Drei Predigten über den Besitz

von Albert Schweitzer – 1919
Die beiden großen Fragen, die sich stellen, sind also:
Inwieweit ist der Besitz, ganz allgemein betrachtet, rechtmäßig?
Inwieweit ist er dazu bestimmt, zum Wohle anderer verwertet zu werden?
Das Problem des Besitzes : Es steht auf der Grenze der Fragen, die es mit dem Nichtschädigen der Existenz des andern Menschen zu tun haben, insofern als derjenige, des es zu Besitz bringt, ob er es auch nur seiner Tüchtigkeit und unanfechtbaren Mitteln verdankt, dennoch begütert wird auf Kosten von andern. Er sammelt sich in einer Hand, was sich sonst auf mehrere verteilen würde. Er besitzt in dem Masse, als andere entbehren.
Welches ist das Wesen des Besitzes? Wie kommt er zustande?
Ein Mensch arbeitet und lässt sich dafür Wertgegenstände/Geld geben und behauptet, dies sei nun, weil er diese Arbeit geleistet hat, sein. Besitz ist also aufgespeicherte Arbeit und als solcher berechtigt. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: das Mitwirken der Gesellschaft. Die Gesellschaft schafft die geordneten Zustände, die dem Einzelnen ermöglichen das, was er erworben hat, zu behalten. Sie garantiert ihm, dass sogar die, die in äußerster Not sind, ihm nicht nehmen, was seine eigenen Bedürfnisse übersteigt.
Es liegt also etwas Zwiespältiges darin. Als aufgespeicherte Arbeit ist er berechtigt; als von der Gesellschaft ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse garantiert, ist er beanstandbar.
Wer von der Arbeit seiner Eltern eine Summe ererbt, der kann besitzen und Besitz vermehren, ohne besonders, seinem Besitze entsprechende Arbeit jemals geleistet zu haben….
Dies, dass die Gesellschaft den Besitz garantiert ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bedürftigen und dass Besitz nicht nur aufgespeicherte Arbeit, sondern Ausnützung und Aufspeicherung der Arbeit anderer ist, macht es, dass wir nicht ihn nicht nur als etwas Berechtigtes empfinden, sondern auch an ihm irre werden, und immer wieder irre werden, wenn wir denkende Menschen sind.
Wir können nicht anders als anzuerkennen, dass die Gesellschaft in letzter Linie Herr des Besitzes ist und das Recht hat, wo es das Wohl der Allgemeinheit erfordert, den Besitz einzuschränken und für sich in Anspruch zu nehmen.
Alles Gut, das ich besitze, gehört nicht mir in dem Sinne, dass ich sage: „Das ist mein, ich kann damit machen, was ich will“, sondern nur in dem Sinne, dass ich mir sage: „Das ist Gut, das ich in einem für die Allgemeinheit nutzbringenden Sinne verwalten soll und für das ich vor meinem Gewissen Verantwortung schuldig bin.“
Besitz heißt also Verantwortung.
Was soll ich mit dem, was ich besitze, tun? Wie weit darf ich es für mich verwenden? Wie weit muss ich es denen, die bedürftig sind, zukommen lassen?
Zunächst in aller Schärfe die Frage: Wer ist ein Besitzender? Wo fängt der Besitz an?
In aller Schärfe lautet die Antwort: Besitzender ist jeder, der abends beim Zubettgehen etwas für den nächsten Tag übrig behalten hat. Weh‘ dir, wenn du damit fertig bist und dir eine so bequeme, vernünftige Sittlichkeit zurechtgelegt hast, in der diese Fragen, wie du etwas für dich behalten darfst, während andere nichts haben, dich nicht mehr belästigen..
Und niemals dürfen wir ruhig werden, sondern müssen uns immer fragen: Ist es denn wirklich notwendig und erlaubt, dass du dieses für dich behältst, statt damit Gutes zu tun?
Ich kann uns allen nur immer sagen: Jeder, der nur etwas übrig behält, ist ein Besitzender und darf sich nicht in Ruhe wiegen, sondern muss immer unruhig sein, ob er es verantworten kann und inwieweit er es verantworten kann, etwas zu haben, während andere darben.
Zu diesem notwendig Unfertigen und Widersprechenden gebe ich euch noch Gesetze, die für jeden durchführbar sind und die eine weit gediehene Lösung des Problems des Besitzes darstellen, wenn sie allgemein Geltung bekämen.
1. Schränke deine Lebensbedürfnisse ein, dass du habest zu geben. Revidiere deine Lebensführung und die der Deinen und schau, was du sparen könntest, um reich zu sein zum Wohltun. Darum weg bei uns allen mit dem Geistlos-Überflüssigen ! Lasst uns so einfach wie möglich leben, dass wir haben zu geben!
Deine Lebensführung soll hinter deinen Mitteln zurückbleiben, auf dass Du reich seist zu geben.
2. Gestattest du dir etwas, das nicht zum Lebensnotwendigen, sondern der Erholung oder der Genugtuung am Schönen und Angenehmen dient, so nimm ungefähr den gleichen Wert und bestimme ihn für Wohltaten. Ich meine also, wir müssen gewissermaßen in allem, was über das Notwendige hinausgeht, mit den Bedürftigen teilen, eine freiwillige geheime Steuer entrichten, durch die wir uns innerlich die Erlaubnis erwirken, das in unserer Hand befindliche Gut so für uns zu verwerten.
In dem, das du über das eigentliche Bedürfnis hinaus zu deiner Annehmlichkeit oder Erholung für dich verwendest, richte dich so ein, dass du ungefähr gerade soviel gibst für die Bedürftigen.
Wie sollen wir geben?
Wohltun ist nicht etwas so Poetisches, wie es auf Abbildungen versinnbildlicht wird, sondern etwas Prosaisches, das Ausdauer und einen Idealismus verlangt, der sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt, ohne etwas von seiner Energie zu verlieren.
Unsere Zeit fordert zwei Arten von Wohltun von uns: das unpersönliche und das persönliche. Das unpersönliche besteht darin, dass wir den organisierten Gesellschaften Mittel zur Verfügung stellen, damit sie die wohltätigen Zwecke, die sie sich gestellt haben, erfüllen können. Und warte nicht, bis sie dich aufsuchen, sondern suche sie auf! Jede Organisation, die auf die Wohltätigkeit gerichtet inbegriffen, ist auf die Dauer nur so viel wert, als sich tüchtige Menschenenergien in ihr betätigen, denn die persönliche Initiative, die vielgestaltig anpassungsfähige Kraft der Einzelnen, ist die Einheit, aus der sich jede wirkliche Leistung aufbaut. Die wohltätigen Organisationen brauchen nicht nur deinen Beitrag, sie brauchen auch dich, deine Zeit, deine Arbeit, deine menschliche Gesinnung.
Eine ungeheure Evolution wird sich in den nächsten Jahren unter dem Drucke der Verhältnisse, unter dem Drucke der Not, unter dem Drucke der Ideen, die aus dem Nachdenken über das Wesen des Besitzes kommen, vollziehen. Sie lässt sich aus äußeren und inneren Gründen nicht aufhalten; sie wird mit furchtbarem äußerem Unrecht gegen die Besitzenden, mit furchtbarer Überhebung derer einhergehen, die lieber reden statt zu arbeiten. Wollte Gott, wir hätten in der ganzen Welt diese Umgestaltung der Verhältnisse schon erlebt und die Kämpfe überstanden, die sie bringen wird. Es handelt sich um äußere Maßnahmen der Zweckmäßigkeit, über die die Mitglieder eines Volkes sich schlüssig zu machen haben.
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Über Akademie Integra

Als ich wusste, dass ich nicht wusste, was ich nicht wusste, hat mich die geistige Führung endgültig an den Rand der Verwirrung gebracht. Doch ich machte weiter, ...bis ich endlich fand!
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2 Antworten zu Drei Predigten über den Besitz

  1. thomasschichtar schreibt:

    Sehr guter Beitrag!
    Meine Antwort könnte ich hier geben: http://freiweilligfrei.wordpress.com/2013/07/25/uber-das-haben/

  2. Martin Bartonitz schreibt:

    Eigen-tlich sollte unser Grundgesetz den Besitzenden sagen, dass sie nicht überziehen sollten, aber wenn man genau hinschaut, ist das „Eigentum verplichtet“ auch nur eine leere Floskel.

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