Der Mythos der politischen Alternativlosigkeit

aus „FwF“
Vielen von uns sind die Missstände in unserer Gesellschaftsordnung bewusst. Auf der Suche nach Lösungen greifen sie aber immer wieder reflexhaft zur Politik. Politische Lösungswege scheinen für sie tatsächlich „alternativlos“ zu sein. Aber sind sie es wirklich? Oder sind sie sogar kontraproduktiv? In diesem Beitrag sind einige grundlegende Mechanismen und Funktionen unserer Gesellschaftsordnung zusammengefasst, die politische Lösungswege in ein anderes, vielleicht unbekanntes und verstörendes Licht rücken und gleichzeitig neue Perspektiven für unpolitische alternative Lösungen eröffnen.
Das Spiel nach den Spielregeln des Systems dient zuerst dem Selbsterhalt des Systems
Ein Kampf gegen das „System“ mit den Mitteln, die das „System“ selbst bereitstellt, ist von vorneherein verloren. Der Primärzweck eines „Systems“ ist dessen Selbsterhalt. Alle Lösungswege, die das „System“ bereitstellt, dienen zuerst diesem Zweck. Wer ein Spiel spielen will, spielt es nach den Spielregeln, die das Spiel vorgibt. Diese Spielregeln dienen dazu, das Spiel am Leben zu erhalten, also den Fortgang des Spiels sicherzustellen. Sie dienen also nicht dazu, das Spiel vorzeitig abzubrechen oder ganz loszuwerden, sondern im Gegenteil. Das Spiel selbst aushebeln zu wollen, indem dessen eigene Spielregeln benutzt werden, ist aussichtslos.
Ein solcher Plan ist genau so zum Scheitern verurteilt wie der Versuch, eine Spielbank zu sprengen. Die Spielregeln in einem Casino sind von Beginn an vollkommen klar. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Die Bank gewinnt immer. Die Spielregeln sind natürlich so gestaltet, dass die Mitspieler ständig in der trügerischen Hoffnung gehalten werden, irgendwann den Hauptgewinn zu ziehen. Der Versuch, die Spielregeln zu seinen Gunsten zu beeinflussen, wird mit Hausverbot beantwortet. Dieses wird mit Gewalt durchgesetzt: Wer sich nicht daran hält, wird rausgeworfen und bei Gegenwehr zusammengeschlagen und rausgetragen. Dank schlauer List kann durchaus einmal der äußerst seltene Fall eines größeren Gewinns eintreten. Aber die vom Spiel erzeugte und geförderte Spielsucht sorgt schnell wieder dafür, dass der Gewinn an die Bank zurückgeht. Viele Spieler, die kurzfristig zu großen Gewinnen gekommen waren, sind kurze Zeit später wieder vollständig verarmt.
Der Staat hat große Ähnlichkeit mit einem Casino. Sein Spiel heißt nicht Roulette oder Black Jack, sondern es heißt Politik. Zu den Spielregeln der Politik zählen alle politischen Aktivitäten wie zum Beispiel die Teilnahme an Wahlen, die Unterzeichnung von Petitionen, die Teilnahme an Demonstrationen, parteipolitisches Engagement oder die Gründung einer Partei. Am Ende läuft es wie im Casino. Ist der Bestand des Staates und der Politik gefährdet, heißt es statt Hausverbot einfach zum Beispiel Berichterstattungsverbot in den Redaktionen, Parteienverbot, Platzverweis oder Gefängnis und bei Ungehorsam wird zusammengeschlagen und weggetragen. Letzteres erledigt dann nicht der private Sicherheitsdienst, sondern die Staatspolizei.
Wenn also die Wahl besteht politisch aktiv zu werden oder nicht, muss die Frage gestattet sein, was politische Aktivität vor diesem Hintergrund bringen soll und ob sie nicht mit ziemlicher Sicherheit zum genauen Gegenteil des gewünschten Ergebnisses führen wird.
Konzentration auf die Ursachen, nicht auf die Symptome
Es bringt nichts, die Auswirkungen bzw. die Symptome des Systems zu bekämpfen. Das wäre als würde man sämtliche Kirchen zerstören, um die Religion loszuwerden. Der Effekt wäre, dass sofort neue Kirchen gebaut würden, die doppelt so hoch sind und doppelt so dicke Mauern haben. Die Alternative ist, an die eigentlichen Ursachen zu gehen. Das ist im Fall der Religion der Glaube der Menschen an etwas Irrationales, an irgendein höheres Wesen und dessen Allmacht. Nicht mit Kampf und Zerstörung wurde die Macht der Religion in unseren Breiten schließlich gebrochen, sondern durch das Hinterfragen und Widerlegen des irrationalen Glaubens mit Mitteln der Rationalität.
Ebenso ist es mit der Macht von Staat und Politik. Diese speist sich aus dem irrationalen Glauben, dass es gut sei, Gewalt gegen friedliche Menschen einzusetzen. Nicht im persönlichen Umfeld, wohl aber in größeren gesellschaftlichen Maßstäben mittels Gesetzen und Vorschriften.
Jemand, der beispielsweise einer reich aussehenden Frau ein Messer an den Hals setzt, um ihr 10 Euro abzuknöpfen und diese einem Penner zu schenken, ist ein Verbrecher. Wenn aber genau die gleiche Tat von einem Politiker an Millionen von Menschen begangen wird – mit Hilfe von absurden politischen Ritualen, von Gesetzen und einer Polizei – dann wird aus dem Verbrechen plötzlich eine „rechtmäßige gute Tat“. Und das obwohl es sich dabei um einen eklatanten Verstoß gegen ein universelles Prinzip handelt: was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen.
Aktivitäten gegen „das System“ sollten sich daher nicht gegen die Symptome richten, sondern gegen den irrationalen Glauben daran, dass es gut und gerechtfertigt sei, Gewalt gegen friedliche Menschen einzusetzen. Erst durch diesen weit verbreiteten Glauben entstehen die Symptome.
Das richtige Mittel gegen falsche Ideen sind richtige Ideen
Der physische Kampf gegen falsche Ideen ist aussichtslos, da sich dadurch die falschen Ideen nur noch weiter in die Menschen hineinfressen. Gewalt gegen Gläubige einzusetzen, ist ein ziemlich sicherer Weg, deren Glauben noch um ein Vielfaches weiter zu verstärken. Eine gewaltsame Revolution, wie sie von vielen Aktivisten gefordert wird, beseitigt die Symptome zwar kurzfristig, aber nach einiger Zeit kehren sie mit einem Vielfachen ihrer zerstörerischen Kraft zurück.
Falsche Ideen können nur mit richtigen Ideen erfolgreich bekämpft werden. Die falsche Idee ist, dass Gewalt gegen friedliche Menschen gerechtfertigt und gut sei, solange sie nur von genug absurdem politischen Theater und genug abstrakten Konzepten begleitet sind. Abstrakte Konzepte wie Gesellschaft, Gemeinwohl, Demokratie, Volk, Gesellschaftsvertrag usw. – alles was man nicht anfassen kann und nur dazu dient, die individuelle persönliche Verantwortung für alle Handlungen so lange zu verdünnen, bis ein Freibrief für totale verantwortungslose Willkür besteht. Wie viele Kriege, Genozide, Massenmorde und Folterungen wurden in der Geschichte bereits „im Namen des Volkes, im Namen der Gesellschaft, des Gemeinwohls oder auch der Demokratie“ begangen? Und wie viele sind es, die nur aus persönlichem Interesse von Individuen begangen wurden?
Die Macht falscher Ideen kann durch zwei Wege gebrochen werden, die sich ergänzen: Erstens können falsche Ideen durch richtige Ideen immer und immer wieder hinterfragt werden. Ihre logischen Widersprüche können immer wieder offengelegt werden, bis der fest verinnerlichte Glaube an diese falschen Ideen anfängt, Risse zu bekommen, zu zerbröseln und in sich zusammenzubrechen. Das ist bei der Religion passiert, als sie mit den Naturwissenschaften konfrontiert wurde.
Zweitens können richtige Ideen vorgelebt werden. Menschen beginnen eher damit, sich von falschen Ideen zu lösen, wenn sie andere Menschen sehen, die ihr Leben an richtigen Ideen ausrichten. Wenn Eltern beispielsweise sehr viel Stress und Gewaltprobleme mit ihren Kindern haben, so ändern sie sich am ehesten, wenn sie mit anderen Eltern in Kontakt kommen, die einen spielerisch leichten, friedlichen und stressfreien Umgang mit ihren Kindern pflegen. Wenn ein Beamter oder Konzernsklave wochentags durch die Hölle geht, so ändert er sich am ehesten, wenn er mit einem erfolgreichen Self-made-Unternehmer in Kontakt ist, der vor Energie und Lebensfreude nur so sprüht und ihn mit seiner Begeisterung ansteckt.
Beide Wege ergänzen und verstärken sich gegenseitig. Zerbröseln bei einem Menschen lang gepflegte falsche Ideen und Glaubenssätze, so zerbröselt auch das, was ihm bisher Halt gegeben hat. Er sucht instinktiv wieder nach etwas, was ihm wieder Zuversicht und Hoffnung geben kann. An dieser Stelle entwickeln vorgelebte richtige Ideen eine kraftvolle Wirkung und verstärken ihrerseits das Aushöhlen und den Zusammenbruch der falschen Ideen.
Von innen nach außen statt von unten nach oben
Das „System“ entfaltet seine versklavende Wirkung nicht von oben nach unten, sondern in horizontaler Richtung. Die Affen an der Spitze sind irrelevant. Genau so irrelevant und aussichtslos in Hinblick auf ein friedlicheres Zusammenleben der Menschen ist es beispielsweise, auf politischem Weg von unten nach oben zum neuen Oberaffen werden zu wollen und einfach auszublenden, dass die eigentliche Macht nicht vom Oberaffen ausgeht, sondern von denen, die von ihm beherrscht werden.
Es waren noch nie die Päpste und Bischöfe, die unter großer persönlicher Aufopferung die Kathedralen und Tempel errichteten und im Namen Gottes in die Kriege gezogen sind. Es waren immer deren Schafe, die falschen Ideen aufgesessen sind und sich deshalb selbst und ihresgleichen unterdrückt und geopfert haben.
Übertragen auf das politische System ist es entsprechend aussichtslos, eine Partei wählen oder gründen zu wollen, um die Macht der Politik einzuschränken oder sie sogar ganz abzuschaffen. Das geht mit ziemlicher Sicherheit schief und hinterlässt eine Reihe von Kollateralschäden. Es bedeutet, zuerst sich selbst und dann mit hoher Wahrscheinlichkeit sein gesamtes persönliches Umfeld dafür aufzuopfern. Mit dem bedauernswerten Ergebnis, das System nur noch weiter gestärkt zu haben.
Das Individuum ist der Ausgangspunkt, nicht das Kollektiv
Es gilt, zuerst im eigenen Verstand aufzuräumen, falsche Ideen, Glaubenssätze und Prinzipien zu identifizieren, zu hinterfragen und schließlich endgültig über Bord zu werfen und durch richtige Ideen zu ersetzen. Anschließend gilt es, sie selbst in die Tat umzusetzen und selbst zu leben. Nur so entfalten sie wahre Kraft. Erst dann ist es sinnvoll und erfolgversprechend, die Grenze zwischen innen und außen zu überschreiten und andere Menschen im persönlichen Umfeld für die richtigen Ideen zu begeistern.
An dieser Stelle ist es aussichtslos, irgendwen überzeugen zu wollen. Ein Mensch kann einen anderen nicht von etwas überzeugen. Und ein Mensch kann erst recht nicht eine ganze Gruppe oder ein ganzes Volk überzeugen. Ein Mensch kann sich nur selbst von etwas überzeugen. Das setzt voraus, dass er ein Interesse daran hat, sich selbst zu überzeugen.
Die Herausforderung ist also nicht, andere Menschen oder Gruppen zu überzeugen, sondern bei Einzelnen Interesse zu wecken. Erst wenn einzelne Menschen aus dem direkten persönlichen Umfeld von sich aus mehr wissen wollen – entweder weil sie bei ihren eigenen Glaubenssätzen ein Störgefühl bekommen haben oder weil sie sich darüber wundern, wie ein anderer, dem sie vertrauen, erfolgreich nach Prinzipien lebt, die ihre eigenen Glaubenssätze auf den Kopf stellen – erst dann ist es Zeit, mit ihnen über die richtigen Ideen zu sprechen.
Anders als sämtliche politischen Lösungsversuche hängt das alles nicht von anderen Personen ab und auch nicht von unzähligen unbekannten abstrakten und unkontrollierbaren Variablen. Es kommt nur auf dich selbst an.
Der Zeitpunkt zu Handeln liegt deshalb auch nicht in einer unbestimmten Zukunft, sondern er ist jetzt sofort.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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