – zu unberechtigten Vorurteilen neigen, macht sie zu einem spannenden Forschungsfeld mit interessanten Erkenntnissen über unser Denken.
Die Evolutionspsychologie zum Beispiel versucht die Vorteile der Vorurteile zu erklären: Wer mir in dunkler Vorzeit begegnete, war oft mehr an meinen Vorräten interessiert, als an einem guten Gespräch. Schon vor dem ersten verdächtigen Anzeichen den Faustkeil zur Hand zu haben, sicherte also das Überleben; „Homo homini lupus“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – diese Erkenntnis war schon alt vor den alten Römern.
Diese Erklärung mag stimmen oder nicht – bei evolutionspsychologischen Erklärungen ist das immer so eine Sache –, aber sie zeigt das Problem: Zwar muss einem der Gegenüber nicht automatisch feindlich gesinnt sein, doch in jedem Fall muss man sich mit ihm auseinandersetzen, muss ihn einschätzen, will man wissen, was auf einen zukommt. Diese Facette der Sozialpsychologie stellt hohe Anforderungen an unsere kognitive Grundausstattung und braucht dazu noch viel Zeit. Zeit, die sich über Vorurteile einsparen lässt. Und diese dadurch womöglich Leben retten. Denn fremd ist potentiell gefährlich.
Wir und die anderen
Ganz anders das Vertraute, und so fühlen sich die meisten Menschen einer oder mehreren Gruppen zugehörig. Familien, Orte, Regionen, Länder, aber auch Fußballclubs, Musikstile, politische Gruppierungen und Marken aller Art bieten ein geistiges Zuhause, in dem wir uns wohlfühlen, weil dort das Ich nicht mehr alleine ist. Das so entstandene Wir definiert sich nicht zuletzt an seinen Grenzen. Zu anderen Ländern, anderen Lebensentwürfen, anderen Fußballclubs.
Was innerhalb unserer Grenzen stattfindet, bewerten wir gemeinhin positiv. Studien zeigen, dass uns der Politiker der präferierten Partei kaum enttäuschen kann (Wie unser Unbewusstes für uns entscheidet): Tritt er mal inhaltlich daneben, hatte er Pech, bleibt er farblos, einen schlechten Tag. Ganz anders die Mitglieder der ungeliebten Partei – mit ihnen gehen wir streng ins Gericht, selbst wenn die Situation völlig vergleichbar war. Das ist nicht wirklich fair, doch es rettet unser Weltbild. Und dieser Effekt scheint so wichtig, dass wir wenig dagegen unternehmen können: Verzerrte Wahrnehmungen wie eben die Vorurteile unterliegen keiner bewussten Kontrolle.
Stereotype und Vorurteile
Vorurteil ist ein böses Wort, in dessen Nähe sich keiner gern sieht. Doch es gilt zu differenzieren – auch unsere Beobachtung, dass Politiker aus „unserem“ Lager primär Vernünftiges von sich geben, entspringt einem Vorurteil. Einem positiven, in diesem Fall. Und noch einen Unterschied gibt es: Nehmen wir die Bewertung aus dem Vorurteil, sehen wir ein Stereotyp. Subjektiv empfinden wir dieses als eine Art Wissen: Die Bayern fahren zum Beispiel immer BMW und die Russen trinken immer Wodka. Das ist so, das ist Fakt, aber es ist uns egal. Das Vorurteil dagegen kommt nie frei von großen Emotionen daher: Wir bewundern oder verachten. Das spiegelt sich schon in der ersten Definition des Vorurteils durch William Hazlitt im Jahr 1830 wieder: „Ein Vorurteil … ist die Voreinschätzung jeglicher Frage, ohne sie ausführlich untersucht zu haben und Anpassung derselben an die eigene Meinung durch Ignoranz, bösen Willen oder Perversion, entgegen aller Beweise des Gegenteils.“ Bekannter ist Hazlitt für die Kurzform: „Das Vorurteil ist das Kind der Unwissenheit.“
Die moderne Forschung zu diesem Schubladendenken beginnt 1954 mit Gordon Allport, einem Vorreiter der Persönlichkeitspsychologie, der in den 1950ern entlang seiner ingroup contact theory untersuchte, wie sich das Verhältnis zwischen Gruppen verbessern lässt. Erwartungsgemäß führt ein stärkerer Kontakt beider dazu, dass Vorurteile abgebaut werden. Doch damit das wirklich greift, müssen laut Allport bestimmte Regeln gelten: Beide Gruppen müssen sich als gleichwertig betrachten. Die Autoritätspersonen der einzelnen Gruppen müssen den Annäherungsprozess unterstützen. Und der Kontakt darf nicht rein oberflächlich bleiben. 2006 konnten die Sozialpsychologen Thomas Pettigrew von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz und Linda Tropp von der Universität von Massachussetts in Anherst in einer Metaanalyse anhand der Daten von 515 Studien die Wirksamkeit dieser Regeln bestätigen.
Selbsterfüllende Prophezeiung
Besonders hinterhältig ist, dass man negative Vorurteile nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst haben kann. 1995 gab es dazu eine aufsehenerregende Studie von Joshua Aronson, heute an der New York University, und Claude Steele, inzwischen emeritierter Professor an der Stanford Universität. In den USA scheinen Schwarze noch vor 20 Jahren so viel über die eigene Unfähigkeit gehört zu haben, dass diese Überzeugung leicht in ihnen geweckt werden konnte – es genügte ein Hinweis auf die eigene Hautfarbe, und prompt schnitten sie in einem Sprachtest schlechter ab.
Ein weiteres beeindruckendes Beispiel zeigt sich im kulturellen Vergleich in Bezug auf das Alter: Im Vergleich der Gedächtnisleistung von alten Amerikanern und alten Chinesen sehen Amerikaner schlecht aus. Alte Chinesen liegen kaum unter dem Niveau von jungen Chinesen. Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass in Amerika gemeinhin angenommen wird, dass Menschen mit dem Alter weniger leistungsfähig werden, während in China alte Menschen als besonders weise gelten. Vielleicht ist ein Umzug eine echte Alternative.
Alle genannten Beispiele können auf eine lange Entstehungsgeschichte zurückblicken. Doch aus einer Gruppe werden erschreckend schnell zwei – und dazu reicht schon die Aussage einer höheren Autorität, wie ein Experiment der amerikanischen Lehrerin Jane Elliott eindrucksvoll zeigt. Sie besucht seit vielen Jahren Schulklassen und andere Gruppen. Dort erzählt sie, „die Wissenschaft habe festgestellt“, dass das Gen für blaue Augen auch dafür zuständig ist, seinen Träger besonders intelligent zu machen – und beobachtet jedes Mal, wie sich quasi aus dem Nichts eine neue Hierarchie einschleicht. Am nächsten Tag dann gibt Elliott an, sich getäuscht zu haben – es sei eigentlich das Gen für braune Augen, das besonders intelligent mache. Der Film zum Experiment Blue eyed erweist sich hier als echter Augenöffner.
Woran liegt´s?
Denken wir an Obdachlose, fallen uns selten Akademiker ein. Denken wir an dralle Blondinen, fallen uns viele Witze über deren mangelnde Intelligenz ein. Damit macht sich das Gedächtnis als Quelle vieler Vorurteile verdächtig: Es liefert Bewertungen anhand häufiger oder besonders prägnanter Erlebnisse. Beispielsweise erweisen sich die meisten Vollbärte auf der Straße als nicht wirklich bedrohlich – sie kommen und gehen analog zur aktuellen Mode. Doch Araber mit Vollbärten begegnen den meisten von uns nur in Nachrichten mit ungutem Kontext.
Ein anderer Grund für Vorurteile ist systemimmanent: Da sie uns helfen, Zeit in der Bewertung zu sparen, kommen sie besonders in Situationen vor, in denen es um schnelle Entscheidungen geht. Gestresste Menschen sind nicht nur weniger freundlich und hilfsbereit, sie haben es auch besonders schwer, tief eingegrabenes Wissen oder Verhalten zu hemmen: Entsprechend verzerrt sich unter Stress die Wahrnehmung. In einer berühmten Studie von John Darley und Daniel Batson waren selbst Theologiestudenten keine guten Samariter, wenn sie unter Zeitnot litten.
Wechselnde Verantwortlichkeiten
Als Menschen suchen wir nach den Gründen hinter den Dingen. Und stets werden wir fündig innerhalb unseres eigenen kognitiven Claims. Elliot Aronson, emeritierter Professor an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, bringt in seinem Grundlagenwerk zur Sozialpsychologie als Beispiel, dass wir bei einem verlorenen Kartenspiel meist eigenes Pech verantwortlich machen, beim gewonnen Kartenspiel dagegen unser großes Können – keine Angst, das machen nur die anderen, Sie nicht! Bei den anderen … ist das anders.
Wie der Psychologe Melvin Lerner mit Kollegen bereits 1965 zeigen konnte, haben solche Urteile auch etwas damit zu tun, dass wir die Welt als einen gerechten Ort sehen möchten: Jeder bekommt, was er verdient. Daher neigen wir dazu, auch Ergebnisse, die sich schwer erklären lassen, in die Verantwortung des Betroffenen zu legen. Wir mögen nicht verantwortlich sein, wenn wir Haus und Hof verspielt haben. Aber der Obdachlose dort drüben liegt da bestimmt nicht ohne Grund. Womit wir einen Kreis geschlossen hätten, in dem wir immer gut aussehen und der andere bekommt, was er verdient. Wir sind eben Menschen. Als solche könnten wir aber auch ganz anderes denken. Und schon einzelne positive Gedanken über die andere Gruppe verändern unsere Haltung.
* Elliot Aronson: Sozialpsychologie – Menschliches Verhalten und gesellschaftlicher Einfluss, Heidelberg, 1994
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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