„Die Naturwissenschaft ist nicht wahr, denn sie zerstört die Natur.“

von Prof. Peter Kern aus „Haus des Verstehens“
Wenn die Kategorien falsch gewählt werden, ist ein vielbändiges Lebenswerk mit wenigen Argumenten vernichtet.
Wo aber sind die verlässlichen Kriterien für zutreffende Kategorien?
Was, beispielsweise, ist „Natur“?
Das, was die moderne Naturwissenschaft an ihr berechnet? Das, was der Hopi-Indianer über sie weiss? Das, was Goethe in ihr zu sehen vermochte? Das also, was Verstand, Mythos, Romantik usw. an ihr zu sehen vermögen?
Ist es ein Ausweg zu sagen, die Wahrheit über die Natur sei die Summe all der Aspekte, in denen Auskunft über sie gegeben wird? Dann bräuchten wir einen archimedischen Punkt der Erkenntnis, von dem aus wir sagen könnten, welche kategorialen Aspekte das Phänomen „Natur“ konstituieren. Diesen archimedischen Punkt der Erkenntnis gibt es nicht, und keine Wissenschaft kann beweisen, welche Kategorien für die Erkenntnis der „Natur“ sachlich zutreffend sind.
Wir können nur innerhalb einer Kategorie die für diesen Aspekt richtige Antwort finden. Damit sind aber die anderen Antworten nicht falsch.
Was also „Natur“ in ihrer Totalität und in ihrem Wesen ist, wir wissen es nicht, und wir können es als endliche Menschen prinzipiell nicht wissen. Wir müssen das Ganze der „Natur“ als unerkennbar und unerkannt liegen lassen.
Nur eines ist gewiss: Die seit der Neuzeit zur Herrschaft gekommene kategoriale Zugriffsweise der berechnenden Naturwissenschaften ist erkenntnistheoretisch und moralisch problematisch. Erkenntnistheoretisch, weil man die kategorial partielle Richtigkeit als Wahrheit missversteht, und moralisch, weil die Naturwissenschaften in ihren Erkenntnisakten und den daraus folgenden technischen Anwendungen die „Natur“ zerstören, ja töten.
Georg Picht:
„Das neuzeitliche Denken hat die Natur auf Begriffe gebracht und hat dank dieses Kunstgriffes Methoden entwickelt, mit deren Hilfe es sich anschickt, das Stück Natur, in dem wir leben, zu zerstören.“ „Die Naturwissenschaft ist nicht wahr, denn sie zerstört die Natur.“
Und wer gegenwärtig den Menschen, der selbst Teil der Natur ist, nur naturwissenschaftlich erforscht, der muss notwendigerweise auch ihn zerstören. Das funktional Richtige ist eben lange noch nicht das existenziell Wahre.
Picht fragt:
„Wie ist es möglich, dass der Mensch eine Form des Denkens ausgebildet hat, die ihn verhindert, den Gesetzen der Natur zu gehorchen und jene Anpassungen zu vollziehen, durch die sich natürliches Leben erhält?“
Er antwortet:
„Der Mensch zerstört sich selbst, weil er sich der Natur gegenüber als autonomes Subjekt versteht.“
Seit sich der Mensch als Beherrscher und Eigentümer der Natur begreift, ist er aus der Ordnung der Dinge gefallen, und das mit tödlichen Folgen.

Mehrperspektivischen Wahrnehmen

Um nicht länger im Horizont der unwirklichen Einbildungskraft zu verbleiben, müssen wir unerbittlich ernst die Frage nach der Wahrheit der Dinge und nach der Wahrheit des Menschen stellen.
Was also ist beispielsweise die Wahrheit einer Wiese?
Wir wollen verstehen, was eine „Wiese“ ist.
Im mehrperspektivischen Wahrnehmen ergibt sich diese besinnende Denkbewegung:
Ökonomische Betrachtungsweise:
In den Blick kommt der Marktwert der Wiese, ihr monetärer Preis: Was kostet sie? Für den Bodenmakler beispielsweise ist sie ein Grundstück, mit dem er spekuliert, um später erhöhte Gewinne zu erzielen.
Politische Betrachtungsweise:
Unter diesem Aspekt erscheint die Wiese als verfügbare Masse im politischen Poker um ihre Nutzung. Sie wird beispielsweise zum Zankapfel der Parteien im Stadtrat; die einen wollen sie als stadtnahe Grünzone erhalten, die anderen in den Bebauungsplan aufnehmen und damit zerstören. Wer hat die grösste Macht, über die Wiese zu verfügen?
Sozial-rechtliche Betrachtungsweise:
Die Wiese erscheint unter den Bedingungen von Besitz und Eigentum. So kann sie beispielsweise Thema bei Erbstreitigkeiten werden: Wem gehört sie?
Theoretische Betrachtungsweise:
Die Wiese wird Gegenstand, wird Objekt der Forschung .
Unter physikalischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein kosmischer Reigen von Teilchen und Austauschteilchen. Unter kybernetischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein vernetztes System, das seinerseits in eine umfassendere Vernetzung integriert ist. Das schliesst die biologischen Einsichten in Bodenbeschaffenheit, Pflanzenbewuchs, Tierpopulation und ökologische Kreisläufe ein. Unter biologisch-darwinistischer Sicht ist die Wiese ein Schlachtfeld: Die Natur kämpft hier ihren erbarmungslosen „Kampf ums Dasein“.
Die ästhetische Betrachtungsweise:
Die Wiese wird Thema der Kunst, Albrecht Dürer beispielsweise malt das „Kleine Rasenstück“. Was ist das Naturschöne an ihm? Was macht das Bild von der Wiese sichtbar, das wir ohne die künstlerische Gestaltung nicht wahrnahmen?
Die ethische Betrachtungsweise:
Die Wiese spricht uns an und fragt ethisch: Wie soll ich Mensch mit ihr umgehen, sie vernichten, indem ich sie zubetoniere oder hegen und pflegen, indem ich sie in ihrem Eigenrecht belasse?
Die religiöse Betrachtungsweise:
Unabhängig von jeder konfessionellen Religiosität bleibt die anthropologische Einsicht, dass kein Mensch eine Wiese „gemacht“ hat, keine Blume, kein Grashalm, kein Käfer und kein Wurm sind das Produkt menschlicher Leistungen. Welchen, jeden Materialismus überschreitenden, Raum eröffnet diese Einsicht? Erfahren wir hier ein heiteres Entsagen vom nachstellenden Machtwillen des neuzeitlichen Herren und Besitzers der Natur?
Was nun ist die Wiese?
Die Summe aller hier genannten Aspekte? Mindestens dies gilt: Wer willkürlich nur einen dieser Aspekte in seinem Erkennen zulässt, reduziert das Wiese-Sein in gefährlicher Weise. Indem er sie beispielsweise nur ökonomisch erkennt, vernichtet er sie, ohne Skrupel zu empfinden. Der hier geforderte integrale Blick erschwert solches Vernichtungsdenken und eröffnet sogleich Zukunftsräume einer naturverträglicheren Lebensweise.
Und dennoch bleibt auch dies: Was die Wiese in ihrem An-Sich-Sein ist, das müssen wir Menschen unerkannt liegen lassen. Wir können das An-Sich-Sein der Dinge, ihr Wesen, prinzipiell nicht erkennen. Was das Wesen der Natur, des Menschen, der Geschichte ist – wir wissen es nicht! Das sollte uns bescheidener, vorsichtiger, demütiger sein lassen im Umgang mit der Natur, mit uns selbst und mit den Mitmenschen überall auf der Welt, mit unserer Geschichte und unseren Geschichten. Insofern wäre ein tautologisches Reden angemessener: Eine Wiese ist eine Wiese. Punkt. Auf diese Weise können wir das Phänomen „Wiese“ bei sich selbst lassen, es Sein-Lassen, ohne es durch unseren Willen zur Macht zu deformieren und schlussendlich gar zu zerstören.
Originaltext ; Ergänzung

 

Advertisements

Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
Dieser Beitrag wurde unter Éthnos, Bewußtsein, Bildung, Entfaltung der Menschenwürde, Kultur-Leben, Menschenwürde, Rechts-Leben, Soziales Leben, Transformation, Wirtschafts-Leben, Zum Aufwachen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s