Mahatma Gandhi und Nelson Mandela – Zwei Lehrer der Befreiung und des Rechts der Armen – Kap. 7-9

von Arnold Köpcke-Duttler aus „Paulo Freire Kooperation“

Siebtes Kapitel: Gandhis Kritik der Rechtsanwälte

Sunit B. Kher fasst Gandhis Arbeit als Rechtsanwalt in der folgenden Weise zusammen: „The Mahatma was an ardent and inveterate votary of truth. Truth, like non-violence, was the first article of his faith and the last article of his creed. It was therefore no wonder, that in his practice of the law, he maintained the highest traditions of the profession and did not swerve by a hair’s breadth from the path of rectitude and integrity. He was always valiant for truth, bold in asserting it in scorn of all consequence, and never sold the truth to serve the interests of his clients.”[31] Gandhi vergaß niemals, dass er, wenn er auch einzelne Menschen als Rechtsanwalt vertrat, vorrangig und durchgehend verpflichtet sei der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Er praktizierte das Gesetz, ohne sein Verständnis von Wahrheit zu kompromittieren. Er weigerte sich, seine Mandanten oder Zeugen jemals zur Lüge zu ermutigen – und sei es bei der Aussicht, so einen Prozess zu gewinnen. Neue Mandanten warnte Gandhi, sei könnten von ihm nicht eine Beeinflussung von Zeugen erwarten. So erlangte er seinen Ruf, ein wahrhafter Rechtsanwalt zu sein, ein Anwalt auf Wahrhaftigkeit hin; Kollegen und Gerichte erkannten seine Integrität und Aufrichtigkeit. Seinen eigenen Mandanten gegenüber handelte Gandhi in gewisser Strenge; es wird berichtet, er habe sich vor Gericht mitten in einer Vernehmung zurückgezogen und sein Mandat niedergelegt, als er bemerkte, dass ein Mandant ihn getäuscht hatte und die Unwahrheit sprach. Gandhi war ein Anwalt, der die Verständigung mit der Gegenseite stets suchte. Er hielt dafür, dass ein Mandant, wäre er ein ehrlicher Mensch, zahlen würde, könnte er es nur – wäre er ein unehrlicher Mensch, könnte es nicht ehrenvoll für den Rechtsanwalt sein, gesetzlichen Zwang gegen ihn auszuüben. „Indeed, in his very action, the Mahatma vindicated his hostility to the doctrine of force and his abiding faith in that of love as a rule of life.”[32]
Freilich: Die Arbeit als Rechtsanwalt erschien Gandhi im Lauf seines Lebens immer stärker als untergeordnete Tätigkeit. Viel wichtiger dünkte es ihn, sein Leben dem öffentlichen Dienst zu weihen. Die Satyagraha-Kampagne gegen die südafrikanische Regierung, gegen ihre rassistische und diskriminierende Politik erschwerten es ihm immer mehr, sich den Bedürfnissen seiner Mandanten zuzuwenden. Als seine Gedanken zu Wahrheit und Gewaltfreiheit sich deutlich herauskristalisierten und herangereift waren, kam Gandhi zu dem Schluss, dass eine Negation von Ahimsa sei, seinen Lebensunterhalt mit einem Beruf zu verdienen, der mit polizeilicher Gewalt und mit dem Gefängniswesen verbunden war, die Dekrete der Gerichte befolgte und so ihre letzte Bestimmung, ihren Sinn und ihre Sanktionsmöglichkeiten von physischer Macht ableitete.[33] Im Jahr 1923 zog sich Gandhi so ganz zurück aus der Praxis als Rechtsanwalt und widmete seine ganze Zeit und Energie dem Dienst an der Gemeinschaft. Als Satyagrahi brach er Gesetze, anstatt sie auszubreiten oder auszulegen vor Gerichten. Sein ziviler Ungehorsam vertrug sich nicht mit dem Beruf des Rechtsanwalts. Gandhi wurde zu dem „famous non-lawyer of recent history“, zu einem „transfigured lawyer“, der die Tugenden eines Anwalts aufbewahrte und vertiefte, auch wenn er diesen Beruf aufgeben musste.[34] Gandhi wurde auf seinem Weg der Gewaltfreiheit zu einem „civil resistor of unjust laws“.
Gandhi wollte nicht nur in gerichtlichen Verfahren ein Anwachsen der Böswilligkeit auf beiden Seiten nicht hinnehmen. In der Vorbereitung eines Prozesses überkam ihn zuweilen der Ekel vor dem Beruf des Rechtsanwalts, vor seinem Beruf, deutlicher: auch vor sich selbst. Er sah, dass gerichtliche Verfahren oft zwei gekränkte Parteien zurückließen und hielt diese Verletzungen nicht länger aus. Die böswillige Eskalation wollte er nicht weiter ertragen. So erfühlte er es mehr und mehr als seine Pflicht, beide Parteien zusammenzubringen und auszusöhnen. Darin erblickte er die „wahre Rechtspraxis“[35], die ihm half, seine Seele nicht zu verlieren. In seiner Suche nach Wahrheit entdeckte er die „Schönheit des Kompromisses“, die Geisteshaltung des Satyagrahi. Damit ist nicht eine oberflächliche Verständigung oder äußerliche Schein-Einigung gemeint, wohl dies, dass die Wahrheit hart wie ein Diamant und in sich zugleich zart wie eine Blüte ist. Im Grunde suchte Gandhi nach einer inneren Verbindung der Menschen zueinander, nach einer wechselseitigen Anerkennung und Entdeckung der beidseitigen Menschlichkeit. Dass diese als Funken in jedem Menschen aufschlagen könne, war eine Grunderfahrung seines Lebens.
Als Student hatte Gandhi gehört, der Beruf des Rechtsanwalts sei der Beruf des Lügners; doch hatte er nie die Absicht, durch Lügen eine gesellschaftliche Position oder Geld zu erlangen. Ein Satyagrahi sei verpflichtet zur Nicht-Gewalt, sogar zum Selbstopfer. So beugte sich Gandhi nicht unter die Lehre, dass Macht Recht bedeute: nicht unter das „Gesetz des Schwertes“. [36]
In „Hind Swaraj“ formuliert Gandhi eine heftige Kritik gegen Rechtsanwälte. Gandhi rät, zwei Streitende sollten nicht vor Gericht ziehen.[37] Rechtsanwälte hätten Indien versklavt, die Zwistigkeiten zwischen Muslimen und Hindus zugespitzt; sie hätten die englische Staatsautorität bestärkt.
Gandhi setzt sich mit Gegenfragen auseinander. Diese lauten, ob Anwälte nicht den Weg zur Unabhängigkeit Indiens gewiesen hätten, nicht die Armen geschützt, die Gerechtigkeit abgesichert. Manomehan Ghose habe schließlich viele Arme ohne Honorar verteidigt. Ungerecht sei es, diese achtenswerten Menschen zu denunzieren. Der Kritiker (in dem Buch: „Editor“) räumt ein, er ehre Mister Ghose’s Andenken; ohne Zweifel habe dieser vielen Armen geholfen. Anwälte seinen schließlich auch Menschen; wie in jedem Menschen sei auch in ihnen etwas Gutes zu entdecken, doch das Gute beziehe sich auf sie als Menschen, nicht als Anwälte. Der Beruf des Anwalts lehre die Unmoralität; der Beruf sei Versuchungen ausgesetzt, von denen nur wenige sich befreien könnten.
Bei dem Streit zwischen Hindus und Muslimen müssten beide Seiten einsehen, Fehler begangen zu haben. Aber Anwälte würden ihnen nicht raten, die Auseinandersetzungen beizulegen. Ihre Aufgabe sei es, auf die Seite ihrer Mandanten sich zu stellen. Täten sie es nicht, würden sie angesehen, als hätten sie ihren Beruf verfehlt. Deshalb würden Rechtsanwälte regelrecht Streitigkeiten vorantreiben, statt sie zu beruhigen und niederzuhalten. Schärfer noch: Menschen würden zu diesem Beruf greifen nicht in der Absicht, anderen aus ihrem Unglück herauszuhelfen, wohl um sich selbst zu bereichern. „It is within my knowledge that they are glad when men have disputes.“[38] Ihr Interesse gehe also dahin, Dispute zu vervielfältigen und zu bestärken. Gandhi spitzt seine Kritik erneut zu: Sie sögen das Blut aus der armen Bevölkerung. Insbesondere kritisiert er das Selbstlob, die Selbsthervorhebung von Rechtsanwälten, die von sich beanspruchen, für die Gerechtigkeit zu sorgen.
Rechtsanwälte beanspruchten mehr Geld als einfache Arbeiter. Doch sei zu fragen, in welcher Weise sie ihrem Land mehr nützten als Arbeiter. Anwälten gelinge es, Brüder zu Feinden werden zu lassen; sie trieben Menschen in den finanziellen Ruin.
Als größtes Unrecht erachtet Gandhi, dass Rechtsanwälte den englischen Griff nach Indien gefestigt hätten, die englische Herrschaft gestärkt. Auch Gerichte hätten im übrigen zu dieser Exekution von kolonialer Macht beigetragen und sich nicht für das Wohlergehen des indischen Volkes eingesetzt. Gandhi klagt im Grunde eine Entrechtlichung und Entstaatlichung der Konfliktbewältigung ein. Wenn die Menschen ihre Streitigkeiten selber klären und austragen könnten, wäre eine dritte Partei nicht im Stande, ihre Autorität über sie und gegen sie auszuüben. Die Menschen wären weniger unmenschlich, wenn sie ihre Streitigkeiten entweder durch Kampf oder mit Hilfe ihrer Verwandten austrügen. Unmenschlich und feige sei es, sich an Gerichte zu wenden. Allein die Parteien könnten wissen, was das Rechte sei und es in eigener Auseinandersetzung hervorbringen. Ein Fremder, ein Dritter, der dafür Geld bekomme, können die Gerechtigkeit den Menschen nicht geben.
Schließlich äußert Gandhi sein Entsetzen über den Beruf des Rechtsanwalts, der er ja in gewissen Jahren seines Lebens selbst gewesen ist. Anwälte und Richter würden nebenher einander noch bestärken in der Tendenz, nicht zum Entstehen von Gerechtigkeit, sondern zu kolonialer Ungerechtigkeit beizutragen.

Achtes Kapitel: Gandhi als Lehrer der Menschheit

Wer auf Gandhis Leben der Nicht-Gewalt und des Selbstopfers schaut, wird sich an den Prozess in Ahmedabad aus dem Jahr 1932 erinnern. Kein Gefangener hatte bislang in dieser Weise vor einem britischen Gerichtshof gestanden und sich – nicht aus Mangel an Achtung vor gesetzlicher Autorität – auf seinen Gehorsam gegen das höhere Gesetz des eigenen Wesens, die Stimme des Gewissens, sich berufen. Niemals zuvor waren die Gesetze einer allmächtigen Regierung stärker herausgefordert worden als durch eine derartige widerstehende Demut (humility).[39] Viele Menschen bewunderten die Weisheit, das umfassende Mitleiden, den demütigen Heroismus dieser schmalen leiblichen Gestalt, die ihr Anathema gegen die Regierung offen aussprach. Eine Anhängerin Gandhis, Mrs. Sarojini Naidu, verglich die Gerichtssituation gar mit dem Drama der Kreuzigung Jesu. Schon einmal sei ein anderer göttlicher und hervorragender Lehrer der Menschheit gekreuzigt worden; jetzt sei es der unbesiegte Apostel der Freiheit Indiens, der die Menschheit liebte in überfließendem Mitleiden, der die Nähe der Armen erreichte mit seiner Teilhabe an dem Geist der Armen. In einer Gandhi gar nicht entsprechenden Pathetik und in einer Tendenz zur Sakralisierung wurde dieser zum lebenden Opfer und Sakrament der Befreiung der Menschheit erhoben. Gandhi dagegen wusste, dass er in seinem Leben auch Himalaya-große Fehler begangen hatte, dass er ein fehlbarer Mensch blieb.[40]
Gandhi war sich ganz im klaren darüber, dass ein Wahrheitssucher auch oft im Dunkeln tappen muss. „Ahimsa ist ein umfassendes Prinzip. Wir sind hilflose Sterbliche, von der Feuersbrunst von Himsa eingefangen. In der Redewendung, dass Leben von Leben lebt, steckt ein tiefer Sinn. Der Mensch kann keinen Augenblick leben, ohne äußerlich, bewusst oder unbewusst, Himsa zu begehen. Die bloße Tatsache seines Lebens – Essen, Trinken und äußere Bewegung – schließt notwendig etwas Himsa, Zerstörung von Leben, und sei es noch so winzig, ein. Ein Ahimsa-Bekenner bleibt daher seinem Glauben treu, wenn der Ursprung all seines Tuns Mitleid ist, wenn er, so gut er es vermag, die Zerstörung des kleinsten Lebewesens vermeidet, es zu retten sucht und sich so unablässig bemüht, von der tödlichen Verstrickung in Himsa frei zu werden. Er wird ständig an Selbstzucht und Mitleid zunehmen, doch völlig von äußerer Himsa frei werden kann er nie.“[41]
Ich spreche an dieser Stelle noch einmal den Beruf des Rechtsanwalts an. Gandhi wusste, dass dieser Beruf von vielen als Beruf der Lügner betrachtet wurde. Rechtsanwälte seien bezahlte Lügner, geübt in der Kunst, Worte aufeinander zu häufen allein zu dem Zweck, das Weiße als das Schwarze, das Schwarze als das Weiße auszugeben. Bewusst oder unbewusst würden Rechtsanwälte in ein Leben der Unwahrheit geführt werden im Namen des angeblichen Wohls ihrer Mandanten. Während ein englischer Rechtsanwalt[42] es als Pflicht eines Rechtsanwalts erklärte, auch den schuldigen Mandanten zu verteidigen, betrachtete Gandhi es als anwaltliche Pflicht, dem Gericht zu helfen, der Wahrheit näher zu kommen, niemals den Schuldigen als den Unschuldigen vorzutäuschen. Sunit B. Kher äußert am Ende seiner Einleitung zu dem Buch „Law and Lawyers“,  er glaube daran, dass der Beruf des Rechtsanwalts ein ehrenvoller Beruf sei, der die höchsten Standards von Rechtschaffenheit, Integrität und Aufrichtigkeit abverlange, dass die anwaltschaftliche Praxis in keiner Weise unvereinbar sei mit der Suche nach der Wahrheit.[43] Damit nimmt er Gandhis Kritik aber nur unzureichend auf.
Der Spannungsbogen in Gandhis Gedanken zu den Aufgaben eines Rechtsanwalts kann so aufgezeigt werden: Die wahre Aufgabe eines Rechtsanwalts sei es, die zerstrittenen und einander befehdenden Parteien zu versöhnen. Der wahre Anwalt setzte Wahrheit und Dienst an die erste Stelle seiner Arbeit[44], nicht den eigenen Vorteil.
Andererseits würden Rechtsanwälte Streitigkeiten zuspitzen, anstatt sie zu verhindern. Menschen würden diesen Beruf ergreifen nicht in der Absicht, anderen Menschen aus ihrem Unglück herauszuhelfen, sondern um sich an deren Schwierigkeiten, an deren Not zu bereichern. Die Vervielfältigung der Streitigkeiten werde von ihnen zur Mehrungihres Reichtums ausgenutzt. Zuweilen würden Rechtsanwälte sich sogar über Streitigkeiten freuen.
Angeregt von John Ruskin („Unto this last“) forderte Gandhi, ein Rechtsanwalt sollte niemals eine Bezahlung für seine Arbeit verlangen. In einem idealen Staat würden Rechtsanwälte und Ärzte allein für das Wohl der Gesellschaft arbeiten, nicht für das eigene.[45] Gandhi hoffte darauf, dass Menschen Streitigkeiten vermeiden würden und könnten. Sich mit dem Widerpart zu verständigen, sei die „gesündeste“ rechtliche Maxime (legal maxim).
Gandhi lehnte es mit aller Kraft und in all seinen Schwächen ab, die menschliche Gemeinsamkeit und das Wohlwollen der Menschen zueinander zu zerstören. Sein großer Beitrag zu einer menschlichen Kultur bestand darin, den menschlichen Geist nicht zu zerstören, sondern in den Herzen der Menschen die Liebe zu ihren Mitmenschen aufzuwecken – wach werden zu lassen nach der Maßgabe seines demütigen Widerstehens.[46]
Gandhi räumte der Herzensbildung, oder, wie er auch sagte, Charakterbildung stets den ersten Platz ein. Allen Menschen könne die gleiche moralische Erziehung gegeben werden; körperliche und Garten-Arbeit kämen dazu, verbunden mit guter Luft, Wasser, regelmäßigen Esszeiten. Auf der Tolstoi-Farm in Südafrika war die handwerkliche Arbeit wichtig, wobei die Lehrer mit den Jungen zusammen arbeiteten und sich auch niedrigen Tätigkeiten zuwandten. Nie versuchte Gandhi als Lehrer seine Unwissenheit vor seinen Schülern zu verbergen. Er zeigte sich ihnen, wie er wirklich war, und verlor so nie ihre Liebe und Achtung. Das Bücherwissen schien ihm nicht so wichtig, wohl die „Schulung des Geistes“. Unterschieden von der Verstandesbildung, achtete Gandhi auf die geistige Schulung der Kinder. „Den Geist zu entwickeln, heißt den Charakter bilden und jemanden in den Stand setzen, in Richtung auf Gottes Erkenntnis und Selbstverwirklichung tätig zu werden. Und ich hielt dafür, dass dies ein wesentlicher Teil der Jugendbildung und dass alle Bildung ohne Geisteskultur nutzlos sei und sogar Schaden anrichten könne.“[47] Geistige Bildung könne nicht durch Bücher vermittelt werden; entscheidend sei die Gestalt des eigenen Lebens. Die Schüler wurden für Gandhi zu seinen Lehrmeistern. Als Lehrer lernte er, gut zu sein und streng zu leben. Als Gandhi einmal einen lügenhaften und zänkischen Schüler vor lauter Verzweiflung auf den Arm schlug, zitterte er selber. Der Junge schrie auf und bat Gandhi dann um Verzeihung. „Aber er begriff, wie es mich quälte, dass ich mich zu diesem gewaltsamen Mittel hatte treiben lassen. Nach diesem Vorfall war er nie mehr ungehorsam gegen mich. Aber ich bereue diese Gewalttätigkeit heute noch. Ich fürchte, ich zeigte ihm an jenem Tag nicht den Geist, sondern die Bestie in mir.“ [48]
Dieser Vorfall weckte Gandhis Suche nach der Wahrheit erneut auf; er nahm nie mehr seine Zuflucht zur körperlichen Züchtigung, sondern verstand die Kraft des Geistes immer besser. Entgegen jeder Hagiographie ist im Sinne dieser Schilderung festzuhalten, dass Gandhi nicht frei war von Regungen der Gewalt; gerade im jungen Gandhi entdeckte der Psychologe Erikson Eitelkeit in seiner Armut, Unaufrichtigkeit in seiner Demut, Starrsinn in seiner Hilflosigkeit, bis es Gandhi schließlich gelang, aus Armut, Demut und Hilflosigkeit heraus eine neue Kraft, eine neue Hoffnung entstehen zu lassen.[49] Ahimsa ist nicht von schwachen oder wehrlosen Menschen erfunden worden, ist nicht die Lebensgestalt der Unterdrückten, wohl Ausdruck von Lebenskraft und Mut, dem Feind gerade und offen in das Gesicht zu sehen. Feigheit und Furcht sind – so Gandhis Gewissheit – von jedem Menschen zu überwinden; diese Überwindung allerdings gelingt nie vollends. Gandhi hat erkannt, dass Gewalt auch in der Gewaltlosigkeit sein kann, ein „Trieb zur Gewalt“ nicht vollständig zurückgedrängt werden kann. T.S. Andrews gegenüber gestand Gandhi ein[50], dass der Krieg stets mit uns sein werde. Gerade in dieser Erfahrung gründete für ihn die Lehre der Gewaltfreiheit (ahimsa)[51], die unbedingte Fortsetzung seines Experiments in der Wahrheitssuche, einer Suche, der die bewusst erlebte Nichtigkeit in eine eigene Kraft zu transformieren gelang. Er zerbrach nicht zwischen Größenwahn und Selbstzerstörung; ihn erhoben ein wendiger Verstand, der ihn auch in rechtlichen Situationen unterstützte, und vor allem sein menschenerfahrenes Herz.

Neuntes Kapitel: Nelson Mandelas Arbeit als Rechtsanwalt

Nelson Mandela hat als Ausbildung-Clerk in einer jüdischen Rechtsanwalts-Kanzlei mitgearbeitet. Jüdische Menschen fand er großzügiger in den Fragen von Rasse und Politik, weil sie selbst immer wieder Opfer von Vorurteilen gewesen waren. Einer der Leiter der Kanzlei setzte sich für die Bildung der afrikanischen Menschen ein; ein Mensch mit Bildung lasse sich nicht unterdrücken, weil er für sich selbst denken könne. In der Kanzlei lernte Mandela Nat Bregman kennen, einen weiteren Clerk. Von ihm lernte Mandela die „Philosophie des Kommunismus“: Alles miteinander zu teilen, was wir haben. Konfrontiert mit dem Suppression of Communism Act, suchte Mandela nach einem Kommunismus im Kontext des afrikanischen Nationalismus. Die Idee einer klassenlosen Gesellschaft zog ihn an, ähnelte sie ihm doch der traditionellen afrikanischen Kultur, „in der das Leben von allen geteilt und gemeinschaftlich war“.[52] Dabei ging es Mandela vorrangig um die Emanzipation aller Afrikaner von der weißen Minderheitsherrschaft, um das Recht zur Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten. Doch darüber hinaus suchte er nach einem internationalen und historischen Kontext der großen Welt und des Gangs der Weltgeschichte. Die Einheit und Großzügigkeit der Goldenen Regel sah er in dem fundamentalen Marx’schen Wort: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“
Mandela folgte keiner Idee der Gewaltlosigkeit, die durch Bekehrung zu gewinnen suchte. Anders als Gandhi und dessen Sohn Manilal genügte ihm eine ethisch begründete Gewaltlosigkeit nicht; er betrachtete die Gewaltlosigkeit als Taktik, als den Umständen sich anpassende Methode. Er sah die Gewaltlosigkeit nicht als unantastbares Prinzip, sondern stellte sie unter das Maß der Effektivität. Nicht-Kooperation schloss eine massenhafte Gesetzesmissachtung ein, begleitet von Streiks und Arbeitskämpfen (Mißachtungs-Kampagne). Mut der Menschen, ihr Enthusiasmus leiteten die Missachtung von Gesetzen an, den Widerstand der Schwarzen, die sich nach einer Rückkehr Afrikas sehnten. Gewaltloser passiver Widerstand sei – so Mandela – so lange effektiv, wie der Gegner sich an dieselben Regeln halte wie man selbst. Gewaltlosigkeit sei aber begrenzt in ihrer Wirksamkeit. Eine „Politik der Gewaltlosigkeit“ schien Mandela eine stets zu überprüfende und den Umständen anzupassende Strategie zu sein.
Im August 1952 eröffnete Mandela sein eigenes Anwaltsbüro. Er beteiligte sich kämpferisch an der Mißachtungs-Kampagne und begann seinen Beruf als Rechtsanwalt. Angeregt von H. M. Basner, einem früheren Mitglied der Kommunistischen Partei und Kämpfer für die Rechte der Afrikaner, stellte sich Mandela auf die eigenen Füße. Unterstützt wurde er dabei von Zubeida Patel, einer Sekretärin, die er in der Kanzlei von Basner kennengelernt hatte, wo sie eine Sekretärin burischer Herkunft ablöste, die sich geweigert hatte, Diktate Mandelas aufzunehmen. Mandela sah, dass Zubeida Rassenbarrieren ablehnte, und begann die Zusammenarbeit mit ihr. Als Rechtsanwalt kam Oliver Tambo dazu, dessen gedankenreiche Intelligenz und scharfes Debatiertalent Mandela erkannte. Seine kühne, logische Art, mit der er die Argumente des Gegners zu demolieren verstand, sprach Mandela an. Mit dem zugleich tief religiösen Oliver Tambo eröffnete Mandela sein eigenes Büro im Zentrum von Johannesburg. Das Gebäude, das ihnen gehörte und gegenüber den Statuen des Gerichts lag, war eines der wenigen in der Stadt, in dem Afrikaner Büros mieten durften. Es war das einzige afrikanische Anwaltsbüro; für Afrikaner war die Kanzlei erste Wahl und letzte Zuflucht zugleich. „Afrikaner suchten verzweifelt juristische Hilfe. Es war ein Verbrechen, durch eine ‚nur-für-Weiße’-Tür in Regierungsgebäude zu gehen, ein Verbrechen, in einem ‚nur-für-Weiße’-Bus zu fahren, ein Verbrechen, einen ‚nur-für-Weiße’-Trinkbrunnen zu benutzen, ein Verbrechen, an einem ‚nur-für-Weiße’-Strand spazierenzugehen, ein Verbrechen, kein Passbuch bei sich zu haben, ein Verbrechen, in dem Buch die falsche Unterschrift zu haben, ein Verbrechen, arbeitslos zu sein, ein Verbrechen, nicht den richtigen Arbeitsplatz zu haben, ein Verbrechen, an bestimmten Orten zu leben und ein Verbrechen, keinen Platz zum Leben zu haben. „Jede Woche befragten wir ausgemergelte alte Männer vom Land, die uns erzählten, dass ihre Familie Generation um Generation ein dürftiges Stück Land bearbeitet hatte, von dem sie jetzt vertrieben wurde. Jede Woche sprachen wir mit alten Frauen, die zur Aufbesserung ihres winzigen Einkommens afrikanisches Bier brauchten und nun Gefängnis- und Geldstrafen zu gewärtigen hatten, die sie nicht bezahlen konnten. Jede Woche kamen zu uns Menschen, die seit Jahrzehnten im selben Haus gewohnt hatten und jetzt feststellen mussten, dass es zum Weißen-Gebiet erklärt wurde und sie es ohne die mindeste Entschädigung verlassen mussten. Jeden Tag hörten und sahen wir die tausendfältigen Erniedrigungen, denen gewöhnliche Afrikaner tagtäglich ausgesetzt waren.“[53]
Oliver Tambo verwandte auf jeden Mandanten viel Zeit, nicht so sehr aus professionellen Gründen, sondern weil er ein Mensch fast grenzenloser Anteilnahme und Geduld war. Mandela hält bewundernd fest, Tambo habe sich in die Fälle seiner Klienten, ja in ihr Leben hineinziehen, von der Not der Massen und dem Elend jedes einzelnen Menschen anrühren lassen. Demnach sahen sie als Aufgabe eines Rechtsanwalts, menschliche Anteilnahme zu zeigen, sich dem Leben der Mandanten zuzuwenden, als Mensch sich zu zeigen. Die Anwalts-Kanzlei erlangte eine einzigartige Bedeutung für die afrikanischen Menschen. Mandela ging schnell auf, was die Kanzlei für gewöhnliche Afrikaner bedeutete. Es war ein Ort, wo sie hingehen, ein mitfühlendes Gegenüber und einen kompetenten Verbündeten finden konnten, ein Ort, wo sie nicht zurückgewiesen oder betrogen wurden, ein Ort, wo sie tatsächlich Stolz empfinden mochten, weil sie von Männern ihrer eigenen Hautfarbe vertreten wurden. Dies war in erster Linie der Grund dafür, dass Mandela Rechtsanwalt geworden war; seine Arbeit gab ihm oft das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Mandela wurde als Rechtsanwalt zuweilen verachtet, zuweilen höflich behandelt, zuweilen mit Vorurteilen traktiert, als „Kaffernanwalt“ beschimpft. Die Erfahrung des Unrechts prägte sich Mandela deutlich ein. Wie bei Gandhi geht es hier um eine Situation äußerster Verachtung. Das wird in einem kleinen Ereignis deutlich, dass Mandela in seiner Autobiographie schildert: „Rechtsanwalt zu sein hieß auch nicht automatisch, außerhalb des Gerichts respektiert zu werden. Eines Tages sah ich in der Nähe unseres Büros eine ältere weiße Frau, deren Auto zwischen zwei anderen Wagen eingeklemmt war. Ich trat sofort hinzu und schob den Wagen an, worauf er freikam. Die englischsprechende Frau wandte sich mir zu und sagte: ‚Danke schön, John’ – John ist der Name, mit dem Weiße jeden Afrikaner ansprechen, dessen Namen sie nicht kennen. Sie wollte mir dann ein Sixpence-Stück geben, doch ich lehnte höflich ab. Sie streckte es mir erneut entgegen und wieder sagte ich: ‚Nein’. Da rief sie aus: ‚Sie lehnen ein Six-Pence ab. Dann wollen Sie sicher einen Shilling. Doch den bekommen Sie nicht.’ Dann warf sie mir das Geldstück zu und fuhr davon.“[54]
Im Südafrika der Apartheid als Rechtsanwalt zu arbeiten, bedeutete, im Rahmen eines verfälschten Rechtssystems mit Gesetzen zu tun zu haben, die dem Menschenrecht der Gleichheit widersprachen. Mandela entging zudem die Ungleichheit in der Erziehung keineswegs. Gemäß der rassistischen Erziehung waren afrikanische Menschen von Natur aus unwissend und faul. Mit dem Bantu Education Act wurde der afrikanischen Erziehung der Stempel der Apartheid aufgedrückt. Der Minister für Bantu-Erziehung wies den Afrikanern nur schwere körperliche Arbeit zu und verfolgte damit die immerwährende Unterordnung unter den weißen Mann: eine Erziehung zur Ignoranz und zur Minderwertigkeit.
Fortsetzung folgt
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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