Mit der U-Bahn in ein neues Leben

Von Monique R. Siegel aus „Journal 21“
Das hat es noch nie gegeben: In einer Stadt, die gewöhnlich das Klotzen dem Kleckern vorzieht, fährt der neue Stadtpräsident mit seiner Familie per U-Bahn zu seiner Amtseinsetzung.
Es ist eines der vielen Zeichen, die Bill de Blasio bereits im Vorfeld seines grossen Tags gesetzt hat und die darauf hindeuten, dass es ihm ernst ist mit den Veränderungen, die nach den zwölf Amtsjahren seines Vorgänger für New York City angesagt sind.
Eine Stadt, zwei Geschichten
Für diese dringend nötigen Veränderungen hat er in seinem Wahlkampf einen einschlägigen Titel gefunden: Wenn er von seiner Stadt sprach und von dem, was er als Stadtpräsident für sie zu tun gedenke, rief er seinen Zuhörern immer wieder ins Gedächtnis, dass New York „a tale of two cities“ repräsentierte: Für die einen war die Stadt mit der «Wall Street», den sagenhaft teuren Wohnquartieren und dem „Glitz & Glamour“ ein Eldorado für die Reichen, denen der Milliardär Michal Bloomberg als Bürgermeister Ansporn und Bestätigung war; für die grosse Anzahl vieler anderer wurde sie nach und nach als Lebensraum untragbar. Der Mittelstand, früher die verlässliche Basis einer häufig zwar ziemlich verrückten, aber im Kern doch geerdeten Metropole, ist auf beiden Seiten erodiert: Einige wenige haben, hauptsächlich durch Spekulationen im Finanz- oder Immobiliensektor, den Sprung in eine höhere Gesellschaftsschicht geschafft, aber viele können aufgrund der laufend steigenden Lebenskosten, besonders der astronomischen Mieten, die Erhaltung ihres bürgerlichen Lebensstandes nicht mehr sichern und sind in die untere Gesellschaftsschicht abgerutscht.
New York hatte es zuvor aber immer geschafft, trotz grosser Schwankungen in Bezug auf Kriminalität, Sicherheit oder Arbeitsfrieden, das leuchtendste Besipiel zu sein für das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Hier war alles machbar, wie Millionen von Einwanderern bewiesen hatten: „If I can make it there, I’ll make it anywhere“ hiess zu Frank Sinatras Zeiten die Losung, aber in einem langsamen Prozess, den der neue Mann an der Spitze als „quiet crisis“ bezeichnet, ist diese Beispielfunktion verloren gegangen.
Unerfahren und unkonventionell, aber unschlagbar
Er hat sich viel vorgenommen, der 109. Stadtpräsident, der noch nie eine Aufgabe zu meistern hatte, die auch nur annähernd so überwältigend ist, wie der Plan, eine Megacity umzukrempeln. Das hat ihm in Wahlkampf aber nicht geschadet – vielleicht haben seine Wähler dabei an die vielen Top-Politiker gedacht, die zwar mit Führungs- und Regierungserfahrung angetreten sind, aber dann doch kläglich versagt haben. Doch mangelnde Erfahrung ist nicht das einzige Ungewöhnliche an diesem Stadtpräsidenten; der 1,95 grosse New Yorker hat noch weitere Premieren zu verzeichnen: Zum ersten Mal wird in den traditionellen Wohnsitz «Gracie Mansion» eine Multikulti-Familie einziehen, mit der er in einer klassischen Multikulti-Stadt gepunktet hat. Nicht einmal seine ärgsten Gegner haben es gewagt, seine Ehe mit der afroamerikanischen Poetin Chirlane McCray öffentlich als Makel anzuprangern, obwohl deren lesbische Vergangenheit doch auf den ersten Blick geradezu wie ein Geschenk für seine Mitbewerber schien. Ihr zurückhaltendes, aber bestimmtes Auftreten sowie die Tatsache, dass es sich bei dieser 20-jährigen Ehe offensichtlich um eine geglückte Partnerschaft handelt, in der zwei ziemlich verschiedene Menschen auf Augenhöhe miteinander umgehen, haben hämische Kommentare im Keim erstickt. Statt dessen haben der Afro-Look seines 16jährigen Sohnes Dante und dessen sicht- und hörbare Rolle im Wahlkampf seines Vaters – unter anderem mit  einer Rapper-CD – geholfen, Stimmen in der nicht-weissen Bevölkerung zu holen.
Der Wahlkampf ist anständig geführt worden, und das Wahlergebnis war mit 73% ein Erdrutschsieg; seine Mitbewerber wie auch sein republikanischer Gegenkandidat hatten keine Chance. Am 1. Januar hat der 52-Jährige mit deutsch-italienischen Wurzeln, der noch im Sommer ziemlich unbekannt war und dem auch seine grössten Fans einen Sieg kaum zugetraut hätten, den Amtseid abgelegt, den ihm kein Geringerer als Bill Clinton abgenommen hat. Dem fröhlichen Ereignis, untermalt von Disco- und Soul-Musik, folgte ein dreistündiges Händeschütteln mit glücklichen New Yorkern, die per Losentscheid dabei sein konnten.
Das Skelett im Schrank rechtzeitig begraben?
Kurz bevor Bill de Blasio offiziell die Herkules-Arbeit begonnen hat, aus der Geschichte zweier Städte wieder eine einzige zu machen, hat er noch einen grossen Stein aus dem Weg geräumt, der das Potential eines frühen Skandals hatte: Am 24. Dezember, wenn auch New Yorker auf der Jagd nach allerletzten Geschenken oder auf der Flucht vor dem Weihnachtsrummel sind, ist ein knapp fünfminütiges Video seiner 19-jährigen Tochter Chiara veröffentlicht worden. Darin spricht sie – betroffen, aber gefasst – über ihren jahrelangen Drogen- und Alkoholmissbrauch, den sie mit Hilfe eines verständnisvollen Umfelds überwunden zu haben scheint. „Typische Flucht nach vorne“ kommentieren einige diesen Schritt und bezeichnen den Zeitpunkt der Veröffentlichung als „clever“. Es ist jedoch eher weise, mit dieser Familiengeschichte von alleine an die Öffentlichkeit zu gehen – warum auch nicht? Drogen- und Alkoholmissbrauch kommt in den besten Familien vor, und die Tricks und Lügen, die bemüht werden, um diese Situation zu verheimlichen, sind eine Zerreissprobe, die schon viele Familien zerstört hat. Ehrlichkeit und Empathie sind hier angesagt, und die zeigt auch die junge Frau: Sie hat den Entzug geschafft, und nun will sie andere zu einem Outing motivieren, die dann bei der Organisation «okay2talk.org» Hilfe finden können.
Bill de Blasio hat in seiner 19-minütigen Antrittsrede auch gewisse Verdienste seines Vorgängers im Gesundheitsbereich und in Umweltbelangen gewürdigt, die er als „noble legacy“, als würdige Hinterlassenschaft, bezeichnet. Michael Bloomberg sass zwar in der ersten Reihe, hatte aber keine offizielle Funktion mehr und begnügte sich damit, ein eher mürrisches Gesicht zu machen und zu schweigen. Was er dabei gedacht hat, werden wir sicher bald erfahren: Er wird wohl kaum darauf verzichten, seine Sicht der „two cities“ in Buchform darzulegen – einen teuren Ghostwriter wird er sich ja wohl leisten können.
Originaltext
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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