Das Argument der Qual

Von Stephan Wehowsky aus „Journal21“
Folter hat eine erschreckende Plausibilität. Dagegen verstummen Vernunft, Kultur und Humanität.
Es wird gefoltert, um etwas aus jemandem herauszubringen, das er sonst nicht preisgeben würde. Jeder kennt Schmerz, und daher leuchtet es ein, dass die Zufügung von Schmerzen ein wirksames Mittel sein könnte. Es gibt eine argumentative Asymmetrie: Es ist viel schwieriger, gegen die Folter zu argumentieren als für sie.
Den Willen brechen
Geheime Verhörzentren, Folterpraktiken: Sie sind selbst bei Geheimdiensten demokratischer Staaten ganz selbstverständlich. Und wenn es zu unerwünschten Diskussionen über die Legitimität kommt, treten die Wortverdreher auf den Plan. Sie faseln von „verschärften Verhörmethoden“, wie es schon die Nazis taten. Oder es wird behauptet, dass die Simulation des Ertränkens beim „Waterboarding“ noch gar keine Folter sei. Als ob diese Methode nicht – wie alle anderen Foltermethoden auch – darauf abzielte, den Willen des Gefolterten zu brechen.
Der Mensch ist wie ein Tresor, der geknackt werden muss. Und die Annahme besteht darin, dass in dem Tresor das liegt, wonach man sucht. Als lästige Hülle hat der Mensch keinen Wert, der respektiert werden müsste. Es geht ja nur um das, was er verbirgt. Und das, was er verbirgt, kann mutmasslich grossen Schaden anrichten. Je grösser der befürchtete Schaden, je grösser die Gefahr, desto schneller muss die Hülle durchstossen werden. Wer fragt da noch nach Menschenwürde?
Das Schiffsunglück
Der Strafverteidiger und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach hat einen Band mit Essays unter dem Titel: „Die Würde ist antastbar“ vorgelegt. (1) Der Titel zielt auf das Gegenteil: Weil die Würde antastbar ist, muss alles dafür getan werden, um ihre Unantastbarkeit zu wahren. Schirach ist dabei nur allzu klar, welche argumentativen Lasten dabei zu schultern sind. Aber als Autor, der packend erzählen, und als Strafverteidiger, der glasklar argumentieren kann, löst er diese Aufgabe höchst eindrucksvoll.
So erzählt er von einem Schiffsunglück aus dem Jahr 1884. Ein kleiner Frachter geriet in einen Sturm und kenterte schliesslich. Die vier Besatzungsmitglieder, die sich vorerst retten konnten – der Kapitän, zwei Matrosen und ein Schiffsjunge -, litten Durst und Hunger, und nach mehreren Tagen tötete der Kapitän den ohnehin todgeweihten Schiffsjungen. Die übrigen Besatzungsmitglieder tranken dessen Blut, assen dessen Fleisch und wurden zwei Tage später von einem vorbeifahrenden Schiff aufgenommen.
Dieser Fall fand in der englischen Öffentlichkeit ein starkes Echo. In einem Prozess wurden die drei zum Tode verurteilt, aber der Richter empfahl zugleich deren Begnadigung. Schirach zitiert aus der Urteilsbegründung einige „grossartige Sätze“: „Wir werden häufig dazu gezwungen, Standards aufzustellen, die wir selbst nicht erreichen, und Regeln festzulegen, die wir nicht selbst befriedigen können … Es ist nicht notwendig, auf die schreckliche Gefahr hinzuweisen, die es bedeutet, diese Grundsätze aufzugeben.“
Merkels Freude
Die logisch-rationale Abwägung, welches menschliche Leben zugunsten anderer geopfert – im Fall des moribunden Schiffsjungen handelt es sich zudem „nur“ um eine Verkürzung – werden darf, ist der erste Schritt in den Abgrund einer Gesellschaft, die sich der Kultur der Menschenwürde nicht mehr verpflichtet weiss. Dann gelten nur noch Zahlen und Opportunität. Wie wäre es, einen moribunden Patienten mit drei gesunden Organen zugunsten von drei Empfängern auszuschlachten, damit diese überleben können, fragt Schirach.
Und wie steht es mit der politischen Opportunität? Scharf kritisiert Ferdinand von Schirach die Reaktionen von Angela Merkel und Volker Kauder auf die Tötung Osama Bin Ladens. Es sei unangemessen gewesen, dass Merkel ihrer „Freude“ Ausdruck gab und Kauder dieser Freude noch eine christliche Grundierung zufügte. – Als gäbe es zu diesem Vorgehen auch nicht den Hauch einer Frage.
In seinem Essayband geht Ferdinand von Schirach auch auf den Fall Magnus Gäfgen ein. Im Jahr 2002 war der Bankierssohn Jakob von Metzler von Magnus Gäfgen entführt worden. Die Polizei hatte den mutmasslichen Täter. Um das Opfer in letzter Minute zu retten, drohte der vernehmende Beamte, Wolfgang Daschner, Folter an. Daraufhin gestand Gäfgen die Tat, aber zur Rettung des Opfers war es schon zu spät.
Helden müssen scheitern
Daschner kam mit einer milden Strafe davon und konnte sich sowieso der Zustimmung der Öffentlichkeit und der Boulevardpresse sicher sein. Dagegen argumentiert Schirach, dass es für den Staat ein grundgesetzlich festgelegtes Folterverbot gibt, an das sich seine ausführende Organe ohne Wenn und Aber zu halten haben. Entsprechend hart müsse ein Beamter wie Daschner bestraft werden, der dieses Verbot übertritt: „Mehrjährige Gefängnisstrafe, Entlassung aus dem Dienst, Streichung der Pension.“
Zwar sieht Ferdinand von Schirach, dass Wolfgang Daschner aus zutiefst menschlichen Motiven heraus gehandelt haben könnte, dann aber, so argumentiert er, müsse er wie ein tragischer Held gesehen werden: „Helden müssen scheitern, es ist ihr Wesen. Sie fallen, auch wenn sie glauben, sie hätten das Richtige getan.“
Wo ist die Bombe?
In der Striktheit des Folterverbots bezieht er sich auch auf Jan Philipp Reemtsma, der selbst ein Opfer einer Entführung war. Reemtsma sieht in Folter einen „Zivilisationsbruch“.
In seinem Roman „Tabu“ von 2013 (2) setzt sich Ferdinand von Schirach ebenfalls mit der Folter auseinander, wobei er ihren Erkenntniswert grundsätzlich in Frage stellt. Es geht also nicht nur um die normative Bewertung. Auch hier handelt es sich um eine Entführung. Der vernehmende Polizist greift nicht nur zur Folter, sondern rechtfertigt sie auch noch in einem Interview einer Boulevardzeitung. Das bietet dem Strafverteidiger Biegler den Anlass zu einem furiosen Auftritt vor Gericht.
Biegler bezieht sich auf das Beispiel, das der Polizist in dem Interview gegeben hat: Ein Terrorist hat eine Atombombe in Berlin versteckt, die bald explodieren wird. Die Polizei hat ihn gefasst, aber er verrät das Versteck nicht. Also Folter. Biegler fragt nun, wieso die Polizei weiss, dass der Verdächtige ein Terrorist ist, aber ihn nicht so weit observiert hat, dass sie das Versteck der Bombe kennt. Warum hat sie sein Handy nicht überwacht, seine Kontakte?
Kopf und Bauch
Und er fragt weiter: Es ist anzunehmen, dass der Terrorist auf Folter vorbereitet ist und schweigt. Was wäre aber, wenn man seine vierzehnjährige Tochter vor seinen Augen foltern würde, damit er sein Schweigen bricht? Wo zieht man Grenzen?
Biegler macht klar, dass der Fokus auf die Folter wie ein Tunnelblick ist, der alle anderen Möglichkeiten, die zum Ziel führen könnten, ausblendet. Zudem verweist er auf die Hexenprozesse, in denen unter Folter alle beschuldigten Frauen sexuelle Beziehungen mit dem Teufel „gestanden“ haben. Der Erkenntniswert ist also gleich null.
Die Argumente, die Ferdinand von Schirach seinem Protagonisten, dem Strafverteidiger Biegler, in den Mund legt, sind brillant und bestechend. Aber sie zeigen einmal mehr, wie wenig es hilft, dass die Vernunft recht hat, wenn der „Bauch“ anderes plausibel erscheinen lässt.
Die Realität der Folter
Besteht die Gefahr, dass der Westen in dem Masse, wie er sich bedroht fühlt, selbst zu archaischen Mitteln greift, die seine Kultur schon längst überwunden hatte? Gibt es einen Wettlauf nach unten? Wachsamkeit sollte sich nicht nur auf Terrorismus richten, sondern auch auf die Methoden, zu denen der Westen greift.
Das Folterthema wird uns mehr und mehr beschäftigen. Und wir werden dabei immer mehr in Bedrängnis geraten. Denn es geht schon lange nicht mehr darum, mit der ruhigen Stimme der Vernunft auf eine mehr oder weniger theoretische Möglichkeit zu antworten. Folter ist Realität, eine Realität, die sich mehr und mehr als selbstverständlich etabliert. Je mehr Folter angewendet wird, desto mehr entsteht der Eindruck, dass nur noch die Sprache der Gewalt gehört und verstanden wird.
Die Höflichkeit – und die Kultur
Ferdinand von Schirach weist einen Ausweg, der auf den ersten Eindruck hin geradezu surreal wirkt – surreal wie die gehobene Kultur. Auf die Frage des Polizisten in dem Roman „Tabu“ nach der „besten Vernehmungsmethode“ antwortet der Strafverteidiger Biegler: „Höflichkeit. Sie können jeden Kriegsgefangenen fragen. Er spricht nie über die körperlichen Qualen. Er spricht von der Einsamkeit, der Verlassenheit. Er will jemanden, der mit ihm spricht – als Mensch.“
Das klingt masslos utopisch. Aber es gibt einfache Wahrheiten: Aggression erzeugt Aggression, Kultur erzeugt Kultur, Höflichkeit erzeugt Höflichkeit. Und Folter, das sagen uns erfahrene Geheimdienstler, erzeugt Terroristen.
(1) Ferdinand von Schirach, Die Würde ist antastbar. Essays, Piper Verlag, München 2014
(2) Ferdinand von Schirach, Tabu, Roman, Piper Verlag, München 2013
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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