Die Pearl-Harbor- und 9/11-Traumata von Russland

von Prof. Floyd Rudmin; Übersetzung Barbara Stiner; aus „Infosperber“
Die USA scheuen keinen Aufwand, um ein neues 9/11 zu verhindern. Russland tut dasselbe, damit sich Vergangenes nicht wiederholt.
Die Ereignisse in der Ukraine dürfen auf keinen Fall in einen Krieg ausarten. Für geopolitische Machtspiele und Militärbündnisse hat die Menschheit keine Zeit. Sie muss sich dringend zusammenraufen, um die internationalen Probleme der Wirtschaft und des Klimawandels in den Griff zu bekommen.
«Die Geschichte ist ein Albtraum»: Dieses berühmte Zitat von James Joyce beschreibt die Ereignisse in der Ukraine treffend. Aus diesem Albtraum sollten wir erwachen. Die beteiligten Staaten stehen unter dem Einfluss der erinnerten, verfälschten, vergessenen und mythologisierten Geschichte, die sie in ihren Köpfen haben.
Das Chaos auf dem Maidanplatz, Neofaschisten auf Machtpositionen in Kiew, die russische Annektion der Krim: Dies sind alles Episoden, die jeder auf seine Weise interpretiert, und zwar je nach der historischen Sicht, die sein Denken beeinflusst. Die nationalistischen Erinnerungen haben die Leidenschaft und die Macht, uns in blinden Hass und Krieg zu treiben. Die Geschichte, an die wir glauben, macht uns anfällig für Manipulation und katastrophale Aktionen.
Die USA schaffen mit «Hitler» ein Feindbild
Hillary Clinton verglich am 5. März die Sorge von Putin für die Russen in der Ukraine mit der «Sorge» von Hitler für die Deutschen in Polen und der Tschechoslowakei. Es ist die gleiche Sorge, wie die von Ronald Reagan für amerikanische Medizinstudenten in Grenada, mit welcher er 1983 seine Invasion dieses kleinen Inselstaates rechtfertigte.
Um zu mobilisieren, soll das Böse bekämpft werden, das durch einen neuen Hitler personifiziert wird. John Kerry sagte, Assad sei Hitler. John McCain sagte, Castro sei Hitler. George Bush sagte, Saddam sei Hitler. Donald Rumsfeld sagte, Chavez sei Hitler. Auf der Liste von Regierungschefs, welche von den USA als Hitler bezeichnet wurden, stehen auch Allende (Chile), Noriega (Panama), Ortega (Nicaragua), Milosevic (Serbien), Arafat (Palästina), Qaddafi (Libyen), Ahmadinejad (Iran) und Kim (Nordkorea).
Noch heute glauben US-Amerikaner, Hitler sei vor allem dank ihnen besiegt worden
Um Hitler zu besiegen, hatte die Sowjetunion grössere Opfer gebracht und länger gekämpft als die USA. Nach der Schlacht von Stalingrad im Februar 1943 und der Schlacht von Kursk im August 1943 hatte Deutschland eigentlich den zweiten Weltkrieg verloren. D-Day war ein Jahr später im Juni 1944. Die sowjetischen Armeen fügten den Deutschen 90 Prozent ihrer Verluste zu. Trotzdem sind die US-Amerikaner der Meinung, dass sie Hitler besiegt haben.
Nie wieder 9/11
Amerika erlebte die Invasion durch fremde Truppen im Unabhängigkeitskrieg in den 1770er Jahren und dann nochmals in kleinerem Mass im Krieg von 1812. Aber nur zwei fremde Angriffe sind im historischen Gedächtnis der amerikanischen Seele tief eingebrannt. Einer ist der Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941, der weniger als zwei Stunden dauerte und 2’400 Amerikaner tötete. Der andere ist der 11. September 2001, die Angriffe auf New York und Washington DC, die weniger als drei Stunden dauerten und fast 3’000 Opfer forderten.
Die Wut der US-Amerikaner und der Wille diese Angriffe zu rächen ist tief und dauerhaft, und es gibt keine finanziellen oder gesetzlichen Grenzen, wenn es darum geht zu verhindern, dass solche Angriffe je wieder geschehen können. Deshalb könnten die US-Amerikaner nachvollziehen, wenn es auch für Russland keine finanziellen oder gesetzlichen Grenzen gibt bei der Verhinderung künftiger Angriffe. Ihr Erlebtes sitzt der russischen Nation tief im Nacken.
Die USA haben nie eine Invasion erlebt
Die USA haben keine Invasionen erlebt, weil ihr Land im Osten und Westen an grosse Ozeane und im Norden und Süden an machtlose, friedliche Staaten grenzt. Dagegen hat Russland keine natürlichen Schutz-Barrieren und ist auf drei Seiten von historisch aggressiven Staaten umgeben. Obwohl sie diese Geschichte gerne vergessen, haben Türken, Polen, Schweden, Franzosen, Briten und Japaner Russland alle mehr als einmal überfallen.
Es ist nicht der besondere Charakter von Peter dem Grossen oder von Präsident Putin, der für Russland Nachbarn verlangt, die keine Bedrohung darstellen. Es ist das kollektive russische Gedächtnis an Invasionen. Jede geschichtliche Periode hatte ihre militärische Supermacht, und jede dieser Supermächte hat zu ihrer Zeit Russland angegriffen:
Die mongolische Supermacht: Das mongolische Reich war das grösste der Geschichte und hatte das chinesische wie das persische Reich erobert. 1238 überschritten die Mongolen die Wolga mit 35’000 berittenen Bogenschützen und 70’000 türkischen Hilfstruppen sowie chinesischen Belagerungseinrichtungen für den Angriff auf befestigte Städte. Geschätzte 500’000 Bewohner der Kiewer Rus (Russen, Ukrainer, Weissrussen) starben während der mongolischen Invasion. Noch während mehreren Jahrhunderten danach führten regionale Khans Angriffe auf Russland durch. Beispielsweise belagerte die Goldene Horde 1382 Moskau, tötete 24’000 Moskauer und führte tausende als Gefangene ab.
Die osmanische Supermacht: Auf der Höhe seiner Macht im 17. Jahrhundert beherrschte das Osmanische Reich das halbe Mittelmeer, das gesamte Schwarze Meer und die Gegend des Roten Meeres. Die Krimtataren belieferten den osmanischen Sklavenhandel durch ‚Abgrasen der Steppe‘, wobei zwischen 1500 und 1700 geschätzte zwei Millionen Russen als Sklaven gefangen wurden. Im Jahr 1571 überfiel eine 120’000 Mann starke kombinierte krimtatarische und osmanische Streitmacht Russland, verbrannte Moskau, tötete ungefähr 80’000 Russen und brachte 150’000 Gefangene auf die Sklavenmärkte der Krim. Historiker rechnen mit mehr als 50 Angriffen der Tataren. Die letzte ‚Ernte‘ russischer Sklaven war 1869.
Im 7. Russisch-Tatarischen Krieg eroberten die Russen die Krim und befreiten sich endgültig von tatarischen Übergriffen und Sklaverei. 1783 annektierte Russland die Krim. Dies ist die gleiche historische Periode, in welcher die amerikanischen Kolonien sich endgültig von der drückenden britischen Steuerlast befreiten.
Die napoleonische Supermacht: Napoleon benutzte die Ideale der Französischen Revolution für eine Diplomatie der Stärke und neue militärische Taktiken der Massenarmeen und mobilen Artillerie. Er war deshalb unbesiegbar und eroberte Kontinentaleuropa in nur neun Jahren. 1812 stellte Napoleon die grösste Armee auf, die Europa je gesehen hatte, bestehend aus rund 600’000 Mann wovon etwa 98’000 aus Polen. Napoleon gewann zwar die Schlachten von Wilna, Smolensk und Borodino, aber die russische Rückzugsstrategie der verbrannten Erde über weite Distanzen hungerte die Invasionstruppen aus und demoralisierte sie. Auch Moskau wurde evakuiert und abgebrannt. Nur wenige überlebten den Rückzug aus Moskau im Winter. Die russischen Verluste werden auf 150’000 bis 400’000 Soldaten und ebenso viele unter der Zivilbevölkerung geschätzt.
Die Nazi-Supermacht: Hitler missbrauchte die Ideale des Faschismus ebenfalls für eine Diplomatie der Stärke und die neue militärische Taktik des Blitzkriegs und war so in der Lage, Kontinentaleuropa innerhalb von zwei Jahren zu erobern. 1941 stellte Hitler die grösste Armee auf, die Europa je gesehen hatte, bestehend aus etwa 3,2 Millionen deutschen Soldaten und ungefähr 500’000 aus Italien und Rumänien.
Obwohl Hitler weite Gebiete eroberte, gelang es ihm nicht, Moskau, Leningrad, Stalingrad oder die kaspischen Ölfelder zu erobern. Die Toten der Sowjetunion werden auf 8 bis 12 Millionen Soldaten und bis zu 20 Millionen zivile Opfer geschätzt. So starben beispielsweise 200’000 Soldaten und 1,2 Millionen Zivilpersonen bei der Belagerung von Leningrad. Demgegenüber betrug die Gesamtzahl der Toten auf amerikanischer Seite im zweiten Weltkrieg 418’000 militärische und weniger als 2’000 zivile Opfer.
Die Supermacht USA: Die USA benutzten die Ideale der Demokratie für eine Diplomatie der Stärke und neue Taktiken von verdeckten Operationen, hochentwickelte Waffentechnologie und wirtschaftliche Kriegsführung, um, wie sie es nennen, ‚full spectrum dominance‘ (allumfassende Vorherrschaft) zu erreichen. Angesichts ihrer immensen militärischen Mittel und jener der übrigen Nato-Staaten unter ihrer Vorherrschaft, plus der Ressourcen ihrer asiatischen Verbündeten Australien, Neuseeland, Japan und Südkorea, haben die USA die grösste Militärmacht unter ihrem Kommando, welche die Welt je gesehen hat.
Wie die vergangenen Supermächte haben die USA und ihre Nato-Verbündeten offensichtlich Russland im Visier. Vielleicht verleitet sie die Geschichte des Kalten Krieges dazu, Russland mit der Sowjetunion unter der grausamen Herrschaft von Stalin (einem Georgier) und Chruschtschow (einem Ukrainer) zu verwechseln. Oder vielleicht geistert immer noch das Konzept der Russen als ‚Untermenschen‘ im westlichen Denken. Oder vielleicht sind die natürlichen Ressourcen Russlands einfach zu verlockend, um nicht zuzugreifen.
Wiedervereinigung gegen Nato-Abstand
Präsident Gorbatschow stimmte der Wiedervereinigung Deutschlands zu aufgrund von Versprechen von Präsident Bush senior und von Bundeskanzler Kohl, wonach die Nato sich nicht nach Osten ausdehnen werde. Doch dann machte die Nato genau das und lud sogar Georgien und die Ukraine ein, sich auf eine Mitgliedschaft vorzubereiten.
Nato anerkennt antirussische Regierung in Kiew
Georgien liegt näher bei Indien als beim Nordatlantik. Die USA sind fest entschlossen, in Polen ein Raketenabwehrsystem einzurichten, angeblich für den Abschuss nicht-existierender Interkontinentalraketen aus dem Iran, aber verdächtig gut geeignet, um die nukleare Abschreckung Russlands zu unterwandern. Kürzlich abgehörte Telefongespräche zeigen, dass Beamte des US-Aussendepartements (Victoria Nuland und Geoffrey Pyatt) eine anti-russische Regierung für die Ukraine geplant hatten, als die verfassungsmässig gewählte Regierung noch im Amt war. Dann führte ein von nicht identifizierten Heckenschützen verursachtes Chaos in Kiew zum Sturz der gewählten Regierung. Wie von den USA geplant übernahm die auserwählte anti-russische Regierung die Macht in Kiew und wurde sofort von den Nato-Staaten als legitim anerkannt.
In Rhetorik des Kalten Kriegs gefangen
Es ist leicht nachzuvollziehen, weshalb Russland in diesen Ereignisse erneut eine Supermacht sehen kann, die im Begriff ist, sich auf einen Angriff auf Russland vorzubereiten. Es war voraussehbar, dass Russland sich dagegen wehren würde, ohne Rücksicht auf die Kosten. Es ist eine mentale Manipulation durch Schlüsselwörter, wenn man Putin als ‚Hitler‘ bezeichnet, oder dass die ‚Rote Armee‘ wieder Europa bedrohe. Weil die Amerikaner nichts wissen über die Geschichte Russlands und keine Erfahrung einer fremden Invasion haben, können sie den Grenzen ihrer eigenen Rhetorik des Kalten Kriegs nicht entkommen. Sie können die Geschichte nicht aus der russischen Perspektive sehen.
Die Europäer jedoch kennen den Horror eines Krieges auf ihrem eigenen Gebiet und können sich gut an ihre eigene Geschichte von Angriffen auf Russland erinnern. In dieser Krise müssen die europäischen Staaten aufstehen und die Supermacht wecken, bevor ein Zwischenfall in einen konventionellen Krieg und dieser in einen Raketenkrieg und dann in einen Atomkrieg ausartet. Diese Übergänge könnten weniger als eine halbe Stunde dauern. Zum jetzigen Zeitpunkt der menschlichen Geschichte hat die Weltgemeinschaft dringendere Sorgen als die Neuinszenierung von geschichtlichen Albträumen.
«Floyd Rudmin» ist Professor für soziale und gesellschaftliche Psychologie an der Universität von Tromsö in Nordnorwegen, nahe der Grenze zu Russland. Sein Familienname ist litauisch, sein Grossvater wanderte 1897 aus, als Litauen unter russischer Herrschaft stand.
Originaltext 
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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