Der totale Charlie

von Egon W. Kreuzer
Die Schere im Kopf macht Überstunden. Wie besessen schnippelt und schneidet sie alles weg, was auch nur entfernt nach Meinungsfreiheit riecht. Mit orgiastischer Wonne zerfetzt sie jedwede Assoziation, verweigert jeder noch so schönen Analogie den Weg in die Meinungsfreiheit. Spätestens seit Sonntagnachmittag, seit jenen beeindruckenden Bildern von Hundertausenden, insgesamt Millionen von trauermarschierenden Menschen, angeführt von der Creme de la Creme der Eliten, ist kein Platz mehr für ein Denken außerhalb des wertvollsten Gutes der Welt, der uneingeschränkten Freiheit, deren jeder teilhaftig werden kann, vorausgesetzt, er ist ein guter Charlie.
Es ist mir, als habe die Schere in meinem Kopf auf telepathischem Wege den neuen europäischen Kommissionserlass empfangen, der gar nicht offiziell erlassen werden musste, weil sich Millionen von Scheren darauf geeinigt haben, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Presse, sei um einen wichtigen Paragraphen erweitert worden, der besagt, dass die Freiheit zu meinen, es gäbe Presse- und Meinungsfreiheit, für jedermann garantiert wird, und dass zugleich, um Missbrauch vorzubeugen, diese spezielle Meinungsfreiheit verpflichtend vorgeschrieben und ihre Einhaltung mit allen Mitteln die dem Staat zur Erhaltung der Meinungsfreiheit zur Verfügung stehen, unter Aufhebung des Richtervorbehalts, überwacht werden wird.
Wenn ein ganzer Kontinent in einer starken Einheitsmeinung zusammensteht wie ein Mann, wenn es in Deutschland von BILD bis Zeit, von Spiegel bis Freitag nur noch eine einzige starke Meinungsfront gibt, die sich nahtlos in die Meinungsfreiheit aller freien Nationen dieser Welt einfügt, wenn von Washington bis Tel Aviv, von Lissabon bis Riga die gleiche Empörung gegen den gemeinsamen Feind auflodert, dann ist mir um Europa nicht bange. Die Kraft der vereinten Völker wird uns zusammenschweißen und uns aus der kommenden Auseinandersetzung mit dem Bösen siegreich hervorgehen lassen. Kein Opfer ist zu schwer, um es nicht auf sich zu nehmen. Viele werden auf dem Feld der Ehre bleiben, doch die künftigen Generationen werden sich mit Stolz und in Liebe auf ewig an jene erinnern, die mit ihrem Blut für ihre Freiheit gekämpft haben.
Völker der Welt, steht auf und kämpft. Es geht um alles. Die Entscheidungsschlacht steht bevor, das Böse zwingt sie uns auf – und wir sind gewappnet und stehen in Treue fest zusammen.

Wollt ihr den totalen Charlie????

Die Schere im Kopf steht kurz vor dem Suizid, ich treibe sie in den Wahnsinn, und das ist vielleicht das einzige, was hilft, dieses opportunistische Luder loszuwerden.

Ja, bei den Bildern aus Paris kann man ins Grübeln kommen.

Was war denn noch gleich der Anlass?

Blöde Frage, meinen Sie? Gar keine blöde Frage!

Man stelle sich vor, überall auf der Welt, wo Menschen unerwartet und nur mit geringer Schuld beladen vom Leben zu Tode gebracht werden, sei es bei einer Hochzeitsfeier in Afghanistan, sei es bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn, sei es in einem Gewerkschaftshaus in Odessa, sei es beim Brand einer Textilfabrik in Bangladesh, würden Millionen von Menschen, angeführt von den versammelten Polit-Eliten auf die Straße gehen und von einem Angriff auf das höchste Gut der Menschheit sprechen, auf das Recht auf Leben in Freiheit, wo kämen wir denn hin?

Wir verteidigen – geeint von BILD, BamS und Glotze – unsere Freiheit, die darin besteht, unsere vermeintlichen und angeblichen Feinde unter Inkaufnahme jeder Menge von Kollateralschäden auf die einfachste und für uns ungefährlichste Weise per Drohnenangriff zu neutralisieren.

Wir verteidigen, geeint von der Lobby der Automobilindustrie, sowie von BILD, BamS und Glotze, unsere grenzenlose Freiheit mit den dicksten SUVs hemmungslos durch die Gegend zu brettern, dabei unnütz mehr Schadstoffe auszustoßen, als alle geschassten Glühbirnen miteinander und freuen uns, wenn Dank ausgefeilter Sicherheitstechnik unter knapp 400.000 alle Jahre auf den Straßen Verunglückten nur noch ungefähr so viele Tote zu verzeichnen sind, wie sie vor 13 Jahren beim Einsturz der Türme des World Trade Centers zu verzeichnen waren.

Wir verteidigen unsere Meinung, die Freiheit der Putschisten in der Ukraine mit Geldzuwendungen und Waffenlieferungen unterstützen zu müssen und sehen ungerührt zu, wenn im Rahmen des Kampfes gegen die russische Bedrohung Dutzende Menschen in einem Haus eingesperrt und verbrannt werden.

Wir verteidigen unsere Meinung, dass die Freiheit des Kapitals auch dann noch gewährt bleiben muss, wenn es – zum Zwecke höchster Gewinne – unter unwürdigsten Bedingungen Arbeiter ausbeutet und sie, wie einst in den Berg- und Stahlwerken des Frühkapitalismus bei – aus Kostengründen leider unvermeidlichen Betriebsunfällen – elendiglich verrecken lässt.

Ja. Hier und da ist ein kurzer Aufschrei der Empörung zu hören, doch dann kehren alle wieder zum Tagesgeschäft zurück, ganz nach dem Motto: „Was schert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt?“.

Was also war nun der Anlass?

Stellen Sie sich vor, in Ihrer Straße wohnt eine Familie mit der Armut unter einem Dach.
Es sind bekennende Christen. Jeden Tag zieht eine Horde von Rotzlöffeln vor diesem Haus auf und gießt Spott und Häme über diese Familie aus. Jeder Gang zur Kirche wird zum Spießrutenlaufen. Auf dem Schulhof wird der jüngste Sohn entweder isoliert oder verprügelt, je nach Tagesform, und jede Woche sprüht jemand nachts üble Parolen an die Hauswand.

Nun ja, so was gibt es. Das bleibt meistens das finstere Geheimnis einer solchen Straße.
Als nun der jüngste Sohn wieder einmal mit zerfetzter Hose und gebrochenem Nasenbein nachhause kommt, packt den Familienvater der heilige Zorn, er stürzt hinaus auf die Straße, greift sich einen der Übeltäter und bringt ihn um.

Vor Gericht trägt sein Anwalt vor, es habe sich um eine über lange Jahre währende Form übelsten Mobbings gehandelt, sein Mandant habe im Affekt gehandelt und beantrage daher Freispruch oder doch zumindest mildernde Umstände.

Der Richter hört sich das interessiert an, doch dann kommt der gegnerische Anwalt und erklärt, bei allem, was sich seine Mandanten angeblich hätten zuschulden kommen lassen, handele es sich lediglich um die Wahrnehmung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit, und sie seien nun einmal der Meinung gewesen, es handele sich um ein dreckiges, nichtsnutziges Pack, dass sich da eingemietet habe, und das wird man ja wohl noch sagen und zum Aus-Druck bringen dürfen, wo kämen wir denn hin, wenn der Staat sich da einmischen wollte.

Charlie Hebdo hat mit Bildern und Texten verletzt. Dass es sich bei den Verletzungen nicht um körperliche, sondern um psychische Schäden gehandelt hat, die bei den Betroffenen angerichtet wurden, erinnert irgendwie an die modernen Verhörmethoden der USA. Man sieht hinterher nichts davon -Folter war es dennoch.

Nun hat es in Frankreich in der Redaktion von Charlie Hebdo Tote gegeben. Ganz unabhängig davon, welche Hintergründe die Tat hatte, ob es sich um ein Attentat handelte, oder tatsächlich um Terror, ob das ganze eine Inszenierung war oder nicht, stellt sich die Frage: „War das tatsächlich ein Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit?“

30.000 Exemplare des Blattes wurden pro Ausgabe durchschnittlich verkauft, 30.000 von 66 Millionen Franzosen fanden also Gefallen an den Absonderungen der Zeichner und Redakteure von Charlie Hebdo. Mag sein, dass es dreimal soviele Leser gab, die sich daran delektiert haben, aber selbst dann handelt es sich immer noch um weniger als ein Siebentel von einem Prozent der französischen Bevölkerung!

Ich verstehe die Empörung über die kaltblütigen Morde.

Ich kann nicht verstehen, dass sich Millionen weniger über die Morde an sich aufregen, als darüber, dass damit das Wirken der Ermordeten, das „höchste Gut“ der freien Welt, getroffen worden sein soll.

Was wir in diesen Tagen erlebt haben, ist in meinen Augen ein Höhepunkt und eine Jubelfeier der Demagogie.

Man hat die Massen gefragt: „Wollt ihr den totalen Charlie?“, und die Massen haben ihr „Ja“ abgeliefert.

Und wofür steht dieses „Ja“ nun?

Albrecht Müller hat es in einem bemerkensworten Kommentar in den Nachdenkseiten in brillanter Form herausgearbeitet. Ich erlaube mir, seine Argumente – auf Schlagworte reduziert – mit meinen eigenen Worten aufzugreifen.

Dieses „Ja“ steht für
  • Wir vergessen, in welcher Welt wir leben.
  • Wir vergessen, dass die „westliche Wertegemeinschaft“ nur ein aufgeblasener Popanz ist, Opium für das Volk.
  • Wir vertrauen fest darauf, „die Guten“ zu sein, egal, was in unserem Namen auch an Schweinereien verübt wird.
  • Wir wollen den totalen Krieg gegen den Terror und die Terroristen, Seit‘ an Seit‘ mit unseren amerikanischen Freunden.
  • Wir werden endlich erkennen, dass die Freihandelsabkommen gut sind, für die freie Welt.
  • Wir werden uns einig gegen jeden wenden, der uns als Feindbild präsentiert wird und sind bereit, für unsere Freiheit in den Krieg zu ziehen.
  • Wir versagen uns jegliche Kritik an unseren Anführern, denn nur gemeinsam sind wir stark.
  • Wir unterstützen die Forderung nach noch mehr und noch umfassenderer Überwachung, um die „Volksschädlinge“ ausssortieren und neutralisieren zu können.
  • Wir werden unseren Medien vertrauen, weil sie uns die Augen geöffnet und uns in Wut und Protest geeint haben.
  • Wir werden nichts mehr bezweifeln, was uns vorgesetzt wird, denn Zweifel säen Zwietracht und Zwietracht zerstört das kuschelige Einvernehmen mit unseren Anführern, die sich in unserem Namen an die Spitze der Bewegung gestellt haben.
Die Initialzündung hat gewirkt.
Die Massen sind in Bewegung geraten. Sie folgen blind.
Sie haben einen gemeinsamen Freund, ihre weisen Anführer, und sie haben eine Quelle der Meinungsbildung, die unteilbar richtige Meinung der freien Presse der freien Welt.
Denen folgen sie, gegen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, ob es nun Islamisten, Djihadisten, Separatisten, Russen oder Chinesen sind, vor allem aber walzen sie nun alles nieder, was ihren Anführern zuhause im Wege steht.
Und morgen werden sie, mit vereinten Kräften, angeführt von BILD, BamS und Glotze, damit beginnen, die Presse- und Meinungsfreiheit mit Millionen von Stiefeln zu treten, absolut überzeugt davon, meinen zu dürfen, Meinungsfreiheit zu haben, sei schon Meinungsfreiheit.
Originaltext
Zur Ergänzung:

„Politiker ohne Volk“

Dieses Bild ging um die Welt:
2,w=650,c=0.bildÜber eine Millionen Menschen setzten bei einem Marsch durch Paris am Sonntag ein eindrucksvollen Zeichen der Solidarität mit den Opfern der Terroranschläge. An der Spitze der Bewegung waren auf allen TV-Kanälen die Regierungschefs Europas zu sehen. Praktisch jedes Nachrichtenmedium berichtete über den Gedenkmarsch, der die Bürger und die ihre Politiker als Einheit zeigten – vereint im Schmerz und im Abscheu über die Morde der Killer von Charlie Hebdo und eines jüdischen Supermarktes.
Die Einheit war jedoch, wie sich nun herausstellt, eine optische Täuschung: Denn die Politiker marschierten nicht an der Spitze des Volkes, sondern in einer abgesperrten Seitenstraße um die Place Léon Blum. Das “Volk” hinter den Politikern waren nicht die Pariser Bürger, sondern Sicherheitskräfte. Die Straße hinter der kleinen Gruppe der Politiker blieb leer.Die Aufnahmen spielen in der Nähe der Metro-Station Voltaire, bestätigt auch Le Monde.
paris
Nachfolgend die komplette Videodokumentation des Gedenkmarsches in Paris. Bitte spulen Sie vor bis 1:59:00. Die entscheidenden Bilder vom Marsch in der Seitenstraße bei 2:00:00 und enden etwa bei ca. 2:33:00. Man kann sehen, wie die Politiker nach einer Liste aufgestellt werden. Danach marschieren sie los – eine inszenierte Propagandashow.
In der Straße herrscht gespenstische Stille. Am Ende verabschiedet Francois Hollande die Kollegen, geht auf einen – ebenfalls abgesperrten – Platz, und schüttelt einigen Leuten die Hände. Die Politiker, eben noch betroffen Arm in Arm, stiegen in ihre Limousinen und fahren nach Hause. Mit den Menschenmassen kamen die Regierungschefs zu keiner Sekunde in Berührung.
Quelle: DWN

Pariser Gedenkkundgebung: Wenn politische Heuchler sich die Ehre geben

Reiß einem Heuchler die Maske vom Gesicht, und er wird es verlieren.
Dr. rer. pol. André Brie
Gestern fanden sich 1,5 Millionen Mensch in Paris zu einem Trauermarsch nach dem Attentat in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo zusammen.
Darunter auch zahlreiche Politdarsteller, die sich als “Verteidiger der Pressefreiheit” verstehen. Daniel Wickham hat einmal genauer hingeschaut und da seine Aufstellung mehr als entlarvend ist, sollte man sie gelesen haben: Weiterlesen in „konjunktion“

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Der totale Charlie

  1. Josch schreibt:

    Psychischer Schmerz steht körperlichem Schmerz in nichts nach. Beide Schmerzformen aktivieren ein und diesselben neuronalen Netze im Gehirn. Die wirklich extrem geschmacklosen Karikaturen bei C.H. werden daher von verletzten, zutiefst gekränkten Muslimen logischerweise als Gewaltform wahrgenommen. Und Gewalt bewirkt Gegengewalt – Actio und Reactio eben. Möchte man meinen, doch so einfach ist es nicht.

    Daneben gibt es einfach zuviele Ungereimtheiten. Der zeitnahe CIA- Folterbericht, der, zunächst noch in aller Munde, nun auf einmal vom Tisch ist. Einer der Attentäter hatte blaue Augen, wie eine Augenzeugin (Journalistin) berichtete. Es gibt zwar Berber mit blauen Augen, jedoch die Fotos der beiden angeblichen Täter zeigen Männer mit dunklen Augen. Weshalb wurden sämtliche Täter hingerichtet? Der letzte sogar allem Anschein nach mit gefesselten Händen? Woher stammen die Kampfanzüge, die Splitterwesten, die Waffen und die aufmunitionierten Magazine der Täter? Haben die das ganze Geraffel in der Reisetasche von ihrem Syrienurlaub mitgebracht? Oder steckt eben doch mindest ein Geheimdienst dahinter?

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