Genozid in der Ukraine: Wann erwacht Europa?

von Christian Müller aus „Infosperber“
Westliche Medien kaprizieren sich darauf, die Kriegsschuld allein Moskau zuzuschieben. Der Krieg selber ist für sie kein Thema.
Seit Wochen beschiessen und bombardieren Truppen der Kiever Regierung ihre eigenen Landsleute. Bereits sind weit über tausend Zivilisten getötet. Hunderttausende sind auf der Flucht – die meisten Richtung Russland. Hunderttausende, nicht zuletzt Frauen und Kinder, harren noch aus, sind aber ohne Nahrungsmittelnachschub und viele davon sogar ohne Wasser.
FrauenBombenUnd was macht Europa? Schuld sind eh die Russen, also ist Hilfe nicht angesagt. Und jetzt, wo Russland eigene Hilfe angekündigt hat und einen Lastwagen-Konvoi mit Hilfsgütern in Richtung Ostukraine in Gang gesetzt hat, ist es für die westlichen Medien, – in den USA sowieso, aber auch in Deutschland – klar: Das ist nur ein Tarnmanöver für einen militärischen Eingriff. Zynismus pur.
Einmal mehr sind es einzelne Journalisten, die nicht nur offizielle und offiziöse Verlautbarungen auf alle zur Verfügung stehenden Medienkanäle verteilen, sondern selber hinfahren, ins Kriegsgebiet, um dort mit den Menschen zu reden. Jan Gazdik, ein tschechischer Journalist, hat auf der in Tschechien bekannten Info-Plattform Aktualne.cz aus Sicht eines Reporters vor Ort darauf aufmerksam gemacht, was im Krisengebiet abläuft.
Hier der Bericht:
Augenzeugen: Die ukrainische Armee kämpft wie Eroberer. Selbst auf Schulen wird geschossen.
«Wir wollen nicht in einem Land leben, das uns umbringt», sagen sie. Vor einigen Monaten haben sie mit Maidan noch sympathisiert oder sie versuchten zumindest zu verstehen, was die Demonstranten gegen die damalige (demokratisch gewählte) Regierung hatten. Aber jetzt verfluchen sie die Regierung in Kiev und Präsident Poroschenko und werfen ihm vor, an der ukrainischen Bevölkerung Völkermord zu begehen.
Aktualne fragte die Gymnasiallehrerin Natalia Karajevova, die Buchhalterin Victorie Vjatschenko, die Ärztin Dr. Niniel Sergejevna und den Programmierer Alexandr Lytowtschenko. Vier Leute, die einander nicht kennen, aber alle vier leben in der von der ukrainischen Armee bombardierten Stadt Donezk oder in deren Umgebung.
Die ukrainische Armee und die sie unterstützenden Bataillone führten sich, nach der übereinstimmenden Meinung der vier Befragten, auf wie Eroberer. Sie rauben Geschäfte aus und plündern Lebensmittellager, einige Orte erinnerten an die verbombte Stadt Stalingrad im Zweiten Weltkrieg. Die Augenzeugenberichte der vier dort Lebenden mögen einseitig erscheinen, aber sie zeigen, wie widersprüchlich und kompliziert die Situation im Osten der Ukraine ist. Und deshalb bringen wir hier deren Geschichte.
«Stalingrad wurde von der deutschen Wehrmacht vernichtet, aber jetzt vernichtet unsere eigene Armee Luhansk und Donezk. Wie kann man verstehen, dass ukrainische Panzerfahrer aus Spass oder Übermut auf Läden schiessen? Wie lässt sich begründen, dass sie Elektrizitäts- und Wasserwerke beschiessen? Solches wird jetzt gemacht von Leuten, die sagen, sie seien die ukrainische Armee», sagt Lytovtschenko, der selber früher ein Spezialist der Fliegerabwehr war.
«Es ist eine Tatsache, dass diese Einheiten in diesen Kämpfen mit den Rebellen auf alles schiessen, was sich da bewegt, ohne jede Rücksicht.» Die Streuwirkung der Raketen und Granaten sei riesig, erklärt Lytovtschenko, und diese Soldaten seien gar nicht richtig ausgebildet. Und die mitkämpfende Landwehr sei sogar noch auf einem tieferen Ausbildungsstand. Aber gerade auch diese Landwehr sei bekannt für ihre Laden-Plünderungen.
Natalia Karajevova: «Werden wir je zurückkommen können?»
«Unser Dorf in der Umgebung von Donezk ist total verbombt. Ein Strassenzug ist gänzlich niedergebrannt. Das Feuer wurde ohne jede Warnung eröffnet. Es ist schwierig zu beschreiben, das Chaos der flüchtenden Hühner, Gänse und anderer Tiere. Die Menschen liessen alles zurück, nur um ihr nacktes Leben zu retten. Sie haben auf uns mit schweren Raketenwerfern geschossen, sodass die Erde richtiggehend umgepflügt wurde. Einige Raketen warfen Kugeln ab, die Dampf abgaben, ein sehr schlecht riechendes Gas. Sie sagen, sie schiessen auf die Separatisten. Aber bin ich ein Separatist? Ich bin Lehrerin an einem Gymnasium. Sie schossen auf uns normale Menschen. Unsere Männer konnten nichts anderes tun, als uns zu verteidigen. Die Frauen sitzen zuhause, die Kinder und Enkelkinder verstecken sich im Keller, die Männer kämpfen oder gehen zu ihrer Arbeit, wenn sie denn noch einen Arbeitsplatz haben. Wir wurden in diese Kämpfe hineingezogen, unfreiwillig, obwohl wir ursprünglich auf Distanz zu den Rebellen waren.»
Das Problem nach Ansicht von Natalia Karajevova ist, dass wichtige Zentren der Stadt, von denen die Industriebetriebe abhängig sind, bombardiert wurden. Und sie fragt: «Wie wird es sein, wenn der Krieg vorbei ist? Strassen, Bahnen, Fabriken, alles ist zerstört, die ganze Infrastruktur ist zerstört. Wer möchte da zurückkehren? Und nicht davon zu reden, dass in den Läden keine Lebensmittel mehr vorhanden sind. Wir stehen vor einer humanitären Krise wie es sie in anderen Ländern gibt, die wir bis jetzt aber nur am Fernsehen gesehen haben.»
Viele Bekannte von Natalia Karajevova sind bereits Richtung Russland geflohen. «Wir bleiben hier. Wir lieben unser Dorf und auch Donezk. Ich bin Ukrainerin, mein Mann ist aus Georgien, und meine wunderbare Schwiegertochter ist Russin. Auch unsere Nachbarn sind ähnlich gemischt. Aber niemand in Donezk versteht, warum Zivilisten erschossen werden und warum sie aus den Häusern ihrer Vorfahren vertrieben werden. Das einzige, was wir wollen, ist ein Leben in Frieden», versichert Natalia Karajevova.
Immer mehr Leute in der Ostukraine fragen sich: Was will dieser Präsident?
«Dieser Krieg hat den Wunsch der Leute, ein unabhängiges Donezk zu gründen und dieses näher an Russland zu bringen, nur verstärkt. Wir haben unsere Meinung geändert, als Schulen, Kindergärten und Spitäler bombardiert wurden. Jetzt hoffen wir, dass uns Russland rettet. Für alle Anderen sind wir ohnehin eine zu vernachlässigende Grösse, aber wir sind immerhin noch Menschen, die eine Vorstellung von Leben haben. Kiev aber pfeift auf uns», sagt die Lehrerin. «Es wird gesagt, die Rebellen, die sogenannten Separatisten, hätten die Einwohner in Donezk anständig behandelt. Die Menschen kennen einander hier. Es sind normale Leute, Männer, so um die 30.» Natalia Karajevova charakterisiert diese Leute als solche, die einfach die Geduld mit Kiev verloren haben, und sie finden mehr und mehr Unterstützung von Leuten aus der Region, seit die Bombardierungen begonnen haben. Die Leute hoffen noch immer, dass Russland sie gegen diese Angriffe aus Kiev schützen wird.» Am meisten würde sich Natalia Karajevova wünschen, dass Europa mit anderen Augen auf die Region schauen würde, nicht nur unter dem Einfluss der Propaganda, weder von der Seite von Kiev noch von der Seite von Moskau.
«Hier sterben friedliche Menschen. Helft uns! Wenn nicht, werden sie uns alle töten. Wir haben keinen Ort, wo wir zurückkehren können. Diese Region stirbt jeden Tag etwas mehr.»
«Das neue Schuljahr wird in Donezk nicht beginnen können. Die Kinder sind jetzt beisammen, wie in Ferienlagern im Sommer, und viele Schulen sind von Granaten zerstört. Es scheint, dass wir die Kinder jetzt nach Russland bringen werden und dass sie erst wieder hierher zurückkehren können, wenn Donezk wieder sicher ist», sagt Natalia Karajevova abschliessend.
Viktorie Vjatschenko: Separatisten? Es sind lokale Gruben- und Fabrikarbeiter.
«Die humanitäre Krise in Donezk ist da. Die halben Läden sind bereits leer. Die anderen sind meist geschlossen, weil die Verteilung nicht mehr funktioniert», sagt Buchhalterin Viktorie Vjatschenko. «Donezk hat eine Millionen Einwohner, viele rennen weg, einige nach Russland, andere in die Ukraine. Sie gehen meist zu Verwandten und wo sie eine Arbeit zu finden hoffen.»
«Wir wollen gar nicht viel. In Wirklichkeit nur ganz wenig. Wir wollen einfach nicht aufwachen vom Lärm der Artilleriegeschütze. In meiner Umgebung kenne ich niemanden, der in diesem Krieg für Kiev oder Moskau Partei ergreifen würde. Wir nehmen nur wahr, dass die Ukraine uns alle als Terroristen und prorussische Separatisten betrachten, und dies verstehen wir überhaupt nicht.»
Mehr und mehr Kumpel und Arbeiter, die nicht mehr genug zu essen haben, solidarisieren sich mit den Rebellen/Separatisten. «Wir möchten eine Föderalisierung der Ukraine, weil wir zu unserem Leben gerne unsere eigenen Entscheidungen treffen würden. Aber niemand bietet uns das an. Aber wir sind keine Terroristen.» Auch Viktorie Vjatschenko denkt, dass dieser Krieg in der Ukraine bewirkt, dass mehr und mehr Menschen Russland zuneigen.
«Wir können uns vorstellen, ein Teil der Russischen Föderation zu sein und uns dort zu ernähren», sagt die Buchhalterin.
«Die ukrainische Armee und die Nationalgarde führen sich hier ekelhaft auf. In den Städten, die sie erobert haben, rauben sie Läden aus, alles ist weg, und alles ohne Rücksicht auf alte Menschen, die Hunger haben. Wie ich gesagt habe, sie benehmen sich ekelhaft. Und nach diesem Benehmen wird natürlich auch die Politik von Kiev beurteilt. Die Soldaten behaupten, sie kämen, um uns von den Separatisten zu befreien, aber mehr und mehr Menschen leiden gerade unter diesen Soldaten. Und Pläne einer humanitären Hilfsaktion von Russland? Niemand würde sich dagegen wehren, wenn sie denn die leidenden Leute wirklich erreichen würde.
Alexandr Lytovtschenko: Mein bester Freund war auf der anderen Seite
Für den Programmierer Alexander Lytovtschenko ist es nicht leicht, über die jetzige Situation zu sprechen. Wenn man die Politik von Kiev gegenüber der Ostukraine erwähnt, beginnt er zu zittern. «Es ist ganz einfach und nichts muss erklärt werden. Der Staat schickt die Armee gegen seine eigenen Bürger, um sie zu töten… Ein Kampf mit der eigenen Nation. In unseren Augen hat sich der Staat damit selber ins Unrecht versetzt. In welchem zivilisierten Land ist so etwas möglich? Ich habe die Forderungen von Maidan mit Respekt akzeptiert, aber wenn wir über unsere Zukunft selber entscheiden wollen, dann senden sie uns die Armee.»
Der beste Freund von Alexandr Lytovtschenko, ein Major der Fallschirmjäger Elite Brigade 96, war auf der anderen Seite. Er war im kritischen Moment auf der Krim, in Slaviansk, und auch als der Flughafen von Donezk bombardiert wurde. «Wir haben jeden Tag telefoniert, und wir haben bis aufs Blut diskutiert und gestritten. Nichts destotrotz nannte er mich immer noch Bruder, Freund, und in keinem Fall würde er auf mich schiessen. Aber meine Nachbarn, ja, die würde er erschiessen. Ich habe ihn beschimpft, mich hier zu verschonen, die Anderen werden mich eh als Terrorist gefangen nehmen. Später dann haben sie ihn, meinen Freund, in einem Plastiksack nach Hause gebracht. Sein Körper war bereits voll von Würmern. Wenn die ukrainische Armee seine Offiziere so behandelt wie ihn, was können wir von diesen Leuten erwarten, wenn sie nach Donezk kommen?» fragt Alexandr Lytovtschenko.
«Wenn von der ukrainischen Armee die Rede ist: es ist furchtbar, zu sehen, wie die Soldaten schlecht bewaffnet und schlecht ausgebildet sind. Sie sollten zurückgehen! Das Schlimmste ist, dass sie einfach in die Läden schiessen, vielleicht um den eigenen Mut zu stärken und Andere einzuschüchtern. Was ist dieser Krieg? Wir wollen nicht in einem Land leben, das uns umbringt.
Niniel Sergejevna: Europa weiss immer noch nichts vom hiesigen Völkermord
Die Ärztin Dr. Niniel Sergejevna hat frei von der Leber geredet. « Mit der Entsendung der Armee nach Donezk wird Kiev diese Region für immer verlieren. An der Grenze sind 250 Lastwagen mit russischen Hilfsgütern und sie können nicht reinkommen, ohne den Inhalt in Lastwagen des Internationalen Roten Kreuzes umzuladen. Aber wir brauchen diese Hilfe jetzt», sagt Dr. Sergejevna wütend. Und sie fährt fort: «Wir haben keine Illusionen, diese humanitäre Hilfe, einmal umgeladen, wird uns nie erreichen, sondern absichtlich zu einem andern Ort gebracht werden wird, als Rache für unsere Haltung. Wir versuchten, unsere kranken und verwundeten Leute in eine kriegsfreie Zone in der Ukraine zu bringen, und wissen Sie, was die sagten? Sie werden Rebellen von Donezk nicht behandeln! Aber hier sind keine Ärzte, keine Medikamente, unsere Spitäler haben nichts zur Verfügung», sagt Dr. Sergejevna. Das beste chirurgische Zentrum, auch die Gebärklinik, alles ist von Bomben zerstört… Auch die Elektrizitäts- und Wasserwerke. Ist das der Weg, uns von den Separatisten zu ‚befreien’? Und jetzt glauben die, dass wir akzeptieren werden, unter der Kiever Regierung zu leben? Nie!»
«Es scheint, dass Europa immer noch nicht versteht, dass hier ein richtiggehender Genozid verübt wird.»
Die Ärztin geht in ihrer Verbitterung sogar noch weiter: «Das einzige, was uns noch helfen kann, ist Russland. Die Russen akzeptieren in ihren Spitälern Kranke, Verletzte und die Flüchtlinge, die vor der ukrainischen Armee davongelaufen sind.»
Der Krieg in der Ukraine brachte auch Niniel Sergejevna in die Arme von Moskau. Und solche Menschen gibt es in der Ostukraine mehr und mehr.
Ende des Artikels von Jan Gazdik, leicht gekürzt.(Übersetzung aw)
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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