Buchtipp: Der stille Putsch

von Marek Rohde aus „Für eine bessere Welt“
buchtipp_roth_putsch_coverBan­ken­krise, Finanz­krise, Euro­krise, Haus­halts­krise – es gibt viele Begriffe für eine Ent­wick­lung die ganze Staa­ten Euro­pas in den Ruin getrie­ben hat. Sel­ber Schuld sagen die einen. Pures Kal­kül und kri­mi­nelle Absicht, sagt der inves­ti­ga­tive Jour­na­list Jür­gen Roth in sei­nem Buch »Der stille Putsch – Wie eine geheime Elite aus Wirt­schaft und Poli­tik sich Europa und unser Land unter den Nagel reißt»
Was haben Län­der wie Grie­chen­land, Por­tu­gal, Spa­nien, Ita­lien oder Zypern gemein­sam? Sie alle ste­hen unter dem erheb­li­chen Druck einer auf­er­leg­ten, rigi­den Spar­po­li­tik, die als All­heil­mit­tel von der so genann­ten »Troika« – einem Gre­mium aus Ver­tre­tern der EU-Kommission, des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) und der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) ver­ord­net wird. Einem durch­aus mäch­ti­gen Kar­tell also, wel­ches selt­sa­mer­weise nun sys­te­ma­ti­sches genau die fis­ka­li­schen Ross­ku­ren ver­ord­net, wel­che vor der Finanz­krise noch als neo­li­be­ral bearg­wöhnt und von Skep­ti­kern argu­men­ta­tiv bekämpft wur­den. Was vor­her schwer bis gar nicht zu ver­mit­teln war, wird einem erkrank­ten Staat nun zwangs­ver­ord­net, sozu­sa­gen als Bedin­gung für die damit ver­bun­de­nen finan­zi­el­len Hilfen.
Dras­ti­sche Spar­pro­gramme, Pri­va­ti­sie­run­gen, Lohn­sen­kun­gen, ein­schnei­dende Maß­nah­men in das soziale Gefüge gan­zer Staa­ten – die Liste der bit­te­ren Maß­nah­men umfasst teils hun­derte von Ein­schnit­ten, wel­che gewal­tige Kon­se­quen­zen mit sich brin­gen. Ein paar Bei­spiele allein für Grie­chen­land fin­det man hier. Kon­se­quen­zen, wel­che in der Regel von Arbeit­neh­mern, Gering­ver­die­nern, nor­ma­len Beam­ten, von Jugend­li­chen, allein­er­zie­hen­den Müt­tern, von alten, kran­ken, armen Men­schen getra­gen wer­den. Denn auf­fäl­lig ist: Die­je­ni­gen, die im gro­ßen Stil von einem kor­rup­ten, oder auch nur unge­rech­ten Sys­tem pro­fi­tie­ren, wer­den nicht zur Rechen­schaft gezo­gen. Im Gegen­teil, sie sind es, die in der Regel von den Maß­nah­men auch noch pro­fi­tie­ren. Von den voll­mun­dig aus­ge­schüt­te­ten Hilfs­zah­lun­gen kommt so auch fast nichts bei denen an, die es am drin­gends­ten benötigen.
Fatale Fol­gen für Europa
In sei­nem Buch beschreibt Jür­gen Roth nicht nur in vie­len kon­kre­ten Bei­spie­len, mit wel­cher Kalt­schnäu­zig­keit sich eine Gruppe von Poli­ti­kern, Unter­neh­mern und Bera­tern über die Jahre die Taschen gefüllt und sich gegen­sei­tig dabei gedeckt hat. Er zeigt ebenso auf, dass die­ses Sys­tem aus Gier und Anma­ßung dazu imstande war, demo­kra­ti­sche Gesell­schaf­ten von innen aus­zu­höh­len. Er nennt Akteure, Pro­fi­teure und Opfer – ver­gisst aber nicht, dabei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass eine allei­nige Schuld­zu­wei­sung zu ein­fach, zu ober­fläch­lich wäre. Wir leben zwar in einer Zeit, in der es leicht fällt, ande­ren die Schuld für eine Viel­zahl von Mise­ren in die Schuld zu schie­ben. Doch wenn wir wirk­lich den Mut haben, tie­fer zu boh­ren, erken­nen wir auch unsere eige­nen Ver­säum­nisse in die­sem Spiel.
Doch, so Roth, aus dem Spiel um Geld und Macht wurde Ernst. Denn das Sys­tem hat sich so weit in unser Sys­teme hin­ein gefres­sen, dass es davon unlös­bar scheint. Anschau­lich beschreibt der Autor die Fol­gen für die »ein­fa­chen« Men­schen, die­je­ni­gen die ledig­lich über­le­ben wol­len – und denen genau das immer schwe­rer fällt. Ob nun Leh­rer aus Grie­chen­land oder Ärzte, die sich (und ihre Fami­lien) mit 300,- Euro im Monat über Was­ser hal­ten müs­sen. Stu­den­ten aus Por­tu­gal, die in ihrem eige­nen Land keine Hoff­nung für die Zukunft sehen. Oder Poli­zis­ten, die wie­der bei ihren Eltern woh­nen, weil das Geld ein­fach nicht zum Leben reicht.
Die Fol­gen für Europa sind fatal und es ist kei­nes­falls Faul­heit oder Unlust, die die Men­schen in diese Misere und Hoff­nungs­lo­sig­keit getrie­ben haben. Nein, Jür­gen Roth macht sich die Mühe und beschäf­tigt sich minu­tiös mit den Metho­den und Stra­te­gien der »Eli­ten«, die sich selbst anschei­nend außer­halb aller gesell­schaft­li­chen und juris­ti­schen Kon­ven­tio­nen sieht, und quasi das »Recht des Stär­ke­ren« für sich in Anspruch nehmend.
Alle sind kor­rupt – nur Deutsch­land nicht? Von wegen!
Jür­gen Roth wird sich lange über­legt haben, ob er einen Begriff wie »Putsch« im Zusam­men­hang mit der Finanz­krise ver­wen­den sollte. Denn immer­hin sind schon seit eini­gen Jah­ren die Rol­len ver­teilt. Und gerade in Deutsch­land ist man ja mit der Krise gar nicht so schlecht gefah­ren, sieht sich sogar als »Gewin­ner« – was natür­lich nur unse­rem unbän­di­gen Fleiß und ehr­li­chen Auf­rich­tig­keit zuzu­schrei­ben sei. Das ist ein­fach. Das ist zufrie­den­stel­lend Das tut auch nicht so weh. Doch wenn man sich mit der Rolle Deutsch­lands beschäf­tigt, so fällt es schwer, das Rol­len­bild auf­recht zu hal­ten. Denn Deutsch­land trägt eine Ver­ant­wor­tung für die Situa­tion in Europa, hat es doch mas­siv dazu beige­tra­gen. Allein die­ser Part lohnt die Lek­türe! Wenn man davon ließt, auf wel­chen Wegen deut­sche Poli­tik und deut­sche Wirt­schaft mas­si­ven Ein­fluss nahm und immer noch nimmt. Da machen Stich­worte, wie »Waf­fen­in­dus­trie«, »schwarze Kas­sen oder »Schmier­gel­der« die Lek­türe zu einem Sach­krimi, der einem immer wie­der den Hals zuschnürt.
Jür­gen Roth sieht in Län­dern wie Grie­chen­land, Por­tu­gal, Spa­nien oder Ita­lien nur Scha­blo­nen, Test­fälle für das, was man in ande­ren euro­päi­schen Staa­ten – und auch Deutsch­land – noch durch­zu­set­zen wünscht. Die Ent­rech­tung der Bevöl­ke­rung, ins­be­son­dere der Wehr­lo­sen, unter dem Vor­wand der Kri­sen­be­wäl­ti­gung, sei der lang gesuchte Schlüs­sel. Und der dar­aus resul­tie­rende Ein­fluss auf nahezu jeden Bereich der Zivil­ge­sell­schaft das Ziel.
Mitt­ler­weile wurde ver­sucht, die Kri­tik an die­sem Vor­ge­hen mund­tot zu machen. Men­schen zu ächten, wel­che hierin einen gro­ben, kon­zer­tier­ten und nicht zu tole­rie­ren­den Vor­stoß gegen die in Jahr­hun­der­ten erkämpf­ten Rechte des Indi­vi­du­ums sähen. Mehr noch: Die Kri­tik an dem Sys­tem der Kor­rup­tion stär­ker zu dis­kre­di­tie­ren als die Kor­rup­tion selbst. Doch wie zu allen Zei­ten, ent­fal­tet sich hier der Mut des Ein­zel­nen und seine Fähig­keit, nicht nur der Bequem­lich­keit den Vor­zug zu geben, son­dern gleich­falls auch deren Fol­gen abzu­se­hen. Oder anders gesagt: Ein­fach mal selbst nach­zu­den­ken und kri­tisch zu hinterfragen.
Jür­gen Roth nennt die »Put­schis­ten« und ihre Hel­fers­hel­fer beim Namen, er deckt auf, wie sie über das Schick­sal Euro­pas ent­schei­den, und zeigt, warum wir uns nicht län­ger belü­gen und täu­schen las­sen dür­fen. Damit macht er das Buch zu einem bri­san­ten Ent­hül­lungs­buch, wel­ches nicht so schnell ver­daut sein will. Denn schön ist das wahr­lich nicht, was wir hier geballt gebo­ten bekom­men. Dafür ist es umso wich­ti­ger, hilft es doch dabei, unsere Sinne zu schär­fen und uns nicht ein­lul­len zu las­sen, und Ehr­furcht zu emp­fin­den für die Menschen in ganz Europa, die sich selbst­los für ele­men­tare Rechte und Werte einsetzen.
Der stille Putsch; Heyne Ver­lag; ISBN: 978-3-453-20027-2
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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