Selbst ist der Tyrann

Du sollst nicht sollen! oder:

Ziviler Ungehorsam gegenüber dem inneren Kontrolleur

von Huhki aus „brennstoff“
Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.
Johann Wolfgang von Goethe, Faust I
Ist man das Opfer einer Täuschung, so wird sie nicht als Täuschung empfunden, sondern als Wirklichkeit.
Simone Weil
Sachzwänge beanspruchen, was vormals nur Gott zukam: Sie verlangen Gehorsam ohne Einsicht, ohne dass dieser Gehorsam »Gehorsam« genannt werden dürfte.
Mariannne Gronemeyer
Die Vernunft ist die Gesamtheit der Gründe, die die Menschheit sich gibt, um zu gehorchen.
Gilles Deleuze
„Die westlichen Demokratien sind stolz darauf, den Autoritarismus des 19. Jahrhunderts überwunden zu haben. Aber haben sie das wirklich – oder hat sich nur die Eigenart der Autorität geändert? Heute verwalten hierarchisch organisierte Bürokratien in Regierung, Wirtschaft und Gewerkschaften Dinge und Menschen auf die gleiche Weise. Sie befolgen dabei bestimmte Grundsätze, besonders die ökonomischen Prinzipien der Bilanzierung, der Quantifizierung, der maximalen Leistung und des Profits, und sie funktionieren im wesentlichen wie ein Computer funktionieren würde, wenn man ihn mit diesen Prinzipien programmierte. Der individuelle Mensch wird dabei zur Nummer und verwandelt sich in ein Ding. Aber eben weil es bei uns keine offene Autorität gibt, weil der einzelne nicht zum Gehorsam »gezwungen« wird, lebt er in der Illusion, freiwillig zu handeln, nur seinem eigenen Willen und seiner eigenen Entscheidung oder auch einer »rationalen« Autorität zu folgen. Wer könnte auch der »Vernunft«, wer könnte der Computer-Bürokratie den Gehorsam verweigern, wer könnte ungehorsam sein, wenn er nicht einmal bemerkt, dass er gehorcht?“
Erich Fromm
Selbst ist der Tyrann
Es ist einfach zu einfach.
Die simple Wahrheit: Keine Minderheit kann auf Dauer die Mehrheit unterdrücken; es sei denn, die Repression wird von oben nach unten delegiert, sodass jede(r) Einzelne den Mächtigen die Hauptarbeit abnimmt: durch Selbstunterdrückung.
Liebes Lesewesen, hast du auch manchmal den Eindruck, Zwei zu sein? Zwei ganz gegensätzliche Charaktere zu verkörpern, die aufeinander gar nicht gut zu sprechen sind? Der Topdog: ein Antreiber, ein Schleifer, ein Tyrann, ein »Spieß« wie man beim Militär sagt, der droht und schimpft, wenn ihm der Gehorsam verweigert wird. Und wer ist ihm Gehorsam schuldig? Der Underdog, die subalterne Hälfte der Person, die – aus der Sicht des Topdogs – ständig zu spät dran ist, die Planziele nicht erreicht und sich gehen lässt.
Natürlich spielt sich dieser ewig unentschiedene Kampf zwischen dem »Kontrolleur« und dem widerwillig gehorsamen »Gesinde« als innerer Dialog oder überhaupt nur halb bewusst ab. Wäre es anders, würden wir die Befehle aus unserem eigenen Inneren wirklich hören, dann könnten uns früher oder später die Männer mit den weißen Mänteln abholen. Denn: dem Kontrolleur gehorchen, gilt als zivilisiert; ihn zu hören, als psychotisch!
Kinder lernen zuerst das »Ursprachspiel«, nämlich zu tun, was gesagt wird. »Schau!«, »Gib!«, »Komm!«
Darin liegt noch nichts Verhängnisvolles. Ohne natürliche Autoritäten – Meister, Lehrer, Eltern – würden unsere humanen Lebensformen auseinanderbrechen.
Auf Anweisungen zu hören wird erst dann fatal, wenn es die eigenen sind; die mahnende Stimme aus der Zukunft. Ich habe da meine eigenen Erfahrungen:
Wenn ich mich an meine Kindheit im Alter zwischen 4 und 8 erinnere, dann wurde ich umso mehr mein eigener Gegner, je mehr ich das Leben als Zeit begriff …
Mein Widersacher lebte in meiner Zukunft und von meiner jeweiligen Gegenwart. Er drängte mich, ihm Schokolade übrig zu lassen, damit er sie morgen genießen konnte; er zwang mich, ihm langweilige Tätigkeiten wie Spielsachen aufräumen, abzunehmen usw.
Die Spaltung zwischen dem gehorsamen »Ich« von heute und dem strengen »Über-Ich« von morgen wird später nur noch als permanentes: Ich muss noch! empfunden.
Vor der gestressten Karriereperson steht ein gespenstischer Doppelgänger nach dem anderen bis zum Horizont, jeder folgende ein Stück größer als sein temporaler Untergebener, und jeder mustert jeweils in kafkaesker Strenge seinen Vorgänger.
Selbst ist der Tyrann! Keine noch so reiche und perfide Minderheit kann ganze Nationen, ja Kontinente, auf Dauer unterdrücken und ausbeuten, wenn sie die Unterdrückung nicht nach unten delegiert. Wie die Abfallwirtschaft die Mülltrennung dem Konsumenten aufhalst, so überträgt das System der stillen Gewalt die Unterdrückungsarbeit den Versklavten selbst. Der von außen in die Psyche implantierte Eigengehorsam wird sprachlich geschönt, es tauchen Euphemismen auf wie »Selbstkontrolle«, »Selbstdisziplin« oder gar »Willenskraft«! (…)
Die meisten Erwachsenen, welche sich vermeintlich Selbst Gehorsam schulden, erleben ihre Spaltung nur als diffuses Sollen, ein Begriff, den die Philosophen schon seit über 2000 Jahren vergeblich zu definieren suchen. »Was soll ich tun?« bleibt eine unbeantwortbare Frage, weil hinter ihr der zähe Kampf zwischen Topdog und Underdog, das Dilemma des Eigengehorsams, ungelöst bleibt.
……..
Anmerkung von René Cassien:
Zu diesem Beitrag wurde ich inspiriert bei Gedanken über den Zusammenschluss der drei systemimmanenten Parteien CDU/CSU/SPD zur sog. GROSSEN KOALITION.
„Systemimmanent“ eine „Eigenschaft, die aus den Regeln eines SYSTEMs geboren wird, ohne von diesem explizit gewollt zu sein. Die systemimmanente Eigenschaft folgt aus der Existenz des SYSTEMs, es ist dem SYSTEM verhaftet. SYSTEM-immanent verdeutlicht die Unreformierbarkeit einer herrschaftlichen Struktur.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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