Alte Feindbilder funktionieren nicht mehr

zwei Kommentare aus „Journal 21“

Ende der Illusion

Von Stephan Wehowsky
Als der Osten zusammenbrach, prophezeite der amerikanische Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“.
Er sah eine natürliche Drift der Menschheit zur westlichen Demokratie. Auch wenn viele diese Sicht für zu einfach und zu optimistisch hielten, glaubte man doch, dass die westlichen Ideale mit ihrer Freiheit und den Menschenrechten das natürliche Ziel der Menschheit seien.
Die Kriege und Bürgerkriege seither haben diesen Glauben zwar angekratzt, aber noch nicht erschüttert. Das ist erst jetzt geschehen. Dass der mächtigste Mann des Ostens unter dem tosenden Beifall erstaunlich vieler Anhänger offen auf den Westen pfeift, paralysiert hier die gesamte politische Führung. Die über Jahrzehnte aufgebaute und durch wirtschaftliche Verflechtungen gestützte Rationalität der Beziehungen hat sich als westliche Illusion erwiesen.
Das ist sogar ein Rückschritt gegenüber der Zeit des Kalten Krieges, als die Fähigkeit zur gegenseitigen vollständigen Vernichtung gepaart mit dem Überlebensinteresse auf beiden Seiten Eliten schuf, die sich in ihrer gegenseitigen Belauerung auf höchst rationale Weise verstanden. Diese Hierarchien sind zwar nicht verschwunden, aber sie werden durch anarchische populistische Bewegungen unterspült. Es gibt heute nicht einmal mehr einen rationalen Egoismus, auf den sich Taktiken und Verhandlungen gründen liessen. An die Stelle des vernünftigen Eigeninteresses sind auf beiden Seiten Emotionen im schlechtesten Sinne des Wortes getreten. Das kann der Anfang einer ganz neuen üblen Geschichte werden.
Originaltext

Unaufgeklärte Welt

Von René Zeyer
Dumm gelaufen mit der Globalisierung. Nicht mal die alten Feindbilder funktionieren mehr so richtig. Ausser in vielen Köpfen.
Eigentlich geht es um die Frage, ob sich die EU oder die USA ein weiteres bankrottes Land aufhalsen wollen. Und wie viel sich Russland den Traum vom alten Sowjetimperium kosten lassen will. Früher konnte man ungeniert aufeinander losgehen, nur gebremst durch MAD. Das steht für «Mutual Assured Destruction», gegenseitig garantierte Zerstörung, und die Abkürzung bedeutet auf Deutsch «verrückt». Also: Drückt ihr auf den roten Knopf, dann schaffen wir das auch noch, und am Schluss sind wir alle tot.
Aber heute, dumm gelaufen, geht es mehr darum, ob man sich mit Sanktionen nicht ins eigene Fleisch schneidet, wenn an der Moskauer Börse die Kurse runtergehen und gleichzeitig 40 Prozent der Werte von ausländischen Shareholdern gehalten werden. Und ob man sich wirklich mit sogenannten Freiheitskämpfern ins Bettchen legen will, auch wenn darunter rechtsradikale Neofaschisten und korrupte Oligarchen sind, die man im eigenen Land nicht mal mit der Beisszange anfassen würde.
Aber in vielen Köpfen gibt es noch Restbestände aus dem Kalten Krieg. Wer um Differenzierung oder gar ansatzweise Verständnis für Russland bittet, ohne damit etwas zu rechtfertigen, wird schnell einmal als «Putins fünfte Kolonne» denunziert. Es fehlt nur noch: «Geh doch rüber, wenn’s dir hier nicht passt.» Je komplexer und damit eigentlich interessanter die Welt wird, desto mehr steigert sich das Bedürfnis nach talkshowtauglichen Schablonen, Worthülsen, Kampfbegriffen. Dadurch wird die Welt zunehmend zum Mysterium, zu einem Ort der Unerklärlichkeit. Und fällt in den Zustand vor der Aufklärung zurück.
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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2 Antworten zu Alte Feindbilder funktionieren nicht mehr

  1. LichtWerg schreibt:

    Hat dies auf LichtWerg rebloggt.

  2. Pingback: „Gefahren warten auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“ | Akademie Integra

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