Vollkommenheit der Unvollkommenheit

„In Japan gibt es eine wundervolle Tradition, die die Vollkommenheit der Unvollkommenheit auf eine ganz besondere Weise ausdrückt und feiert. Zerbricht in dieser Kultur ein Gefäß, das sich schon seit einiger Zeit im Besitz der Familie befindet, so wird es nicht in einer Art repariert, dass es wie neu aussieht. Und keinesfalls wird es weggeworfen. Dort gibt es seit dem 16. Jahrhundert die sogenannte Kintsugi-Technik, bei der die Risse im Material mit Gold aufgefüllt und so die einzelnen Teile des jeweiligen Gefäßes wieder miteinander verbunden werden. Durch diese Technik entstehen atemberaubende Kunstwerke, denen man ansieht, dass sie einmal zerbrochen waren, die nun aber durch die goldgefüllten Risse eine ganz eigene und vor allem einzigartige Schönheit erhalten haben. Hier wird nicht so lange ein Makel kosmetisch behandelt, bis er unsichtbar ist, sondern im Gegenteil wird gerade der vermeintliche Makel hervorgehoben und im wahrsten Sinne des Wortes vergoldet.
wabisabiDamit entspricht dieses Gefäß dann einem Schönheitsideal, das in Japan Wabi-Sabi genannt wird. Hinter Wabi-Sabi steht die Überzeugung, dass nur das, was eine sichtbare Geschichte vorweisen kann, auch wirklich schön ist. Authentizität ist hier wichtiger als Makellosigkeit. Dinge, denen die Patina des jahrelangen Gebrauchs anhaftet, werden als schöner erachtet als fabrikneue Produkte. Ein Kratzer, ein Riss, eine Delle, eine nicht ganz gerade Linie offenbaren eine Poesie des Alltags, wie sie sterile Massenprodukte nicht hervorzubringen vermögen.In der Kunst und der Architektur Japans hat dieses Konzept erstaunliche Spuren hinterlassen. Und auch die japanische Kalligrafie zeugt von Wabi-Sabi: Nur der lebendige Strich, der Schwung des Pinsels, der in aller Einfachheit das richtige Maß findet, wird als schön empfunden.
Vielleicht können wir dieses Ideal auf unser Leben übertragen, das oft zwischen vielen Ansprüchen von außen und auch innen zerrieben wird. Vielleicht können wir erkennen, dass gerade die scheinbare Unvollkommenheit uns Lebendigkeit und Schönheit schenkt, dass gerade die Geschichten, die sich als Falten in unserem Gesicht eingegraben haben, uns ausmachen und zeigen, wer wir wirklich sind. Gesichter, die von einem wirklichen Leben in all seiner Tiefe berichten können, sind weitaus schöner als die ausdruckslose Oberfläche einer Schaufensterpuppe oder die mit Photoshop bearbeiteten Hochglanzbilder ätherischer Models. In unserer Welt gibt es so viel Künstlichkeit, so viel geschönte Selbstdarstellung, so viel botox-induziertes Dauergrinsen, dass uns das Gefühl für das Echte immer mehr abhandenkommt.
Aber ganz ehrlich: Möchten wir von Masken umgeben sein? Möchten wir, dass die Menschen, die wir lieben, sich vor uns verbergen, weil sie glauben, das würde von ihnen erwartet? Ist es nicht vielmehr das Echte, der ganze Mensch, den wir wahrhaft sehen wollen? Ist es nicht das wirklich Menschliche, das uns berührt?
Mich zumindest treffen diese Momente ins Mark, in denen mir Menschen unverstellt einen Einblick in ihr wahres Ich gewähren. Ich habe diese Augenblicke ehrlicher Menschlichkeit erlebt in Nächten, in denen ich in 24-Stunden-Tankstellen gejobbt habe und viel mit Alkoholikern und Obdachlosen zu tun hatte, in Notaufnahmen von Krankenhäusern, wo die Sorge der Menschen greifbar wurde und sie sich ihrer Tränen nicht schämten, in schmierigen Blueskneipen, wo die über den Gürtel hängenden Wampen genauso ehrlich waren wie das herzhafte Lachen. Auch auf Bahnhöfen und Flughäfen, wo Abschied und Wiedersehen so nah beieinanderliegen, auf Seminaren, nachdem die größten Zweifler und Zyniker von ihrer ersten schamanischen Reise förmlich »aufgebrochen« wurden, und in vielen Gesprächen mit Menschen, die ihren Glauben verloren hatten oder keinen Zugang mehr zu ihrer eigenen Tradition gewinnen konnten. In all diesen Momenten, bei all diesen Begegnungen wurden die Masken beiseitegelegt, und der wirkliche Mensch kam in seiner ganzen natürlichen Schönheit, seiner Güte, seinen Zweifeln und Ängsten, seiner Großartigkeit und seiner Liebe zum Vorschein.
So können ein wirkliches Gespräch und ein wirkliches Einander-Sehen stattfinden, die wie die Kintsugi-Technik die Narben, die wir alle tragen, sichtbar machen und vergolden. Unsere Unvollkommenheit ist unser schönster Schmuck, denn sie macht uns erst zu echten Menschen.“

Wabi-Sabi in der Kunst

Das Kennzeichen eines japanischen (oder auch chinesischen) Meisterwerkes frei von modernem Einfluss ist seine natürliche und ungestellte, beinahe nebensächliche und unbeabsichtigte Erscheinung. Der Künstler arbeitet mit der Natur und harmonisiert diese in ihren unendlichen Erscheinungsformen. Wabi-Sabi sind dafür die zwei maßgebenden Prinzipien, sie bilden ein ästhetisches Konzept. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Kunstrichtung, sondern vielmehr um den Weg oder die Art Dinge wahrzunehmen. Wabi-Sabi sind sehr eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden. Zen sucht und stärkt die Beziehung des Individuums zu seiner Innenwelt und widmet sich ihr, wobei er sich jeglicher Form von Dogmatismus, ob nun intellektuell oder spirituell, verweigert. Wabi bezieht sich dabei auf ein Gefühl für den Weg, während Sabi die Idee von einem dem Verlauf der Zeit ausgesetzten und somit vergänglichen Objekt ist. Obwohl es sich dabei um getrennte Begriffe handelt, bilden sie als miteinander kombiniertes Wabi-Sabi ein ästhetisches Prinzip.
Wabi
Wabi ist buchstäblich Armut, bezieht sich aber nicht auf das Fehlen von materiellem Besitz, sondern auf die Nicht-Abhängigkeit davon. Wabi ist Einfachheit, welche von Besitz und Hingabe an Schnörkel und Pomp entledigt in direkter Beziehung zu Natur und Realität steht. Die Konnotation von Wabi ist das Alleinsein des asketischen Einsiedlers, dessen selbst auferlegte Isolation und die Zufriedenheit mit einfachen Dingen den spirituellen Reichtum ermöglicht. Damit übertrifft Wabi materiellen Reichtum. Wabi ist ein Lebensweg und spiritueller Pfad.
Die Grundsätze von Wabi stammen aus dem Zen-Buddhismus und fokussieren auf die Beweggründe des Einsiedlers: Die Überwindung künstlicher Trennung, wie sie sich zeigt in der Idee von Geist und Körper oder materieller und geistiger Welt sowie die Wertschätzung der Vergänglichkeit des Lebens als Aufforderung zu einem erfüllten Leben in Harmonie mit der Natur.
Sabi
Sabi ist ein Begrif aus der Heian-Zeit. Oft wird der Ausdruck mit „Patina“ umschrieben, er bezeichnet aber vor allem die Reife und die stille Würde des Alterns und Gebrauchtseins.
Sabi bezeichnet die Qualität von solchen Objekten und überträgt mit ihnen die spirituellen Prinzipien des Zen in künstlerische und materielle Qualitäten. Sabi-Objekte sind gestaltet von natürlichen Prozessen, unregelmässig, unprätentiös und zweideutig. Sie widerspiegeln den universellen Fluss von Entstehen und Vergehen, den Kreislauf von kommen und zurückkehren.
Sabi-Objekte sind authentisch, weil sie drei einfache Wahrheiten anerkennen:
  • Nichts bleibt,
  • nichts ist abgeschlossen
  • und nichts ist perfekt.
Das Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Dinge beinhaltet den Unterton einer sanften Traurigkeit und bewirkt Kontemplation und Sensibilität.
Sen no Rikyū san, verband mit der japanischen Tee-Zeremonie den Weg des Wabi mit Objekten mit Sabi-Qualität als äußerem Ausdruck innerer Haltung. Durch dieses ästhetische Erleben führt Sabi zum Weg des Wabi und lässt die beiden Begriffe gemeinsam zum einen Wabi-Sabi werden. Wabi-Sabi lädt den Betrachter dazu ein, die Schönheit des Unauffälligen und leicht zu Übersehenden wahrzunehmen.
Diesen Schatz entdeckte ich in einem Bambusdickicht –
Ich wusch die Schale in einer Quelle und besserte sie dann aus.
Nach der Morgenmeditation gebe ich meinen Haferbrei hinein;
Am Abend die Suppe oder den Reis.
Angeschlagen, abgenutzt, verwittert und ungestalt,
Aber doch von edler Abkunft.
(Meister Ryōkan)
Die Kunst, die von einer solchen Kultur kommt zeigt diese Werte in visuellem und taktilem Ausdruck. Es ist dies eine hochentwickelte Kultur des Unperfekten, Unbeständigen und Unvollständigen, die sich in einer grossen Freiheit an Formen, sublimen Farben und in formaler Einfachheit ausdrückt.
Die verwendeten Materialien sind organisch, nicht synthetisch. Holz, Metall, Papier, Textilien, Stein und Lehm sind vorteilhafte Materialien.
Die Textur bleibt in Übereinstimmung mit den Materialien rau, uneben, zufällig und vielfältig. Sie ist weder poliert noch gereinigt und erscheint unverfälscht und nicht konstruiert. Durch natürliche Prozesse und Gebrauch unterliegt sie zeitlichen Veränderungen, es entsteht Schönheit durch Benutzung.
Die Farben sind gedämpft und aus natürlichen Quellen, Einheitlichkeit und Gleichmäßigkeit fehlen. Das Licht ist diffus.
Weil die Natur sich durch die Umstände definiert gibt es keine vorgefasste Regel. Ob ein Baum hoch oder kurz, dick oder dünn, gerade oder krumm wächst steht im Kontext zu anderen Bäumen, Felsen, Wasser und Boden. Dieses Gleichgewicht aus dem Umstand heraus ist ein einziges und darin ist der Baum einzigartig. So wie der Baum wächst entsteht auch die Arbeit des Künstlers, sie entwickelt sich nach dem Bedürfnis zu natürlichem Auftreten. Die Arbeit entspricht dem Gleichgewicht in der natürlichen Welt und ist somit wie der Baum einzigartig. Das Objekt vermittelt daher nichts unnatürliches, es scheint, als wäre das Werk schon immer Teil der Natur gewesen, als ob keine menschliche Intervention jemals stattgefunden hätte, als sei es ein günstiges Ergebnis der natürlichen Umstände. Das Objekt ist irgendwie vertraut.
Dinge, die Wabi-Sabi Qualität besitzen, sind unprätentiös und unanmaßend, dennoch haben sie Präsenz und stille Autorität und beschreiben so die Vergänglichkeit des Seins, eine existentielle Einsamkeit und wehmütige Traurigkeit, kurz: die Essenz des Zen.
Gemäss Hôseki Shin’ichi Hisamatsu san sind es sieben charakteristische Konzepte, welche die Natur des Wabi-Sabi bestimmen:
  • Asymmetrie
  • Schlichtheit
  • Entsagung
  • Natürlichkeit
  • Tiefgründigkeit oder Zurückhaltung
  • Nicht-Unterwerfung
  • Innere Ruhe
Diese Design-Prinzipien von Wabi-Sabi lassen sich in verschiedenen Künsten unterschiedlich realisieren. Poesie, Theater und Literatur, welche nicht physische Objekte erstellt, verkörpern diese Grundsätze auf andere Art und Weise als unten beschrieben:
Asymmetrie
Während das Ideal bei Mandalas darin besteht, durch ein perfektes symmetrisches Ganzes Vollkommenheit darzustellen, lehnt der Zen-Buddhismus ein solches Konzept als Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis ab. Das von der Natur geprägte Objekt hat natürlicherweise Asymmetrie und Unregelmässigkeiten – die Form folgt den Neigungen der eigenen Natur. Wabi-Sabi-Objekte weisen deshalb durchwegs eine asymmetrische Komponente auf. Die Natürlichkeit der Form ist wahrscheinlich das erste und das auffälligste Merkmal des Objekts. Diese Vorstellung kommt nicht nur in der Kunst zu Ausdruck, sondern auch im täglichen Leben: eine Blumenvase wird immer ein wenig abseits der Mitte der Tokonoma plaziert, und auch die Blumen werden so arrangiert, dass sie zu einer Seite überhängen, denn schließlich stehen sie auch am Wegrand in der freien Natur zu einer Seite geneigt.
Dies ist das Gegenteil zur westlichen Ästhetik, deren Künste einer mathematischen Sicht in ihren Verhältnissen verschrieben sind.
Schlichtheit
Der Künstler nähert sich der kreativen Arbeit mit Demut, Aufrichtigkeit und einer Klärung der eigenen Motive. Schlichtheit sieht das Element der Unklarheit, der Künstler erkennt seine Grenzen und befreit sich von überladenen, emphatischen Aussagen. Es ist der einfache Grundsatz, dass sich Kunst besser definiert durch das, was weggelassen wird als durch das, was hineingetan wird. Schlichtheit ist Einfachheit, die Anwendung des Notwendigen und geeigneten – nicht mehr als diese ist nötig. Alles, was nicht nötig oder nicht am Platz seiner Bestimmung ist, ist Ablenkung und ein Hindernis. Alles Nebensächliche wird fortgelassen und was bleibt ist das Grundlegende und auf das Wesentliche reduziert. Die Einfachheit erhält das natürliche Motiv indem sie nichts ändert oder verschönert. Die ausbleibende Verfälschung oder Zurschaustellung bewirkt die Authentizität des Werkes. Die Arbeit steht für sich selbst und stellt kein Symbol für etwas anderes dar. Dies kommt im möbellosen Teeraum zum Ausdruck, der frei von Unordnung gehalten wird. Als einzige Dekorationsgegenstände befinden sich in der Regel nur ein Tuschgemälde und eine oder zwei Wiesenblumen in der Takonoma, die so in ihrem ureigenen Zustand betrachtet und gewürdigt werden können, da keine anderen Dinge den Blick von ihnen ablenken.
Entsagung
Entsagung ist eine Eigenschaften die mit dem Alter verbunden ist: winterlich, abgetragen oder verwittert sein – im Gegensatz zum Frühling, der blühenden und sinnlichen Jugend. Sehr stark kommt dies im Konzept der Schönheit durch Benutzung zum Ausdruck, wie sie an Gegenständen ersichtlich wird: an der Patina auf einem abgenutzten Möbelstück, an den Sprüngen oder Absplitterungen einer Steingutschale.
Natürlichkeit
Natürlichkeit bedeutet vor allem auch Ehrlichkeit: Ein aus dem Brennofen genommener Topf dessen Form sich als asymmetrisch erweist, besitzt eine Schönheit, die er nicht hätte, wenn er willentlich asymmetrisch gestaltet worden wäre — wie auch die echte Patina eines alten Möbelstücks etwas ganz anderes ist als ein mit künstlichen Mitteln erzeugter Belag. Natürlichkeit impliziert keinesfalls naive Unschuld. Es bedarf ausgiebiger Erfahrung, Dinge spontan erschaffen zu können ohne darüber nachdenken zu müssen. Dies veranschaulicht die Geschichte des Malers, der auf die Frage, wie lange er gebraucht habe, um den Bambus zu malen, antwortete „Fünfzig Jahre und fünf Minuten — fünfzig Jahre, um den Bambus zu studieren, und fünf Minuten, um ihn zu malen“.
Tiefgründigkeit oder Zurückhaltung
Dieses Konzept bezieht sich darauf nicht alles sofort zu enthüllen. Das Werk hat verschiedene Bedeutungsebenen und erfordert die Zuwendung des Betrachters. Es zeigt seinen Sinn subtil im kaum wahrnehmbaren Detail, die Schönheit erschließt sich aber nur durch Kontemplation als eine ganzheitliche emotionale Erfahrung und stammt nicht aus einem bestimmten Detail der Arbeit. Der Erfassung mit analytischen Methoden widersetzt sich das Werk. Diese Tiefgründigkeit kann nicht gefälscht werden und erfordert die Hand eines Künstlers, der tief in die geistige Welt eingetaucht ist – damit kann er aber gleichsam ein Tor zu einer anderen Welt aufstoßen.
Nicht-Unterwerfung
Obwohl der Künstler hochgradig diszipliniert ist hat er einen freien Geist, der sehr wunderlich sein kann. Viele Meister der Zen-Schule waren äußerst exzentrisch und unkonventionell. Die Unterwerfung unter eine festgelegte Denkweise oder einen Ismus, sei er religiös oder politisch, gilt als Knebelung des Geistes und Verstandes. Der Künstler streift somit alle Vorschriften und Regeln ab, so dass sich seine Seele unmittelbar, frei und ohne mentale Fesseln der Sache zuwenden kann. Diese Freiheit dehnt sich auf alle Bereiche des täglichen Lebens aus, der Künstler wird sich nach dem Zerbrechen seines einzigen Pinsels nicht sorgen, dass er nun nicht mehr malen kann — er wird sich von der Konvention befreien und mit den Fingern oder einem Strohbüschel malen.
Innere Ruhe
Das letzte der sieben Konzepte bezieht sich auf die Seele des Künstlers, die gesetzt, ausgeglichen und in einem meditativen Zustand der Ruhe ist, denn das Werk wird jeden Unruhezustand oder Stress verraten. Deshalb sitzt der Künstler eine Zeitlang still in sich versunken, bevor er die Arbeit aufnimmt. Es geht darum, nicht an das zu Schaffende zu denken, sondern den Geist zu leeren und die Gedanken von allem zu lösen. In diesem Zustand kann die Hand direkt von der Seele geführt werden.
Vergleich von Wabi-Sabi mit der westlichen Ästhetik
Die Bedeutung von Wabi-Sabi in der japanischen Kultur ist vergleichbar mit dem Einfluss des griechischen Weltbildes bei uns, entsprechend findet Wabi-Sabi Anwendung in vielen japanischen kulturellen Ausdrucksformen, einschliesslich Gärten, Poesie, Keramik, Kalligraphie, Teezeremonie, Bonsai und Bogenschiessen. Dies ist auch heute noch in vielen Aspekten des täglichen japanischen Lebens zu finden, trotz der vielen Veränderungen die sich durch moderne Einflüsse ergaben.
In der westlichen Welt hat Wabi-Sabi insofern eine Karriere gemacht als es inzwischen sogar ein Modelabel mit diesem Namen gibt. Es ist allerdings sinnvoll, Wabi-Sabi von den Grundsätzen modernistischer Kunst klar zu unterscheiden, deren Minimalismus oft mit Wabi-Sabi verwechselt wird.
Wabi-Sabi ist diametral entgegengesetzt zu unseren westlichen Vorstellungen, ein Kontrast der seine Wurzeln in grundlegenden philosophischen Unterschieden hat. Ideen von Macht, Autorität, Engagement und Kontrolle, aus welchen der Westen seine Ästhetik aus Dauerhaftigkeit, Pracht, Symmetrie und Perfektion ableitet, sind ein Begriffsfeld, welches dem Zen-Buddhismus fremd ist. Um das Leben von bloßem Überleben zur Lebenskunst zu erheben, erlangte der Mensch Wissen und Weisheit. Sowohl Wissen als auch Weisheit gründen sich auf die Erfahrung, obwohl diese beiden Fähigkeiten also viel gemeinsames haben beherbergen sie auch einen polaren Gegensatz: Wissen lebt von der Analyse, Weisheit von der Synthese.
Dem Wissen gilt was durch die Sinne und den Verstand bestätigt wird, es begreift das Spezifische und Unterschiedliche. Weisheit hingegen erfasst die Zusammenhänge in ihrer Ganzheit und Einheitlichkeit, sozusagen mit dem inneren Auge. Wissen tritt somit kategorisch auf, klar in der Aussage und ablehnend gegenüber jeglicher Undeutlichkeit, Weisheit dagegen äußert sich oft stammelnd, in Bildern, Symbolen, Widersprüchen und Rätseln.
Man könnte sagen, dass die Bedeutung der östlichen Welt in der Vorrangstellung der Weisheit liegt, während der Westen, besonders in den beiden letzten Jahrhunderten, sich immer mehr auf das Wissen konzentriert hat und dadurch die Wissenschaft und Technik zu einer phänomenalen Blüte gelangen ließ. Wie weit sich die Weisheit parallel dazu entwickeln konnte lasse ich hier und in diesem Zusammenhang offen.
Wissen und Weisheit sind zwei unentbehrliche, lebensgestaltende Kräfte, die einander ergänzen. Die Erfahrung der Einheit aller Unterschiede, zum Beispiel zwischen dem eigenen Bewusstsein und dem, was jenseits davon liegt, ist die Schlüsselerfahrung.
Der Physiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger sagte 1956 in seiner Vorlesung am Trinity College in Cambridge: Unsere jetzige Denkungsweise hätte vielleicht eine kleine Bluttransfusion aus östlichem Gedankengut nötig.
Der kursiv geschriebene Text stammt aus dem Buch “Das Tao des Drachen” von Dirk Grosser.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Vollkommenheit der Unvollkommenheit

  1. heureka47 schreibt:

    Gott, das Vollkommene – auch in uns Menschen, als Seele – liebt das Unvollkommene, weil es ANDERS ist.

    Herzlichen Dank und Gruß!

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