Papst Franziskus redet WEF-Präsident per Brief ins Gewissen

Mit mehr als 2500 Teilnehmern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ist am Mittwoch in Davos die 44. Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) eröffnet worden. Die viertägigen Beratungen, an denen sich mehr als 40 Staats- und Regierungschefs sowie zahlreiche Außenminister beteiligen, stehen unter dem Motto „Die Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“.
Papst Franziskus hat dem Vorsitzenden des WEF-Forums, Professor Klaus Schwab, einen Brief geschrieben, in dem er ihn auffordert, nicht nur auf Wirtschaftswachstum, sondern auch auf die Menschlichkeit und das Menschliche Wachstum zu achten.
Nachfolgend der Brief des Papstes in der deutschen Übersetzung:
An Professor Klaus Schwab, Präsident des World Economic Forum
Ich bin sehr dankbar für Ihre freundliche Einladung, mich an die Jahrestagung des World Economic Forum, die Ende dieses Monats wie gewohnt in Davos Klosters stattfinden wird, zu wenden. Im Vertrauen darauf, dass die Tagung Gelegenheit bieten wird, um die Ursachen der Wirtschaftskrise, die die Welt in den letzten Jahren getroffen hat, eingehender zu betrachten, möchte ich einige Überlegungen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie die Diskussionen des Forums bereichern und einen nützlichen Beitrag zu seiner wichtigen Arbeit leisten.
Wie leben in einer Zeit des bemerkenswerten Wandels und der beträchtlichen Fortschritte auf verschiedenen Gebieten, die wichtige Auswirkungen auf das Leben der Menschheit haben. In der Tat: «Lobenswert sind die Erfolge, die zum Wohl der Menschen beitragen, zum Beispiel auf dem Gebiet der Gesundheit, der Erziehung und der Kommunikation » (Evangelii Gaudium, 52), neben vielen anderen Bereichen der menschlichen Tätigkeit. Ausserdem müssen wir die fundamentale Rolle anerkennen, welche das moderne Unternehmertum beim Herbeiführen dieser Änderungen gespielt hat, indem es die gewaltigen Ressourcen der menschlichen Intelligenz gefördert und weiterentwickelt hat. Dennoch haben die erreichten Erfolge, selbst wenn sie für eine grosse Anzahl von Menschen Armut verringert haben, oft zu einer weitreichenden sozialen Ausgrenzung geführt. Tatsächlich erfährt der Grossteil der Männer und Frauen unserer Zeit weiterhin tägliche Unsicherheit mit oft dramatischen Konsequenzen.
Im Rahmen Ihres Treffens möchte ich die Bedeutung der unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Instanzen für die Förderung eines inklusiven Ansatzes, der die Würde jedes Menschen und das Allgemeinwohl berücksichtigt, betonen. Ich beziehe mich auf ein Anliegen, das in jede politische und wirtschaftliche Entscheidung einfliessen sollte, das zuweilen jedoch kaum mehr als ein Nachsatz scheint. Diejenigen, die in diesen Bereichen arbeiten, haben eine klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am zerbrechlichsten, schwächsten und verwundbarsten sind. Es ist nicht hinnehmbar, dass Tausende von Menschen weiterhin jeden Tag an Hunger sterben, obwohl erhebliche Mengen an Nahrung verfügbar sind und oft einfach verschwendet werden. Ebenso können wir nicht anders, als bewegt zu sein von den vielen Flüchtlingen, die ein Mindestmass an würdigen Lebensbedingungen suchen und nicht nur keine Gastfreundschaft erfahren, sondern auf ihrem oft unmenschlichen Weg auch oft auf tragische Weise zugrunde gehen. Ich weiss, dass diese Worte eindringlich und sogar dramatisch sind, aber sie wollen die Fähigkeit dieser Versammlung, eine Veränderung zu bewirken, sowohl bekräftigen als auch auf die Probe stellen. In der Tat können diejenigen, die ihre Fähigkeit zur Innovation und zur Verbesserung der Lebensbedingungen vieler Menschen durch ihren Einfallsreichtum und ihre fachliche Kompetenz bewiesen haben, noch einen weiteren Beitrag leisten, indem sie ihre Fähigkeiten in den Dienst derer stellen, die noch in extremer Armut leben.
Was wir brauchen, ist ein erneuerter, tiefgreifender und erweiterter Sinn für Verantwortung bei allen. «Die Tätigkeit eines Unternehmers ist eine edle Berufung, vorausgesetzt, dass er sich von einer umfassenderen Bedeutung des Lebens hinterfragen lässt (Evangelii Gaudium, 203).» Solche Männer und Frauen sind in der Lage, dem Gemeinwohl effektiver zu dienen und die Güter dieser Welt für alle zugänglicher zu machen. Dennoch verlangt die Entwicklung der Gleichberechtigung mehr als Wirtschaftswachstum, obwohl sie es voraussetzt. Sie verlangt vor allem «eine transzendente Sicht der Person» (Benedikt XVI, Caritas in Veritate, 11), denn: «Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben … (fehlt) dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der grosse Atem» (ebd.). Sie erfordert auch Entscheidungen, Mechanismen und Prozesse, die darauf ausgerichtet sind, eine bessere Verteilung des Wohlstands, das Schaffen von Beschäftigungsmöglichkeiten und eine integrale Förderung der Armen, die über eine blosse Wohlfahrtsmentalität hinausgeht, herbeizuführen. Ich bin überzeugt, dass durch eine solche Offenheit gegenüber dem Transzendenten eine neue politische und wirtschaftliche Mentalität Gestalt annehmen kann. Eine Mentalität, die in der Lage ist, sämtliche wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten zu leiten, im Horizont eines ethischen Ansatzes, der wirklich menschengerecht ist.
Die internationale Geschäftswelt kann auf viele Männer und Frauen zählen, die grosse persönliche Ehrlichkeit und Integrität aufweisen, deren Arbeit inspiriert und geleitet wird von hohen Idealen der Fairness, Grosszügigkeit und Sorge für die authentische Entwicklung der menschlichen Familie. Ich fordere Sie auf, auf diese grossen menschlichen und moralischen Ressourcen zurückzugreifen und diese Herausforderung mit Entschlossenheit und Weitsicht anzunehmen. Ohne natürlich die spezifischen wissenschaftlichen und fachlichen Anforderungen des jeweiligen Kontextes ausser Acht zu lassen, bitte ich Sie, sicherzustellen, dass Wohlstand der Menschheit dient, anstatt sie zu beherrschen.
Werter Herr Präsident und liebe Freunde, ich hoffe, dass Sie diese kurze Wortmeldung als Zeichen meiner pastoralen Sorge sehen sowie als konstruktive Unterstützung Ihrer Aktivitäten, damit diese immer edler und fruchtbarer sein mögen. Ich erneuere meine besten Wünsche für ein erfolgreiches Treffen und erbitte den göttlichen Segen für Sie und die TeilnehmerInnen des Forums sowie für Ihre Familien und Ihre Arbeit.»
Aus dem Vatikan, 17. Januar 2014

 

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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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