Welches Buch könnte besser in unsere Zeit passen als dieses?

Michel Houellebecq – Unterwerfung

Auslieferung in deutscher Sprache am 16. Januar 2015

Welches Buch könnte besser in unsere Zeit passen als dieses?
michel-houellebecq_unterwerfung_720x600Goncourt-Preisträger Michel Houellebecq erzählt in „Unterwerfung“ die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen.
Wahllokale werden überfallen, Autos brennen auf den Straßen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.
„Unterwerfung“ handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit – und zugleich mit virtuoser Ironie – ausdeutet.
„Unterwerfung“ von Michel Houellebecq kam am Tag des Mordanschlags auf die Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ in Frankreich heraus. In Deutschland erscheint der Roman am Freitag 16. Januar 2015.
Man liest das Buch unter dem Eindruck der Ereignisse, aber auch mit den bewegenden Bildern von der riesigen Demonstration in Paris vom Sonntag im Kopf. Es spielt im Jahr 2022, da der Spitzenkandidat der muslimischen Bruderschaft neuer Präsident Frankreichs wird und das Land islamisiert. Gerade Frankreich, das Mutterland der freien Bürger.
Der Roman sollte mit kühlem Kopf gelesen werden. Doch einen kühlen Kopf beim Lesen zu bewahren, dürfte vielen schwer fallen – zumal vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse in Paris.
Das Phänomen ist bekannt. Als Salman Rushdie 1988/89 seinen Roman „Die satanischen Verse“ vorlegte und anschließend in den Bannstrahl einer vom Iran verhängten Fatwa geriet, schauten nur die wenigsten darauf, was in dem Buch wirklich beschrieben wurde. Der Fall Rushdie und wohl auch das neue Buch von Michel Houellebecq bestätigen nur dies: Radikalen Eiferern geht es nicht um Kunst oder Literatur, sondern nur um die Durchsetzung ihrer vermeintlichen Ziele. Doch sollte zumindest die aufgeklärte Welt einen differenzierten Blick bewahren.
Houellebecq ist der erfolgreichste französische Gegenwartsautor, dessen Bücher in über 40 Sprachen übersetzt sind. Sein sechster Roman „Unterwerfung“ ist in erster Linie ein literarisches Ereignis, ein singuläres Kunstwerk, wenn man so will. In ihm entwickelt der Autor eine politisch-gesellschaftliche Zukunftsvision seines Heimatlandes. In der Tat steht am Ende ein muslimischer Präsident an der Spitze der Grande Nation. Aber eben kein Radikaler, sondern ein charismatischer, kluger, ja, visionär auftretender Muslim, der einen Traum von einem großen, starken Europa hegt.
Mag sein, dass Houellebecq seinem Roman damit mehr Glaubwürdigkeit vermitteln und dem Vorwurf begegnen wollte, er hetzte hier gegen eine Weltreligion. Doch zunächst muss man erst einmal konstatieren: „Unterwerfung“ entwirft eine facettenreiche Vision der französischen Gesellschaft mit vielen Zwischentönen.
Das Buch bietet keine Polemik, sondern entwickelt ein literarisches Panorama, in dem verschiedene Akteure gesellschaftlicher Schichten auftreten, die – meist im Gespräch mit der Hauptfigur – ihre Meinung äußern.
Diese Hauptfigur ist François, ein Literaturprofessor, der einst mit einer Arbeit über den französischen Décadence-Autor Joris-Karl Huysmans in intellektuellen Kreisen berühmt wurde. François wird von Houellebecq als vereinsamter und kaum zu tieferen menschlichen Bindungen fähiger Mensch dargestellt, der vor dem körperlichen Verfall Angst hat und von Selbstmordgedanken getrieben wird. In seiner Freizeit trifft er sich mit ein paar übrig gebliebenen Bekannten; Freunde hat er im Grunde genommen nicht. Oder er vergräbt sich mit reichlich Alkohol in seiner Bücherstube. Ab und zu trifft er sich mit Prostituierten.
Das alles schildert Houellebecq vor dem Hintergrund anstehender Präsidentschaftswahlen im Frankreich des Jahres 2022. Der Front National unter Marine Le Pen ist die dominierende politische Kraft im Lande, Sozialisten und eine muslimische Bruderschaft liegen ungefähr gleich auf, die bürgerlichen Rechten sind geschrumpft. Das Land scheint nach einer zweiten Amtszeit unter der Präsidentschaft François Hollandes wirtschaftlich und gesellschaftlich aus der Krise nicht mehr herauszukommen. Um eine Präsidentin Marine Le Pen zu verhindern, entschließen sich die bürgerlichen Parteien und die Sozialisten, den gemäßigten muslimischen Kandidaten Mohammed Ben Abbès zu unterstützen.
Was folgt, ist der langsame und von Houellebecq überraschend friedlich geschilderte Umbau des französischen Staates. Blut ist vor den Wahlen geflossen, bei bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Nach den Wahlen, so schildert es der Roman „Unterwerfung“, kehrt Ruhe ein. Die Arbeitslosigkeit sinkt, auch die Kriminalitäts-Rate. Landwirtschaft und Handwerksbetriebe werden gefördert und blühen auf. Die Großindustrie muss Tribut zahlen. Freilich hat das auch seinen Preis, das verschweigt Houellebecq nicht. Frauen scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus. Das Schul- und Bildungssystem wird umgebaut, muslimische Einrichtungen werden gefördert. Doch es besteht Religionsfreiheit.
„Es ist die Unterwerfung, der nie zuvor mit dieser Kraft zum Ausdruck gebrachte grandiose und zugleich einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht“, zitiert Houellebecq an einer Stelle den Direktor der Hochschule, an der François einst lehrte und zum Schluss von der muslimischen Führung wieder mit offenen Armen aufgenommen wird.
Jeder Leser muss sich selbst fragen, wie viel Anteil an Ironie Houellebecq in solche Stellen einfließen lässt. Natürlich zeichnet der Autor nicht das Wunschbild eines islamischen Staates in Frankreich. Houellebecq spart nicht mit Kritik am Islam, doch er polemisiert nicht. Das in höchstem Maße irritierende dieses literarischen Entwurfs liegt darin begründet, dass Houellebecq sein Zukunftsszenario so scheinbar nüchtern und emotionslos darstellt. Doch das ist typisch für diesen Autor. So ist er auch in früheren Werken mit anderen umstrittenen Themen wie Klon-Forschung oder Globalisierung umgegangen. Houellebecq beschreibt nüchtern und lakonisch, oft sehr witzig – aber er bewertet nicht. Damit muss man als Leser erst einmal zurechtkommen.
DuMont-Buch-Verlag, ISBN 978-3-8321-9795-7

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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