Wir müssen uns vom Überfluss befreien

von Romano Paganini, „infosperber“

«Weg mit dem Wohlstandsschrott, der nur unser Leben verstopft!» Das fordert der Umweltökonom und Wachstumskritiker Niko Paech.

Wachstumskritiker Niko Paech fordert einen radikalen Umbau der Wirtschaft
Wachstumskritiker Niko Paech fordert einen radikalen Umbau der Wirtschaft
«Und wie», wollte eine junge Zuhörerin am Ende des Vortrags wissen, «wie können wir das der Gesellschaft klarmachen?» Niko Paech war vorbereitet auf diese Frage, schliesslich reist er seit Jahren durch den deutschsprachigen Raum und hält Vorträge zur Ökonomie danach. Oder wie er es nennt: Von der Konsumverstopfung zur Postwachstums-Ökonomie. «Es fehlt an Vorbildern», antwortet der Umweltökonom, «es fehlt an Leuten mit Rückgrat, an Suffizienz-Rebellen.» Man müsse die Neuen Medien nutzen, dort Lärm machen und den Boden für die Zukunft vorbereiten – «friedlich und fröhlich», wie er betont. Und man dürfe keine Erwartungen an die Politik haben. «Wenn es um Wandel geht, scheidet sie von vornherein aus.»
Niko Paech ist Professor am Lehrstuhl «Produktion und Umwelt» der Universität Oldenburg und gilt als einer der radikalsten Wachstumskritiker seiner Zeit. Vielfach ausgezeichnet für seine Werke wurde der 55-Jährige auch schon als «Lichtgestalt in der Postwachstums-Diskussion» («Die Zeit») bezeichnet. Und als solche pflegt er in seinen Referaten jeweils mit der Tür ins Haus zu fallen – als ob er angesichts der Dringlichkeit des Themas, keine Zeit verlieren wolle. So auch in Luzern, wo er bereits zu Beginn seines Vortrags bestätigte: «Ja, wir müssen die Industrie abschaffen – punktuell und graduell. Sonst wird die Krise noch grösser.» Das sage er nicht, weil er gegen die Industrie sei, sondern weil die Produktionsfalle, in der sie sich befände, zu einer Verschärfung des Wachstumsdilemmas führe. «Noch nie waren wir derart auf Wachstum angewiesen und noch nie war Wachstum so wenig möglich wie heute.»
Der Verlust an Autonomie
Die Zahlen sind bekannt, die Situation ebenfalls: Peak of oil, peak of sand – und überhaupt gehen die Materialien, die den globalisierten Laden am Laufen halten, langsam aus. Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen lässt sich ein auf Wachstum ausgerichtetes Wirtschaften irgendwann nicht mehr aufrechterhalten. Das hatten Andere schon vor 40 Jahren erkannt (Club of Rome) – oder auch schon vor 150 (Karl Marx). Dieses «irgendwann» ist längst heute, und wenn man Niko Paech die erste halbe Stunde sprechen hört, würde man sich gerne irgendwo in den Wald zurückziehen und schreien.
Aufwühlend sind nicht seine Argumente, sondern die Art und Weise, wie er sie in Zusammenhang stellt. Niko Paech schafft Bewusstsein dafür, wie sich unser Konsum sowohl auf das Wohlbefinden von Menschen auf anderen Kontinenten auswirkt, als auch auf unser eigenes: Burnouts, Sinnkrisen, Suizide hier, Ausbeutung, Unterdrückung, Hunger dort. Seine Kritik ziehlt jedoch nicht in erster Linie auf das System, seine Worte richten sich an Leute wie die/der LeserInnen dieses Textes: «Dass wir heute an diesem Punkt angelangt sind, liegt an der Vernachlässigung individueller Verantwortung», sagt Niko Paech. Schliesslich seien wir als Konsumenten verantwortlich dafür, was mit den Ressourcen passiere – auch wenn wir eigentlich nichts von dem verdienten, was wir konsumierten, denn: Wer pflanzt Früchte und Gemüse, die wir essen? Wer näht die Kleider und Schuhe, die wir tragen? Wer baut die Wohnungen und Häuser, in denen wir leben?
Und wenn es einem vorher nicht klar war, dann jetzt: Wir, die vom Geld abhängen, sind Teil einer einzig grossen Maschinerie und nehmen in der Wertschöpfungskette längst den Platz des Drogenabgängigen ein: «Unser Schuss», sagt Niko Paech, «ist das Geld. Die Folgen sind der Verlust von Kompetenzen und damit von Autonomie.» Die Fähigkeiten, unser Überleben in einer Gemeinschaft ohne Erdöl und Computer zu sichern, liegen irgendwo unter dem Konsumschutt begraben.
Gegen die Wand
Aus diesem Zeitgeist erwachsen dann Bücher wie «Digitale Demenz» oder «Das erschöpfte Selbst». Und um sich zu beruhigen, schluckt man ein paar Pillen. Gemäss Recherchen von Niko Paech hat sich der Verkauf von Antidepressiva in Deutschland zwischen 2000 und 2010 verdoppelt. «Entweder», sagt er, «wir fahren gegen die Wand und schauen dann, was wir mit den Brocken machen oder wir beginnen die Wirtschaft heute umzubauen.»
Als Vorschlag präsentiert Paech ein vierstufiges Reduktionsprogramm. Es besteht aus Suffizienz, Subsistenz, Regionalökonomie und dem Umbau der Industrie. Es gehe nicht darum, Bestehendem das grüne Mäntelchen anzuziehen. «Bionade und Ökostrom sind schon gut, aber nicht als Kompensation für Schäden, die wir durch andere Konsumgüter verursachen.»
Nachhaltigkeit hin, grünes Wachstums her: Dank der sich zuspitzenden Krisen – auch in den Industrienationen – sind weltweit Menschen daran, sich (wieder) den elementaren Dingen des Lebens zu widmen und das Materielle tatsächlich wertzuschätzen. Im Internet schiessen Tausch- und Teilplattformen wie Pilze aus dem Boden, in den Städten wird Gemüse gepflanzt und die Transition- und Permakultur-Bewegung erhält regen Zulauf. Und Niko Paech, bereits als Student Verfechter einer anderen Wirtschaft, liefert die Theorie zu diesen stattfindenden Prozessen.
«Ein Geniesser wählt aus»
Suffizienz ist eines der Schlagwörter und Paech verdeutlicht an einem Beispiel, dass es dabei nicht um Verzicht, sondern um Schutz eines Objektes oder einer Handlung geht. «Wenn ich ins Kino gehe und der Film beginnt um acht, aber um neun habe ich eine Verabredung, dann kann ich nicht einfach sagen: Spielt den Film ein bisschen schneller ab, ich hab‘ noch einen Termin!» Suffizienz heisse, sich selber begrenzen und Genuss nicht mit Quantität gleichzusetzen. «Denn ein wirklicher Geniesser», sagt Paech, «wählt aus».
Auswählen ist das Eine, sich Zeit nehmen das Andere. «Schliesslich ist Zeit weder erneuerbar noch kann man sie multiplizieren.» Für jene, die ihre Gedanken nicht an apokalyptische Phantasien verlieren und stattdessen etwas Konstruktives machen wollen, nennt Niko Paech ein paar Zeit-Nutzen-Beispiele: handwerkliche Kompetenzen erwerben, soziale Netzwerke aufbauen, selber produzieren, Kaputtes reparieren und unserem Dasein letztlich eine andere Form geben. «Es soll ein Leben mit mehr Gefühl, Gesundheit und Selbstverwirklichung sein.»
Da kommt er dann doch noch, der ersehnte Silberstreifen am Horizont. Und Niko Paech, der atemlos durch das Referat führte, stösst zum Schluss die Tür, mit der er anfangs ins Haus gefallen war, noch ein Stückchen weiter auf: «Wir haben eigentlich alles, um mit dem Wandel zu beginnen.»
Originaltext
Wichtige Ergänzung: „Gemeinwohl-Ökonomie“

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Wir müssen uns vom Überfluss befreien

  1. Hat dies auf Des katholischen Kirchfahrters Archangelus unbotmäßige Ansichten – ob gelegen oder ungelegen. rebloggt und kommentierte:
    In einer Gesellschaft, die zielgerichtet immer neue Generationen von Konsumidioten hervorbringt, die es für selbstverständlich halten, beispielsweise ihr Mobiltelefon jährlich zu wechseln, laufen die Vorschläge für die Mehrzahl der Zeitgenossen schlicht auf einen vollständigen Paradigmenwechsel hinaus. Im politischen Bereich hätte die geforderte Suffizienz eine (für die Herrschenden) bedrohliche Komponente, setzt sie doch den reflektierenden, souveränen Menschen voraus, der auswählen (und damit ein Urteil fällen) kann. Gefragt ist derzeit aber eher Stimmvieh, das eine angeblich „alternativlose“ Politik abnickt. Wer „sich selber zu begrenzen vermag“, seine Begierden zügelt und reflektiert, wer Qualität der Quantität vorzieht, ist aus politischem und ökonomischen Blickwinkel schon beinahe Staatsfeind…

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