„Wir müssen lernen, auf neue Weise zu denken.“

von René Cassien
Der Landesnamen „Ukraine“ bedeutet Grenzland und stammt aus dem Russischen. Diesem Namen entsprechend haben die jetzigen Vorgänge in dem „Grenzland“ für mich eine mehrschichtige Bedeutung:
Einerseits: Die früheren Zaren betrachteten die weiten Steppen als Pufferzone, als „Grenzland“ zum russischen Gebiet. Insofern würde es Sinn machen, die Ukraine – das „Grenzland“ – auch heute wieder als eine Brücke zu verstehen, einen Begegnungsort, eine Verbindung zur Verständigung, zwischen Ost und West, zwischen USA, EU, Nato auf der einen Seite und Russland (mit China, evtl. den BRICS-Staaten?) auf der anderen Seite.
Andererseits: Das Wort „Grenzland“ deutet darauf hin, dass wir – die Menschheit – eine Grenze erreicht haben, ein „Grenzland“ betraten um neue Wege zu gehen. Die Menschheit befindet sich in einem Zeiten- und Wertewandel, der nach Aussagen vieler Weiser im Jahre 1988 begann und bis ca. zum Jahre 2035 andauert. Wir haben dementsprechend ungefähr die Mitte des Wandlungs-Prozesses erreicht. Die vergangene Hälfte des Wandels diente überwiegend der Rekonstruktion oder evtl. Zerstörung alter Gewohnheiten, Werte und alter Systeme. Aber jetzt haben wir ein „Grenzland“ erreicht, das es uns ermöglicht ein Neues Bewusstsein, ein Neues Denken zu entwickeln.
Der nachfolgende Beitrag „Sonne und Mond – Hintergründe und Wege im Ost-West-Konflikt um die Ukraine“ von Johannes Mosmann in Akademie Integra bemüht sich die Vorgänge in der Ukraine, dem „Grenzland“, mit einem Neuen Bewusstsein und Denken zu hinterfragen. Ich habe lange gezögert den Beitrag zu veröffentlichen.
Erstens ist er ziemlich lang und aus Erfahrung weiß ich, dass lange Texte in einem Blog ungern gelesen werden. Aber diesen Beitrag sollte man, mit Bedacht, vollständig lesen.
Zweitens sollte man sich ebenfalls schon im „Grenzland“ zu einem Neuen Bewusstsein und Denken befinden und auch Kenntnisse über die Dreigliederung des sozialen Lebens haben.
Daher dieser Beitrag, als Hilfestellung zum Betreten und Bewegen im „Grenzland“.
Zum Einstieg ein Textauszug aus dem AI-Beitrag von Dr. phil. Christina Kessler:
ÜBER DIE JAHRE: Philosophischer Ausblick 2014
Dass wir uns in einem tiefgreifenden, ja epochalen und globalen Wandel befinden, daran dürfte wohl niemand mehr einen Zweifel haben, allenfalls jene, die diese Tatsache nicht wahrhaben wollen. Längst hat es sich auch herumgesprochen, dass wir alle dazu aufgefordert sind, konstruktiv bei der Gestaltung des Neuen mitzuwirken. Veränderung mag ohne uns geschehen, aber wird sie auch in eine Richtung führen, die wir uns wirklich wünschen? Und wer, wenn nicht wir selbst, kann uns herausholen aus dem, was wir auf keinen Fall mehr wollen – weil es uns und dem Leben nicht mehr dient, weil es lebensfeindlich geworden ist, weil es einfach keinen Sinn mehr macht. …
Eines (war) ist aber plötzlich nicht mehr vom Tisch zu wischen: die Tatsache nämlich, dass es nicht mehr so weitergehen kann: dass wir uns verfahren haben; dass unser vermeintlich – ach, so starkes – System im Kollabieren begriffen ist; dass wir mit Lügen abgespeist und nach Strich und Faden manipuliert werden. Dass das Leben an Qualität eingebüßt hat, weil Druck, Stress, Geschwindigkeit, Erwartungen und Anforderungen, Egoismus und Profitgier, Verblendung und Unverantwortlichkeit übermäßig geworden sind. …
Der Tempel der westlichen Zivilisation hat nicht nur Risse bekommen. Die Risse sind so tief, dass sie nicht mehr gekittet werden können. Das Gebäude kracht in sich zusammen – Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Technologie, Konsum, Bildung, Medizin…
Doch haben Risse und Löcher auch ihr Gutes. Wo verfestigte, starr gewordene Weltbilder zusammenbrechen, bricht der Mensch durch zur Einsicht in das innere Wesen der Wirklichkeit, zur Erkenntnis universellen Wissens von zeitloser Gültigkeit, zum eigentlich Wesentlichen, zum Sein. …
Dieses universelle Lebenswissen liegt nun vor uns wie weites Land – unbegrenzt (wie ein „Grenzland“), unverbaut, unbefleckt, ohne den leisesten Geschmack von Ideologie, Dogmatik, Konfession, wild, ungezähmt – und möchte von uns besiedelt werden. Ein frischer Wind weht, wie eine Einladung: „Mensch, werde wesentlich. Erinnere dich daran, was Leben wirklich bedeutet, was du wirklich leben willst. Lass dich nicht einlullen und narkotisieren von Konsum und Manipulation. Wach auf und geh deinen Weg. …
Um diesen Weg gehen zu können meint Prof. Hans-Peter Dürr, J. Daniel Dahm und Rudolf Prinz zur Lippe (Auszug aus der Potsdamer Denkschrift 2005):

„Wir müssen lernen, auf neue Weise zu denken.“

Diese Forderung radikal ernst zu nehmen, bedeutet tatsächlich, uns auf Wege des Lernens zu begeben. Wesentliche Orientierungen sind offensichtlich: negative, die Umkehr gebieten, und positive, die zu anderen Ausrichtungen ermutigen. Auf neue Weise zu denken, heißt aber auch, mit anderen Denkformen vertraut zu werden als denen der problematischen, immer noch geltenden Konventionen, und sogar unser Gebrauch der Sprache bedarf der Weiterentwicklung und Ergänzung. Die Bedeutung sehr vieler Worte und Wendungen in der Alltagssprache ist (durch fahrlässigen Verschleiß, doch neuerdings auch bewusst zur Irreführung durch „new-speak“ im Orwellschen Sinne) verengt und deformiert worden. Dazu haben die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaften, um begriffliche Schärfe zu erzielen, notwendig ihre Inhalte immer spezieller definiert und dadurch ihr je eigenes Idiom geschaffen.
Deshalb kann eine Verständigung über die Grenzen, die wir zu überwinden versuchen, selbst da wirklich schwierig werden, wo wir bereits in gleiche Richtungen gehen und bemüht sind, im gegenseitigen Verständnis uns zu begegnen. Gerade die Verständigung darüber ist aber das entscheidende Medium des Wandels. In den Reaktionen der Anderen uns selber besser zu erkennen, im Hin- und Herwenden der Aspekte und Begründungen das, worum es uns geht, klarer und vielseitiger zu sehen. Bei einem neuen Denken müssen wir jedoch auch gewärtig sein, dass unsere Welt, die Wirklichkeit, die wir damit nachzeichnen wollen, sich nicht mehr als ein theoretisch geschlossenes System herausstellt, so dass es prinzipiell nicht mehr auf alle Fragen, die wir aus unserer begrenzten Sicht glauben stellen zu können, Antworten gibt, da sie ins Leere stoßen. …
Vergleiche anzustellen ist nicht Biologismus im alten Sinne…“
[…] Wenn wir, reichlich ungeschützt, diese Betrachtung auf den Menschen als in die Mesosphäre
eingebettetes Lebewesen übertragen, ergeben sich daraus tief greifende Konsequenzen im Umgang mit unserer Lebenswirklichkeit und unserer Beziehung zur lebendigen und zur dinglichen Mitwelt. Der einzelne Mensch, wie alles Andere auch, bleibt prinzipiell nie isoliert, wird im allverbundenen Gemeinsamen in seiner nur scheinbaren Kleinheit zugleich unendlich vielfältig einbezogen und bedeutsam.
In all unserem Handeln wirkt die Vielzahl von Einflüssen und Impulsen anderer Menschen und unserer Geobiosphäre mit, und nicht nur über die durch unsere Sinne vermittelte Brücke materiell-energetischer Wechselwirkungen, sondern auch direkt über die allen gemeinsame immaterielle potenzielle Verbundenheit. Unser Handeln beeinflusst gleichermaßen auch wieder die gesamte gesellschaftliche Verfasstheit und verändert die sich ständig dynamisch wandelnde Potenzialität der lebendigen Wirklichkeit. So ist die Einzigartigkeit des Einzelnen tragender Bestandteil im gemeinschaftlichen kulturellen Evolutionsprozess.
Wir können aus den vielschichtigen Erscheinungsformen der belebten Welt lernen, wie Diversität und Pluralität sich in lebendigen Komplexen kooperativ verbindet und sich zu höher-dimensionaler Lebendigkeit organisiert. Praktisch führt dies auch zu einer größeren Flexibilität, die hierbei eine lebensdienliche Folge aus kooperativer Integration ist und weniger, wenn gängig darwinistisch interpretiert, Ursache der erfolgreichen Höherentwicklung eines oder mehrerer Individuen.
Höhere Dimensionalität meint hierbei eine Vermehrung der verschiedenartigen Qualitäten.
Menschen und menschliche Gemeinschaften repräsentieren mit ihren kulturellen und gesellschaftlichen Ideenwelten, ihren geistigen und schöpferischen Prozessen und ihrem bewegten Austausch eine besondere, tief verbundene Sphäre der belebten Welt. Solche Vergleiche anzustellen ist nicht Biologismus im alten Sinne, dem die Bedeutung des Determinierten und Ungeistigen anhaftet, denn Prä-Lebendigkeit ist Wesenszug von Allem, auch der zu Grunde liegenden dinglichen – gewöhnlich als ‚tot’ begriffenen – Wirklichkeit. Mag die Nähe zu einem mechanistisch verengten Naturalismus auch Missverständnisse provozieren, so sind wir aufgrund der neuen Einsichten angehalten, in einem grundlegend neuen Denken zu einem umfassenderen Verständnis unserer Wirklichkeit zu gelangen, in der auch wir Menschen uns als Faser im Gewebe des Lebens verstehen, ohne dabei etwas von unseren besonderen Qualitäten opfern zu müssen.
Im Gegensatz zu streng abgeschlossenen Systemen, wie sie insbesondere im Bereich des Unbelebten näherungsweise konstruiert werden können, bei denen (entsprechend dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik) gilt, dass „das Wahrscheinlichere in Zukunft wahrscheinlicher passiert“, lernen wir durch unsere neuen Einsichten – was uns die Existenz des Lebendigen deutlich vor Augen führt – im Kontrast dazu:
In der zeitlichen Entwicklung einer offenen Welt, in der Teilsysteme durch ständige Zufuhr von (arbeitsfähiger) Energie (besser: Exergie oder Syntropie = Negentropie), dynamisch in instabilen Gleichgewichten balanciert werden, muss „das Unwahrscheinliche nicht mehr unwahrscheinlich bleiben“. Durch Selbstorganisation öffnet sich hier ein unbegrenztes Feld von Möglichkeiten.
Leben kann sich also unerwartet in immer reicheren und komplexeren Formen entfalten. Das Prälebendige organisiert sich dann in der Diversität einer ‚höheren’ bioökologischen Lebendigkeit, wie sie uns in der Mesosphäre unseres täglichen Lebens begegnet. […]
Wo auch die Wissenschaften uns unsere Abhängigkeiten und Gemeinsamkeiten mit den Bedingungen des Lebensortes Erde erklären, kann Dankbarkeit für die uns tragenden Möglichkeiten erwachsen und unseren Sinn für das Miteinander ausbilden. Diese Dankbarkeit drückt sich aus in Freude am ‚Lebendig-Sein’ im Leben. Es bedarf also einer weiteren Antwort. Hier gilt es, über den Verstand hinauszugehen und, um seine Unausgeglichenheiten wieder einzufangen, von dem Vermögen der Vernunft Gebrauch zu machen. Vernunft ist das geistige Organ des Menschen, Beziehungen komplex, sich selbst einbeziehend, wahrzunehmen und in Beziehungen setzen zu können. Wenn der Verstand der Forderung nach Präzision zu genügen sucht, so geht die Vernunft bewertend von der Forderung nach Relevanz aus. Die Vernunft sagt uns, dass wir eine Freiheit haben und nicht einfach nur in Bedingungen eingebunden sind. Vernünftigerweise ist aber ebenso klar, dass wir im Reiche der Freiheit eine eigene Form brauchen, nicht nur die Mitwelt zu benutzen, sondern sie zu erspüren und auf sie zu antworten. Das ist die Liebe. Mit unseren Eingriffen in die Welt antworten wir auf unsere Ko-existenz mit allem Anderen einerseits und auf unsere Freiheit andererseits. Aus menschlicher Freiheit die eigene Existenz als Antwort und als Miteinander zu begreifen, ist das Gefühl der Liebe und das Engagement zur Verantwortung. […]
Die alten Prinzipien zentralistischer Kontrolle, gewaltsamer Bemächtigung des Anderen, rücksichtslose Zwecksetzungen, welche die klassische Physik so erfolgreich beim Umgang mit dem ‚Unbelebten’ durch- und umgesetzt hat, prägen das herrschende Bild von dem Menschen und vom homogenen Nationalstaat ebenso wie die Vorstellungen der Vernunft und Wahrnehmung der Menschen, das Verhältnis zu den Künsten und die Forderungen an die Logik.
Diese reduktive Denkweise schlägt sich auch in der vorgeblichen Begrenzung der menschlichen Erkenntnis und Urteilsbildung auf ausschließlich kognitive Kompetenzen nieder. Unter Verleugnung der Kreativität des Unbewussten bleiben die vorsprachlichen Erfahrungsschätze der individuellen Entwicklung ungenutzt und mächtige emotionale Barrieren können fortbestehen.
Entsprechend befinden sich die modernen Gesellschaften eigentlich in einem kalten Krieg gegen Vielfalt und Wandel, Differenz und Integration, gegen offene Entfaltung und die Ausgleichsbewegungen durch Risiken und Chancen hindurch: also gegen alles, was die lebendige Evolution in der Natur und mit ihr die Menschen bestimmt, bis hinein in den prä-lebendigen ‚Grund’, der uns und alles Leben trägt.
Den vollständigen Text findet man auf den Internetseiten des von dem Physiker Hans-Peter Dürr begründeten Global Challenge Network: http://gcn.de/download/denkschrift_de.pdf
Zum Abschluss noch der Versuch einer Antwort auf die Frage:

Was ist soziale Dreigliederung?

In dem Wort „Dreigliederung“ steckt zum einen der Gedanke, dass Gesellschaft kein einheitliches Gebilde ist, sondern sich in unterscheidbare Subsysteme differenziert. Dies ist mehr oder weniger Gemeingut der Soziologie. Hierfür sei nur stellvertretend der amerikanische Soziologe Daniel Bell genannt, der sozio-kulturelles, politisch-administratives und sozio-ökonomisches Subsystem unterscheidet.
In der sozialen Dreigliederung werden nun diese Systeme unter dem Gesichtspunkt angeschaut, wie in ihr das Verhältnis geordnet sein muss, damit Menschen ihre sozialen Verhältnisse gestalten können. Diese Frage nach der Gestaltbarkeit der sozialen Verhältnisse durch die Menschen selbst ist der entscheidende Gesichtspunkt.
Das heißt es wird nicht nur gefragt, welche unterschiedlichen Gebiete wir in der Gesellschaft konstatieren können. Sondern es wird auch die Frage gestellt: was will da werden, wie kann sich das verändern, was können wir zu dieser Veränderung beitragen? Im sozialen Leben stecken wir eben immer selber im Geschehen mit drin. Wir können es nicht von außen beobachten, sondern unsere Gedanken, unsere Empfindungen, das was wir wollen, was wir planen, das fließt in das soziale Geschehen ein.
Weiterhin ist in diesem Begriff des sozialen Organismus die Auffassung enthalten, dass Gesellschaft kein mechanisches Gebilde ist, an dem man herumschrauben kann, sondern dass es sich um ein lebendiges Beziehungsgefüge zwischen den Menschen handelt: Gesellschaft entsteht dadurch, dass wir zusammenleben, zusammenarbeiten, dass sich dadurch ein Geflecht an Interaktionen ergibt, das einen Lebendigkeitscharakter hat, ein „social web of life“ darstellt, in einer neueren Terminologie ausgedrückt.
Und die Betonung der „Drei“ ist keine Zahlenmystik, sondern sagt aus, dass zwischen diesen drei Gebieten bestimmte Beziehungen bestehen, die qualitativer Art sind, dass es eine Art Polarität gibt zwischen dem geistig-kulturellen Leben und dem Wirtschaftsleben und dass das Rechtsleben zwischen diesen beiden Gebieten vermittelt. Das kann man institutionell betrachten, man kann es funktionell betrachten, was aber hier nicht weiter ausgeführt werden kann.
Wichtig ist, dass in der Dreigliederung davon ausgegangen wird, dass wir heute in einer Situation sind, wo der Einzelne gestalten will und dazu die Möglichkeit haben muss. In einer Situation, in der die Verhältnisse aus dem Bewusstsein heraus neu gegriffen werden müssen, einer Situation, in der man sich nicht mehr verlassen kann auf alte Gemeinschaftsorientierungen, wie sie früher im Unterbewusstsein der Menschen verankert waren. Um diese bewusste Gestaltbarkeit herzustellen ist ein Verständnis der sozialen Prozesse notwendig, es müssen aber dann auch aus diesem Verständnis heraus die Räume in der Gesellschaft geschaffen werden, die von den Menschen real gestaltet werden können: Selbstverwaltungsräume.
Wenn man das mehr im Kontext der historischen Entwicklung betrachtet, muss man sagen: Dieser
Arbeitsansatz der Dreigliederung reagiert auf eine ganz bestimmte historische Situation. Diese historische Situation ist dadurch charakterisiert, dass auf der einen Seite der Einzelne seine Freiheit und Mündigkeit beansprucht, auf der anderen Seite sich gleichzeitig eine Wirtschaft entwickelt, die sich arbeitsteilig über den ganzen Globus hin immer mehr vernetzt.
Menschheitsgeschichtlich kommen wir aus Gemeinschaftsverhältnissen, in denen der einzelne Mensch noch kaum für sich in Betracht kommt, noch nicht empfindet „Ich bin ein Mensch für mich“, sondern sich über die Gemeinschaft definiert. Er lebt das Leben dieser Gemeinschaft mit, er „schwimmt mit“ und wird dadurch auch vom Gemeinschaftsstrom getragen. Die Gemeinschaftsorientierungen geben ihm Verhaltenssicherheit, er befindet sich dadurch aber gleichzeitig in einer bevormundeten Rolle. Das wäre zu differenzieren für bestimmte historische Epochen. Als großen Trend kann man aber konstatieren: Je weiter man zurückgeht in der Geschichte, um so mehr findet man solche Gemeinschaftsverhältnisse.
Das löst sich dann langsam auf und am Beginn der Neuzeit kommt es dann zu einem regelrechten Entwicklungsschub. Jetzt wird das enge begrenzte alte Gemeinschaftswesen wie aufgebrochen, und zwar nach zwei Seiten hin. Jetzt tritt der Einzelne heraus aus der Gemeinschaft, empfindet sich immer mehr als Mensch für sich und erhebt den Anspruch, selbst über sein Leben zu bestimmen, sein eigenes Urteil über die Dinge zu haben und aus diesem eigenen Urteil heraus zu handeln.
Das andere ist, dass die Ökonomie aus der Enge der alten Selbstversorgungswirtschaft hinauswächst in die weltweite Arbeitsteilung und Zusammenarbeit.
Damit entsteht die Frage, wie man denn eine solches arbeitsteiliges Wirtschaftswesen so gestalten kann, dass wir nicht nur objektiv füreinander tätig sind, sondern auch das Selbstversorgungsdenken und durch dieses geprägte soziale Einrichtungen überwinden und die Verhältnisse so ordnen, dass jeder zu seinem gerechten Anteil kommt und versorgt ist. Das ist die Frage nach dem fairen Handel, nach gerechten Preisverhältnissen usw.
Ein anderer Fragenkreis ergibt sich aus der Individualisierung: Was ist zu tun, damit die Freiheit die
Gesellschaft nicht schlicht zersplittert, mit der Folge des Kampfs aller gegen alle? Wie kann Freiheit mehr sein als ein Auflösungsprinzip der Sozialität, wie kann und muss aus Freiheit heraus neue Gemeinschaft entstehen? Wie können sich freie Verantwortungsgemeinschaften bilden, wie können Menschen, die sich so zusammentun und im eigenen Auftrag, nicht mehr auf Weisung der Gemeinschaft, tätig werden, ihre Beiträge für das Gemeinwesen leisten?
Und eine dritte Frage entsteht in der Mitte zwischen Kultur- und Ökonomie: Wie ordnen mündige Menschen ihre Beziehungen untereinander selbst? In der alten Gemeinschaft war die Ordnung der Beziehung vorgegeben, oft in hierarchischer Weise, dadurch dass es Persönlichkeiten an der Spitze der alten Gemeinwesen gab, die sich für geistig legitimiert hielten, allen anderen die Richtung ihres Lebens vorzugeben. Die Ordnung des Miteinander war damals keine Frage, in der Neuzeit erst wird sie zu einer solchen permanenten Frage. Die Ordnung des Miteinander der Mündigen ist die Frage nach der demokratischen Gleichheit, während aus der erwachten Selbstständigkeit des Einzelnen als Kulturträger die Frage nach der verantwortlich gelebten und lebbaren Freiheit erwächst und aus dem Füreinander-Tätig-Sein in der modernen Arbeitsteilung die Frage nach der Solidarität, der Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, wie immer man das nennen will.
Es ergeben sich hier also für die moderne Gesellschaftsentwicklung drei große Fragezeichen. Diese
drei Fragezeichen sind eigentlich das große Thema der Dreigliederung. Die soziale Dreigliederung ist im Kern nichts anders als der Versuch, aufzuzeigen, wie die Gesellschaft auf den Gebieten, auf denen diese Fragen entstehen, sich umgestalten muss. Das Thema der Dreigliederung ist die Umgestaltung der Gesellschaft in einem Zeitalter, in dem der einzelne Mensch seine Mündigkeit beansprucht und in der er gleichzeitig durch die Entwicklung der modernen Ökonomie in eine globale soziale, ökologische und ökonomische Verantwortung hineinwachsen muss.
Dass diese drei Fragen heute nicht wirklich beantwortet sind, liegt auf der Hand. Überall haben wir
gesellschaftliche Strukturen ausgebildet, die allenfalls eine Teilantwort geben oder gar in die Irre führen.
Die einzigen bisher im großen Maßstab erprobten Antworten in der Ökonomie sind die kapitalistische Marktwirtschaft und die sozialistische Planwirtschaft.
Dass die Planwirtschaft gescheitert ist, wird heute nur noch von wenigen bestritten. Dass die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise etwas mit dem Versagen kapitalistischer Wirtschaftsformen zu tun hat, empfinden immer mehr Menschen. Aber wir tun uns schwer, aus dem Zirkel falscher Alternativen auszubrechen. Kapitalistisches Privateigentum und sozialistisches Staatseigentum, staatsmonopolistischer Kapitalismus und staatsmonopolitischer Sozialismus, teilautonome oder gänzlich durch Staat oder Wirtschaft fremdbestimmte Kultur, all das ist oder war zumindest gesellschaftliche Realität. Von einer wirklich konsequenten Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Einklang mit der Mündigkeit des modernen Menschen sind wir dagegen im gesamtgesellschaftlichen Maßstab noch recht weit entfernt, wenn es auch viele hoffnungsvolle Ansätze im Kleinen geben mag.
Dass wir nur so langsam mit der gesellschaftlichen Erneuerung vorankommen, das hängt damit zusammen, dass viele Menschen – und besonders Vertreter der sogenannten gesellschaftlichen Eliten – ein Misstrauen hegen gegen das Potenzial der menschlichen Freiheit.
In ihrem Menschenbild kommt verantwortlich gelebte Freiheit nicht vor, zumindest nicht in dem Bild, dass sie sich von anderen Menschen machen. Aus Freiheit folgen Menschen in dieser Betrachtung prinzipiell nur ihrem Egoismus, dass sie aus Freiheit heraus für andere Menschen etwas tun, ist nicht vorgesehen. Wer so denkt, hat naturgemäß Probleme, ein autonomes selbstverwaltetes Kulturleben zu denken, genauso wie er Probleme haben wird, ein Wirtschaftsleben zu denken, das durch neue Formen solidarischer Kooperation geprägt ist, und einen Staat, in dem eine wirkliche Teilnehmerdemokratie blüht und nicht bloß eine Zuschauerdemokratie vorhanden ist. Das alles wird man mit den gleichen Gründen beargwöhnen, mit denen man dem freien Menschen misstraut.
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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