Die Vermarktung der Ungewissheit

Von Eduard Kaeser, „Journal21“
Lob der Ungewissheit. Sie ist ein Charakteristikum unserer Existenz. Und sie ist eine Ressource der Menschlichkeit.
Sie bringt das universelle Bedürfnis nach Vertrauen und Zusammenhalt hervor, die soziale Organisation, die familiären Beziehungen, die legitime Macht, das Vertragswerk als Garanten von Rechten und Pflichten; und sie hält unsere Neugier und unseren Forschungsdrang auf Touren. Ungewissheit lehrt mich auch, meine Fähigkeiten und meine Autonomie in Entscheidungssituationen zu erkennen und zu stärken, also das Vertrauen in mich selbst.
PageRank von Google ist die neue Pythia
Das Geschäft mit der Ungewissheit ist alt und lukrativ. Schon im Altertum erwuchs aus der Konfrontation des Menschen mit seiner Zukunft das Handwerk der Wahr- und Vorhersage. Es gab die „mantiké téchné“, also die Technik der Zukunftsdeutung, ausgeübt in unzähligen kulturellen Versionen an menschlichen und tierlichen Organen, Pflanzen, Steinen, Himmelskörpern und beliebigen anderen Objekten. Heute nimmt die Mantik eine neue Gestalt an in Algorithmen, die aus unserem gegenwärtigen Verhalten unser zukünftiges Verhalten zu erraten suchen. In der griechischen Antike weissagten Priesterinnen im Trancezustand – die Pythien – das Kommende.
Die Pythia von heute ist PageRank von Google. Der Algorithmus, der Websites nach Links bewertet, ermöglicht auch das Geschäft der Diagnose und Prognose. Die dazu verfügbaren Datenmengen sind von immensem Umfang. Im Internet der smarten Dinge erzeugt jedes Objekt einen Datenfluss, vom rektalen Thermometer über die intelligente Küche bis zum selbstfahrenden Auto. Die Dinge werden zu Datenabgasschleudern. Und mit der Effizienz der Algorithmen in der Regulierung und Registrierung dieses Flusses wächst auch die Herrschaft des Unternehmens über die Nutzer dieser Dinge. Wir akzeptieren diese Herrschaft, indem wir den Dingen durch ihren Gebrauch gestatten, uns zu beobachten und zu überwachen. Und wir halten die Freiwilligkeit des Gebrauchs für Freiheit.
Vom Finanzkapitalismus zum Überwachungskapitalismus
Ungewissheit bedeutet ursprünglich Risiko. Nun wird dank neuer mathematischer und statistischer Instrumente diese Ungewissheit quantifizierbar und kalkulierbar: sie wird zum Handelsgut. Zum riskanten Handelsgut, muss man sagen. Der Finanzkapitalismus ist beherrscht vom Konjunktiv. Man handelt nicht mit dem, was man hat, sondern mit dem, was man haben könnte. Ein ganzes, von der materiellen Güterproduktion abgekoppeltes Paralleluniversum ist entstanden, in dem Windeier des Möglichen ausgebrütet werde: Optionen, Renditen, Risiken, Swaps, Versprechen, Versprechen von Versprechen. Heute gehen wir einen Schritt weiter. Wir machen generell die Ungewissheit über unser Verhalten zum wirtschaftlichen Gut. Wir bewegen uns, wie dies die Wirtschaftwissenschafterin Shoshana Zuboff nennt, auf einen „Überwachungskapitalismus“ zu.
Die Datenausbeuter
Ein Mittel, Ungewissheit zu reduzieren, besteht darin, Verhalten zu uniformisieren. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass wir zu einem bestimmten Gebrauch der Technologie abgerichtet werden. Unser Tun hat heute auf weiten Strecken den Charakter einer Abfrage, der Query. Googeln ist innert kürzester Zeit zu einer neuen Kulturtechnik geworden. Jeder Datensatz aktiviert im Netz einen andern Datensatz, jede Suche eröffnet neue Verbindungen, und mit jeder neuen Verbindung entstehen neue Suchmöglichkeiten. Auf diese Weise vermehren sich die Daten von selbst. Wir halten durch unser Suchverhalten die Suchmaschine am Laufen. Und je runder sie läuft, desto machtvoller treibt sie wiederum unser Suchverhalten an. Wir sind als Nutzer beides: Treiber und Getriebene und in in diesem Laufrad erzeugen wir stündlich, minütlich neue Verhaltensdaten: den Rohstoff eines neuen Kapitalismus. Googles Algorithmen – PageRank oder AdWords – sind Danaergeschenke. Ihre Dienste nehmen eigentlich uns in den Dienst. Sie schöpfen von unserer Suche „Überschussverhalten“ ab, wie Zuboff das nennt: Datenmengen, welche Google an Anzeigekunden und andere Datenkäufer veräussert.
Computernutzer als unbezahlte Arbeiter
Googles Vormacht basiert auf der fortgesetzten Reduktion von Ungewissheit. Es gibt den Erkenntnisgewinn durch die ständige Verbesserung der Datenanalyse, also das epistemologische Management der Ungewissheit. Neu ist, dass dieser Gewinn gekoppelt wird an den ökonomischen Gewinn durch den Verkauf von Vorhersage-Tools an Online-Unternehmen. Das generiert eine neue, ungeheuer profitable Wertschöpfungskette, mit uns, den Computernutzern,  als Rohmateriallieferanten. Facebook- oder Googlenutzer wurden auch schon als unbezahlte Arbeiter bezeichnet. Durch unsere Netz-Aktivitäten verschaffen wir den digitalen Hauptakteuren profitsteigerndes „Überschussverhalten“. Lernende Maschinen, künstliche Intelligenz und effiziente statistische Methoden sind die Produktionsmittel des 21. Jahrhunderts. Sie produzieren Verhalten, das vorausgesagt werden kann: „Über­wachungsgüter“. Der sogenannte Überwachungsstaat ist kein politisches Monstrum, sondern der Modus operandi einer Gesellschaft von Menschen, welche im Begriff sind, ihre Seele zu verkaufen, indem sie die Ungewissheit abschaffen.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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