„Putin-Versteher“

von Johannes Mosmann
„Putin-Versteher“ ist mein neues Lieblingsschimpfwort. Als sei es eine Tugend, jemanden nicht zu verstehen. Doch die Demonstration größtmöglichen Unverständnisses gilt zunehmend als Ausweis moralischer Integrität. Wenn die Presse schreibt: „Helmut Schmidt hat Verständnis für Putin“, dann heisst das auf Neu-Deutsch: iiih, der mag Putin. Und natürlich lassen die Grünen die Gelegenheit nicht ungenutzt, sogleich die eigene geistige Jungfräulichkeit zu demonstrieren: man habe „Unverständnis für Schmidts Putin-Verständnis.“
Eigentlich ein Pubertätsproblem. Einem pubertierenden Kind verzeiht man, dass es „nicht verstehen“ will, wovon es sich abgrenzen möchte. Ein Erwachsener dagegen kann selbst einen Mörder verstehen, ohne sich zu besudeln. Etwas Verstehen, ja Verständnis für das Wollen eines anderen Menschen zu haben, beeinträchtigt in der Seele eines Erwachsenen nicht das eigene Sein. Dachte ich zumindest bis jetzt. Doch die geballte Potenz europäischer Wachstumsstörungen stampft die Blüte der Erkenntnis zurück in den Boden der Affekte. Nein, ich bin kein Putin-Anhänger, weil ich mich bemühe, ihn zu verstehen. Immer öfter sehe ich mich gegenwärtig genötigt, diesen aus meiner Sicht ganz einfachen Gedanken händeringend zu erklären – und werde nicht verstanden. Ich bin doch auch nicht pro-westlich, nur weil ich die Amerikaner verstehe, oder? Wenn ich allerdings auch das noch ausspreche, verlasse ich verständnismäßig bereits die Umlaufbahn der Erde. Was, der versteht Putin und Obama? Das ist so was wie die unheilige Kreuzung aus Edathy, Herman und Wulff.
Aber ich stehe dazu: ich verstehe den Osten, und ich verstehe den Westen. Zumindest bemühe ich mich. Und ich kann deshalb beruhigen: das Verständnis frisst einen nicht auf. Im Gegenteil: je besser ich den anderen verstehe, desto fester ruhe ich in mir selbst. Weil das aber ein Lebensgesetz ist, weil mit mathematischer Exaktheit aus dem zur Schau getragenen Unverständnis der Europäer geschlossen werden kann, dass Europa sich selbst nicht versteht, treibt Europa nun orientierungslos im All, als Weltraum-Schrott der Geschichte.
Eines fällt jedoch auf, und macht Hoffnung: die von Politik und Medien propagierte Gedankenlosigkeit ist nicht repräsentativ. Offensichtlich nabelt sich da etwas ab. Während sich die Macher der „Öffentlichkeit“ dem Bewusstseinszustand einer Zimmerpflanze nähern, gärt etwas im Unterboden, das immer häufiger die verordnete Oberflächlichkeit durchbricht, und aus dem eigenen Stamm Erkenntnis, ja Verständnis für den anderen Menschen hervortreibt.
Anmerkung von René Cassien:
Im Sinne dieses Textes bin auch ich ein „Putin-Versteher“
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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