Basil Davidson und Die Bürde des Schwarzen Mannes

von Miguel Urbano Rodrigues, Übersetzung Susanne Schuster, aus „Tlaxcala“

Bis vor kurzem war Afrika ein Kontinent ohne geschriebene Geschichte. Es ist das Verdienst von Basil Davidson, in seinen Büchern ein Licht auf die vergessene Geschichte Afrikas geworfen zu haben; als Europa noch im Mittelalter steckte, hatte der Kontinent bereits gut organisierte, multinationale Staaten aufgebaut, die ausgedehnter waren als die der europäischen Großmächte jener Zeit.

Basil Davidson (1914 – 2010) war ein Freund von mir. Ich hatte fast alle seine Bücher gelesen.
Doch ich wusste nichts über die Existenz von The Black Man’s Burden, dessen portugiesische Übersetzung im Jahr 2000 in Luanda* herausgegeben wurde.
gal_11252 Ich bin der Meinung, dass es sein wichtigstes Buch ist. Der Titel ist eine ironische Retourkutsche für Die Bürde des weißen Mannes, ein Gedicht des englischen Schriftstellers Rudyard Kipling, ein ikonischer Apologet des Imperialismus.
Davidson kämpfte im 1. Weltkrieg als Offizier der britischen Army. Er kämpfte in Jugoslawien und Italien zusammen mit den Guerillas gegen die deutschen Besatzer.
Er war ein faszinierender Charakter, über den ich schon viel geschrieben habe. Wir korrespondierten während meiner Exilzeit in Portugal, trafen uns in Lissabon aber erst nach dem 25. April [1974, als die Revolution die faschistische Herrschaft beendete]. Die Bewunderung, die er in mir inspirierte, war der Auftakt zu einer großartigen Freundschaft.
Seine Leidenschaft für Afrika kam spät, doch dann explodierte sie. Das Magazin New York Review of Books schrieb, dass er dadurch zum „erlauchtesten Kenner Schwarzafrikas [in der imperialistischen Welt]“ wurde.
Die Werke dieses Historikers sind heute unverzichtbar für ein Verständnis des schmerzhaften Prozesses der Entkolonialisierung Afrikas südlich der Sahelzone.
Er bezog klar Position. Als Autor, Historiker und Dozent (an Universitäten in England, den Vereinigten Staaten und Afrika) stand er auf der Seite derjenigen, die auf dem Kontinent für die Freiheit und Unabhängigkeit seiner Menschen kämpften.
Meines Wissens nach war er der einzige Europäer, der von den Regierungen der einstigen portugiesischen Kolonien Guinea-Bissau, Kapverden, Angola und Mozambik zum Status eines Helden erhoben wurde.
Davidson mit dem Führer der angolanischen Freiheitsbewegung MPLA Agostinho Neto. Er war der erste Journalist, der mit den Guerillas im Krieg gegen Portugal unterwegs war.
In The Black Man’s Burden fasst er einen Teil seines erworbenen Wissens über den erniedrigten und ausgeplünderten Kontinent zusammen.
The Black Man’s Burden fordert den Leser auf zu einer eingehenden Reflexion der Tragödie eines Kontinents, der Jahrhunderte lang Sklaven nach Amerika exportiert hatte.
Es gibt keine zuverlässigen Zahlen, doch Demographen akzeptieren, dass 19 Millionen Männer und Frauen von ihren afrikanischen Dörfern entführt und als Ware über den Atlantik transportiert wurden. Mehr als ein Drittel von ihnen starb auf der Überfahrt in den mit Infektionen infizierten Laderäumen der Sklavenschiffe.
Nach dem abscheulichen Menschenhandel wurde Afrika auf der Berliner Konferenz von 1884 unter den imperialistischen Staaten aufgeteilt, als wäre es ein gigantischer Zoo. Als Disraeli und Bismarck dicht bevölkerte Gebiete den europäischen Ländern zuschlugen, zerstückelten sie den Kontinent mit Lineal und Kompass, zogen Grenzen, die Menschen mit gemeinsamen Ursprüngen, Traditionen und Sprachen teilten.
Es waren künstliche Grenzen, sie spiegelten weder die natürlichen Grenzen noch die von unterschiedlichen ethnischen Gruppen bewohnten Regionen wider.
Die Kapitel in The Black Man’s Burden über Entkolonialisierung, Nationalismus und Tribalismus leisten einen Beitrag zur Widerlegung der afrikanischen Geschichtsschreibung der europäischen Siedler, sie werfen ein Licht auf ein unbekanntes Afrika, das sich sehr stark unterscheidet von dem Afrika, das von denjenigen beschrieben wurde, die den Kontinent unterdrückt und verwüstet haben.
Die Welle der Entkolonialisierung nach dem 2. Weltkrieg war unerwartet, sie begann mit der Unabhängigkeit von Ghana 1957 und Guinea 1958.
Der Widerstand der britischen und französischen Verwaltungen gegen die Unabhängigkeitsbewegungen war stark. Der Sekretär des Kolonialbüros in London sagte 1959: „Es ist noch nicht möglich, einen Zeitpunkt abzusehen, zu dem es der britischen Regierung möglich ist, die Verantwortung für das zukünftige Schicksal und Wohlergehen Kenias zu übergeben.“ Der Gouverneur der Kolonie Sir Philips Mitchell schrieb damals: „Der Zustand dieser Menschen ist so primitiv (…) und das spirituelle, moralische und soziale Chaos, in dem sie sich befinden, ist genauso bedauernswert.“
Doch die Kenianer gewannen die Unabhängigkeit im Jahr 1963 nach dem bewaffneten Aufstand der Mau-Mau, dessen Anführer Jomo Kenyatta der erste Präsident der Republik war.
Im Jahr 1957 definierte der Gouverneur von Tanganyika Sir Edward Twining „jemanden wie Julius Nyerere“ als einen Agitator, dabei deutete er an, dass hochrangige Kolonialbeamte jeglichen Kontakt mit ihm vermeiden mögen und „ihn nicht empfangen sollten“. Das war sein Urteil über einen Mann, der einer der größten afrikanischen Führer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden sollte.
Die Geschichte widerlegte diese Bewunderer von Rudyard Kipling.
Tanganyika erklärte die Unabhängigkeit 1961, Uganda 1962, Malawi und Sambia 1964.
Der französische Imperialismus, verwickelt in Kolonialkriege in Nordafrika, glaubte, er könnte die Unabhängigkeitswelle im Süden abwehren. Er glaubte, er könnte zwei große Verbände schaffen, welche die zwölf französischen Kolonien in West- und Äquatorialafrika innerhalb der französischen Union zusammenbringen könnte. Dieser utopische Traum war bald ausgeträumt. Alle diese Kolonien sowie Madagaskar erklärten 1960 ihre Unabhängigkeit.
Jedoch folgte auf die politische Unabhängigkeit keine wirtschaftliche Unabhängigkeit.
In den jungen afrikanischen Republiken wurde der traditionelle Kolonialismus ersetzt durch den Neo-Kolonialismus, dessen Funktionsmechanismen weniger transparent, aber genauso grausam waren.
Die afrikanischen Länder südlich der Sahelzone exportieren nach wie vor ihren produzierten Reichtum. Wie Davidson in seinem Buch bemerkt, gestützt von offiziellen Statistiken, sind die Kapitalabflüsse weitaus höher als die geleistete Entwicklungshilfe.
Die afrikanischen Herrscher, die den Prokonsuln des Kolonialismus folgten, waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Führer, die an europäischen Universitäten studiert hatten. Diese Elite tat alles dafür, um das britische und französische Modell der „repräsentativen Demokratie“ in ihren Ländern umzusetzen. Doch die sozialen Klassen, die in Europa theoretisch die Grundlage für die politischen Parteien bilden, existierten nicht in afrikanischen Gesellschaften.
Diese Wahl der „gebildeten und zivilisierten“ Führer ignorierte die traditionellen Häuptlinge und den Reichtum der ethnischen Kulturen Afrikas, die von den in London und Paris ausgebildeten Politikern als rückständig und tribalistisch definiert wurden, als unvereinbar mit Fortschritt.
Das war ein großer Fehler.
Bis vor kurzem war Afrika ein Kontinent ohne geschriebene Geschichte. Es ist das Verdienst von Basil Davidson, in seinen Büchern ein Licht auf die vergessene Geschichte Afrikas geworfen zu haben**; als Europa noch im Mittelalter steckte, hatte der Kontinent bereits gut organisierte, multinationale Staaten aufgebaut, die ausgedehnter waren als die der europäischen Großmächte jener Zeit. Dazu gehörten unter anderen Ghana, Mali, Songhay und Kanem.
Wir alle kennen das Ergebnis der gescheiterten Karikaturen des westlichen demokratischen Modells: Bürgerkriege wie die in Liberia, Sierra Leone und im nigerianischen Biafra; blutrünstige Diktaturen unter Tyrannen wie Mobutu, Bokassa und Idi Amin.
Der Versuch der revolutionären Bewegungen MPLA [in Angola], FRELIMO [in Mosambik] und PAIGCV [in Guinea-Bissau und den Kapverden], einen afrikanischen Sozialismus aufzubauen, scheiterte ebenfalls. Als die Guerillas, die heroisch gegen den portugiesischen Kolonialismus und Imperialismus gekämpft hatten, aus dem Busch in die Städte kamen, war klar, dass das Vorhaben der Parteien, archaische Gesellschaften in eine marxistische Richtung zu transformieren, utopisch war. Guinea-Bissau, Angola und Mosambik sind heute voll integriert in das kapitalistische System. Mit einem Unterschied: Es ist gerechtfertigt, den implantierten Kapitalismus als „grausam“ zu bezeichnen, im Gegensatz zu den afrikanischen Ureinwohnern, die oft als grausam und unzivilisiert charakterisiert wurden.
Ich schließe mich der Meinung des britischen Historikers Eric Hobsbawm an: The Black Man’s Burden „ist ein äußerst wichtiges Buch (…) es erzählt nicht nur von Afrika, sondern auch von der Ethnizität der Nationen und Probleme im Leben von Gesellschaften überall auf der Welt. „
* Basil Davidson, O Fardo do Homem Negro, Publisher Caxinde, Luanda, 2000. The Black Man’s Burden: Africa and the Curse of the Nation-State, 1992, Times Books/1993, Three Rivers Press.
* * Basil Davidson, A Descoberta do Passado da África, Sá da Costa, Lisbon, 1981. Discovering Africa’s Past, 1978, Addison-Wesley.
Anmerkungen des Übersetzers in Klammern.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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