Eine andere Welt ist möglich. Lasst sie uns bauen!

von René Cassien
„Wie müssen wir denken, um in der globalisierten Welt ein menschenwürdiges Leben für alle realisieren zu können“
Dies sind Worte von

Ulrich Rösch

der in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 2014 im Alter von 63 Jahren im badischen Lörrach gestorben ist. Er war einer der profiliertesten Mitstreiter für die Idee eines sozialen Unternehmertums.
Ulrich_RoeschIch verliere einen guten Freund, mit dem ich intensiv zusammenarbeiten und von dem ich sehr viel lernen durfte. Ich werde ihn immer als einen außergewöhnlichen und sehr liebenswerten Menschen in Erinnerung behalten.
Zu seiner Würdigung möchte ich ihn selbst zu Wort kommen lassen:
Eine andere Welt ist möglich
Die sozialen Probleme der Gegenwart lassen sich nicht mehr aus einer beschränkten (zum Beispiel europäisch-amerikanischen, westlichen) Sicht lösen. Um die Weltprobleme, die durch die globale Revolution heraufgezogen sind, zu erfassen, bedarf es eines weltumspannenden Wahrnehmens und Denkens. Nur der Blick auf das Ganze lässt heute die Dimension der Probleme erfassen, die uns in existenzielle Krisen gebracht haben. Partiale Betrachtungen oder Lösungsvorschläge müssen fehlschlagen: Jedes Teilproblem lässt sich nur aus der Totalität verstehen. Das sagt natürlich noch nichts dagegen, dass Lösungsansätze auch dann, wenn sie vom Ganzen her angegangen werden, immer an einem speziellen Punkt ansetzen werden. Insofern entspricht die Devise „Think global – act local“ den Herausforderungen einer Zeit, in der die Menschheit zu einem Ganzen zusammengewachsen ist, in der aber die individuelle Verantwortlichkeit des einzelnen Menschen für die gesellschaftliche Entwicklung immer wichtiger wird.
Nicht das Wirtschaftsleben an sich hat die Probleme, die mit der Globalisierung verbunden sind, hervorgebracht, sondern die Tatsache, dass dessen Entwicklungen mit der Ideologie des Liberalismus verbunden sind. Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kamen mit dem Aufschwung der konservativen politischen Kräfte im Westen im Gewande eines sog. „modernen oder Neo-Liberalismus“ die alten privatwirtschaftlichen liberalistischen Dogmen und Ideologien zum Zuge.
Die davon ausgehenden Wirtschafts- und Sozialtheorien haben uns in die Probleme der Globalisierung hineingeführt. Ihre wesentlichen ökonomischen Begriffe entstammen einer ständischen Ordnung geschlossener Hauswirtschaften. Unsere modernen Gesellschaften haben aber inzwischen gewaltige Entwicklungen durchgemacht, denen unser Denken nicht folgte.
Um einen wirklichkeitsgemäßen Ausgangspunkt für schöpferische aber konkrete Utopien zu gewinnen, müssen wir unser Denken durch unbefangenes Anschauen der sozialen Phänomene entideologisieren. So lange wir daran festhalten, das soziale Geschehen mit den Begriffen einer vergangenen Sozial- und Wirtschaftsordnung zu beschreiben, werden wir fortlaufend weitere soziale Schäden hervorrufen.
So erleben wir uns in einer Welt, die grosse Gefahren, aber auch grosse Möglichkeiten in sich birgt. Wir müssen uns mehr und mehr befähigen, nicht nur die Gefährdungen in der Welt zu sehen, sondern auch die positiven Entwicklungstendenzen in den problematischen Erscheinungen aufzuspüren und ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. Solche Tendenzen erlebend zu erkennen und sich mit seinem Willen in den Dienste einer solchen eine neue, eine menschlichere Wirklichkeit schaffenden Bewegung zu stellen, wäre Bedingung für die Entwicklung einer Welt, die dem Zeitalter des Postmaterialismus entspräche.
Den Fortschrittsgrad einer Gesellschaft kann man daran messen, wie weit menschliche Fähigkeiten und Bedürfnisse individualisiert wurden, d.h. wie weit Menschen – in globaler Zusammenarbeit – aus ihrer Freiheit heraus für andere Menschen tätig werden können und wollen. – Libertê.
Arbeitsteilung, Fremdversorgung, kollektive Produktionsweise sind die Prinzipien der modernen Wirtschaftsgesellschaft. Kein Gebiet der Erde ist heute mehr in der Lage sich selbst zu versorgen. Nur eine umfassende, erdumfassende Zusammenarbeit kann den Bedingungen der postindustriellen Produktionsweise gerecht werden und somit die Grundlage für eine postmaterialistische Weltordnung abgeben. Die „global players“ wissen dies, sie müssen sich nur noch von der Repression des „shareholder value“-Denkens und der Ideologie des egoistischen Profitstrebens verabschieden.
Die Globalisierung wird weiter fortschreiten. Soll sie jedoch das Maß des Menschen erlangen und somit die Würde des Menschen bewahren und immer mehr verwirklichen, so muss sie von der Ideologie des Neoliberalismus befreit werden. Die moderne Produktionsweise, nämlich das umfassende Tätig-Sein für eine andere Menschengruppe oder einen anderen Menschen, erfordert das ökonomische Funktionsprinzip der solidarischen oder brüderlichen (geschwisterlichen) Zusammenarbeit. – Fraternitê. …
Das Strömen der Wirtschaftswerte, deren Entstehen oben beschrieben wurde, ist begleitet von den Rechtsvorgängen des zur Mitarbeit Verpflichtens der „Werktätigen“ beziehungsweise des Berechtigens zum Bezug der produzierten Güter und Leistungen durch die Konsumenten. Diese Rechtsvorgänge werden vermittelt durch das Geld. Das Geld als Rechtselement reguliert diese Beziehungen – das Geld wie unser gesamtes Rechtsleben muss auf eine demokratische Grundlage gestellt werden. So können die Rechtsvorgänge in einem neuen „Vertragen“ nach dem Masse der Gleichheit gestaltet werden. – Egalitê.
Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit sind die Funktionsprinzipien einer modernen, auf Selbstverwaltung aufgebauten Gesellschaft. Diese kann nur dann das Mass des Menschen erhalten, wenn sie seinem Wesen entsprechend gegliedert wird: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben, Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben. Oder man kann auch die Formulierungen des Prager Frühlings übernehmen und das Ziel als einen „Sozialismus mit dem Antlitz des Menschen“ beschreiben. Eine solche Gesellschaft wird auch eine regional gegliederte und entsprechend differenzierte globale Weltgesellschaft sein.
Erst wenn eine genügend große Zahl von Menschen aus solchen neuen Einsichten heraus die Gestaltung der Welt in die Hand nehmen wird, werden wir eine wirkliche Gesundung der sozialen Verhältnisse erfahren können. Das Aufleben und starke Wachsen der weltweiten Zivilgesellschaftsbewegung kann einen nur ermutigen. „Crêativitê au Pouvoir“, die Kreativität an die Macht,war der Slogan der Pariser Mai-Revolte 1968. Dieser Kampfruf gilt heute noch mehr.
Das Durchschauen und Erkennen der sozialen Entwicklungstendenzen und Prozesse ist die eine Seite, das künstlerische und kreative Entwickeln neuer sozialer Formen muss hinzukommen. Dann kann gemeinsam mit den andern Menschen, die eines guten Willens sind, eine andere, bessere, dem Menschen gemäßere Welt geschaffen werden.
Es kann sich nicht darum handeln, einen paradiesischen Zustand anzustreben, sondern die Krankheitsherde unserer Gesellschaft zu beseitigen, damit sich der soziale Organismus seinem Wesen entsprechend in einer gesunden Weise entwickeln kann. Alle Menschen die daran mitwirken, sind Mitgestalter, Mit-Künstler an der sozialen Skulptur.
Ausschnitte einer Arbeitstagung zur Frage der Neugestaltung des Geld- und Bankenwesens. Aufzeichnung vom 16.8.2013 mit Ulrich Rösch und Johannes Stüttgen über den Rechtscharakter des Geldes in Vortrag und freier Diskussion.

Ulrich Rösch, 1951 geboren, Studium der Philosophie, Pädagogik. Germanistik und Sozialwissenschaften an den Pädagogischen Hochschulen in Lörrach, Weingarten und den Universitäten Berlin und Konstanz.
Seit der Begründung des Internationalen Kulturzentrums 1971 in Achberg (b. Lindau/Bodensee), insbesondere am dortigen Institut für Sozialforschung und Entwicklungslehre tätig, an dem auch Joseph Beuys, Wilfried Heidt, Leif Holbaek-Hansen, Ossip K. Flechtheim, Eugen Löbl, Wilhelm Schmundt und Ota Sik arbeiteten. Forschungsschwerpunkt: neue Wirtschaftsformen und Organisationsentwicklung.
1976 Gründung der Freien Waldorfschule Wangen im Allgäu, sieben Jahre als geschäftsführender Lehrer tätig. 1982 Gründung und Geschäftsführung eines Textil-Unternehmens, welches ökologische Bekleidung aus biologisch-dynamisch angebauter Baumwolle in Modellprojekten in Indien herstellt.
Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, an der Freien Hochschule Stuttgart, am Humboldt-Kolleg Wangen, am Studiengang „Soziale Skulptur“ Achberg/Wangen, an der Höheren Fachschule für Pädagogik am Goetheanum in Dornach.
Seit 1999 war Ulrich Rösch für die Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator tätig.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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