Zitate des Korans/der Bibel zerstören die Religion

von Al Imfeld aus „infosperber“
Das Zeitalter der Wörtlichkeit ist vorbei. Wir müssen uns mehr zwischen Mythen und Historie bewegen. Die Offenbarung geht weiter.
Man wirft in religiösen Kreisen des Christentums und des Islam mit isolierten Schriftzitaten vom AT (Altes Testament) bis zum NT (Neues Testament) oder mit verkürzten Suren aus dem Koran ohne jeglichen Kontext zur Gesamtlage um sich, d.h. man zitiert ohne jeglichen Zusammenhang; man zitiert so, als ob man aus einem voluminösen Rechtsbuch Paragraphen in Erinnerung rufen wollte. Jeder juristisch geschulte Mensch weiss, je mehr Paragraphen desto eher eine Chance zu einem Gesetz ein anderes Gesetz zu finden, welches das erste modifiziert oder gar ins Gegenteil wendet.
Mit reiner Zitatentheologie kommen wir nicht weiter
Bis ins hohe Mittelalter ging es bei beiden Weltreligionen primär nicht um einzelne Verse sondern um Geschichten, sei es biblische Geschichten oder seien es Hadithe. Beide Gattungen sind mehr Bilder als Begriffe, sind Illustrationen oder Konkretisierung in einem bestimmten Zusammenhang von einzelnen Versen oder Hadithe.
Mit einer reinen Zitatentheologie kommen wir weder in der Vertiefung noch im Verständnis weiter, sondern bringen Religion in den Bereich der Punktualisierung (Tüpflischiesserei) und werfen das Essentielle atomisiert durcheinander. Bibelsprüche genauso wie Koranzitate zerstören Religion.
Hermeneutik und Exegese
Bevor ich weiter gehe, müssen zwei Begriffe geklärt werden, denn um diese geht es letztlich.
Hermeneutik entspringt dem Altgriechischen und bedeutet die Theorie von Interpretation von Texten und über das Verständnis von Texten. Alle Texte bestehen aus Zeichen und Symbolen, in die Sinn oder Bedeutung eingegangen ist. Hermeneutik wird in Theologie, Philosophie, Rechtswissenschaft, Literaturwissenschaft und Sozialanalysen angewendet.
Exegese betrifft Hermeneutik im sakralen Bereich; es handelt sich um das Auslegen Heiliger Schriften. Es geht dabei um die ernsthafte Suche nach einem stets neuem Verständnis der originalen Quellen. Unter Exegese wird also die Suche nach dem damaligen Verständnis des Texts und/oder der Worte und deren heutiger Auslegung verstanden. Im christlichen Bereich führten evangelische Theologen diesen Bereich radikal weiter, etwa bis zur Entmythologisierung des Neuen Testaments von Rudolf Bultmann (1884-1976). Im Islam findet Koran-Exegese erst zögernd Eingang.
Einige erhellende Thesen zur Schriftauslegung des Korans heute
Es betrifft die heiligen Schriften beider Weltreligionen Christentum und Islam. In den Thesen wird im Kommenden kaum differenziert, denn es geht primär um ein allgemeines neues Verständnis, welches in die heutige Zeit passt und Sinn ergibt.
  1. Selbst wenn der Text direkt von Gott geoffenbart sein soll, darf und muss gefragt werden: welche Sprache spricht oder peilt der Offenbarer an? Sprach Gott Aramäisch oder Hebräisch zu Moses und den Propheten? Welche Sprache benutzte Jesus? War es Aramäisch? Genauso bei Mohammed. Passte dieser Überbringer Gabriel die Sprache Mohammed an? Woher kommen die vielen Parsi-Einflüsse im Koran?
  2. Prinzipiell hat der Islam recht, wenn er fordert, dass der Urkoran nicht übersetzt werden kann und darf. Mit jeder Übersetzung tritt der ursprüngliche Text aus dem Ort der Offenbarung heraus und trifft auf ein anderes Gott- oder Offenbarungsverständnis. Zudem gibt es keine eins zu eins Übersetzung; jede Übersetzung ist bereits eine Deutung und Weiterführung der sogenannten Offenbarung. Selbst wenn andere Völker mit einer anderen Muttersprache den Koran einfach auswendig lernen, erweitern sie den Koran. Nur Imame oder Theologen (meist stark juristische geprägt) halten daher an einer Versteinerung fest. Solche Fixationen führen zu Fundamentalismus und Absurditäten. Vor allem auch deshalb werden Koranverse zu magischen Formeln.
  3. Das AT und NT bestehen aus Geschichten; der Koran enthält Lehr- und Weisheitssprüche, denen meist der damalige menschliche und soziale Kontext fehlt. Sie werden daher abgehoben und absolut behandelt. Das NT gibt laufend Kontext oder den Sitz im Leben; dagegen kommt der Koran eher einem juristischen Kodex gleich, der erst im Laufe von 300 Jahren in der Sunna konkretisiert wurde. Wir könnten daher die Sunna als eine eigenwillige (oder andere) Form der Exegese verstehen. Die Sunna besteht aus Hadith (übersetzt: Erzählung oder Überlieferung). Ein Hadith führt immer auf Mohammed zurück und bringt Suren in den einstigen Alltag von Mohammed. Somit kannte der Islam bis ins 10. Jahrhundert sozusagen eine Fortsetzung der Offenbarung. Diese wurde dann wegen der Gefahr der Überbordung gestoppt. Somit fixierte der Islam seine frühzeitliche Eigenheit einer fortlaufenden Offenbarung und wurde «zweistromig»: der Kalifen- und Sultan-Islam, stark politisch und von den einzelnen Rechtsschulen geprägt und der Volksislam.
  4. Die entscheidende Frage entsteht, wenn ein Korankenner zwei Suren findet, die sich scheinbar aufheben oder gegeneinander ausgespielt werden können. Gibt es eine Form von Reden in Widersprüchen oder Gegensätzen? Oder heben sie sich dann gegenseitig auf und werden zu einer Form des weder Sowohl-das- nicht als auch jenes nicht? Relativiert es die Aussage beider Suren? Oder ist diese Weise gar ein eigenwilliger Vorgang der Vertiefung einer Kernaussage? Gibt es im Islam etwas vergleichbar Ähnliches wie im Christentum, welches stets das AT zwar mitnimmt, jedoch von Jesus behauptet, dass er dieses entweder erfüllt oder überholt habe; das AT verpflichtet nicht; es dient der Erhellung.
  5. Immer wieder wird auf beiden Seiten betont: Es kommt auf den Geist an. Aber was ist denn dieser Geist? Dazu braucht es die Exegese! Sonst sind Aussagen leere Rechtfertigungen. Wir brauchen Deutungen je mehr wir uns (Muslime wie Christen) vom Ursprung der Offenbarung entfernen und uns in einer anderen Weltlage als anno dazumal (in illo tempore) befinden.
  6. Deutungen unterliegen der Gefahr, dass sie isoliert vorgehen oder an einem Detail hängen bleiben. Der gute Exeget muss dauernd vom Ganzen zum Detail hin- und hergehen. Niemals darf er die Gesamtheit aus den Augen verlieren. Sowohl die christliche als auch die islamischen Offenbarung setzten sich von reiner Rechtsprechung ab. Bei Jesus ist das ganz klar; bei Mohammed ging es primär darum, alle Beduinen vereinen zu können, indem sie alle und immer unter Allah standen.
  7. Gerade in der Auslegung haben wir das Zeitbedingte vom Absoluten zu trennen. Wie? Wir wissen scheinbar immer weniger von diesem Absoluten. Wir kennen etwas vom soziokulturellen Kontext von Abraham oder Moses und den Propheten, aber eigentlich nichts von Gott, der im AT drei verschiedene Namen trägt, also auf drei Überlieferungen verschiedener Art zurückgeht, also auf drei Kultur- oder Agrar- und Stadtgeschichten. Yahweh, Elohim (Eloah, Elah) Jehovah, sogar Adonai u.a. wurde dieser eine Gott genannt. Um auf keinen Fall ein Ausweichen zu ermöglichen, wurde im Islam Allah mit 99 «all»-Varianten festgemacht. Dennoch kommt früher oder später dieses Menschliche und Zeitbedingte mit hinein. Keine Religion, selbst eine starke monotheistische nicht: Religion und erst recht Offenbarung haben primär mit Menschen zu tun, warum denn sollte ein Gott offenbaren? Gott spricht zu Menschen und nicht für sich. Und genau hier liegt der Kern des Problems.
  8. Nochmals sei darauf hingewiesen, dass es in jeder Offenbarung Eindeutiges und Zeitbedingtes, Banales und Sakrales, Alltägliches und Absolutes gibt. Doch wer unter den Menschen entscheidet das Dazwischen oder differenziert. Dazu ist die Kunst der Exegese da.
  9. Wir müssen auch hier aus dem Monismus herausgerissen werden. Einen universellen Konsens kann es heute mit unserer globalen Vernetztheit nicht mehr geben. Alle Worte werden viel- und mehrdeutig.
  10. Doch es geht nicht nach Worten, sondern nach Bildern und Mythen. Die Hl. Schriften sind nicht Geschichtswerke aber auch keine Moralkodexe. Sie können über Bilder etwas erhellen, das dahinter oder darüber oder darunter liegt. Daher ist eine Entmythologisierung derart wichtig, ansonsten wir alle, Deuter wie Gläubige, in Fallen laufen. Diese Entmythologisierung zerstört daher nicht, sondern das Gegenteil, sie hilft dem Menschen der Jetztzeit Hl. Schriften wieder glaubhaft zu machen. Zugegeben, das ist nicht leicht. Dazu müssten alle Theologen, Katechisten, Imame und Sufis beitragen. Niemand braucht z.B. die griechischen Mythen aufzugeben; genauso verhält es sich mit den Mythen der Hl. Schriften. Wir müssen anders Lesen lernen. Wir haben zwischen Offenbarung und Geschichte zu unterscheiden, und zwar sowohl im Moment der Offenbarung als erst recht im Laufe der Geschichte. Offenbarung ersetzt keine Paläontologie oder Archäologie, keine Agrar- oder Herrschaftsgeschichte.
  11. Sehr viel sowohl Zeitbedingtes als auch Auseinandersetzungen mit der momentanen Macht sind in die sogenannte Offenbarung mit eingeflossen, aber nicht in einem eins zu eins Verhältnis. Manchmal – wie vor allem bei Mohammed und Paulus – sind Rechtfertigungen miteingeflossen: Paulus als Doppelbürger, der das Evangelium aus Jerusalem heraus nach Rom bringen wollte; Mohammed als einer, der etwa seinen nicht unblutigen Einmarsch in Mekka 630 rechtfertigen muss.
  12. Legitimationen sind enorm wichtig. Vor allem bei den zwei Schriften NT und Koran, die in historischem Abstand und nicht sofort im betreffenden Augenblick aufgezeichnet wurden. Dürfen also damalige Rechtfertigungen eins zu eins auf heutige Lagen übertragen werden? Bei vielen Gläubigen scheint es so zu funktionieren, und sie können daher diese Schriften wie Gebrauchsanweisungen für den Alltag einsetzen. Man müsste daher nicht nur isoliert zitieren, sondern den Vers oder die Sure von damals in die heutige Lage versetzen. Das würde heissen: Mitdenken, Vergleichen, Abwägen und Extrapolieren…
  13. Wir stehen immer noch vor der aufgeworfenen Frage: Wie überträgt man Offenbarung aus einer Kultur in eine andere? Und eine zweite Frage: Wie kann man Mythisches oder Bildhaftes in Historisches und heutige Aktualität umsetzen?
  14. Kann ein Einzelner solches bewältigen? Kommt da nicht der Individualismus des Protestantismus an Grenzen? Was heisst unter solchen Umständen private Koran- oder Schriftlesung? Und was hiesse das für die Ausbildung eines Exegeten, aber erst recht für Prediger – auf beiden Seiten, Islam oder Christentum? Müssen die Gläubigen vielleicht mehr zu biblischen Geschichten oder Hadithe zurückgreifen?
  15. Nicht einzelne Verse oder gar Worte sind offenbart, nein, es sind vielmehr Ideengebilde oder eben Gleichnisse, Annäherungen und Entfaltungen; Offenbartes soll andere Welten aufzeigen oder erahnen lassen. Offenbarung kann zu einer anderen Form der Kosmologie werden, doch man muss sie zu dechiffrieren wissen.
Kurz und gut: Wir treten in ein neues Zeitalter im Umgang offenbarter Schriften. Das Zeitalter der Wörtlichkeit ist vorüber. Wir alle haben uns mehr zwischen Mythen und Historie zu bewegen und zu denken, zwischen Himmel und Erde zu stellen, zwischen Gott und Offenbarung.
Wir müssen aktiver Teil einer sich fortsetzenden Offenbarung sein.
Der Autor hatte in den USA in evangelischer Theologie promoviert und anschliessend vergleichende Religionswissenschaft, Entwicklungssoziologie und Tropenlandwirtschaft studiert.
Originaltext

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
Dieser Beitrag wurde unter Éthnos, Bewußtsein, Bildung, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Soziales Leben, Transformation, Zum Aufwachen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s