Die Macht des Gebens

„Geben und Nehmen: Erfolgreich sein zum Vorteil aller“

Selten hat ein Buch durchweg so gute Kritiken bekommen wie „Geben und Nehmen“ und selten hat ein Buch den Leser so sehr gefordert, grundsätzlich umzudenken.
978-3-426-27620-4.jpg.30529330Mit seinem neuesten Buch „Geben und Nehmen: Erfolgreich sein zum Vorteil aller“ hat Adam Grant für einigen Wirbel in den Medien gesorgt. Seine Erkenntnisse aus Studien und persönlichen Fallberichten könnten unsere Vorstellungen von Erfolg und Karriere auf den Kopf stellen. Laut Adam ergattern nicht die härtesten Typen am häufigsten eine Position an der Spitze der Erfolgsleiter, sondern die netten, d. h. Menschen, die großzügig sind und anderen helfen.
Adam Grant ist der geborene „Geber“. An mehreren Abenden der Woche beantwortet er hunderte E-Mails von Menschen, die seinen Rat suchen. Adam ist jedoch überzeugt davon, dass er dem Geben seinen Erfolg verdankt. Und offensichtlich hat er Recht, ist er doch mit 32 Jahren der jüngste Lehrstuhlinhaber und beliebteste Professor für Management an der renommierten Wharton School und ein äußerst produktiver Forscher im Bereich Organisationspsychologie.
Adam teilt Menschen in Nehmer (Taker), Tauscher (Matcher) und Geber (Giver) ein und hat nachgewiesen, dass sich diese Verhaltensweisen auf den Erfolg auswirken. Ein Geber tut anderen einen Gefallen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Er bringt Menschen miteinander in Kontakt, ist Mentor und gibt Ratschläge. Nehmer sind das genaue Gegenteil. Sie handeln ausschließlich zum eigenen Vorteil und helfen nur, wenn sie direkten Nutzen daraus ziehen können. Die meisten Menschen sind Tauscher, d.h. sie sind großzügig, wenn die Möglichkeit einer Gegenleistung besteht.
Im Rahmen seiner Forschung fand Adam heraus, dass sich ganz unten auf der Erfolgsleiter hauptsächlich Geber befinden. Sie sind „Prügelknaben“ mit geringer Produktivität oder ausgebrannt. Im breiten Mittelfeld sind Nehmer und Tauscher relativ gleichmäßig verteilt. An der Spitze der Leiter hingegen dominieren wiederum die Geber, die sich als Leader auszeichnen. Das bedeutet, dass die Großzügigsten durchaus am ehesten aufsteigen können.
Weshalb erweist sich die Unterstützung anderer nicht als Feind der Produktivität oder zeitaufwändige Ablenkung von unserer Arbeit?
Adam hat in seiner Studie die Umsätze von hunderten Vertriebsmitarbeitern einer US-amerikanischen Optikerkette verglichen. Die Nehmer unter den Vertriebsmitarbeitern wollten so viel Profit wie möglich machen. Die Geber dagegen wollten den Kunden helfen. Sie hörten zu, versuchten die Wünsche des Kunden zu verstehen, und konnten schließlich ein maßgeschneidertes Angebot abgeben. Ihre Verkaufszahlen am Jahresende waren wesentlich besser als die der Nehmer.
Geber sehen sich an, was andere brauchen, und überlegen, wie sie ihnen helfen können. Sie teilen ihr Wissen, ihre Energie und ihre Beziehungen, und genau das ist der Grund, weshalb sie so erfolgreich sind. Sie bauen ein Netzwerk von Kontakten und Verbindungen auf, das Brücken zu anderen Welten und Ideen schlägt. Das Geben ist ein Zyklus und beruht nicht auf direkter Gegenseitigkeit. Anders ausgedrückt: Ich gebe und eines Tages treffe ich jemanden, der für mich einen Kontakt zu einem interessanten Geschäftspartner oder einer neuen Karriereoption herstellen kann.
Adam behauptet, der Erfolg einer Organisation hänge von der Großzügigkeit ihrer Mitarbeiter ab. Organisationen sollten das gebende Verhalten fördern, da Faktoren wie Zusammenarbeit, Innovation und erstklassiger Service, die Unternehmen wirklich erfolgreich machen, ohne Hilfsbereitschaft gegenüber anderen nicht möglich seien. Er zitiert eine Analyse von Nathan Podsakoff, dessen Team an der University of Arizona 38 Studien zum Thema Verhalten von Organisationen untersucht und dabei erkannt hat, dass ein höherer Anteil des Gebens zu höherer Rentabilität, Produktivität und Kundenzufriedenheit und zu niedrigeren Kosten und Fluktuationsraten führen.
Weshalb ist dann das Geben noch nicht die Regel in Organisationen? Psychologen haben nachgewiesen, dass das Geben oder Teilen mit nahestehenden Personen, wie z. B. Freunde, Partner und die Familie, für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist. Grant weist darauf hin, dass Führungskräfte zwar den Vorteil von großzügigem Verhalten erkennen und dieses in ihren Teams wünschen, die Mitarbeiter aber möglicherweise Zweifel hegen. Die Vergütungssysteme von Organisationen stellen die individuelle Leistung in den Mittelpunkt und regen die Mitarbeiter an, zunächst an sich zu denken. Beispiele: Ein Mitarbeiter wird befördert, während andere gute Leute nicht berücksichtigt werden, die erfolgreichsten Verkäufer erhalten die höchsten Boni, und in Performance-Ranking-Systemen muss einfach einer am besten und ein anderer am schlechtesten wegkommen. Das lässt Mitarbeiter gegeneinander antreten und verhindert, dass sie ihre Kollegen unterstützen.
Wie kann man also mehr Großzügigkeit fördern, und wie kann man es verhindern, dass Menschen von anderen ausgenutzt werden und ihre eigenen Pflichten vernachlässigen?
Adams erster Rat ist, besser zu unterscheiden, was großzügig ist und was nicht. Richtig geben bedeutet, an andere Menschen zu denken, vor allem aber, die eigenen Prioritäten genau zu kennen. Die erfolgreichsten Geber haben zwar ein gutes Auge für die Belange anderer, aber auch für die eigenen, und sie handeln strategisch. Laut Adam tun Geber anderen Gebern und Tauschern gerne einen Gefallen, damit ihre Arbeit den größtmöglichen gewünschten Effekt hat, nehmen sich aber bei Nehmern in Acht. Anders ausgedrückt: Sie geben so, dass ihre Beziehungen gestärkt werden.
Wenn Sie also eine Kultur der Großzügigkeit schaffen möchten, die mehr Geber anlockt und für Nehmer weniger attraktiv ist, dann sehen Sie sich Adams Tipps an, um sicherzustellen, dass das Geben nicht zulasten der Geber geht:
  1. Konzentrieren Sie sich auf die Nehmer, indem Sie Anreize zur Zusammenarbeit für sie schaffen. Legen Sie Konsequenzen fest, wenn sie zumutbaren Anliegen nicht nachkommen.
  2. Unterstützen Sie die Geber, damit sie ihrem schnellen Helferimpuls umsichtiger nachgeben. Fordern Sie sie auf, Grenzen zu setzen, damit ihre Produktivität nicht leidet, und lassen Sie die Zeitfenster festlegen, in denen ihre Arbeit nicht gestört wird.
  3. Regen Sie Formen des Gebens an, die den jeweiligen Fähigkeiten und dem Know-how des Mitarbeiters entsprechen. Das Geben ist nachhaltiger, wenn die Anliegen den Interessen des Mitarbeiters entsprechen. Dadurch soll vermieden werden, dass der Geber mit allen möglichen Bitten belastet wird. Wenn das Helfen auf Können und persönlicher Entscheidung beruht, verleiht es eher neuen Antrieb als zu erschöpfen.
  4. In Verhandlungen konzentrieren sich empathische Mitarbeiter zu häufig auf die Gefühle anderer Menschen. Das kann zu einer Falle werden, da sie sich um andere Menschen kümmern und ihre eigenen Interessen opfern. Bringen Sie ihnen bei, nicht nur die Perspektiven anderer, sondern auch ihre eigenen Gefühle zu berücksichtigen, um optimal ausgewogene Vereinbarungen zu treffen.
  5. Unterstützen Sie die Gründung eines Netzwerks von Gebern. Die Mitarbeiter können dann auf Anliegen eingehen, ohne die gesamte Last alleine schultern zu müssen.
Mit seinen durchweg überzeugend vorgetragenen und überwiegend wissenschaftlich belegten Beispielen, liefert er Denkanstöße, die uns dazu motivieren sollen, im Privatleben und im Berufsalltag stärker Geberverhalten auszuüben.
Verlag
Und hier noch ein Video, in dem er in einem Vortrag seine Gedanken zu dem Buch erläutert. Und ich muss sagen: Ein toller Typ. Solche Professoren bräuchten wir mehr!
„Mancher, der jemandem eine Gefälligkeit erwiesen hat, ist sogleich bei der Hand, sie ihm in Rechnung zu stellen; ein anderer ist zwar dazu nicht sogleich bereit, denkt sich aber doch denselben in anderer Hinsicht als seinen Schuldner und hat den geleisteten Dienst immer in Gedanken. Ein Dritter dagegen weiß gewissermaßen nicht einmal, was er geleistet hat; er ist dem Weinstocke gleich, der Trauben trägt und nichts weiter will, zufrieden, dass er seine Frucht gegeben hat.“
Marc Aurel, römischer Kaiser
Für den Fall, dass Sie die in diesem Buch beschriebenen Prinzipien an Ihrem Arbeitsplatz oder in Ihrem Privatleben anwenden möchten, hat Adam Grant einen Katalog von praktischen Handlungsanleitungen zusammengestellt. Vieles davon basiert auf den Strategien und Gewohnheiten erfolgreicher Geber, und zu jedem Beispiel finden Sie Quellen und Instrumente für die Bewertung, Organisierung und Erweiterung des Gebens. In einigen Anleitungen wird gezeigt, wie man das Geben stärker in seine alltäglichen Verhaltensweisen integrieren kann, in anderen, wie sich das Geben exakt dosieren lässt und man andere zum Geben animiert.
  1. Testen Sie Ihren Geber-Quotienten. Wir leben oft in einem Feedback-Vakuum und wissen nicht, wie unser Handeln auf andere wirkt. Damit Sie das überprüfen und Ihre Eigenwahrnehmung beurteilen können, testen Sie auf der Website http://www.giveandtake.com unentgeltlich Ihren Geber-Quotienten. Zudem können Sie dort von anderen Teilnehmern Ihre Reziprozitätsform bewerten lassen und erhalten dadurch Auskunft, wie oft Sie als Geber, Nehmer und Tauscher eingeschätzt werden.
  2. Richten Sie einen Reziprozitätsring ein. Was ließe sich in Ihrer Organisation erreichen – und welche Gebensnormen würden sich entwickeln -, würde sich allwöchentlich eine Gruppe von Leuten für zwanzig Minuten treffen, um Anliegen vorzutragen und bei deren Erfüllung einander zu helfen? Informationen zum Einrichten eines Reziprozitätsrings finden Sie bei Cheryl und Wayne Bakers Unternehmen Humax (www.humaxnetworks.com), das etliche Tools zum sozialen Netzwerken für Einzelpersonen und Organisationen bereitstellt.
  3. Helfen Sie anderen, ihren Job umzugestalten – oder gestalten Sie den Ihren so um, dass er mehr Geben beinhaltet. Oft mühen sich Menschen mit Aufgaben ab, die nicht völlig ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen. Eine wirksame Möglichkeit des Gebens ist daher, anderen dabei zu helfen, an Aufgaben zu arbeiten, die für sie interessanter oder sinnvoller sind und mehr persönliche Entwicklungsmöglichkeiten bieten. www.jobcrafting.org
  4. Starten Sie eine Love Machine. In vielen Organisationen bleiben Geber unbemerkt. Um das zu verhindern, führen immer mehr Organisationen Anerkennungsprogramme für Gleichgestellte ein, um Leute zu belohnen, die auf eine Art und Weise geben, wie es Führungskräfte und Manager nur selten erleben. www.lovemachineinc.com
  5. Lassen Sie sich auf den Fünf-Minuten-Gefallen ein. Beim Besuch eines 106 Miles Meetup (www.meetup.corni106miles) erleben Sie womöglich Adam Riskin in Topform. Er ist der Champion des Fünf-Minuten-Gefallens. Er wird Ihnen empfehlen, andere Menschen zu fragen, was sie benötigen, und nach Möglichkeiten zu suchen, wie Sie ihnen mit minimalem persönlichem Aufwand helfen können. www.meetup.com
  1. Praktizieren Sie machtlose Kommunikation, aber setzen Sie sich für andere ein. Bessere Gewandtheit und Routine in machtloser Kommunikation setzt eine Veränderung von Verhaltensweisen voraus – vom Reden zum Zuhören, von der Selbstdarstellung zum Ratsuchen, vom Verfechten zum Nachfragen. Wenn Sie mehr über die Wirkung machtfreier Kommunikation erfahren wollen, besuchen Sie die Blogs von Susan Cain (www.thepowerofintroverts.com) und Jennifer Kahnweiler (www.theintroverted-leaderblog.com). Gleichzeitig muss man dafür sorgen, dass machtlose Kommunikation nicht auf Kosten der Durchsetzungsfähigkeit stattfindet, wenn man für die Interessen anderer und seine eigenen eintritt. GetRaised bietet unentgeltlich Rat bei Verhandlungen um eine Gehaltserhöhung.
  2. Schließen Sie sich einer Gemeinschaft von Gebern an. Wenn Sie andere Geber finden möchten, treten Sie am besten einer Freecycle-Gemeinschaft bei und finden sie heraus, was andere Menschen benötigen (www.freecacle.org). Eine weitere anregende Geber-Gemeinschaft ist Servicespace (www.servicespace.org)
  1. Führen Sie Ihr eigenes Großzügigkeitsexperiment durch. Wenn Sie lieber für sich allein als Geber aktiv werden wollen, empfehle ich Ihnen die 30-Tage-Aufgabe von GOOD (www.good.is/postlthe-good-30-day-challenge-become-a-good-citizen). Für jeden Tag im Monat schlägt GOOD eine andere Möglichkeit des Gebens vor. Weitere Beispiele für freundliches Handeln findet man bei Sasha Dichters dreißigtägigem Großzügigkeitsexperiment (http://sashadichter.wordpress.com) und Ryan Garcias ganzjährigem Freundlichkeitshandeln (www.366randomacts.org).
  2. Helfen Sie bei der Finanzierung eines Projekts. Viele Menschen suchen für ihre Projekte finanzielle Unterstützung. Bei Kickstarter (www.kickstarter.com) bekannt als die weltgrößte Finanzierungsplattform für kreative Vorhaben, kann man Menschen dabei helfen, Filme, Bücher, Videospiele, Musik, Gemälde und viele andere Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Kiva (www.kiva.org) wiederum bietet die Möglichkeit, Kleinunternehmern in Entwicklungsländern Mikrokredite von 25 Dollar oder mehr zu gewähren. Auf beiden Websites lässt sich verfolgen, welche Fortschritte die Menschen erzielen, denen man geholfen hat.
  1. Ersuchen Sie öfter um Hilfe. Wenn Sie andere Menschen zu Gebern machen wollen, ist es am einfachsten, sie um Hilfe zu bitten. Damit bürden Sie nicht immer anderen eine Last auf. Manche Menschen sind Geber, und wenn Sie sie um Hilfe bitten, eröffnen Sie ihnen die Möglichkeit, ihre Werte zu demonstrieren und sich anerkannt zu fühlen. Wenn Sie um einen Fünf-Minuten-Gefallen bitten, bürden Sie dem anderen eine relativ geringe Last auf – und wenn Sie dabei auf einen Tauscher treffen, können Sie damit rechnen, Gelegenheit zu erhalten, sich zu revanchieren. www.servicespace.org
Weitere Projekte:
http://www.dailygood.org/
http://www.karmatube.org/
http://www.cfsites.org/
http://www.conversations.org/
http://www.propoor.org/
http://www.pledgepage.org/
http://www.movedbylove.org/
http://www.karmakitchen.org/
http://www.awakin.org/
http://www.kindspring.org/
http://www.getraised.com
http://www.hopemob.org
http://www.thekindnessoffensive.com
http://www.bni.com
http://www.thegogiver.com
http://www.good.is
http://www.sashadichter.wordpress.com
http://www.366randomacts.org
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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4 Antworten zu Die Macht des Gebens

  1. Martin Bartonitz schreibt:

    Sehr wichtiger Artikel!!

    Darf ich den nochmals so auf dem Blog Initiative Wirtschaftsdemokratie bringen?

  2. Pingback: Die Macht des Gebens

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