Die wahnhafte Vernunft Europas: ein neuer weicher Faschismus ?

von Laurent Desutter, Übersetzung Michèle Mialane, aus „Tlaxcala“
Es ist Zeit, die Augen zu öffnen: die führenden Stellen den Europas verkörpern einen neuen Faschismus. Nicht mehr der offensichtliche, übernommene Faschismus, welcher das zwanzigste Jahrhundert zu einem Inbegriff der politischen Missgestalt gemacht hat; da haben wir eher mit einem weichlichen, hinterhältigen Faschismus zu tun, der seine Absichten hinter einer Sprache verbirgt, welche sich für die Stimme der Vernunft ausgibt. Aber die Vernunft jener, die sich heute mit dem griechischen Premierminister Aléxis Tsípras auseinandersetzen müssen, ist in Wirklichkeit eine wahnhafte Vernunft und das in mehreren Hinsichten.
Vladimir KazanevskyVladimir Kazanewsky, Ukraine
Erstens in politischer Hinsicht: jede neue Geste der europäischen führenden Stellen (so neulichst jene des Direktors der EZB Mario Draghi) zeigt abermals, wie sehr sie die Prinzipien verachten, auf die jene Vernunft sich sonst beruft. Indem der Vorsitzende der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker laut verkündete, dass die europäischen Abkommen keiner demokratische Abstimmung unterworfen sind, hatte er das offen zugegeben: in Europa ist Demokratie nur noch ein leeres Wort. Dass er damit eine juristische Realität hervorgehoben hat (tatsächlich werden die Abkommen zwischen Staaten und nicht zwischen Bevölkerungsgruppen verhandelt), war diese Erklärung trotzdem jene eines Ganoven. Nein, Völker Europas, nicht Euch gehört Europa – und auch nicht den Regierungen, die Ihr gewählt habt, soweit jene nicht dem Tempo folgen, den wir für sie bestimmen möchten. So lautete die Botschaft, den Junker zu verlauten beabsichtigte – und die auch tatsächlich gehört worden ist.
Tsipras no austerity LatuffCarlos Latuff, Brasilien
Zweitens ist die europäische Vernunft in wirtschaftlicher Hinsicht wahnhaft: was die leitenden europäischen Gremien derzeit zu Stande bringen, ist ganz einfach der Ruin eines ganzen Kontinents, oder eher der Ruin dessen Bevölkerung – und das in einer Zeit wo der Reichtum Europas als wirtschaftliche Einheit immer weiter wächst. Indem die europäische wirtschaftliche Führung versucht, das griechische Programm von Yánis Varoufákis – wirtschaftlich gesehen jedoch tadellos rational – im Keim zu ersticken, erklärt sie es auch ohne Umschweife. Sie interessiert sich nur für den Fortbestand eines Statu quo, welches dem Kapitalismus in seiner entfleischtesten und manischsten Form es möglich macht, einen abstrakten Reichtum zu produzieren. In Europa geht es nicht darum, dass Reichtum Menschen zu Gute kommt, sondern darum, dass jener Reichtum weiter, und immer mehr, im Umlauf bleibt. Jedoch fällt es jener Führung keineswegs ein, dass ein so radikales Aus-dem-Gleichgewicht-Bringen des europäischen Wirtschaftssystems am Ende das kapitalistische System selber zu Grunde richten kann, wie die Finanzanalysten es immer wieder betonen. Denn schließlich handelt es sich dabei nicht wirklich um Kapitalismus, auch nicht einmal um Wirtschaft, sondern nur um Macht und deren Durchsetzung.
the housewife Η νοικοκυρά sofia mamalingaDie Hausfrau, von Sofia Mamalinga, Griechenland
Drittens ist die europäische Vernunft mit Hinsicht auf die Vernunft selber wahnhaft: Was in den diversen Aufrufen zur „Vernunft“ steckt, welche die griechische Regierung sich zu Eigen machen sollte, ist in Wirklichkeit eine Unterwerfung unter dem reinsten Wahnsinn. Denn die Vernunft, auf welche sich die europäischen PolitikerInnen berufen (z.B. wenn sie die der Bevölkerung aufgezwungenen, idiotischen Sparmaßnahmen rechtfertigen wollen- beruht auf einer Axiomatik, die ebenso gut eine Definition des Wahnsinns liefern könnte. Diese Axiome sind zuallererst die Ablehnung des Realitätsprinzips – die Tatsache, dass die Vernunft der europäischen Führung leer läuft und mit den Geschehnissen in der realen Welt nie in Berührung kommt. Dann die Ablehnung des Satzes vom Nicht-Widerspruch – die Tatsache, dass alle Argumente, auf denen ihre Entscheidungen beruhen, weder Fuß noch Hand haben; eben deswegen werden sie vorgelegt (siehe z.B. die angeblich wirtschaftlich rationelle Austerität, wobei jeder weiß, dass dem nicht so ist). Und schließlich das Prinzip des „ja, aber“: die Tatsache, dass man auf die Grundlagen selbst der getroffenen Entscheidungen zurückgehen und sie diskutieren kann, ruft bei den führenden Stellen hysterische Reaktionen hervor.
Dieser allumfassende Wahnsinn der europäischen Führung muss hinterfragt werden. Weshalb macht er sich so unverschämt vor unseren Augen breit? Weshalb tut er, als ob er weiter nach Gründen suchen würde- wobei dieses Gründe sinnlos geworden sind, nur leere Worte, hohle Parolen, inkonsistente Logik? Die Antwort ist ganz einfach: wir haben tatsächlich mit Faschismus zu tun. Es heißt, sich einen rein konventionellen Deckmantel zu geben, einen Diskurs zu führen, den man angeblich befürwortet, um in Wirklichkeit eine ganz andere Operation auszuführen.
Wie ich es oben suggeriert habe, bei dieser Operation geht es in der Tat um Aufrechterhaltung der Ordnung: die europäische Bevölkerung muss immer härter gezügelt werden – damit sie nicht auf die immer brutaleren Maßnahmen reagiert, die man ihr auferlegt. Regierungen, die sich für demokratisch ausgeben, wurden von den verschiedenen Völkern Europas demokratisch gewählt – aber das verborgene Programm jener Regierungen ist gerade das Gegenteil: sie wollen die Demokratie untergraben, weil die Demokratie ihnen nicht passt. Alles andere ist nur Tarnung. Was die neue griechische Regierung aber versucht, ist, ein bisschen Realismus in den unwahrscheinlichen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Wahnsinn, in welchem Europa steckt- also ein bisschen Demokratie. Aber dabei enthüllt sie das Ausmaß an Schurkerei, die in den anderen Ländern des Kontinents herrscht – und dafür gibt es keine Vergebung.

Siné février 2015Vorwärts, Griechen!,

von Siné, Frankreich
Originaltext
Zur Ergänzung:
Es herrscht Klassenkrieg …
Einfach nur noch widerlich

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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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