Kindermund tut Wahrheit kund

Das allerdings ist sehr oft nicht erwünscht, „es gehört sich nicht“.
Was sich nicht gehört, die Wahrheit, wird den kleinen Menschen von Eltern und Lehrern so früh wie möglich abgewöhnt, bis endlich auch sie die herrschenden Regeln und Normen verinnerlicht haben, von denen manche den spontanen Ausdruck eigenen Empfindens verbieten. Das angepasste, gehorsame Kind wird gelobt und „brav“ genannt; das unangepasste, ungehorsame Kind nennt man vielleicht „frech“ oder „schwierig“, seine Offenheit und Spontaneität werden entmutigt. Wem so der Mut (frz. Courage) ausgetrieben worden ist, dem fehlt er dann möglicherweise ein Leben lang.
Beim Nachdenken über Vorbilder
„Die uns vorleben wollen wie leicht das Sterben ist
Wenn sie uns vorsterben wollten wie leicht wäre das Leben.“
Erich Fried
Hier folgt nun die Geschichte von einem, der nicht erfolgreich entmutigt wurde – und der später viele andere zu liebevollem Engagement ermutigt hat.
Erich+Fried+004bearb1Der Lyriker Erich Fried erzählt selbst, wie er als Sechsjähriger Zivilcourage (wörtlich: Bürgermut ) bewiesen hat:
In Wien waren in jenem Jahr 1927 Rechtsradikale, die in der Ortschaft Schattendorf Arbeiter ermordet hatten, von Richtern, die politisch den Mördern näherstanden als ihren Opfern, in allen Instanzen freigesprochen worden; zuletzt, trotz einer großen Demonstration empörter Arbeiter, am 14. Juli 1927 vom Obersten Gericht, das im Justizpalast tagte. Am folgenden Tag kam es zum Zusammenstoß zwischen der Polizei und den demonstrierenden Arbeitern. Dabei wurde ein Polizist getötet, die Polizei aber erschoss 86 Arbeiter.
An dem Tag war meine Mutter zufällig mit mir in die Innere Stadt gegangen und hatte, weil die Straßen seit Anfang des Kampfes nicht mehr passierbar waren, in einem Laden bei Bekannten Zuflucht gefunden. Durch das Schaufenster sah ich Bahren mit Toten und Verwundeten. – Kurz darauf ließ der Schriftsteller Karl Kraus an den Plakatwänden der Stadt große Plakate anschlagen, gerichtet an den Polizeipräsidenten Dr. Schober, der für das Massaker verantwortlich war. „Ich fordere Sie auf, abzutreten. – Karl Kraus“, lautete der Text.
Natürlich war der Blutige Freitag, wie man den Tag des Massakers in Wien nannte, wochenlang Gesprächsthema. 1927 war mein erstes Schuljahr. Ich sollte zu Weihnachten im Festsaal unserer Schule ein Weihnachtsgedicht aufsagen. Als ich schon auf der Bühne stand, hörte ich unten jemanden sagen: „Der Herr Polizeipräsident ist auch unter den Gästen.“
Also trat ich vor, verbeugte mich und sagte in meiner besten Redemanier:
„Meine Damen und Herren! Ich kann leider mein Weihnachtsgedicht nicht aufsagen. Ich habe gerade gehört, Herr Polizeipräsident Doktor Schober ist unter den Festgästen. Ich war am Blutigen Freitag in der Inneren Stadt und habe die Bahren mit Toten und Verletzten gesehen, und ich kann vor Herrn Doktor Schober kein Gedicht aufsagen.“
Nochmals verbeugte ich mich und trat dann zurück. Der Polizeipräsident sprang auf und verließ sofort den Saal. Er oder einer aus seinem Gefolge schlug krachend die Tür zu. Ich trat wieder vor und sagte: „Jetzt kann ich mein Weihnachtsgedicht aufsagen.“
Ich deklamierte das Gedicht mit all dem Pathos, das man mir beigebracht hatte. Großer Applaus, ich verbeugte mich noch mehrmals und zog mich dann zurück. Mein Lehrer, Franz Ederer, ein linker Sozialdemokrat, wartete schon auf mich. Er umarmte mich: „Das ist ja großartig, Erich! Wie bist du nur auf diese Idee gekommen?“
Mein Vater war weniger erfreut. Er grollte: „Ich dulde das nicht. Der Junge schwimmt mir in kommunistischem Fahrwasser!“ Ich hatte keine Ahnung, was das hieß, aber da mein Vater, der auch gegen meine schauspielerische Tätigkeit gewesen war, es so ablehnend sagte, musste es grundsätzlich etwas Gutes sein, folgerte ich.
ERICH FRIED, geboren 1921 in Wien, floh 1938 nach London, wo er bis zu seinem Tod 1988 lebte. Wegen seines Gedichtbands „und Vietnam und“ (1966) zunächst heftig umstritten, wurde er spätestens mit den „Liebesgedichten“ (1979) zum meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker seit Bertolt Brecht.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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Eine Antwort zu Kindermund tut Wahrheit kund

  1. Martin Bartonitz schreibt:

    Aufrechter Gang! Schwer zu halten in einer Gesellschaft, die sich durch „Aus-bildung“ um maximale Gleichschaltung bemüht …
    Wenn wir zurückblicken, kann man sehr wohl erfahren, was unsere Kindergärten und Schulen erreichen sollen:
    Der heimliche Lehrplan die Schulpflicht betreffend

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