Gedanken zum “kaputten Internet”

von Ingo Kurpanek aus „Thought forge“
Seit einigen Wochen treibt mich das Thema „kaputtes Internet“ um. Ich habe ja schon angefangen darüber zu schreiben – aber mittlerweile wird es ein wenig drängender damit. Im Modern-Nerdfare-Team wollen wir alsbald anfangen, das Ganze in einen Podcast zu gießen (eigentlich experimentieren wir nur mit dem Medium „Podcast“ herum, denn vielleicht hören mehr Leute als sie lesen und damit könnte sich der Rezipientenkreis erweitern lassen) und so muss ich erst einmal wieder einen Schritt zurücktreten, Gedanken sortieren und das Problem von verschiedenen Seiten beleuchten.
Meine Art der „Beleuchtung“ nennt David gern „pfennigfuchsen“, weil ich mir halt genau ansehe, welche Begriffe in der Debatte benutzt werden und ob sie überhaupt richtig verwendet werden. Schließlich wollte er eine Nerd-Philosoph-Diskussion podcasten. Nun, das kann er haben.
„Kaputt“ – was soll das überhaupt meinen?
Zunächst einmal wird in der öffentlichen Debatte und im Schlagabtausch zwischen Bloggern, Journalisten und allen dazwischen der Begriff „kaputt“ gleich auf zwei völlig von einander verschiedene Dinge angewandt: Auf das Internet von Sascha Lobo und auf die Menschen von Martin Weigert.
Zu sagen, das Internet sei kaputt ist zwar begrifflich richtig, der Wahrheitswert der Aussage ist jedoch negativ. Zumindest wird der Begriff „kaputt“ hier richtig angewandt, denn nur Artefakte können kaputt gehen. Dinge, die wir selbst geschaffen haben, die technisch sind. Der Wahrheitswert entspricht dem, was Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet hat. Das Internet ist nämlich nicht kaputt. Im Gegenteil: Es funktioniert großartig. Sascha Lobo benutzt also einen Begriff, der auf eine Infuktionalität hinweisen soll und verwendet ihn, weil die Vertraulichkeit der Kommunikation über das Medium Internet beeinträchtigt ist. Zumindest am Anfang sieht er noch ein, dass es rein technisch durchaus noch ganz prima funktioniert – am Ende des Textes ist es dann aber trotzdem der falsche Begriff des “kaputt seins”. Und da er ihn nicht nur falsch verwendet, sondern sich für diese Falschheit gar nicht weiter interessiert, ist das Bullshit im Frankfurtschen Sinne.
Martin Weigert macht das ähnlich. Für ihn sind die Menschen und ihr Sicherheitsbedürfnis kaputt. Nun, Menschen können nicht kaputt gehen. Zwar leben wir in einer recht technisch betrachteten Welt, dennoch werden Menschen krank und sterben allerhöchstens. Kaputtgehen könnten vielleicht die künstlichen Hüftgelenke, die so ein Mensch mit sich herumträgt. Damit ist auch die Aussage, dass die Menschen kaputt seien, die da Internet benutzen, offensichtlicher Bullshit, der die Wahrheitswerte der Aussage schlicht ignoriert.
Ok. Ich will zumindest versuchen, das mediale Bullshit-Level zu verlassen. Wenn das Internet nicht kaputt ist, da es ja offensichtlich noch ganz großartig funktioniert und die Menschen gar nicht kaputt sein können, sondern allerhöchstens krank werden – bleibt die Frage: Was genau geschieht hier eigentlich gerade?
Das Verwenden von Informationen und das Problem der Privatsphäre
Der aktuelle Schock über die Spionage und das massenhafte Sammeln von Daten basiert meiner Ansicht nach auf einen Irrtum, welcher durch das Gefühl ausgelöst wird, dass die Dinge, die wir in unsere Browser-Fenster oder Mailprogramme tippen privat sind und bleiben. Ich will versuchen, dieses irrtümliche Gefühl greifbarer zu machen:
Wenn wir Dinge in unsere Computer oder Smartphones eingeben, dann sind wir die meiste Zeit über allein. Wir sitzen allein vor dem Computer und beim Smartphone ist es noch intimer, denn das haben wir immer in der Hand. Nur selten sieht uns jemand über die Schulter und sieht, was wir tun. Das erzeugt das Gefühl, das wir privat für uns allein wären. Und genau da kommt ein Problem auf uns Internetnutzer zu: Wir glauben, dass wir privat für uns sind und dass die Dokumente, Bilder und Videos, die wir auf die Server von Google, Dropbox und Co. laden auch nur von uns gelesen und bearbeitet werden können. Genau an dieser Stelle machen wir einen Fehlschluss. Wir geben die Daten aus der Hand und glauben, sie lägen nur für uns auf den Servern bereit. Und sind dann schockiert, wenn es Unternehmen oder Geheimdienste gibt, die uns dieser selbsterzeugten Illusion berauben.
Interessant daran ist, dass es nur die „jüngere Generation“ zu treffen scheint. Ein Freund von mir ist mit seinen knapp 53 Jahren schon durchaus ein Dinosaurier – aber schon immer einer, der sich intensiv mit Technik beschäftigt, seine Computer meist selbst baut und früher selbst damit gehandelt hat. Jemand, der die Gründerzeit der IT miterlebt hat, wenn man so will. Und das beste ist: Er traut all den sozialen Netzwerken und Cloud-Speichern nicht.

„Wenn ich Sachen auf meiner externen Festplatte speicher, dann kann ich sie mir in die Schublade oder in den Schrank legen. Dann weiß ich wo die Daten liegen und auch, wer darauf zugreifen kann. Nämlich ich selbst, wenn ich die Platte in Händen halte. Diesem ganzen Cloud-Mist trau ich nicht über den Weg. Ich weiß dann ja nicht einmal genau, wo meine Daten landen. Und wenn ich sie überall zugreifbar haben will, dann nehm’ ich halt ’nen USB-Stick mit.“

Worte, die veraltet klingen, in Zeiten, in denen alles überall via Internet zugreifbar ist, wir unserer Arbeit, unser Hobbys und unsere Fotos immer und überall abrufbar mitnehmen können und es toll finden, keine Sticks und Festplatten mit uns herumtragen zu müssen. Wenn man aber genau darüber nachdenkt, dann berauben wir uns damit selbst der Kontrolle über unsere Daten. Wir geben sie an andere und nutzen ihre Dienste, um auf unsere (möglicherweise sehr intimen) Daten zuzugreifen. Und weil wir allein sind, während wir sie speichern, glauben wir, dass auch nur wir allein diese Daten sehen können.
Wichtig zu bemerken ist, dass es unsere Entscheidungen sind, die all das erst ermöglichen. Wir entscheiden uns dazu, unsere Daten abzugeben, weil wir den Werbeversprechen glauben, dass das alles ungemein praktisch ist und toll und hip. Dass USB-Sticks oder Festplatten mit sich herumtragen nicht mehr zeitgemäß ist. Und damit entscheiden wir uns dazu, unsere Daten Unternehmen anzuvertrauen und die volle Kontrolle über die Daten aufzugeben. Das ist wichtig: Wir haben die Kontrolle über die Daten nicht etwa verloren; sie ist uns auch nicht entrissen worden. Wir haben sie bewusst aufgegeben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Wurde das Vertrauen in das Internet kaputtgemacht?
In den frühen 90ern glaubten Mediensoziologen noch, dass da Internet die Menschen zusammenführen würde. Differenzen könnten aus der Welt geschafft werden, grenzenlose, schichtübergreifende Kommunikation und Anonymität könnten einen noch nie da gewesenen kulturellen und politischen Austausch ermöglichen.
Knapp 15 Jahre später sahen sie ein, dass sie sich irrten.
Das Internet führt Menschen zusammen – das ist richtig. Aber nur Menschen mit gleichen Interessen und aus den gleichen sozialen Schichten. Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Internet auf nahezu gleiche Art und Weise ab, wie „im echten Leben“.[1] Die Illusion, dass das Internet der verheißungsvolle Garten Eden ist, in dem alle weltlichen Differenzen hinter uns zurückbleiben, zerplatzt in der Wissenschaft also recht schnell. Im Rest der Gesellschaft wollte diese Desillusionierung allerdings nicht recht fruchten. Ich vermute, die Botschaft einfach nicht werbewirksam genug gewesen ist, denn, wenn man die Wissenschaft unter die Leute bringen will, muss man einen Veröffentlichungsweg wählen, den die Menschen verstehen, mögen und auch rezipieren wollen. Wissenschaftliche Abhandlungen sind meist nicht all zu spannend geschrieben – und deswegen wollen die Leute sie meist gar nicht erst lesen.
Ich stelle an dieser Stelle fest: Wir hatten ein gewisses Vertrauen in das Internet – aber es war nicht berechtigt. Die hohen Erwartungshaltungen konnte es nicht erfüllen. Der Glaube daran, dass wir die Kontrolle über unsere Daten behalten, auch wenn wir sie einem anderen anvertrauen, ist schon von Anfang an äußerst fragwürdig. Immerhin geben wir sie ja weg und haben als Garantie dafür, dass sie privat bleiben, nur Vertragsbestimmungen, die sich sowohl ändern als auch von beiden Seiten aufgekündigt werden können. Ich finde, das ist nicht viel.
Das Vertrauen in das Internet war also, sachlich betrachtet, nicht all zu gerechtfertigt. Wie kann etwas, dass ohnehin fragwürdig ist, noch weiter zerstört werden? Eine Frage, die ich zunächst offen lassen will.
Dass die Geheimdienste hier nun alles einsammeln, was sie kriegen können, ist eigentlich nur verständlich. Dazu sind Geheimdienste da. Das ist ihre Kernaufgabe. Und wir haben ihnen dabei große Dienste getan, in dem wir alles brav abgeliefert haben. Immerhin hatten wir, was die Angebote angeht, ja auch einen Nutzen davon: Statt Diaabende zu veranstalten konnten wir Fotos direkt in soziale Netzwerke kippen. Da können wir zwar nicht gemeinsam mit unseren Freunden ein Bier trinken, Chips knabbern, lachen und Erinnerungen teilen – aber wir können Kommentare lesen und schreiben und jeder allein für sich Bier trinken und Chips knabbern. Dann „fühlt es sich zumindest so an“, als würde man etwas mit Freunden erleben, auch wenn man es nur teilt. Teilen ist nämlich nicht gleich erleben. Das ist eine Erfahrung, die eigentlich jeder selbst machen kann. Probiert es mal aus: Trefft euch mit fünf Freunden, einer Kiste Bier und jeder Menge ungesundem Knabberkram auf ein paar Filme. Und dann ladet die gleichen Freunde eine Weile später mal zu einem Hangout mit Lovefilm oder einem der vielen anderen Streaming-Angebote ein. Der Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen ist deutlich.
Meine, recht kritische, Diagnose dazu ist (obgleich sie nicht ganz genau ins Thema passt): Wir sind zu bequem geworden, um zu leben. Wir finden immer neue Ausreden dafür, uns nicht mit unseren Freunden zu treffen. Sie wohnen zu weit weg, man müsste ja erst quer durch die Stadt fahren und überhaupt ist das alles viel zu anstrengend. Wir wollen keine Risiken eingehen. Wir wollen alles schön warm, kuschelig und sicher. Also bloß nicht das Haus verlassen (da passieren trotzdem immer noch die meisten tödlichen Unfälle) und alles über’s Internet teilen. Warum sollten wir Freunde fragen, ob sie zu einem Konzert mit wollen? Wir können ihnen doch Fotos schicken. Die Kehrseite: Romantisches Essengehen zu zweit findet meist in Begleitung vieler Online-Freunde statt, denen wir ja Fotos vom Teller in soziale Netzwerke stellen müssen. Phubbing olé!
Wenn wir nun also feststellen, dass wir die ganze Zeit eine hübsche, digitale Illusion gelebt haben, schockiert aufwachen und uns darüber beklagen, dass die Welt schlecht, gemein und überhaupt menschenunwürdig ist… nun, was soll ich sagen? Vielleicht sollten wir uns erst einmal an die eigene Nase fassen und uns fragen, was uns überhaupt geritten hat, dass wir die Illusion der Wirklichkeit vorziehen. Vielleicht ist das auch nur ein Ausdruck von Realitätsflucht. Früher flüchteten die Menschen in Bücher und spannen sich ihre Geschichten darum zusammen, heute übernimmt das das Internet und gaukelt uns eine schöne heile Welt vor, in der wir alle zusammen sind und tolle Dinge teilen (auch wenn wir sie niemals miteinander erleben können).
Schlussfolgerungen
Das Internet funktioniert prächtig und es macht genau das, wozu es erfunden wurde: Es verteilt Informationen. Die Art und Weise, auf die wir es verwenden, ist jedoch an Hoffnungen geknüpft, die vor allem recht werbewirksam von Unternehmen in die Welt gebracht worden sind. Wir lebten Jahre lang mit einem falschen Gefühl der Privatsphäre und einem falschen Gefühl der Sicherheit und stellten jetzt fest, dass es Institutionen gibt, vor denen wir faktisch nackt sind. Institutionen, die alles über uns wissen und damit noch viel mehr über uns vorhersagen könnten. Das Internet wurde nicht „kaputt gemacht“. Wir haben es nur von Anfang an mit den falschen Vorbedingungen benutzt.
Wenn, dann haben es nicht die Geheimdienste „kaputtgemacht“, sondern wir alle. Jeder Einzelne von uns. Es muss also nicht komplett neu aufgebaut werden. Wir müssen nur unser Verhalten ändern. So ist das Leben nun mal: Es stößt uns nicht einfach zu, wir entscheiden uns für oder gegen etwas. Jetzt müssen wir uns entscheiden, wie wir das Medium, das unsere Informationen beherbergt und verteilt weiter nutzen wollen. Ob wir weiterhin die Kontrolle über unsere Inhalte aufgeben und darauf vertrauen wollen, dass andere sie für uns schon sicher aufbewahren. Wir müssen die Entscheidung treffen, wie viel Macht über unsere Inhalte wir anderen wirklich überlassen wollen.
Und wir müssen uns bewusst machen, dass all diese Entscheidungen sich zunächst nur auf einen klitzekleinen Teil des Internets beziehen werden, nämlich den Teil, den wir alle sehen, lesen und kommentieren können.
Alle anderen Teile – vom Geldtransfer bishin zu Verkehrsleitsystemene – werden Teil anderer Überlegungen.
Originaltext
Zur Ergänzung:
Unsoziale Netzwerke” – geht unser Nachwuchs daran kaputt?
Live-Changer oder Selbstbetrug?
Selbstoptimierung: Warum Julia Engelmann Recht hat und man trotzdem nicht auf sie hören sollte

 

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