Eine neu entstehende Weltkultur

von René Cassien
Ich sehe die vorherigen AI-Beiträge
und den Beitrag
in einem Zusammenhang.
Diesen Zusammenhang möchte ich in diesem Beitrag näher beleuchten.
Vor ca. 13 Jahren haben sich die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China (und ab 2011 Südafrika) zu einer lockeren Zusammenarbeit entschlossen. Sie nannten sich nach den Anfangsbuchstaben der Mitgliedsländer „BRICS“. 2008 haben sie sich zu einem offiziellen Bund vereinigt.
Diese Länder sind das Hegemonial-Machtstreben des Westens leid. Sie haben es satt, dass Europa und die USA sie nur zur Ausbeutung ihrer wertvollen Ressourcen und als willige Abnehmer ihrer Produkte missbrauchen.
Europa und die USA haben diesen Zusammenschluss der „Underdogs“ erst belächelt.
brics_kampfansage_body_r.2212857BRICS-Gipfeltreffen – 2012 in Indien. V. l. n. r.: Dilma Rousseff, Dmitri Medwedew, Manmohan Singh, Hu Jintao, Jacob Zuma.
In der Zwischenzeit ist das Selbstbewusstsein der BRICS im Verhältnis zu den beeindruckenden Zahlen, die sie vorzuweisen haben, gestiegen. Immerhin stellen die BRICS-Staaten heute 40% der Weltbevölkerung und reklamieren über 40% des Weltbruttosozialprodukts für sich. Sie haben jährliche Zuwachsraten der Wirtschaftsleistung von 5 bis 10 % (zum Vergleich: EU etwa 2 %) und fast die Hälfte der weltweiten Devisen- und Goldreserven.
Aus den armen Underdogs sind riesige Volkswirtschaften entstanden. China alleine steht heute an zweiter Stelle der größten Volkswirtschaften der Erde. Weitere Staaten drängen in diesen Verbund von aufstrebenden Schwellenländern: Indonesien, Mexiko, Türkei, Südkorea, Kasachstan und die ASEAN-Staaten (Brunei, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam). Sie alle haben hohe Wachstumsraten und ein riesiges Potential. Brasilien ist dabei die größte Überraschung. Es verzeichnet einen fulminanten Aufstieg.
Doch aus den armen Underdogs sind nicht nur erfolgreiche Volkswirtschaften geworden, sondern auch konkurrenzfähige Wissensmächte mit unerschöpflichem Wachstumspotential. Untersuchungen namhafter wissenschaftlicher Institute zeigen einen relativen Rückgang der Wissensmacht des Westens gegenüber den BRICS-Staaten.
Besonders deutlich wird dieser Rückgang und einem fast ausgeschöpftem Wachstumspotential in Deutschland registriert.
Der ungleiche Aufstieg der BRICS-Staaten als Wissensmächte wäre mit großen Chancen und gegenseitigen Vorteilen verbunden, die jedoch nur bei entsprechenden bildungspolitischen, wirtschaftpolitischen und forschungsstrategischen Maßnahmen für den Wissensstandort Deutschland genutzt werden können. Dazu müsste sich jedoch die Wahrnehmung der deutschen Politik, die sich fast ausschließlich auf Europa konzentriert, erweitern.
Auch wenn die zukünftige Entfaltung des Potentials der BRICS-Staaten noch von zahlreichen sozialen und politischen Hürden abhängt, sind die festgestellten Trends Grund genug, die strategische Aufmerksamkeit des Westens und insbesondere Deutschlands auf sich zu ziehen. Dabei sollte das Aufstreben neuer Wissensmächte grundsätzlich nicht als Bedrohungsszenario etwa im Sinne eines Verdrängungskampfes aufgefasst werden.
Anstatt die ohnehin kaum abwendbare Schrumpfung des deutschen Anteils an der globalen Wissensmacht zu beklagen oder verhindern zu wollen, sollte es darum gehen, als Standort vom absoluten Wachstum der globalen Wissensmacht zu profitieren.
Im Gegensatz zum Aufstieg der BRICS-Staaten kämpfen die USA mit einer maroden Infrastruktur, einer gespaltenen Gesellschaft und einem völlig überzogenem militärisch – industriellen Rüstungskomplex, der die Regierung in immer neue militärische Abenteuer treibt, um seine perversen „Waffenprodukte“ zu testen und zu vertreiben. Dieses Verhalten führte die USA an den Rande des Staatsbankrotts.
Seine wenig gebildeten und bigotten Politiker produzieren die tollsten Stilblüten, wenn es um die Verteidigung ihres angeblich freiheitlichsten Land der Erde geht. Dabei ist dieses Land moralisch, finanziell und volkswirtschaftlich am Ende. Emmanuel Todd hat die USA mit dem Untergang des römischen Weltreiches verglichen und dies zurecht. Woran ist Rom zerfallen? An Grössenwahn und Dekadenz, an Sklaverei und maßloser Selbstüberschätzung. So stellt sich heute die USA dar!
Und wie steht´s um Europa? Die großartige Idee von einem vereinigten Europa, das in Frieden, Freiheit und Freundschaft zusammenlebt, wird gerade von kleingeistigen Krämerseelen zu Grunde gerichtet. Die Länder Europas leiden an großen Demokratie-Defiziten, den gesamten europäischen Institutionen gebricht es an einer demokratischen Legitimation. Der EURO wurde dilettantisch eingeführt, ohne vorher einheitliche Wirtschafts–, Rechts–, Sozial-, und Steuernormen einzuführen. Der nationale Egoismus nimmt bizarre Züge an. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht in Europa wird hauptsächlich durch unlauteren Wettbewerb Deutschlands herbeigeführt. Es überschwemmt die anderen Euroländer mit zu Dumpinglöhnen produzierten Produkten und treibt damit die europäischen Volkswirtschaften in den Ruin.
Die Politiker Deutschlands sind nichts weiter als Marionetten einer außer Rand und Band geratenen Lobby–Diktatur. Dieses Europa ist zum scheitern verurteilt, es wird wieder einmal von einem chauvinistischen und egoistischen Deutschland dominiert, das selbst enorme Demokratie-Defizite hat und keinerlei Rücksicht auf die sozial Schwächeren in seiner eigenen Gesellschaft nimmt. Was früher die Armeen des III. Reiches waren, sind heute die Exportüberschüsse, die die anderen Länder Europas in die Knie zwingen.
Doch dieses Gehabe geht jetzt beschleunigt seinem Ende zu. Der Euro wankt, die Bevölkerung schrumpft und überaltert, sie ist müde, träge und hat nur noch wenig Bürgersinn. Die Aufbruchstimmung der französischen Revolution, die ganz Europa erfasst und einen Mindeststandard an Menschenrechten garantiert hat, ist einem kleingeistigen Egomanentum gewichen, der sich nur noch um Eigeninteressen dreht. So werden die großen Veränderungen in der globalen Welt übersehen und nicht wahrgenommen. Man ist nur noch auf Geld und seinem materiellen Wohlstand reduziert. Die Europäer entblöden sich nicht in ihrer höchsten Not, die ehemals so verachteten „Underdogs“ um Geld anzubetteln und sind völlig überrascht von deren gewachsenem Selbstbewusstsein.
Die BRICSS – Staaten verbitten sich in der Zwischenzeit eine Einmischung in ihre eigenen inneren Angelegenheiten und verurteilen auch einen geplanten Krieg gegen den Iran und Syrien. Sie verhindern jede UN – Resolution gegen diese Länder, da sie von deren Rohstoffen wie Gas und Öl abhängig sind, die in immer größerem Masse zum Aufbau ihres sprudelnden Wachstums benötigt werden.
Bei ihrem Jahrestreffen 2013 in Durban, Südafrika, einigten sich die Vertreter Brasiliens, Russlands, Indiens, Chinas und Südafrikas auf die Errichtung einer BRICS-Entwicklungsbank.
Die Bank ebenso wie ein geplanter BRICS-Antikrisenfonds sollen Gegengewichte zum Internationalen Währungsfonds (IWF), zur Weltbank und Asien Developement Bank bilden.
Die Bank soll insbesondere die Infrastrukturentwicklung finanzieren, und zwar nicht nur in Schwellenländern, sondern in der ganzen südlichen Hemisphäre und sie wird in Zukunft auch mit anderen Schwellenmärkten und Entwicklungsländern kooperieren
Die am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt unternehmen also konkrete Schritte, um die Herrschaft von amerikanisch beherrschten oder Dollar-denominierten Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank zu brechen. Deren Politik steht in der Kritik, weil sie den Absichten amerikanischer und europäischer global agierender Konzerne dient und nicht den Interessen der Entwicklungsländer.
Separat einigten sich China und Brasilien auf einen bilateralen Währungs-Swap, der den Handel in Höhe von bis zu 30 Milliarden Dollar pro Jahr in eigener Währung ermöglicht. Damit wird fast die Hälfte ihres Handels nicht mehr über den US-Dollar abgerechnet. Zusammen mit ähnlichen Initiativen Chinas gegenüber anderen Handelspartnern signalisiert die Vereinbarung, dass die Tage des Dollars als Weltreservewährung gezählt sind – eine enorme Machtverschiebung. Die Rolle des Dollars als Weltreservewährung hat Washington de facto in die Lage versetzt, enorme Haushaltsdefizite anzuhäufen und Kriege durch japanische und chinesische Investitionen in US-Staatsanleihen zu finanzieren – gegen das Eigeninteresse dieser Länder.
Heute ist das Akronym BRICS in aller Munde und die fünf Länder haben sich selbst zu einer Gruppe geeint, die „dem Westen“ etwas entgegensetzen will (wobei „der Westen“, zumindest aus Sicht Brasiliens, nicht geografisch zu verstehen ist). Die Länder der BRICS-Staaten sehen sich nicht allein als eine strategische ad-hoc-Allianz, um ihre Interessen gegenüber westlichen Ländern durchzusetzen, sondern es gibt Fakten, die auf gemeinsame Zukunftserwartungen oder gar eine weitergehende politische Integration der Gruppe hindeuten.
Die erste Gemeinsamkeit der Gruppe ist ihre rasante wirtschaftliche Entwicklung. Deren Tempo und Umfang lässt keinen Zweifel daran, dass sie früher oder später massiven Einfluss auf die Weltordnung nehmen werden. Da die Population der BRICS fast die Hälfte der Weltbevölkerung darstellt, macht es sie zu Staaten der Zukunft.
Positiv formuliert, machen sie bisher keine Anstalten, ihre Gesellschaftssysteme exportieren zu wollen und sehen auch untereinander Systemgegensätze nicht als Hinderungsgrund für ad-hoc-Kooperationen. Die nationale Souveränität einzelner Staaten zu wahren, hat für diese aufstrebenden Staaten in der internationalen Zusammenarbeit höchste Priorität.
Es ist zu erkennen, dass die von den BRICS immer wieder proklamierte Nichteinmischungspolitik nicht allein Konsequenz ihres Entwicklungsstadiums ist, sondern auch Resultat einer gemeinsamen Wertehaltung. Diese lässt sich nicht zuletzt mit der kolonialen Vergangenheit der Länder erklären. Sowohl Indien als auch Brasilien und China haben jahrzehntelang unter der Kolonialherrschaft der Briten, Franzosen, Portugiesen und Niederländer gelitten.
Die Doktrin der Nicht-Einmischung bedeutet aber nicht, dass sie nicht gemeinsam auf eine Veränderung der Weltordnung hin zu einem multipolaren System hinwirken. Als Gruppe streben die fünf Staaten gemeinsam an, entsprechend ihrer ökonomischen Kraft auch politisches Gewicht zu erlangen. Immer wieder argumentieren sie öffentlichkeitswirksam, die Struktur des internationalen Systems spiegele die real existierenden Machtverhältnisse nicht mehr wider. Insbesondere Indien und Brasilien treten gleichzeitig für eine größere Beteiligung in internationalen Organisationen wie dem UN-Sicherheitsrat oder dem Internationalen Währungsfond ein.
Auf der politischen Agenda der BRICS stehen Reformbemühungen im Rahmen der internationalen Institutionen UN, IWF und Weltbank ebenso wie das Eintreten für Klimaschutz, Energie- und Lebensmittelsicherheit und die Erfüllung der UN-Millennium-Entwicklungsziele (MDGs).
Das internationale Interessenspektrum der BRICS-Staaten hat sich über die Jahre hinweg kontinuierlich ausgeweitet, woraus mittlerweile Stellungnahmen zu sicherheitspolitischen Themen wie dem internationalen Terrorismus, dem Nahostkonflikt, der Sicherheitslage in Nordafrika, Afghanistan, Iran oder Syrien resultieren. Dabei scheuen die BRICS nicht vor massiver Kritik an westlichen Militäroperationen in fragilen Staaten, die sie zumeist mit ihrem Eintreten für die Nichteinmischung in nationale Angelegenheiten unter Berufung auf völkerrechtlich garantierte Souveränitätsrechte begründen.
Der größte gemeinsame politische Konsens der BRICS besteht in ihrem Streben, das aus ihrer Sicht westlich dominierte Weltsystem sukzessive in eine multipolare Ordnung umzuwandeln.
Die BRICS-Kooperation ist wenig institutionalisiert und erlaubt den beteiligten Staaten, jenseits von Differenzen partiell für gemeinsame Interessen und Ziele einzutreten und ihr Gewicht auf der politischen Bühne zu vergrößern. Zheng Bijian, ein chinesischer Denker und Politstratege, der schon Deng Xiaoping beraten hat, prägte den Begriff der „communities of interest“. Dieser geht davon aus, dass politische Zusammenarbeit auch jenseits von Systemgegensätzen und Wertedifferenzen möglich ist.
Die derzeitige politische Lage deutet darauf hin, dass nach einem von ideologischen Gegensätzen bestimmten Jahrhundert nun ein pragmatischer Ansatz der internationalen Zusammenarbeit vorherrschend wird.
Doch ganz gleich, welche Qualität die Formation der BRICS-Staaten hat, zweifellos wird diese Gruppe von Ländern in Zukunft an Einfluss gewinnen.
Die bipolare Weltordnung gehört der Vergangenheit an.
Das gemeinsame Auftreten der BRICS-Staaten ruft bei den etablierten westlichen Akteuren wie den USA oder der EU häufig ein Konkurrenzdenken und damit verbundene Ängste hervor. Die derzeitige Ordnung des internationalen Systems beruht auf der Mächtekonstellation nach 1945. Bleiben diese Strukturen starr und verschließen sich weiterhin der derzeitigen Entwicklung, werden sich auch künftig alternative politische Institutionen und Bündnisse nach dem Vorbild der G20 bilden, die den erstarkenden Volkswirtschaften als politische Plattform und Sprachrohr dienen. Das bestehende Ungleichgewicht wird solange Motor für diese Entwicklung sein, bis eine Institutionenreform stattgefunden hat.
Die Macht in der Welt verschiebt sich leise und es entsteht eine neue Weltkultur.
Leider von der Bevölkerung des Westens weitgehend unbemerkt.
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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