Wie Ratten im Labyrinth

Von Stephan Wehowsky aus „Journal21“
Die Politik versagt vor den Aufgaben der Gegenwart. Oder ist es unsere Sichtweise? – Eine Erinnerung an die Grundsatzdebatte zwischen Jürgen Habermas und Niklas Luhmann.
Krisen – finanzielle, wirtschaftliche, auch politische – treten heute selten wie Eruptionen auf. Die Ukraine ist eher eine Anomalie. Entsprechend gehen die internationalen Bemühungen dahin, das Feuer so weit auszutreten, dass es nur noch als Schwelbrand fortwirkt. Damit geriete auch die Ukraine in den heutigen politischen Modus.
Wer spinnt?
Die Politik scheint nicht mehr in der Lage zu sein, Probleme definitiv zu lösen. Das Vertagen von Entscheidungen ist zu ihrer Methode geworden. Die Gesellschaft wirkt wie ein riesiger Wartesaal. Und wo die Politik dabei war, definitive Lösungen vorzubereiten, ist sie davon nach und nach wieder abgerückt. Die Hauptsorge Europas, die Eurokrise aufgrund der dramatischen Überschuldung einzelner Staaten, hängt damit zusammen:
Entgegen der vertraglich fixierten Regeln werden wirtschaftlich schwache Staaten von den stärkeren „herausgekauft“, und entgegen den Regeln tritt die Europäische Zentralbank als Geldgeber dafür auf. Sind alle Verantwortlichen verrückt geworden?
Umgekehrt kann man fragen, ob unsere Erwartungen an die Politik und ihre Institutionen realistisch sind. So betrachtet, könnte es sein, dass gar nicht anders entschieden und gehandelt werden kann, als es tagtäglich geschieht und von zahlreichen Beobachtern kritisiert wird. Wie aber wäre das zu verstehen?
Aufbruch der Vernunft
In den Jahrzehnten nach der 68er Bewegung haben sich in Deutschland zwei soziologische Schulen mit völlig unterschiedlichen Sichtweisen entwickelt: die Diskurstheorie von Jürgen Habermas und die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Da Luhmann bereits 1998 starb, verlor sein Ansatz an Einfluss.
Aber es liegt nicht nur am vergleichsweise frühen Tod Luhmanns, dass unsere Gesellschaft bis heute eher im Habermas-Schema denkt. Denn die politischen Entwicklungen selbst schienen dessen Theorien zu bestätigen. Der Wunsch der Menschen, selbstbestimmt und frei nicht nur zu diskutieren, sondern auch politisch mitzubestimmen, beendeten den erzwungenen „Schlaf der Vernunft“ unter diversen Diktaturen und gaben der Diskurstheorie von Jürgen Habermas das schönste Anschauungsmaterial: Frei denkend und diskutierend sucht der Mensch nach der Wahrheit. Dafür kämpft er. Im Medium der Freiheit lässt sich die Wahrheit in Gesellschaft und Politik erkennen und verwirklichen.
Verschwörungstheorien
Regelmässig enden aber diese Aufbrüche in Enttäuschungen. Ganz abgesehen von der Wiederkehr der Diktatoren erscheinen auch im Zeichen demokratischer Verfahren die faktischen Entscheidungen weit entfernt von den Idealen zu sein, für die einst gekämpft wurde. Aus der Perspektive von Habermas ist diese Entwicklung stets durch Einflüsse hervorgerufen, die eigentlich nicht sein dürften: übergrosse Macht kommerzialisierter Medien, wirtschaftliche Kartelle, die die Politik „kaufen“, oder die Verselbständigung machtvoller Bürokratien.
Die Zuordnungen gelingen dann wie von selbst: Die Politik der Europäischen Zentralbank und der Regierungen der „Geberländer“ gegenüber Griechenland zum Beispiel dient einzig und allein der Wahrung mächtiger Kapitalinteressen. Da wird ein Land geknechtet und geknebelt; früher sprach man von „Zinsknechtschaft“.
Global Player und „kleine Leute“
Die Perspektive von Niklas Luhmann ist völlig anders. Wenn das Unwesen der Banken angeprangert wurde, pflegte er zu sagen: „Aber wir haben doch auch ein Konto.“ Und man könnte fortführen: Zu den ganz grossen Playern auf den Kapitalmärkten gehören auch Pensionsfonds. Abermillionen von Alterseinkünften werden von ihnen verwaltet. Verluste treffen auch die „kleinen Sparer“. Und in Anbetracht der Tatsache, dass Börsen und Märkte aus ethischer Sicht Probleme aufwerfen, fragte Luhmann: „Soll man jetzt die Computer, mit denen Handel betrieben wird, abstellen?“ Wer könnte wünschen, dass jeglicher Handel zusammenbricht?
Es gibt also keine Diskursgemeinschaft, die sich von den unliebsamen Akteuren in der Gesellschaft abheben liesse. Dafür ist alles viel zu sehr miteinander verwoben. Auch der edelste Denker ist zugleich Konsument. Das ist die eine Einsicht Luhmanns. Die andere besteht darin, dass das, was wir in der Politik beobachten, zwar enttäuschend sein mag, aber nicht auf miesen Charakteren oder betrügerischen Absichten beruhen muss. Zuschreibungen dieser Art sind fragwürdig.
Beobachtung der Beobachter
Woher wissen wir eigentlich, was richtig ist, was getan werden und was vermieden werden müsste? Wir wissen es aus den Medien. Und wenn wir einer Zeitung nicht glauben, lesen wir eine andere. Luhmann nennt das „das Beobachten des Beobachters“. Wir können auch den Fernseher einschalten, ins Internet gehen: Nie kommen wir über das Beobachten der Beobachter hinaus. Die Medien haben Korrespondenten, die Korrespondenten können zwar vor Ort beobachten, aber um zu verstehen, was sie beobachten, brauchen sie wiederum andere Beobachter vor Ort, die ihnen ihre Beobachtungen mitteilen.
„Es gibt nur Ratten im Labyrinth, die einander beobachten“, schreibt Luhmann 1987. (1) “Es gibt kein labyrinthfreies, kein kontextfreies Beobachten. Und selbstverständlich ist eine Theorie, die dies beschreibt, eine Rattentheorie.“ – Schärfer lässt sich die Gegenposition zu Jürgen Habermas nicht markieren.
Die „Systeme“ und kein „Rattenkonsens“
Aber es geht nicht nur ums Beobachten, es geht auch ums Handeln. Und da gibt es in der Gesellschaft keine zentrale Macht mehr – etwa den Kaiser – auf das sich alles fokussiert und von dem aus alles zentral geregelt werden kann. Der Kaiser kann in alles eingreifen: Schule, Wirtschaft, Militär, Verwaltung und was ihm sonst noch unterstellt ist. Diese Zeiten sind vorbei. An die Stelle der zentralen Ordnungsmacht haben sich einzelne „Systeme“ gesetzt. Es gibt die Wirtschaft, die Kultur, die Politik, die Rechtsprechung, die Finanzen und so fort. Alle Systeme haben ihre eigenen „Codes“. Vereinfacht kann man sagen: Jedes System hat seine eigene Logik.
Die Politik ist nur ein System unter vielen. Politiker denken in Wählerstimmen, denn wenn die fehlen, sind sie am Ende. In der Wirtschaft geht es um den Code Geld. Bei Zahlungsunfähigkeit ist Schluss. In der Justiz geht es um Recht und Unrecht, in der Wissenschaft um wahr und falsch. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass jedes System nach eigenen Regeln funktioniert und es gar nicht mehr möglich ist, eine richtige Lösung für alle zu finden.
Das ist der Preis der modernen Gesellschaft. Was wie Chaos aussieht, ist ihr Funktionsprinzip. Oder wie Luhmann schreibt: Die „Ratten“ können „wohl zu Systemstrukturen, nie aber zu Konsens kommen.“
Kein Ausweg
Kann uns das beruhigen? Keineswegs. Luhmann selbst, dem immer wieder Zynismus vorgeworfen wurde, war höchst besorgt, auch wenn er es in seinen Schriften nur zwischen den Zeilen zum Ausdruck brachte. Aber der Anlass zur Unruhe liegt in der Logik der Systemtheorie. Denn wenn es tatsächlich so ist, dass jedes System nur „das beobachtet, was es beobachten kann“, kann es an dem scheitern, was es eben nicht beobachtet. In der Logik von Luhmanns System liegt aber die Tatsache, dass es niemanden gibt, der allen anderen erklären könnte, worauf es denn nun wirklich ankommt.
Das Stochern mit Stangen im Nebel oder das wechselseitige Beobachten „der Ratten im Labyrinth“ kann nicht durch „herrschaftsfreie Diskurse“, wie Jürgen Habermas sagen würde, ersetzt werden. Denn dafür gibt es weder Ort noch Funktion. Aber wie würde Luhmann die Tatsache deuten, dass wir es jetzt mit „Diskursen“ zu tun haben, die nicht herrschaftsfrei, sondern autoritär und gewaltträchtig sind und zunehmend die politische Agenda bestimmen? Sind sie eine Bestätigung seiner Sichtweise?
Das ist leider der Fall. Denn es ist sehr komplex, die Komplexität unserer Gesellschaft zu durchschauen. Es gibt eben auch „Ratten im Labyrinth“, die diejenigen Ratten totbeissen, die scheinbar den Ausgang nicht wissen. Scheinbar. Denn es gibt keinen Ausgang. Aber das kann man nicht jedem erklären.
(1): Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 4, Beiträge zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1987
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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