„Pharmafirmen lügen und sind kriminell“

aus „infosperber“
Professor Peter C. Gøtzsche, Direktor des Nordic Cochrane Centers, und Spezialist für Innere Medizin rechnet mit der Pharma ab.
Gotzsche.Tödl.MedizinDieses soeben am 15. November erschienene Buch handelt von der dunklen Seite der Pharmaindustrie, von der Art und Weise, wie Medikamente entdeckt, produziert, vermarktet und überwacht werden. Es zeigt auf, wie Wissenschaftler Daten fälschen, um ihre Meinung zu verteidigen. Dabei stehen die Pharmakonzerne nach dem Urteil des Autors der Mafia in nichts nach, sie hätten sogar mehr Menschenleben auf dem Gewissen. Peter C. Gøtzsche hält umfassende Reformen für dringend nötig. Im Folgenden ein Interview, das der Autor der NGO «Coordination gegen Bayer-Gefahren» CBG gewährt hat. Im Vordergrund steht der Pharmakonzern Bayer.
Die Firma Bayer hat viele Pharmaskandale zu verantworten, von Heroin bis Lipobay. Welche Erfahrung haben Sie mit diesem Unternehmen gemacht?
Peter C. Gøtzsche: Wie andere grosse Pharmaunternehmen hat sich Bayer an organisierter Kriminalität beteiligt, zum Beispiel an der Bestechung von Ärzten oder dem Betrug am amerikanischen Gesundheitsprogramm Medicaid.
Im Zweiten Weltkrieg hatte Bayer medizinische Experimente an KZ-Häftlingen durchgeführt. Ein Brief aus dieser Zeit zeigt, dass Bayer vom KZ Auschwitz 150 Frauen für jeweils 170 Mark kaufte. Bayer schrieb an den Kommandanten: «Die Versuche wurden gemacht. Alle Personen starben. Wir werden uns bezüglich einer neuen Sendung bald mit Ihnen in Verbindung setzen.» Deutsche Unternehmen haben KZ-Häftlingen zum Beispiel Typhusbakterien gespritzt und danach verschiedene Medikamente ausprobiert.
Warum vergleichen Sie die Pharmaindustrie mit dem Organisierten Verbrechen?
Weil ich herausgefunden habe, dass das Geschäftsmodell der zehn grössten Pharma-Unternehmen organisierte Kriminalität beinhaltet.
In den 80er Jahren infizierten Bayer-Produkte Tausende Bluter mit HIV. Interne Dokumente zeigen, dass die Firmenleitung die Risiken kannte, die kontaminierten Produkte aber weiter verkaufte. Ist dies ein Beispiel für kriminelle Geschäfte?
An dieser Stelle ist Bayer nicht alleine. Es gab viele Firmen, die kontaminierte Blutprodukte verkauften.
Bayer gibt jährlich rund 10 Milliarden Euro für Werbung und Vertrieb aus. Hierunter fallen Medikamentengaben an Krankenhäuser, Ärzte-Fortbildungen, Pharmareferenten, Spenden an Lobbyverbände etc. Der Konzern verweigert jedoch eine Aufschlüsselung dieser Summe. Sollte die Industrie gezwungen werden, solche Ausgaben im Detail zu veröffentlichen?
Ja, natürlich. Wir sollten aber einen Schritt weiter gehen und Werbung für Medikamente generell verbieten. Tabakwerbung haben wir schliesslich auch reglementiert, und das Pharmamarketing ist ebenso gefährlich.
Warum gelingt es den Firmen immer wieder, unnütze und sogar gefährliche Präparate auf den Markt zu drücken?
Es ist üblich, die Ergebnisse von Medikamententests zu verfälschen und die Gefahren von Arzneimitteln zu verheimlichen. Zudem stossen wir überall auf das Geld der Pharmaindustrie – jeder mit Einfluss im Gesundheitswesen soll gekauft werden. Der Industrie gelingt es auf allen Ebenen, wichtige Personen zu bestechen – bis hin zu Gesundheitsministern.
Aber besonders gefährlich ist das Pharmamarketing. Die Lügen sind häufig so eklatant, dass die Firmen das exakte Gegenteil der Wahrheit behaupten.
Gibt es Abschätzungen, wie viele Menschen an Nebenwirkungen sterben?
Untersuchungen aus verschiedenen Teilen der Welt kommen zu konsistenten Ergebnissen. So sterben in den USA pro Jahr schätzungsweise 200’000 Patientinnen und Patienten an medikamentösen Nebenwirkungen. Etwa in der Hälfte der Fälle werden die Präparate ordnungsgemäss eingenommen. Die andere Hälfte stirbt wegen Überdosierungen oder weil der behandelnde Arzt nicht auf Interaktionen mit anderen Arzneien geachtet hat. Den Medizinern können wir allerdings kaum einen Vorwurf machen: fast jedes Medikament hat 20 oder mehr Sicherheitshinweise und Kontraindikationen. Es ist absolut unmöglich, diese alle zu kennen.
Welcher Anteil der Präparate auf dem Markt ist denn aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Allein wenn wir bei Präparaten mit derselben Wirkung immer das preiswerteste Mittel auswählen würden, liesse sich etwa die Hälfte der Kosten sparen.
In vielen Fällen wäre es schlichtweg besser, gar keine Medikamente zu verschreiben. Alle Mittel haben unerwünschte Nebenwirkungen, die zusammen genommen für eine schreckliche Anzahl von Todesfällen verantwortlich sind. Schmerzmittel werden beispielsweise viel zu häufig verwendet. Auch sollten wir nur einen winzigen Teil der heute verwendeten Psychopharmaka verschreiben, denn diese sind generell gefährlich, wenn sie länger als ein paar Wochen eingenommen werden.
Antibabypillen aus der Yasmin-Reihe haben ein deutlich erhöhtes Embolierisiko im Vergleich zu älteren Präparaten. Allein in den USA hat Bayer fast zwei Milliarden Dollar an geschädigte Frauen gezahlt. Warum wurden diese Pillen trotzdem noch nicht verboten?
Einer meiner dänischen Kollegen veröffentlichte frühzeitig zwei Studien, die ein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln durch Pillen wie Yaz oder Yasmin zeigten. Er wurde von Ärzten, die auf der Gehaltsliste von Bayer stehen, in aggressiver Weise angegriffen. Bayer hat zudem Studien finanziert, die das erhöhte Risiko bestritten.
Bayer gehört zu den weltweit grössten Anbietern freiverkäuflicher Medikamente. Was ist das grösste Problem in diesem Bereich?
Vieles davon taugt nichts – ausser den Käufern das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Wie beurteilen Sie die regelmässig wiederkehrenden Versuche, eine tägliche Einnahme von Aspirin als Prävention gegen Herzerkrankungen und spezielle Krebsarten zu etablieren, sogar für Gesunde?
Dagegen ist nichts einzuwenden, schliesslich wollen wir alle länger leben. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sehr wenige von einer solchen Prophylaxe profitieren würden, während viele geschädigt würden. Es ist daher keine gute Idee, die gesamte Bevölkerung präventiv zu behandeln. Generell ist die Überbehandlung von Gesunden eines der grössten – zugleich für die Industrie lukrativsten – Probleme im heutigen Gesundheitswesen.
Bayer und die Uniklinik Köln haben 2008 einen weit reichenden Kooperationsvertrag geschlossen. Wir haben vergebens versucht, Einblick in die Abmachung zu erhalten. Stimmen Sie mit uns darin überein, dass solche Geheimkooperationen zu einer Ausrichtung der Forschung nach rein wirtschaftlichen Kriterien führen?
Ich bin ein grosser Gegner solcher Kooperationen. Die Erfahrung zeigt, dass die beteiligten Firmen meist die Gewinne abschöpfen und die Ergebnisse für sich beanspruchen. Die Steuerzahler zahlen die Zeche, indem sie viel zu teure Medikamente erstatten müssen.
Ausserdem: ist es akzeptabel, eine Kooperation mit einer Branche einzugehen, deren Handeln oftmals kriminell ist und die aus Profitgründen den Tod vieler PatientInnen in Kauf nimmt? Ich meine Nein. Klinische Studien sollten vollkommen unabhängig von den Pharmafirmen durchgeführt werden. Und grundsätzlich darf es im Gesundheitswesen keine geheimen Kooperationen geben. Sie sollten eine Einsichtnahme gerichtlich erzwingen, oder sich bei einem Ombudsmann bzw der Politik beschweren.
Öffentlich finanzierte Studien kommen häufig zu anderen Ergebnissen als Untersuchungen der Industrie. Wie kommt das?
Es ist nicht sinnvoll, dass ein Unternehmen, das mit schöngefärbten Studien Milliarden Euro oder Dollar verdienen kann, meist der einzige ist, der jemals die Rohdaten der Studien zu Gesicht bekommt.
Wir haben ein System, in dem die Pharmaunternehmen ihre eigenen Richter sind. Das ist doch merkwürdig, in anderen Bereichen lassen wir dies schliesslich auch nicht zu. Es wäre zum Beispiel lächerlich, zu einem Richter zu sagen: «Ich habe selbst ermittelt, hier sind alle Beweise». Aber genau dieses System haben wir im Gesundheitswesen akzeptiert. Die Industrie macht ihre eigenen Studien und manipuliert sie häufig in einem schrecklichen Ausmass. Aus diesem Grund können wir den Veröffentlichungen der Unternehmen – selbst in angesehenen Fachzeitschriften – nicht vertrauen.
Nach Ihrer Aussage ist das System voller Interessenkonflikte. Ärzte werden von Pharmaunternehmen bezahlt, Mitarbeiter von Behörden wechseln in die Industrie (und umgekehrt). Wie könnte man diese Situation ändern?
Wir stossen überall auf das Geld der Industrie. Ich schlage daher vor, Pharmawerbung schlichtweg zu verbieten. Gute Medikamente werden sich immer durchsetzen, hierfür benötigen wir keine Werbung.
Ein Werbeverbot würde dazu führen, dass Ärzte nicht mehr von Pharmareferenten korrumpiert werden können. Die Herausgeber medizinischer Fachzeitschriften hätten nicht mehr so grosse Angst, Artikel zu veröffentlichen, die nicht im Interesse der Industrie sind. Mit Hilfe einer solchen Reform könnten wir die Fachmagazine aus der Umklammerung von «Big Pharma» befreien.
Haben Sie weitere Forderungen zur Regulierung der Pharmaindustrie?
Die Industrie behält die Rohdaten ihrer Studien für sich. Stattdessen sollten wir neue Medikamente von öffentlichen Einrichtungen untersuchen lassen. Die Hersteller könnten die Tests bezahlen, sollten aber mit den Studien selbst nichts zu tun haben. Ärzte sollten auch keine Zuwendungen der Industrie annehmen dürfen.
Aktuell sind leider viele Mediziner bereit, als Mit-Autoren von Studien zu fungieren, zu deren Rohdaten ihnen der Zugriff verweigert wird und die in Wahrheit von den Firmen verfasst werden. Dabei könnten die Studien ohne die Mitwirkung der Ärzte und ihrer PatientInnen nicht durchgeführt werden. Dies ist ein Verrat akademischer Integrität und ein Bruch des Patienten-Vertrauens. Ärzte und Selbsthilfegruppen müssen das Geld einer derart korrupten Industrie schlichtweg zurückweisen.
In Ihrem Buch heisst es, dass diejenigen, die das kriminelle Handeln der Pharmaindustrie aufdecken, zu Parias werden. Haben Sie nach dem Erscheinen des Buchs, das zuerst auf englisch erschien, Rückschläge erleben müssen?
Nein, im Gegenteil, das Buch hat viel Lob erhalten. Von der Industrie direkt habe ich nichts gehört. Es gab aber einige unverblümte Lügen seitens der Lobbyverbände der Industrie und ihrer bezahlten Partner in den Reihen der Ärzteschaft.
Der Pharmakonzern Bayer hat bisher auf seiner Webseite zum Buch von Gøtzsche nicht Stellung genommen. Gegen die englische Version «Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma Has Corrupted Healthcare», die bereits im August 2014 erschien, versuchte Bayer nicht, gegen die Tatsachen-Darstellungen und die happigen Vorwürfe gerichtlich vorzugehen. Auch auf der Seite der Interpharma ist zum Buch von Gøtzsche nichts zu lesen.
Professor Peter Christian Gøtzsche ist Direktor des Nordic Cochrane Centers und Spezialist für Innere Medizin. Von 1975-83 war er in der Pharmaindustrie in den Bereichen Klinische Studien und behördliche Regulierung tätig. Von 1984-95 arbeitete er in Kopenhagener Krankenhäusern. 1993 gehörte er zu den Gründern der Cochrane Collaboration. Gøtzsche wurde 2010 an der Universität Kopenhagen zum Professor für klinisches Forschungsdesign und Analyse ernannt.
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu „Pharmafirmen lügen und sind kriminell“

  1. heureka47 schreibt:

    Für / gegen KRANKHEITEN bräuchte man keine Medikamente. Denn der Begriff KRANK – ursprachlich betrachtet: K-RANK – besagt, daß es sich um „Mangel an LEBENS-Kraft / -Energie“ handelt. Und das ist in jedem Einzelfall grundlegend auf die ganz natürliche Weise heilbar: Durch Verbesserung der Versorgung mit Lebens-Energie; durch Beseitigen von Blockaden, durch Aktivieren der inneren Quelle der Lebens-Energie in der höheren Bewußtseins-Ebene des Menschen.

    Die vielen „Krankheiten“, die unsere Mediziner kennen, sind im Grund nur verschiedenartige Symptome der EINEN Krankheit, der „Kollektiven Zivilisations-Neurose“, wie ich sie in Anlehnung an die in der Soziologie bekannte „Kollektive Neurose“ nenne. Es ist DIE Krankheit der zivilisierten Gesellschaft, die vor über 10.000 – evtl. 60.000 – Jahren bei einem Teil der Menschheit ausgebrochen ist. Ausgelöst vermutlich durch ein kollektives Trauma infolge einer großen Naturkatastrophe.

    Herzlichen Gruß!

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