Berechnendes und besinnendes Denken

von Prof. Peter Kern aus „Haus des Verstehens“
„Ratio“: Was ist das? Übersetzen wir das lateinische Wort ins Deutsche und sagen „Verstand“, dann bedeutet Ratio so viel wie Rechnung. Wir rechnen mit dem Verstande in vielerlei Hinsicht. Wir rechnen die Dinge durch, indem wir sie berechenbar machen. Dann können wir mit ihnen rechnen. Wir können berechnend über sie verfügen. Wir haben dann die Welt auf unserer Rechnung.
Übersetzen wir Ratio jedoch mit „Vernunft“, dann halten wir uns nicht im Raume der Berechenbarkeit auf. Vernunft ist kein Berechnen, kein Kalkulieren. Vernunft vernimmt. Sie vernimmt, was sein soll. Aus dem berechnenden Kalkulieren wird ein Hören. Aus dem berechnenden Verfügen über die Dinge wird ein hörendes Sich-Fügen in die Dinge.
Das rechnende Denken führt über die Welt Buch. In seinem Horizont gibt es das bedingungslose Streben nach Beherrschung und Gewinn. Die Ratio als Verstand will immer Sieger sein.
Die Vernunft dagegen verweigert sich der Ökonomie der beherrschenden Berechenbarkeit. Vernunft übt sich im besinnenden Denken. Die Welt wird nicht der Zahl unterworfen, sondern dem inneren Reichtum eines Sinnes. Die Vernunft sagt dem Verstand, was sich gehört.
Deshalb ist auch nicht derjenige gebildet, der abzählbar viel weiss. Gebildet ist, wer frei geworden ist vom berechnenden Begehren und der den Verstand in den Dienst der vernehmenden Vernunft zu nehmen vermag.
Vernunft ist nicht Verstand. Der Unterschied zwischen Verstand und Vernunft wird heute bezeichnenderweise im Terminus „Rationa­lität“ stark verwischt.
Verstand denkt instrumental, er sucht Kausalzusammen­hänge und wendet sie technisch an, er fragt nach den Ursachen von Wirkungen und setzt sie als Mittel zu gewünschten Zwecken ein, auf deren Sinn er aber nicht mehr reflektiert.
Zwecke und Ziele reflektiert die Vernunft, sie denkt integrativ, indem sie versucht, das Ganze wahrzunehmen, von dem ihr eigener Träger immer nur ein Teil ist. Vernunft ist nicht nur theoretisch, sondern sie hat auch unsere Praxis zu leiten, sie ist also zugleich Wahrnehmung des Gesamtin­teresses, das es dann auch im Tun durchzusetzen gilt.
Vernunft vernimmt, was sein soll ( vernehmende Vernunft ).
Was sie vernimmt, hängt von der Weite ihrer Wahrnehmungsperspektive und der dieser zugrundeliegenden Gestimmtheit ab. Insofern ist das, was Vernunft vernimmt, zugleich rückgebunden an die Erfahrungen des je eigenen Bildungsprozesses.
Allein wissenschaftlich lässt sich kein unbedingt geltendes Sollen für den Anderen begründen. Wer dies versucht, endet im Dogmatismus. Das Ethos der Vernunft ist kein Seiendes im Sinne des Vorhandenen, das Wissen­schaft erforschen könnte. Die Annahme, dass das doch möglich sei, ist ein Grundirrtum der ganzen wissenschaftlichen Ethikdiskussion.
Vernunft ist unbedingt Seinsollendes, das ich durch meine Tat verwirkliche.
Reflektiere ich jedoch auf diese mei­ne eigene Lebenserfahrung, so lässt sich das mich unbedingt bindende Sollen theoretisch erhellen.
Vernehme ich Vernunft aus der Gestimmtheit der Gelöst­heit, der Gelassenheit, ja der „Liebe“ im Sinne der antiken Agape bzw. der christlichen Caritas, so entdecke ich die Möglichkeit gelingen­den Lebens: individuelle Miseren und kollektive Katastrophen werden vermie­den.
Diese Vernunft kommt zwar nie zur Vollendung, sie kann ihren Blick immer mehr ausweiten und zu immer noch höheren Reflexionsstufen aufsteigen, aber als Vernunft unterliegt sie nicht mehr der Ambivalenz, sondern stellt im Gegenteil die einzige Möglichkeit dar, den Menschen zum Frieden mit sich selbst, mit dem Anderen und mit der uns tragenden Natur gelangen zu lassen.
Veranschaulichen wir das Gesagte an einem Beispiel.
A kauft sich ein Auto. Bei Regenwetter fährt er damit in die Innenstadt von Zürich. Das ist für A in dieser Wahrnehmungsperspektive zweifelsohne „vernünftig“. Er bewegt sich in seinem Auto bequem fort, geniesst die Freiheit des Individualverkehrs, und er bleibt bei Regenwetter auch noch trocken. Vom Ganzen, das durch sein Handeln betroffen wird, nimmt er nur sich selbst wahr.
In der Wahrnehmung des nächsthöheren Ganzen kommt dann der Innenstadtverkehr selbst in den Blick. Wenn viele Einzelne mit ihrem Auto in die Innenstadt fahren, dann bricht der Verkehr zusammen. Von hier aus betrachtet ist es unvernünftig, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Das haben wir in der Regel auch gelernt: Die Innenstädte haben heute weitgehend autofreie Zonen. In dieser Perspektive ist das „vernünftig“.
Die Wahrnehmung des nun nächsthöheren Ganzen bringt in den Blick, dass wir mit unseren Autos u.a. die Luft irreversibel verschmutzen. Luft zu verschmutzen, wie anteilig durch das Auto auch immer, ist angesichts der Bedeutung von sauberer Luft für das Leben überhaupt unvernünftig. Folglich wird es in dieser Wahrnehmungs­perspektive unvernünftig, mit dem Auto zu fahren.
A aber könnte antworten: Wenn schliesslich alle kein Auto mehr fahren würden, dann würde unsere Wirtschaft zusammen­brechen. Die Wahrnehmung des nächsthöheren Ganzen bestünde doch gerade darin zu sehen, dass wir mit Hilfe der Autoindustrie Arbeitsplätze schaffen und erhalten, Steuern erwirtschaften und so erst unseren Wohlstand sichern.
Was also ist das Ganze, das wir bedenken müssen?
In unserem Beispiel ist das Wahrnehmen des ersten Partikularinteresses, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, durch das nächsthöhere Interesse, den Innenstadtverkehr sicherzustellen, überwunden worden. Für diese Wahrneh­mung gibt es inzwischen durchaus öffentliche Akzeptanz.
B urteilt nun: Die Wahrnehmung des zweiten Partikularinteresses, wenn auch mit Katalysator, überhaupt Auto zu fahren, müsste auch noch überwunden werden durch die Wahrnehmung eines abermals nächsthöhe­ren Interesses, eines ökologischen Gesamtinteresses: „Leben soll sein!“. Dafür ist heute öffentliche Akzeptanz noch kaum vorhanden. Wer das in die Diskussion bringt, wird von A als Gutmensch attackiert.
Was aber nützt uns unser durch die Autoindustrie erarbeite­ter Wohlstand, wenn wir zunehmend die natürlichen Lebensbedingungen so verschlechtern, dass längerfristig das Überleben grundsätzlich auf dem Spiele steht?
Hans Jonas urteilt in diesem Zusammenhang in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“: „Niemals darf Existenz oder Wesen des Men­schen zum Einsatz in den Wetten des Handelns gemacht werden“, denn es besteht, wie Jonas zu zeigen versuchte, „eine unbedingte Pflicht der Menschheit zum Dasein, die nicht verwechselt werden darf mit der bedingten Pflicht jedes Einzelnen zum Dasein“.
Ohne dieses „Prinzip Verantwortung“ erscheint der Autobefürworter als der rationale Experte, der Autoverweigerer als der irrationale Laie. Möglicherweise gilt aber, dass das Rationale heute oft das Irra­tionale ist. Das mit dem Verstand richtig Gedachte kann die Vernunft sehr wohl als das tief Unvernünftige, Unmoralische vernehmen, das dann wiederum der Verstand ethisch zu reflektieren vermag.
Der Bau und Abwurf der Hiroshima-Bombe war ganz gewiss ein Triumph des Verstandes und zugleich genauso gewiss eine Tragödie der Vernunft.
Michael Hardt und Antonio Negri sprechen von einer überlebensnotwendigen „biopolitischen Vernunft“.
Wer nur den Verstand gebraucht, ohne ihn durch die Vernunft zu domestizieren, ist noch nicht zu sich selbst gekommen, er ist ein Halbmensch.
Die Ordnungen des Verstandes nehmen berechnend die Welt in Besitz. Die Ordnung der Vernunft besinnt sich darauf, die Welt schonend sein zu lassen. Im Hören auf den Ruf der Vernunft werden wir mit etwas beschenkt, womit der Verstand nie gerechnet hat: mit der existenztragenden Kraft der „Liebe“.
Originaltext
Literatur
Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, TB 1984
Wolfgang Welsch: Vernunft, 1995
Meinhard Miegel: EXIT. Wohlstand ohne Wachstum, 2010
Michael Hardt / Antonio Negri: Commonwealth, 2010, S. 137
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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