Allmende, Commons, Obschtschina – was ist darunter zu verstehen?

Von Kai Ehlers aus „Forum Integrierte Gesellschaft“
… die Wiederentdeckung dessen, was wir in der Ankündigung unseres Themas als „Commons, Allmende, Óbschtschtina“ benannt haben, hat erst begonnen. Das gilt für unsere eigene Befassung mit diesen Fragen ebenso wie weltweit. Unser letztes Treffen stützte sich wesentlich auf die Arbeiten von Elinor Ostrom, konkret ihr Buch „Die Verfassung der Allmende“, in dem sie das Wesen der Allmende als sozialem Organismus der Selbstorganisation herausarbeitet und an Hand umfangreicher empirischer Studien aufzeigt, nach welchen Regeln sich Allmenden in der Vergangenheit entwickelten konnten und was daraus für die heutige Entwicklung zu lernen ist. Elinor Ostrom erhielt für diese Arbeit als erste Frau im Bereich Ökonomie zu dem Thema 2009 den Nobelpreis.
Diese Untersuchungen sollen hier nicht referiert werden. Interessierten empfehlen wir, sich das Buch von Elinor Ostrom selbst zur Hand zu nehmen. Dafür noch einmal die Daten, die wir dazu bereits angegeben hatten: „Die Verfassung der Allmende, Mohr-Siebeck, darin besonders die Seiten: 115 – 132, auf denen sie die Regeln zu einem Kanon zusammenfaßt. Ergänzend haben wir Silke Helfrichs Anthologie mit herangezogen, die auf der Spur von Elinor Ostroms Vorarbeiten und mit Unterstützung der Böll-Stiftung weiteres aktuelles Material zum Thema zusammengetragen hat. Ebenso die Arbeiten von Kai Ehlers zu Geschichte und Aktualität russischer Gemeinschaftskultur.
Anzumerken ist, dass die Auflistung der Regeln, die für eine lebensfähige Allmende gelten, im Resumé Elinor Ostroms recht schroff klingt – wer es mit mehr Fleisch haben möchte, tut gut daran, ihre Ausführungen über die historische Entwicklung, ihre Charakterisierung der Allmende als Organismus in den weiteren Teilen des Buches zu lesen, aus denen diese Regeln herausgearbeitet sind. Sie beschreibt Allmenden als einen Organismus, der sich aus zwei Elementen ergibt – die sachlichen, natürlichen, begrenzenden Voraussetzungen einer Ressource und deren Nutzung und Bewirtschaftung durch Selbstorganisation der mit ihr lebenden Menschen in gegenseitiger Hilfe und Selbstverpflichtung. Selbstorganisation in kooperativer Gemeinschaft, Selbstverpflichtung zu gegenseitiger Kontrolle sind nach ihren Beobachtungen die Basis jeder lebensfähigen Allmende.
Darin unterscheiden sich Allmenden von staatwirtschaftlichen oder privatwirtschaftlichen Verhältnissen. Darin bilden sie, was Elinor Ostrom nennt: Soziales Kapital im Sinne von sozialem Vermögen, sozialen Impulsen, die in ihrer Art der sozialen Effektivität über die gegenwärtige Effektivität der staatskapitalistischen oder privatkapitalistischen Ordnung hinausgehen.
Die von Elinor Ostrom als Bestandteil der Regeln auch mit aufgeführten „abgestuften Sanktionen“ gegen solche Mitglieder der Allmende, die die selbstverpflichtenden Regeln nicht einhalten, sind vor diesem Hintergrund nicht als Ausübung von Herrschaft, sondern als gegenseitige Hilfe und selbst organisierte Kontrolle zu verstehen. Basis aller evtl. getroffenen Maßnahmen ist die freie Entscheidung zur Kooperation sich selbst organisierender und selbstverantwortlicher Menschen, in die weder Staat und Privatkapital bestimmend eingreifen darf, wenn die Selbstverantwortung der Allmende nicht zerstört werden soll.
Was uns besonders auffiel, ist die Tatsache, dass Elinor Ostroms Verständnis von Allmende und der Menschen, die heute neue Allmenden bilden könnten, von einem realistischen, nicht idealistischen Menschenbild ausgeht, das von dem Vertrauen lebt, dass Menschen grundsätzlich bereit und in der Lage sind, Verantwortung im Zusammenhang einer kooperativen Bewirtschaftung zu tragen – aber auch immer wieder in die Situation kommen, die selbst eingegangenen Regeln aus irgendwelchen Gründen nicht einhalten zu können oder zu wollen – es also, bei aller Positivität nicht darum geht, ein Wolkenkuckusheim aufzubauen, sondern darum, ein solidarisches selbstverantwortetes Miteinander zu organisieren, das Initiativen und soziale Impulse effektiver freisetzt als es der Druck des „freien Marktes“ oder auch staatlicher Verordnungen kann.
Damit geht sie definierter Maßen in die Kritik an dem Bild vom Menschen als „homo ökonomicus“, dessen Selbsterhaltungstrieb ein freiwilliges kooperatives, gemeinschaftliches Wirtschaften nicht zulasse – was in der herrschenden Wirtschaftslehre gemeinhin als „Tragödie der Allmende“ als angeblich unabänderliche Tatsache gelehrt wird, der nur durch Verordnungen von oben beizukommen sei. Die heute mögliche Allmende entsteht, wo sie entsteht und als Möglichkeit erkannt wird, aber eben gerade als neue Kraft zwischen den bisherigen Dualismen von „Markt“ ODER Staat.
Was uns weiterhin auffiel ist die Tatsache, dass in Elinor Ostroms Untersuchungen und in den auf ihrer Spur weiterarbeitenden Untersuchungen wie den sehr informativen Arbeiten von Silke Helfrich und anderen westlichen Arbeiten zum Thema, die sich heute mit „Wiedergeburt der Allmende“ Gemeineigentum u.ä. befassen die Gemeinschaftskultur der ehemals sozialistischen Länder mit keinem Wort auftaucht. Dabei ist z.B. besonders die russische Gemeinschaftskultur (Óbtschtschina) und ihre erst sowjetische, dann nachsowjetische Transformation von größtem Interesse für die heutigen Prozesse der Allmendebildung.
Man vergegenwärtige sich nur kurz die jahrhundertealte Gemeinschaftstradition mit klassischen Allmendestrukturen in der Geschichte der russischen Bauerngemeinschaften, danach deren Verstaatlichung, Zwangskollektivierung und Übertragung auf die Industriewelt durch die Sowjets seit 1917, heute ihre Zwangsprivatisierung seit der Auflösung der Sowjetunion. Die Aufarbeitung der Geschichte, der Form und der Regeln dieser Gemeinschaftskultur, ihrer Pervertierung durch die Verstaatlichung, und ihrer heutigen erneuten Transformation gehört selbstverständlich ebenfalls in das Thema der neuzeitlichen Allmendeentwicklung. Nachzulesen in den Untersuchungen zu den russisch-nachsowjetischen Gemeinschaftsstrukturen in den Veröffentlichungen von Kai Ehlers (Siehe hierzu: www.kai-ehlers.de)
Kurz – der Einstieg ins Thema „Commons, Allmende, Óbschtschina“ führte in ein weites, weithin noch unbearbeitetes, offenes Feld und war an einem Abend erst nur ansatzweise zu überschauen. Insbesondere stellte sich die Frage, in welchen konkreten Formen sich diese Entwicklung heute vollzieht, vollziehen könnte – oder auch bekämpft wird.
Originaltext
Siehe auch: Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft
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Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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2 Antworten zu Allmende, Commons, Obschtschina – was ist darunter zu verstehen?

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