Feindliche Übernahme des Weltkulturerbes?

Wie der IS den Narzissmus des Westens instrumentalisiert

von Krystian Woznicki aus „Berlliner Gazette“
“Es wird scheppern”. Diese Worte, die im Finanz-Thriller “Unter Dir die Stadt” ein Bänker bei Übernahme-Verhandlungen spricht, passen gut zu den Bildern, die uns heutzutage aus dem Nahen Osten erreichen. Der IS, der von westlichen Beobachtern als eine Art “Start-Up des Terrors” beschrieben wird, lässt es “scheppern”. So könnte man es zumindest sehen: Museen werden ausgeraubt, antike Stätten dem Erdboden gleich gemacht. All das mit einem rationalen Kalkül und einem “klar umrissenen Business-Modell”.
Wir werden offenbar Zeugen einer feindlichen Übernahme des Weltkulturerbes – eine Expansion, die den Westen besonders aufschrecken lässt, denn es ist, wie Kritiker Georg Diez in Der Spiegel schreibt, ein deutliches Signal dafür, dass der IS nicht nur in der “Gegenwart töten”, sondern auch die “Vergangenheit vernichten” kann. Somit eben auch unsere gemeinsame Vergangenheit als Erben dessen, was man Weltkultur nennt oder auch ein global cultural commons.
Deswegen haben die Bilder auch eine andere Macht als die Bilder von IS-Hinrichtungen. Obendrein sind sie kompatibler mit den um moralische Richtlinien bemühten Medienformaten und deshalb allgegenwärtiger. Ein Enthauptungsvideo lässt sich nicht ohne Weiteres teilen, es steckt zu viel quasi-pornografische Grausamkeit drin. Doku-Aufnahmen des “terroristischen Vandalismus” hingegen stoßen kaum auf Barrieren.
Könnte der Westen Verantwortung übernehmen?
Diez wartet in seinem Essay “Die Krieger der Apokalypse” mit weiteren bemerkenswerten Beobachtungen auf. Erstens: Dieser Terror hat nicht erst kürzlich, sondern bereits vor mehr als zehn Jahren seinen Lauf genommen, als die USA in den Irak einmarschiert sind und im Zuge dessen ein failed state entstand – und damit Nährboden für den IS-Terror. Zweitens: Da der damalige Vorstoß gescheitert ist, schreckt man jetzt zurück angemessen hart durchzugreifen und lässt die eigenen Fehler (und deren fatale Konsequenzen) andere ausbügeln: die irakische Armee etwa.
Geht das nicht anders? Könnte der Westen nicht in sich gehen, seine Fehler eingestehen und seine Verantwortung übernehmen? Aber wie lassen sich die Fehler des Westens überhaupt verstehen? Was waren genau die Fehler des Westens eigentlich? Und wie lässt sich daraus lernen? Wenn der Westen unter der Leitung der USA bereits mehrfach an der Re-Organisation des Nahen Ostens gescheitert ist, was soll er jetzt bei einer militärischen Operation anders und besser machen? Wie kann der Westen vermeiden, Fehler zu wiederholen? Wie kann verhindert werden, dass nach einer erfolgreichen Auslöschung des IS wieder ein failed state entsteht, der erneut einen fruchtbaren Boden für eine terroristische Bewegung bietet?
Darauf gibt es derzeit keine Antwort. Auch Georg Diez liefert in seinem Essay nichts Substanzielles in dieser Sache. Allenfalls Ansätze, etwa wenn der Kulturkritiker bemüht ist, das Wesen des IS zu erklären. Sein Appell lautet: Wir dürfen die Terrormiliz auf keinen Fall als mittelalterliches Schreckgespenst abtun, wir müssen sie als ein Phänomen unserer Gegenwart verstehen. Das ist auch ein Aufruf dazu, dass “wir” beginnen, “uns” auseinanderzusetzen mit “denen”, statt sie als Wahnsinnige abzutun. Dass “wir” versuchen, “uns” in Beziehung zu setzen – was unter anderem bedeuten würde, der Frage nachzugehen, wie wir zu dem IS und seinem Vorgehen stehen, statt einfach nur mit dem Kopf zu schütteln.
Bilder des “terroristischen Vandalismus”
Dazu bietet Diez Anreize. Ausgehend von den Bildern des “terroristischen Vandalismus” zitiert er Reaktionen kritischer Beobachter. Menschen aus der Welt der Geschichtsforschung, des Journalismus und der Kulturerbe-Verwaltung, beispielsweise den Leiter der Abteilung Middle East im British Museum oder einen Vertreter des American Council for Cultural Property. Sie alle zeigen sich entrüstet und weisen auf die schreckliche Dimension der Zerstörung hin. Nicht zuletzt, weil sich die Tragödie wiederhole. “8000 Jahre Menschheitsgeschichte sind in Gefahr!” habe man auch schon beim Einzug der US-Truppen in Bagdad gerufen. Niemand wollte es hören. Auch jetzt nicht?
Jetzt treten die Täter nicht im Namen der westlichen Welt auf, sondern als Krieger, die eben jene Welt begraben wollen – und alles, woran sie hängt. Exakt dieses Kalkül, dass “wir” mit den Bildern der Zerstörung von “Kulturschätzen” getroffen werden sollen, wird noch zu wenig oder nicht konsequent genug hinterfragt. Denn wenn es darum geht, die Wirkung dieser Bilder zu verstehen, müssen wir auch fragen: Wie ist die Zielgruppe konstruiert? Warum glauben die Terroristen “uns” damit treffen zu können? Haben sie richtig kalkuliert? Wenn ja, warum? Kann es wirklich sein, dass die Terroristen “uns” so gut verstehen – ja, offenbar besser, als “wir” sie?
Beobachter sagen (und Georg Diez schließt sich ihnen an): Der Westen fängt erst an sich mit einer Bedrohung wie dem IS zu beschäftigen, wenn es zu spät ist. Wenn sie so groß und gefährlich geworden ist, dass der Westen einfach nicht mehr umhin kommt, eine Reaktion zu zeigen – mit dem Rücken zur Wand sozusagen. Das stimmt. Auch wenn es in solchen Fällen immer Leute gibt, die sagen: “ich habe davor doch schon vor Jahren gewarnt”. Ausnahmen eben. Dafür, dass solche Ausnahmen nicht die Regel sind, zahlen wir einen hohen Preis. Der IS wirkt jetzt schon bösartiger als Al Quaida in schlimmsten Zeiten. Doch möglicherweise ist das noch nicht alles.
Verstehen die Terroristen “uns” besser als “wir” sie?
Ja, der Westen beschäftigt sich mit einer Sache wie dem IS erst dann wenn es zu spät. Ja, der Westen versucht erst dann “diese Leute” zu verstehen, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Doch die Beschäftigung mit “denen”, mit “deren” Denkweise, mit “deren” Motivation und Wut, kurz: mit “deren” Perspektive – das ist auf Extremisten beschränkt. Die Perspektive der Normalbevölkerung bleibt uns fremd.
Um beim Beisiel zu bleiben: Wir haben nicht die geringste Ahnung davon, wie die Normalbevölkerung reagiert hat, als US-Truppen das Museum von Bablyon zerstörten. Genauso wenig wissen wir, was die Normalbevölkerung fühlt, wenn IS-Krieger das Museum von Mossul auseinandernehmen. Wir haben keine Vorstellung davon, ob der Sinn für das Weltkulturerbe, das der Westen dort unter Beschuss sieht – ob dieser Sinn auch nur ansatzweise von der Normalbevölkerung geteilt wird.
Das, was wir Weltkulturerbe nennen, mag sich bei genauerer Betrachtung als westliche Erfindung entpuppen, als koloniales Projekt. Und unsere Beschäftigung mit dem IS und seinem Terror als eine Beschäftigung mit uns selbst – als eine Übung in Narzissmus. Das tönt auch aus dem Diez-Text: Es werden fast ausschließlich westliche Beobachter zitiert und damit “unsere” Wertmaßstäbe für die Bewertung der Lage und für die Verarbeitung des Terrors herangezogen. In solchen Momenten sorgt der Diskurs, dass der Terror im Nahen Osten nur für “uns” existiert. Wir blenden die Menschen, die dort leben, aus – damit auch ihre Nöte und Potenziale.
Kann der Westen seinen Narzissmus überwinden?
Vielleicht sind das alles auch in ihren Augen “Kulturschätze”, selbst wenn sie mit dem Konzept des Weltkulturerbes nichts anfangen können. Vielleicht sehen auch sie in den Objekten, die die dortigen Museen beherbergen, auch so etwas wie cultural commons. Die entscheidende Frage ist, wie just in diesem Moment, da ihre Welt als solche in Auflösung begriffen ist, die Commons-Forderung der Normalbevölkerung aussieht.
Schließlich sind Commons nicht einfach so da für alle. Sie müssen im gesellschaftlichen Dialog bestimmt, eingehegt, verwaltet und gepflegt werden – ein Prozess, der in einer gewaltigen Umbruchphase besonders dynamisch und antagonistisch ist. Wie kann dieser Prozess heute im Nahen Osten gestaltet werden? Was für Commons brauchen die Menschen in den terrorisierten Gebieten – kurzfristig und auf lange Sicht? Welche Rolle spielen die global cultural commons in diesem Kontext? Welche Verantwortung hat der Westen, wenn es darum geht sowohl die Bestimmung als auch die Einhegung der Commons im Nahen Osten vorzunehmen?
Es gehört zum Narzissmus des Westens, solche Fragen nicht zu stellen. Vielleicht hat der IS all das auf dem Schirm. Vielleicht ist er in seinem Terror-Kalkül deshalb auch noch etwas schlauer als wir bislang annehmen. Vielleicht weiß er um den Narzissmus des Westens und wie er diese uneingestandene “Macke” nutzen kann, um die Menschen im Westen zu treffen und in die Irre zu leiten. Dorthin also, wo sie sich weiterhin mit sich selbst beschäftigen, statt zu versuchen die eigentlichen Probleme zu lösen. Bilder von Weltkulturerbe-Terrorismus, die in erster Linie an “uns” adressiert sind, und nicht so sehr an die Normalbürger des Nahen Ostens, sind ein Anzeichen für ein solches Kalkül.
Die hiesigen Debatten um die Bilder des “terroristischen Vandalismus” zeugen davon, dass der Westen von all dem nichts ahnt. Dass der Westen also auch längst nicht das Ausmaß seiner bisherigen Fehler eingesehen hat und auch noch nicht begriffen hat, wie ihn seine narzisstischen Reflexe beeinträchtigen. Doch der Westen muss sich endlich aufrappeln und beispielsweise anfangen, die Perspektive der Normalbürger im Nahen Osten zu verstehen. Sie sind, durch die Kriege und den Terror bedingt, zu unseren unmittelbaren Nachbarn geworden. Ob wir wollen oder nicht. Und wir können es uns nicht erlauben, sie zu ignorieren. Sie können, sie dürfen uns nicht fremd bleiben. Wahrscheinlich müssen wir sie auf lange Sicht zu unseren Verbündeten machen.
Dass das nicht unmöglich ist, zeigt Oscar-Preisträgerin Laura Poitras im ersten Teil ihrer “War On Terror”-Triloge. In ihrem Dokumentarfilm My Country, My Country (2006) begleitet Poitras im Vorfeld der ersten demokratischen Wahlen im Irak einen sunnitischen Arzt bei seiner Arbeit. Ein höchst eindrucksvolles, höchst menschliches Dokument, das Schule machen sollte. Auch jetzt in diesem Moment, in dem eine Antwort auf den IS gesucht wird und die Fehlerspirale aus der jüngsten Vergangenheit nicht aktiviert werden soll.
Ein Lernprozess auf Augenhöhe mit der Normalbevölkerung im Nahen Osten und das daraus resultierende Handeln – das wären die einzigen, die einzig wahren Antworten auf den IS, der bekanntlich den ewigen Krieg will. Der Westen ermöglicht eine solche Eskalation, wenn er es versäumt seinen Narzissmus zu überwinden. Keine geringere Bedrohung ist heute vor unserer Haustür.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
Dieser Beitrag wurde unter Éthnos, Bewußtsein, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Feindliche Übernahme des Weltkulturerbes?

  1. adam schreibt:

    nun ist es aber langgsam genug
    … der ‚westen‘ wird es bereuen auf seine ‚gutmenschen‘, ‚gruenen‘ und ‚liberalen‘, seine ‚anti-was weiss-ich‘, seine ‚philosophen‘ und ‚politiker‘ und auf seine ‚friedliebenden‘ mitbuerger gehoert zu haben, wenn sie vom muezzin am freitag zum gebet in die moschee gerufen werden, wenn seine frauen in der tschador willig dem koran folgen muessen und seine kinder durch den imman ‚zur reinen lehre erzogen‘ werden …
    ich kann nur hoffen, dass die ueberreichen uns diesmal anfuehren und vor dem uebel bewahren und mit aller gewalt gegen diese blutruenstigen muslim monster vorgehen, um sich ihren reichtum zu bewahren.
    lieber ein sklave in einer ‚westlichen‘ welt als ein versklavter ‚westler‘ in einem muslemischen imperium…
    es wird zeit, alle akademischen ‚ueberlegungen‘ beiseite zu legen und zu den waffen zu greifen.
    mit diplomatie, moral und philosophie kommen wir nicht weiter…

  2. cashca schreibt:

    Der Westen hat die letzten Jahre so ziemlich alles falsch gemacht, was den Umgang mit diesen Ländern betrifft, die jetzt große Probleme machen und eine Zerstörungswut von großen Ausmaß entfaltet haben. Wo der Terror- Krieg tobt, mit äusserster Brutalität.
    Der Westen hat lange genug gezündelt.
    Das bekommt der Westen so schnell nicht mehr in Griff , die Rache rückt immer näher. Die Herrscher dieser Länder, welche diese Banditen im Griff hatten, z.T natürlich auch weggesperrt haben, wurden beseitigt und die Gefängnistore aufgemacht, das ist das Ergebnis. Auch in Libyen was vor dem Sturz durch den Westen relative Ruhe und Ordnung. Den Leuten gind es gut, heute geht es ihnen dreckig, sie rennen um ihr leben vor den IS – Kämpfern, den EX Gefangenen, rausgelassen aus den Gefängnissen. Alles zerbombt, kaputt, sie haben die Hölle geschaffen.
    . Der Westen wusste ja immer alles viel besser, wie gut diese Leute doch sind und sie alle frei gelassen werden müssen, weil sie ja zu unrecht eingesperrt sind.
    Heute wissen wir mehr. So toben sie sich jetzt in der Freiheit aus.
    Ein Teil davon , der EX Knackis kommt auch zu uns. Diese radikalen Leute ändern sich nicht. Sobald sie können, kämpfen und terrorisieren sie weiter.
    Dafür , dass sie das können. hat der WESTEN, die USA u. Nato gesorgt.
    Sie schlagen alles kurz und klein, weil es einfach VERÜCKTE ,brutale Bestien, geistig vernebelte Menschen sind. Diese haben sich die USA zunutze gemacht, bezahlte Söldner
    Nehmen wir doch endlich die Fakten zur Kenntnis.
    Es ist weit und breit niemand, der diese fanatischen Terroristen aufhalten kann.
    Diejenigen , die es konnten, die sind vom Westen / USA , ermordet worden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s