Gemeingüter – Macht der Bürger

Sendung zum Thema
Gemeingut, Gemeinwohl und Gemeinsinn
Macht gemeinsam stark?
am Donnerstag 20.2.2014, 21:00 Uhr in 3sat
1901_gore_globus_n_481x270„Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist auf lokale und selbst organisierte Institutionen angewiesen“, so die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom. Erst die Strukturen von Gemeinschaft auf überschaubarem Niveau sichern das Überleben einer Kultur. So entsteht ein neues Verständnis von Gemeinschaftsgütern.
Dabei geht es nicht nur um gemeinsam genutzte Ressourcen wie Wasser und Luft. Auf Konsumgüter wie CD’s, Bücher und Filme können alle über Netzwerke wie iTunes, Napster und neue elektronische Lesegeräte zugreifen. Selbst Autos werden nicht mehr besessen, sondern im Sinne einer „sharing economy“ geteilt. Bereits in den 1980er Jahren entstand in den USA ein Gesellschaftsmodell zur Ideologie des Wirtschaftsliberalismus. Nicht der Einzelne und die Gültigkeit des freien Marktes sollten oberstes Prinzip der Gesellschaft sein, sondern das Gemeinwohl. Deshalb wird der Einzelne nur zusammen mit anderen Menschen in der Lage sein, über die Grundsätze der Gerechtigkeit und über die vielen Güter so zu verhandeln, dass möglichst alle Menschen Zugang zu ihnen erhalten. Über die neuen Aspekte von Gemeingut, Gemeinwohl und Gemeinsinn diskutiert Gert Scobel mit seinen Gästen.
Hintergrund
Bei „scobel“ steht jede Woche ein klar definiertes Thema im Mittelpunkt, das in offener Form umgesetzt wird. Ob als Gespräch, Film, Reportage oder Magazin – weder journalistisches Genre noch Format sind festgelegt. Gert Scobel verbindet als Moderator interdisziplinär die Vielfalt der Themen aus Kultur und Wissen und garantiert deren spannende und adäquate Umsetzung.
Personen
Gäste:
Silke Helfrich Publizistin und Autorin für Commons Strategien ;
Timo Goeschl Ökonom am Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften und beim Forschungszentrum für Umwelt-Ökonomik; Heidelberg ;
Gemeingut, Gemeinwohl und Gemeinsinn
Macht gemeinsam stark?
Heute entsteht ein neues Verständnis von Gemeinschaftsgütern. Dabei geht es nicht nur um gemeinsame globale Güter wie Wasser oder Luft. Auch Konsumgüter wie CDs, Bücher und Filme werden zunehmend gemeinsam genutzt. Gerade junge Erwachsene verzichten darauf, diese Dinge physisch in Besitz zu nehmen.
Gemeingüter
Geschichte und Philosophie
„Macht euch die Erde Untertan“, so steht es in der Bibel. Doch wie diese Aneignung stattfinden soll, darüber wird seit Jahrtausenden gestritten. Der Kampf um die gemeinsamen Ressourcen bewegt sich zwischen den Polen von Privateigentum und Gemeineigentum, zwischen individuellem Gewinn und Gemeinwohl, zwischen Markt und Staat.
Kapital führt zur Ausbeutung
Der Liberalismus glaubt, dass Privatpersonen besser geeignet sind, gemeinsame Ressourcen auszubeuten, als staatliche Einrichtungen. John Locke spricht von einem Grundrecht auf Eigentum. Der Staat hat lediglich die Aufgabe, das Eigentum des Einzelnen zu schützen. Die Anhäufung von Eigentum in Form von Kapital führt aber zur totalen Ausbeutung der Natur und des Menschen selbst. Der Marxismus fordert deshalb die Aufhebung des Privateigentums in einer sozialistischen Planwirtschaft. Heute versucht der moderne Sozialstaat zwischen freiem Markt und staatlicher Regulierung zu vermitteln. Eigentum verpflichtet, es soll „im Interesse aller“ genutzt werden.
Einen dritten Weg zwischen Markt und Staat eröffnet das Modell der Gemeingüter oder Allmende. Im Mittelalter bezeichnete Allmende das gemeinsame Eigentum an landwirtschaftlicher Nutzfläche. Heute meint der Begriff ganz allgemein: gemeinsam genutzte Ressourcen ohne individuelle Eigentumsrechte. Ob das geht, wird immer wieder angezweifelt, man spricht dann von der „Tragik der Allmende“. Gilt ein Teich mit vielen Fischen als Gemeineigentum, bedienen sich die Menschen maßlos bis es keine Fische mehr gibt. Aber selbst bei Privateigentum gibt es diese Tragik. Rohstoffe werden gnadenlos verbraucht, obwohl ihre Vorkommen begrenzt sind.
Natürliche Kooperationen sind Evolutionsprinzip
Ist der Mensch also ein egoistisches Raubtier? Anthropologen widersprechen hier. Neben Mutation und Selektion sehen sie in der „natürlichen Kooperation“ ein entscheidendes Prinzip der Evolution. Der Mensch ist ein auf Kooperation angewiesenes Wesen. „Wir haben herausgefunden, dass die Menschen die sozialsten Wesen sind. Wir haben den größten Neocortex, und wir sind biologisch dazu bestimmt, Mitgefühl, soziales Verhalten, Intimität zu entwickeln. Und wir suchen tiefe Bindungen in sozialen Gemeinschaften. Das ist unsere ursprüngliche Natur“, sagt der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin.
Vielleicht sollte man aber gar nicht fragen, ob Menschen wirklich kooperieren wollen, sondern wie ihnen geholfen werden kann, damit sie es tun. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom fand heraus, dass lokale Gruppen Gemeingüter sehr effizient und umweltschonend nutzen. „Viele Leute denken, ich hielte lokale Lösungen immer für besser als staatliche. Das stimmt nicht. Aber ich sage, es gibt viele Dinge, die lokal organisierte Gruppen tun können und schon getan haben. Und wir können vieles daraus lernen“, so Elionor Ostrom. Bei ihrer weltweiten Feldforschung kam sie zu folgendem Ergebnis: Wer Institutionen für Gemeingüter gestalten will, muss die Nutzer in den gesamten Prozess einbeziehen und ihre Interessen berücksichtigen. Das Ziel: ein gemeinsames Erbe – wie etwa Saatgut – schützen und zugleich die Menschen besser an den Erträgen aus den Ressource beteiligen.
Gemeingüter haben definierte Nutzergruppen
Gemeingüter sind kein Niemandsland, sie haben in der Regel klar definierte Nutzergruppen. Die Rede von der „Tragik der Allmende“ gilt daher nicht für Nutzer lokaler Ressourcen. Sie geben sich Regeln und überwachen auch deren Einhaltung, sodass ein nachhaltiges Wirtschaften möglich ist. Dennoch sah Ostrom in lokalen Wirtschaftsformen kein Allheilmittel.“Wir lehnen den Markt nicht ab. Wir wollen den Kapitalismus aber auch nicht bevorzugen. Die Menschen in den USA, in Deutschland und anderswo erkennen erst allmählich die wirkliche Bedeutung der Ressourcen, von denen sie leben“, so die Umweltökonomin.
Was an einem Ort funktioniert, kann woanders scheitern. Institutionelle Vielfalt ist deshalb für Ostrom genauso wichtig wie biologische Vielfalt. Die Nutzer müssen die Regeln im Umgang mit den Gemeingütern verstehen, sonst entwickeln sie große Energien, um diese zu umgehen. Hier ist die Politik gefragt und jeder einzelne Bürger, denn zügelloser Konsum zerstört die Ressourcen. Gemeingut hat nichts mit Altruismus zu tun, sondern mit der Schaffung „einer besseren Welt, auch für MICH“.
Gemeingut Internet
Wir leben in einer Zeit, in der sich durch das Internet neue Räume erschließen. Informationen, aber auch Software scheinen damit kostenlos und frei für jeden zur Verfügung zu stehen. Ist die digitale Welt also ein Gemeingut?
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Commons – Global
Der Kampf um lebenswichtige Ressourcen
29_oeko_fussabdruck2a_n_481x2797,2 Milliarden Menschen leben heute auf der Erde. Mit stetig wachsender Bevölkerung verschärft sich der Kampf um die lebenswichtigen Ressourcen. Die Gemeingüter, die Commons, werden immer knapper. Wie sollen wir in Zukunft mit ihnen umgehen?
Weiter lesen
Gert Scobel stellt das Buch „Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“ von Silke Helfrich vor.
Trailer
Zur Ergänzung: Sendung in 3sat vom 18.2.2014:
Wem gehört die Welt – Wachstum durch Teilen
Reines Wasser, klare Luft und fruchtbarer Boden – wem gehören diese Ressourcen der Natur? Allen? Keinem? Tatsache ist, dass sie immer knapper werden. Wie kann man in Zukunft am besten damit umgehen?
Komplette Sendung

 

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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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