Was tun? Nach dem Wahlsieg Trumps

Was tun? Nach dem Wahlsieg Trumps sind die Millenials fassungslos und politisiert zugleich

von Kim Ly Lam, „Berliner Gazette“
Ich bin ebenso fassungslos wie ihr. Es war ein ganz normaler Morgen vor der Uni, ich habe mein Lieblingsmüsli gefrühstückt. Draußen hat es leicht geschneit, oder wie wir gerne sagen, „geschnieselt“. Ein unschuldiger Morgen, wie es die meisten halt sind. Doch dann kam sie, die Stunde, in der mein Radio das Wahlergebnis verkündete: Trump wird US-Präsident. Vielen von uns war dies ein Schlag in die Magengrube.
Trump ist die wohl größte Überraschung des Jahres. Er steht für einen verhängnisvollen Wandel, Protektionismus, der Autoindustrien einen Schauer über den Rücken jagt. Selbst das Silicon Valley hat zu Krisengesprächen aufgerufen.
Mögliche Zölle und Regulierungen könnten künftig die Industrie und Weltwirtschaft zum Stocken bringen, dazu kommt ein angekündigter Rückzug der USA aus diplomatischen und internationalen Beziehungen wie der NATO oder dem G20 Forum. Eine Erleichterung für all diejenigen, die den Demokratieexport und die US-Rolle als Weltpolizei verurteilt hatten, und zugleich ein Schock für alle anderen, die auf die Unterstützung der Staaten angewiesen sind.
In der ersten Woche nach der Wahl wurde viel diskutiert. Wie hat es zu einer solchen Wahl kommen können? Wie kann man Trumps Erfolg erklären? Es gab Theorien zu seiner Rhetorik und Authentizität, Kritik gegenüber dem fragwürdigem Wahlsystem. Die Welt ist in Aufruhr angesichts des gewählten Präsidenten. Doch die eigentliche Frage lautet: Was ist die Wurzel des politischen Wandels?
Die vergessene Arbeiterschicht
Wer eine Wahl dekonstruieren will, sollte sich zunächst den wichtigsten Anhaltspunkt anschauen: den Wähler. Tatsächlich scheint Trump nur ein Symptom des eigentlichen Problems zu sein. Der 70-Jährige zeigt, wie groß die Kluft ist zwischen Elite und “Proletariat”. Ein Konflikt, der in westlichen Ländern von der Politik und den Medien über die Jahre hinweg verschwiegen wurde. So hat sich Trump einer Angst bemächtigt, die tief in der hart arbeitenden Mittelschicht verankert ist: die Furcht vor sozialem Abstieg. Es ist eine Furcht, die vom Bildungsbürger ignoriert wird und den Rechtspopulismus füttert.
Statt die Ängste des Arbeiters konkret anzusprechen (- darunter fallen ein Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und Wohnräumen -), predigt der Demokrat den Zusammenhalt und seine höheren Werte. Nicht selten wird eine solch belehrende Aussage als ausgeprägte Einbildung vernommen. Wir haben schließlich gut reden, sind unsere Arbeitsplätze nicht unmittelbar von steigender Migration betroffen. Die Arbeiterschicht fühlt sich im progressiven Flügel nicht repräsentiert, sie verurteilt die Arroganz der Bildungsbürger, die darin besteht, sich dem Rest des Landes überlegen zu fühlen.
Wer bei Freunden und Bekannten horcht, wird in dieser Vermutung tatsächlich bestätigt; nicht selten hören wir abschätzige Bemerkungen über die „Alten und Bauern, die keine Ahnung haben“ oder die „Hinterwäldler, die politisch entmachtet werden sollten“. Die Schublade, in die wir Protestwähler stecken, ist der Grund ihres Protests. Es sind ihre Bedürfnisse, auf die wir nicht eingehen, und die sie schließlich in die Arme von Populisten treiben. An dieser Stelle tut sich eine neue Kluft auf und sie ist bedrohlich.
So existiert sie nicht nur in den USA, sondern vertieft sich auch zunehmend in Europa. Man betrachte allein den Aufstieg rechter Parteien wie der AfD und Front National oder die polnische und österreichische Regierung. Der Grund hierfür ist mangelnde Aufmerksamkeit und ein Gefühl der fehlenden Repräsentation. So mancher Protestwähler mag sich zu einer Minderheit zählen. Diese Minderheit ist weder ethnischer, sexueller noch religiöser Natur; sie lebt von dem Spannungsverhältnis zwischen elitären Akademikern und einfachem Arbeitervolk.
Sie ist eine künstliche Minderheit: künstlich, weil sie keine Minderheit ist, wir sie jedoch wie eine Minderheit behandeln. Unser Widerwille, denen zuzuhören, deren Weltsicht wir nicht teilen, zwingt sie zur Auflehnung. Und so sprach Trump in seiner Siegesrede von einer „Bewegung bestehend aus Millionen hart arbeitender Frauen und Männer“, die das Land nicht länger vergessen werde.
Demonstrationen sind keine Lösung
Donald Trumps Sieg erkennen noch lange nicht alle Wähler an. Unter dem Motto „Not my president“ gehen seit Verkündung des Wahlergebnisses unzählige Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten auf die Straße. Sie protestieren gegen die Vereidigung Trumps. Ein solch impulsiver Akt der Meinungsbekundung ist nach Trumps rassistisch-sexistischer Wahlkampagne sicherlich verständlich.
Dennoch sollten Demonstranten reflektieren, welche Signale sie damit an Trump-Wähler senden. Denn Trump ist und bleibt demokratisch gewählter Präsident. Seine Legitimation in Frage zu stellen, gleicht einer Infragestellung der Legitimation aller Trump-Wähler. Womit wir wieder beim zuvor genannten Problem wären.
Es gilt nun eine konstruktive Zusammenarbeit anzustreben, in der es weder um Versöhnung noch Vergebung geht. Man muss keiner der vergangenen und verletzenden Aussagen Trumps akzeptieren, um zum Schluss zu kommen, dass das Abwenden vom künftigen Präsidenten die Lage bloß verschlimmern würde.
Demokratische Bürger sollten alles in ihrer Macht stehende tun, um Einfluss auf die kommenden Entscheidungen ihres Staatsoberhauptes zu nehmen. Erst wenn Trump Beschlüsse trifft, können und sollten sie mit konkreten Gegenforderungen protestierend durch die Straßen ziehen. Denn Trump ist zwar ein Ego-Tier, jedoch auch lernfähig, wie das vergangene positive Treffen mit der Familie Obama im Weißen Haus angedeutet hat.
Was bedeutet Trump für die EU?
Statt den Wandel in den Vereinigten Staaten als Drittpartei zu diskutieren, sollte er Anlass sein, sich den Spiegel vor das eigene Gesicht zu halten. Schließlich können viele EU-Länder vom Trump-Phänomen lernen. Das Auswerten der US-Wahl ist im Hinblick auf kommende Wahlen wie der Bundestagswahl 2017 sogar ein Muss. Man frage sich: Warum ist Trumps Vision abzulehnen? Was können wir besser machen? Wie können wir auf Protestwähler zugehen?
Dabei steht nicht nur die neue Rolle der EU in einer sich verschiebenden Weltordnung im Fokus, sondern eine allgemeine Neu-Definition der Demokratie. Denn Demokratie wird von vielen westlichen Bürgern als moralischer Wert definiert, der mit Bildung einhergeht. Dies privilegiert Akademiker und obere Schichten.
Es wird Zeit, die Demokratie als einen Raum der Vielfalt zu begreifen, der vom konstruktiven Konflikt der Meinungen beherrscht wird. Ein offener und zugänglicher Diskurs nimmt Menschen die Sorge, überhört zu werden, und Populisten den fruchtbaren Boden der Angst, auf dem sie gedeihen.
Anstatt die extremen Meinungen im Volk mit einem eisernen Vorhang der Ignoranz zu strafen, müssen wir ihnen Gehör schenken. Wir sollten präventiv handeln und eine gemeinsame Ebene für den freien Austausch schaffen. Nur so kann mit Protestwählern auf Augenhöhe kommuniziert, Politikverdrossenheit gemindert und Halbwissen gefüllt werden.
Was kann ich tun?
Wenn ich mich in unserer heutigen Gesellschaft umschaue, gibt es so Einiges, das ich gerne verändern möchte. Wir leben in einer Zeit des Klimawandels, den hochrangige Politiker konsequent ignorieren, und der möglicherweise der Grund sein wird, weshalb meine Enkelkinder niemals den Eisbären kennenlernen werden. Das rasche Tieraussterben ist fatal, jedoch immer noch eine Romantisierung, schaut man sich andere mögliche Konsequenzen der Erderwärmung an. Ressourcenmangel und zahlreiche Kriege könnten uns erwarten.
Der von Trump beworbene Austritt der USA aus dem Paris Agreement wäre der erste Schritt in Richtung dieses Katastrophenszenarios. Ich sage ganz offen, was viele in meinem Alter nicht zu denken wagen: Ich habe Angst. Ich habe Angst davor, dass Menschen Entscheidungen treffen, weil sie die Folgen nicht zu tragen haben. Davor, dass die Welt, die ich eines Tages verlassen werde, nicht mehr die ist, die ich als Kind kennengelernt habe. Und am meisten fürchte ich den Moment, in dem ich realisieren werde, dass wir hätten mehr tun können.
Es gibt Momente, in denen ich mich furchtbar klein fühle. Weil ich eigentlich so viel verändern möchte, die Ergebnisse jedoch kaum sichtbar sind. Oft frage ich mich, wo die Studentenkultur der 70er und 80er-Jahre geblieben ist. Ist unsere Generation zu abgelenkt, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren? Hat das Unterhaltungs- und Informationszeitalter durch die Medien einen einschränkenden Einfluss auf unsere politische Partizipation?
Wie kommt es dazu, dass wir mehr Zeit in Netflix investieren, als in die Politik, die ihren direkten und nachhaltigen Einfluss auf unser Leben und unsere Zukunft ausübt? Und überhaupt: Wie prägt dieses Zeitalter der omnipräsenten Digitalisierung, in die wir hineinwachsen, unsere Wahrnehmung und unser Weltbild?
Über diese Fragestellung könnte man sicherlich ein ganzes Buch schreiben. Ich vermag es nicht, sie zu beantworten. Dennoch ziehe ich daraus meinen persönlichen Schluss: Wir junge Menschen müssen erneut lernen, was es bedeutet, kritisch zu sein und Fragen zu stellen. Uns aus Filterblasen und Strukturen der Kontrolle befreien, die uns mit Komfort, Eigenpropaganda und Ablenkung locken. Und unseren eigenen Wirkungskreis dazu nutzen, um zum Denken anzuregen und Verbündete zu suchen.
Es wird Zeit, dass wir unseren eigenen Tropfen auf dem heißen Stein nicht als nutzlos empfinden, sondern als Ankündigung eines kommenden Regens begreifen. Der Wahlsieg Trumps ist nur einer der zahlreichen Weckrufe unserer Gegenwart. Unsere Bildung wird zweckentfremdet, wenn wir sie nicht als stetigen Prozess des Strebens ausüben. Wir sollten anfangen, aus ihr etwas Greifbares zu schaffen, das auch denen zugutekommt, deren Ansichten wir nicht teilen. Dafür brauchen wir unsere Angst – und eine Offenheit, die von idealistischer Naivität geprägt ist.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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