Von der Pax Americana zur Pax Sinica

Von Kurt R. Spillmann aus „Journal21“

Löst China die USA als globale Ordnungsmacht ab?

Vortrag von Kurt R. Spillmann an der Universität Zürich. *)
Der Begriff, der im Titel dieses Vortrages doppelt abgewandelt als Pax Americana und Pax Sinica erscheint, ist natürlich von der Pax Romana abgeleitet, jenem für uns Westler vertrauten Urbild des Römischen Friedens, der unter Kaiser Augustus mit der Beendigung der Bürgerkriege ab 27 v.Chr. im Römischen Reich begann und eine kulturelle Blütezeit von immerhin einigen Jahrhunderten heraufführte, bis dann das Römische Reich im 3. Jahrhundert wiederum in kritische Turbulenzen um die Macht geriet und im 5. Jahrhundert unter den Einwirkungen der Völkerwanderung unterging, mindestens im Westteil des Reiches.
Augustus war zu Recht stolz auf diesen Römischen oder Augusteischen Frieden. In seinen „Res Gestae“, seinem politischen Rechenschaftsbericht, den er an vielen Orten im Reich veröffentlichen und in Stein meisseln liess, erwähnte er, dass unter seiner Führung der Tempel des Janus Quirinus dreimal geschlossen worden sei, der „nach dem Wunsch unserer Vorväter geschlossen sein sollte, wenn im gesamten römischen Reichsgebiet zu Wasser und zu Lande durch Siege errungener Friede herrschte.“
Das Besondere an seiner Leistung unterstreicht Augustus noch, indem er berichtet, dass im ganzen Zeitraum von der Gründung Roms bis auf seine eigene Zeit – einem Zeitraum von 700 Jahren – dieses Ritual der Friedensverkündung nur zweimal stattgefunden habe.
Ich erwähne diese Stelle deshalb, weil sie uns erstens bestätigt, dass Friede zu keiner Zeit leicht zu erreichen war (auch wenn wir das in unserer geschützten Schweizer Umfeld zur Zeit vielleicht nicht so wahrnehmen), und weil sie uns zweitens ein Problem nahe bringt, das uns auch im Zusammenhang mit dem modernen Staats- und Friedensverständnis interessiert:
„Durch Siege errungenen Frieden“
Friede kann herrschen, sagt Augustus, wenn Rom gesiegt hat und die Regeln des römischen Staates durchgesetzt sind. Das sind die Bedingungen des „durch Siege errungenen Friedens“. Und das bedeutete gleichzeitig: Für Rom gab es keine gleichrangige Macht, es gab nur den Dominanz-Frieden. Wer sich an die von Rom gesetzten Regeln hielt, durfte sich der Gemeinschaft der Völker des Römischen Reiches anschliessen und von den Wohltaten des Römischen Friedens profitieren. Dort, wo diese Regeln nicht  beachtet wurden, waren die Grenzen, begann das Barbarenland, herrschte Krieg. Das römische Reich war die Welt der Ordnung, an seinen Grenzen begann die Welt der Unordnung.
Nach dem Untergang des römischen Weltreiches dauerte es lange, bis sich aus den ständigen Kämpfen der europäischen Herrscher wieder ein  politisches System mit weltweiter Ausdehnung und Durchsetzungsmacht entwickeln konnte, wo über längere Zeit und grössere Räume Friede herrschte, wo man in Frieden leben, tätig sein und reisen konnte.
Auf jeden Fall wurde der Begriff Pax Romana nicht weiter abgewandelt und verwendet: er ist weder als Pax Hispanica noch in anderer Zusammensetzung allgemein üblich geworden.
Pax Britannica
Erst auf die unangefochtene britische Seeherrschaft des 19. Jahrhunderts wird wieder der Begriff Pax Britannica allgemein angewendet.
Und die Briten verstanden ihre Weltherrschaft in ähnlichem Sinne wie die Römer als Form der Dominanz britischer Verhaltensregeln vor allem auf den Weltmeeren, wo die British Royal Navy seit dem Sieg über Napoleons Seestreitkräfte durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch bis zum Ersten Weltkrieg praktisch unangefochten über die wichtigsten Seerouten nach Asien und Südamerika herrschte und ein Netz von weltweit verstreuten Flottenstützpunkten kontrollierte. Britische Seemacht im 19. Jahrhundert war weltweit beherrschend und setzte auch die Regeln des Verhaltens.
Das uralte Grossreich China war nicht in der Lage, in irgendeiner Form dem auftrumpfenden Grossbritannien entgegenzutreten. Im Gegenteil: China – die mit ihren 4000 Jahren kontinuierlicher Staatlichkeit und Kultur älteste Macht der Welt – war in den Opiumkriegen (1839-1842 und 1856-1860) dank überlegener westlicher Militärtechnologie nicht nur militärisch geschlagen, sondern durch ein rundes Dutzend „Ungleicher Verträge“ (zwischen 1842 und 1915) auch politisch und wirtschaftlich regelrecht gedemütigt worden.
„Moralischer Krieg“
Und Amerika? Die USA waren nach ihrer Gründung 1776 noch weit davon entfernt, von den europäischen Mächten – insbesondere von Grossbritannien – auch nur entfernt als potenzielle Grossmacht wahrgenommen zu werden. Ein riesiger Kontinent, dünn besiedelt, fast ausschliesslich agrarisch geprägt, ganz mit sich selbst beschäftigt. Erst seit dem Ende des Bürgerkrieges 1865 waren die USA in unglaublich fulminantem Tempo in die Moderne gestartet. Alles war Aufbruch: der „Wilde Westen“ wurde erschlossen, die erste Eisenbahn durchquerte 1869 den Kontinent, überall wurden Fabriken, Häuser, Bahnhöfe, Strassen gebaut.
Das Erdöl begann zu sprudeln, 1870 gründete John D. Rockefeller seine Standard Oil Company. Überall begannen die Fabrikschlote zu rauchen. Kohlebergwerke, Sägereien, Giessereien, ganze Industrien der Holz-, Erdöl- oder der Fleischverarbeitung entstanden.  Fast unbemerkt von den europäischen Zeitgenossen, die sich ihrer kulturellen und  wirtschaftlichen Überlegenheit gegenüber dem „jungen“ Staat USA noch immer gewiss waren,  stiegen die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer industriellen Grossmacht auf, ohne aber über den eigenen Kontinent hinaus reichende Aspirationen erkennen zu lassen.
Im Ersten Weltkrieg zeigte sich ein neues amerikanisches Selbstverständnis, indem Präsident Woodrow Wilson die amerikanische Kriegsteilnahme kurzerhand zum Moralischen Krieg für einen höheren Zweck erklärte mit den berühmten Worten:
„The world must be made safe for democracy.”
Monroe-Doktrin gegen Wilsons Vision
Im Gegensatz zu früheren massgebenden Präsidenten-Verlautbarungen kommt hier anstelle der alle aussenpolitischen Verwicklungen abwehrenden Grundhaltung ein global ausgreifender idealistisch-missionarischer Zug zum Vorschein, ein aktives Eintreten in die politische Welt-Arena nicht für eigene, sondern für menschheitliche Ideale, die – nach der Überzeugung Wilsons und eines sehr grossen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit – im amerikanischen politischen System bereits vorgeformt und realisiert waren. Damit konnte Amerika seine historische Mission erfüllen, der Welt als Vorbild zu dienen.
Wilson machte sich persönlich zum Propagandisten eines neuen Konzeptes der internationalen Beziehungen, indem er für eine weltumspannende Friedensordnung warb, in der alle Konflikte unter den Augen der Öffentlichkeit verhandelt und gelöst werden sollten. Das war die Grundkonzeption des Völkerbundes, von der schon Kant in seiner Abhandlung Vom Ewigen Frieden (1795) geschrieben hatte. Um in Zukunft Kriege und Menschenschlächtereien zu vermeiden, sollten in Zukunft nicht mehr die Wirkung tödlicher Waffen, sondern Argumente in öffentlichen Verhandlungen zählen.
Doch beim Friedensschluss 1919 war die Mehrheit der Politiker im amerikanischen Kongress nicht mehr bereit, Wilsons Aufruf zum Rollenwechsel der USA vom idealen Vor-Bild – von der City upon a hill – zum aktiven, politisch engagierten Vor-Kämpfer für eine Friedensordnung nach amerikanischem Muster zu vollziehen. In einer denkwürdigen und langdauernden politischen Schlacht im amerikanischen Kongress blieb die national-egoistische Perspektive der Monroe-Doktrin gegen Wilsons Vision von internationaler Kooperation im Rahmen des Völkerbundes erfolgreich. Die Vereinigten Staaten blieben dem Völkerbund fern.
Halbfertiges System
Im Zweiten Weltkrieg versuchte Präsident Franklin Roosevelt den Gedanken der Friedenssicherung durch internationale Organisation zu retten. Seiner grossenteils immer noch isolationistisch gestimmten Nation  sagte er, die Illusion, dass sich Amerika vom Rest der Menschheit isolieren könne, müsse ein für alle Mal aufgegeben werden. Amerika sei durch seine Grösse und Führungsrolle verpflichtet, an der Organisation der künftigen Friedensordnung aktiv mitzuwirken. Eine verbesserte Version des Völkerbundes – die Organisation der Vereinten Nationen – sollte das Instrument zu diesem Ziele sein.
Es war ein schwerer Verlust, als Franklin Roosevelt nur drei Wochen vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands plötzlich einem Schlaganfall erlag: die treibende Kraft hinter der neuen Friedensorganisation fehlte nun. Zwar wurde die UNO 1945 unter weltweiter Anteilnahme ins Leben gerufen, doch schon bald war klar, dass die massgebenden Grossmächte nicht gesonnen waren, der neuen Friedensorganisation tatsächliche politische Entscheidungsmacht zu übergeben.
Von einer weltweiten kollektiven Friedenssicherung konnte nicht die Rede sein, zumal unter den Alliierten die wichtigste Gemeinsamkeit – der gemeinsame Feind Hitler-Deutschland – mit dem Kriegsende wegfiel.
Die gesellschaftlichen System-Unterschiede zwischen den USA und der Sowjetunion prallten in voller Wucht aufeinander und lähmten die UNO. Der Anlauf zu einer fundamentalen Umgestaltung der internationalen Beziehungen im Sinne einer grundsätzlichen Eindämmung der Gewalt blieb in einem halbfertigen System stecken.
Gleichgewicht des Schreckens
So war es wieder nichts mit der Pax Universalis. An die Stelle einer umfassenden Friedensordnung trat das Gleichgewicht des Schreckens im Zeichen überwältigender Zerstörungsmacht der beidseitigen Atombomben-Arsenale. Die Welt war in ihren entscheidenden Regionen aufgeteilt in eine Zone der Pax Americana, organisiert in der NATO, der Nordatlantischen Verteidigungsorganisation, in der westlich-liberale Grundsätze galten, und eine Zone der Pax Sovietica, organisiert im Warschauer-Pakt, in der östlich-kommunistische Prinzipien herrschten.
Von einem „durch Siege errungenen Frieden“ unter der Kontrolle einer einzigen, weltweit unangefochtenen Führungsmacht (wie zu Augustus‘ Zeiten)  konnte also auch nach dem Zweiten Weltkrieg keine Rede sein. Der Machtkampf zweier Gesellschaftsmodelle und ihrer Allianzsysteme dominierte die westlichen Schlagzeilen.
„Globaler Sieg der westlichen Welt“
Erst nach der Implosion des Sowjet-Imperiums 1991 konnte ein kühner amerikanischer Politologe es wagen, vom „Ende der Geschichte“ und vom globalen Sieg der westlichen Werte zu sprechen, denn China schien nach der Einführung marktwirtschaftlicher Möglichkeiten in Chinas Wirtschaftspolitik durch Deng Xiaoping auch auf den westlichen – um nicht zu sagen: amerikanischen – Weg von Marktwirtschaft und Kapitalismus einzuschwenken, und auch in der ehemaligen Sowjetunion begann Boris Jelzin, 1991 in den ersten demokratischen Wahlen zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt, das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nach westlichen Vorbildern marktwirtschaftlich umzugestalten und demokratische Grundrechte auf alle Stufen auszudehnen.
Der Kommunismus schien als Gesellschaftssystem versagt und sich – auch im Bereich der ehemaligen Sowjetunion – selbst liquidiert zu haben, – das war die westliche Betrachtungsweise.
Demokratie und Marktwirtschaft waren im Rahmen der Globalisierung weltweit im Vormarsch, die UNO hatte Aussichten, von allen jetzt massgebenden Staaten unterstützt und endlich zum wirkungsvollen Instrument weltweiter Friedenssicherung zu werden. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren die einzige Supermacht mit weltweit einsetzbaren Machtmitteln. Ihre wirtschaftliche Grösse, ihr Wohlstand, ihre technologische und militärische Überlegenheit allen anderen Staaten gegenüber verbreiteten ein augusteisches Gefühl der souveränen Unerreichbarkeit und es schien nur logisch, dass  Amerika seinen Einfluss der UNO zur Verfügung stellte und im Rahmen einer „wohlwollenden Hegemonie“ eine Pax Americana praktizierte.
Der amerikanische Präsident Bush senior wagte es denn auch nach dem schnellen Sieg über Saddam Hussein im Zweiten Golfkrieg (1991),  das kühne Wort von einer „neuen Weltordnung“ zu gebrauchen. Amerika fühlte sich auf dem Höhepunkt seiner Macht und war bereit, unter dem Titel der Pax Americana eine globale Ordnungsfunktion zu übernehmen.
Erschüttertes amerikanisches Selbstbewusstsein
Stimmen des Widerspruchs oder gar der Ablehnung der westlichen Werte schienen wenig Gewicht zu haben und wurden nicht ernst genommen. So auch die Warnung einer obskuren muslimischen Organisation namens Al-Kaida, in deren Namen ihr Anführer Osama bin Laden die USA in einem Zeitungsinserat in der in London in arabischer Sprache erscheinenden Zeitung al-Quds al-Arabi am 23. Februar 1998 warnte, ihre Truppen und Stützpunkte aus der arabischen Halbinsel zurückzuziehen, nicht länger deren Schätze zu plündern und nicht länger muslimische Bevölkerungen zu demütigen und zu terrorisieren, sonst würde der Krieg gegen die Amerikaner auch den amerikanischen Kontinent erreichen.
Natürlich wurde diese Warnung eines Eiferers kaum registriert, geschweige denn ernst genommen.
Am 11.September 2001 gelang es 19 islamistischen Terroristen der Organisation Al Kaida – 15 von ihnen Bürger Saudi-Arabiens – , insgesamt vier vollbesetzte zivile Verkehrsflugzeuge von Boston, Washington D.C. und Newark aus zu entführen und ins Pentagon in Washington und in die World Trade Towers in New York zu steuern und damit gleichzeitig das militärische und das wirtschaftliche Zentrum der USA empfindlich zu treffen. 3000 Menschen fielen diesem terroristischen Massenmord zum Opfer. Der damit ausgelöste Schock markierte das Ende der selbstbewussten Phase der Pax Americana, – ein Absturz sondergleichen, –  genau – oder: nur – zehn Jahre nachdem Präsident Bush senior euphorisch das Wort von der „neuen Weltordnung“ gebraucht hatte. Die USA fühlten sich – erstmals wieder seit der britischen Besetzung Washingtons und der Niederbrennung des Weissen Hauses 1815 – auf eigenem Territorium angegriffen. Das amerikanische Selbstbewusstsein war tief erschüttert, entsprechend heftig die Reaktion.
Präsident Bush Junior rief sogleich zum Krieg – sogar zum Kreuzzug – gegen den Terrorismus auf, griff schon einen Monat später Afghanistan an, wo die Al Kaida unter dem Schutz der Taliban-Regierung ihre Ausbildungslager hatte.
Im Frühjahr 2003 folgte der Angriff auf den Irak unter dem konstruierten Vorwand, die Welt von der Drohung irakischer Atomwaffen, die möglicherweise in die Hände von Terroristen geraten könnten,  befreien zu müssen.
Doch alles lief falsch. Amerika war in diesen Kriegen immer nur am Anfang erfolgreich. Beide Länder – Afghanistan wie auch Irak – sind heute gleich weit von Demokratie, Wohlstand und sicherem Frieden entfernt wie vor der amerikanischen Intervention.
Kollaps der Finanzindustrie
Der zweite Schock für das amerikanische Selbstbewusstsein war der Kollaps der amerikanischen Finanzindustrie, der beinahe in einem ähnlichen Totalschaden geendet hätte wie der Einsturz der World Trade Towers. Als am 15.September 2008 die amerikanische Investmentbank Lehmann Brothers mit ihren damals 28‘000 Angestellten Insolvenz anmelden musste, löste das zuerst eine amerikanische, dann eine weltumspannende Finanz- und Wirtschaftskrise aus, von der die Weltwirtschaft sich bis heute nicht wirklich erholt hat.
Amerikas politische und wirtschaftliche Kompetenz war in Zweifel geraten. Der Ruf Amerikas als Friedens- und Ordnungsmacht war nachhaltig beschädigt.
Und damit wechseln wir die Blickrichtung.
Und China…
In unserer Erinnerung haben wohl die meisten von uns ausgeblendet, dass fast zeitgleich mit dem Beginn der amerikanischen Wirtschaftskrise – im August des gleichen Jahres 2008 –  in Beijing die ersten Olympischen Spiele auf chinesischem Boden stattfanden und die Volksrepublik China mit der perfekt organisierten Durchführung dieser Spiele und einem in Eröffnungs- und Abschluss-Show hinreissend inszenierten Rückblick auf 4000 Jahre chinesische Geschichte und Kultur den Anspruch anmeldete, weltweit als wieder erstandene Grossmacht wahrgenommen zu werden.
Und China wurde wahrgenommen.
Nicht nur von den rund 11‘000 Sportlern aus über 200 Nationen, die aktiv an den Wettkämpfen teilnahmen, sondern auch von den Hunderttausenden von Wettkampfbesuchern, die nach Beijing strömten und von einem nach hunderten von Millionen zählenden Fernsehpublikum in der ganzen Welt.
Während das erneuerte chinesische Selbstbewusstsein in alle Welt ausstrahlte, wurden die USA nach 9/11 und dem Beinahe-Kollaps des Finanz-Systems von einer Welle tiefer Selbstzweifel erfasst. War Amerika daran, seine Rolle als dominante Welt- und Ordnungsmacht an China zu verlieren?
Für viele westliche Kommentatoren konnte Chinas Aufstieg und Machtgewinn nichts anderes heissen als: der Gewinn der Gegenseite ist mein Verlust, ein klassisches Nullsummenspiel, in dem es nur die Entscheidung „wir oder die andern“ gab.
Entsprechend begannen warnende Stimmen auf das wirtschaftliche Wachstum Chinas als einer potenziellen Bedrohung hinzuweisen.
Verdrängte USA?
Bereits im September 2004 veröffentlichte der international bekannte Politologe John Mearsheimer einen Aufsatz, in dem er vor Chinas Aufstieg  und vor Chinas Absicht warnte, zur Hegemonialmacht zu werden und die USA aus ihrer Rolle als führende Ordnungsmacht in der Welt zu verdrängen.
Mearsheimers Theorie ging vom anarchischen Grundcharakter des internationalen Systems aus, in dem kein tragfähiges gegenseitiges Vertrauen existiert, in dem alle Staaten sich gegenseitig misstrauen, sich voreinander fürchten und jeder Staat sein Überleben sichern will durch den Unterhalt ausreichender militärischer Stärke.
In Ermangelung einer übergeordneten, den Frieden sichernden Autorität tendieren alle Staaten dahin, möglichst stark und dadurch unangreifbar zu werden. Dieser Prozess spitzt sich zu, bis sich ein Staat als mindestens regionale Hegemonialmacht etablieren kann, so wie sich die USA seit dem 19. Jahrhundert als regionale Hegemonialmacht der westlichen Hemisphäre etablieren konnten.
Hat sich eine Hegemonialmacht etabliert, muss sie andere Aspiranten auf diese Rolle nach Möglichkeit daran hindern, ebenfalls zu regionalen Hegemonialmächten aufzusteigen.
Heisst das nun, dass Amerika sich aktiv verteidigen muss, da China aufgrund seines rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs und seines riesigen Bevölkerungspotenzials gar nicht anders kann, als nach der Rolle einer Hegemonialmacht über Asien zu streben und die USA aus dem asiatischen Raum zu verdrängen?
Versuchen wir in der Geschichte Chinas jene Entwicklungslinien zu erkennen, die uns helfen können, das politische Verhalten Chinas in Vergangenheit und Gegenwart besser zu verstehen.
Säkulare Macht ohne eigene Religion
China ist die einzige der uralten Hochkulturen der Weltgeschichte, die sich als Staat und Kultur kontinuierlich bis heute weiterentwickelt hat, und die – nach einem traumatischen Einbruch – jetzt im Begriffe ist, auf ihren traditionellen Platz an der Spitze der Völker zurückzukehren, von dem sie von den westlichen Kolonialmächten vor rund 150 Jahren vorübergehend vertrieben wurde.
Seit grauer Vorzeit – die Anfänge der chinesischen Geschichte reichen ja weit vor die Schriftlichkeit zurück – betrachtete sich China als das Reich der Mitte, als Zentrum der Welt, und als einzige wirkliche und deshalb allen anderen überlegene Kultur. Der Kaiser war der Sohn des Himmels. Er regierte im Auftrag des Himmels, seine erhabene Autorität war vom Himmel legitimiert und bedurfte keiner Bestätigung durch irgendeine Kirche oder das Volk. China war und blieb hierarchisch organisiert.
China war und blieb auch eine durch und durch säkulare Macht, die eine eigene Religion weder entwickelte noch brauchte, keine Schöpfungsgeschichte und weder Teleologie noch Eschatologie kannte, deshalb auch keinerlei missionarischen Drang verspürte, andere zu irgendeiner Wahrheit zu bekehren.
Ethische Prinzipien
Anstelle einer Religion gaben die ethischen Prinzipien und praktischen Anweisungen des Weisheitslehrers K’ung-fu-tzu (Konfuzius oder Meister Kong) aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. der chinesischen Tradition Verhaltensmassstäbe und Kontinuität. Die hohe Wertschätzung für die menschliche Ordnung in Harmonie mit dem Weltganzen und für die Bildung als Weg zu dieser Ordnung prägte die ganze chinesische Kultur, das Kaisertum, den Staat und insbesondere das Beamtentum, das im Auftrag des Sohnes des Himmels dessen Befehle im Lande umsetzte und zu dem zu gehören die höchste Ehre war. Die Aufgabe und Verpflichtung dieser Elite war es, den Kaiser bei der Zähmung der Macht durch Recht und Sitte zu unterstützen. Nur die Besten und Tüchtigsten im Lande konnten nach unendlich schwierigen Prüfungen sich auf diesem Wege langsam dem Thron und der höchsten Autorität annähern. Diese Auswahl der Besten sicherte Qualität und Kontinuität im Staatsapparat, und so besass China schon 1000 Jahre vor Europa eine voll entwickelte und funktionierende Reichsverwaltung.
Statt erobernd das weitere Umfeld zu unterwerfen übte China durch kulturelle Osmose Einfluss auf die Nachbarn aus. Eine Nationalstaatlichkeit, wie sie in der westlichen Welt nach dem 30jährigen Krieg durch das sogenannte „westfälische System“ mit seinen klaren Grenzen und eifersüchtig gehüteten Souveränitäten der einzelnen Nationalstaaten entstand,– kannte Asien nicht.
Das alte China sah sich im Zentrum der Welt und entwickelte wenig Interesse an Entdeckungen und diplomatischen Kontakten. Zwar hatte der bedeutende chinesische Seefahrer Zheng He schon 80 Jahre vor Kolumbus  im Auftrag des Kaisers sieben Reisen mit einer technisch und punkto Grösse konkurrenzlosen „Schatzflotte“ und jeweils mehreren Zehntausend Seeleuten, Diplomaten und Händlern nach Vietnam, Java, Sri Lanka, Indien, Arabien und an die Ostküste Afrikas durchgeführt, doch die Kaufleute fanden keine adaequaten Handelspartner für das mitgeführte Porzellan und die Seidenstoffe, sie wollten auch keine Gebiete erobern und keine Niederlassungen gründen. Nach Zeng He‘s Tod 1435 wurden diese Reisen eingestellt. Der überwältigende technische Vorsprung der chinesischen Schiffbaukunst und die profunden nautischen Kenntnisse, die allen europäischen Kompetenzen dieser Zeit weit voraus waren,  blieben fortan ungenutzt.
„Teure Objekte interessieren mich nicht“
Der Kaiser empfing zwar gelegentlich Sendboten entfernter Herrscher, doch sandte er keine eigenen Botschafter aus, liess auch keine dauernden Vertretungen fremder Nationen in Peking zu. Es war klar, dass alle benachbarten Vasallenstaaten ihre Tribute bringen wollten und sich nach dem Kaiserhof als dem Zentrum der Welt ausrichteten.
Als der britische Botschafter Lord George McCartney 1793/94 mehrere Monate in Beijing zubrachte, mit überreichen Geschenken und Erzeugnissen der neuen britischen Industrie die Aufmerksamkeit des Kaisers wecken wollte, blieb der Hof uninteressiert. Der Kaiser liess den britischen Monarchen durch den Botschafter wissen:
„Seltsame und teure Objekte interessieren mich nicht. Wenn ich befohlen habe, dass die Tribute angenommen werden, die Du gesandt hast, o König, geschah dies nur in Anbetracht des Geistes, der Dich veranlasste, sie aus so weiter Ferne zu schicken …Wie Dein Botschafter selbst sehen kann, besitzen wir alle Dinge …“
McCartney wurde mit einem freundlichen, aber herablassenden Brief des Kaisers wieder nach Hause geschickt. Der Kaiser schrieb an König George:
 „ich weiss um die einsame Ferne Deiner Insel, die durch Wasserwüsten von der Welt abgeschnitten ist.“ Doch die chinesische Hauptstadt ist „der Angelpunkt und das Zentrum, um die sich alle Teile der Welt drehen … den Untertanen unserer Vasallenstaaten war es noch nie erlaubt, Niederlassungen in Beijing zu gründen.“
Der Stil des Briefes war bezeichnend für eine viele Jahrhunderte andauernde Epoche der chinesischen materiellen und kulturellen Überlegenheit und des unangefochtenen Bewusstseins Chinas, die wahre Kulturnation und das Zentrum der Welt zu sein.
Bewusstsein der Überlegenheit seiner Kultur
Die chinesische Wirtschaftsleistung war damals siebenmal grösser als die britische, so dass der Kaiser vom Handel mit der fernen Insel „hinter den Wasserwüsten“ kaum etwas erwarten konnte.  Vielmehr konnte er tatsächlich glauben, dass die britische Gesandtschaft aus Bewunderung für die chinesische Kultur und um allenfalls etwas zu erbitten nach Beijing gekommen sei.
Die nächste Gesandtschaft erschien 1816, wurde aber ebenfalls abgewiesen, als Lord Amherst die Respektsbezeugung, den Kotau – das dreimalige Aufschlagen mit der Stirne auf den Boden vor dem Kaiser – verweigerte.
Die letzte Episode dieser Art lief 1834 ab. Dann akzeptierten die mittlerweile echt gereizten Briten keine Zurückweisung mehr und es kam zum unvermeidlichen Zusammenstoss zweier Welten, die sich völlig fremd waren, völlig anders dachten und völlig anders handelten.
Während die westliche Welt sich auf der Basis des Völkerrechts, wie es aus dem westfälischen Frieden von 1648 hervorgegangen war, aus theoretisch gleichartigen, gleichberechtigten und souveränen Staaten mit klaren und festen Grenzen zusammensetzte, – Staaten, die untereinander in scharfem, auch kriegerischem Wettbewerb standen, – war die chinesische Welt (nach einem Wort von Martin Jacques) ein Zivilisations-Staat, dessen Selbstbewusstsein nicht auf der politischen Macht, sondern auf dem sicheren Bewusstsein der Überlegenheit seiner Kultur beruhte. Der Kaiser herrschte unangefochten über die Vielfalt der benachbarten Vasallen-Staaten  und diese brachten ihm ihren Tribut dar, ohne sich im Äusserlichen – zB in der politischen Organisation – angleichen zu müssen. China war ein Land, aber auch ein Kontinent mit vielen verschiedenartigen Ländern und Systemen und ist das bis heute auch geblieben.
Technisch überlegene abendländische Barbaren
In Europa rangen die Nationalstaaten in permanenten Gewaltkonflikten um Geltung und um die führenden Plätze in der politischen Rangordnung. China kannte kein solches Gerangel, das heisst: das Reich der Mitte hatte sich durch eine riesige Mauer, die noch heute als das grösste Bauwerk der Menschheit gilt, gegen die Einbrüche der barbarischen Nomaden aus Norden und Nordwesten  abgeschottet, um weniger verwundbar zu sein.
Zur völligen Konsternation des Hofes in Beijing erwiesen sich nun die abendländischen Barbaren – deren Sendboten der Hof bisher immer herablassend empfangen und dann zurückgeschickt hatte – in den Opiumkriegen (1839-1842 und 1856-1860) dank ihren neuen, viel wirkungsvolleren Waffen  – Produkten der westlichen Industriellen Revolution – als technisch überlegene Kämpfer und in der Lage, den Kaiser von China zu Zugeständnissen zu nötigen, die dieser bisher niemals auch nur in Betracht gezogen hätte.
Der Hof musste den Import und Vertrieb von Opium zulassen, musste die politische Selbstisolation und den wirtschaftlichen Protektionismus aufgeben, Hongkong an die Briten abtreten, die Errichtung von Botschaften in der bisher für Fremde verbotenen Stadt Beijing zulassen, Christen die Erlaubnis erteilen, Eigentum zu besitzen und unter der chinesischen Bevölkerung zu missionieren. Und dabei blieben diese Fremden der chinesischen Gerichtsbarkeit entzogen und der je eigenen staatlichen Rechtsprechung unterstellt. Faktisch wurde China zu einem Ausbeutungsobjekt der westlichen Mächte, die unter dem euphemistischen Titel der „Open-Door-Policy“ ihre wirtschaftlichen Vorteile suchten und China damit ruinierten.
Un-chinesische, westfälische Prinzipien
China musste Verträge unterschreiben, wurde also gezwungen, das Verhalten eines Nationalstaates anzunehmen und sich in ein internationales System einbeziehen zu lassen, das nach ganz und gar un-chinesischen – eben den westfälischen – Prinzipien funktionierte.
Die Opiumkriege und die danach folgenden  sogenannten „Ungleichen Verträgen“ markierten deshalb einen tiefen und traumatischen Einschnitt in der chinesischen Geschichte, eine bisher nie erlebte und bis heute nachwirkende Demütigung.
Der Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft als Resultat der Fremdeinwirkungen, – Massenarmut und entsprechende soziale Unruhen führten nach einer Zeit der Wirren im Jahre 1911 zum Ende des chinesischen Kaisertums, das über mehr als zwei Jahrtausende (seit 221 v.Chr.)  für kulturelle und politische Kontinuität im Reich der Mitte gesorgt hatte.
Am 1. Januar 1912 rief Sun Yat-Sen die Republik China aus. Der letzte Kaiser musste abdanken. Nationalisten und Kommunisten begannen sich um die Führung im neuen Staat zu streiten. Doch China konnte sich auch unter der Republik weder von der politischen Demütigung noch vom wirtschaftlichen Zusammenbruch erholen.
China wurde in die Wirren beider Weltkriege gerissen und erlitt durch die japanische Besetzung – am schwersten durch das Massaker von Nanking 1937 mit seinen über 200‘000 Todesopfern und 20‘000 vergewaltigten chinesischen Frauen und Mädchen  – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch weitere schwere Traumata.
40 Millionen Tote
Als der sog. „Antijapanische Krieg“ – wie der Zweite Weltkrieg in China heisst – im September 1945 mit der Niederlage Japans nach den amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zu Ende ging, flammte in China der Konflikt zwischen den Nationalisten und den Kommunisten erneut auf, ging in den Bürgerkrieg über und endete erst 1949 mit dem Sieg der Kommunisten unter Mao Zedong und dem Rückzug der Nationalistischen Kuomintang auf die Insel Formosa.
Nach der Ausrufung der Volksrepublik China 1949 machte sich Mao Zedong daran, die ganze Tradition von Kaisertum und Konfuzianismus auszurotten und den Agrarstaat in eine moderne Industrienation umzubauen. Seine brutalen Eingriffe in Gesellschaft und Wirtschaft kosteten rund 40 Millionen Menschen das Leben.
1976 starb Mao, Deng Xiaoping  übernahm die Führung und leitete seine Wirtschafts-Reformen und eine politische Öffnung in die Welt ein.
China auf Platz 1
Während zu Beginn von Dengs Reformprogrammen noch 250 Millionen Chinesen in absoluter Armut mit immer wiederkehrenden Hungersnöten lebten, war diese Zahl nur 20 Jahre später auf 1/8, also unter 30 Millionen, gesunken. Über 200 Millionen Menschen waren aus der extremen Armut herausgeholt worden. Noch nie zuvor ging es so vielen Chinesinnen und Chinesen gleichzeitig so gut. Es war die Einführung marktwirtschaftlicher Möglichkeiten, der von Deng so genannten „sozialistischen Marktwirtschaft“, die den grössten und raschesten Wachstums- und Entwicklungsschub nicht nur in der chinesischen, sondern in der gesamten bisherigen Wirtschaftsgeschichte mit sich brachte.  Aus chinesischer Perspektive ist diese grundlegende Verbesserung der Existenzbedingungen von 200 Millionen Menschen von grösserer Bedeutung als die Sicherstellung von Rechtsansprüchen einzelner Individuen.
Heute ist China auch eine finanzielle Grossmacht, die durch ihre Entwicklungsbank und die China Exim Bank den Entwicklungsländern mehr Geld zur Verfügung stellt als die Weltbank. Dh. 85% der Menschheit profitieren auf diese indirekte Weise vom chinesischen Aufschwung.
Und am 8.Oktober 2014  – also vor einem Monat erst – meldete die Internationale Presse, dass Chinas Wirtschaft die amerikanische überholt und punkto Grösse jetzt auf Platz 1 vorgerückt sei.
China hat nie Eroberungs- und Expansionspolitik betrieben
Natürlich weckte diese rasante und beeindruckende Entwicklung Ängste. Die warnenden Stimmen aus den USA mehrten sich entsprechend. Vor allem aus neo-konservativen Kreisen und von Seiten der realistischen Denkschule der Politologen kamen Stimmen, die einen aufziehenden Sturm im pazifischen Raum wahrnahmen.
Diesen Ängsten versuchen chinesische Wissenschaftler und Politiker zu begegnen und die chinesische Kooperationsbereitschaft aus den eigenen kulturellen Voraussetzungen heraus abzuleiten und auch für Westler verständlich zu machen. China hat nie Kolonien erworben oder besessen. China hat keine Eroberungs- oder Expansionspolitik betrieben und hat keinerlei Interesse an einem militärischen Kräftemessen irgendwelcher Art.
China ist noch auf absehbare Zeit mit den kolossalen Problemen eines noch immer armen und sich entwickelnden Landes von 1.3. Milliarden Einwohnern beschäftigt.
Jedes Jahr brauchen 24 Millionen Menschen einen Arbeitsplatz, über 10 Millionen haben noch keinen Strom. Die Verfügbarkeit von Wasser – zum Beispiel –  beträgt für Chinas Bevölkerung nur ein Viertel des Weltdurchschnitts, und auch an bebaubarem Land  stehen Chinesen nur 40% des Weltdurchschnitts zur Verfügung. Noch tiefer ist der chinesische Anteil an Erdöl (8.3%) oder an Erdgas (4.1 %), von anderen Bodenschätzen gar nicht zu sprechen. Die Bemühungen zur Beschaffung dieser Rohstoffe aus Russland, Afrika, auch Lateinamerika sind unter diesen Mangelaspekten entsprechend weitgespannt und intensiv.
Auf die eigene Entwicklung konzentriert
Massive Korruption, soziale Ungleichheit, Spannungen zwischen der raschen Entwicklung in den Städten der Küstenzonen und der Armut im Landesinnern, die Spannung zwischen Urbanisierung und Sicherung der Nahrungsmittelbasis in den Agrargebieten, die Spannung zwischen Reformen und sozialer Stabilität, die Spannung zwischen marktwirtschaftlichem Wettbewerb und Rücksichtnahme auf die Schwachen der Gesellschaft –  alle diese Probleme und viele andere, für Schwellenländer typische –  Probleme werden noch viel Zeit, Mittel und kluge Führung zu ihrer Bewältigung beanspruchen.
China wird also noch lange auf die eigene wirtschaftliche Entwicklung konzentriert bleiben, und damit beschäftigt sein, der eigenen Bevölkerung bessere Lebensumstände zu sichern. Es werden noch Jahrzehnte vergehen, sagte Zheng Bijian 2005,  bevor China nur schon als ein modernes Land auf mittlerem Entwicklungsniveau gelten kann.
Die Art und Weise der Daseinsbewältigung, der Umgang mit Erfolg und anstehenden Problemen, zeigt, China denkt und plant auch heute noch anders. Trotz Maos Versuch, China auf ganz neue Wege zu bringen, sind die in der Vergangenheit gültigen Werte sind immer noch wirksam. Selbst in politischen Fragen denkt China nicht in den westlichen Begriffen von „Problemen“, die man durch Entscheidungen „lösen“ muss oder lösen kann. China sieht die Geschichte – die Welt überhaupt – in Prozessen, deren Gestalt sich immer wieder verändert, deren Fragestellung und Herausforderungen sich immer wieder anders präsentieren.
China kann Ambivalenzen, das heisst ein unaufgelöstes „Sowohl – als auch“  ertragen. Das Yin und das Yang, das Dunkle und das Helle, gehören zum traditionellen taoistischen und konfuzianischen Vorstellungsschatz und lassen die Tatsache nie in Vergessenheit geraten, dass auch entgegengesetzte Kräfte zusammengehören und irgendwo in einer höheren Einheit aufgehoben sind, wie sie das  Taiji-Symbol mit seinen zwei entgegengesetzten Polen darstellt.
Diese Fähigkeiten hindern China aber keineswegs daran, seine Interessen wahrzunehmen und durchzusetzen.
Es gibt nur noch das Miteinander
Aus dem bisher Gesagten ist längst klar, dass China kaum je in die Fusstapfen der westlichen Tradition eines „durch Siege errungenen Friedens“, wie Augustus sagte, treten wird. Eine einfache Ablösung der Pax Americana durch eine solche – immer noch westlich gedachte – Pax Sinica wird also kaum eintreten.
Eine Entscheidung von „entweder-oder-Konflikten“ durch physische Gewalt wäre  im 21. Jahrhundert nicht nur archaisch, sondern auch gefährlich. Einerseits ist Chinas Aufstieg zur Grossmacht evident. Anderseits sind und bleiben die USA auf absehbare Zeit Grossmacht. Es gibt keine Ausweichräume mehr, es gibt keine verlässliche Überlegenheit, es gibt nur noch das Miteinander.
Der Philosoph Karl Jaspers hat nach dem Abwurf der Ersten Atombomben über Japan 1945 den Satz geprägt „ Krieg darf nicht mehr sein.“ Und begründet hat er diesen Satz einleuchtend mit der Tatsache, dass die Kriegführenden heute über derart zerstörerische Waffensysteme verfügen, dass jede Konflikteskalation zum Einsatz so  gewaltiger Zerstörungspotenziale führen könnte, dass die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zugrunde gehen könnten.  Diese Gefahr hat sich seither nicht entschärft, sondern noch dramatisch zugespitzt.
Unteilbarkeit von Sicherheit
Ko-Evolution muss der Schlüsselbegriff sein. Anstatt Allianzen gegen feindliche Mächte zu schmieden müssen Allianzen gegen grosse Herausforderungen wie zB die Klimaverschlechterung durch menschliche Einwirkungen geschmiedet werden.
Gerade auf diesem Gebiet machten Xi Jinping und Obama anfangs Woche am APEC-Gipfel mit ihrer gemeinsamen Erklärung zur Reduktion der Treibhausgase in ihren Ländern – China und die USA produzieren weltweit die grössten Mengen CO2  –  einen wichtigen Schritt nach vorn.
Die Einsicht in die Unteilbarkeit von Sicherheit ist nicht mehr neu. Aber diese Einsicht ist noch immer nicht grundlegende Handlungsanleitung der Politik. Sie kann es werden, wenn West und Ost die Verschiedenartigkeit ihrer Kulturen, die Unterschiedlichkeit ihrer geschichtlichen Erfahrungen und die Andersartigkeit ihrer Wahrnehmungs- und Denkvoraussetzungen besser verstehen.
Die technischen Instrumente für einen um vieles intensiveren Dialog und für einen intensiveren gegenseitigen Lernprozess sind heute vorhanden. Auf dieser Grundlage könnte es möglich werden, die Friedenssicherung nicht mehr auf militärische Siege sondern auf Vereinbarungen zu basieren.
Ein augusteischer Friede – ob als Pax Romana, Britannica, Americana oder Sinica – gehört einer hoffentlich bald überlebten Epoche konstanter Konfrontationen an.
Die moderne, globalisierte Welt erfordert neue, kooperative Verhaltensmuster.
Wenn unsere unterschiedlichen Kulturen voneinander zu lernen bereit sind, könnte die Welt noch einmal über die Runden kommen.
*) Vortrag, gehalten am 13.11.2014 an der Universität Zürich im Rahmen der MAS-Vortragsreihe „Weltordnungen: Von Konfuzius bis George Bush“)
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Von der Pax Americana zur Pax Sinica

  1. heureka47 schreibt:

    „… könnte es möglich werden, die Friedenssicherung nicht mehr auf militärische Siege sondern auf Vereinbarungen zu basieren.“:

    Ein schrecklicher Irrtum!
    Wahrhaft GESICHERT werden / sein kann Frieden nur, wenn die Menschen in DEM Bewußtsein leben, in dem die KRAFT des Friedens verfügbar ist und herrscht.
    Das ist aber in der zivilisierten Gesellschaft ganz und gar nicht der Fall – denn davon sind deren Menschen „entfremdet“ bzw. sind sie SELBST-entfremdet, also von ihrem wahren SELBST / SEIN entfremdet.
    Die Soziologen wissen davon. Der meist verwendete Begriff ist (die) „Kollektive Neurose“. Leider aber erkennen die allermeisten, die davon wissen, nicht die wahre Tiefe / Schwere / Tragweite der Störung / Krankheit – die ich seit 1992 die „Kollektive ZIVILISATIONS-Neurose“ (KZN) nenne. Andere nannten sie schon die „Krankheit der Gesellschaft“, „Gesellschaftskrankheit / -neurose“, „Dysgnosie“, „emotionale Pest“ und anders. Es ist aber immer die gleiche / selbe, die vor über 10.000 Jahren – evtl. 60.000 Jahren – bei einem Teil der Menschheit ausgebrochen ist und seitdem sich ausgebreitet hat.

    Dabei ist sie in jedem Falle grundlegend heilbar – die Betroffenen müssen aber die Heilung auch wollen. Und das heißt, sie müßten zunächst mal ihr Erkranktsein erkennen. Und da hapert es erheblich, denn zu dieser Krankheit gehört Krankheitsuneinsichtigkeit.

    Wenn die Krankheit nicht individuell geheilt wird, wird sie für immer mehr Menschen die Ursache von „konkreter(er“ Krankheit, von Leiden und evtl. vorzeitigem Tod.
    Wenn sie KOLLEKTIV nicht geheilt wird, führt sie letztlich zum kollektiven Tod.

    Herzlichen Gruß!

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