Mahatma Gandhi und Nelson Mandela – Zwei Lehrer der Befreiung und des Rechts der Armen – Kap. 1-3

von Arnold Köpcke-Duttler aus „Paulo Freire Kooperation“

Erstes Kapitel: Kultur des Friedens

Der Rechtsphilosoph Arthur Kaufmann erkennt, auch wenn er den Krieg gegen Hitler als notwendig und gerechtfertigt ansieht, den Pazifismus als „utopisches Endziel“ an. Keiner dürfe ihn verteufeln als Unterwerfungsbewegung, als Hort der Feiglinge, als Mit- Urheber gar von Auschwitz. Eine derartige Verteufelung offenbare sich als „Arroganz der Ungebildeten“, als Verrat an den Idealen der rechtsstaatlichen Demokratie, deren Freiheit sich primär als Freiheit gegenüber Minderheiten erweise.[1]
Gustav Radbruch, seinem Lehrer, stimmt Kaufmann darin zu, dass der Krieg seine Ehre verloren hat, in der Konsequenz seiner eigenen Logik des Zerstörens sittlich unmöglich und untragbar geworden ist. Schon mit dem Blick auf den Ersten Weltkrieg, später auf einen Atomkrieg, sagte Radbruch, der modere Krieg sei ungerecht und so gezieme es am wenigsten den Juristen, sich mit ihm abzufinden wie einem unabwendbaren Urteil.[2] Kein Jurist kann jener Aussage eines verachtungsvollen Heroismus zustimmen, atomare Waffen gemahnten uns, dass der Mensch hinfällig, seines Lebens nie sicher sei, aber bereit sein müsse, es um seiner (womöglich christlichen) Ideale willen aufs Spiel zu setzen.[3] Dagegen ist zu sagen, dass es kein Recht gibt, Hunderttausende von Menschen zu töten – und sei es in der Absicht geschehen, das Leben der eigenen Bevölkerung, der eigenen Soldaten zu schonen. Entgegen jeder Rechtfertigung des Krieges – sei es als eines sozialen Ideals, sei es als eines Elements göttlicher Weltordnung, sei es als eines „Examen rigorosum der Völker“ (so der Historiker Treitschke) – suchte schon Radbruch als weltbekannter Rechtsphilosoph und Strafrechtler nach einer Kultur des Friedens, einem „Menschheitswert“, nach der Überwindung des Unrechts des Krieges. In seinen „Rechtsphilosophischen Tagesfragen“, einer Vorlesung an der Universität Kiel im Sommersemester 1919, heißt es: „In der Tat ist die verbreitetste Betrachtensweise des Krieges die rechtsphilosophische: der Krieg als Notwehr, als Selbsthilfe, als Strafe gegen fremdes Unrecht. Das ist freilich nur eine höchste relative Rechtfertigung – ein höchst unvollkommenes Mittel für seinen Zweck: die versuchte Überwindung des Unrechts kann leicht mit seinem Siege enden.“[4] Als Aufgabe des Rechtsphilosophen (auch des Rechtsanwalts) stellt sich nicht die Rechtfertigung des Krieges, der Härte des Sieges, sondern die Suche nach dem, was schon Radbruch „das höhere Recht“ genannt hat: „das Recht der höheren Kultur auf die Zukunft“.
In der heutigen friedenspolitischen Diskussion wird zuweilen gesprochen von einer „Normativen Modernisierung in der einen Welt mit Recht auf Differenz“[5], womit keinesfalls ein wie immer sich verbergender Euro- oder USA-Zentrismus gemeint ist. In einem interkulturellen Horizont soll ein von der Menschheit immer schon gesuchtes Können seiner Erfüllung näher gebracht werden: Linderung materieller Not, Heilung von Krankheiten, Verringerung erniedrigender Arbeit. In der Hoffnung auf diese „Menschheits-Kultur“[6] fügt der rechtskundige Philosoph Otfred Höffe an, diese Kultur trage in sich das Recht des Differenten aus in dem Prozess des Einswerdens der Menschheit. „Diese Leistungen kommen sogar der praktischen Seite der Religionen entgegen, jener Forderung nach Mitleid und Nächstenliebe, die die verschiedenen Religionen und Konfessionen über ihren dogmatischen Streit hinweg eint.“[7] Zu diesen kulturellen Leistungen gehören auch die Überwindung der politischen Macht durch ein menschliches Recht, die praktische Realisierung eines Menschenrechts auf Bildung [8]. Es geht dabei um die elementare Kritik einer Kultur, die auf Macht, Besitz, Herrschaft, Geld gründet, die Fähigkeit des Mitgefühls verfallen lässt und eine fiktive Unverletzbarkeit gegenüber der Sehnsucht nach einer konkreten menschlichen Verbundenheit bevorzugt.[9]
Zwei Menschheits-Lehrer, die in einer bestimmten Zeit ihres Lebens als Rechtsanwälte gearbeitet haben, sollen den Mittelpunkt dieser Abhandlung bilden. Auf diese Weise schaffe ich mir selber – Rechtsanwalt und Hochschullehrer der Pädagogik – Anregung, Kritik, Ermutigung für meine Arbeit. Ich hoffe zugleich, von dieser Ermutigung Einiges weitergeben zu können.

Zweites Kapitel: Tolstois Kritik des Rechts der Stärkeren

Von Leo Tolstoi lernte Gandhi, dass die moderne westliche Zivilisation auf dem Recht des Stärkeren beruhe; in ihr herrsche der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt. Erstickt werde in ihr das urwüchsige Verlangen nach dem Guten, das jedem Menschen zukomme.[10] Liebe, nicht Hass sei das gesetzlose Gesetz, das die Menschen leiten solle. Das Gesetz von der Liebe weise den Weg der Gewaltfreiheit. Tolstoi lehrte den Verzicht auf den Widerstand durch Gewalt, die durch Druck und Lüge nicht entstellte Lehre vom Gesetz der Liebe. Das Streben der menschlichen Seele nach Vereinigung und ein entsprechendes praktisches Leben seien das höchste und einzige Gesetz des Lebens. Das Gesetz der Liebe zu erfüllen, heiße, die Wahrheit zu suchen, den Mut, ihr gemäß zu leben. So glaubte Tolstoi, dass die Welt nur dann zum Besseren verändert werden könne, wenn jeder einzelne Mensch sich verändere. Gandhi verstand diesen Ruf nach Gewaltfreiheit, nach Liebe zu jeglichem Geschöpf, gerade die Einheit von Wort und Tat, deren Forderung Tolstoi in seiner „Beichte“ bis in seine letzte Tiefe hinein erschütterte. Von Tolstoi nahm Gandhi die Pflicht zur unbedingten Ehrlichkeit und den Mut zur Wahrheit auf.[11] In seinen Tagebüchern schrieb Tolstoi seine Kritik des Rechts nieder: „Ehe man Gesetze erlässt, die den Diebstahl eines Pferdekummets, von Holz und Heu verbieten, sollte man Gesetze erlassen, die den Raub des gesetzmäßigen Eigentums der Menschen – des Bodens – verbieten.“[12] Tolstoi schrieb zudem einen Brief an einen jungen Jura-Studenten und kritisierte die Herrschaftsbezogenheit des Rechts. In einem Buch und einem Brief eines Inders wurden Tolstoi alle „Unzulänglichkeiten der europäischen Zivilisation“, ja ihre Nichtswürdigkeit[13] deutlich; er regte auch Gandhis Kritik der Industrie-Zivilisation an und lenkte in einer Eintragung vom 21. April 1910 seine Aufmerksamkeit auf Gandhi. Der zornige und anarchische russische Dichter rief dazu auf, die wahre Bildung solle die „Lüge der Zivilisation“ enthüllen.
Der Theologe Karl Heim verkündete nach der Lektüre des geistigen Testaments Tolstois, des „Lebenswegs“, in Tolstoi sei das „elementare Menschheitsgewissen“[14] wieder erwacht. Das Menschheitsgewissen sprenge alle staatlichen, politischen und sozialen Kompromisse.
In dieser Abhandlung gehe ich nur auf  Tolstois Bewegung des Nicht-Widerstehens als einer Freiheitsbewegung ein. Tolstoi forderte, dass Böse nicht mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen, Gewalt nicht mit Gewalt zu bekriegen, vielmehr ihr von einem neuen Boden her entgegen zu treten. Wer dem Bösen auf der gleichen Stufe begegne, nicht nach einer höheren ausgreife, sei ihm schon verfallen. Jede Gewalt steigere die Grausamkeit der Knechtung und lasse den Hass der Menschen gegeneinander wachsen. Gerade die christliche Menschheit war immer wieder der Spur der Grausamkeit und der Unterdrückung der Menschen gefolgt – gewissermaßen gegen ihren eigenen Ursprung gewandt. Gewalt wecke wieder Gewalt, Hass folge Hass. Das Recht könne auf eine Weise sich durchsetzen, dass es zum Unrecht sich verhärte. Die Gewalttat möge die Unruhe der Liebe in sich bergen, der Terror die Verzweiflung der Tugend; doch stärker sei die Kraft des Nicht-Widerstehens, eine Kraft, die alle Weltweisen lebten und lehrten: die Überwindung des Guten durch das Böse. „Die Lehre vom Nicht-Widerstande ist kein neues Gebot, sondern nur ein Hinweis auf das Abweichen vom Gebot der Liebe, ein Hinweis darauf, dass jede Gewalt, mag sie im Namen der Vergeltung geübt werden, oder, um sich von eingebildetem Bösen zu befreien, das uns vom Nächsten droht – unvereinbar mit der Liebe ist.“[15]
Diese Lehre des Nicht-Widerstehens wird mit dem Blick auf Gandhi und Mandela zu erneuern versucht.

Drittes Kapitel: Gandhi und das Recht der Unberührbaren

Gandhis Blick auf das Menschen-Recht hat ihm gezeigt, dass der Staat nicht besser sein könne als seine Bürger. Keine moralische Anstalt, keine Schule der Nation, kein höheres Wesen im Sinn einer Repräsentation des Gemeinwohls. Eine menschliche Entwicklung könne nicht von oben herab aufgedrängt, nicht staatlich verordnet werden. Viel eher als auf staatliche Direktiven setzte Gandhi auf die Dorferziehung[16] und auf die Freiheit, das Recht der Unberührbaren zu achten, auf eine menschliche Befreiung, die allen Menschen zugemutet wird. Deutlich war ihm, dass in der Antastung der Würde der Geringsten die Würde Aller und jedes Einzelnen verletzt wird.[17] Gandhis Lebensarbeit bestand in der Befreiung des Menschen für sich. Wie später Baba Amte, der einen großen Teil seines Lebens dem Aufbau eines Rehabilitationszentrums für Leprakranke in Warora widmete, und Medha Patkar stritt Gandhi gegen die Not der Landbevölkerung[18], das Elend in den Slums, die Unterdrückung der Ureinwohner und sah immer klarer, dass die Steigerung des Energieverbrauchs, die Zerstörung der Natur zu einer Zerstörung menschlichen Lebens und der Erde insgesamt führen würden. Dagegen sollte die „Grassroot-Democracy“ aufgebaut werden.[19] Nach dem Freiheitsmarsch kämpfte Gandhi für eine Verbesserung der Lage der Unberührbaren, der Parias, und gründete im Jahr 1933 die Wochenzeitung „Harijan“.[20] Die Unberührbaren, die Gandhi „Kinder Gottes“ (Harijan) nannte, wurden von anderen Hindus gemieden und verachtet, weil sie unreine Tätigkeiten verrichteten (Reinigung der Aborte, Abdecken von Kadavern u.a.). In Kerala soll es sogar „Unsehbare“ gegeben haben, deren Anblick allein von Brahmanen als Befleckung verurteilt wurde. Näherte sich ein Brahmane, hatten sie sich zu verstecken. In Bengalen wurde die Vermeidung der Berührung nicht strikt gefordert; doch gab es eine breite Unterschicht landloser Arbeiter, die den Großbauern dienen mussten. Die britische Regierung führte den Begriff „depressed classes“ ein, denen nur separate und eingeschränkte politische Gestaltungsrechte gewährt wurden. Gegen diese Beschränkung ihrer Rechte kündigte Gandhi ein Fasten bis zum Tode an, den Harijan zu ihrem vollen Wahlrecht zu verhelfen. In einem Pakt mit dem Rechtsanwalt Dr. Ambedkar, dem Leiter der Unberührbaren, fand der Gefangene Gandhi schließlich mit Mühe eine Vereinbarung. Anstelle der sie benachteiligenden separaten Wählerschaften erhielten die Unberührbaren reservierte Sitze. Trotz seines Zerwürfnisses mit Dr. Ambedkar, dessen Gründe hier nicht darzustellen sind, hat Gandhi stets für die Rechte und das Wohl der Unberührbaren gearbeitet. Dabei widerstand er auch ungerechten Gesetzen; er unterwarf sich ihnen nicht, sondern nahm das Leiden, die Bestrafung auf sich als Folge seines zivilen Ungehorsams. [21]
Fortsetzung folgt
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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