Stell’ Dir vor, das Geld könne lebendig werden…

von Silke Helfrich aus „CommonsBlog“
… und die Münzen begännen zu sprechen. Sie würden auf der Theke liegen und Unsichtbares ausplaudern. Wie dunkel es in der Werkstatt ist und wie es dort riecht, ob der Mittlere hustet oder das Dach leckt. Woher der Rohstoff herkommt, von wo der Brennstoff und woher die Idee. Und wie lange es dauerte all das zu verbinden.
Die Münzen würden zu Tage fördern, wozu eine Sache tatsächlich taugt und konkret gebraucht wird. Etwa um Licht zu machen oder den Vater zu pflegen, um die Fassade zu reparieren oder ein Bett zu bauen. Stell Dir vor, das Geld läge da, verlebendigt, und veranlasste uns zum gemeinsamen Denken, zum gemeinsamen Erkennen. Zur Beziehung.
Der Preis für die Ware (um die es auch geht), stünde nicht fest, sondern entstünde aus einem gemeinsam zu gewinnenden Urteil. Das wiederum führte zu Individualpreisen (nicht zu verwechseln mit jenen, die beim Feilschen entstehen) und es veranlasste immer wieder zu Fragen von Schuld(en) und Verantwortung. Es würde unsere Beziehungen verändern, uns anders in die Welt werfen. Aus Geld als Anonymisierungsmechanismus würde die Geldbeziehung als lebendige Beziehung“ (Harald Schwätzer) wirken.
Wir wären so anders als das heutige Geldsubjekt, das sich vom Geld denken lässt statt umgekehrt das Geld zu denken.
Geld als Beziehungsvertiefungsmechanismus, „der uns immer wieder in eine menschliche, ethische, begegnende Gebärde wirft“ (Schwätzer)? Was für ein zukunftsferner Gedanke!
Cusanus

Cusanus

De facto stammt er aus ferner Vergangenheit. Nicolaus von Kues (Cusanus, (1401-1464), eine der wichtigsten Gestalten des Spätmittelalters schrieb ihn auf; im zweiten Buch des Dialogus de Ludo Globi, das zu seinem Spätwerk gehört. Im Grund handelt es sich dabei um eine mystische Schrift, die sich um die Frage der Verfasstheit der Seele dreht. Gleichwohl ist die Geschichte von der Verlebendigung des Geldes die Pointe des Ganzen. Spannend!
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ludus-globi-fiamma2011aExkurs zum Globusspiel:
Ludus Globi fiamma2011a
Grafische Idealdarstellung von Andrea Fiamma; in De mystica circulorum, 2011
Im Ludus globi geht es darum, mit einer Spielkugel der Mitte von 9 Kreisen besonders nahe zu komme. Die Kreise symbolisieren die Ordnung der Schöpfung und bieten der menschlichen Seele, die immer bestrebt ist zu Gott aufzusteigen, Orientierung. Die Mitte symbolisiert Gott. Der Mensch wirft seine Kugel – seit der Antike ein Symbol für die menschliche Seele – auf das Spielfeld (des Lebens). Diese Kugel allerdings hat eine Delle. Sie ist nicht perfekt, ganz wie wir Menschen, und kann daher das Ziel nicht auf direktem Weg erreichen. Vielmehr vollführt sie eine Art Spiralbewegung, die man weder planen, noch vorhersehen kann. Es ist die Bewegung „der strebenden Seele hin zur Mitte“ (H. Schwätzer). Eine Sache, die man üben kann.
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Cusanus notierte eine der ersten Werttheorien/ -philosophien der Neuzeit (wobei Nicolaus von Oresme mit seinem Hauptwerk De Moneta 1355, schon 90 Jahre vorher die wohl reifste Geldtheorie der Scholastik veröffentlichte).
Eine Philosophie des Werts impliziert die Reflexion desselben im Unterschied zum Preis (eigentlich eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie vielen heutigen Ökonomen abhanden gekommen ist.) und darin die Rolle des Geldes. Geld ist für Cusanus nur eine Ausdrucksform von Wert. Der eigentliche Wert aller Dinge ist für Cusanus nichts anderes ist als ihr Sein (Dialogus de Ludo Globi)
Die Dinge tragen ihren Wert in sich (statt: ‘Ich gebe den Dingen ihren Wert.’) Und an diesen Wert komme ich nur durch die Kraft der Vernunft, die, wohlgemerkt, damals objektiv war; heute ist sie uns selbstverständlich subjektiv. Es braucht also die menschliche Vernunft, die diesen Wert erkennt oder auch nicht. Nicht ein (mathematisches) Modell kann die Wirklichkeit bestimmen, sondern nur diesese (gottgegebene, objektive) Vernunft. Ob wir sie einsetzen, also erkennen, liegt an uns. Aber WAS wir erkennen, ist nicht von der subjektiven Perspektive abhängig.
In den Begriffen des Cusanus ausgedrückt: “Gott ist der Münzherr”, aber die Anerkennung des Wertes der Münze erfolgt durch den Münzwechsler, also den Menschen. Diese Anerkennung ist nicht gottgeben, sondern erfolgt durch das menschliche Urteil. Der Mensch ist also ein wertsetzendes Wesen und Wert existiert nur im Raum menschlicher Fähigkeits- und Urteilsbildung. Den objektiven Wert einer Sache gibt es nicht.
Cusanus hatte es etwas leichter als wir heute, die vorgeblichen Gesetzmäßigkeiten von Wert- und Preisbestimmung zurückzuweisen. Die Debatte darum, wie um Ökonomie überhaupt, war zu jener Zeit noch eindeutig ethisch, ja theologisch. Über Geld reden hieß über Ethik reden. Aber nicht als etwas Aufgesetztes und Addiertes, sondern als Fundament, gedanklichen Rahmen
Dieses Modell – die Menschen in Beziehung, die Vermittlungsinstanz verlebendigt, das gemeinsame Schauen, Denken und Erkennen des Vernünftigen – ist das Gegenteil der Idee, die Welt zu modellieren und dann zu versuchen, die menschlichen Verhaltensweisen diesem Modell anzupassen. Oder, schlimmer noch, sollte die wirklichkeitsgemäße Modellierung scheitern, das Modell kurzerhand die Wirklichkeit bestimmen zu lassen. So wie heute. Ökonomie ist, was als solche von Ökonomen, die sich als Naturwissenschaftler dünken und meinen, Gesetzmäßigkeiten erkannt zu haben, zu selbiger deklariert wurde.
Wir haben leidvolle Erfahrung damit, dass diese Art der Weltmodellierung performative Kraft hat.
Bei Cusanus hingegen, hat der Betrachter (noch) eine ungeheure Bedeutung. Ich, (der Betrachter) bin Teil des realen Verhältnisses. Wert ist demnach nicht statisch zu denken, sondern „verhältnisbezüglich“. Also je und je verschieden. Verhältnisbezüglichkeit meint zum Beispiel: Diese Mineralwasserflasche, die hier auf der Theke steht, „in ihrem Gefüge hier und jetzt zu sehen.“ (H. Schwätzer) Dieser und nur dieser Flasche gebe ich einen Wert. Er ist ihr nicht eingeschrieben. Der Mensch ist wertsetzend und kommt da nicht raus. Deswegen müssen wir immer Grunde immer wieder Schuld- und Verantwortungsfragen diskutieren, wenn wir über Geld und Wert reden. Das zumindest wäre das ehrlichste.
Anders gesagt: Der Wert einer Mineralwasserflasche, so wie er auf der Theke steht ist nicht 2,50 Euro, sondern er ist ein Verhältnis. Das heißt: in einem gegebenen Gefüge verhalten sich die Dinge so zueinander, dass immer dann, wenn das Gefüge so ist, der Wert (hier Preis) 2,50 beträgt. Das Gefüge allerdings, und das ist der Witz, ist selten konstant. Und weil das so ist, ist Cusanisches Denken hilfreich. Es ist Prozessdenken.
Es hilft dabei, die Flasche als Prozess zu sehen, ihr Hergestelltsein in den Blick zu bekommen, das Produzieren mitzudenken, ebenso wie ihre Zukunft als leere oder zerschlagene Flasche. In Prozessualität zu denken braucht aber immer ein Gegenüber. Und in eben daher wäre die verlebendigte Münze Beziehungsstifter.
Die Frage für uns lautet nicht: ‘Ist Geld ein Commons?’, was etwa von Christian Felber in seinem neuen Buch behauptet wird, sondern: ‘Wie komme ich wieder in ein dynamisches Verhältnis zu dem was Wert ist und was Geld vermittelt?’ Es ist eine Frage, die mehr mit Kultur und Philosophie als mit Wirtschaft und Finanzen zu tun hat.
Seit Cusanus sind Jahrhunderte ins Land gegangen. Die Idee, „Gott als Münzer an[zu]setzen“, da er jener ist, der alles Sein bewirkt, und „das Denken als Münzbeamter“ ist unserem neuzeitlichen Denken fremd. So fremd wie die Idee, dass beim vernünftigen Denken die Subjektivität außen vor bleibt. Deshalb können wir auch nicht denken, dass sich durch das gemeinsame, befassende Erkennen der Münzen das Sein (Wesen) der Dinge darin ausspricht.
Cusanus konnte das. Er sprach der Münze gar eine Selbsterkenntnisfähigkeit zu, derer sich der Mensch gewahr werden kann.
„wenn der päpstliche Gulden in vernünftigem Leben leben würde, würde er sich ganz gewiß als Gulden erkennen“
Um zu denken wie Cusanus, müssten wir völlig selbstlos werden. Wir müssten das Denken gewissermaßen von uns ablösen, müssten innehalten und auf die Dinge und die Anderen schauen in ihrem Werden und Vergehen, in ihrem Tun und Lassen.
Nach Cusanus setzt eine philosophische Bewegung ein, die den Ökonomie- und Wissenschaftsbegriff neu fasst:
  • nicht in Beziehung sondern als Subjekt getrennt vom studierten Objekt
  • Der Wesensbegriff verschwindet.
  • Es gibt nur noch den Funktionsbegriff.
  • Die Universalität des Werturteils wird zurück gedrängt.
  • Die mathematischen Gesetzmäßigkeiten schieben sich in den Vordergrund. → (Ich kann es eigentlich immer noch nicht glauben, dass Ökonomen sich tatsächlich als Naturwissenschaftlter verstehen. Es ist doch so offensichtlich, dass sie das nicht sind.)
  • Die Idee des unbeteiligten Beobachters (als der sich der Wissenschaftler auch heute noch versteht) gewinnt die Oberhand.
In so einer Welt brauchen wir keine Beziehung.
Dieses neue Denken bestimmt seit dem 15. Jhd zunehmend die Welt, dh. „nach Cusanus war die Belebungsidee kaum noch denkbar.“ (H. Schwätzer) Cusanus hat diese „Ende vom Lied“ nicht erlebt, aber die Bedingungen, die zu diesem Ende führten alle gekannt und abgelehnt → und ein anderes Tun vorgeschlagen: Gemeinsame Urteilsgestaltung, gemeinsam Denken und Erkennen als Voraussetzung dafür, dass sich niemand über den Tisch gezogen fühlt. Man könnte es auch commoning nennen.
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Stell’ Dir vor, das Geld könne lebendig werden…

  1. www.gold-dna.de schreibt:

    Mal wieder vielen Dank für einen weiteren hervorragenden Text, der sich wunderbar mit dem folgenden verlinkten Text in Einklang bringen lässt:

    http://faszinationmensch.com/2014/04/01/g8-oder-g9-als-schule-furs-leben-oder-g0-denn-das-leben-selbst-ist-schule-genug/

    Gruß

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