Rutsch in die weltweite Katastrophe

von Richard Falk, Übersetzung Milena Rampoldi, aus „Tlaxcala“

Es gibt zahlreiche beunruhigende Anzeichen, dass der Westen im Nahen Osten und in Asien die Bedingungen für den Ausbruch eines ausgedehnteren Krieges schafft, höchst wahrscheinlich eines neuen Kalten Kriegs, die auch bedrohliche Gefahren für den Ausbruch des Dritten Weltkrieges in sich bergen. Die rücksichtslose Grenzkonfrontation mit Russland, die durch den Einsatz provokativer Waffen in verschiedenen NATO-Ländern und die Förderung russenfeindlicher Regime in Ländern wie der Ukraine und Georgien verstärkt wird, scheint eine gewisse Nostalgie nach dem Kalten Krieg zu zeigen und ist sicherlich der falsche Weg, um den Frieden zu wahren.

Dazu kommt der kürzliche, zunehmend kriegerische Ansatz der US-Seeoffiziere und Verteidigungsbeamten bezüglich der Auseinandersetzungen um die Inseln und die Navigationsrechte im Südchinesischen Meer. Ein solches Getue liefert alle notwendigen Zutaten zwecks Intensivierung des internationalen Konflikts und verleiht Obamas „Verlagerung nach Asien“ (pivot to Asia) eine militaristische Note.
Diese Entwicklungen spielen sich gerade während des mutmaßlich konfliktscheuen Präsidentschaft Obamas ab. Im Hinblick auf eine neue Führung, so wird auch das optimistischste Szenario einer Präsidentschaft von Hillary Clinton die Vorkriegstrommeln noch lauter ertönen lassen.
Von einem mehr distanzierten Standpunkt aus kann man sagen, dass Obama eher friedensorientiert erscheint, nur weil die politischen Führer der USA und der Beltway*- bzw. Medienmainstream so daran gewohnt sind, sich auf militärische Lösungen, egal ob erfolgreiche oder nicht, gefährliche und verschwenderische oder nicht zu verlassen. Obama erscheint somit nur im Vergleich zu den kriegstreiberischeren Alternativen als ein Mann des Friedens.
Die derzeitige paranoide politische Atmosphäre in den USA ist ein weiteres relevantes Anliegen, mit Forderungen nach einem Polizeistaat im Inland, erhöhten Waffenbudgets und der dauerhaften Militarisierung des Polizeiwesens und der Rechtsdurchsetzung.
Solche Schritte untermauern auch den militaristischen Umgang mit den ausländischen Herausforderungen an die US- und israelischen Interessen von Seiten des Islamischen Staates, Irans und Chinas. Man kann nicht sagen, wohin diese Art von Kriegstreiberei führen wird, aber was erschreckend klar ist, ist, dass dieses gefährliche geopolitische Draufgängertum höchstwahrscheinlich sogar noch lautstärker wird, während sich der US-Präsidentschaftswahlkampf von 2016 entfaltet.
Der republikanische Spitzenkandidat Donald Trump scheint die USA zu einem Kampf gegen den Islam verpflichtet zu haben, indem er sich der wahnsinnigen Mühe hingibt, darauf zu bestehen, dass jeder Muslim ein Terrorverdächtiger und somit ein potentieller, islamistischer Terrorist ist, der auch dementsprechend behandelt werden soll. Wäre er noch am Leben, würde sogar Samuel Huntington eine solche Befürwortung des „Kampfes der Zivilisationen“ nicht unterstützen!
Tiefe historische Wurzeln
Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches dauerte es fast ein Jahrhundert, bis die nach dem Ersten Weltkrieg von der Friedensdiplomatie gesäte kolonialistische Ernte eingebracht wurde. Im berühmten Sykes-Picot-Abkommen führten britische und französische Diplomaten geheime Verhandlungen zwecks Aufspaltung des Nahen Ostens in eine Reihe künstlich abgegrenzter Territorialstaaten, die als Kolonien von den entsprechenden europäischen Regierungen verwaltet werden sollten.
Einer der Fehler dieses trickreichen Vorhabens bestand im Verrat der Versprechungen an die arabischen Führer, nach denen Großbritannien im Besonderen die wahre Unabhängigkeit unterstützen würde, um im Gegenzug die Unterstützung der anti-osmanischen und anti-deutschen Allianz von Seiten der arabischen Führer während des Ersten Weltkrieges zu sichern. Eine solche Aufteilung der osmanischen Beute verriet nicht nur die Kriegsversprechungen einer politischen Unabhängigkeit an die arabischen Führer, sondern untergrub auch Woodrow Wilsons Bemühungen, das Prinzip der ethnischen Selbstbestimmung der Völker nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches anzuwenden.
Eines der Ergebnisse der diplomatischen Manöver war der 1919 in Versailles geschlossene Kompromiss, der die Sykes-Picot-Grenzen akzeptierte, die gezogen wurden, um die kolonialistischen Ambitionen bezüglich der Handelsstraßen und Einflussbereiche zu befriedigen. Der kolonialistische Charakter des Ganzen wurde durch die Errichtung eines internationalen Mandatssystems für den Nahen Osten, in dem London und Paris die Territorien verwalteten, ein wenig verschleiert. Man stimmte auch einer vagen Verpflichtung zu, die verschiedenen Gesellschaften zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft eventuell in eine politische Unabhängigkeit zu führen. Diese Sykes-Picot-Staaten waren künstliche, politische Gemeinschaften, die den einheimischen Vorrang ethnischer, stammeszugehöriger und religiöser Affinitäten nicht überwinden und nur durch oppressive Staatsstrukturen als kohärente politische Realitäten erhalten werden konnten. Hätte der Zweite Weltkrieg den europäischen kolonialistischen Willen und die kolonalistischen Fähigkeiten nicht ausgelaugt, wären die Gesellschaften des Nahen Ostens immer noch von den Mandaten unterdrückt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Ist es somit überhaupt noch verwunderlich, dass die Region von verschiedenen, autoritären Regimeformen heimgesucht wurde, nachdem die Länder des Nahen Ostens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Unabhängigkeit erlangten?
Ob nun in der Form dynastischer Monarchien oder säkularer Regierungen: die in der Region erlangte Stabilität hing von der Verneinung der Menschenrechte, inklusive der Rechte auf demokratische Betiligung, sowie vom Aufbau kleiner, privilegierter und ausbeutender Eliten, die die nationalen Märkte und Ressourcen an die globale Wirtschaftsordnung kopppelten, ab. Und als das Erdöl zur wichtigsten strategischen Ressource wurde, wurde die Beherrschung der Region für den von den USA angeführten Westen absolut lebenswichtig.
Von diesen Standpunkten aus war der stabile Autoritarismus der Region so ziemlich ebenbürtig mit der verfahrenen Situation des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion, die das Interesse verfolgten, die strategischen und wirtschaftlichen Partnerschaften zu gewährleisten, die die ideologischen Rivalitäten widerspiegelten. Es war in diesem Zusammenhang völlig unwichtig, ob die Menschen von missbrauchenden und brutalen Regierungen ungerecht behandelt wurden oder nicht.
Das Festhalten der USA am Status quo im Nahen Osten kam schon 1980 nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan und der iranischen Revolution von 1979 durch die Verkündung der Carter-Doktrin anschaulich zum Ausdruck.
In seiner Rede zur Lage der Nation, warnte Präsident Carter die Sowjetunion mit einem starken diplomatischen Signal, dass die USA dazu bereit waren, ihre Interessen am Arabisch/Persischen Golf auch mit Gewalt zu verteidigen. Wegen der mutmaßlichen Überlegenheit der sowjetischen Streitkräfte im Landkrieg klang damals die Drohung heraus, notfalls auch Atomwaffen einzusetzen.
Nach dem Kalten Krieg
Nach dem Ende des Kalten Krieges förderten die Vereinigten Staaten wo immer sie konnten und somit auch im Nahen Osten leichtfertig die Verbreitung der konstitutionellen Demokratie nach kapitalistischem Stil. Die Präsidentschaft Clinton (1992-2000) sprach von der „Ausweitung“ der demokratischen Staatengemeinschaft. Damit meinte er, dass jeglicher anderen politischen Option die Legitimitätsgrundlage fehlte (es sei denn, es handelte sich um einen wohlgesinnten Erdölproduzenten oder strategischen Verbündeten).
Die neokonservative Präsidentschaft George W. Bush (2000-2008) mit ihrer Neigung zum Interventionismus berief sich auf das Ziel der „Demokratieförderung“. 2002 wurde es in ihrer offiziellen Formulierung der Sicherheitsdoktrin klar, dass einzig und allein die kapitalistischen Demokratien legitime, westfälische Staaten waren, deren Souveräntitätsrechte auch Respekt verdienten.
Diese Art von lautstarkem Militarismus erreichte nach dem 11. September 2001 einen neuen Höhepunkt.
Das Weiße Haus hoffte scheinbar auf die Einleitung einer Reihe von Interventionen im Nahen Osten und in Asien zwecks Regimeumwälzung, um mit minimalem Aufwand Musterbeispiele von Befreiung und Demokratisierung zu statuieren, sowie die Erdölreserven des Golfs zu sichern und Militärbasen zu errichten, um seine regionalen Zielsetzungen zu untermauern.
Die Angriffe gegen Afghanistan und im Besonderen gegen den Irak waren die bekanntesten Anwendungen dieses missgeleiteten Ansatzes. Anstatt der „Demokratie“ (das Kodewort aus Washington für die Einführung in seine Version der neoliberalen Globalisierung) kam es zu Bürgerkriegen und Chaos und zum Zusammenbruch der stabilen internen Regierungsführung. Der starke Staat, der vor der Intervention bestand, machte den örtlichen Milizen und aufständischen Stammes-, Clan- und religiösen Rivalitäten Platz und führte die einheimischen Bevölkerungen dazu, sich trotz deren Brutalität und Korruption die Rückkehr zur relativen Stabilität der vorherigen autoritären Anordnungen zu wünschen.
Und sogar in Washington trifft man auf zugeflüsterte Annahmen, nach denen der Irak am Ende unter Saddam Hussein besser gewesen war als diese Art sektarischer und spaltender Führer, die das Land seit Beginn der US-Besatzung im Jahre 2003 regierten und aufgrund derer dem Irak nun eine Implosion droht, die mindestens zu zwei Staaten führen wird, die den derzeitigen zerrütteten Staat ersetzen werden.
Der Arabische Frühling
2011 kam der Arabische Frühling, der zu einer schwierigen Spannung zwischen dem angeblichen Wunsch Washingtons, die Demokratie in der arabischen Welt aufzubauen, und der übergeordneten Verpflichtung, die eigenen strategischen Interessen im Nahen Osten zu wahren, führte. Zu Beginn reagierte der Westen ambivalent auf die Unruhen in der arabischen Welt und wusste nicht, ob er diese anti-autoritären Bewegungen der arabischen Massen zuerst willkommen heißen und dann versuchen sollte, zu bändigen, oder die Gefahren neuer Eliten in Kauf nehmen sollte, die sich höchstwahrscheinlich vom neoliberalen Kapitalismus und den strategischen Partnerschaften abwenden würden und im schlimmsten Falle dazu neigen könnten, Israel herauszufordern.
Die Ereignisse der darauffolgenden Jahre beseitigten diese Unklarheiten und bestätigten, dass materielle und ideologische Interessen gegenüber der visionären Bejahung einer arabischen Demokratie Vorrang hatten.
Die entstandene Lage wies darauf hin, dass weder die inländische Lage noch der internationale Kontext mit dem Vorhandensein demokratischer Regierungsformen vereinbar waren. Es überrascht demzufolge nicht, dass eine Reihe weiterer militärischer Interventionen und strategischer Konfrontationen entweder über die NATO wie in Libyen oder über ihre regionalen Partner wie Saudi-Arabien, Katar und die Vereinten Arabischen Emirate im Iran, in Syrien, Bahrein und im Jemen folgte.
In Washington wurden wenige Tränen vergossen, als die authentischen und vielversprechenden Anfänge der Demokratie in Ägypten, die die Welt nach den Ereignissen auf dem Tahrir-Platz 2011 so begeistert hatten, nach zwei Jahren von einem populistischen Militärputsch niedergeschlagen wurden, der den Autoritarismus der Mubarak-Ära wiederherstellte, indem er seine schlimmsten Aspekte akzentuierte.
Was dann die Rache der städtischen, säkularen Elite von Kairo ausmachte, war u.a. ein echtes Bündnis zwischen einer neuen Mehrheit des ägyptischen Volkes und seinen Streitkräften in einem blutigen Kampf zwecks Herausforderung und Zerstörung der Muslimbruderschaft, die nach verschiedenen Wahlsiegen die Kontrolle über die Regierung übernommen hatte.
Trotz ihres angeblichen Liberalismus spielte die Führung Obama mit diesen Entwicklungen mit. Sie verpflichtete sich der neuen Sisi-Führung, indem sie den Begriff „Putsch“ vermied, obwohl der militärischen Übernahme eine blutige Repression der gewählten Führung und der Führung der Zivilgesellschaft folgte.
Dieser orwellsche bildliche Ausdruck des Verzichts, einen Putsch beim Namen zu nennen, versetzte die USA in die Lage, Ägypten weiterhin militärisch zu unterstützen, ohne eine neue Genehmigung vom Kongress einzuholen.
Eine Volksweisheit aus der arabischen Welt verschafft Einblick in das Spiel der Gegenrevolution, die die Hoffnungen des Volkes von 2011 zerschmetterte: „Die Völker ziehen 100 Jahre Tyrannei einem einzigen Jahr Chaos vor.“
Und diese Art von Priorität wird von den meisten Gestaltern und Verwaltern der US-Außenpolitik geteilt. Genauso wie die arabischen Massen bevorzugen auch die Planer des Pentagon die Stabilität des Autoritarismus gegenüber der anarchistischen Unsicherheiten des ethnischen und stammeszugehörigen Wettstreits, den Milizformen der Regierung, die so oft entstehen, wenn sowohl die Diktatur als auch die Demokratie als Regierungsformen scheitern.
Und die Business- und Finanzchefs arbeiten, abgesehen von den Verlockungen der Märkte nach dem Konflikt für den Wiederaufbau der militärisch zerstörten Strukturen, lieber mit verlässlichen und vertrauten nationalen Eliten zusammen, die ausländisches Kapital zu lukrativen Konditionen willkommen heißen und wo sowohl In- als auch Ausländer gleichermaßen profitieren, während die Massen unter Bedingungen mittelloser Knechtschaft leben.
In vielfacher Hinsicht zeigen die Beispiele von Syrien und dem Irak die fürchterlichen, menschlichen Tragödien, die die Völker dieser beiden Länder heimgesucht haben. In Syrien wurde der Volkswiderstand von 2011 vom Regime von Basher el-Assad in Damaskus brutal niedergeschlagen und führte zu einer Reihe katastrophaler Interventionen auf beiden Seiten des ausgebrochenen Bürgerkrieges. Saudi-Arabien und der Iran begannen einen Stellvertreterkrieg auf syrischem Boden, während Israel seine diplomatische Macht nutzt, um dafür zu sorgen, dass der ungelöste Krieg so lange wie möglich anhält, da Tel Aviv, sich weder einen klaren Sieg des Regimes noch seiner Gegenspieler wünscht.
Während dieses Streits intervenierten Russland, die Türkei und die USA mit einer verwirrenden Mischung gemeinsamer und widersprüchlicher Zielsetzungen, von der regierungsfreundlichen Stabilisierung bis hin zu einer Varietät von Szenarien mit einer Regimeänderung. Diese externen Akteure haben unterschiedliche Auffassungen von den kurdischen Kämpfern, die entweder als begehrte Verbündete oder als gefährliche Widersacher gesehen werden.
In diesem Prozess haben mehrere Hunderttausende Syrer das Leben verloren, fast die Hälfte der Bevölkerung ist zu Flüchtlingen und Binnenvertriebenen geworden. Der Großteil des Landes und seine Stätten altertümlichen Erbes sind vollkommen zerstört. Und ein konkretes Ende der Gewalt und der Zerstörung ist nicht in Sicht.
Die Erfahrung im Irak ist kaum besser.
Nach 12 Jahren Strafsanktionen nach dem Waffenstillstand von 1991, die die Zivilbevölkerung ungemein belasteten und der Schock-und Ehrfurcht- Kampagne der US/UK-Angriffe, begann eine Besatzung, durch die das Land seinen grausamen und repressiven Diktator Saddam Hussein und sein Umfeld loswurde.
Was auf der politischen Ebene folgte, wurde mit der Zeit tief ernüchternd und ist derzeitig sogar schlimmer als das gestürzte Regime, was zu Beginn der US-angeführten Besatzung kaum denkbar gewesen war. Der irakische Staat wurde sektarischen Linien entlang neu aufgebaut, indem man die Eliten der sunnitischen Minderheit aus der Bürokratie und den Streitkräften in Bagdad verdrängte und auf diese Weise eine weit verbreitete interne gewaltige Opposition gegen die ausländische Besatzung verursachte und auch eine Widerstandsbewegung gegen die irakische Führung aufbaute, die dank der US-amerikanischen Präsenz an die Macht gelangt war.
Diese Kombination von Aufstand und Widerstand verursachte auch verbreitete Gefühle von Erniedrigung und Entfremdung, die sich als die Ursachen für das Aufkommen des jihadistischen Extremismus, zuerst in Form von al-Qaida und dann als Islamischer Staat im Irak, erwiesen.
Eine toxische Geopolitik
Es ist unmöglich, einen solchen katastrophalen Misserfolg des militärischen Interventionismus zu verstehen und zu erklären, ohne die Auswirkungen der beiden besonderen toxischen Beziehungen der USA mit Israel und Saudi-Arabien zu berücksichtigen.
Das Hauptmerkmal solcher besonderer Beziehungen ist eine bedingungslose Partnerschaft, in der Israelis und Saudis tun können, was sie wollen. Sie können sich sogar politisch gegen die US-Interessen entscheiden, ohne deshalb auf jeglichen bedeutungsvollen Widerstand von Seiten Washingtons oder Europas zu stoßen.
Dieser Bereich der Ermessungsfreiheit hat Israel ermöglicht, den Palästinensern den Weg zur Selbstbestimmung zu versperren, während Israel seine territorialen Ambitionen verfolgt, indem es seine Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten immer mehr ausweitet. Auf diese Weise entstehen in den Völkern der gesamten arabischen Welt antiwestliche Rührseligkeiten aufgrund dieser dauernden Abhängigkeit von einem grausamen, kolonialistischen Siedleransatz, der seit sieben Jahrzehnten den palästinensischen Kampf um wesentliche und mindeste nationale Rechte vereitelt.
Die besondere Beziehung zu Saudi-Arabien ist sogar noch verwunderlicher, wenn man nicht den Vorrang der wirtschaftlich-strategischen Prioritäten berücksichtigt und in dieser Hinsicht im Besonderen die Bedeutung des zu erschwinglichen Preisen gelieferten Erdöls erfasst. Obwohl Saudi-Arabien die absolut schlechteste Menschenrechtsbilanz in der Region aufweist und gerichtlich erlassene Enthauptungen und Hinrichtungen durch Steinigung häufig sind, werden die Mitglieder der Führung in Riyadh in den westlichen Hauptstädten weiterhin warmherzig als Verbündete und Freunde empfangen. Gleichzeitig wird das ebenso theokratische Iran heuchlerisch scharf kritisiert und international bestraft, um die um vieles geringeren Verstöße der Regierung zu rügen.
Wenn man das Ganze natürlich von einer anderen Perspektive aus betrachtet, so ist das in der zynischen Führung der opportunistischen Geopolitik zu erwarten, aber die Rolle der Saudis in der weltweiten Förderung des Jihadismus zu tolerieren und gleichzeitig Billionen in die Terrorbekämpfung zu stecken, ist viel schwieriger zu ergründen, bis man die Aufmerksamkeit von der Titelstory der Terrorbekämpfung auf das aufschlussreichere Narrativ der Petropolitik richtet. Trotz der Entdeckungen von Schiefer- und Erdgas, die die westliche Abhängigkeit vom Erdöl aus dem Nahen Osten vermindern, bleiben die alten kapitalistischen Gewohnheiten auch noch bestehen, wenn ihre wirtschaftlichen Begründungen bereits hinfällig sind. Das ist offensichtlich auch wahr, wenn solche politische Orientierungen lebensgefährlich werden und finanzielle Lasten darstellen.
Kein Schimmer Hoffnung?
Unter solchen Umständen ist es schwierig, im derzeitigen Kosmodrama der Weltpolitik einen Schimmer Hoffnung zu sehen.
Es ist möglich, wenn auch unwahrscheinlich, dass sich die geopolitische Vernunft durchsetzen wird, um eine diplomatische Formel zu finden, um der Gewalt in Syrien und im Jemen ein Ende zu bereiten, sowie die Beziehungen zum Iran zu normalisieren, die Ordnung im Irak und Libyen wiederherzustellen, obwohl so spürbare Auswirkungen auf zahlreiche Hindernisse stoßen und wahrscheinlich in Jahren Entfernung liegen.
Die Alternativen für den Nahen Osten in der nahen Zukunft gestalten sich offensichtlich, abgesehen vom politischen Wunder eines revolutionäreren und emanzipatorischeren zweiten Arabischen Frühlings, im Bereich der autoritären Stabilität oder des anarchistischen Unfriedens und Chaos, was absolut vorzuziehen ist, wenn die Alternative im tiefen Trauma besteht, das mit den konstanten US-amerikanischen militärischen Interventionen verbunden ist.
Wenn man die Republikaner hört, die ihre Vorschriften machen, um den Nahen Osten in Ordnung zu bringen, läuft man auf große Zähigkeit hinaus, einschließlich der beängstigenden Vorschläge einer Flächenbombardierung und einer viel breiter gefächerten US-amerikanischen, militärischen Präsenz.
Sogar die mehr nachdenklichen Demokraten beschränken ihre Vorschläge auf den wachsenden Militarismus. Sie erhoffen sich dadurch, die arabischen Ländern dazu zu bringen, Soldaten zu entsenden. Sie sorgen sich weder um den Ausbruch eines regionalen Krieges noch um einen einfallsreichen Zerfall, der den Krieg als einziges Friedensrezept sieht. Dies ist ein erneuter Hinweis auf das Niveau, auf dem die orwellsche satirische Ironie als zuverlässige Grundlage dient, um außenpolitische Bestimmungen durch ehrgeizige Politiker zu gestalten.
Eine ideenreiche Diplomatie, der Dialog und das Zuhören in der Beziehung zum Feind und die Ausübung von Selbstritik bleiben außerhalb des Stahlgusskäfiges der militaristischen Mentalität, die seit langer Zeit den Großteil des politischen Raums der Debatten der US-Außenpolitik beherrscht hat und dabei von den passiv-aggressiven Mainstreammedien unterstützt wurde.
In dieser Hinsicht ist die US-amerikanische Demokratie eine zerrissene Realität, und verantwortungsbewusste Bürger müssen woanders hinsehen, denn ein Gefängnisausbruch der politischen Fantasie ist schon lange überfällig.
Anm. des Hrsgb.
*Mit The Beltway ist in politischen Diskussionen der Straßenring um die Hauptstadt Washington gemeint. Formell ist es die Capitol Beltway und ganz formell die Interstate 495. Der “Washington Post”-Journalist Mike Causey gab 1983 dem Begriff inside the Beltway eine politische Bedeutung, die ältere Deutsche mit dem “Raumschiff Bonn” gleichsetzen werden: Der Vorwurf, dass es eine in sich geschlossene Elite gibt, die nicht weiß und erst recht nicht versteht, was in der übrigen Republik geschieht. Ausdrücklich sind dabei nicht nur Politiker, Bürokraten und Lobbyisten eingeschlossen, sondern auch Journalisten.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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