Schlaflos im Spätkapitalismus

Wer schläft, der wird zum Verlierer.
Der Kapitalismus duldet kein Ausruhen.
Als permanent Alarmierte und Erreichbare sollen wir den Schlaf soweit es irgend geht abschaffen. Wir sollen auch hier dem Effizienzkalkül unsere Reverenz erweisen.
Doch wer den Schlaf abschaffen will, der schafft auch uns ab, und zwar als Menschen. Er macht uns zur Maschine.
Jonathan Crary empört sich in einem geschliffenen Essay über diese letzte Zumutung des Kapitalismus.
Erstes Kapitel
9783803136534Wer an der nordamerikanischen Westküste lebt, weiß, dass jedes Jahr Hunderte von Vogelarten diesen Kontinentalsockel hinauf- und hinunterziehen. Eine von ihnen ist die Dachsammer. Dieser
Sperlingsvogel fliegt im Herbst von Alaska ins nördliche Mexiko und kehrt im Frühjahr zurück. Anders als andere Vögel besitzt er die ungewöhnliche Fähigkeit, auf seinen Wanderungen sieben Tage lang wach bleiben zu können. Bei diesem jahreszeitlichen Verhaltensmuster kann er nachts fliegen und tagsüber Nahrung suchen, ohne ausruhen zu müssen. Das amerikanische Verteidigungsministerium hat in den letzten fünf Jahren große Summen in die Untersuchung dieser Vögel gesteckt. Mit Regierungsgeldern geförderte Wissenschaftler erforschten an verschiedenen Universitäten, vor allem in Madison/Wisconsin, ihre Gehirnaktivität während dieser langen Perioden der Schlaflosigkeit, um daraus auf Menschen übertragbare Erkenntnisse zu gewinnen.
Man will herausfinden, wie Menschen ohne Schlaf auskommen und gleichzeitig effizient funktionieren können. Das Ziel ist zunächst ganz einfach der schlaflose Soldat, und das Dachsammerprojekt ist nur ein kleiner Teil der breiteren militärischen Anstrengung, zu einer zumindest begrenzten Herrschaft über den Schlaf zu gelangen. Im Auftrag der Forschungsbehörde des Pentagon (DARPA) erproben Wissenschaftler an verschiedenen Instituten Techniken zur Schlafüberwindung, unter anderem durch Neurotransmitter, Gentherapie oder transkranielle Magnetstimulation. Kurzfristig geht es um die Entwicklung von Methoden, durch die ein Kombattant mindestens sieben Tage lang wach bleiben kann, langfristig vermutlich darum, diesen Zeitrahmen wenigstens zu verdoppeln und dabei ein hohes Maß an mentaler und körperlicher Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Die vorhandenen Methoden zur Schlafbekämpfung hatten immer kognitive und psychische Ausfallerscheinungen zur Folge (zum Beispiel verminderte Wachsamkeit). Das zeigt sich sowohl beim weitverbreiteten Einsatz von Amphetaminen in den meisten Kriegen des 20. Jahrhunderts als auch in jüngerer Zeit bei Medikamenten wie Modafinil. Das Ziel der Forschung besteht somit nicht darin, Methoden zum Wachhalten zu finden, sondern das körperliche Bedürfnis nach Schlaf zu verringern.
Seit über zwei Jahrzehnten ist die militärische Planungsstrategie der USA darauf ausgerichtet, das
lebendige Individuum aus vielen Teilen der Befehls-, Steuerungs- und Durchführungsabläufe hinaus
zu verlagern. Milliarden fließen in die Entwicklung automatischer oder ferngelenkter Zielsuch- und
Tötungssysteme, was in Pakistan, Afghanistan und anderswo bestürzend deutlich sichtbar wurde.
Trotz der überspannten Forderungen nach neuen Waffengenerationen und der ständigen Hinweise von Militäranalysten auf den Faktor Mensch als »Engstelle« moderner Systemabläufe dürfte aber in
absehbarer Zukunft die Bedeutung großer menschlicher Armeen nicht geringer werden. Die Schlaflosigkeitsforschung lässt sich als Teil eines Versuchs begreifen, die körperlichen Fähigkeiten
von Soldaten an die Funktionalität nichtmenschlicher Apparate und Netzwerke anzunähern. Der
wissenschaftlich-militärische Komplex unternimmt gewaltige Anstrengungen, eine Form
computergestützter Wahrnehmung (»augmented cognition«) zu entwickeln, die viele Arten der
Mensch-Maschine-Interaktion verbessern soll. Gleichzeitig fördert das Militär andere Bereiche der
Hirnforschung, unter anderem die Erfindung einer Droge zur Angstbekämpfung. Es wird Situationen geben, in denen zum Beispiel raketenbestückte Kampfdrohnen nicht einsetzbar sind, sodass man Todesschwadronen von schlafresistenten und angstunempfindlichen Kommandoeinheiten für zeitlich unbefristete Aufträge braucht. Als Teil dieser Bemühungen wurden Dachsammern aus den jahreszeitlichen Rhythmen des pazifischen Küstenmilieus herausgeholt, um zu erkunden, wie ein solches maschinelles Ausdauer- und Effizienzmodell auf den menschlichen Körper übertragen werden kann. Die Geschichte hat gezeigt, dass militärische Innovationen über kurz oder lang auch Aufnahme in allgemeinere soziale Lebensbereiche finden. Der schlaflose Soldat könnte so der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters oder Verbrauchers sein. Anti-Schlaf-Pillen, aggressiv vermarktet von Pharmaunternehmen, könnten zunächst zu einer Lifestyle-Option und schließlich für viele zu einer Notwendigkeit werden.
Durchgehende Öffnungszeiten und die Möglichkeit, rund um die Uhr zu arbeiten oder einzukaufen,
wurden schon längst eingeführt. Nun aber wird ein Mensch geschaffen, der auf diese Verhältnisse
besser eingestellt ist.
Ende der neunziger Jahre kündigte ein russisch-europäisches Raumfahrtkonsortium den Bau und die Stationierung von Satelliten an, die Sonnenlicht auf die Erde reflektieren. Eine Kette von Satelliten mit ausgefalteten Parabolspiegeln aus papierdünnem Material sollte in 1700 Kilometern Höhe in Umlaufbahnen gebracht und mit dem Sonnenstand synchronisiert werden. Bei einem Durchmesser von 200 Metern sollte jeder dieser Spiegelsatelliten ein Gebiet von zehn Quadratmeilen auf der Erdoberfläche mit der fast hundertfachen Helligkeit des Mondes beleuchten. Das Projekt war ursprünglich mit der Absicht entstanden, eine Beleuchtung für die industrielle Nutzbarmachung und extraktive Ausbeutung entlegener Gebiete in Sibirien und im nordwestlichen Russland zu schaffen, wo es lange Polarnächte gibt. Das sollte Außenarbeiten rund um die Uhr ermöglichen. Das Unternehmen erweiterte dann seine Pläne auf eine Nachtbeleuchtung für ganze Stadtregionen. Mit dem Argument der Einsparung von Stromkosten wurde dafür mit dem Slogan »Tageslicht die ganze Nacht« geworben. Sofort regte sich Widerstand von allen Seiten. Astronomen äußerten Bestürzung über die Konsequenzen für die Erkundung des Weltraums durch Bodenobservatorien. Wissenschaftler und Umweltaktivisten prophezeiten physiologische Schäden bei Mensch und Tier, weil das Fehlen regelmäßiger Tag-und-Nacht-Rhythmen verschiedene Stoffwechselvorgänge beeinträchtigen würde, unter anderem den Schlaf. Es gab auch Proteste von kulturellen und humanitären Gruppen, die den Nachthimmel zum menschlichen Gemeingut erklärten. Das Dunkel der Nacht zu erleben und die Sterne zu betrachten, sei ein grundlegendes Menschenrecht, das kein Unternehmen einfach kassieren könne. Falls dies tatsächlich ein Recht oder Privileg sein sollte, ist es für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung schon längst außer Kraft gesetzt worden, da Städte ständig unter einer illuminierten Dunstglocke liegen. Befürworter des Projekts erklärten hingegen, diese Technologie könne den nächtlichen Stromverbrauch senken. Der Verlust des Nachthimmels und seiner Dunkelheit sei ein geringer Preis für den verminderten Energiekonsum. Wie dem auch sei – dieses letztlich unpraktikable Unternehmen ist ein konkretes Beispiel für ein modernes Imaginäres, in dem eine permanente Beleuchtung untrennbar verbunden ist mit dem Nonstop-Betrieb globaler Austausch- und Zirkulationsprozesse. In seinem unternehmerischen Wahn ist es der übertriebene Ausdruck einer vorherrschenden Unduldsamkeit gegenüber allem, was sich verdunkelnd oder verhindernd gegen eine instrumentalisierte, grenzenlose Sichtbarkeit sperrt.
Eine Form der Folter, die seit 2001 bei vielen Opfern außergerichtlicher Überstellung und anderen
Inhaftierten angewandt wurde, war Schlafentzug. Die diesbezüglichen Fakten wurden bei einem
bestimmten Häftling allgemein bekannt, seine Behandlung war aber vergleichbar mit dem Schicksal
von Hunderten anderer, deren Fälle weniger gut dokumentiert sind. Mohammed al-Qahtani wurde
gefoltert nach den Bestimmungen des »Ersten Sonderverhörplans« des Pentagon, unterzeichnet von
Donald Rumsfeld. Zwei Monate lang wurde er fast ständig am Schlafen gehindert und oft
zwanzigstündigen Verhören ausgesetzt. Er wurde in winzige Zellen gesperrt, ausgeleuchtet mit
starken Scheinwerfern und beschallt mit lauter Musik, ohne sich hinlegen zu können. In militärischen Geheimdienstkreisen nannte man diese Gefängnisse »Dark Sites«, Dunkelkammern, während einer der Orte, in denen Al-Qahtani eingekerkert war, den Codenamen »Camp Bright Lights« trug. Das war wohl nicht der erste Schlafentzug, der von Amerikanern oder ihren Verbündeten angewandt wurde. Es ist in mancher Hinsicht irreführend, den Schlafentzug herauszugreifen, weil er bei Mohammed al-Qahtani und vielen anderen nur Teil eines umfassenderen Programms von Schlägen, Demütigungen, Fesselungen und Scheinertränkungen war. Viele dieser »Programme« für außergerichtliche Häftlinge wurden eigens von Psychologen und speziellen Beraterteams zur Verhaltensforschung entwickelt, um gezielt die körperlich-emotionalen Verwundbarkeiten auszunutzen.
Schlafentzug als Folter lässt sich über viele Jahrhunderte zurückverfolgen. Seine systematische
Anwendung fällt aber historisch zusammen mit der Verfügbarkeit von elektrischem Licht und
Lautsprecheranlagen. Er wurde zuerst routinemäßig in den dreißiger Jahren von Stalins Geheimpolizei eingesetzt und war normalerweise der Auftakt für das, was die NKWD-Schergen das »Fließband« nannten – die organisierte Abfolge von Brutalitäten und sinnlosen Gewalttätigkeiten, die Menschen irreparabel verletzen. Diese Prozedur ruft nach relativ kurzer Zeit Psychosen und nach mehreren Wochen neurologische Schäden hervor. Bei Experimenten mit Ratten führt Schlaflosigkeit nach zwei bis drei Wochen zum Tod. Sie verursacht einen Zustand äußerster Hilflosigkeit und Willfährigkeit, in dem man dem Opfer aber keine sinnvolle Information mehr abpressen kann, weil es wahllos alles gestehen oder erfinden würde. Die Verweigerung von Schlaf ist die gewaltsame Enteignung des Selbst durch eine äußere Macht, die planmäßige Vernichtung des Individuums.
Natürlich wurde die Folter schon seit langem von den Vereinigten Staaten direkt oder über ihre
Vasallenregime praktiziert. Das Neue nach dem 11. September ist aber die Leichtigkeit, mit der sie
als ein kontroverses Thema neben anderen ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken konnte. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Amerikaner die Anwendung von Folter unter bestimmten Umständen befürwortet. Dass Schlafentzug Folter sein soll, wird in den herrschenden Medien durchweg bestritten.
Er wird vielmehr als psychologisches Druckmittel angesehen, das vielen genauso akzeptabel erscheint wie die Zwangsernährung hungerstreikender Häftlinge. Wie Jane Mayer in ihrem Buch The Dark Side berichtet, wurde Schlafentzug in Pentagon-Dokumenten zynisch damit gerechtfertigt, dass auch die Elitesoldaten der Navy Seals bei Übungseinsätzen 48 Stunden lang wach bleiben müssen.
Entscheidend ist, dass die Behandlung der »Sonderhäftlinge« in Guantánamo und anderswo explizite Folterpraktiken mit einer vollständigen Kontrolle der sinnlichen Wahrnehmung verbindet. Die Insassen leben in fensterlosen Zellen bei ständiger Beleuchtung. Wenn sie herausgeführt werden, tragen sie Augen- und Ohrenklappen, damit sie weder wissen, ob Tag oder Nacht ist, noch sehen oder hören, wo sie sich aufhalten. Dieses System der sensorischen Deprivation umfasst oft auch die täglichen Kontakte zum Wachpersonal, das ihnen voll bewaffnet mit Handschuhen und Helm gegenübertritt, hinter einem nur halbdurchsichtigen Plexiglasvisier, sodass der Gefangene nie ein menschliches Gesicht, nicht einmal ein Stück Haut sehen kann.
Zu diesen Techniken und Methoden, die eine erschreckende Willenlosigkeit hervorbringen sollen, gehört die Fabrikation einer Welt, die keinerlei Fürsorge, Schutz oder Beistand gewährt.
An dieser besonderen Konstellation aktueller Ereignisse lassen sich einige der vielfältigen Folgen
neoliberaler Globalisierung und westlicher Modernisierungsprozesse ablesen. Ich möchte diesem
Komplex keine besonders signifikante Erklärungskraft zubilligen. Er kann aber als vorläufiger Einstieg dienen, um Licht auf einige Paradoxien der expandierenden kapitalistischen Nonstop Lebenswelt des 21. Jahrhunderts zu werfen – Paradoxien, die von den sich verändernden Verhältnissen zwischen Schlaf und Wachheit, Beleuchtung und Dunkelheit, Recht und Terror ebenso wenig zu trennen sind wie von den Formen der Exposition, Schutzlosigkeit und Verwundbarkeit. Man könnte einwenden, dass ich bestimmte Ausnahme- oder Extremfälle herausgreife. Wenn dem so ist, sind sie aber nicht ohne Bezug zu dem, was sich andernorts zu normalen Bedingungen entwickelt hat. Eine dieser Bedingungen lässt sich als die allgemeine Einordnung menschlichen Lebens in eine ununterbrochene Zeitdauer bezeichnen, die dem Prinzip permanenten Funktionierens gehorcht. Es ist eine Zeit, die nicht mehr vergeht, jenseits der Uhrzeit.
Hinter dem platten Slogan 24/7 verbirgt sich eine statische Redundanz, die ihr Verhältnis zu den
rhythmischen Periodisierungen des menschlichen Lebens verleugnet. Er beschwört das künstliche,
eintönige Bild einer 7-Tage-Woche im 24-Stunden-Takt, das die Entfaltung vielfältigen oder
kumulativen Erlebens verhindert. Man könnte zum Beispiel nicht einfach 24/365 sagen, weil dies die unbequeme Vorstellung einer größeren Zeitspanne ermöglichen würde, in der sich etwas verändern könnte, in der es unvorhergesehene Ereignisse gibt. Wie ich eingangs sagte, arbeiten schon seit Jahrzehnten viele Institutionen in der entwickelten Welt rund um die Uhr. Erst jetzt aber wird die persönliche und soziale Identität so umgeformt, dass sie mit der ununterbrochenen Tätigkeit der Märkte, Informationsnetze und anderer Systeme in Einklang gebracht wird. Ein 24/7 Milieu sieht aus wie eine soziale Welt, ist aber ein nichtsoziales Modell mechanischen Funktionierens, eine Aufhebung des Lebendigen, die nicht verrät, auf wessen Kosten seine Betriebsamkeit geht. Es unterscheidet sich von dem, was Lukács und andere im frühen 20. Jahrhundert als die leere, gleichförmige Zeit der Moderne erkannten, von der metrischen oder kalendarischen Zeit der Nationen, Finanzen und Industrien, aus der persönliche Hoffnungen oder Pläne verbannt waren. Das Neue ist die radikale Preisgabe jedweden Anspruchs, Zeit mit langfristigen Unternehmungen oder auch nur mit Vorstellungen von »Fortschritt« oder Entwicklung zu verbinden. Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels.
24/7 ist eine Zeit der Gleichgültigkeit, der gegenüber die Fragilität menschlichen Lebens zunehmend inadäquat wird, eine Zeit, in der der Schlaf nicht länger notwendig oder gar unvermeidlich ist. Sie lässt die Vorstellung eines Arbeitens ohne Pause, ohne Ende plausibel, ja normal erscheinen. So verbindet sie sich mit dem Unbelebten, Inerten oder Alterslosen. Als plakative Mahnung ordnet sie die absolute Verfügbarkeit an, weckt ununterbrochen neue Bedürfnisse, die aber beständig unerfüllt bleiben. Die fehlende Einschränkung des Konsums ist keine nur zeitliche. Wir sind längst über die Epoche hinaus, in der vor allem Dinge akkumuliert wurden. Unsere Körper und Identitäten nehmen heute eine immer größere Menge von Dienstleistungen, Bildern, Verfahren oder Chemikalien auf, bis hin zu einem toxischen und oft tödlichen Übermaß. Das langfristige Überleben des Individuums steht immer zur Disposition, wenn die Alternative auch nur indirekt die Möglichkeit einräumen könnte, dass der Fortgang des Shoppens oder der Vermarktung unterbrochen werden könnte. Auf diese Weise ist das 24/7-Modell, das mit seiner Verkündung der ständigen Verausgabung, der unablässigen Vergeudung zum Zwecke seiner Selbsterhaltung letztlich die Kreisläufe und zeitlichen Rhythmen des ökologischen Gleichgewichts sprengt, untrennbar verbunden mit der Umweltkatastrophe.
Der Schlaf in seiner tiefen Nutzlosigkeit und Passivität, mit den von ihm verursachten, unkalkulierbaren Verlusten in der Zeit der Produktion, Zirkulation und Konsumtion, wird mit den Ansprüchen einer 24/7-Welt stets kollidieren. Der gewaltige Teil unseres Lebens, in dem wir schlafen, befreit von einer Vielzahl vorgespiegelter Bedürfnisse, besteht als eines der großen menschlichen Ärgernisse für die Gefräßigkeit des heutigen Kapitalismus fort. Schlaf ist die kompromisslose Unterbrechung der uns vom Kapitalismus geraubten Zeit. Die meisten der scheinbar unhintergehbaren Notwendigkeiten menschlichen Lebens – Hunger, Durst, sexuelles Begehren und neuerdings auch das Bedürfnis nach Freundschaft – wurden in Waren- oder Geldform verwandelt.
Schlaf aber bedeutet die Idee eines menschlichen Bedürfnisses und Zeitintervalls, das sich nicht von einer gewaltigen Profitmaschinerie vereinnahmen oder einspannen lässt, das eine sperrige Anomalie bleibt, ein Krisenherd in der globalen Gegenwart. Trotz aller wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet durchkreuzt und vereitelt er alle Strategien, ihn nutzbar zu machen und umzugestalten. Das Verblüffende, das Unbegreifliche ist, dass sich nichts Verwertbares aus ihm herausholen lässt.
Es sollte nicht überraschen, dass der Schlaf heute allenthalben beeinträchtigt wird, wenn man bedenkt, um was es wirtschaftlich geht. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat es beständig Einschnitte in die Zeit der Nachtruhe gegeben – der nordamerikanische Durchschnittsbürger schläft heute etwa sechseinhalb Stunden, gegenüber acht Stunden noch vor einer Generation und (man glaubt es kaum) zehn Stunden zu Beginn des Jahrhunderts. Die bekannte Formel »Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens im Schlaf« schien Mitte des 20. Jahrhunderts eine axiomatische Gewissheit zu sein – eine Gewissheit, die immer fraglicher wird. Schlaf ist die allgegenwärtige, aber unbemerkte Reminiszenz einer nie vollständig überwundenen Prämoderne, der ländlichen Welt, die vor vierhundert Jahren zu versinken begann. Sein Ärgernis ist die Einbettung unseres Lebens in den rhythmischen Wechsel von Sonnenlicht und Dunkelheit, Tätigkeit und Ruhe, Arbeit und Erholung, der ansonsten ausgelöscht oder stillgestellt wurde. Natürlich hat auch der Schlaf eine Geschichte wie alles, was als natürlich gilt. Er war nie monolithisch oder unwandelbar, er nahm über die Jahrhunderte und Jahrtausende vielfältige Gestalten und Formen an. Marcel Mauss, der sich in den dreißiger Jahren mit Schlafen und Wachen in seiner Studie über »Techniken des Körpers« beschäftigt hat, zeigt, dass scheinbar instinktive Verhaltensmuster in allen erdenklichen Formen durch Nachahmung oder Erziehung erworben wurden.
Trotzdem darf man annehmen, dass in der breiten Vielfalt vormoderner Agrargesellschaften entscheidende Merkmale des Schlafs dieselben blieben.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts begann der Schlaf die feste Stellung zu verlieren, die er noch in
aristotelischen oder Renaissancekontexten besessen hatte. Seine Unvereinbarkeit mit modernen
Produktivitäts- und Rationalitätsbegriffen wurde konstatiert, und Descartes, Hume oder Locke waren nur einige der Philosophen, die den Schlaf wegen seiner Irrelevanz für Verstand und Erkenntnis in Misskredit brachten. Er wurde abgewertet angesichts der Hochschätzung von Bewusstsein und Willenskraft, von Nützlichkeit, Objektivität und eigennütziger Tätigkeit. Für Locke war er eine bedauerliche, wenngleich unvermeidliche Unterbrechungder gottgewollten menschlichen Priorität, arbeitsam und verständig zu sein. Schon im ersten Absatz von Humes Treatise on Human Nature wird Schlaf als Beispiel für Hindernisse der Erkenntnis in einen Topf mit Fieber und Wahnsinn geworfen.
Mitte des 19. Jahrhunderts wird das asymmetrische Verhältnis von Schlafen und Wachen in
hierarchischen Modellen begriffen, wenn der Schlaf als Regression in einen niederen, primitiveren
Zustand gilt, der eine höhere, komplexere Denktätigkeit hemmt. Schopenhauer ist einer der wenigen Philosophen, die diese Hierarchie umkehren, wenn er sagt, dass wir nur im Schlaf zum »eigentlichen Kern des Lebens« vordringen.
In vielerlei Hinsicht muss man den unsicheren Status des Schlafs auf die Dynamik einer Moderne
beziehen, die jede Organisation der Wirklichkeit in binäre Gegensätze zunichte gemacht hat. Die
homogenisierende Kraft des Kapitalismus ist unvereinbar mit der inneren Differenzierung in Heiliges und Profanes, Karneval und Alltag, Natur und Kultur, Maschine und Organismus. Alle fortbestehenden Begriffe von Schlaf als etwas Natürlichem werden inakzeptabel. Zwar werden Menschen nach wie vor schlafen. Auch brodelnde Megastädte werden nachts Phasen relativer Ruhe haben. Schlaf ist aber heute eine Erfahrung, die nicht mehr als eine Naturnotwendigkeit gilt. Wie vieles andere auch wird er als eine variable, aber kontrollierbare Funktion aufgefasst, die sich nur instrumentell und physiologisch bestimmen lässt. Neuere Forschungen zeigen, dass die Zahl der Menschen exponentiell zunimmt, die nachts ein- oder mehrmals aufstehen, um ihre Mails oder Daten zu checken. Eine scheinbar unlogische, aber verbreitete Bezeichnung ist der »Schlafmodus« (sleep mode) technischer Geräte.
Der Begriff eines energiesparenden Bereitschaftszustands lässt den umfassenderen Sinn von Schlaf zum bloß verzögerten oder verminderten Zustand der Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit werden. Er verdrängt das »Ein/Aus«-Prinzip. Nichts ist mehr richtig »aus«. Nie gibt es einen wirklichen Schlafmodus.
Schlaf ist die irrationale, unannehmbare Bestätigung der Tatsache, dass lebendige Wesen mit den
vermeintlich unwiderstehlichen Kräften der Modernisierung nicht grenzenlos kompatibel sind. Es
gehört heute zu den Gemeinplätzen kritischen Denkens, dass es keine Naturkonstanten gibt – nicht
einmal den Tod, wenn man den Vorhersagen glaubt, dass wir unsere Verstandesdaten bald abspeichern können, um digital unsterblich zu sein. Dass Lebewesen sich von Maschinen durch entscheidende Merkmale unterscheiden, sei eine naive Selbsttäuschung, teilen uns bekannte Theoretiker mit. Wer sollte etwas dagegen haben, wenn man dank neuartiger Pillen hundert Stunden lang durcharbeiten kann? Würde nicht eine flexible und reduzierte Schlafdauer mehr persönliche Freiheit bedeuten, die Möglichkeit, sein Leben mit individuellen Bedürfnissen und Wünschen besser in Einklang zu bringen? Würde nicht weniger Schlaf die Chancen erhöhen, »sein Leben voll auszuleben«? Man könnte einwenden, dass Menschen nachts schlafen müssen, dass unser Körper auf die tägliche Erdumdrehung eingestellt ist und dass in fast jedem Organismus periodische und sonnenreaktive Verhaltensweisen auftreten. Diese Einwände würden vermutlich als New-Age-Spinnereien oder, schlimmer noch, als ominöse Sehnsüchte nach heideggerianischer Erdverbundenheit abgetan. Im neoliberal-globalistischen Denken ist Schlafen nur etwas für Verlierer.
Im 19. Jahrhundert, nach den schlimmsten Auswüchsen der Industrialisierung, kamen Fabrikmanager, wie Anson Rabinbach in seiner Arbeit über die »Ermüdungswissenschaft« gezeigt hat, zu der Erkenntnis, dass es profitabler ist, wenn man den Arbeitern kleinere Ruhezeiten gewährt, damit sie auf längere Sicht effizienter und ausdauernder sind. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jedoch und bis in die Gegenwart, mit dem Zusammenbruch kontrollierter oder gemilderter Formen des Kapitalismus in Europa und den Vereinigten Staaten, gibt es für Ruhe und Erholung als Komponenten von Wirtschaftlichkeit und Wachstum keine innere Notwendigkeit mehr.
Ruhe- und Erholungszeit ist einfach zu kostspielig geworden, um im heutigen Kapitalismus strukturell möglich zu sein.
„24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus“; Verlag Klaus Wagenbach ISBN 978-3-8031-3653-4
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Schlaflos im Spätkapitalismus

  1. heureka47 schreibt:

    Das ist nur EINE von Milliarden DUMMER Ideen, die seit Beginn der Krankheit „Zivilisation“ in unreifen Hirnen ausgebrütet wurden.
    Die große Mehrheit der Menschen der zivilisierten Gesellschaft ist befallen von der „Kollektiven ZIVILISATIONS-Neurose“ (KZN) – von mir so genannt seit 1992, in Anlehnung an den in der Soziologie verwendeten Begriff „Kollektive Neurose“ – und schwer beeinträchtigt.

    ALLE „Krankheiten“ sind bei genauerem Hinsehen nur verschiedene Symptome der KZN bzw. des Mangels an „Lebens-Energie“ = feinstoffliche / spirituelle / kosmische / universelle (Bewußtseins-)Energie; Seins-Energie, Geist-Kraft, Schöpfer-Kraft, Vorstellungs-Kraft, usw.

    Die Kollektive Neurose / KZN ist die (selbe) Krankheit, die schon bei Moses im „Tanz um das Goldene KALB“ so dramatisch beschrieben wird. Wobei das „Kalb“ Symbolfigur ist und ein Hinweis auf die „Diagnose“: „Pathologische – geistig-seelische – Unreife“ und folglich „pathologische DUMMHEIT“. In diese Richtung zielt auch die Aussage des Jesus am Kreuz: „… denn sie wissen nicht was sie tun.“
    Wer nicht weiß, was er tut, ist ein – natürlicherweise DUMMES – Kind, oder IRRE.

    Der typische zivilisierte – „(selbst-)entfremdete“ – Mensch weiß / versteht nicht, was „Menschsein“ in Wahrheit ist. Er weiß nicht,
    – was er IST;
    – was er KANN und
    – was er – hier – SOLL.

    Deswegen sind die allermeisten Menschen der zivilisierten Gesellschaft nicht wahrhaft glücklich und nicht wahrhaft gesund, nicht zufrieden mit ihrem Leben und nicht fähig, wahrhaft tragfähige Beziehungen zu gestalten oder Kinder ihren Bedürfnissen entsprechend – erfolgreich – zu erziehen.
    Seit Jahrzehnten sprechen Wissenschaftler, Wirtschaftler und Politiker von einer / der „Globalen Krise“ bzw. „Welt-Problematik“ und haben den „geheimnisvollen“ Ursachen-Faktor bzw. den passenden Problemlösungs-Faktor noch immer nicht gefunden. Obwohl es ihn GIBT!
    Er war IMMER da – nur kann der neurotische / entfremdete Mensch ihn nicht WAHRNEHMEN / ERKENNEN, denn die Kollektive Neurose / KZN ist u.a. eine Wahrnehmungs- / Erkenntnis-Störung. Zu Recht nennt Heinz von Förster diese Krankheit „Dysgnosie“.

    Aufgrund der KZN droht der zivilisierten Gesellschaft der UNTERGANG – entsprechend dem Mechanismus, den Oswald Spengler vor 90 Jahren beschrieben hat. Und alle Kriege der nachvollziehbaren Geschichte der letzten ca. 10.000 Jahre waren jeweils eine Auswirkung der KZN – jeweils eine „Kollektive PSYCHOSE“. Auch der 1. und 2. WK. Und etwas ähnliches steht jetzt wieder „vor der Tür“.

    „Der Schoß, aus dem DAS kroch, ist FRUCHTBAR noch.“

    Das beste, was jeder einzelne JETZT tun kann, ist die GRUNDLEGENDE HEILUNG:

    1: Angst konstruktiv überwinden können lernen – und nicht nur zu verdrängen. Mut aufbringen, sich dem Unbekannten zu stellen.

    2: Sich dem Unbekannten, den Schrecken / „Dämonen“, im eigenen (Unter-)Bewußtsein, bzw. den unangenehmen Gefühlen, stellen.

    3: Erkenne, dass die – evtl. bildhaften – Schrecken / „Dämonen“ in dir, im Unterbewußtsein, verdrängte negative Gefühle sind.

    4: Die verdrängten / abgespaltenen Gefühle sind in deinem Unterbewußtsein „gefangen“ und wollen befreit, erlöst, werden.

    5: Die in deinem Unterbewußtsein „gefangenen“ Gefühle können nur über den Weg durch dein Bewußtsein befreit werden.

    6: Die in dir „gefangenen“ Gefühle können nur befreit werden dadurch, daß sie sich als die manifestieren können, die sie sind.

    7: Erkenne, dass deine Angst keine eigene Macht hat, sondern nur die, die du ihr mit deiner Aufmerksamkeit(senergie) gibst!

    8: Statt GEGEN die Angst zu „kämpfen“, richte deine Aufmerksamkeit, dein Bewußtsein, auf die einzig wahre Macht, die Liebe!

    9: Mit der Kraft / Macht der Liebe kannst du dein (Unter-)Bewußtsein von allen „Dämonen“ / Ängsten / Störfaktoren reinigen.

    10: Hilfreich ist, sich auch rational zu entscheiden, HEIL werden zu wollen und bereit sein, alles dafür Erforderliche zu tun.

    11: Lerne deine höhere Bewußtseins-Dimension, das „Höhere / wahre Selbst“ und seine höherdimensionalen Qualitäten kennen.

    12: Erkenne das höchste Prinzip des Universums und entscheide dich zu ihm, identifiziere dich mit ihm und seinen Qualitäten.

    13: Das höchste Prinzip / Gesetz des Universums ist „bedingungslose Liebe“. Die höchste Kraft / Macht ist die Lebens-Energie.

    14: Die Entscheidung zum Höheren / wahren Selbst, zur Liebe / Lebens-Energie, macht dich FREI, GANZ, HEIL: wahrhaft erwachsen.

    15: Mit der Entscheidung zur Liebe / Lebens-Energie heilst du dich selbst und kannst auch anderen auf dem Weg dorthin helfen.

    16: Als wahrhaft erwachsener, spirituell bewußter, Mensch kannst du SYMBOLIK erkennen und deuten und Nutzen daraus ziehen.

    17: Als wahrhaft Erwachsener wirst du deine Potenziale / Möglichkeiten erkennen und sie liebe- / verantwortungsvoll einsetzen.

    18: Wenn du die bedingungslose Liebe lebst, wirst du dich auch als bedingungslos glücklichen Menschen erkennen und bezeichnen.

    19: Als wahrhaft heiler Mensch wirst du alles Kranke erkennen und deine Potenziale nutzen, der wahren Heilung zu dienen.

    20: Als wahrhaft heiler Mensch bist du Herrscher in deinem Bewußtsein, das Liebe ist. Also: „Liebe – und tu was dir beliebt“.

    21: Sei, was du bist. Wenn das Sein erfüllt ist, stellt sich die Frage nach dem Sinn nicht mehr.

    Herzlichen Gruß!

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